Schlagwort: Bibel

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum

    Von Christian


    Vergleicht man die Wiedergabe von 1. Johannes 5:7-8 in verschiedenen Bibelübersetzungen, fällt einem ein Unterschied auf:

    „Denn es sind drei, die ⟨es⟩ bezeugen: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei sind einstimmig“

    „Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins; und drei sind es, die Zeugnis ablegen auf der Erde: der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei stimmen überein.“

    „For there are three that testify: the Spirit and the water and the blood; and the three are in agreement.“

    „For there are three that bear record in heaven, the Father, the Word, and the Holy Ghost: and these three are one. And there are three that bear witness in earth, the spirit, and the water, and the blood: and these three agree in one.“

    (1. Johannes 5:7,8 Elberfelder, Schlachter 2000, New American Standard Bibel, King James Version)

    Gewisse Übersetzungen enthalten einen Teil, der eindeutig die Lehre der Trinität stützt. Andere, meist modernere Übersetzungen, enhalten den Text nicht. Warum? Kurz gesagt, handelt es sich hier um einen gefälschten Text (mehr dazu in den Foren-Artikeln). Vermutlich den bekanntesten verfälschten Text.

    Dieser Zusatz ist sogar so bekannt, dass er einen eigenen Namen hat: Comma Johanneum, was bedeutet ‚johanneischer Satzabschnitt‘ (siehe z.B. Wikipedia Comma Johanneum)

    Der Wikipedia Artikel fasst zusammen: „Dieser Abschnitt fehlt in allen griechischen Handschriften mit Ausnahme weniger später Minuskeln. Viele Kirchenväter verraten überhaupt keine Bekanntschaft mit dem Satz, so z. B. Hieronymus. Andere, wie Augustinus, kannten ihn zwar, betrachteten ihn aber anscheinend als nicht zum Bibeltext gehörig. Die Vulgata in der Version des Hieronymus enthielt das Comma Johanneum nicht.“

    Diese Passage scheint ihren Ursprung in einer Glosse in einem lateinischen Manuskript am Ende des 4. Jahrhunderts zu haben. Im 5. Jahrhundert wurde es dann in den Text der alten lateinischen Bibel eingefügt, jedoch nicht in den frühesten Versionen der Vulgata. Doch auch in den Versionen der Vulgata findet es sich dann ab dem 8. Jahrhundert. (Siehe Houghton, H. A. G. (2016). The Latin New Testament: a guide to its early history, texts, and manuscripts. Oxford: Oxford University Press. pp. 178–179; Metzger, Bruce M.; Ehrman, Bart D. (2005). The text of the New Testament: its transmission, corruption, and restoration (4 ed.). New York: Oxford University Press. pp. 146–148, Wikipedia)

    Hier ein Beispiel aus dem 9. Jahrhundert:

    Codex Sangallensis 63 (9. Jahrhundert), johanneisches Komma am Ende: tre[s] sunt pat[er] & uerbu[m] & sps [=spiritus] scs [=sanctus] & tres unum sunt. Übersetzung: „Drei sind der Vater und das Wort und der Heilige Geist und die drei sind eins“. Der ursprüngliche Codex enthielt das Comma Johanneum (in 1 Johannes 5,7) nicht, sondern wurde von einer späteren Hand am Rand hinzugefügt.[12]

    Damit ist der Weg in die katholischen Bibel klar. Aber wie kam er in protestantische Bibeln? „Vom 16. bis zum späten 19. Jahrhundert fand sich das Comma Johanneum in den meisten wichtigen Bibelausgaben; im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand es zunehmend. Erasmus von Rotterdam hatte das Comma 1516 zunächst nicht in seine Ausgabe des griechischen Neuen Testaments. Erst 1522 fügte er es in die dritte Auflage ein, auch gestützt auf die Minuskel 61 aus dem frühen 16. Jahrhundert.“ (Wikipedia) Warum wurde dieser Teill dann wieder entfernt? „Eine andere zentrale Erkenntnis war, dass die Minuskel 61 eigens gefälscht worden war, um Erasmus zu täuschen.“ (Wikipedia) Heute kennen wir also sogar die Geschichte und Gründe für diese Fälschung.

    Erasmus bemerkte zu seinen ersten beiden Auflagen, dass er in den ihm zur Vergügung stehenen griechischen Manuskripten diesen Teil der Verse einfach nicht finden konnte. Und das stimmt. Hier ein Beispiel:

    Auszug aus dem Codex Sinaiticus mit 1 Johannes 5,7-9. Es fehlt das johanneische Komma. Der rot gefärbte Text sagt: „Es gibt drei Zeugen, den Geist und das Wasser und das Blut“.

    Das hat ihm mächtig viel Ärger und Widerstand von seiten der Kirche und Theologen eingebracht. [Siehe Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why] Deswegen wurde er von Theologen seiner Zeit angegriffen, er würde versuchen, den heiligen Text zu manipulieren, um die Lehre der Trinität zu eliminieren! Schließlich akzeptierte er unter Druck, dass er den Text aufnehmen würden, wenn man ihm ein griechisches Manuskript zeigen würde, der das Comman Johanneium enthält. Und das lieferte man ihm. Und er nahm es in der dritten Auflage mit auf. Nur, dass dieses Manuskript eine Fälschung war, die extra zu diesem Zweck hergestellt worden war.

    Damit möchten wir dieses Thema vielleicht schon als erledigt betrachten. Das wäre aber verfrüht, denn im Zusammenhang mit dem Kanon der christlichen Schriften können wir uns zwar glücklich schätzen, dass diese Fälschung wieder eleminiert wurde.

    Was war aber mit aufrichtigen Christen in den über 1000 Jahren, in denen dieser Text in ‚ihrer Bibel‘ stand? Darunter befanden sich ja gerade bewundernswerte Christen, welche für die Übersetzung der Bibel persönliche Schwierigkeiten bis zur Ermordung auf sich nahmen.

    Es ist eine – wenn auch vielleicht schmerzliche – Tatsache, dass Gott und Jesus als Haupt der Versammlung es zuließen, dass über Jahrhunderte selbst der aufrichtigste Jünger Jesu in 1. Johannes 5:7-8 nur einen verfälschten Text der Bibel zur Verfügung hatte.

    Und bedenken wir, dass es hier nicht um eine Nebensächlichkeit geht, sondern die zentrale Lehre über den Vater, Sohn und heiligen Geist. Über diese Fragen wurde in den ersten Jahrhunderten der Christi lange und heftige Diskussionen geführt und ganze Glaubensgemeinschaften exkommuniziert, verfolgt und getötet. Und viele Christen definieren Christentum sogar darüber, dass man die Lehre der Trinität akzeptiert.

    Die Behauptung, dass der komplette Text der Bibel von Gott und Jesus so bewahrt wurde, dass alles so wie ursprünglich überliefert wurde, hat sich schon mit diesem einen Beispiel als haltlos erwiesen. Behauptet jemand, dass die Bibel selbst diese Aussage macht, schadet er der Bibel, obwohl es eine menschliche Aussage ist. Der Wunsch ist der Vater des Gedanken.

    Selbst wenn diese Behauptung, dass Gott und Jesus dafür gesorgt haben, dass der Text der Bibel uns heute vollständig korrekt zur Verfügung steht, richtig wäre, bliebe weiterhin die Tatsache, dass sie das über viele Jahrhunderte nicht für nötig hielten. Wäre das nicht lieblos gegenüber den Christen in dieser Zeit? Wie man sieht, fällt so eine überzogene Behauptung nicht auf die Person zurück, die sie äußert, sondern wird Gott und Jesus zur Last gelegt. Mehr noch: Es wäre doch von beiden ziemlich gemein, zuzulassen, dass ausgerechnet jemand wie Erasmus von Rotterdam, der aufrichtig versuchte, den überlieferten Text von Fehlern zu bereinigen, damit er in die Muttersprachen auch der einfachen Leute übersetzt werden kann, mit einer gefälschten Minuskel betrogen wurde, um dann erst Jahrhunderte später nach seinem Tod diesen Betrug wieder rückgängig zu machen.

    Durch die Funde und Verfügbarkeit immer weiterer alter Manuskripte in Griechisch, Aramäisch, Latein und anderen Sprachen sind noch viele weitere verfälschte Schrifttexte und Passagen zu Tage getreten (siehe diese Foren-Artikel). Dabei zeigt sich, dass die Situation nicht einfach ist. Es ist keine simple ‚wahr oder falsch‘–Entscheidung. Vielmehr geht es darum, wie sehr wir manchen Texten vertrauen können – oder eben auch nicht. Insgesamt ein spannendes Thema, das weitere Teile dieser Serie verdient. Andererseits sind solche Abweichungen ja nicht für die Mehrheit der Texte nachgewiesen. Auf die Unterschiede zwischen den Manuskripten kommen wir aber bald noch zu sprechen.

    Dass also Gott und Jesus nicht dafür gesorgt hat, dass der biblische Text ohne Fehler oder Fälschungen erhalten wurde, müssen wir bei unserer Sichtweise des Kanons berücksichtigen. Nicht nur, wenn es um die Verlässlichkeit eines einzelnen Verses geht. Sondern auch, wenn es um unsere Sichtweise bezüglich des Kanons geht – der Bibel, wie wir sie heute haben. Stülpen wir der Bibel keine überzogenen Behauptungen über, welche sie selbst so gar nicht aufstellt.

    Mit den richtigen Annahmen hingegen müssen wir auch vor neuen Fakten keine Angst haben. Fakten gefährden dann unser Glaubensgebäude nicht, sondern stärken das Fundament. Schon an diesem einen, wenn auch außerordentlich wichtigen Beispiel können wir nun beweisen, dass auch die Behauptung, dass jeder ‚Satz‘ genau so erhalten wurde, durch die Fakten wiederlegt wird.

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Wir werden in den nächsten beiden Folgen noch weitere Beispiele betrachten. Und warum tun wir uns das an? Wenn wir das Ausmaß der Veränderungen und Unterschiede kennen, dann kennen wir auch das, was gut erhalten ist. Wir erreichen eine fundierte und differenzierte Sicht über die Zuverlässigkeit des Textes.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann

    Von Christian


    In den letzten beiden Folgen haben wir schon zwei Teile aus der Behauptung aus dem ersten Teil der Serie gestrichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Weder sichert uns Gott durch das Neue Testament zu, dass die Briefe und anderen Texte unverfälscht erhalten bleiben würden, noch sind alle Briefe im Kanon enthalten. Bedeutet das, dass das Neue Testament in unserer Bibel nutzlos ist? Nein. Das wäre eine falsche, voreilige Schlußfolgerung. Es geht darum, zu erkennen, was Gott uns zugesagt hat und nicht, was wir gerne hätten. Hat Gott nicht sogar vielen Menschen geholfen, die überhaupt keine Schriften hatten? Wie war es denn bei Hennoch, Noah, Melchizedek und Abraham? Wir können dieses Thema also ganz entspannt angehen.

    Allerdings beharren einige darauf, dass sogar die Wörter, Sätze, Punkt und Komma genau so sind, wie Gott das möchte. Einige gehen sogar soweit, dass der Text der alten King James Übersetzung inspiriert ist. Nun, das ist noch ein anderes Thema, auf das wir später eingehen werden.

    Aber wie ist das mit den Wörtern und Sätzen, Punkt und Komma. Hat Gott diese geformt und in den Geist der Schreiber gegeben? Oder in einer Vision diktiert? Haben diese sich hingesetzt und gedacht: Jetzt schreibe ich ein Bibelbuch? Wie sehen denn die ältesten Kopien der Autographen aus? Schauen wir uns einmal Bilder der ältesten Manuskripte, genauer gesagt Fragmente, an:

    𝔓52 ist das älteste bekannte Manuskriptfragment des Neuen Testaments, das einen Teil des Johannes Evangeliums enthält
    𝔓1 ist ein Fragment des Matthäus-Evangeliums aus dem frühen dritten Jahrhundert.
    𝔓46 ist das früheste (fast) vollständige Manuskript der Paulusbriefe des Neuen Testaments.
    𝔓45 ist ein Manuskript der Evangelien und der Apostelgeschichte. Es enthält den frühesten bekannten Text von Markus. Gelehrte finden es wegen seines fragmentarischen Zustands schwer zu lesen.
    Der Codex Sinaiticus (ca. 350) enthält die älteste vollständige Abschrift des Neuen Testaments sowie den größten Teil des griechischen Alten Testaments, bekannt als Septuaginta
    Der Codex Vaticanus Graecus 1209 ist eine der besten verfügbaren griechischen Handschriften fast der gesamten Bibel.

    Einmal abgesehen davon, dass die Buchstaben des griechischen Alphabets verwendet werden. Was fällt sofort auf? Kein Komma, kein Punkt, überhaupt keine Satzzeichen. Schlimmer noch. Nicht einmal Absätze zwischen den Sätzen. Sogar nicht einmal zwischen Wörtern! Schauen wir uns noch einmal 𝔓46 oder die anderen Manuskripte an. Eine Kette von Buchstaben! Wo sind Wörter und Sätze? Die Antwort ist: Die Wörter und Sätze – sowie Aussprache und zum Teil auch Vokale – musste der Leser richtig einsetzen!

    Das erinnert mich an ein kurzes Beispiel in Latein, das ich – ich bilde es mir zumindest ein – im Unterricht kennen gelernt habe. Soweit ich mich erinnere, soll angeblich Cäsar diese Nachricht geschickt haben:

    Begnadigung Keine Hinrichtung

    Drei Wörter. Was bedeuten diese? Es fehlt das Satzzeichen im Deutschen! Aber in Latein gab es das auch nicht. Wie auch im Griechischen. Also was bedeutet es? „Begnadigung keine, Hinrichtung“ oder „Begnadigung, keine Hinrichtung“? Einfach schrecklich, wenn das Leben von einem Komma abhängt. Übertreibe ich jetzt? Nun, betrachten wir einmal zwei verschiedene Übersetzungen der Bibel:

    Und er sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein.“

    Lukas 23:43 Neue-Welt-Übersetzung

    Und er sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

    Lukas 23:43 Elberfelder

    Das Satzzeichen ‚:‘ gab es im Griechischen nicht. Die Übersetzer haben es eingefügt. In der älteren Ausgabe der Neue-Welt-Übersetzung gab es zumindest noch diese Fußnote: „Wenn auch WH, Nestle-Aland u. UBS im gr. Text ein Komma vor das Wort „heute“ setzen, wurden doch in gr. Unzialhss. keine Kommas verwendet.“ Der Sinn scheint jedoch völlig anders zu sein. Ganz wie im Beispiel, das ich angeführt hatte, und angeblich von Cäsar stammt. Tatsächlich muss man sich bei diesem Text viel mehr Gedanken machen und den Kontext und die Sprache damals anschauen, um den Text besser zu verstehen. Eric Wilson hatte dazu in einem Video auch einmal eine interessante Erklärung.

    Tatsache ist: Punkt, Komma, Strich – können wir in der Bibel alles vergessen, weil es das in den Sprachen, in denen die Autographen und Kopien existieren, nicht gab.

    Und sogar Absätze und Kapitel- sowie Vers-Einteilungen gab es nicht, wie wir in den Abbildungen gesehen haben. Ist das auch ein Problem? Unsere Kapitel und Verse wurden frühestens mit im 13. Jahrhundert eingeführt (Wikipedia). Zweck war es, den Text in etwa gleich lange Verse und Kapitel einzuteilen. Aber im Deutschen dienen Absätze dazu, einen Gedanken zu trennen. Ein Absatz, oder ein neuer Vers oder gar Kapitel suggerieren uns daher einen neuen Gedanken. Überlege einmal: Wie oft hast du, wenn ein Text zitiert wurde, den Text davor oder gar im Kapitel davor gelesen? Ein Beispiel:

    Jesus blickte auf und sah, wie reiche Leute Geld in den Opferkasten warfen. Er sah auch, wie eine arme Witwe ‹zwei kleine Kupfermünzen›, zwei Lepta, hineinsteckte. Da sagte er: „Ich versichere euch, diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle anderen. Denn die anderen haben nur etwas von ihrem Überfluss abgegeben. Sie aber hat alles hergegeben, was sie selbst dringend zum Lebensunterhalt gebraucht hätte.“

    Lukas 21:1-3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Ist das nicht ein schöner Text, der die Opferbeireitschaft der Witwe beschreibt? Aber das ist der Anfang des Kapitels. Wer würde wohl das Kapitel vorher lesen, wenn der Text zitiert wird? Wir tun das jetzt:

    Vor dem ganzen versammelten Volk warnte Jesus seine Jünger: „Hütet euch vor den Gesetzeslehrern! Sie zeigen sich gern in ihren langen Gewändern und erwarten, dass man sie auf den Märkten ehrerbietig grüßt. In der Synagoge sitzen sie in der ersten Reihe, und bei Festessen beanspruchen sie die Ehrenplätze. Gleichzeitig aber verschlingen sie den Besitz schutzloser Witwen und sprechen scheinheilig lange Gebete. Darum erwartet sie ein sehr hartes Urteil.“

    Lukas 20:45-47 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das ist der Text direkt davor. In den Manuskripten gibt es keine Kapitel-Einteilung. Wie denkst du jetzt über den Bericht über die arme Witwe in Lukas 21:1-3? Macht ein Absatz oder neues Kapitel hier einen Unterschied? Es gibt noch andere Beispiele, aber die kann jeder auch selbst finden, wenn er ab jetzt aufmerksam ist, und bei jedem Absatzwechsel oder neuem Kapitel auch den Kontext liest.

    Fassen wir zusammen, was uns die Fakten gelehrt haben. Es gab in den Sprachen der Autographen und Kopien keine Satzzeichen, Absätze und Verseinteilungen. Damit streichen wir einen weiteren Teil der Behauptung:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Sollte also jemand mit uns wegen eines Satzzeichens oder Absatzes über die Interpretation des Textes diskutieren wollen, dann sollten wir daran denken, dass diese von den Übersetzern eingefügt wurden. Und uns den Sprachen zuwenden, in denen die überlieferten Manuskripte geschrieben wurden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    Von Christian


    Im letzten Video haben wir gesehen, dass ‚die Bibel‘ selbst, insbesondere die Bücher des Neuen Testaments, keine Aussage beinhalten, dass sie völlig unversehrt und korrekt über die Jahrtausende bewahrt werden würde. Im Gegenteil: Im ersten Jahrhundert – und noch lange danach, wie wir sehen werden – gab es keinen fertigen, allgemeingültigen Kanon der Schriften. Vielmehr wurden die Gläubigen aufgefordert, mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes alle Lehren und Schriften und Briefe zu prüfen, ob sie von Gott stammen. Und immer wieder kommt die Frage auf, wer wann und wie entschieden hat, welche Briefe und Schriften im Kanon der christlichen Schriften enthalten sein sollen.

    Ich möchte auch betonen, dass wir bisher nur die Bibel – exegetisch, sola scriptura – verwendet haben und zu diesem Schluß gekommen sind. Und das wird sich in diesem Teil der Serie bestätigen.

    Der Ort Laodizea wird vielen Bibellesern als Ort einer frühen Gemeinde bekannt sein. Wird man nach einem Brief an die Gemeinde in Laodizea gefragt, denn denkt man vielleicht sofort an diesen Text:

    Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    „Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht, der das Amen ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke und weiss, dass du weder kalt noch warm bist. Wärst du doch kalt oder warm!“

    (Offenbarun 3:14,15 Züricher)

    Den Inhalt dieses ‚Briefes‘ kennen wir insofern, als er als ein Teil des Bibelbuchs Offenbarung heute in Bibel abgedruckt ist, ob er nun an die Gemeinde im buchstäblichen Laodizea gerichtet war, oder ob das symbolisch zu verstehen ist.

    Tatsächlich ist dies aber nicht der einzige Brief an die Gläubigen in Laodizea, von dem wir wissen:

    „Und wenn der Brief bei euch vorgelesen worden ist, sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea vorgelesen wird und dass ihr auch den aus Laodizea lest! [Fn. den aus Laodikia: Dieser Brief ist nicht erhalten.]“

    (Kolosser 4:16 Einheitsübersetzung 2016)

    Der Brief an die Kolosser ist in der Bibel enthalten, der Brief an die Gemeinde in Laodizea hingegen nicht. Gemäß den ersten Versen in Kolosser schrieb ‚Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes‘ den Brief an die Kolosser und damit auch den genannten an die Gemeinde in Laodizea.

    Damit ergeben sich einige interessante Fragen:

    • Warum ist der Brief an die Gemeinde in Kolossä in der Bibel, die wir heute haben, enthalten und warum der an die Gemeinde in Laodizea nicht?
      Vielleicht denkt jemand: „Nun ja, da stand wohl in etwa das gleiche drin. Daher musste nur einer überliefert werden.“
      Aber das kann nicht stimmen, sonst hätte Paulus ja nicht geschrieben, dass beide Briefe in beiden Gemeinden vorgelesen werden sollen. Da müsste man sich ja in solche Argumente versteigen, dass dies zur Bestätigung oder Wiederholung der Gedanken gedient hätte.
    • Was stand also in dem Brief an die Gemeinde in Laodizea, was nicht in dem an die Kolosser stand, weswegen Paulus wollte, dass beide vorgelesen werden?
    • Warum kennen wir heute und auch alle anderen aus den letzten etwa 2000 Jahren nur den einen Brief?
    • War der eine wichtiger als der andere?
    • Hatte Gott oder Jesus für die Bibel nur einen geplant?
    • Welche Rolle spielte der heilige Geist und Inspiration bei diesen Briefen?
    • Wie kam es überhaupt zur der Zusammenstellung der Briefe, die heute in der Bibel enthalten sind? Also des Kanons des ‚Neuen Testaments‘?
    • Gab es noch mehr Briefe?

    Zur letzten Frage gibt es schon in den uns erhaltenen Textzeugen Hinweise:

    „Lasst euch durch die Behauptung, der Tag des Herrn wäre schon da, nicht so schnell aus der Fassung bringen oder gar in Schrecken versetzen. Glaubt es nicht, auch wenn sich jemand auf eine Geistesoffenbarung, eine angebliche Aussage oder einen Brief von uns beruft.“

    (2. Thessalonicher 2:2 NEÜ)

    Diesen Text hatten wir schon im letzten Teil behandelt. Schon damals waren also Briefe im Umlauf, die angeblich Aussagen der Apostel enthielten. Warum sonst hätte Paulus dies geschrieben:

    „Den Gruß schreibe ich, Paulus, mit eigener Hand. So sieht meine Handschrift aus, das Kennzeichen in jedem meiner Briefe.“ „Seht, mit welch grossen Buchstaben ich euch schreibe, mit eigener Hand!

    (2. Thessalonicher 3:17 NEÜ; Galater 6:11 Züricher)

    Briefe spielten eine wichtige Rolle, wie diese Texte zeigen:

    „So steht denn nun fest, ihr Brüder, und haltet fest an den Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch ein Wort oder durch einen Brief von uns.“

    (2. Thessalonicher 2:15 Schlachter 2000)

    Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung der Versammlung in Jerusalem zum Thema Beschneidung:

    „Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen … Der Brief, den sie ihnen mitgaben, lautete folgendermaßen … Paulus und Barnabas sowie die Delegierten wurden offiziell verabschiedet und machten sich auf den Weg nach Antiochia. Dort angekommen, beriefen sie eine Versammlung der ganzen Gemeinde ein und übergaben den Brief.“

    (Apostelgeschichte 15:20,23,30 Neue Genfer Übersetzung)

    Paulus und Barnabas kamen also nicht nur mit einer mündlichen Erklärung zurück, sondern hatten einen Brief dabei! Den hätte ich auch gerne gelesen. Aber er ist nicht Teil des Kanons geworden, obwohl er doch so wichtig war! Es gab also eine Menge Briefe, aber nur wenige sind Teil des Kanons. Neben dem Brief an die Gemeinde in Laodizea fehlt uns zum Beispiel auch dieser:

    „In meinem früheren Brief [Fn. Dieser Brief ist uns nicht erhalten.] habe ich euch vor dem Umgang mit Menschen gewarnt, die ein unmoralisches Leben führen. .. Darum schreibe ich euch jetzt noch einmal unmissverständlich:“

    (1. Korinther 5:9, 11 Neue Genfer Übersetzung)

    Da dieser Brief in der Bibel als erster Korinther Brief bezeichnet wird, fehlt uns der vorangegangene. Also ist der 1. Korinther Brief eigentlich schon der 2. Korinther Brief, und der 2. der 3. Brief. Mindestens.

    Doch nicht nur die Apostel oder die Gemeinde in Jerusalem schrieben Briefe:

    „Nun zu der Ansicht, die ihr in eurem Brief vertretet, dass es für einen Mann gut sei, keine Frau zu berühren.“

    (1. Korinther 7:1 Züricher)

    Die Gemeinden schrieben also auch welche. Und welchen Stellenwert sollten die Briefe für die Gemeinden haben?

    Ich beschwöre euch beim Herrn, diesen Brief allen in der Gemeinde vorzulesen.“
    „Wenn aber einer dem nicht nachkommt, was in diesem Brief steht, so merkt ihn euch und meidet den Umgang mit ihm, damit er beschämt werde.“

    (1. Thessalonicher 5:27; 2. Thessalonicher 3:14 Züricher)

    Ziel war oft, die Geschwister zu erbauen oder auch ermahnen:

    „Das ist bereits mein zweiter Brief an euch, liebe Geschwister. Durch beide wollte ich euch ‹an längst Bekanntes› erinnern, dass eure gute Gesinnung erwacht.“

    (2. Petrus 3:1 NEÜ)

    „Liebe Geschwister, ich hatte schon lange vor, euch über unsere gemeinsame Rettung zu schreiben, sah mich aber jetzt genötigt, euch mit diesem Brief zu ermahnen. Kämpft für den Glauben, der allen, die Gott gehören, ein für alle Mal übergeben worden ist!“

    (Judas 3 NEÜ)

    Es gab also viele Briefe für die Gemeinden im ersten Jahrhundert, welche auch als sehr wichtig betrachtet wurden. Warum sind nicht alle erhalten geblieben?

    An dieser Stelle müssen wir den historischen Kontext berücksichtigen. Zuerst gab es ja jeweils nur ein Original eines Briefes, den sogenannten Autographen. Dieser sollte vorgelesen werden. Schon daraus lässt sich schließen, dass nur wenige in der Gemeinde Lesen und Schreiben konnten. Das Original des Briefes konnte in der selben Gemeinde immer wieder vorgelesen werden. Aber was war mit den anderen? Ab wann wurden Kopien angefertigt und weitergegeben? Wer tat das und zu welchem Zweck?

    Wie sich zeigt, war die mündliche Überlieferung zuerst noch wichtiger als eine schriftliche. Das ist auch nur zu verständlich. Wenn ich einen Apostel direkt fragen kann ist mir das wichtiger, als ein Papyrus, der angeblich von Apostel Soundso stammt. Es ging um Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit. Und Kopien wurden auch nicht mit der Absicht erstellt, eine Bibel zusammenzustellen. Auf beides wird in folgenden Artikeln noch eingegangen werden.

    Halten wir aber fest: Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, warum wir keinen Laodizenerbrief kennen (siehe Wikipedia Laodizenerbrief). Über den Brief des Paulus an die Korinther vor seinem Brief, den wir heute ersten nennen, wissen wir allderings überhaupt nichts. Wenn Gott und Jesus als Haupt der Versammlung die Überlieferung der Briefe ganz konkret geplant und alles genau geleitet haben, dann würde das ja Folgendes bedeuten:

    • Jesus wollte, das Paulus mindestens zwei Briefe schrieb, von denen wir aus anderen Briefen wissen, dass sie existierten. Aber diese sollten nicht erhalten bleiben.
    • Haben also Gott und Jesus diese anderen Briefe also nicht weiter beachtet oder bewusst deren Überlieferung verhindert?
    • Aber wie hätte Jesus das erreicht? Die Briefe verschwanden ja nicht über Nacht.
    • Wie hätte er Menschen beeinflußt, dass gewisse Briefe weiter kopiert wurden und andere nicht?
    • Kann man beweisen, dass wir alle notwendigen Briefe heute kennen, die Bibel aber keinen Brief enthält, vor dem damals gewarnt wurde?

    Ist es nicht interessant, dass schon alleine durch diese wenigen Hinweise aus dem überlieferten Text sich durch etwas Nachdenken interessante Frage ergeben, die unsere Auffassung von dem, was ‚die Bibel‘ ist, berühren?

    Was wir aber rein aus dem Text der heutigen ‚Bibel‘ festhalten können, ist dies:

    • Es gab Briefe, die erwähnt werden und so wichtig waren, dass die in anderen Versammlungen vorgelesen werden sollten.
    • Es gab Briefe, die an Versammlungen geschickt wurden, auch vorgelesen werden sollten, von denen wir aber überhaupt nichts wissen.
    • Und diese Briefe sind trotzdem nicht Teil unserer ‚Bibel‘, also des Kanon des Neuen Testaments, geworden.

    Wenn jemand nun sagt, dass Gott, unser Vater, und Jesus, unser Herr, die Entstehung der Bibel genauestens überwacht haben, dann bedeutet das, dass sie diese damals wichtigen Briefe bewußt aussortiert haben.

    Betrachten wir auch am Ende dieses Teils die Behauptung aus dem ersten Teil dieser Serie. Halten alle Teile dieses Satzes den Fakten stand?

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Ich bin jetzt etwas streng gewesen, und habe den Teil ‚jedes Buch‘ auch gestrichen. Warum? Wenn jemand meint, dass jeder Brief eines Apostels auch in der Bibel zu finden ist, dann stimmt das nicht. Und dazu braucht man nur die überlieferten Briefe selbst zu lesen. Das Neue Testament enthält nicht alle Briefe, deren Existenz uns bekannt ist, und die Frage bleibt offen, warum das so ist. Sie könnten ja auch einst im Kanon enthalten gewesen und später dann wieder aus dem Kanon herausgenommen worden sein. Wir werden sehen.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Von Christian


    Im ersten Teil dieser Serie ist es uns schon bewußt geworden, dass es einige wichtige und interessante Fragen zur ‚Bibel‘ gibt. Bevor wir aber historische Fakten oder anderes betrachten, lassen wir zuerst einmal den Text ‚der Bibel‘ selbst sprechen. Was erfahren aus dem Text selbst darüber, was die Bibel ausmacht, wie sie entstand und was in den Jahrhunderten nach ihrer Entstehung geschehen sollte? Beginnen wir mit einem Hinweis im zweiten Brief an die Thessalonicher:

    Wir bitten euch aber, ihr Brüder, wegen der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm: Lasst euch nicht so schnell in eurem Verständnis erschüttern oder gar in Schrecken jagen, weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief, als wäre der Tag des Christus schon da.

    2. Thessalonicher 2:1,2 Schlachter 2000

    Gemäß der traditionellen Sicht wurde dieser Brief von Paulus etwa um das Jahr 50 n. Chr. geschrieben. Die Formulierung „noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief“ wirft eine Frage auf: Konnten die Gläubigen in Thessalonich nicht einfach in ‚ihre Bibel‘ schauen und prüfen, ob der Text als Brief enthalten war? Offensichtlich nicht. Das, was wir heute als Bibel bezeichnen, war zwei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu gerade erst in der Entstehung. Es gab noch keinen Kanon der christlichen Schriften. Zu dieser Zeit konnte also jemand zu der Versammlung mit einem Brief kommen und behaupten, dass er zum Beispiel von Paulus sei. Wie konnte man nun überprüfen, ob das nun ein Teil ‚der Bibel‘ sein sollte oder nicht? Diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Nun gut, war die Frage dann, ob er ‚echt‘ war? Auch nicht unbedingt. Der entscheidende Punkt war dieser:

    Wer Gottes Gebote befolgt, bleibt in Gemeinschaft mit Gott, und Gott lebt in ihm. Dass er wirklich in uns bleibt, erkennen wir durch den Heiligen Geist, den er uns gegeben hat. Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs. Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 3:24 – 4:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Tatsache ist: Es gab schon im ersten Jahrhundert viele mündlich überlieferte Berichte, viele Briefe und weitere Texte, wie schon dieser Vers zeigt. Es bestand die Notwendigkeit, zu prüfen, was da so im Umlauf war. Die entscheidene Frage war: Kommt das von Gott? Und das ist die Frage, die wir uns heute auch stellen müssen: Kommt das, was wir heute in ‚der Bibel‘ lesen so von Gott? Denn wie wir schon in der letzten Folge gesehen haben, liegen viele Schritte zwischen der Entstehung der Text und dem, was wir in unserer Sprache heute lesen können.

    Schon dieser Vers zeigt uns aber auch, dass es noch am Ende des ersten Jahrhunderts keinen abgeschlossenen Kanon der christlichen Schriften gegeben haben kann, in dem Sinne, dass ausschließlich diese Texte als von Gott kommend akzeptiert wurden. Und alles andere als Texte von Irrlehrern und ‚Abtrünnigen‘ gemieden werden sollte. Im Gegenteil! Die Texte sollten geprüft werden, was das Lesen bzw. Vorlesen und einen Vergleich mit den anderen Schriften notwendig machte. Dabei half sogar der heilige Geist:

    Der Geist ermächtigt den Einen, Wunder zu wirken; einen Anderen lässt er Weisungen Gottes verkündigen. Ein Dritter erhält die Fähigkeit zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einer wird befähigt, in nicht gelernten fremden Sprachen zu reden, und ein Anderer, sie zu übersetzen.

    1. Korinther 12:10 Neue Evangelistische Übersetzung

    Vergleichen wir das mit der Aussage: Gott hat die Niederschrift der Bibel genau überwacht und dafür gesorgt, dass sie uns ganz genau erhalten geblieben ist. Was bedeutet das ganz konkret im ersten Jahrhundert? Versetzen wir uns in die Lage eines Gläubigen, zum Beispiel in Thessalonich, der gerade hört, wie ein Brief in der Gemeinde vorgelesen wird. Könntest du dir als dieser Gläubige einfach sagen: Das ist Gottes Wort, denn er überwacht die Aufzeichnung der Bibel genau? Nein, sonst wäre die Aufforderung zu prüfen nicht nötig gewesen. Wenn es also so eine Gewissheit überhaupt gibt, müsste sie erst später entstanden sein. Aber wie und durch wen?

    Gibt es irgendeinen Bibeltext, der den Gedanken unterstützt, dass Gott die Aufzeichnung der Bibel so überwachen würde, dass wir nicht mehr prüfen müssten? Vielleicht kommt dir dieser Bibeltext in den Sinn.

    Alle Schrift ist von Gott eingegeben [w. »gottgehaucht« (gr. theopneustos), d. h. von Gott durch den Geist eingegeben, von Gott inspiriert.] und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

    2. Timotheus 3:16,17 Schlachter 2000

    In Übereinstimmung mit dem griechischen Text wurde hier der Singular verwendet: Alle Schrift ist … Dieser Text könnte dir insbesondere dann eingefallen sein, wenn du diese – etwas suggestive – Übersetzung gelesen hast:

    Die ganze heilige Schrift ist von Gott eingegeben [Fn. o. inspiriert] …

    2. Timotheus 3:16 Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung 2018

    Wird man als Leser – in diesem Fall also meist Zeugen Jehovas – nicht automatisch denken, dass hier ‚die Bibel‘ gemeint ist? Interessanterweise ist der Titel der aktuellen Übersetzung der Zeugen Jehovas, in der 2. Timotheus 3:16 so übersetzt ist: Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung. Die Ausgaben davor hatten allerdings den Titel Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift. 2. Timotheus 3:16 wurde darin allerdings so wiedergegeben: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert ….“ Also ohne den Zusatz heilig und im Singular. Der Titel der englischen Ausgabe lautet immer noch New World Translation of the Holy Scriptures, also Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schriften (Plural), und gibt den Text wie in der King James Version wieder: „All Scripture is inspired of God …“ Während der Titel der Bibel den Plural enthält, steht im Text der Singular: Alle Schrift ist von Gott inspiriert. Das soll noch einer verstehen …

    Doch ist das nicht schon ein gutes Beispiel, dass wir eben nicht genau wissen, ob das, was wir in ‚unserer Bibel‘ lesen, „von Gott kommt“ (1. Joh. 4:2)? Wenn doch verschiedene Übersetzungen hier unterschiedliche Gedanken wiedergeben. Prüfen wir also wie die Christen im ersten Jahrhundert.

    Zuerst einmal müssen wir uns fragen, was hier mit ‚alle Schrift ist von Gott eingegeben‘ πᾶσα γραφὴ θεόπνευστος gemeint ist. Bezog sich der Autor des zweiten Timotheus Briefs auf die Schriften der jüdischen Bibel, die Jahrhunderte vorher vollendet worden war? Und was ist mit den Schriften, die später noch kommen sollten, von denen also noch niemand wusste? Wenn ja, dann bringt uns das zur Frage des Kanons: Was gehört als ‚inspirierte Schrift‘ in den Kanon der christlichen Schriften und was nicht? Wer entschied das? Nach welchen Kriterien? Hatte Gott schon lange einen Plan, quasi die Bücherliste der Bibel, die noch zu schreiben wären? Was ist also mit ‚alle Schrift‘ oder ‚die ganze Schrift‘ gemeint? Wer legt das fest, was zu Alles gehört? Und woher könnten wir das wissen? Diese Fragen werden eben nicht durch den Kanon beantwortet, sondern sind einer der Gründe für die Erstellung des Kanons – was Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauerte und – du wirst überrascht sein – bis heute nicht unbedingt abgeschlossen sein muss.

    Was die Autoren im ersten Jahrhundert mit ‚Schrift‘ meinten, wird in Texten wie diesem klar:

    Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften;

    1. Korinther 15:3-4 Elberfelder.

    Wenn Paulus davon spricht, dass er etwas überliefert hat, was er auch empfangen hat, dann meint er mit ‚Schriften‘ wohl kaum seine eigenen oder die anderer im Neuen Testament – die zu diesem Zeitpunkt ja oft noch gar nicht geschrieben waren. Er argumentiert, dass seine Botschaft ja schon im Alten Testament stand.

    Vielleicht ist dir auch dieser Text eingefallen.

    Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.

    2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung

    Was ist hier mit ‚der Schrift‘ γραφῆς gemeint? Und übersehen wir auch nicht den konkreten Bezug auf ‚prophetische Aussagen‘. Wenn wir davon ausgehen, dass Petrus den zweiten Petrus Brief geschrieben hat, können wir diesen es selbst erklären lassen:

    An einem dieser Tage erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa 120 waren zusammengekommen – und sagte: „Ihr Männer, meine Brüder! Was in der Schrift steht, musste sich erfüllen; es musste so kommen, wie es der Heilige Geist schon durch David über Judas vorausgesagt hat. Er wurde ein Führer für die, die Jesus festnahmen, …

    Apostelgeschichte 1:15,16 Neue Evangelistische Übersetzung

    Dieses Aussage des Petrus hat auch Paulus im Brief an die Römer bestätigt:

    Denn aus allem, was früher aufgeschrieben wurde, sollen wir lernen. Die heiligen Schriften geben uns Trost und ermutigen zum Durchhalten, bis sich unsere Hoffnung erfüllt.

    Römer 15:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Für Petrus und Paulus waren ‚die heiligen Schriften‘ also der Text der jüdischen Bibel. Aber sagte nicht sogar Jesus, dass wenigstens diese nicht vergehen würden?

    Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.

    Matthäus 5:18 Elberfelder

    Auch diesen Text muss man genau lesen. Weder geht es hier um die ganze jüdische Bibel noch den Text an sich. Es geht um DAS GESETZ (nomou νόμου) und nicht die Schriften, und um die Erfüllung dessen, was darin gesagt wird.

    Übrigens ist auch 1. Petrus 1:24, 25, wo Petrus Jesaja 40:8 zitiert, keine Zusage, dass der Text der Bibel bestehen bleibt:

    Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen;  aber das Wort des Herrn bleibt in EwigkeitDies aber ist das Wort, das euch als Evangelium verkündigt worden ist.

    Das Gras ist verdorrt, die Blume ist verwelkt. Aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit.

    1. Petrus 1:24, 25; Jesaja 40:8 Elberfelder Bibel

    Hier erklärt also Petrus selbst wieder, was gemeint ist. Auch wenn dieser Text als einziger im Wachtturm (2017 September S. 18-22) zitiert wird, um zu beweisen, dass „Gott uns zugesichert hat, dass es bewahrt wird“, wie es am Ende des ganzen Artikels ohne weitere Begründung heisst. Zumindest wird am Anfang bei Verwendung von 1. Petrus 1:24, 25 zugegeben: „Wenn sich dieser Vers auch nicht ausdrücklich auf die Bibel bezieht, treffen die inspirierten Worte doch auf ihre Botschaft zu.“ Trotzdem wird gerade dieser Vers als einziger immer wieder in der Literatur der Wachtturm-Organisation zu diesem Thema zitiert. Auf die selbe Weise: Aus dem Kontext gerissen und im Zitat mit dem Buch der Bibel verknüpft.

    Der Text in 2. Petrus 1:21, den wir schon betrachtet haben, geht übrigens noch weiter. Das Kapitel endet zwar hier – aber die Kapiteleinteilung kam erst über eintausend Jahre später. Auch darüber werden wir in dieser Serie noch zu sprechen haben. Also lesen wir einfach einmal weiter:

    Doch es gab in Israel auch falsche Propheten, so wie es unter euch falsche Lehrer geben wird. Die schleusen dann schädliche Sonderlehren heimlich ein. Damit verleugnen sie den Herrn, der sie doch freigekauft hat, und ziehen sich selbst ein schnelles Verderben zu.

    2. Petrus 2:1 Neue Evangelistische Übersetzung

    Und diese Lehrer brachten auch ihre Schriften hervor. Das war also die Situation, in welcher der Text ‚der Bibel‘ entstand und bewahrt werden musste. Bestand denn die Gefahr, dass auch Texte nicht nur anders interpretiert sondern auch verändert wurden? Anscheinend schon:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Mancher bezeichnet die Bibel auch als ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Gottes Wort‘. Wird nicht wenigstens davon gesagt, dass es bleibt?

    Und wir danken Gott weiterhin, denn als ihr das Wort Gottes, das ihr von uns gehört habt, angenommen habt, habt ihr es nicht als Menschenwort angenommen, sondern so, wie es wahrhaftig ist… Das Wort Gottes – das in euch Gläubigen wirkt!

    1. Thessalonicher 2:13 2001 Translation (ins Deutsche übersetzt)

    Zuerst einmal ist interessant, dass gesagt wird, dass sie das ‚Wort Gottes‘ gehört haben – nicht gelesen. Und dann angenommen. Und dann wirkte es in den Gläubigen. In diesem Text ist also auch kein Buch gemeint.

    Gibt es also irgend einen Bibeltext, der die Behauptung unterstützt, dass Gott und Jesus die Entstehung und Überlieferung ‚der Bibel‘ so geleitet hat, dass sie uns ganz genau und unverfälscht zur Verfügung stehen sollte? Hast du irgendwo in den Evangelien gelesen, dass Jesus seine Jünger beauftragt hat, seine Worte aufzuschreiben? Wenn es keine solchen Texte gibt, sollten wir das aber auch nicht über die Bibel oder Gott oder Jesus behaupten und sie dazu verpflichten. Sonst könnten sie eines Tages uns vielleicht fragen: Warum sagst du so etwas? Warum beklagst du dich, dass es nicht so gewesen ist? Wo habe ich dir das denn jemals zugesagt?

    Tatsächlich wird in einem Buch des Neuen Testaments etwas gesagt, was in diese Richtung geht: Die Apokalypse nach Johannes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 21:5 Züricher

    Klingt das danach, dass das Neue Testament in Buchform veröffentlich werden sollte? Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die erst um das Jahr 100 n. Chr. geschrieben wurde. Da gab es die anderen Schriften schon zum Teil viele Jahrzehnte. Ähnliche Formulierungen gibt es im Alten Testament.

    Dann sagte Jahwe zu Mose: „Schreib alles auf, was ich dir gesagt habe. Denn auf dieser Grundlage schließe ich mit dir und mit Israel einen Bund.“

    2. Mose 34:27 Neue Evangelistische Übersetzung

    Wehe den trotzigen Söhnen!“, spricht Jahwe. … Geh jetzt und schreibe es auf eine Tafel, / verzeichne es auch in ein Buch, / dass es bezeugt ist für alle Zeit!

    Jesaja 30:1,8 Neue Evanglistische Übersetzung

    So spricht Jahwe, der Gott Israels: „Alles, was ich dir gesagt habe, schreibe in eine Schriftrolle!

    Jeremia 30:2 Neue Evanglistische Übersetzung

    In meinem 30. Lebensjahr, am 5. Juli, befand ich mich unter den Verbannten am Fluss Kebar. Da öffnete sich der Himmel und ich sah Erscheinungen Gottes. An diesem Tag – es war das fünfte Jahr, nachdem König Jojachin in die Verbannung geführt worden war – kam das Wort Jahwes zu mir, dem Priester Hesekiël Ben-Busi im Land der Chaldäer am Fluss Kebar. Dort legte Jahwe seine Hand auf mich.

    Hesekiel 1:1-3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Aber du, Daniel, bewahre die Worte zuverlässig auf und versiegle das Buch [Offenbar sollte er wie Jeremia 32,10ff ein Original aufbewahren, aber gleichzeitig offene Abschriften davon zugänglich machen.] bis zur Zeit des Endes.

    Daniel 12:4 Neue Evanglistische Übersetzung

    Wenden wir uns also der Offenbarung zu. Dort finden wir den Gedanken sogar mehrfach:

    Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.

    Schreib nun auf, was du gesehen hast, was jetzt geschieht und was danach geschehen wird.

    Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: …

    Und ich hörte eine Stimme vom Himmel rufen: Schreib: Selig die Toten, die im Herrn sterben von jetzt an! Ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke begleiten sie.

    Und er sagt zu mir: Schreib! Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind! Und er sagt zu mir: Diese Worte sind die wahrhaftigen Worte Gottes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 1:10,11,19;2:1;2:8,12,18;3:1,7,14;14:13;19:9;21:5 Züricher

    Aber auch das Gegenteil:

    Als es wieder still war, wollte ich die Worte der sieben Donner aufschreiben. Aber da hörte ich eine Stimme aus dem Himmel rufen: „Nein, was die sieben Donner gerufen haben, muss verborgen bleiben. Schreibe es nicht auf!

    Offenbarung 10:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Abschließend heißt es in der Offenbarung noch:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Wir haben also eine anscheinend etwas überraschende Faktenlage:

    • In den ersten 26 Büchern des Kanons des Neuen Testaments wird 0 mal dazu aufgefordert, etwas aufzuschreiben.
    • Im letzten Buch des Kanons des Neuen Testaments wird 12 mal dazu aufgefordert, aufzuschreiben und 1 mal, es nicht zu tun.

    Dieser Unterschied ist aber eigentlich recht natürlich.

    Die ersten 4 Bücher des Neuen Testaments sind die Evangelien. Diese sprechen nicht davon, dass Jesus den Auftrag gegeben hätte, diese aufzuschreiben. In Lukas finden wir in der Einleitung den Grund dafür, dass dieses Evangelium geschrieben wurde:

    Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.

    Lukas 1:1-4 Züricher

    Der Entschluß kam hier also nach eigener Aussage nicht von Gott, sondern vom Schreiber selbst.

    Danach kommt die Apostelgeschichte:

    In meinem ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich berichtet über alles, was Jesus zu tun und zu lehren begonnen hat …

    Apostelgeschichte 1:1 Züricher

    Für die Apostelgeschichte gilt also das Gleiche. Danach kommen 21 Briefe – solche an bestimmte Versammlungen und allgemeine Briefe. Es liegt in der Natur eines Briefes, dass es ein Schriftstück ist. Voice-Mail gab es damals noch nicht. In keinem der Briefe wird jedoch gesagt, dass Gott den Auftrag dafür gab.

    Schließlich kommt die Apokalypse des Johannes. Das griechische Wort von dem Apokalypse – und auch Offenbarung – stammt, bedeutet wörtlich „enthüllen, aufdecken“. Hier betont der Schreiber vom ersten Vers an, dass der Inhalt nicht von ihm sei:

    Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, zu zeigen seinen Knechten, was in Kürze geschehen muss, und die er durch seinen Engel kundtun liess seinem Knecht Johannes, der das Wort Gottes bezeugt hat und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er geschaut hat.

    Offenbarung 1:1,2 Züricher

    Tatsächlich findet man in der Apokalypse des Johannes keine direkten Zitate aus dem Alten Testament. Es wird aber ausgiebig darauf Bezug genommen, sprachlich wie inhaltlich. Und zwar nicht zu knapp, wie man bei Michael S. Heiser auf 300 Seiten nachlesen kann (John’s Use of the Old Testament in the Book of Revelation):

    Die Offenbarung ist also der einzige Teil des Neuen Testaments, in dem der Auftrag gegeben wurde, den Text oder die Vision aufzuschreiben und sie so anderen mitzuteilen. Das ist ganz in der Tradition der Propheten Jesaja, Jeremiah, Hesekiel und Daniel und typtisch für den apokalyptischen Texttyp, den man schon in Jesaja, Sacharja, Daniel findet. Schon die Einleitung der Offenbarung mit ihrer Zeitangabe ähnelt Passagen in Hesekiel oder Daniel.

    In Offenbarung 1:11 wird Johannes sogar direkt angewiesen, das, was er gesehen hat, in ein Buch aufzuschreiben und an die 7 Gemeinden zu senden. Waren damit die buchstäblichen Gemeinden gemeint? Die 7-fache Aufforderung, an den Engel in … zu schreiben, ist da schon merkwürdig. Wie schreibst du ein Buch an den Engel? Oder ist das dann doch symbolisch gemeint? Schon sind wir mitten in der schwierigen Exegese der Offenbarung.

    Die eigentliche Frage in diesem Teil Serie zum Kanon des Neuen Testaments ist ja aber, ob dieses eien Aussage enthält, dass das Neue Testament sicher und unverfälscht überliefert werden würde.

    Das widerlegt schon Offenbarung 22:18, 19 selbst:

    Ich erkläre jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: „Wenn jemand etwas zu dem hinzufügt, was hier geschrieben steht, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben sind. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buches unterschlägt, dem wird Gott das wegnehmen, was ihm in diesem Buch als Anteil zugesprochen ist, das Recht, in der heiligen Stadt zu wohnen und vom Baum des Lebens zu essen.“

    Offenbarung 22:18, 19 Neue Evangelistische Übersetzung

    Warum müsste sonst jedem mit Strafe gedroht werden, der etwas davon weglassen oder hinzufügen würde? Wenn eine unverfälschte Überlieferung von Gott und Jesus garantiert worden wären, könnte das ja gar nicht geschehen! Da es aber geschehen könnte, dann sollten wir prüfen, ob das auch geschehen ist. Und wenn ja, in welchem Umfang.

    Die Gläubigen im ersten Jahrhundert wurden wiederholt darauf hingewiesen wurden, dass sie alles prüfen sollten, ob es von Gott stammt. Sie konnten nicht einfach ‚ihre Bibel‘ holen und hätten damit einen perfekten, zuverlässigen Text gehabt, der nur ganz genau das enthielt, was Gott für sie hatte aufschreiben lassen.

    Andererseits haben wir gesehen, dass Petrus und Paulus unter ‚Schriften‘ den Text der jüdischen Bibel verstanden. Und dieser Text noch gut genug überliefert war, so dass daraus zitiert wurde um damit das Evangelium zu verkünden.

    Kommen wir nochmals auf die Aussage zur Bibel zurück, über die wir im ersten Teil dieser Serie gesprochen haben. Dort müssen wir einen ersten Satzteil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Jetzt keine Panik deswegen bekommen. Wir werden im Laufe der Serie noch andere Aussagen betrachten, die nur einen trügerischen Halt bieten. Und diese durch solide Aussagen ersetzen. Die Schriften enthalten nämlich durchaus ein paar interessante Aussagen über sich selbst, wie wir im nächsten Teil sehen werden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Von Christian


    Ein Kind schaut dir beim Lesen zu und fragt dich: „Was liest du da?“ „Die Bibel“ „Und was ist die Bibel?“ „Na dieses Buch hier.“

     Einer der drei Bände der „Maximiner Riesenbibel“ aus der ehemaligen Trierer Reichsabtei St. Maximin.

    Nun gut, vermutlich ist dein Exemplar nicht so alt wie dieses. Was würde ein Kind dich vielleicht noch fragen?

    • Was steht da drin?
    • Wer hat es geschrieben?
    • Wie alt ist es?

    Bei der ersten Fragen antworten wir vielleicht mit einigen kindgerechten Begebenheiten oder Gleichnissen.

    Bei der zweiten Frage merken wir vielleicht schon, dass es schwieriger als bei anderen Büchern wird, bei denen der Autor auf dem Umschlag steht. Sagen wir „Die Bibel wurde von Gott geschrieben“, wird das Kind – und ich gebe zu, es ist ein ziemlich aufgewecktes Kind – vielleicht fragen: „Kann Gott denn auf Papier schreiben?“ “Ja, das hat er so ähnlich einmal gemacht. Aber das meiste haben Menschen geschrieben.“ “Ich dachte, Gott hat es geschrieben.“ „Ja, aber er hat Menschen das dann aufschreiben lassen.“ „Und wie geht das.“ Jetzt bist du dran, Inspiration zu erklären. “Er hat ihnen das eingegeben.“ “Wie geht dass denn?“ Wir merken schon, dass ist gar nicht so einfach, wie wir uns gedacht haben. “Und hat das nur einer geschrieben? Oder waren das mehr?“ Es gibt wohl noch eine ganze Menge zu erklären.

    „Und hat es dann nur ein Buch gegeben? Ist es das hier?“ „Anfangs ja, nein, das ist kompliziert. Eigentlich gab es anfangs gar kein Buch. Und genau genommen, ist es gar kein Buch, sondern eine Sammlung von Schriften.“ „Aber du hast doch gesagt, dass es ein Buch ist.“ „Ja, so nennen wir das. Aber das Schreiben hat ja weit über eintausend Jahre gedauert.“ „Also einer hat angefangen, und die anderen haben immer weitere Seiten geschrieben?“ Wir könnten uns diese Geschichte noch viel weiter ausmalen. Irgendwann wird auch mal das Thema Sprache und Übersetzungen kommen. Und wer diese Sachen dann zusammengestellt hat – und damit sind wir beim Kanon der christlichen Schriften.

    Und vielleicht fragen wir uns dann selbst irgenwann, woher wir wissen, dass der Text, den wir vor uns haben, von Gott stammt und wir ihn genau so vorliegen haben, wie er das möchte. Nicht mehr und nicht weniger, oder? Zumindest sollten wir uns das fragen, wenn wir unseren Glauben und unser Leben auf dieser Grundlage aufbauen.

    Ich weiß, dass mancher jetzt am liebsten vielleicht nicht mehr weiter machen möchte. Langweilig wird es nicht, kann ich dir versprechen. Aber vielleicht spüren wir ein Unbehagen, eine unterschwellige Angst, dass an einem Fundament unseres Glaubens gerüttelt wird. Und das kann Angst machen. Und es kann gut sein, dass dir manche Fakten, über die wir sprechen werden, anfangs unangenhem sind. Mir ging es nicht anders. Aber es ist wie beim Zahnarzt, wenn er mit etwas Kaltem den Zahn prüft. Hier ist Schmerz mal etwas Gutes: Du weißt, der Nerv im Zahn lebt noch. Und wenn es im Laufe dieser Serie anfangs mal etwas weh tut, ist das so ähnlich: Was deinen Glauben betrifft, ist noch Leben drin.

    Warum eine solche Überprüfung der Grundlage unseres Glaubens so wichtig ist, wird aus einem Gleichnis Jesu deutlich:

    “Darum gleicht jeder, der auf diese meine Worte hört und sie befolgt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, stürzt es nicht ein, denn es ist auf Felsen gegründet. Doch wer meine Worte hört und sich nicht danach richtet, gleicht einem unvernünftigen Mann, der sein Haus einfach auf den Sand setzt. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, bricht es zusammen und wird völlig zerstört.

    (Matthäus 7:24-27 NEÜ)

    Jesus wollte damit zwar erklären, warum entsprechendes Handeln notwendig ist. Es trifft aber ebenso auf die Grundlagen unseres Glaubens zu: Wenn das Fundament nicht solide ist, kann das ganze Glaubensgebäude einstürzen. Und wer selbst schon einmal erlebt hat, wie das eigene Glaubensgebäude zusammenbrechen kann, weil vieles aus Lehren von Menschen bestand, könnte bei einem schlechten Fundament vielleicht sogar seinen Glauben ganz verlieren.

    Die Bibel ist doch das Fundament unseres Glaubens, oder nicht? Und was ist mit der Überlieferung über die Jahrhunderte durch die Kirche? Schon haben wir eine weitere interessante Frage. Und so wie der eine das spontan ablehenen würde, kann ein anderer es für selbstverständlich halten – und viele haben sich darüber wohl kaum Gedanken gemacht haben. Aber all das ist unbewusst unser Kontext, mit dem wir in der Bibel lesen. Fassen wir einmal einige dieser – zum Teil unbewussten – Überzeugungen in einem Satz zusammen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Diese Aussagen wollen in dieser Serie einmal anhand des Textes der Bibel und der historischen Fakten überprüfen. Dabei werden wir nicht einfach nur Dinge in Frage stellen oder Zweifel säen, sondern nach einem stabilen, robusten, auf Fakten beruhenden Fundament suchen. Es wird immer um konkrete Fragen gehen, die wir ganz konkret untersuchen, um konkrete Antworten zu finden, auch wenn diese manchmal nicht so simpel sind, wie wir das vielleicht lieber hätten.

    Das ist auch deswegen so wichtig, weil manche Behauptungen über die Bibel und Gott den Tatsachen nicht standhalten und das dann der Bibel oder Gott zur Last gelegt wird – obwohl die Behauptung gar nicht von Gott stammt und in der Bibel zu finden ist. Damit bringt man die Bibel oder Gott nur unnötig in Misskredit.

    Fangen wir zuerst einmal mit einer grundsätzlichen Beobachtung an: Wenn du in deiner Bibel liest, liest du dann genau das, was Gott gesagt hat oder hat aufschreiben lassen? Wieviele Annahmen stecken schon in dieser Überlegung? Ist dir bewusst, was alles zwischen Gott und dem Text steht, den du liest?

    Einige der Punkte, die beim Lesen der Bibel zu berücksichtigen sind

    Das Diagramm hier soll verdeutlichen, was alles zwischen Gottes Gedanken oder Absichten und dem Text, den du in deiner Bibel liest, liegt:

    • Zum Teil mündliche Überlieferung wie bei Teilen das ‚alten Testaments‘ oder den Evangelien
    • Der Schreiber, also ein Mensch, der Worte und Sätze erhielt oder bildete und niederschrieb – die Autographen.
    • Diejenigen, welche die Autographen abschrieben und Kopien der Kopien herstellten.
    • Diejenigen, welche im Laufe vieler Jahrzehnte den Kanon der Bibel festlegten, also welche Schriften in ‚der Bibel‘ enthalten sind.
    • Verschiedene Manuskripte, die Unterschiede aufweisen.
    • Die Texte wurden in verschiedenen Kulturen und Sprachen geschrieben, die Jahrtausende alt sind.
    • Die Texte aus den verschiedenen, unterschiedlichen Manuskripte wurden aus einer anderen Sprache und Kultur in deine Sprache übersetzt. Verschiedene Übersetzungen enthalten einen unterschiedlichen Wortlaut.
    • Du hast deinen eigenen kulturellen Hintergrund und Verständnis der Sprache, in der du die Bibel liest.

    All das und noch mehr muss berücksichtigt und beachtet werden, wenn wir die Bibel in unserer Sprache heute lesen.

    „Aber Gott hat das doch so geleitet, dass die Bibel uns genau überliefert worden ist.“ Ist das nicht ein Teil der Aussage, die ich vorhin vorgestellt habe? Vielleicht hast du aber auch die Befürchtung, die in einem Kommentar zu meinem Video Die letzte Generation zum Ausdruck kam. Im Video hatte ich gesagt, dass der Teil in Matthäus 24:3, welcher nicht in Markus und Lukas genannt wird, aus guten Gründen vermutlich nicht im Autograph vorhanden war. Ein Kommentar war dann:

    „Zu behaupten, dieser sogenannte Zusatz, „…was ist das Zeichen deiner Ankunft und das Ende der Weltzeit“, dass dieser nicht echt sein soll, ist nicht nur gewagt, sondern auch sehr gefährlich. …
    4. Weil dieses Gedankenspiel, einen Geist der Unsicherheit einflößt, der den Glauben an die Echtheit der Heiligen Schrift zu zerstören droht. Was muss man da noch anzweifeln in der Bibel, was echt ist usw.?! Wenn wir uns nicht mehr sicher sind, dass uns das Wort Gottes treu überliefert wurde, dann ist das ein sehr gefährlicher Weg, den wir da einschlagen. Wir zweifeln dann an der Echtheit des Wortes Gottes und auch daran, dass Gott nicht fähig wäre, Sein geschriebenes Wort bis heute zu bewahren.“

    Teil eines Kommentars zum YouTube Video Die letzte Generation

    Diese Befürchtung verstehe ich voll und ganz, weil ich sie auch hatte. Und viele andere in den letzten Jahrhunderten auch. Deswegen wollen wir jetzt auch kein ‚Gedankenspiel, das einen Geist der Unsicherheit einflößt‘ durchführen. Sondern die Fakten prüfen, um ein gesichertes Fundament auf Stein zu finden. Und genau das werden wir auch finden. Es kann sein, dass dir dieser Gedanke im Moment zu viel Angst einflößt. Aber Ignorieren und Leugnen hilft ja auch nicht. Vielleicht findest du später die Stabilität, dieses Thema anzugehen.

    Im nächsten Teil der Serie lassen wir zuerst einmal den Text der Bibel selbst sprechen.