Von Christian
Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie eine korrigierte Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert auch die Sicht auf die Schriften des Paulus grundlegend verändert, und wir in Teil 2 die weitreichenden Konsequenzen ausgeführt haben, ist es nun an der Zeit, diese neue Sicht auf Paulus einmal tiefer zu analysieren und zu begründen.
Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.
Was haben wir jetzt vor uns?
Anstatt Paulus‘ Denken als Gegenpol zum legalistischen Judentum zu interpretieren (der traditionellere Ansatz), können wir ihn nun in seinem authentischen jüdischen Kontext als christlichen Apostel interpretieren, der während seiner gesamten Missionslaufbahn ein jüdischer Theologe war und blieb.
Kapitel 3
Ein gutes Beispiel, wie der eigene Kontext und sogar schon die Übersetzung eines Textes eine Interpretation beinhaltet, ist Galater 2:16
aber ⟨da⟩ wir wissen, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Christus Jesus, haben wir auch an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.
Galater 2:16 Elberfelder
Es ist gar nicht so einfach, diesen Text ohne unsere gewohnte Vorstellung zu lesen:
Traditionell würde die Formulierung „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gerechtfertigt“ auf den krassen Gegensatz zwischen Paulus‘ neuem Verständnis in Christus und seinen alten jüdischen Ansichten hinweisen – Glaube versus Werke, Glauben versus Tun. Dunn stellt jedoch fest, dass „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben“ in Gal 2,16 auf Überzeugungen verweist, die Paulus und andere christliche Juden teilten (wie Petrus und die judaisierenden Gegner in Antiochia; siehe V. 11-15), und nicht auf Ansichten, in denen sie sich unterschieden. „Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht heidnische Sünder, wissen, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 2,15-16, Dunns Übersetzung).
Kapitel 3
Gemäß dem schon erwähnten Gelehrten James D. G. Dunn geht es um Folgendes:
Dunn argumentiert, dass sich diese Formulierung nicht auf Werksgerechtigkeit bezieht, sondern auf bestimmte Gesetzesbefolgungen, die in der antiken Welt als Abzeichen der jüdischen Identität dienten.
Anstatt ein Codewort für Legalismus zu sein, könnte man „Werke des Gesetzes“ eher als eine soziologische Kategorie verstehen.
Kapitel 3
Dann enthält das Buch einen interessanten Hinweis für Leser englischer Bibeln, der aber auch im Deutschen zum Tragen kommt:
Leser englischer Bibeln müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Übersetzung, die sie lesen, ihnen ein bestimmtes Verständnis von „Werken des Gesetzes“ vorgibt. Paulus spricht in Gal 2,16 von der Rechtfertigung ex ergōn nomou, was neutral mit „aus den Werken des Gesetzes“ wiedergegeben werden könnte. So wird der Satz in einigen Übersetzungen wiedergegeben (NRSV [erste Hälfte des Verses]; KJV; NAB; NASB; ESV). Einige Übersetzungen verstehen dies jedoch als Hinweis auf das, was Menschen tun, um gerechtfertigt zu werden.
„gerechtfertigt durch das Tun der Werke des Gesetzes“ (NRSV; zweite Hälfte des Verses)
„gerechtfertigt durch das Beachten des Gesetzes“ (NIV)
„gerechtfertigt durch den Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ (NLT)Die letzten drei englischen Übersetzungen lassen den Leser vermuten, dass Paulus von menschlichem Tun oder Befolgen als dem (legalistischen) Mittel spricht, mit dem diese Menschen ihre eigene Rechtfertigung erlangen wollen. Die neutraleren Übersetzungen lassen die Bedeutung entweder für eine neue Sicht auf Paulus oder eine traditionelle Auslegung offen, je nachdem, wie man den größeren Kontext liest.
Kapitel 3
Haben wir es hier also nur mit einer Neuinterpretation der Texte zu tun? Nein, denn so wie die neue Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert durch außerbiblische Quellen begründet wurde, so ist dies auch hier der Fall:
Dunn untermauerte sein Verständnis von „Werken des Gesetzes“, indem er eine ähnliche Verwendung des Begriffs in anderen jüdischen Schriften fand. So verwenden einige der Schriftrollen vom Toten Meer das hebräische Äquivalent „Werke des Gesetzes“, um die charakteristischen Praktiken der Sekte zu beschreiben. Durch diese Praktiken, diese „Werke des Gesetzes“, wurde deutlich, wer zur Sekte gehörte und wer nicht. Die Formulierung deutete nicht auf eine Theologie der verdienstvollen Leistungen hin, sondern darauf, wie man die wahren Anhänger Gottes erkennen konnte. Dasselbe tut Paulus im Galaterbrief, wenn er diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes“ sind, denen gegenüberstellt, „die aus dem Glauben sind“ (Gal 3,9-10).
Wo Paulus sich grundlegend von seiner jüdischen Tradition unterschied, war nicht die Rolle der Gnade, des Glaubens und des Gehorsams bei der Erlösung, sondern die Frage, ob die Erlösung daran gebunden war, Jude zu sein oder nicht.
Obwohl dieser entscheidende Ausdruck, „Werke des Gesetzes“, in den Paulusbriefen nur selten vorkommt (acht Mal), liegt seine Bedeutung hinter den vielen Vorkommen von „Gesetz“ oder „Werken“ selbst, als eine Art Kurzform für den umfassenderen Ausdruck. Wenn Paulus zum Beispiel von „Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Gal 2,21) oder „durch das Gesetz“ (3,11) spricht, meint er damit nicht das Bemühen des Einzelnen, sich durch das Halten des Gesetzes das Heil zu verdienen, sondern die jüdische Überzeugung, dass nur derjenige zum Volk Gottes gehört, der sich mit der Tora identifiziert; diese Rettung oder Rechtfertigung ist nur „durch die (Werke des) Gesetzes“ möglich.
Kapitel 3
Was ist also die zentrale Frage in den Briefen des Paulus?
Die Hauptfrage, die in diesen paulinischen Texten beantwortet wird, ist also nicht Martin Luthers verzweifeltes „Wie kann ich als Sünder einen gnädigen Gott finden?“, sondern „Wer gehört zur Gemeinschaft der Gerechten, zu Gottes errettetem Volk? “ Paulus so zu lesen, als ob er die Frage „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ beantworten würde, würde die Hauptabsicht des Apostels falsch verstehen. Stattdessen beantworten die Teile seiner Briefe, die sich mit der Errettung oder Rechtfertigung befassen, in der Regel die Frage: „Wie können die Heiden an der rettenden Gnade Gottes für Israel teilhaben?“
Kapitel 3
Vergleichen wir beide Sichtweisen anhand dieser Texte:
Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen.
Römer 3:27-30 Einheitsübersetzung 2016
Zuerst die traditionelle Sicht:
Eine traditionelle Auslegung versteht unter „Rühmen“ das Rühmen des eigenen Gehorsams gegenüber einem Gesetz oder einem Prinzip von Werken; es ist ein selbstgerechtes Rühmen. Der Glaube schließt ein solches Rühmen aus, da der Glaube dem Tun gegenübergestellt wird (Glaube versus Werke); wer einfach nur glaubt, ist gerechtfertigt, ganz unabhängig von jeglichem Tun („unabhängig von Werken“), und daher ist ein solches Rühmen nicht möglich. Das gilt für Juden und Heiden gleichermaßen, denn beide werden durch den Glauben und nicht durch das Tun gerechtfertigt.
Kapitel 3
Und nun die neue Sicht auf Paulus:
In der Lesart der neuen Sicht auf Paulus wird dieses „Rühmen“ als Rühmen des jüdischen Bundesprivilegs verstanden. Ein solches Rühmen wird durch das „Gesetz des Glaubens“, d. h. durch das neue Erkennungszeichen des Glaubens an Jesus als Messias, ausgeschlossen. Diese Öffnung des Heils für Nicht-Juden, ohne jüdisch zu werden, ist genau der Grund, warum Paulus sofort sagt, dass Gott nicht mehr „nur Gott der Juden“ ist.
Kapitel 3
Vielleicht musst du diese beiden Interpretationen derselben Worte des Paulus erst ein paar mal lesen und vergleichen, um den Unterschied zu erfassen. Irgendwann wird einem dann auch klar, warum dieses Thema für uns so wichtig ist: Möglicherweise hat das, was ich glaube, gar keine direkte Grundlage im Neuen Testament.
Bis jetzt haben wir jedoch erst die Beiträge von E. P. Sanders und James D. G. Dunn betrachtet. Das war aber noch lange nicht alles zur neuen Sicht auf Paulus. Wie wir im nächsten Teil sehen werden.


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