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  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)

    Von Christian


    Ist das Neue Testament ein Lehrbuch? Also in dem Sinn, wie wir es aus der Schule, Ausbildung oder Studium her kennen? Du möchtest in einem Bereich etwas Bestimmtes erlernen oder wissen? Dann erwartest du doch eine didaktisch klare und gut aufbereitete Darstellung, nicht wahr? Ist das Neue Testament so aufgebaut? Betrachten wir das mal am Beispiel einer Lehre, nämlich der Trinität oder Dreieinigkeit.

    Eines möchte ich gleich vorweg sagen: Das soll kein Versuch werden, mal eben schnell alle Fragen zur Lehre der Trinität zu klären. Sondern ein Beitrag zu Diskussion. Wenn es denn überhaupt zu einer Diskussion kommt, weil diese doch öfters vom Tisch gewischt wird, weil die Lehre doch offensichtlich wäre, oder die kirchlichen Gelehrten seit zweitausend Jahren davon überrzeugt sind. Oder die Diskussion besteht aus einem abwechselnden Zitieren von vermeintlichen ‚Beweistexten‘.

    Davon gab es schon genug. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus sind diese Diskussionen geführt und andere schließlich wegen abweichender Interpretationen als Häretiker oder Abtrünnige geächtet worden. Warum gab es aber schon in den ersten Jahrhunderten Diskussionen zum Wesen Gottes, Jesu und des heiligen Geistens? War das denn nicht durch die mündliche Überlieferung und den entstehenden Kanon des Neuen Testaments alles klar?

    Und noch eines möchte ich voraus schicken: Es geht hier auch nicht darum, ob irgendeine Form der Trinitätslehre ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ ist. Oder die Ablehnung davon. Das ist nämlich eine ganz andere Frage. Schließlich gibt es eine Menge Dinge, die wir alle als ‚wahr‘ oder ‚richtig‘ akzeptieren, die aber in der Bibel gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden.

    Was mir in Diskussionen zu diesem Thema oft fehlt, ist eine solide Übersicht über die Grundlagen, die Textzeugen, den Kanons des Neuen Testaments. Welche Ausdrücke wie kombiniert und vor allem wie häufig diese verwendet werden, gibt uns doch einen fundamentalen Hinweis. Denn was immer wieder wiederholt geschrieben wird, ist Teil der Lehre und des Denkens im ersten Jahrhundert. Was wir in den Manuskripten des Neuen Testaments nicht klar finden, war dann wohl zur Zeit deren Entstehung auch nicht.

    Verschaffen wir uns also einen Überblick über die Verwendung der Trinität im Text des Kanons des Neuen Testaments. Dabei gruppieren wir die Übersicht: Wo werden alle drei Teile der Trinität gemeinsam genannt und wo nur eine Kombination von beiden.

    Vater, Wort und der Heilige Geist sind eins

    Wie oft findet sich diese Aussage über der Trinität im Kanon des Neuen Testaments? Das haben wir schon in Teil 5 dieser Serie betrachtet. Genau einmal. Es steht in 1. Johannes 5:7-8. Genauer gesagt, es wurde dort hinzugefügt. Das Comma Johanneum.

    Wenn es sonst nirgends im Kanon zu finden ist, welcher im 4. Jahrhundert auf den Konzilen im Wesentlichen festgelegt wurde, sondern zu dieser Zeit in einer Glosse der lateinischen Bibel auftaucht, zu einer Zeit, in der auch die Trinität als Doktrin auf den Konzilen verpflichtend festgelegt wurde, dann spricht das schon für sich. Ist eine Lehre in einem Text vorhanden, dann braucht man keine Glosse hinzuzufügen oder gar nachträglich den ‚heiligen Text‘ verändern.

    Das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist eins sind, wird nirgends im Kanon des Neuen Testaments gesagt.

    Gott, Jesus/Christus und der Heilige Geist

    In diesen Versen kommt Gott, Jesus (bzw. Christus) und Geist bzw. der Heilige Geist vor:

    Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen.

    Matthäus 3:16 Züricher

    Dann wurde Jesus vom Geist Gottes ins Bergland der Wüste hinaufgeführt, weil er dort vom Teufel versucht werden sollte.

    Matthäus 4:1 NEÜ

    Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

    Johannes 3:5 Einheitsübersetzung

    Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.

    Apostelgeschichte 7:55 Züricher

    Ihr kennt Jesus von Nazaret und wisst, wie Gott ihn mit heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat; er zog umher und tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterdrückt wurden, weil Gott mit ihm war.

    Apostelgeschichte 10:38 Züricher

    und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseren Herrn,

    Römer 1:4 Schlachter 2000

    Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

    Römer 8:9 Züricher

    Wenn nun der Geist von dem [Kontext: Gottes] in euch wohnt, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, dann wird er durch den Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Körper lebendig machen, eben weil er Christus aus den Toten auferweckt hat.

    Römer 8:11 NEÜ

    der Gnade nämlich, ein Kultdiener zu sein des Christus Jesus für die Völker und als solcher das Evangelium Gottes als heilige Handlung zu vollziehen; so soll die Darbringung der Völker, geheiligt durch den heiligen Geist, Gottes Wohlgefallen finden.

    Römer 15:16 Züricher

    Ich bitte euch dringend, Brüder, helft mir zu kämpfen und betet für mich zu Gott! Denn durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe, die der Geist wirkt, sind wir doch miteinander verbunden.

    Römer 15:30 NEÜ

    Und das taten manche von euch. Dies alles aber ist von euch abgewaschen, ihr seid geheiligt worden, ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

    1. Korinther 6:11 Züricher

    Darum tue ich euch kund: Keiner, der im Geist Gottes spricht, sagt: Verflucht sei Jesus!, und keiner vermag zu sagen: Herr ist Jesus!, es sei denn im heiligen Geist.

    1. Korinther 12:3 Züricher

    Ihr zeigt ja selbst, dass ihr ein Brief von Christus seid, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, eingeprägt nicht in Steintafeln, sondern in menschliche Herzen.

    2. Korinther 3:3 NEÜ

    Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

    2. Korinther 13:13

    Der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.

    Epheser 1:17 Züricher

    Wenn es bei euch irgendeine Ermutigung durch Christus gibt, einen liebevollen Trost, Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, Barmherzigkeit und Mitgefühl,

    Philipper 2:1 NEÜ

    Denn die Beschnittenen, das sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und unseren Stolz auf Christus Jesus gründen und unser Vertrauen nicht auf das Fleisch setzen –

    Philipper 3:3 Züricher

    wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ⟨als Opfer⟩ ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!

    Hebräer 9:14 Elberfelder

    nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung durch den Geist, die zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi führt: Gnade sei mit euch und Friede in Fülle.

    1. Petrus 1:2 Züricher

    Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch.

    1. Petrus 4:14 NEÜ

    Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der sich zu Jesus Christus bekennt, der im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist, der sich nicht zu Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommt. Der ist jetzt schon in der Welt.

    1. Johannes 4:2,3 Züricher

    Das sind alle Text im Kanon des Neuen Testaments, welches ich mit der Suche „Gott* Jesu* Geist*“ sowie „Gott* Christus* -Jesus Geist“ auf dem ERF Bibleserver gefunden habe, und bei der sich Geist nicht auf den Geist eines Menschen bezog.

    Gott, Sohn und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Gott* Sohn* Geist“

    „Der Heilige Geist wird über dich kommen“, erwiderte der Engel, „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Kind, das du zur Welt bringst, heilig sein und Sohn Gottes genannt werden.

    Lukas 1:35 NEÜ

    Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in die euch der Heilige Geist als Leiter eingesetzt hat, damit ihr treue Hirten der Gemeinde Gottes seid. Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben.

    Apostelgeschichte 20:28 NEÜ

    Wie viel härter, meint ihr, wird die Strafe sein für einen, der den Sohn Gottes mit Füssen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für unrein gehalten und den Geist der Gnade verachtet hat?

    Hebräer 10:29 Züricher

    Vater, Jesus und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Jesus* Geist*“

    In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.

    Lukas 10:21 Einheitsübersetzung 2016

    Und ich bete, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch durch seinen Geist Weisheit gibt und euch zeigt, wie er selbst ist, dass ihr ihn erkennen könnt.

    Epheser 1:17 NEÜ

    Vater, Sohn und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Sohn* Geist*“

    Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Dabei sollt ihr sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen.

    Matthäus 28:19 NEÜ

    Hier wird nur auf diese drei Bezug genommen, aber nicht davon gesprochen, dass sie eins seien. Doch es gibt gute Gründe, warum auch dieser Text möglicherweise verfälscht ist. In diesem Artikel im Forum habe ich das detaillierter beschrieben. Hier nur ein paar Argumente aus der 2001 Translation:

    „Diese Worte fehlen in den parallelen Berichten in Lukas 24:47 und Apostelgeschichte 1:6. Alle anderen Taufanweisungen in der Bibel lassen diese Worte weg (Apostelgeschichte 2:38, Apostelgeschichte 8:15-16, Apostelgeschichte 10:48, Apostelgeschichte 19:5, Römer 6:3, Galater 3:27). Der antike christliche Schriftsteller Eusebius zitierte diesen Vers 18 Mal in einem Zeitraum von 36 Jahren. Die gefälschten Worte tauchten nicht in seinen Zitaten vor dem Konzil von Nicäa auf, sondern erst danach. Ironischerweise könnte dieser Mann derjenige sein, der diese falschen Worte eingefügt hat.“

    2001 Translation

    Was vermitteln diese Texte?

    Welchen Eindruck vermitteln dir die Texte, wenn du sie unvoreingenommen liest? Wir finden Gott, den Vater. Wir lesen von Jesus, dem Sohn. Und vom Geist oder heiligen Geist oder Gottes Geist. Aber wie oft lesen wir etwas darüber, wie diese zueinander in Beziehung stehen?

    Gott bzw. der Vater, Jesu bzw. der Sohn und der Heilige Geist werden in vielen Texten im Kanon des Neuen Testaments gemeinsam genannt, aber nie alle drei als gleich oder ebenbürtig dargestellt.

    Eine Erklärung wie in einem Lehrbuch sieht anders aus.

    Aber vielleicht ergibt sich die Gleichheit V == S == G transitiv: V == S und S == G damit auch V == G wie in der Mathematik. Also wenn Vater und Sohn gleich sind, und Sohn und Heiliger Geist, dann sind auch Vater und Heiliger Geist gleich.

    Paarweise Nennung von Gott/Vater, Jesus/Christus/Sohn, Heiliger Geist

    So viele Texte findet man durch diese Suchen:

    Verwendete Teile der TrinitätSucheAnzahl gefunde Texte in der NEÜ
    Vater SohnVater* Sohn* -Geist*43
    Gott SohnGott* Sohn* -Geist*83
    Gott JesusGott* Jesus* -Geist*254
    Vater JesusVater* Jesus* -Geist*77
    Vater ChristusVater* Christ* -Geist*37
    Gott ChristusGott* Christ* -Geist*168
    Geist ChristusGeist* Christ* -Gott*15
    Geist JesusGeist* Jesu* -Gott*41
    Geist SohnGeist* Sohn* -Gott*6
    Geist VaterGeist* Vater* -Jesus* -Christ* -Sohn*12
    Geist GottGeist* Gott* -Jesus* -Christ* -Sohn*93
    Gott und Vater und Jesus und HerrGott* Vater Jesus Herr* -Geist26

    In anderen Übersetzungen variiert die Zahl zum Teil deutlich, weil manchmal zum Beispiel ‚Gott‘ zur Erklärung eingeführt wird. Daher hatte ich in der Übersicht der Texte, in der alle drei genannt werden, jeweils den griechischen Text berücksichtigt.

    Das sind natürlich viel zu viele, um sie in einem Video zu betrachten. Aber mit diesen Angaben kann das jeder selbst tun. Liest man das Neue Testament einmal komplett selbst durch, kann man auch sicher sein, dass einem keine Stelle entgeht. Man sollte aber mehrere Übersetzungen vergleichen und zum Beispiel mit einer Interlinear-Bibel den griechischen Text verglichen, um zu sehen, ob es dort auch so steht. Wie gesagt, manchmal wird von Übersetzung Gott hinzugefügt (z.B. Gottes Geist), und bei Geist wird nicht konsequent ‚heilig‘ oder ‚Heiligkeit‘ mit übersetzt oder manchmal weg gelassen.

    Eine große Zahl von Texten unterscheidet klar zwischen Gott, der Vater genant wird und Jesus Christus als Herrn.

    Jesus Christus wird nie als der Gott bezeichnet.

    Der Heilige Geist wird nie Gott genannt.

    Interessant fand ich, wie oft eine Formulierung „Gott, unser Vater und Jesus Christus, dem Herrn“ verwendet wird: 30 mal habe ich gezählt. Das war mir beim Lesen des Neuen Testaments auch schon oft aufgefallen. Hier ein Beispiel:

    An alle in Rom, die von Gott geliebt und zu Heiligen berufen sind. Ich wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, dem Herrn.

    Römer 1:7 NEÜ

    Man findet diese Formulierung noch nicht in den Evangelien und der Apostelgeschichte, aber danach in Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, 1. Thessalonicher, 2. Thessalonicher, 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus, Philemon, 1. Petrus, 2. Johannes .

    Die Formulierung Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“ wird mindestens 30 mal und in mindestens 14 Briefen verwendet.

    Sie unterscheidet klar zwischen „Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“, und nicht „Jesus Christus, dem Sohn“. Und der Heilige Geist wird nie erwähnt. Und nur vom Vater, wird gesagt, dass er Gott ist, bzw. von Gott, dass er unser Vater ist. Jesus wird nicht als Gott sondern Herr angesprochen.

    Ging es den Autoren damals vielleicht viel mehr um die Rollen als um so ein Konzept wie die Trinität? Gott ist unser Vater, wie es in Jesu Mustergebet steht. Aber Jesus ist jetzt unser Herr. Und spätestens seit Pfingsten hatten sie auch so ihre Erfahrungen mit dem heiligen Geist gemacht – und keiner ist auf die Idee gekommen, dass jetzt der Vater oder Herr irgendwie in ihnen ist, so wie sie Vater und Herr beschrieben.

    Kommen wir auf die Frage vom Anfang zurück: Ist das Neue Testament ein Lehrbuch, wie wir es heute kennen? Nein. Oder um es einmal mit viel Ironie zu sagen: Was für eine Schlamperei von Paulus, Petrus und Johannes! Warum verwirren sie uns mit dieser Formulierung? Oder wenn du die Verbalinspiration für richtig hältst: Warum macht Gott uns hier so durcheinander, indem er so oft die verschiedenen Formulierungen gebraucht, anstatt die Sache klar darzustellen?

    Hat es wie bei anderen Themen Zeit gebraucht, bis sie verstanden wurden? Vielleicht ist das Thema damals gar nicht so wichtig gewesen? Waren die zentralen Botschaften des Evangeliums nicht ganz andere? Vielleicht wäre es gut, in Anbetracht dessen sich zu überlegen, ob die Lehre der Trinität tatsächlich das zentrale Dogma ist – oder nicht doch das Evangelium?

    Zusammenfassung

    Der Kanon des Neuen Testaments enthält viele Texte mit Interpretationsspielraum. Aber enthält auch keine Definition der Trinität wie in vielen Glaubensbekenntnissen. Fasst man das Neue Testament als Lehrbuch auf, dann wird keine Form der Trinität – oder gegenteiligen Auffassungen – sonderlich gut darin erklärt. Du möchtest dem widersprechen? Dann schaue dir einmal irgendein Lehrbuch zu dem Thema an. Wenn da nicht eine klare Definition und deren Erläuterung und Begründung enthalten sind, würdest du so ein Lehrbuch kaufen?

    Das Neue Testament ist bei keinem Thema wie ein heutiges Lehrbuch aufgebaut. Und sollte es auch nicht sein.

    War das Thema Trinität zu kompliziert für das erste Jahrhundert? Oder war es einfach bestenfalls zweitrangig im Vergleich zur Kernbotschaft des Evangeliums?

    Die Geschichte zeigt, dass es ein paar Jahrhunderte dauerte, um die heute verbreitete Fassung der Trinität festzulegen. Über die Entwicklung der Lehre der Trinität gibt es sehr viel Literatur. Wenn du die Fakten aus der Sicht eines kritischen Historikers lesen willst und English kannst, ist dieses Buch aufschlußreich: Wie Jesus Gott wurde: Die Erhöhung eines jüdischen Predigers aus Galiläa. Das ist übrigens von Bart D. Ehrman, der mit Bruce Metzger viele über den Kanon und die Manuskripte des Neuen Testaments gearbeitet hat.

    Warum erwähne ich das? Weil es sehr aufschlußreich ist, zu lesen, wie die selben historischen Fakten, Manuskripte usw. auch anders interpretiert werden können. Wenn man die Fakten von beiden Seiten beleuchtet sieht, kann man sie besser einordnen und sich selbst eine Meinung bilden.


  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 14: Zwischenbilanz

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 14: Zwischenbilanz

    Von Christian


    In den letzten 13 Teilen dieser Serie über den Kanon des Neuen Testaments haben wir eine ganze Menge an Fakten kennengelernt. Historische Fakten über die Entwicklung des Kanons und des Christentums und solche über den Text und die Manuskripte selbst.

    Vielleicht hast du dir schon im Laufe dieser Serie diese Fragen gestellt. Wenn nicht, tue ich es jetzt:

    • Und was soll ich damit anfangen?
    • Kann ich überhaupt noch daran glauben, dass ich in der Bibel Gottes Gedanken finde?
    • Warum kommen manche zu unterschiedlichen Schlüssen? Es sind doch für alle die selben Fakten. Gibt es keine objektive Antwort?

    Damit sind wir wieder bei dem Gedanken, dass eine persönliche Bewertung hier entscheidend ist. Dabei geht es nicht um persönliche Vorlieben, wie die Lieblingsfarbe. Sondern eher um dasselbe wie bei der Frage: Ist dieses Bild schön? Man sagt ja nicht zu Unrecht: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die Frage, welche zunserem Thema passt, ist schwieriger: Ist dieses Bild gut?

    Vincent van Gogh - Dr
    Vincent van Gogh „Porträt des Dr. Gachet“

    Kann die Frage „Ist diese Bild von van Gogh gut?“ einfach beantwortet werden? Mit ja oder nein? Schon an diesem Beispiel sehen wir, dass eine solche Frage nicht viel Sinn macht. Sollten denn alle Bilder der Welt in die zwei Gruppen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ eingeteilt werden?

    Genauso wenig macht die Frage Sinn, ob die Bibel wahr oder falsch ist.

    Was die Frage betrifft, „Ist dieses Bild von van Gogh gut?“, magst du denken, dass es dafür doch objektive Kriterien gibt:

    • Ausführung (Farben, Details, Technik)
    • Ausdruck
    • Echtheit
    • Alter des Bildes
    • Künstler
    • Erhaltungszustand
    • usw.

    Moment mal, warum ist das Alter eines Bildes ein objektives Kriterium ob es gut ist? Vergleichen wir einmal Jahrtausende alte Zeichnungen in einer Höhle mit einer ähnlich aussehenden Kreidezeichnung von Kindern auf der Straße. Da besteht doch ein gewaltiger Unterschied, oder nicht? Es geht dabei allerdings um eine leicht andere Frage: Was ist dieses Bild wert?

    Und das ist auch die Frage, die uns in Bezug auf die Bibel wirklich interessiert: Welchen Wert hat die Bibel für uns?

    Damit kommen aber auch allgemeine und persönliche Bewertungsfaktoren ins Spiel. Beim Bild zum Beispiel:

    • Für wie bedeutend hält man bzw. hältst du den Künstler?
    • Wie wichtig ist (für dich) der Erhaltungszustand? Kleine Beschädigungen, Alterung der Farben, usw.
    • Gefällt dir das Bild immer noch, auch wenn es nicht das Original sondern eine fast perfekte Kopie ist?

    Du kannst dich aber natürlich auch auf den Standpunkt stellen, dass dieses Bild wertvoll sein muss, weil es 1990 für 82,5 Millionen US$ verkauft wurde … Das entspricht in etwa dem Gedanken, dass die Bibel für einen wertvoll ist, weil erstens Experten und zweitens Millionen anderer sie schätzen. Da es nun aber auch Experten und viele Millionen anderer es gibt, welche die Bibel überhaupt nicht schätzen, hilft uns das auch nicht unbedingt weiter.

    Mit dem Kanon des Neuen Testaments sollten wir also besser selbst die objektiven Kriterien gut kennen. Das haben wir in dieser Serie gemacht. Und uns dann bewusst werden, wie wir diese subjektiv, persönlich bewerten. Das ist nämlich der Schlüssel zu der Beobachtung, dass bei gleicher Faktenlage Menschen zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nehmen wir nur einmal zwei Personen, denen wir im Laufe dieser Serie begegnet sind: Die beiden Gelehrten Bruce M. Metzger und Bart. D. Ehrmann. Beide haben zum Kanon des Neuen Testaments gearbeitet, Ehrmann hat bei Metzger seine Doktorarbeit geschrieben. Während man in Metzgers Buch lesen kann, wie menschlicher und göttlicher Einfluß bei der Entstehung des Kanons zusammengewirkt haben, sieht sich Ehrmann heute nicht einmal mehr als Christ. Je mehr er die Unterschiede und Änderungen in den Manuskripten studiert hat, desto weniger war er von ihnen überzeugt.

    Aber warum kann man bei gleicher Faktenlage zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen?

    Fakten und ihre Bewertung

    Da hilft uns ein Beispiel aus einem anderen Bereich des Lebens. Du möchtest ein Haus kaufen. Der Notar sagt dir: Ich habe den Vertrag schon fertig gestellt, einfach hier unten unterschreiben. Würdest du das tun? Zumindest würdest du ihn in Ruhe durchlesen wollen. Dabei stellst du ein paar Dinge fest, die du nicht verstehst und mit dem Text scheint auch manchmal etwas nicht zu stimmen. Auf Nachfrage erfährst du: Der Verkäufer hat seinen Text in mehreren Teilen an seinen Rechtsanwalt geschickt. Genauer gesagt lagen sogar verschiedene Versionen vor. Bei der Übertragung zum Notar und der Abschrift dort sind dann leider noch ein paar Fehler aufgetreten. Aber der Notar hat das nach bestem Wissen korrigiert und auch sonst ein paar Dinge geändert, die so nicht richtig gewesen sein konnten. Nichts Wesentliches, nur ein paar Kleinigkeiten. Würdest du jetzt unterschreiben?

    Bei einem Vertrag wird das wohl kaum einer tun. Aber wenn es um den eigenen Glauben, dein Leben und deine Zukunftshoffnung geht, machen viele das mit der Bibel: Pauschal unterschreiben. Und neigen sogar dazu, vor den Fakten, die wir bisher betrachtet haben, Angst zu haben, sie zu ignorieren oder sogar ganz zu leugnen. Warum eigentlich? Hier scheinen viele andere Faktoren eine größere Rolle zu spielen als eine rationale Bewertung der Fakten.

    Um bei dem Vergleich zu bleiben: Wenn du den Notar schon lange persönlich, als kompetent und absolut vertrauenswürdig kennst und seine Kanzlei sehr zuverlässig arbeitet, dann wirst du doch keine Probleme damit haben, die erhaltenen Dokumente und deren Überarbeitungen zu überprüfen. Und dann hinkt dieser Vergleich: Einen Vetrag musst du ganz oder gar nicht unterschreiben. Und vielleicht ist das in Bezug auf die Bibel auch eine unbewusste Annahme von uns gewesen.

    Es sind also oft die Annahmen, die wir zu einem Thema bewusst oder unbewusst haben, welche eine sehr wichtige Rolle bei der persönlichen Reaktion auf Fakten spielen. Fassen wir diese zunächst einmal zusammen.

    Die Fakten

    Was die Bibel, das Alte und Neue Testament betrifft, wollen wir also wissen, wie zuverlässig unsere Quellen für diesen oder jenen Text sind. Und da hat die Forschung, die historische und die Bibelkritik, wie wir gesehen haben, anstatt zu verunsichern, Gewissheiten gebracht:

    Die Autographen sind zwar verloren, aber diese und die Kopien wurden ständig verlesen und gebraucht. Zusammen mit der mündlichen Überlieferung konnten die Christen zur Zeit der ersten Kopien diese noch vergleichen.
    Natürlich bleibt eine bestimmte Ungewissheit, weil wir den Zustand der ersten Kopien nicht anhand von Mansukripten überprüfen können.

    Es gibt etwa 5.800 griechiche Manuskripte und viele weitere Tausende in Latein und anderen Sprachen. Aus den ersten vier Jahrhunderte sind aber nur sehr wenige Manuskripte und davon nur sehr wenige vollständige erhalten geblieben. Es gibt schon früh Übersetzungen.

    Es gibt wohl über 400.000 Abweichungen zwischen den Manuskripten des Neuen Testamants, das selbst nur 140.000 Wörter hat. Aber die meisten sind Schreibfehler und können so eleminiert werden.

    Es gibt absichtliche Veränderungen: Aus guter Absicht, weil man Randnotizen für original hielt zum Beispiel. Aber es gab auch solche mit der Absicht, eine bestimmte Lehre zu verteidigen oder verhindern. Viele davon kennen wir mittlerweile. Andere werden noch im Text bisher unerkannt schlummern. Wir wissen also, dass es noch Überraschungen geben kann. Die Tatsache, dass ein Textvergleich überhaupt möglich ist, zeigt aber, dass es auch sehr große Übereinstimmungen gibt.

    Der Kanon des Neuen Testaments festigte sich erst nach rund 300 Jahren nach einer Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Nichts spricht dagegen, dass Gott diesen Prozess beeinflußt hat, auch wenn die menschliche Hand nur zu gut zu sehen ist. Geblieben aber sind Schriften, die vor allem wegen der Qualität ihres Inhalts überzeugen, besondern im Vergleich zu denen, die nicht im Kanon sind.

    Wenn Gott den Text inspiriert hat, dann so, indem er die ultimative Quelle ist. Das läßt oft Raum für Formulierungen durch den menschlichen Autor. Und entsprechend kann er auch die Arbeit derjenigen überwacht haben, welche die Texte überarbeitet, zusammengestellt und kopiert haben. Das geschah nicht fehlerfrei – was auch nie zugesagt wurde –, aber gut genug, um den Zweck zu erfüllen.

    Betrachtet man die Evangelien, die Schriften des Paulus, die anderen Schriften im Kanon des Neuen Testaments, Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, die Schriften der Kirchenväter und Konzile in zeitlicher Reihenfolge, kann man erkennen, wie Lehren des Christentums über die Jahrhunderte erst entstanden oder entwickelt wurden.

    Mit dem letzten Punkt haben wir uns in dieser Serie bisher noch nicht beschäftigt. Aber dies ist ja auch erst eine ‚Zwischenbilanz‘.

    Betrachten wir zuerst einmal einige individuelle Bewertungen der aufgeführten Fakten.

    Individuelle Bewertungen

    Lass uns einmal ein paar individuelle Bewertungen betrachten und uns dabei fragen, inwieweit sie das Ergebniss von Fakten, Annahmen und persönlichen Bewertungen sind.

    Bewertung 1

    „Das stimmt alles nicht. Das wurde nur erfunden, um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift in Misskredit zu bringen. Für mich ist und bleibt das alles Gottes Wort.”

    Gut. Kann man so machen. Das Leugnen von Fakten ist aber auch sonst im Leben keine besonders gute Strategie. Könnte es sein, dass es hier mehr darum geht, dass bestimmte Annahmen und Behauptungen zur Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel ausschlaggebend sind? Oder weil sonst gewisse Glaubenslehren ins Wanken kommen könnten?

    Bewertung 2

    In Titus 1:2 steht: „Gott, der nicht lügen kann”. Wenn Gott nicht lügen kann, kann in der Bibel auch nichts Falsches stehen.

    Diese Überlegung beinhaltet einige inkorrekte Schlussfolgerungen, führt aber vielleicht dazu, dieses Thema in Zukunft zu ignorieren. Das führt uns auch nicht zu einem stabilen Fundament des Glaubens.

    Bewertung 3

    „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann, die Wahrheit spricht“.

    Wenn jemand so denkt und dann erfährt, dass Texte in der Bibel gefälscht wurden, kann das dazu führen, dass die Bibel als Ganzes abgelehnt wird. Setzt aber voraus, dass man davon ausgehen darf, dass die Bibel fehlerfrei erhalten sein muss.

    Bewertung 4

    Eine ‚heilige Schrift‘ darf keine Fehler oder menschlichen Einfluß enthalten.

    Das kann man so glauben und als Grundannahme haben. Es ist aber kein Naturgesetz, sondern ein Glaubensdogma. Es ist aber leider zu unscharf formuliert und führt zu Schwierigkeiten, wenn man darüber nachdenkt.

    Nehmen wir die Tafeln mit den 10 Geboten (eigentlich Wörtern … anderes Thema). Nehmen wir an, du bekommst sie von Gott in die Hand gedrückt. Wenn dort steht „du sollst nicht morden“ und später „du sollst morden“, dann könnte man schon an der Göttlichkeit dieses Textes zweifeln. Wäre aber an der Tafel eine Ecke abgebrochen und ein Teil der Wörter schlecht lesbar, würdest du es Gott zurückgeben, weil du das so nicht als göttlich akzeptieren kannst? Wenn du jedoch einhundert Jahre später die Tafeln bekommst, die aber leider zerbrochen sind. Und manche Wörter sind beschädigt und zwei Sätze sind nur halb erhalten und an einer Stelle ist etwas repariert worden … dann bist du in der Situation über die wir in dieser Serie gesprochen haben. Und dann erfährst du noch, dass das gar nicht das Orinigal ist! Sondern Mose musste nochmal .. weil er das Original zertrümmert hat …

    Übrigens enthält die Bibel oft genug Passagen, in denen ausgedrückt wird, wie derjenige fühlte und dachte, der es schrieb. Ist das nicht schon ein menschlicher Einfluß? Gott hat dem Psalmisten ja nicht seine Niedergeschlagenheit so inspiriert, dass er es für die heilige Schrift passend als göttliche Gedanken aufschreiben konnte.

    Enthält die Bibel logische Widersprüche oder widersprüchliche Aussagen? Darüber haben wir überhaupt noch nicht gesprochen. Und auch die Bewertung des Inhalts kann auch zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen.

    Bewertung 5

    „Es wäre ja schön gewesen, wenn wir perfekte Kopien hätten oder sogar die Autographen mit Echtheitsgarantie. Aber so ist es nun einmal nicht. Sehen wir, was wir am Besten daraus machen können. Beim Text der Bibel berücksichtige ich, wie gesichert der Text aufgrund der Manuskripte ist.“

    Ein Gedanke oder eine Lehre, die auf vielen Texten beruht, ist zuverlässiger als etwas, was nur in einem Text vorkommt. Falls in diesem Fall sich die Manuskripte auch noch unterscheiden oder es Unterschiede zum Kontext und den anderen Texten gibt, ist die Zuverlässigkeit eher gering. Mit diesem Umstand kann man leben und ihn berücksichtigen.

    Ungewissheiten und Risiken

    Die persönliche Gewichtung von Fakten führt also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Bei gleicher Faktenlage.

    Es geht aber nicht nur um die Bewertung von Fakten, die wir kennen, sondern auch um Ungewissheiten und damit Risiken. Es gibt eine Lücke zwischen den frühesten uns erhaltenen Kopien und den Autographen. Auch hier kann man unterschiedlich bewerten.

    • „Da ich über diese Zeit nichts weiß, gehe ich davon aus, dass dort alles Mögliche passiert sein kann und das Neue Testament völlig zerstört wurde. Ich traue der Sache gar nicht.“
    • „Ich kann zwar nicht direkt überprüfen, was in der Zeit zwischen den Autographen und den frühesten uns erhaltenen Kopien passiert ist. Aber indirekt kann man gewisse Aussagen machen. Von einigen Autographen haben wir erfahren, dass sie noch viele Jahrzehnte zum Vorlesen verwendet wurden. Grobe Fehler in einer Kopie wären also aufgefallen. Die Textkritik hat die Unterschiede aufgezeigt. Aber damit auch die Gleichteile. Viele Veränderungen sind korrigiert. Bei anderen unklaren Unterschieden bewerte ich die Passage als nicht sehr zuverlässig. Es gibt ein Restrisiko, dass weitere verfälschte Texte gefunden werden. Aber dass ein neu gefundenes Manuskript alles auf den Kopf stellt, halte ich für unwahrscheinlich. All das berücksichtige ich, wenn ich in der Bibel lese.“

    Vielleicht wartest du immer noch darauf – oder hoffst darauf – dass ich hier eine abschließende, allgemeingültige Aussagbe treffe, was du von dem Kanon des Neuen Testaments halten sollst. Nun, ich hoffe, es ist klar geworden, dass es die nicht geben kann. Damit würde ich dir eigentlich auch die Verantwortung, die jeder selbst hat, abnehmen. Und so beende ich diese ‚Zwischenbilanz‘ in der Hoffnung, dass du nun genügend Material hast, um deine persönliche Bewertung und Position finden zu können.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen

    Von Christian


    Rom, Ende Juli 144 n. Chr. „Der Klerus der christlichen Gemeinde zu Rom hält eine Anhörung ab. Ein sehr angesehenes Gemeindemitglied namens Marcion steht vor den Presbyterien, um ihnen seine Lehre des Evangeliums zu darzulegen, mit dem Ziel, die Ältesten zu überzeugen.

    Aber das, was er jetzt den Presbytern vortrug, was so ungeheuerlich, daß es seinen Zuhörern die Sprache verschlug. Die Veranstaltung endet mit einer schroffen Ablehnung der Ansichten Marcions. Er wurde förmlich exkommuniziert.“ (Bruce M. Metzger, Der Kanon des Neuen Testaments, S. 96)

    Jehovas Zeugen denken dabei vielleicht an ihre Rechtskomittees, den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und Ausgrenzen so eines Abtrünnigen. Es gibt da aber viele Unterschiede. Vor allem einer: „Er war schon einige Jahre Mitglied einer der römischen Kirchen und hatte seine Rechtgläubigkeit durch umfangreiche finanzielle Zuwendungen unter Beweis gestellt. Zweifellos war er ein angesehenes Gemeindemitglied. … Doch dann wurde er förmlich exkommuniziert und seine Geldzuwendungen wurden ihm zurück erstattet.“ (Metzger, S. 96) Das hat wohl noch niemand bei den Zeugen Jehovas erlebt. Wir hätten uns gewiss bei unserem amtlichen Austritt aus der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas über eine Rückerstattung unserer Spenden gefreut. Aber das ist ein anders Thema …

    Die Lehre des Marcion

    Welche Lehre hat denn Marcion vorgetragen, die eine solche Reaktion auslöste? Marcion schrieb nur ein einziges Werk, die Antithesen. Es ist uns nicht erhalten geblieben, was bei einem für die Kirche so gefährlichen Buch nur zu verständlich ist. Wir wissen aber, dass diese Gedanken lange Zeit eine der stärksten Strömungen im Christentum waren und auf heftigste bekämpft wurden. Tertullian schrieb »Fünf Bücher gegen Marcion«. Und das war schon sein zweites, ausführlicheres Werk! Irgendetwas scheint also doch an der Lehre Marcions dran gewesen zu sein, wenn so ein Aufwand notwendig war, um zu beweisen, dass sie häretisch war – oder sollten wir vielleicht besser sagen: Nicht orthodox.

    Wenn also schon die Entgegnungen so umfangreich sind, kann man die Lehre auch nicht in wenigen Sätzen angemessen erklären. Wer mehr wissen möchte, der sei auf das monumentale Werk (640 Seiten) des Gelehrten Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott

    Nachdruck von Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, Adolf von Harnack, 1921

    Oder aus neuerer Zeit Barbara Aland Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009. Da wir hier aber primär nicht sein Lehre selbst analysieren wollen, sondern welche Auswirkungen er auf den Kanon des Neuen Testaments hatte, fangen wir mit ein paar Aussagen von Paulus an.

    Es schreibt Paulus, ein Apostel, der nicht von Menschen gesandt oder durch einen Menschen zum Apostel gemacht wurde, sondern durch Jesus Christus selbst und durch Gott, den Vater, der Jesus aus den Toten auferweckt hat.

    Aber Gott hatte mich schon im Mutterleib ausgewählt und in seiner Gnade berufen.

    Es muss euch klar sein, meine Brüder: Das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, ist kein Menschenwort. Ich habe es nicht von Menschen empfangen oder gelernt, sondern ich erhielt es durch Offenbarung von Jesus Christus.

    … habe ich nicht erst Menschen um Rat gefragt. Ich reiste nicht einmal zu denen nach Jerusalem, die schon vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.

    Von Seiten der Angesehenen aber, von denen, die etwas zu sein scheinen – was sie einst waren, spielt für mich keine Rolle, bei Gott gibt es kein Ansehen der Person … Mir jedenfalls haben die Angesehenen nichts auferlegt [wörtlich mir nichts Neues gegeben], im Gegenteil: Als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist so wie dem Petrus dasjenige für die Beschnittenen – der nämlich, der an Petrus gewirkt hat, um ihn zum Apostel der Beschnittenen zu machen, hat auch an mir gewirkt, um mich zu den Heiden zu senden -, und als sie die Gnade erkannten, die mir geschenkt war, da gaben Jakobus und Kefas und Johannes, die Angesehenen, die als ‚Säulen‘ gelten, mir und Barnabas die rechte Hand zum Zeichen ihres Einverständnisses: Wir sollten zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen

    Als dann aber Kephas nach Antiochia kam, musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er durch sein Verhalten im Unrecht war.

    Aber was für einen Sinn hat dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt, um die Gesetzesübertretungen sichtbar zu machen, und zwar so lange, bis der Nachkomme käme, dem das Versprechen galt.

    Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren.

    So wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, so bringt eine einzige Tat, die Gottes Rechtsforderung erfüllte, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben.

    Galater 1:1,15,11,12,16,17 Neue Evangelistische Übersetzung; Galater 2:6-9 Züricher; Galater 2:11; 3:19; 5:4 NEÜ; Römer 5:18 NEÜ

    Welche Überzeugung vermittelt hier Paulus von sich und dem Evangelium?

    • Paulus wurde direkt von Jesus Christus selbst und Gott, dem Vater zum Apostel.
      Die anderen Apostel wurde von Jesus ausgewählt.
    • Er wurde sogar schon im Mutterleib von Gott ausgewählt.
      Das kann kein einziger der anderen Apostel von sich sagen und sagte es auch nie.
    • Er erhielt das Evangelium durch Offenbarung von Jesus Christus.
      Als Quelle erwähnt er keine Evangelien oder Berichte der anderen Apostel.
    • Im Gegenteil: Es hielt es nicht für nötig, die vor ihm ernannten Apostel in Jerusalem zu Rate zu ziehen, als wäre es nur Rat von Menschen.
    • Die Angesehenen, deren Ansehen er für unwichtig hält, die Apostel und Ältesten, die ‚Säulen‘ der Gemeinde in Jerusalem, hatten für ihn nichts Neues.
    • Ihm wurde das Evangelium für die Heiden anvertraut. Damit waren sie einverstanden.
    • Paulus musste sogar Petrus öffentlich zur Rede stellen.
    • Das Gesetz ist dazu da, die Sünde und Übertretung sichtbar zu machen. Der Gegensatz dazu ist die Gnade durch Christus. Zumindest kann man das so interpretieren.
    • Leben kommt nur durch den Opfertod Jesu.

    Vergleichen wir das einmal mit wesentlichen Elementen der Gedanken und Lehren Marcions, soweit sie sich aus den Schriften seiner Gegner rekonstruieren lassen (ich vereinfache hier, aber sonst wird es ein sehr langer Text bzw. Video):

    • Paulus ist der einzig wahre Apostel, denn nur er hat das Evanglium wirklich verstanden.
    • Die anderen Apostel sind in das alten jüdische Denken zurückgefallen oder haben das wahre Evangelium nie ganz verstanden.
    • Das Alte Testament mit dem Gesetz und seinem gerechten, strafenden Gott steht ihm Gegensatz zu dem liebevollen Gott und Jesus Christus und deren Erlösung durch Gnade.
    • Das Alte Testemant ist für die Gläubigen daher nicht mehr wichtig, sondern nur das Evanglium.

    Die Bedeutung des Paulus als Apostel und des Evangeliums, wie er es predigte, wird nicht nur hervorgehoben sondern konsequent weiterentwickelt – zum Teil sogar radikal weiter entwickelt. Interessant ist doch aber, dass viele Christen heute ziemlich genau so denken, nicht wahr? „Du musst nur an Jesus glauben, und dann bist du gerettet.“, „Jesus liebt dich.“, „Die Liebe ist das Wichtigste.“ „Das Alte Testament ist für uns heute nicht so wichtig.“ Obwohl die Kirche Marcion und seine Bewegung erbittert bekämpft hat, scheinen mir heute wieder ziemlich viele so eine Art Marcionisten zu sein.

    Einen zentralen Punkt in Marcions Theologie habe ich aber noch nicht erwähnt. Hier entwickelt er die Paulinischen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter. Wenn so ein Unterschied zwischen mosaischem Gesetz und der Liebe des Christus besteht, wenn der Gott des Alten Testaments gerecht aber auch grausam ist, im Evangelium aber als Gott der Liebe beschrieben wird, der ganz Liebe ist, dann kann JHWH aus der jüdischen Bibel und der Gott es Evangeliums nicht der Selbe sein! Es muss ein uns bisher unbekannter Gott sein! Den Gott des Alten Testaments, der jüdischen Bibel, den Schöpfergott dieser sündigen, ungerechten Welt nannte er den Demiurg, von altgriechisch δημιουργεῖν ‚schaffen‘. Er, der in der jüdischen Bibel sich selbst als JHWH bezeichnet, ist der niedrigere Gott des Gesetzes, der strafende. Ein Gesetz, das nur dazu da war, die Fehlerhaftigkeit und Sünde der Menschen und der Schöpfung aufzuzeigen. Den höchsten Gott kannten wir daher bisher gar nicht. Er ist ein Gott voller Liebe und Güte und er hat Jesus als seinen Gesandten geschickt. Er ist der Erlösergott, der weit über dem bösen Schöpfergott des Gesetzes steht. Der Schöpfergott verurteilt uns zum Tod, der Erlösergott schenkt uns das Leben.

    Die Trennung in zwei Gottheiten mag uns vielleicht nicht behagen. Aber unterscheiden nicht viele Menschen so den Gott des AT und des NT? Selbst heute sehen also viele hier einen Gegensatz und lösen diesen auf erstaunlich ähnliche Art und Weise. Und tatsächlich ist damals so manches theologische Konzept Marcion doch in die Lehren der Kirche später aufgenommen worden. Vergesssen wir auch nicht, dass nach seiner Exkommunikation sich viele Gemeinden seiner Lehre anschlossen und zu einer der wichtigsten Strömungen der Christenheit wurde.

    Bedenkt man, dass die Streitigkeiten zum Thema GESETZ schon zur Zeit des Paulus aktuell waren und das Verhältnis der Jünger Jesu zum Judentum sich stetig weiter entwickelte, wäre er vielleicht damit noch ein Zeit lang mit durchgekommen (ich spekuliere jetzt). Aber eine Sache war für ihn logische Konsequenz, die sicher mit ausschlaggebend war: Der Gesandte des Erlösergottes, war durch und durch gut und voller Liebe und konnte deswegen nur göttlich sein. Er konnte nichts menschliches an sich haben, denn die Menschen sind Teil der Schöpfung und damit das unvollkommene Werk des Demiurgen. Menschen können sich nicht von selbst aus dem Bösen und dem Gesetz befreien. Daher erschien es nur so, als ob der Gottessohn ein Mensch geworden wäre. Er war auch nicht der im AT vorhergesagte Messias. Das war natürlich die schreckliche Häresie des Doketismus, die von der Kirche ebenso vehement bekämpft wurde. Das wurde ja schon zwischen erstem und zweiten Jahrhundert festgehalten:

    Ich schreibe euch das, weil viele Verführer in der Welt unterwegs sind. Sie behaupten, dass Jesus Christus nicht als Mensch von Fleisch und Blut zu uns gekommen ist. Dahinter steckt der eigentliche Verführer und Antichrist.

    2. Johannes 1:7 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das Problem mit der Natur Jesu Christi hat, wie wir schon gesehen haben, viele beschäftigt und nur eine von mehreren Strömungen hat überlebt. Marcions Wirken hatte aber einen weiteren interessanten Einfluß.

    Wie hat Marcion die Entwicklung des Kanon beeinflußt?

    Marcion war der Überzeugung, dass nur Paulus das wirkliche Evangelium direkt von Gott und Christus empfangen hätte und die anderen Apostel es nicht verstanden und sogar mit Gedanken aus der jüdischen Bibel vermischt hätten. Wenn man Paulus so im Galater und anderen Briefen hört, klingt das gar nicht so anders. Tatsächlich waren die Briefe des Paulus und seine Theologie in Teilen der Kirche aber gar nicht mehr so bestimmend wie noch Mitte des ersten Jahrhunderts. Marcion wollte daher das wahre Evangelium wiederherstellen. Auch zu seiner Zeit gab es schon verschiedene Evangelien, mit unterschiedlichen Darstellungen, und verschiedene Kopien und Überlieferungen – ganz zu schweigen von den Apokryphen. Er wählte daher das Lukas Evanglium als das einzig wahre aus und bereinigte es von ‚Fehlern‘. Wir hatten in dieser Serie auch viele Beispiele gesehen, in denen Abschreiber mit voller Absicht den Text änderten, um eine bestimmte Lehre zu untermauern oder verhindern. Marcion hatte den Eindruck, dass selbst Schriften des Paulus auf diese Weise ‚verdorben‘ waren und stellte eine Sammlung von korrigierten Schriften auf. Daher sind wichtige Gelehrte der Meinung, dass Marcion damit der erste war, der einen Kanon der christlichen Schriften erstellte! Ausgerechnet dieser Häretiker! Tatsächlich hat seine Arbeit aber auf jeden Fall dazu beigetragen, die Entwicklung des Kanons des Neuen Testaments, so wie wir es kennen, zu beschleunigen.

    Zusammenfassend möchte ich daher aus Adolf von Harnacks Werk zitieren (S. 262ff, Deutsch von 1921). Hinweis: Soteriologie ist die Lehre der Erlösung des Menschen im christlichen Kontext.

    Nicht nur durch die Tatsache, dass alle diese Stücke bei Marcion früher auftauchen als in der großen Kirche, wird die causierende Priorität dieses einzigen Mannes bewiesen, sondern noch sicherer durch die Beobachtungen (s. Beilage III und IV), wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat. Vor allem spricht hier das mächtige Eindringen der Marcionitischen Prologe zu den Paulusbriefen in die lateinische Bibel der Kirche die beredteste Sprache. Wie oft muss anfangs die Marcionitische Briefsammlung in die Hände der Katholiken gekommen und zunächst unerkannt geblieben sein! Es fehlten eben Jahrzehnte lang in den katholischen Kirchen Exemplare der Paulusbriefe. Aber auch die offenbare Tatsache, dass Irenäus, der Begründer der soteriologischen Kirchenlehre, sowie Tertullian und Origenes ihre biblischen Lehren über Güte und Gerechtigkeit, über Evangelium und Gesetz, über den Schöpfergott und den Erlösergott usw. im Kampf gegen Marcion entwickelt und dabei vom ihm gelernt haben, ist von höchstem Belang. Endlich – durch Marcion ist auch für die große Kirche Paulus wiedererweckt worden, den z.B. ein Lehrer wie Justin bereits ganz zur Seite geschoben und der römische Christ Hermas völlig ignoriert hatte. Vor allem aber die Stellung der großen Christenheit zum AT ist infolge der Auseinandersetzung mit Marcion eine wesentlich andere geworden als früher. Vorher war die Gefahr brennend, dass man das AT als die christliche Urkunde, teils wörtlich, teils allegorisch erklärt, anerkannte und sich mit ihr begnügte; jetzt wurde zwar diese Gefahr noch immer nicht endgültig beseitigt und eine befriedigende Klarheit nicht hergestellt, aber die Beurteilung, dass im AT „das Erz noch in den Gruben liegt“ und dass es die legisdatio in servitutem sei gegenüber der neutestamentlichen legisdatio in libertatem, schaffte sich doch Raum und Ansehen. Ja wir hören jetzt von hervorragenden Kirchenlehrern Äußerungen über das AT, die noch über Paulus hinausgehen. Das verdankt die Kirche Marcion.

    Nimmt man hinzu, dass erst nach Marcion in der großen Christenheit die zielstrebige Arbeit begonnen hat, die heilige Kirche, die Braut Christi, die geistige Eva, den jenseitigen Äon vom Himmel herbeizuführen und auf Erden die Gemeinden zu einer tatsächlichen Gemeinschaft und Einheit auf dem Grunde einer festen, im NT wurzelnden Lehre zusammenzuschließen, wie er es getan hat, so ist erwiesen, dass Marcion durch seine organisatorischen und theologischen Conceptionen und durch sein Wirken den entscheidenden Anstoß zur Schöpfung der altkatholischen Kirche gegeben und das Vorbild geliefert hat. Ihm gebührt ferner das Verdienst, die Idee einer kanonischen Sammlung christlicher Schriften, des Neuen Testaments, zuerst erfasst und zuerst verwirklicht zu haben. Endlich hat er als erster in der Kirche nach Paulus die Soteriologie zum Mittelpunkt der Lehre gemacht, während die kirchlichen Apologeten neben ihm die christliche Lehre auf die Kosmologie gründeten.

    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245ff
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 246
    Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 247

    Welche Strömungen gab es unter Christi Jüngern?

    Nachdem wir erkannt haben, dass sogar eine christliche Strömung, die nicht überlebt hat, einen Einfluß auf die Schriften und den Kanon hatte, stellt sich die Frage, ob es noch andere solche gab.

    Zuerst einmal lebten Jesus und die Jünger im Judentum in der Zeit des zweiten Tempels. Damals gab es die Strömungen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten und anderer. Die Jünger kamen aus oder standen diesen Gruppen nahe, vermutlich bis auf die Sadduzäer, der priesterlich-aristokratischen Oberschicht. Paulus war ein Pharisäer gewesen, und Simon der Eiferer war vielleicht ein Zelot gewesen. Aber auch der Einfluß der Essener, welche den Messias erwarteten, sollte nicht ignoriert werden. Interessant ist, dass von diesen nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. im wesentlichen nur die Phärisäer überlebten.

    Dann kamen auch die ‚Heiden‘, also Menschen, die keine Juden waren, dazu. Das waren zum Teil auch ‚Gottesfürchtige‘, also Heiden die schon mit dem Judentum sympathisierten. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. war natürlich ein einschneidendes Ereignis. Im wesentlichen kann man die Strömungen bei den Christen in drei Richtungen einteilen:

    • Judenchristen
      • Nazarener (Wikipedia, Nazarener)
        Sie hielten das Halten des Gesetzes weiter für wichtig und sahen in Jesus einen Propheten. Anders als die Ebioniten akzeptierten sie aber die Jungfrauengeburt. In der patronistischen Zeit und den Kirchenvätern waren sie bekannt und ihr Standpunkt wurde diskutiert
      • Ebioniten (Wikipedia, Ebioniten)
        Ob sie sich selbst diese Bezeichnung, ‚die Armen‘, gaben, ist unbekannt. Aber sie versuchten wie Jesu erste Jünger, alles aufzugeben. Für sie musste man, um ein Jünger Jesus zu sein, auf jeden Fall ein Jude sein. Für sie lebte Christus nicht, bevor er auf der Erde lebte. Er war nur ein Mensch, den Gott wegen seiner Gerechtigkeit adoptierte und eine besondere Stellung gab. Sie lehnten auch die Theologie des Paulus ab.
        Daher waren sie für die vor-orthodoxen Christen Häretiker, die es zu bekämpfen galt. Deswegen wurde insbesondere die Position bekämpft, dass Jesus nur ein Mensch war. Und wie wir gesehen haben, hat man deswegen auch den Text der Schriften manchmal geändert.
    • Paulinische Christen
      Christen, deren Theolgie auf den Schriften und Lehren des Paulus aufbauten.
    • Gnostische Christen
      Das war keine einheitliche Gruppe, sondern es gab viele unterschiedliche Richtigungen.
      Für sie war die materielle Welt von Grund auf schlecht und alles, was zählte, war eine geistige Welt. Nun, von dieser Vorstellung scheint ja einiges übrig geblieben zu sein.
      Die gnostischen Gruppen dachten, dass sie die ‚Gnosis‘, ‚Erkenntnis‘, diese geheime Kenntnis der spirituellen Welt besitzen und dies der Schlüssel für die Erlösung ist.

    Zwischen 180 und 313 n. Chr. setzte sich die ‚große Kirche‘ durch, welche die Theologie des Paulus weiter entwickelte und allen anderen in ihren Schriften widersprach. Dadurch gingen deren Standpunkte – bzw. gegenteiligen Argumente – in die Texte und Lehren der Kirche ein. In gewisser Weise formte sich ein Glaubensbekenntnis, welche sich gegen all diese anderen Vorstellungen verteidigte.

    313 n. Chr. ist ein wichtiges Datum, weil dort im Edikt von Mailand den Christen im ganzen römischen Reich ein gesetzlicher Status zuerkannt wurde. 325 u.Z. konvertierte dann Kaiser Konstantin und das erste Konzil von Nicäa fand statt. Dort sollte ein einheitliches Glaubensbekenntnis erstellt werden, was dann schließlich das Bekenntnis von Nicäa war.

    Die dort behauptete Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn wurde aber von vielen abgelehnt. Arius und seine Anhänger wurde Arianer genannt (Wikipedia). Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe prägte nicht nur das Glaubensbekenntnis, sondern auch die Auswahl von Schriften für den Kanon sowie manchmal den Text selbst: Denken wir nur an das Comma Johanneum zurück oder die anderen geänderten Texte. Als die führende Strömung, welche hinter dem Bekenntnis von Nicäa stand, dann 380 n. Chr. durch Kaiser Theodosius Staatsreligion wurde, setzte diese sich endgültig durch.

    Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Auswahl der Schriften, die Entwicklung des Kanon und die Schriften selbst nicht geradlinig gemäß einem Plan schrittweise umgesetzt wurde, sondern über Jahrhunderte entstand. Und dass der Einfluß der anderen Strömungen im Christentum, welche verschwunden sind, nicht übersehen werden sollte.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 12: Apokryphen

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 12: Apokryphen

    Von Christian


    Nachdem wir im letzten Teil dieser Serie einen Blick auf die apokryphen Evangelien geworfen haben, wollen wir uns nun einen Überblick über die Apokryphen im Allgemeinen verschaffen. Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche Schriften, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:

    Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.

     Wikipedia Apokryphen

    Bei Apokryphen denkt man vielleicht zuerst einmal an Schriften, welche nicht in allen Bibeln im Alten Testament zu finden sind, wie diese Übersicht zeigt:

    https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/apokryphen/

    Interessant ist, das sowohl bei Luther 1543 wie auch der englischen King James Version von 1611 diese Apokryphen am Ende zusammen gefasst sind. In der Vulgata und katholischen Bibeln hingegen finden sie sich zwischen den anderen Büchern. Sogar in der frühen griechischen Übersetzung, der Septuaginta, finden sie sich dazwischen. Vielen moderne Bibeln halten sich aber an die jüdische Bibel, welche seit dem 1. Jahrhundert diese nicht enthalten. Die Antwort, ob ein Buch also Teil des Kanons sind, kann unterschiedlich ausfallen.

    Was das Neue Testament betrifft, gibt es solche Unterschiede nicht mehr. Aber im den ersten Jahrhunderten gab es neben den apokryphen Evangelien, über die wir im letzten Teil gesprochen haben, auch durchaus noch weitere Gattungen von apokryphen Schriften.

    Apokryphe Apostelgeschichten

    Die kanonische Apostelgeschichte (auch Akten genannt) schildert die missionarische Tätigkeit nur weniger Apostel genauer. Daher erschienen im zweiten und dritten Jahrhundert weitere Apostelgeschichten oder Akten:

    • Andreasakten
    • Thomasakten
    • Philippusakten
    • Akten des Andreas und Matthias
    • Bartholomäusakten
    • Barnabasakten
    • Paulusakten
    • Johannesakten
    • Petrusakten

    Gemeinsam ist ihnen, dass sie kaum auf Tatsachen beruhen sondern mehr vom griechisch-römischen Roman der Epoche beeinflußt sind. Ein Beispiel aus den Johannesakten:

    Der Autor berichtet, daß Jesus ständig seine Gestalt änderte. Mal sah er aus wie ein kleiner Junge, mal wie ein hübscher Junger Mann, mal zeigte er sich mit kahlem Haupt und langem Bart, dann wieder wie ein Jugendlicher mit seinem ersten Flaum auf der Wange.

    Vor seinem Tod versammelt Jesus seine Jünger im Kreise um sich und singt einen Hymnus an den Vater, während seine Apostel sich and den Händen halten und im Kreis um ihn herumtanzen. Die Terminologie des Hymnus lehnt sich stark an das Johannesevangelium und seinen Prolog an. Gleichzeit gibt der Verfasser dem Ganzen ein doketisches Flair.

    Sie sind übrigens die älteste Quelle der Eucharistiefeier für die Toten.

    Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 174

    Apokryphe Briefe

    Im Neuen Testament gehören die meisten Schriften zur Gattung der Briefe. In den Apokryphen findet man hingegen nur wenige Briefe, vermutlich, weil es recht schwierig war, echt klingende Briefe zu produzieren.

    Die Epistola Apostolorum aus dem 2. Jahrhundert beschreibt Metzger so: „Kurz, die Schrift stellt den heftigen Angriff eines katholischen Christen auf die Gnosis da.“

    Es gab auch einen 3. Korinther Brief, den die armenische Kirche hoch achtete. Und einen Laodicäerbrief. Dazu hatte der Kolosserbrief in Kolosser 4:16 natürlich die Steilvorlage geliefert, wie wir am Anfang der Serie schon gesehen haben. Vermutlich wurde dieser aber gegen Ende des 3. Jahrhunderts erst geschrieben. Hieronymus berichtet, dass »einige den Brief an die Laodicäer lesen, aber er wird von jedermann verworfen.«

    Apokryphe Apokalypsen

    Die wichtigste apokryphe Apokalypse ist die Petrusapokalypse aus der Zeit zwischen 125 bis 150 n. Chr. Im Canon Muratori wird sie hinter der Offenbarung des Johannes aufgeführt. Im Codex Claromontanes wird die Liste der kanonischen Bücher mit der Petrusapokalypse abgeschlossen. Die Meinungen darüber gingen unter den Kirchenvätern und auch in den Gemeinden auseinander. „Der unbekannte Verfasser, der als erster heidnische Vorstellungen von Himmel und Hölle in die christliche Literatur einbrachte, bezog seine Vorstellung vom zukünftigen Leben aus einer Reihe vorchristlicher Traditionen.“ (Metzger S. 181)

    Unter dem Titel Paulusapokalypse gab es in der frühen Kirche sogar mehr als ein Buch. Die Worte des Paulus in 2. Korinther 12:4, nach denen er ins Paradies entrückt wurde und unausprechliche Worte hörte, waren vielleicht der Bezug für eine der Paulusapokalypsen. „Augustinus lacht über die Narrheit der, die eine Paulusapokalypse gefälscht haben, die voller Märchen ist und die vorgibt, die unaussprechlichen Worte zu enthalten, die der Apostel nach 2 Kor 12,4 gehört hat.“ (Metzger S. 182)

    Schon in den ersten Jahrhunderten gab es also eine Flut von Schriften, die in den Gemeinden zirkulierten. Einige davon wurden auch in den Zusammenkünften verlesen und geschätzt und von den Kirchenvätern zitiert. Man konnte sich auch nicht auf den Titel oder den vermeintlichen Autor als Autorität verlassen. Die Jünger Jesu mussten den Inhalt prüfen und bewerten:

    Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!

    1. Thessalonicher 5:19-21 Neue Evangelistische Übersetzung
  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 11: Gibt es nur ein Evangelium?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 11: Gibt es nur ein Evangelium?

    Von Christian


    Gibt es nur ein Evangelium? Wenn man das griechische Wort betrachtet, von dem das deutsche abgeleitet ist, dann schon:

    Das Evangelium ist die gute Botschaft davon, dass Gott in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist. Das Wort „Evangelium“ heißt „Gute Nachricht“ und kommt vom griechischen Wort euangelion. Die Botschaft von Jesus war: Gottes Reich ist angebrochen, er wird sein Werk zu Ende bringen und die Welt heil machen.

    Evangelische Kirche Deutschlands (EKD)

    Ich persönlich finde die Beschreibung des BibleProject (Deutsch) recht gut. Und auch das Video dazu:

    Das Evangelium als gute Nachricht von Gottes Königreich

    In der christlichen Tradition ist das Wort Evangelium im Allgemeinen eine Kurzbezeichnung für die Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Die genaue Bedeutung des Begriffs Evangelium variiert jedoch; je nach Tradition oder Konfession. Wenn wir also nach Klarheit suchen, ist es am besten, wenn wir zur ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte zurückgehen.

    Das biblische Wort für Evangelium bezeichnet eine gute Nachricht. Aber es ist nicht nur irgendeine Nachricht. Das Wort wird am häufigsten verwendet, wenn es um wichtige Ereignisse geht, die Herrscher und ihre Reiche betreffen. Als König Salomo zum König von Israel ernannt wird, wird eine „gute Nachricht“ im ganzen Land verkündet. Mit anderen Worten: Evangelium ist ein königlicher Begriff, der gute Nachrichten über den amtierenden Herrscher verkündet.

    Jesus verkündete die Ankunft Gottes als König Israels und aller Völker. Aber die Art und Weise, wie er seine Herrschaft durchsetzte, überraschte die Menschen. Das Kreuz ist die königliche Ankündigung, dass Gott seine Welt rettet, indem er für sie starb und indem er zuließ, dass unsere Sünden ihn bis zum Tod überwältigten.

    BibleProject

    Gut, über den letzten Absatz könnten wir jetzt diskutieren, inwiefern das aus der „ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte“ so direkt hervorgeht. Zum Beispiel, wenn wir nur die Evangelien verwenden dürften. Und damit sind wir schon beim Thema. Eben sagte ich „die Evangelien“, aber davor ging es doch um „das Evangelium“.

    Wenn es also ein Evanglium, eine gute Nachricht gibt, warum gibt es dann im Neuen Testament mehr als ein Evanglium, nämlich 4 Evangelien? Und warum genau 4? Drei davon, die synoptischen Evanglien Matthäus, Markus und Lukas und dazu noch Johannes. Sie werden synoptische Evangelien genannt, weil sie das Leben Jesu aus einer ähnliche Perspektive sehen und ziemlich ähnlich sind. Das Johannes Evangelium unterscheidet sich von diesen viel mehr als die drei untereinander. Gab es denn nur diese drei und später ein weiteres Evangelium als Schriften? Neben der mündlichen Tradition natürlich.

    Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben …

    Lukas 1:1 Elberfelder

    Da es zum Zeitpunkt der Niederschrift des Lukas-Evangeliums noch kein Johannes-Evangelium gab, kämen nur noch Matthäus und Markus in Frage. Da wäre die Aussage, dass es schon ‚viele‘ unternommen hätten, vielleicht doch etwas übertrieben. Also lernen wir schon aus dem uns überlieferten Evangelium Lukas: Es gab viele ‚Evangelien‘, aber nur vier sind uns erhalten.

    Und auch der Schluss des Johannes Evangeliums macht verständlich, warum es noch mehr mündliche und auch schriftliche Berichte gegen haben mag:

    Es gibt aber auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; wenn diese alle einzeln niedergeschrieben würden, so würde, scheint mir, selbst die Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen.

    Johannes 21:25 Einheitsübersetzung 2016

    Von welchen wissen wir denn noch?

    Apokryphe Evangelien

    Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:

    Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.

    Wikipedia Apokryphen

    Diese uns nicht erhaltenen Evangelien bilden zwei Gruppen: Solche, welche die vier Evangelien ergänzen sollten und solche, die sie ersetzten sollten. (Dies und die folgenden Beispiele stammen aus Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164ff).

    Nun waren die frühen Christen an zwei Punkten in Jesu Leben und Amt besonder interessiert, die aber von den Evanglien ganz ausgespart wurden: Die Kindheit Jesu, von der nur Lukas einmal berichtet (Lukas 2:41-51), und die Taten, die der Heiland in den drei Tagen zwischen Kreuz und Auferstehung in der unsichtbaren Welt getan hat.

    Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164

    Es gibt zahlreiche solche Berichte seit etwa dem zweiten Jahrhundert, von deren Existenz wir zumindest wissen:

    • Protoevangelium des Jakobus
    • Kindheitsgeschichte nach Thomas
    • Arabische Kindheitsevangelium
    • Armenische Kindheitsevangelium
    • Geschichte Josephs des Zimmermanns
    • Evangelium von der Geburt Mariä
    • Evangelium des Nikodemus (auch als Pilatusakten bekannt)
    • Evangelium des Bartholomäus
    • … (es gibt noch mehr)

    Ich habe sie auch deswegen aufgeführt, weil sie schon damals unter einer Bezeichnung bekannt waren, die bekannte Namen enthielten. Das hat aber bei der Beurteilung, ob diese Teil des Kanons sein sollen, keine Rolle gespielt. Auch wir sollten uns also von dem Gedanken trennen, dass das Matthäus Evangelium hinein gehört, weil der Titel schon sagt, dass der Apostel Matthäus es geschrieben hätte. Oder der 2. Petrus Brief auch von Petrus sein muss. Selbst wenn es im Text erwähnt wird, muss man vorsichtig sein, denn das wurde auch in anderen Texten gemacht.

    Auf vier davon gehen wir einmal etwas näher ein, weil wir daraus einiges lernen können, wie sich der Vorstellung entwickelt hat, was in den Kanon gehört und was nicht.

    Fragmente eines unbekannten Evangeliums (Papyrus Egerton 2)

    Manchmal tauchen selbst in der Neuzeit noch bisher unbekannte Manuskripte von Evangelien auf. Vielleicht erinneren wir uns noch an Nachrichten, dass nun vielleicht die Geschichte Jesu und der ganze christliche Glaube umgeschrieben werden müsse. Nun, das ist ausgeblieben. Und nicht, weil alle Wissenschaftler sich verschworen hätten, etwas zu vertuschen. Es gibt genügend Wissenschaftler, die ganz im Gegenteil ein Interesse daran haben, so eine Sensation wissenschaftlich zu erforschen und veröffentlichen. Die Texte sind aber veröffentlicht und jeder kann selbst einschätzen, was er davon hält.

    Ein Beispiel sind die 1935 vom Britischen Museum veröffentlichen Fragmente eines unbekannten Evangeliums. Es ist wohl um 110-130 n. Chr. geschrieben worden. Einige Erzählungen finden sich bei den Synoptikern und Johannes. Es enthält aber auch ein apokryphes Wunder, das Jesus am Ufer des Jordan gewirkt hat. Ein Textbeispiel:

    Und er wandte sich an die Führer des Volkes und er [Jesus] sprach so: „Suchet in den Schriften, in denen ihr Leben zu haben meint – sie geben von mir Zeugnis (siehe Joh 5:39). Denkt nicht, ich sei gekommen, euch vor meinem Vater anzuklagen; Mose wird euch anklagen, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.“ (siehe Joh 5:45) Als sie dann sprachen, „wir wissen, daß Gott mit Mose sprach, aber wir wissen nicht, wo du herkommst“ (siehe Joh 4:29), antwortete ihnen Jesus: „Jetzt klagt euch euer Unglaube an …“

    Unbekanntes Evangelium Papyrus Egerton 2, Fragment I, Zeilen 5-9

    Das Interessante an diesem Evangelium ist: Es hat wohl keine schriftliche Vorlage, sondern schriftliche und mündliche Überlieferung überschneiden sich hier noch. Das wurde auch schon von Papias von Hierapolis beschrieben, der um 100 n. Chr. lebte.

    Man muß auch darauf hinweisen, daß die Produktion von Evangelien und anderen apokryphen Schriften durch die Entwicklung des neutestamentlichen Kanons nicht aufhörte oder sonderlich behindert wurde. Die Volksfrömmigkeit erbaute sich an dem stetigen Strom romantischer und einfallsreicher Schriften, deren historischer Wert bestenfalls am Rande interessierte.

    Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166

    Das Hebräerevangelium

    Wie standen denn die Kirchenväter zu den apokryphen Evangelien?

    In den Schriften der einzelnen Kirchenväter begegnen uns Stellen und Zitate aus verschiedenen frühen Evangelien aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. Wir können daran ermessen, welchen Gebrauch sie von den apokryphen Büchern machten und welche Autorität sie ihnen zuschrieben.

    Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166

    Hieronymus intressierte sich sehr dafür und berichtet stolz, dass er eine Übersetzung ins Griechische und Lateinische angefertigt habe. Und er zitiert aus dem Hebräerevangelium. Auch Origenes tut es und Clemens von Alexandrien verwendet es. In der koptischen Fassung einer Predigt auf Maria, der Gottesgebärerin, die Cyrill von Jerusalem zugeschrieben wird, legt der Verfasser einem Vertreter der »ebionitischen Häresie« ein Zitat aus dem Hebräer-Evangelium in den Mund:

    So steht es im [Hebräer] Evangelium geschrieben: Als Jesus Christus auf die Erde zu den Menschen kommen wollte, wählte der Gute Vater im Himmel eine mächtige Kraft aus, die Michael hieß und befahl Christus seinem Schutz. Und die Kraft kam in die Welt und wurde Maria genannt, und [Christus] war sieben Monate in ihrem Schoß.

    Koptische Fassung einer Predigt auf Maria

    Jetzt verstehen wir vielleicht den Unterschied zu den Evangelien im Neuen Testament besser. Und warum die Großkirche solche Evangelien aus ihrem Kanon letztlich ausgeschlossen hat. Letztlich – denn anfangs wurde noch daraus zitiert.

    Das Ägypterevangelium

    Das sogenannte Ägypterevangelium wurde kurz nach 150 in griechischer Sprache geschrieben und in Ägypten sogar als kanonisch anerkannt. In einer Streitschrift gegen den Gnostiker Julius Passianus zitiert Clemens Teile davon, zum Beispiel eine Stelle aus einem Dialog zwischen Salome und dem Herrn:

    »Als Salome nachfragte, wie lange der Tod herrschen würde, antwortete der Herr (der nicht der Ansicht war, das Leben sei schlecht und die Schöpfung böse): ‚Solange ihr Frauen Kinder gebärt.‘« Auf Salomes Nachfrage, ob sie gut daran getan habe, keine Kinder zu haben, erhält sie die Antwort: »Iß von jeder Pflanze, nur nicht von der bitteren.« und »Wenn du das Gewand der Scham unter die Füße getreten hast und die zwei eins werden und das männliche mit dem weiblichen weder männlich noch weiblich [ist].«

    Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 168

    Diese Worte fodern ganz klar sexuelle Enthaltsamkeit. Hier wir das Gedankengut einiger Gnostiker und der Enkratiten deutchlich, welche zum Beispiel die Ehe ablehnten.

    Das Petrusevangelium

    „Der Text berichtet von Passion, Tod und Begräbnis Jesu und schmückt den Bericht von seiner Auferstehung mit Einzelheiten bei den darauf folgenden Wundern aus. Die Verwantwortung für den Tod Jesu wird ausschließlich den Juden zur Last gelegt, Pilatus wird aller Schuld ledig gesprochen. Hin und wieder finden sich Spuren der doketischen Häresie.“ (Metzger, S. 169).

    Vergleicht man diese und noch weiter abweichenden Evangelien mit denen im Neuen Testament erkennt man deutliche Qualitätsunterschiede in theologischer wie auch historischer Hinsicht. Man war damals überzeugt, dass die Evangelien im Kanon am besten dem Glauben und Lehren der Apostel entsprachen und im wesentlichen zutreffen und vernünftig waren.

    Warum genau 4 Evangelien?

    Aufgrund des bisher Besprochenen hätten wir vermutlich kein Problem damit, wenn es nun 3 oder auch 5 Evangelien im Neuen Testament gäbe. Das wären halt die damals besten, verfügbaren gewesen. Was aber schon damals die Kirchenväter beschäftigt hat, war die Frage, warum es nicht nur genau eine Schrift über das Leben Jesus gab, sondern mehrere mit gewissen Abweichungen. Dafür gab es verschiedene ‚Lösungen‘:

    • Es muss eine Begründung geben, warum es genau vier sind.
    • Die vier werden in einem zusammengefaßt.
    • Nur eines kann das richtige Evangelium sein. Das wird ausgewählt, alle anderen verworfen.

    In Teil 8 hatten wir schon gesehen, wie Irenäus von Lyon argumentiert hat:

    »Es kann gar nicht sein, daß die Zahl der Evangelien größer oder kleiner ist, als sie ist, denn in der Welt, in der wir leben, gibt es auch nur vier Himmelsrichtungen und vier Winde … Die vier lebenden Tiere (Apk 4,9) symbolisieren die vier Evangelien … und es gibt vier Hauptbundesschlüsse mit der Menschheit: Noah, Abraham, Mose und Christus.«

    Irenäus von Lyon, Adv. Haer. III 9,8

    Insbesondere der Bezug auf die vier Tiere in Hesekiel und der Offenbarung des Johannes sind interessant, weil dies in der späteren christlichen Kunst ab etwa dem vierten Jahrhundert schon großen Einfluß gewinnen sollte (siehe Wikipedia). Hier ein Beispiel aus einem Codex aus dem 7. Jahrhundert, bei dem man schön die Verbindung von Evangelisten mit den Tieren zu sehen ist:

    Die Evangelisten mit ihren Attributen, Codex Amiatinus (7. Jh.)

    Aber man muss keine Bibliothek aufsuchen, um diese Symbolik zu finden. Die Tiere finden sich zum Beispiel über dem westlichen Eingangs des Doms zu Speyer um ein riesiges rundes Fenster in den vier Ecken des umfassenden Quadrates die vier Tiere wieder. Die wenigsten Besucher dürften wissen, dass damit die vier Evangelien gemeint sind:

    Westliches Portal des Doms in Speyer. Die Symoble sind Adler, Mensch, Löwe und Stier als Symbole für die Evangelien

    Ein anderes Beispiel findet sich im Mittelportal der Westfassade der Kathedrale von Chartres:

    Mittelportal der Westfassade der Kathedrale in Chartres

    Aber zurück zu den Evangelien. Einen anderen Weg ging Tatian. Er verfasste das Diatessaron, das die vier Evangelien zu einem zusammenfasst, indem er die Synoptiker in das Johannes Evangelium einarbeitete. Als er 172 n. Chr. wieder in den Osten ging, übertrug es das griechische Diatessaron ins Syrische. Dies wurde für lange Zeit anstelle der vier Evangelien in allen Kirchen der Hauptstadt und später der gesamten Region verlesen.

    Den genau umgekehrten Weg ging Marcion, über den wir noch im 13 Teil der Serie sprechen werden. Er anerkannte nur das Lukas Evangelium und verwarf alle anderen.

    Zusammenfassung

    Zusammenfassend könnten wir sagen, dass es nur ein Evangelium aber viele Evangelien im Sinne von Schriften gibt. Warum diese unterschiedlich sind, ist eine Frage, die wir hier nicht weiter ausführen können. Sind es aber genau vier Evangelien im Neuen Testament, weil das von Anfang Gottes Plan war? Nun, das hört sich ein bisschen wie die Begründung von Irenäus von Lyon an. Und es ignoriert das, was wir in Teil 10 über Inspiration festgestellt haben. Eine natürlichere Erklärung ist, dass Gott durch seinen heiligen Geist mehreren Menschen geholfen hat, die Berichte in Schriften zusammenzufassen. Und bei anderen Evanglien scheint die Beteiligung Gottes eher fraglich zu sein. Interessanterweise scheinen die Christen und Kirchenväter eines nicht gemacht zu haben: Die Text in inspiriert und nicht-inspiriert unterteilt zu haben. Sondern mehr oder weniger nutzbringend. Und wie in anderen Schriften im Neuen Testament gesagt wird, hat Gott den Jüngern Jesu durch den heiligen Geist geholfen, diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, denn anfangs konnte man ja noch Augenzeugen befragen. In späteren Jahrhunderten kann er dann durchaus auch wieder Menschen so unterstützt haben, dass sie einige dieser Schriften für Wert hielten, in den Kanon aufgenommen zu werden. Eine Zeit lang wurde noch aus anderen Evangelien zitiert, aber schließlich hörte das auf. Was davon Gottes Wille und Einfluß oder Kirchenpolitik war, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir werden darauf in Teil 13 noch eingehen.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 10: Ist die Bibel ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 10: Ist die Bibel ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘?

    Von Christian


    Im letzten Teil dieser Serie hatte ich gesagt, dass mit Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ unbewusst einige Annahmen und Vorstellungen verknüpft sind. Zumindest sollten wir uns genau darüber im klaren sein, was wir mit dem Begriff ‚Gottes Wort‘ und ‚die heilige Schrift‘ meinen, wenn wir diese verwenden. Und vor allem: Werden diese Begriffe in der Bibel selbst überhaupt verwendet? Das wollen wir uns anschauen, ganz ähnlich, wie ich das im dem Artikel und Video gemacht habe: Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? oder Sollten wir uns Brüder Christi nennen (lassen)?

    ‚Die Heilige Schrift‘

    Beginnen wir einmal damit, dass die Bibel oft ‚die Heilige Schrift‘ im Deutschen genannt wird. Sucht man in einigen deutschen Bibelübersetzungen nach ‚heilige Schrift‘ z.B. im ERF Bibleserver, findet man – nichts! Das stimmt nicht ganz. Eine Stelle habe ich in einer Übersetzung gefunden, die auch gleich den Grund zeigt, warum wir das im Text der Bibel nicht finden:

    Die Juden in Beröa waren nicht so voreingenommen wie die in Thessalonich. Mit großer Bereitwilligkeit gingen sie auf das Evangelium von Jesus Christus ein, und sie studierten täglich die Heilige Schrift, um zu prüfen, ob das, was Paulus lehrte, mit den Aussagen der Schrift übereinstimmte.

    Apostelgeschichte 17:11 Neue Genfer Übersetzung.

    Die Juden in Beröa aber waren aufgeschlossener als die in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft bereitwillig auf und studierten täglich die heiligen Schriften, um zu sehen, ob das, was Paulus lehrte, wirklich zutraf.

    Apostelgeschichte 17:11 Neue Evangelistische Übersetzung
    Apostelgeschichte 17:11 Interlinear

    Im griechischen steht hier nämlich γραφὰς (graphas) Hauptwort, Akkusativ, Femininum, Plural (Strong’s). Genau genommen steht im griechischen Text sogar nur ‚die Schriften‘ – schon das Wort ‚heilig‘ ist hinzugefügt. Ich habe auch die wenigen anderen Stellen untersucht, in denen mit ‚heilige Schriften‘ übersetzt wird. Tatsächlich steht es nur zweimal im griechischen Text:

    Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, das er durch seine Propheten in heiligen Schriften (γραφαῖς ἁγίαις, graphais hagiais) vorher verheißen hat.

    Römer 1:1,2 Elberfelder

    und weil du von Kind auf die heiligen Schriften (ἱερὰ γράμματα, hiera grammata) kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift (γραφὴ, graphē) ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit …

    2. Timotheus 3:15, 16 Elberfelder

    Und sofort fällt etwas auf, was ich in Teil 2 und 8 schon im Detail analysiert hatte: Mit ‚heilige Schriften‘ ist hier ganz klar das alte Testament, der Tanach gemeint.

    Das in 2. Timotheus 3:15 verwendete Wort γράμμα gramma wird übrigens nur 15 mal im Neuen Testament verwendet und beschreibt immer etwas Schriftliches, meistens einen Brief. Strong’s gibt an: „Von grapho; eine Schrift, d.h. ein Brief, eine Notiz, eine Epistel, ein Buch.“ Hier steht es im Plural: Schriften. Wohingegen in Vers 16 das Wort γραφή graphé (ohne Zusatz ‚heilig‘) verwendet wird, das 51 mal verwendet wird. Strong’s gibt an: „(a) eine Schrift, (b) ein Abschnitt der Schrift; plural: die Schriften. Ein Dokument, d.h. Heilige Schriften.“ Zum Schluss der Erklärung sehen wir schon, wie von der Erklärung der Sprache zur Interpretation übergegangen wird. Ruft man übrigens auf biblehub.com Strong‘s Greek 1124 direkt auf, fehlt der Teil „Ein Dokument, d.h. heilige Schrift“.

    Anstatt einer Erklärung kann man auch noch mehr Interpretation finden. Zum Beispiel in HELPS Word-studies:

    Der Zusatz „, d.h. die inspirierten, unfehlbaren Schriften der Bibel (66 Bücher der Schrift, 39 in Hebräisch, 27 in Griechisch)“ hat nichts mit dem griechischen Wort im Vers zu tun. Und im letzten Teil 9 dieser Serie haben wir ja ausführlich über Inspiration und auch den Anspruch der Unfehlbarkeit des Textes gesprochen. Und in teil 8 haben wir über die Entstehung des Kanon des Neuen Testaments gesprochen und wieviele Bücher die Bibeln verschiedener Zweige der Christen haben. Warum der wichtige zweite Teil nur in Klammern steht, wird nicht erklärt. Wo doch der Hinweis wichtig ist, dass im Neuen Testament γραφή graphé immer für das Alte Testament verwendet wird.

    Vergleichen wir das einmal mit der NAS Exhaustive Concordance. Und berücksichtigen wir, dass ‚exhaustive‘ übersetzt ‚ausführlich‘ bedeutet:

    Die ganze ‚ausührliche‘ Erklärung ist: ‚eine Schrift‘. Ausführlichere Erklärungen findet man oft in Thayer’s Greek Lexicon:

    Hier findet man die Hauptbedeutungen gruppiert und auch gleich mit der Verwendung im Text. Es werden diese Erklärungen angegeben: „(a) Schreiben, Geschriebenes (von Sophokles an), jede Schrift des Alten Testaments, (b) ἡ γραφή, die Schrift κατ‘ ἐξοχήν, die heilige Schrift (des A. T.) – und wird verwendet, um entweder das Buch selbst oder seinen Inhalt zu bezeichnen (manche würden den Singular γραφή immer auf einen bestimmten Abschnitt beschränken; siehe Lightfoot zu Galater 3:22), (c) einen bestimmten Teil oder Abschnitt der heiligen Schrift.“ Interessant fand ich hier, wie von „jede Schrift des Alten Testaments“ zu „die Schrift“ und dann zu „die heilige Schrift (des A.T.)“ ohne weitere Begründung übergegangen wird. Aber immerhin wird korrekt vom Alten Testament gesprochen.

    Gut, wieder etwas bezüglich der Verwendung von Bibel-Lexika dazugelernt.

    Aber schauen wir uns die Verwendung einmal selbst an. Die Verwendung dieses Wortes γραφή graphé ist vielfältig. Und manchmal überraschend.

    Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise und damit mein Name verkündigt wird auf der ganzen Erde.

    Römer 9:17 Elberfelder

    Das steht so wirklich im griechischen Text. Wie konnte denn ‚die Schrift‘ zu Pharao sprechen? Das lösen manche Übersetzungen kreativ-interpretativ: „Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt:“ (Einheitsübersetzung), „Aus diesem Grund steht in der Schrift auch folgendes Wort, das Gott dem Pharao sagt“ (Neue Genfer Übersetzung) und „Denn die Schrift lässt Gott zum Pharao sagen“ (Züricher).

    Wir halten fest:

    In der Bibel steht nirgends ‚die heilige Schrift‘, sondern im Neuen Testament nur zweimal ‚die heiligen Schriften‘ und das bezieht sich eindeutig auf das Alte Testament.

    Ansonsten wird im Neuen Testament nur von den ‚Schriften‘ oder der ‚Schrift‘ gesprochen und das Alte Testament gemeint.

    Ist das jetzt Haarspalterei? Ich will ja kein Dogma daraus machen, doch unter der Oberfläche liegt eine wichtige Frage: Ist die Bibel eine autoritative Sammlung von Schriften, oder eine Sammlung von autoritativen Schriften? Was ist damit gemeint? Salopp formuliert: Hat man entweder Schriften als heilig identifiziert und wurden sie dann gesammelt? So war das ursprünglich beim Alten Testament. Oder gibt es eine heilige Sammlung – den Kanon – wodurch auch die darin aufgenommenen Schriften dadurch heilig werden? Wenn wir uns jetzt in den Sinn rufen, was wir in einem vorherigen Teil über den Kanon des Neuen Testaments gelernt haben, dann verstehen wir vielleicht besser, warum das wichtig ist. Ist der Kanon, welcher von der Kirche erst im vierten Jahrhundert erstellt wurde, autoritativ, dann hat diese Entscheidung der Kirche einen ganz anderen Stellenwert. Das sieht die katholische Kirche ganz genau so:

    „Die apostolische Sukzession ist der Beweis dafür, dass die Autorität der katholischen Kirche allein zugehörig ist. Sie alleine ist Verwalterin und Hüterin über die Auslegung der Heiligen Schrift. Wer mit Ihr bricht, der bricht mit dem Heiligen Geist.“

    (Katholisch.com)

    „Die römisch-katholische Kirche ist die eine wahre Kirche Christi, so erklärt Pius XI., sie ist die von Gott bestellte Hüterin der geoffenbarten Wahrheit, die nicht auf den Boden der Diskussionen herabgezogen werden darf.“

    (Enzyklika Mortalium Animos)

    Das neue Testament macht diese Aussage allerdings nicht! Und Protestanten werden ihr auch vehement widersprechen. So wie es im ersten Zitat eigentlich darum geht, dass die katholische Seite dem ’sola scriptura’ (nur die Schrift) entschieden widerspricht.

    Muss man die Schriften, die uns überliefert und erhalten sind, tatsächlich mit so vielen absoluten Ansprüchen belasten, die historisch und anhand der Fakten nicht zu halten sind? Muss man auf der Verbalinspiration beharren, obwohl das keinen Sinn macht (siehe Teil 9 dieser Serie)? Oder dass die katholische Kirche allein die Hüterin ist? Sind die Schriften vielleicht nur ein Geschenk Gottes, dass uns hilft Weisheit zu erlangen und so zu leben, wie er will? Das muss jeder selbst für sich bewerten. Vielleicht sollte ich aber so etwas nicht hier einfach so sagen. Wenn man so einen Gedanken als Professor veröffentlicht, kann einen das schon einmal den Job an einem Theologischen Seminar kosten, welches die eigene Tradition über den Gegenstand der Tradition – die Schriften – stellt (siehe z.B. den Artikel über Peter Enns).

    Ist die Bibel für uns ‚die [unfehlbare] Heilige Schrift‘, dann werden wir uns natürlich damit schwer tun, zu akzeptieren, dass sie nachweislich menschliche Aspekte enthält, überarbeitet wurde und manches beim Kopieren oder Übersetzen verändert wurde oder verloren gegangen ist.

    Das meinte ich eingangs damit, dass wir mit einem Begriff wie ‚die Heilige Schrift‘ möglicherweise ziemlich weitreichende, unausgesprochene Annahmen verbinden. Und wir diese mit der Verwendung des Begriffes automatisch im Sinn mit aktivieren, wenn wir in der Bibel lesen oder darüber nachdenken.

    Gottes Wort / Wort Gottes

    Du ahnst es schon. Mit dem Begriff ‚das Wort Gottes‘ wird es nicht anders ausgehen. Ist das eine gute Beschreibung für ‚die Schriften‘? Wenn alles für uns ‚das Wort Gottes‘ ist, erwarten wir doch auch eine gewisse Vollkommenheit des Textes, oder etwa nicht? Wird in den Schriften dieser Begriff denn überhaupt so gebraucht, als Bezeichnung für ‚die Bibel‘?

    Das Wort Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem vermehrte sich stark. Selbst eine große Zahl von Priestern gehorchte jetzt dem Glauben.

    Apostelgeschichte 6:7 Neue Evangelistische Übersetzung

    Gut. Damit ist wohl kaum ‚die Bibel‘ gemeint. Weder breitet sie sich aus noch gab es auch nur einen Buchstaben des Neuen Testament zu diesem Zeitpunkt.

     Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam

    Hebräer 4:12 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das hört sich auch nicht nach ‚der Bibel‘ an. Aber gibt uns eine viel bessere, umfassendere Bedeutung.

    Da kamen so viele Menschen bei ihm zusammen, dass sie keinen Platz mehr hatten, nicht einmal draußen vor der Tür. Während er ihnen das Wort Gottes weitergab, …

    Markus 2:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Hat Jesus ihnen damals vielleicht eine Bibel gereicht?

    Lasst uns daher alles ablegen, was uns schmutzig macht, was strotzt vor Bosheit, und in Sanftmut das Wort annehmen, das in euch eingepflanzt ist – es vermag eure Seelen zu retten.

    Jakobus 1:21 Züricher

     Setzt auch den Helm ‹der Gewissheit› eures Heils auf und nehmt das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, in die Hand!

    Epheser 6:17 Neue Evangelistische Übersetzung

    In die Hand genommen wird hier im Satz das Schwert, nicht die Bibel. Tatsächlich fühlten sich eine Menge Zeugen Jehovas, wie ich mich erinnere, aufgrund dieses Textes berufen, mit aus der Bibel entnommenen Texten wie mit einem Schwert um sich herumzuschlagen. Und ich kann mich auch erinneren, wie mancher Redner bei diesem Text mit seiner gedruckten Bibel herumfuchtelte. Aber zurück zum Text.

    Denn denen, die dies behaupten, ist verborgen, dass von jeher Himmel waren und eine Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte⟨, und zwar⟩ durch das Wort Gottes, durch welche die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging.

    2. Petrus 3:5,6 Elberfelder

    Auch hier ist offensichtlich nicht von ‚der Bibel‘ als Wort Gottes die Rede. Aber wovon dann? Vielleicht ist der Text so zu verstehen, wie es diese Übersetzung wiedergibt: „Dennoch wurde die Welt damals ‹bei der großen Flut auf Gottes Wort hin› durch Wasser überschwemmt und vernichtet.“ (NEÜ)

    Und wird nicht sogar Jesus manchmal als ‚das Wort Gottes‘ bezeichnet? Aufgrund dieses Textes zum Beispiel:

    Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos. … Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit.

    Johannes 1:1, 14 Züricher

    Ich fasse das mal so zusammen:

    Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sondern die Bibel enthält Gottes Worte.

    Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Damit bleibt die Bibel wertvoll, selbst wenn sie nicht so perfekt ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Als ich das aufschrieb, dachte ich, dass ich da eine schöne prägnante Formulierung gefunden hätte. In einer E-Mail zu dieser Serie schrieb mir aber jemand: „In den 1980er Jahren sagte mir mal ein Bruder: Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sie enthält Gottes Wort!“ Da wahr ich wohl kaum der Erste. Doch wenn mehrere auf den gleichen Gedanken kommen, ist er Wert, genauer untersucht zu werden.

    Das sind wirklich Worte Gottes:

    Jahwe sagte zu Mose: „Steig nun zu mir auf den Berg herauf und bleib dort, damit ich dir die Steintafeln geben kann, auf die ich das Gesetz und die Gebote für die Unterweisung Israels geschrieben habe.“

    2. Mose 24:11 NEÜ

    Und das?

    Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …

    1. Korinther 7:12 Elberfelder

    Wenn Paulus etwas sagt, sind das dann genau Gottes Worte? Na ja, wenn er es in einem Brief schreibt, der dann im Neuen Testament ist … Das hatten wir im letzten Teil über Inspiration schon angesprochen. Und würdest du sagen, dass jedes Wort des Herrn – hier ist eindeutig Jesus gemeint – direkt von Gott inspiriert wurden. Alles was er sagte und dann in den Evangelien aufgeschrieben wurde? Also den Evangelien, die wir kennen und im Neuen Testament sind?

    Zurück zu den Worten Gottes: Was ist damit?

    Darauf nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.«

    Matthäus 4:5,6 Elberfelder

    Was der Teufel sagt, stammt doch nicht von Gott, nicht war? Also der erste Teil des Verses sind nicht Gottes Worte. Dann wird es kompliziert. Der Teufel zitiert was … ‚Gottes Wort‘? Ja genau. Sogar der Teufel kann ‚Gottes Wort‘ zitieren. Aber seine Worte sind doch nicht Gottes Worte, oder?

    Ok. Ich will hier bestimmt auch kein Dogma oder eine Regel aufstellen. Es geht wieder um ein tieferes Problem mit dem Begriff ‚Wort Gottes‘: Es impliziert ziemlich stark die Verbalinspiration: Kein Wort in der Bibel ist von Menschen geformt oder geprägt. Aber das ist nicht korrekt, wie wir im Teil ‚Inspiration‘ dieser Serie gesehen haben. Schon die Autographen selbst – geschweige denn eine Übersetzung – ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Die heilige Schrift‘ zu nennen, geht dann schon ziemlich weit.

    Vielleicht sind wir auch manchmal zu sehr auf ein ‚Heiliges Buch‘ fixiert. Wir erhoffen uns eine schriftliche, perfekte Anleitung für das Leben und den Glauben. Aber wer hatte das schon? Abraham genügte dieses ‚Wort Gottes‘:

    Nachdem Lot weggezogen war, sagte Jahwe zu Abram: „Blick auf und schau dich nach allen Seiten gründlich um! Das ganze Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben.“

    1. Mose 13:14 Neue Evangelistische Übersetzung

    Heute spricht Gott nicht mehr direkt mit uns – mit mir zumindest nicht. Daher bin ich dankbar für das, was ich habe.

    Und damit streiche ich für mich das, was nicht den Tatsachen entspricht aber auch das, was eine falsche Erwartung hervorruft:

    „„Die Bibel ist das Wort Gottes, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Es bleibt: Die Bibel ist. Oder besser, wie ich finde: Die Schriften sind. Und gerade weil ich versuche, keine unrealistischen Erwartungen an die Schriften zu haben, finde ich darin Worte Gottes und Weisheit und es trägt zu einem stabilen Fundament meines Glaubens bei:

    Die Schriften, deren utlimative Quelle Gott ist, enthalten das, was wir brauchen. Es ist genug bis heute erhalten geblieben, um Gott kennenzulernen, ihn anzubeten und in Weisheit zu leben.

    Und was brauchen wir, was erwartet Gott von uns?

    Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.

    Micha 6:8 Neue Evangelistische Übersetzung

    Und damit sind wir … noch lange nicht am Ende dieser Serie! 😀

    Ich habe zum Beispiel schon unglaublich oft von ‚der Bibel‘ gesprochen. Gerade eben noch. Dabei haben wir noch gar nicht untersucht, welche Bedeutung dieser Begriff hat. Das deutsche Wort Bibel kommt vom altgriechischen βιβλία biblia mit der Bedeutung: ‚Bücher‘. Die Erklärung in der Wikipedia ist recht aufschlußreich:

    Das Wort „Bibel“ (mittelhochdeutsch bibel, älter biblie) entstand aus kirchenlateinisch biblia, einem Lehnwort aus dem Koine-Griechischen.
    Das Neutrum βιβλίον biblíon „Buch“ ist eine Verkleinerungsform von βίβλος bíblos „Buch“, benannt nach der phönizischen Hafenstadt Byblos. Diese Hafenstadt war in der Antike ein Hauptumschlagplatz für Bast, aus dem die Papyrusrollen hergestellt wurden. Der Plural von βιβλίον biblíon lautet βιβλία biblía „Schriftrollen, Bücher“. In der Septuaginta war βιβλία biblía vor allem eine ehrfürchtige Bezeichnung für die Tora; Johannes Chrysostomos bezeichnete als erster mit diesem Plural die Gesamtheit der christlichen heiligen Schriften (Altes und Neues Testament).
    Im Kirchenlatein wurde die Bezeichnung biblia zunächst als Neutrum Plural biblia, -orum, seit etwa 1000 n. Chr. aber als Femininum Singular biblia, -ae aufgefasst. Die nationalen Sprachen übernahmen das Wort im Singular; im Deutschen wurde es zu Bibel. „Der Name deutet an: Was uns heute als ein einziger Band in Händen liegt und was wir mit Selbstverständlichkeit als eine Einheit verstehen: die Bibel, ist tatsächlich eine Vielheit.“ Die Bezeichnung als „Buch der Bücher“ bringt einerseits die religiöse Bedeutung der Bibel zum Ausdruck, andererseits die innere Pluralität.

    Wikipedia Bibel

    So ist ‚die Bibel‘ vielleicht der beste Begriff, den wir verwenden können.

    In Teil 11 werden wir uns dann mit diesem Thema auseinandersetzen: Ein Evangelium – aber viele Evangelien?

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration

    Von Christian


    „Die Bibel ist von Gott inspiriert.“ Was ist damit eigentlich genau gemeint? Bezieht es sich zum Beispiel auf 2. Timotheus 3:16? Wobei, dann wäre der zitierte Text schon entschieden verändert worden, denn dort wird nicht von ‚der Bibel‘ gesprochen. In Teil 2 hatten wir über Texte wie 2. Timotheus 3:16 schon gesprochen: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“. Und sowohl in Teil 2 wie auch Teil 8 sprachen wir über die Fakten, die zeigen, dass die Autoren der Autographen des Neuen Testaments mit ‚Schrift‘ das sogenannte Alte Testament meinten. Im Laufe der Zeit wurden die Schriften des Neuen Testaments von Christen aber immer höher geschätzt und heute denken viele auch über das Neue Testament genauso. Und so kommt es, dass viele beim Thema Inspiration keinen Unterschied zwischen altem und neuem Testament machen.

    Konservative evangelikale Theologen haben zum Beispiel in der sogenannten Chicago-Erklärung (Wikipedia) ihre Überzeugung so formuliert:

    „Eine kurze Erklärung: 4. Da die Heilige Schrift vollständig und wortwörtlich von Gott gegeben ist, ist sie in all ihren Lehren ohne Irrtum oder Fehler, nicht weniger in dem, was sie über Gottes Taten in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihren eigenen literarischen Ursprung unter Gott aussagt, als in ihrem Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben des Einzelnen.“

    „Artikel VI: Wir bekennen, dass die gesamte Heilige Schrift und alle ihre Teile, bis hin zu den Worten des Originals, durch göttliche Eingebung gegeben wurden.“

    Chicago-Erklärung, 1978

    Das Problem mit solchen Behauptungen ist, dass sie immer noch zu generell sind und viele Annahmen implizit enthalten.

    Ein Problem mit der ersten Satz dieser Erklärung ist zum Beispiel, was mit ‚die Heilige Schrift‘ gemeint ist. Ist damit der Text gemeint, den du in einer deiner deutschen Übersetzungen liest? Oder die Autographen (dort Original genannt), was wir dem zweiten Satz entnehmen können? Aber welche Aussagekraft bleibt denn dann übrig, wenn wir uns noch einmal das Diagramm aus dem ersten Teil anschauen?

    Was müsste denn noch zutreffen, damit diese Vorstellung von Inspiration für uns nützlich ist?

    Ob der Text in den Autographen bis in die einzelnen Wörter von Gott inspiriert und fehlerfrei ist, können wie nicht überprüfen, weil (a) kein Autograph erhalten ist und (b) wir dazu dessen Text mit Gottes Gedanken vergleichen müssten.

    Dazu müsste Gott auch jeden verfälschenden menschlichen Einfluß des Schreibers bzw. des Diktierenden verhindert haben.

    Aber das nützt uns noch gar nichts, weil wir nur eine Übersetzung eines Textes in eine völlig andere Sprache und Kultur haben, der aus sehr vielen, ziemlich unterschiedlichen Manuskripten wiedergestellt wurde, welche die Kirche in den Kanon aufgenommen hatte und der immer wieder kopiert wurde.

    Damit diese absolute Aussage über eine wörtliche Inspiration für uns von Wert ist, müsste Gott also ganz genauso alle anderen Schritte kontrolliert haben.

    Aber es gab viele unabsichtliche sowie absichtliche Änderungen am Text in den Manuskripten. Und verschiedene Übersetzungen verwenden jeweils verschiedene Wörter – sind diese dann auch alle von Gott wörtlich so gewählt worden?

    Hat Jesus zum Beispiel dies genau so in der Bergpredigt gesagt?

    Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!

    Matthäus 5:3 Schlachter 2000

    Also diese deutschen Worte natürlich nicht. Übrigens verwendet diese Übersetzung ganz andere Worte:

    Wie glücklich sind die, die begreifen, wie arm sie vor Gott sind! / Sie gehören dem Himmelreich an!

    Matthäus 5:3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Da er weder diese noch die anderen Worte in Deutsch gesagt hat, wäre das höchstens eine inspirierte Übersetzung. Aber diese Wörter vielleicht:

    Μακάριοι οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι, Ὅτι αὐτῶν ἐστιν ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν.

    Matthäus 5:3 Berean Greek New Testament 2016

    Aber möglicherweise sind nicht einmal das inspirierte Worte, weil das Evangelium Matthäus gemäß einigen Kirchenvätern und auch Gelehrten in einem hebräischen Dialekt, genauer wohl Aramäisch geschrieben worden ist.

    Und was ist mit dieser Passage?

    Der [Gesetzeslehrer] sagte: Derjenige, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso.

    Lukas 10:37 Züricher

    Wenn wir eine wörtliche Inspiration vorliegen haben, hat der Gesetzeslehrer oder Jesus das genau so gesagt? In Griechisch! Ob der jüdische Gesetzeslehrer mit Jesus wohl Griechisch oder Aramäisch gesprochen hat? Ok, die wörtliche Inspiration bezieht sich also wohl nicht auf die in Wirklichkeit gesprochenen Worte, sondern höchstens auf die Form des Zitates. Wollte Gott damit sicherstellen, dass wenigstens die Darstellung ganz genau so ist, wie er das wollte, auch wenn es nicht genau das ist, was gesprochen worden war?

    Vergleichen wir aber auch einmal diese parallelen Texte in den synoptischen Evangelien:

    Da sagte Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation!
    Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη

    Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation!
    Ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτοῖς λέγει “Ὦ γενεὰ ἄπιστος,

    Da antwortete Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation!
    Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν “Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη,

    Matthäus 17:17, Markus 9:19, Lukas 9:41 Einheitsübersetzung 2016, Berean Greek New Testament 2016

    Was hat Jesus denn nun wirklich damals gesagt? Nur ungläubige Generation? Oder hat er sie auch als verkehrt bezeichnet? Die wörtliche Inspiration kann also nicht wörtlich den tatsächlichen Wortlaut wiedergegeben haben. Aber dass die wörtliche Inspiration von Gott verwendet wurde, um genau das aufzuschreiben, was anstelle des gesprochenene Wortes geschrieben werden sollte, kann ja auch nicht der Fall sein. Es gibt ja zwei verschiedene Versionen! Und das ist nur ein Beispiel, welches ein synoptischer Vergleich zu Tage fördert.

    Bin ich jetzt einfach nur kleinlich und suche das sprichwörtliche Haar in der Suppe? Nein, denn die ziemlich weitgehende Aussage war ja, dass Gott „vollständig und wörtlich“ den Text inspiriert hat. Und wenn man die Latte so hoch legt, dann muss der Text auch an diesen Ansprüchen gemessen werden. Gibt es nun ein Problem im Text des Neuen Testaments oder nicht vielmehr mit dem Anspruch an den Text?

    Nächstes Problem. Eine Analyse des Textes zeigt, dass verschiedene Wortschätze und Schreibstiele verwendet wurden. Aber wenn Gott die Wörter genau inspiriert hat, warum verwendet Gott dann verschiedene Schreibstiele und Wortschätze in den Texten und erzeugt den Eindruck verschiedener menschlicher Autoren? Das würde ja fast schon an Täuschung grenzen. Irreführend wäre es auf jeden Fall.

    Und da wir schon bei den Evanglien sind: Ist das ein wörtlich inspirierter Bericht über das Leben und die Lehren Jesu. Nein! Es gibt ja vier im Kanon – die voneinander abweichen, insbesondere Johannes. Aber ist jeder einzelne davon wörtlich von Gott inspiriert? Das hat die Christen schon seit dem ersten Jahrhundert beschäftigt. Dazu wird es ein separates Video geben.

    Und noch etwas. Wenn Gott den Text und den Kanon so genau geplant und wörtlich inspiriert hat, warum dann auf eine Weise, die eher das Gegenteil nahelegt? Ich kann mich noch gut erinnern, dass jedes ‚Bibelstudienhilfsmittel‘ der Zeugen Jehovas genau eines nicht tat: Das neue Testament von Anfang bis Ende Vers für Vers zu betrachten. Jedes solcher Lehrbücher – nicht nur die der Zeugen Jehovas – macht etwas ganz anderes: Es ordnet die Dinge thematisch an. Warum ist der vermeintlich wörtlich inspirierte Text des Neuen Testaments nicht so geschrieben? Im alten Testament sieht man doch, dass das geht: Wenn Gott sagen will, wie die Menschen gemäß seinem Bund leben sollen, was macht er? Er beginnt mit dem Wichtigsten: Er selbst. Siehe 2. Mose 34:6,7 (Exodus). Dann 10 Gebote (2. Mose 34:28), dann die Gesetze (3. Mose, Levitikus). Wer ordnet die Welt? 1. Mose (Genesis). Warum sieht sie anders aus? 1. Mose (Genesis). Warum ein Bündnis mit uns, den Israeliten? Historischer Bericht in 1. Mose (Genesis).

    Mit Christus hat doch eine neue Ära begonnen. Gibt es etwas Vergleichbares? Eigentlich nicht. Oder es ist sehr, sehr kurz: Matthäus 22:37-40 „Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten wollen.“. Und was ist mit dem Rest? Leben Jesu, Geschichte der ersten Jünger Jesu, Briefe aus aktuellem Anlaß an bestimte Versammlungen. Allgemeine Darlegung des Glaubens. Und eine Offenbarung. Dass das kein thematisch geordnetes Gesetz oder Lehrbuch ist, zeigt sich schon darin, dass bei der Diskussion praktisch jeder Lehre Verse aus den verschiedensten Teilen des Neuen Testaments zusammengeführt werden müssen.

    Und es gibt noch eine Schwierigkeit mit der Aussage, dass das Neue Testament von Gott wörtlich inspiriert ist mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes. Bei Johannes hört sich das nämlich so an:

    Ich [Jesus] hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.

    Johannes 16:12-15 NEÜ

    Also kommt das in Wirklichkeit von Jesus, was der Geist der Wahrheit den Jüngern später klar macht? Gar nicht von Gott? So klingt das zumindest auch in der Offenbarung, die Johannes zugeschrieben wird:

    In diesem Buch enthüllt Jesus Christus, was Gott ihm für seine Diener anvertraut hat. Sie sollten wissen, was bald geschehen muss. Deshalb ließ er es durch seinen Engel seinem Diener Johannes zukommen.

    Offenbarung 1:1 NEÜ

    Allerdings wird hier der Geist der Wahrheit nicht erwähnt, sondern die Botschaft wird durch einen Engel überbracht. Und wie wir schon in Teil 2 – Nachtrag gesehen hatten, steht dort sogar, dass Johannes die Worte aufschreiben soll. Hat dann erst beim Aufschreiben Gottes Geist – der Geist der Wahrheit – für die wörtliche Inspiration gesorgt?

    Allerdings übersetzen viele andere Johannes 16:14 wörtlicher:

    Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.

    Johannes 16:14 Einheitsübersetzung 2016

    Das klingt jetzt schon nicht mehr so, als ob Jesus dem heiligen Geist die Worte gibt. Womit wir wieder beim Thema wörtliche Inpiration und Übersetzung wären.

    Nun, damit erkennen wir das wahre Ausmaß des Problems der wörtlichen Inspiration: Konfrontiert man diese Vorstellung mit den Fakten, muss sie immer mehr zurückgenommen werden. Dadurch ergibt sich der Eindruck, dass es nur noch weiterer Fakten bedarf, um diese Behauptung ganz zu widerlegen und damit ist das Thema Bibel für viele dann erledigt. In diesem Fall geht es vielleicht mit der Aussage los, dass die Bibel bis zu den Wörtern inspiriert und ohne Fehler ist. Wenn damit die Bibel gemeint ist, wie wir oder andere sie in der Vergangeheit hatten, dann müssten diese Texte ja auch genau kopiert worden sein. Dann kommt der Verweis auf die vielen Abweichungen in den Manuskripten. Und schon muss dieser Satz irgendwie aufgeweicht werden. Und so geht das weiter.

    Wir wollen umgekehrt vorgehen, und eine Aussage erarbeiten, die von Fakten getragen und nicht so schnell geändert werden muss (die Argumente stammen zum Teil aus Michael S. Heiser The Naked Bible’s Thoughts on Inspiration, Part 1 und Folgende):

    Das mit inspiriert übersetze Wort θεόπνευστος (theopneustos) kommt im Neuen Testament genau einmal in 2. Timotheus 3:16 vor. In 2. Petrus 1:21 wird übrigens ein ganz anderes Wort φερόμενοι (pheromenoi) verwendet. Was könnte inspiriert θεόπνευστος (theopneustos) bedeuten?

    • θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die unmittelbare Quelle war.
      Damit muss er jedes Wort diktiert oder in die Gedanken des Schreibers implementiert haben. Kein Wort darf dem Sinn des Autors entsprungen sein.
      Das entspricht in etwa dem, was viele Evangelikale, wie eingangs zitiert, denken.
    • θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die ultimative Quelle war.
      Menschen waren hingegen die unmittelbare Quelle.
      Gott wählt die Menschen aus. Selten sagt er ihnen auch tatsächlich genau, was sie weitergeben sollen. Aber die Norm ist, dass die Menschen die Worte wählen – welche Rolle Gott und der heilige Geist spielen, gilt es noch zu klären.

    In der Literatur werden diese drei Begriffe verwendet (siehe z.B. ERF Die Bibel als Gottes Wort):

    1. Die Verbalinspiration: Nicht nur die inhaltlichen Zusammenhänge und die Autoren der Bibel sind von Gott inspiriert, sondern auch die Worte selbst. Die ganze Bibel wird als vollkommenes, fehlerfreies und verbindliches Wort Gottes verstanden.
    2. Die Personalinspiration: Hier ist der Autor eines biblischen Buches von Gottes Geist erfüllt. Gott machte ihn dazu fähig, etwas über Gott oder den Glauben zu sagen, ohne dass alles, was er schreibt, vollkommen sein muss. Der Mensch ist inspiriert und nicht zwangsläufig der gesamte Inhalt seiner Botschaft.
    3. Die Realinspiration: Bei diesem Modell sind es die großen thematischen Zusammenhänge eines biblischen Buches, die inspiriert sind und nicht der Autor oder der Wortlaut. Was für den Glauben nicht zentral ist, ist auch nicht notwendigerweise von Gottes Geist inspiriert.

    Das Problem mit der Verbalinspiration ist, dass wir sie zum einen gar nicht überprüfen können, weil wir die Autographen nicht kennen und auch nicht wissen, was Gott schreiben wollte. Zum anderen nützt sie uns auch gar nichts, wenn wir nicht den Text in den Sprachen der Autographen mit dem kulturellen Hintergrund der damaligen Zeit lesen und verstehen können. Sobald eine Übersetzung vorliegt, müsste ja auch die Wortwahl der Übersetzer einer Verbalinspiration unterliegen. Und was, wenn zwei Übersetzungen verschiedene Wörter gewählt haben? Sind dann beide wörtlich inspiriert? Wir sehen, dass man schon beim Übersetzen die Idee einer Verbalinspiration erweitern muss.

    Die Verbalinspiration entspricht dem Gedanken einer unmittelbaren Quelle. Wohingegen Personal- und Realinspiration dem Gedanken einer ultimativen Quelle entsprechen. Gott ist die ultimative Quelle, weil er zum Beispiel:

    1. Die Menschen erschaffen hat.
    2. Es seine Idee war, uns etwas zu offenbaren.
    3. Personen sorgfältig ausgewählt und die Umstände genutzt oder geschaffen hat, um die Schriften zu schaffen.

    Gott als ultimative Quelle erklärt auch viel besser, warum die Texte der Bibel selbst in etwa der gleichen Zeit verschiedene Vokabulare, Schreibstiele und Komplexität aufwiesen. Wenn Gott jedes Wort diktiert oder in den Geist der Autoren gelegt hätte, warum hätte er sich dann diese Umstände gemacht? Es irgendwie menschlich erscheinen lassen, wenn es doch nur seine Worte enthalten sollte?

    Denken wir auch an 1. Korinther 7:12 „Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …“ (Elberfelder). Kommen die Worte danach nun von Gott oder Paulus? Und wenn es die Worte des Herrn gewesen wären, wären es dann Gottes Worte eingepflanzt in den Geist des Herrn gewesen? Das war doch gar nicht nötig, denn oft genug hat Jesus betont, wie ähnlich er seinem Vater ist. Wenn Jesus sprach, war das in völliger Harmonie mit Gottes Gedanken. Und sollte das mit Hilfe des heiligen Geistes nicht auch bei einem Paulus möglich gewesen sein, ohne ihm jedes Wort in den Sinn und die Feder zu legen. Bei seinen Vorträgen war dies doch schließlich auch nicht der Fall. Oder hat Paulus da etwas ‚Falsches‘ gesagt?

    Der Gott, der so die ultimative Quelle des Textes ist, ist sehr viel größer und ‚allmächtiger‘ als einer, der als unmittelbare Quelle jedes einzelne Wort diktiert. Wort-für-Wort Diktieren kann sogar jeder von uns. Wer der Überzeugung ist, dass Gott die Entwicklung des Kanons geleitet hat, sollte kein Problem damit haben, dass er als ultimative Quelle auch die Enwicklung des Textes so geleitet hat.

    Im Prinzip hat er es mit dem Prophezeien und Schreiben wohl so gemacht, wie bei der handwerklichen Arbeit mit diesen beiden:

    Nun sagte Mose zu den Israeliten: „Seht, Jahwe hat Bezalel Ben-Uri, den Enkel von Hur aus dem Stamm Juda, berufen. Er hat ihn mit dem Geist Gottes erfüllt, mit Weisheit und Verstand und kunsthandwerklichem Geschick.  Er kann Pläne entwerfen und danach Gegenstände aus Gold, Silber und Bronze anfertigen. Er kann Edelsteine schneiden und einfassen, er versteht sich auf Holzschnitzerei und ist in jeder künstlerischen Technik erfahren. Dazu hat Jahwe ihm und Oholiab Ben-Ahisamach aus dem Stamm Dan die Gabe geschenkt, andere zu unterweisen. Beiden hat er die Fähigkeit gegeben, jeden Entwurf eines Kunsthandwerkers, Kunststickers oder Buntwirkers ausführen zu können, ob es um blauen und roten Purpur, Karmesinstoff oder Leinen geht, um Weberei oder Stickerei. Sie können alle möglichen Entwürfe machen und sie ausführen.

    2. Mose 35:30-35 Neue Evangelistische Übersetzung

    Klingt das so, als ob Gott ihnen Strich für Strich und jede Handbewegung und jedes Wort in den Geist diktiert hat? Klingt eher nach einem Intelligenz- und Talentverstärker, was der Geist Gottes hier bewirkt.

    Kommen wir noch einmal auf 2. Petrus 1:20,21 zurück:

    Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.

    2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung

    Wie müssen wir uns das vorstellen, dass Propheten „vom Heiligen Geist gedrängt φερόμενοι (pheromenoi)“ wurden. Dieses Wort enthält den Gedanken von etwas tragen, hervorbringen, voranbringen. Wenn es in Verbindung mit intelligenten Menschen verwendet wird wie in Markus 1:32; 7:32, wird dabei nie der Sinn der Person ausgeschaltet oder manipuliert, sondern einfach jemand wohin gebracht. 2. Petrus 1:21 vermittelt den Gedanken, dass Gott die Propheten zum sprechen und schreiben veranlasst hat – als ultimative Quelle – unter Verwendung ihrer eigenen Worte. Nicht dass er ihren Sinn und ihre schreiben Hände bei jedem Wort kontrolliert hat.

    Denkst du immer noch, dass Gott die Schriften Wort für Wort diktiert hat? Dann musst du auch annehmen, dass er genauso diejenigen wie Roboter ferngesteuert hat, welche die Schriften überarbeitet haben. Die heiligen Schriften überarbeitet? Das kann doch nicht wahr sein! Wenn das deine Ansicht über die ‚Inspiration‘ ist, dann ist es auch ein Teil, der durch die Fakten widerlegt wird. Sogar durch den Text selbst! Hier ein paar Beispiele aus dem Alten Testament, also das, was für die Schreiber des Neuen Testaments ‚die Schriften‘ waren.

    1. 5. Mose 34:1-12 „So starb Mose, der Diener Jahwes, im Land Moab, wie Jahwe es gesagt hatte, und er begrub ihn dort im Tal gegenüber von Bet-Peor. Bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. Mose war 120 Jahre alt geworden. Sein Sehvermögen hatte nicht nachgelassen und seine Kraft war nicht geschwunden.“
      Wie sollte Moses das geschrieben haben? Oder hat Gott ihn dazu gebraucht, das zu seinen Lebzeiten zu schreiben?
    2. 1. Mose 14:14 „Als nun Abram hörte, dass sein Bruder gefangen sei, bewaffnete er seine 318 erprobten Knechte, die in seinem Haus geboren waren, und jagte jenen nach bis Dan.“
      Zur Zeit Abrahams gab es weder den Stamm noch die Stadt Dan. Aber Moses schrieb das doch und kannte es! Nur sagt uns Richter 18:29, dass Moses die Stadt noch gar nicht unter diesem Namen kennen konnte: „Und sie gaben der Stadt den Namen Dan nach dem Namen ihres Vaters Dan, der dem Israel geboren worden war; früher dagegen war Lajisch der Name der Stadt.
    3. „Bis auf diesen Tag“ ist oft ein Hinweis, auf eine spätere Überarbeitung des Textes. Zum Beispiel in 5. Mose 10:8 „ In jener Zeit sonderte der HERR den Stamm Levi dazu aus, die Lade des Bundes des HERRN zu tragen, vor dem HERRN zu stehen, um seinen Dienst zu verrichten und in seinem Namen zu segnen, bis auf diesen Tag.“
    4. Hesekiel 1:1-3 „Und es geschah im dreißigsten Jahr, im vierten ⟨Monat⟩, am Fünften des Monats; als ich mitten unter den Weggeführten am Fluss Kebar war, da öffnete sich der Himmel, und ich sah Gotteserscheinungen. Am Fünften des Monats – das ist das fünfte Jahr ⟨nach⟩ der Wegführung des Königs Jojachin – geschah das Wort des HERRN ausdrücklich zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Land der Chaldäer am Fluss Kebar; dort kam die Hand des HERRN über ihn.“
      Ist uns der Wechsel von der ersten Person ‚ich‘ in Vers 1 zur dritten Person ‚Hesekiel‘ ‚ihn‘ aufgefallen? Das gibt es oft im Alten Testament.
    5. Psalm 72:20 „Es sind zu Ende die Gebete Davids, des Sohnes Isais.” Wirklich? Nein, später kommen noch welche. Warum steht es dann da? Weil es das Ende von ‚Buch 2‘ der Psalmen war. Danach wurde weitere gefunden. In einigen Bibelübersetzungen findet man auch den Hinweis, dass mit Psalm 73 ‚Buch 3‘ anfängt.

    Es gibt noch weitere Beispiele aus Jesaja oder verschiedene Versionen des Buches Josua (Siehe Michael S. Heisers Blog) oder Jeremia (siehe Blog).

    Und was bedeutet das jetzt? Ist die Bibel jetzt von Gott Wort für Wort inspiriert? Ja oder Nein? Die Antwort ist: Diese Frage führt nicht sehr weit. Wir haben ja schon einige Bewiese gesehen, dass man mit Nein antworten muss. In dieser extremen Form müssen den Satz aus dem ersten Teil noch weiter kürzen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Und wenn wir schon dabei sind, dann ist es eigentlich auch nicht die heilige Schrift, sondern Heilige Schriften. Und Gottes Wort ist es ja auch nicht so richtig, weil da zum Beispiel in den Evangelien auch die Worte des Teufels in den Versuchungen aufgeschrieben sind. Aber darüber werden wir im nächsten Video, dem Teil 10 sprechen.

    Ok. Kann es sein, dass dich diese Erklärungen etwas – na sagen wir einmal – ‚nervös‘ gemacht haben? Dir Angst machen? Oder vielleicht reagierst du eher in die Richtung ‚aggressiv‘: „Das kann so alles nicht stimmen. Hier wird nur mein Glaube untergraben!“ Eine weitere typische Reaktion ist Flucht: Das ist alles nicht so wichtig. Hauptsache wir lieben uns alle. Aber dann würde Matthäus 22:37-40 völlig ausreichen, also Jesu Zusammenfassung. Warum dann 140.000 weitere Worte im Kanon des Neuen Testament? So einfach kann man den Text und seine Herausforderungen wohl doch nicht beiseite schieben. Wir müssen uns wohl oder übel noch weiter mit diesem Thema beschäftigen. Zumindest, wenn wir unseren Glauben und Vorstellungen auf den Tatsachen aufbauen wollen – und nicht auf unseren Wünschen oder überlieferten Vorstellungen.

    Und deswegen müssen wir uns im nächsten Teil mit solch geläufigen Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ auseinandersetzen, weil mit ihnen unbewusst eine ganze Reihe von Annahmen und Vorstellungen verbunden sind.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 8: Die Entstehung des Kanon

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 8: Die Entstehung des Kanon

    Von Christian


    Für viele ist es vermutlich wie selbstverständlich, dass in ihrer Bibel 27 Schriften enthalten sind, beginnend mit den Evangelien bis zu Offenbarung. Vor Christi Geburt gab es hingegen sicher noch keine Schriften, die wir als ‚christliche Schriften‘ bezeichnen würden. Was ist dazwischen geschehen? Das ist tatsächlich eine spannende – und für das Fundament unseres Glaubens wichtige Angelegenheit. In diesem Teil der Serie können wir nur einen Überblick geben, der auf dem Standardwerk zu diesem Thema von Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“ beruht, das ich nur wärmstens empfehlen kann:

    Bruce M. Metzger "Der Kanon des Neuen Testaments"
    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“

    In der Einführung schreibt er:

    Die Anerkennung der kanonischen Stellung der verschiedenen Bücher des Neuen Testaments war das Ergebnis eines langen und schrittweisen Prozesses, in dessen Verlauf bestimmte Schriften, die als autoritativ betrachtet wurden, von einem weit umfassenderen Corpus christlicher Literatur geschieden wurden. Auch wenn dies eine der bedeutendsten Entwicklungen im Denken und in der Praxis der frühen Kirche war, so schweigt sich die Geschichte im wesentlichen darüber aus, wie, wann und durch wen sie in Gang gesetzt worden ist. In den Annalen der christlichen Kirche ist nichts erstaunlicher als die Abwesenheit detaillierter Berichte über einen so bedeutsamen Prozess.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 11 (kursiv nicht im Original)

    Wir wissen also nicht, wer diesen Prozess wann in Gang gesetzt hat. Jesus war es nicht. Nirgends lesen wir davon, dass er seine Jünger beauftragt hat, ein ‚heiliges Buch‘ zu schreiben. Die Geschichte und Manuskripte liefern uns aber eine Menge Hinweise, wie der Prozess über gut drei Jahrhunderte ablief. Wir können erkennen, dass es keinen Masterplan gab, keine Auftrag, genau diese 27 Schriften anzufertigen und daraus einen Kanon zu bilden. Den Begriff Kanon verwende ich hier übrigens in dem Sinne als Liste der von Christen anerkannten Bücher. Das Wort selbst kommt aus dem Griechischen und hatte viele verschiedene Bedeutungen und wurde auch in den ersten Jahrhunderten von Christen verschieden gebraucht.

    Um die Entstehung des Kanons besser zu verstehen, habe ich einmal wichtige Ereignisse in den ersten vier Jahrhunderten dargestellt:

    Die Entsehung des Kanons des Neuen Testaments im Kontext der ersten vier Jahrhunderte

    Was vermutlich sofort auffällt, ist der große zeitliche Abstand zwischen der Zeit Jesu, der Apostel und der Entstehung der Schriften und den Nachweisen verschiedener Fassungen des Kanons des Neuen Testaments. Die endgültige Festlegung des Kanons, den wir kennen, geschah erst im vierten Jahrhundert zu der Zeit, als Kaiser Konstantin das Christentum förderte und die Konzile stattfanden, in denen die Lehre der Trinität als Doktrin festgelegt wurde.

    Welche Autoritäten wurden von den Jüngern Jesu anerkannt und welchen Einfluß übten sie aus?

    1. Vom ersten Tag ihrer Existenz an besaß die christliche Kirche einen Kanon heililger Schriften – die jüdischen Schriften. … Die genauen Abgrenzungen des jüdischen Kanons mögen noch nicht endgültig festgelegt gewesen sein, doch waren seine Bücher schon so ausreichend definiert, daß man sich auf sie kollektiv als »Schrift« (he grafe) oder »die Schriften« (hai grafai) beziehen und Zitate aus ihnen mit der Formel »es steht geschrieben« (gegraptai) einführen konnte.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 12

    Zum einen ist interessant, das noch um das Jahr 90 n. Chr. der Kanon der jüdischen Schriften diskutiert wurde, obwohl die Übersetzung ins Griechische (Septuaginta) schon über 300 Jahre früher begonnen hatte. Disuktiert wurde nicht, was noch aufgenommen werden sollte, es gab ja eine ganze Reihe von Büchern aus der zweiten Tempelperiode, sondern ob manche im Kanon bleiben sollten (Prediger, Esther, Hohelied).

    Zum anderen ist es wichtig, nochmal wie in Teil 2 dieser Serie festzuhalten, was die christlichen Autoren meinten, wenn sie z.B. in 2. Timotheus 3:16, 2. Petrus 1:20 oder Römer 15:4 von ‚der Schrift‘ oder ‚den heiligen Schriften‘ sprachen: Es waren die Schriften des jüdischen Kanons! Nicht ihre eigenen! Wie wir noch sehen werden, haben die Christen erst später begonnen, auch die Schriften eines Paulus oder Petrus so zu betrachten.

    2. In den ältesten christlichen Gemeinden gab es noch eine andere Autorität, die ihren Platz Seite an Seite mit der Jüdischen Bibel gefunden hatte, nämliche die Worte Jesu, wie sie mündlich überliefert worden waren. …

    Es ist deshalb nicht überraschend, daß in der frühen Kirche die Worte Jesu, deren man sich erinnerte, hochgeschäzt und zitiert wurden und sie dadurch ihren Platz neben dem Gesetz und den Propheten einnahmen und im Hinblick auf ihre Autorität ihnen gleich oder überlegen angesehen wurden.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 12, 13

    Da wir heute nicht mehr über dieselbe mündliche Überlieferung verfügen, sondern sehr auf die Bibel als Buch fixiert sind, ist es uns vielleicht gar nicht so bewusst, welche immense Bedeutung die mündliche Überlieferung bis weit in das zweite Jahrhundert hatte. Vielleicht prägt sich der Unterschied anhand dieses Schaubilds ein:

    Mündliche Überlieferung, Lehren und Glaube, Schriften

    Im ersten Jahrhundert und anfangs des zweiten Jahrhunderts war die mündliche Überlieferung durch die Jünger noch so stark, dass neue Lehren und Schriften daran gemessen wurden. Später – und erst recht heute – wurden die Schriften immer maßgeblicher, weil die Kette der vertrauenswürdigen Übermittler der mündlichen Tradition zu lange und unzuverlässig wurde.

    3. Parallel zur mündlichen Verbreitung von Jesu Lehren entstanden apostolische Interpretationen zur Bedeutung seiner Person und seines Werkes für das Leben der Gläubigen. …

    Wenn auch die Schreiber dieser apostolischen Briefe überzeugt sind, mit Autorität zu sprechen, zeigt sich bei ihnen noch nicht das Bewusstsein, daß ihre Worte einmal als dauernde Norm von Lehre und Leben in der christlichen Kirche angesehen werden könnten. Sie schrieben für einen unmittelbaren Zweck und genauso wie sie geredet hätte, wäre es ihnen möglich gewesen, bei ihren Adressaten anwesend zu sein.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 13, 14

    In der Fußnote findet sich ein Hinweis, dass bei den patristischen Autoren Hinweise auf Autographen zu finden sind. Tertullian (De Preasc. Haer. 36) erwähnt Thessalonich unter den Städten, an die apostolische Briefe geschrieben und noch im Original verlesen wurden. Das wäre etwa in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts gewesen.

    4. Im Laufe der Zeit gewann die christliche Literatur an Umfang und wurde in verschiedenen Gemeinden verbreitet.

    Zur gleichen Zeit setzen Anspielungen auf den höheren Rang der apostolischen Schriftsteller, die doch so nahe der Zeit des irdischen Auftretens Jesu gelebt hatten, die früheren Urkunden von den zeitgenössischen Schreiben ab und verhalfen jenen zur Verfestigung als gesondertes literarisches Coprus.

    Es überrascht daher nicht, daß die Leser unterscheiden konnten und es auch taten, zwischen dem »Klang« bestimmter Urkunden, die später als kanonisch identifiziert wurden, und dem immer mehr anwachsenden Corpus der patristischen Literatur.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 15

    Nach dem jüdischen Kanon (Altes Testemant) und den Worten Jesu erhalten nun also auch langsam die Schriften der Apostel und anderen im ersten Jahrhundert einen besonderen, höheren Stellenwert.

    5. In dem Zeitalter, das dem der Apostel folgte, vertrat der Ausdruck »der Herr und die Apostel« die Norm, auf die man sich in allen Angelegenheiten des Glaubens und der Lebenspraxis berief. …

    Genau auf diese Art öffentlicher Verlesung der christlichen Urkunden bezieht sich Justinus Martyr um 150 n. Chr. Er sagt uns, daß es üblich war, sonntags bei den Gottesdiensten »die Erinnerung der Apostel« (d.h. die Evangelien) oder die Schriften der Propheten zu verlesen. So kam es dazu, daß die christlichen Gemeinden sich daran gewöhnten, die apostolischen Schriften in gewisser Weise als den älteren jüdischen Schriften gleichwertig zu betrachten, und diese liturgische Gewohnheit, auch wenn sie ohne Zweifel in den verschiedenen Gemeinden variierte, drückte bestimmten Evanglien und Briefen den Stempel auf, sie verdienten besondere Hochachtung und Gehorsam.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 15

    Hier sehen wir die spätere Entwicklung: Dadurch dass sowohl „die Schriften“ des jüdischen Kanon als auch die Schriften der christlichen Autoren nebeneinander im Gottesdienst gelesen wurden, wurden sie ihnen im Laufe der Zeit für Christen als gleichwertig empfunden.

    6. Im zweiten und dritten Jahrhundert wurden Übersetzungen der apostolischen Schriften ins Lateinische und ins Syrische angefertigt, möglicherweise auch in die koptischen Dialekte Ägyptens.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 16

    Insbesondere die Übersetzungen in die Sprache der Menschen in Westeuropa – Latein – führte dazu, dass schon ab etwas dem vierten Jahrhundert diese als ‚die Schriften‘ angesehen wurden und nicht mehr die griechischen (oder aramäischen) Autographen. Wie wir schon festgestellt haben, musste schon Eusebius im 4. Jahrhundert beginnen, die abweichenden Manuskripte zu bewerten und die daraus entstandene Vulgata sollte für viele Jahrhunderte ‚die Bibel‘ der Christen werden.

    Doch noch haben wir gar keinen Kanon, keine verbindliche Liste der Schriften, die Teil des Neuen Testaments werden sollen. Selbst der Begriff existiert noch gar nicht. Noch viele, viele Jahrzehnte der Diskussion werden folgen.

    Soweit die Einführung in Bruce Metzgers Buch. In den restlichen fast 300 Seiten findet man eine Vielzahl historischer Fakten.

    In der patristischen Zeit zeichnen sich die Schriften der apostolischen Väter dadurch aus, dass sie aus den Schriften, die später in den Kanon aufgenommen wurden, zitieren. Aber es sind immer nur ein Teil davon und unterschiedliche. Alle scheinen nur einen Teil dieser Schriften zu kennen.

    Für frühe Judenchristen bestand die Bibel aus dem Alten Testament und einigem an jüdischer apokrypher Literatur. Zusammen mit dieser schriftlichen Autorität liefen hauptsächlich mündliche Überlieferungen von Sprüchen um, die man Jesus zuschrieb. Andererseits beziehen sich Autoren, die zum hellenistischen Flügel der Kirche gehörten, häufiger auf Schriften, die später Teile des Neuen Testaments werden sollten. Zur gleichen Zeit jedoch betrachteten sie solche Urkunden als »Schrift«.

    Darüber hinaus gab es noch keine Verpflichtung, exakt aus Büchern zu zitieren, die noch nicht im vollen Sinn kanonische waren. … Kurz: Wir finden sowohl in den jüdischen als auch hellenistischen Gruppen eine Kenntnis der Existenz bestimmter Bücher, die später das Neue Testament ausmachen, und mehr als einmal drücken sie ihre Gedanken durch Sätze aus, die aus diesen Schriften genommen sind. Diese Anklänge zielen darauf zu zeigen, daß eine implizite Autorität solcher Schriften gespürt wurde, bevor eine Theorie ihrer Autorität entwickelt worden war. Dieses Autorität hatte zudem in keiner Weise ausschließenden Charakter.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 79

    Typisch für diese Zeit ein Brief um das Jahr 95/96 n. Chr., der nach der Tradition Clemens von Rom zu geschrieben wird.

    Die alttestamentlichen Zitate werden häufig eingeführt durch solche wohlbekannte Formeln wie »die Schrift sagt« (he grafe legei), »es ist geschrieben« (gegraptai), »das, was geschrieben ist« (to gegrammenon), und sind meist mit großer Genauigkeit dem griechischen Text der Septuaginta entnommen. Anders verhält es sich bei den wenigen neutestamentalischen Zitaten. Anstatt Evangelienmaterial mit Zitationsformeln, die eine schriftliche Aufzeichnung implizieren, einzuführen, drängt Clemens zweimal seine Leser, »eingedenk zu sein der Worte des Herrn Jesus«. In 1 Clem 12,2 stellt Clemens eine Anzahl von Sätzen zusammen, von denen einige bei Matthäus und Lukas zu finden sind, andere aber keine genauen Parallelen in den vier Evangelien haben.

    Er kennt verschiedene Paulusbriefe und schätzt sie ob ihres Inhaltes hoch; das gleiche kann vom Hebräerbrief gesagt werden, mit dem er wohl vertaut ist. Auch wenn diese Schriften für Clemens offensichtlich beachtenswerte Bedeutung besitzen, bezieht er sich niemals als autoritative Schrift auf sie.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 50, 52

    Über die Entwicklung des Kanons im Osten schreibt Metzger:

    Nach der Zeit der Apostolischen Väter treten wir in einen neuen Abschnitt der Geschichte der Bücher des Neuen Testaments ein. Die Bücher der kanonischen Evangelien bilden eine geschlossene Sammlung und werden von der gesamten Kirche in dieser Form rezipiert. Auch die Paulusbriefe werden als inspirierte Schrift angesehen, und hier und da gilt das auch für die Apostelgeschichte und die Offenbarung des Johannes. Einige wenige andere Bücher bewegen sich noch am Rande des Kanons: der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, die Petrusbriefe, die Johannesbriefe und der Judasbrief.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 116

    In Bezug auf die Entwicklung des Kanons im Westen möchte ich nur einen Aspekt in Verbindung mit Irenäus von Lyon hervorheben:

    Gegenüber der Vielzahl der neuen Evangelien der Gnostiker erkennt die Gesamtkirche zur Zeit des Irenäus nur die vier Evanglien bzw. – wie er sich ausdrückt – das eine Evangelium in vierfacher Gestalt (to euaggelion tetramofron) an. Deren Vielzahl wird als gegeben und endgültig angesehen.

    »Es kann gar nicht sein, daß die Zahl der Evangelien größer oder kleiner ist, als sie ist, denn in der Welt, in der wir leben, gibt es auch nur vier Himmelsrichtungen und vier Winde … Die vier lebenden Tiere (Apk 4,9) symbolisieren die vier Evangelien … und es gibt vier Hauptbundesschlüsse mit der Menschheit: Noah, Abraham, Mose und Christus.« (Adv. Haer. III 9,8).

    Das bedeutet, daß für Irenäus der Kanon der Evanglien geschlossen ist; seine Texte sind heilig. Der apostolische Kanon ist dagegen noch nicht geschlossen und es fällt ihm nicht ein, wie bei den Evangelien über ihre Zahl zu theoretisieren, wenn er von den zwölf Paulusbriefen, ihren Adressaten oder ihre Zuschreibung zu Paulus spricht.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 152

    Für uns mag es ganz selbstverständlich sein, von vier Evangelien zu sprechen. Aber in den ersten Jahrhunderten war dies nicht so. Sonst hätte Irenäus sich nicht in solche Zahlenmystik versteigen müssen. „Zur damaligen Zeit, wo es noch keinen fertigen Kanon gab, wurde es keineswegs überall als natürlich angesehen, daß verschiedene, in gewissem Umfang sogar voneinander abweichende Jesusbiographien gleiche Autorität besitzen sollten.“ (S. 248). Das geschah erst mit der Entwicklung und dem Abschluß des Kanons. „Es gibt Grund zu glauben, daß in einigen Kirchen nur ein Evangelium im Gebrauch war, und zwar lange bevor die Kanonfrage abgeschlossen war. Anscheinend war nur das Matthäusevanglium überall in Palästina in Gebrauch. Demgegenüber gab es Kirchen in Kleinasien, die von Anfang an nur das Johannesevangelium besaßen und ebenso wurden auch Lukas und Markus nur in bestimmten Kirchen gelesen.“ (S. 249)

    Was die Anzahl der Berichte über Jesus betrifft, ist ja schon die Einleitung des Lukas Evangelium interessant:

    Schon viele haben sich darangesetzt, einen Bericht über die Ereignisse zu schreiben, die bei uns geschehen sind und die wir von denen erfahren haben, die von Anfang an als Augenzeugen dabei waren und dann den Auftrag erhielten, die Botschaft weiterzusagen. Nun habe auch ich mich dazu entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es für dich, verehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Dinge überzeugen, in denen du unterwiesen worden bist.

    Lukas 1:1-4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Viele haben also schon Evangelien im Sinne von Berichte über Jesus geschrieben. Aber nicht alle sind im Kanon. Darüber werden wir in einem späteren Teil dieser Serie noch sprechen. Und es gab die Augenzeugen und mündliche Tradition.

    Tatsächlich gab es aber auch Dutzende andere Bücher, die zeitweilig in bestimmten Einzelkirchen als kanonisch angesehen wurden (S. 163). Dazu gehörten apokryphe Evanglien, wie das Hebräerevangelium, das Ägypterevangelium oder das Petrusevangelium. Auch apokryphe Apostelgeschichten gab es sowie apokryphe Briefe. Und schließlich noch apokryphe Apokalypsen, wie die Apokalypse des Petrus oder die des Paulus. So ist zum Beispiel die Apokalypse des Petrus in der Liste der kanonischen Bücher im Codex Claromontanus enthalten (S. 181).

    Im Canon Muratori (vermutlich spätes 2. Jahrhundert), das mehr eine Liste von Titeln als ein Kanon ist, finden sich (S. 188ff): a) Die Evangelien. Das Johannesevangelium wird so dargestellt, dass es die gemeinsame Lehre der Zwölf repräsentiert, wogegen die anderen je eine besondere Einzeltradition überliefern. b) Die Apostelgeschichte. c) Die Paulusbriefe, dreizehn an der Zahl. d) Andere Briefe. Judasbrief und zwei Briefe des Johannes. Dann kommt ein »Buch der Weisheit, das von Salomos Freunden zu seinen Ehren geschrieben wurde.« Wie das hineinkommt, versteht bis heute niemand. e) Apokalypsen. Johannes- und Petrusapokalypse. Von letzterem heißt es: »obwohl einige von uns nicht wollen, daß letztere in der Kirche verlesen werden sollte.« Was aber natürlich bedeutet, dass es durchaus verlesen wurde. f) Ausgeschlossene Bücher

    Bei Eusebius findet sich schließlich eine doppelte Kategorisierung (S. 197):

    Zuerst klassifiziert Eusebius die Schriften nach dem Kriterium der Kanonizität und stellt »kanonisch« gegen »nicht kanonisch«. Dann unterscheidet er nach ihrem Charakter und stellt »orthodox« gegen »häretisch«. … Diese Einteilung kann uns aber erklären, wieso Eusebius die Johannesoffenbarung zwei Klasen zuordnen konnte. Der Historiker erkennt, daß die Schrift weitgehendst anerkannt ist, aber als Kirchenmann weiß er um den außerordentlichen Gebrauch, den die Montanisten und Millenaristen von dem Buch machen. Und so ist er froh, an einer anderen Stelle seiner Kirchengeschichte berichten zu können, daß andere sie nicht für echt halten.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 198

    Klingt vielleicht trocken und langweilig, aber zeigt eine interessante Fragestelltung auf: Sollte eine Schrift allein schon dadurch als ‚heilige Schrift‘ angesehen werden, weil sie Teil eines Kanons ist? Was machen denn die meisten Christen heute, wenn man ihnen eine Schrift vorlegt und fragt, ob das von Gott inspiriert ist? Genau, finden sie die Schrift in ihrer Bibel, dann ist sie ok. Aber die Liste der Bücher in unserer Bibel ist genau der Kanon des Neuen Testaments, der in den ersten vier Jahrhunderten erarbeitet worden ist. Im ersten Jahrhundert wurde der Inhalt mit den mündlich überlieferten Lehren überprüft. Und zur Zeit des Eusebius war man jetzt irgendwie dazwischen. Wenn eine Schrift sonntags immer wieder in der Gemeinde vorgelesen wurde, dann war sie doch Teil eines ‚Kanons‘ und damit zu akzeptieren, oder? Das ist in etwa die erste Einteilung von Eusebius. Aber er hat auch immer noch die zweite: Ist die Schrift vom Inhalt her »orthodox«, stimmt also mit den Lehren der Kirche überein? Viele der Kirchenväter fanden auch andere Schriften als nutzbringend und zum Vorlesen geeignet, zählten sie aber nicht unbedingt zum engeren Kreis der von den meisten anerkannten Schriften. Der Hirte von Hermas war zum Beispiel so eine Schrift.

    Noch um 325 n. Chr. berichtet Eusebius, das in der Kirche im Osten die Autorität der meisten katholischen Briefe (also allgemeinen, nicht an eine spezielle Gemeinde gerichteten) und der Johannesoffenbarung noch zweifelhaft ist. (S. 201)

    Selbst noch im Jahr 691/692 kommt dies in einer erstaunlichen konziliaren Entscheidung durch die Trullanische Synode zum Ausdruck: „Indirekt sanktionierte das Konzil mit Blick auf einen biblischen Kanon kaum zusammengehende und sich geradezu widersprechende Meinungen. So haben wir zum Beispiel gesehen, daß die Synode von Karthago und Athanasius die kleinen katholischen Briefe und die Offenbarung als kanonisch anerkannten, wohingegen die Synode von Laodicäa und der fünfundachzigste apostolische Kanon sie verwarfen. Der zuletzt genannte Kanon betrachtet die zwei Clemensbriefe als kanonisch, die anderen verwerfen sie.“ (S. 208) Zusammenfassend schreibt Metzger: „Die offiziellen Lektionare der griechischen Kirche enthalten weder in byzantinischer noch in moderner Zeit die Johannesoffenbarung. Dadurch wird die geringere Stellung dieses Buches im Osten deutlich. Und es ist bezeichnend, daß – stellt man die Zahl aller noch vorhandenen Exemplare in Rechnung – nur sehr wenige Christen je ein gesamtes Neues Testament gesehen oder besessen haben dürften.“ (S. 209)

    Insbesondere der letzte Satz wirft ein wichtige Frage auf: Wie passt die Idee, dass Gott und Jesus geplant hätten, dass ein Kanon mit diesen 27 Büchern genau das ist, was jeder Nachfolger Jesu braucht, mit der historischen Tatsache zusammen, dass in den ersten Jahrhunderten praktisch kein Christ den kompletten Kanon des Neuen Testaments je in seinem Leben gesehen oder gehört hat?

    Die Entwicklung im Westen fasst Metzger so zusammen: „Siebenundzwanzig Bücher, nicht mehr, nicht weniger – so lautet seitdem die Losung in der ganzen lateinischen Kirche. Es wäre falsch, es so darzustellen, als wäre die Kanonfrage zu Beginn des fünften Jahrhunderts für alle christlichen Kirchen damit erledigt gewesen. Die Handschriften der Paulusbriefe (und ganzer Bibeln) wurden nicht sofort erweitert oder durch vollständige Exemplare ersetzt und so dem Hebräerbrief der ihm nun auch offiziell zuerkannte Platz eingeräumt. So fehlt der Hebräerbrief in einer lateinischen und griechischen Handschrift (MS G) aus dem neunten Jahrhundert. Andererseits tauchen Handschriften mit dem Brief an die Laodicäer auf. So treffen wir, trotz des Einflusses des Hieronymus, des Augustinus und der Beschlüsse der drei Provinzsyndoden, in den folgenden Jahrhunderten mehr als einmal auf Zeugnisse, die vom Kanon abweichen: Entweder werden Schriften hinzugefügt, oder es fehlen einige.“ (S. 227)

    Was den Kanon des Neuen Testamentes betrifft, ist dieser bis heute tatsächlich so geblieben. Allerdings hat sich Luther gegen einige Bücher ausgesprochen und in Frage gestellt, ob sie Teils des Neuen Testaments sein sollten und deswegen die Reihenfolge geändert. Und in der äthiopischen Kirche gibt es einen erweiterten Kanon. Der englische Artikel in der Wikipedia enthält einen schöne Übersichtstabelle dazu. Im gleichen Artikel findet man auch eine Tabelle zum Kanon des Alten Testaments. Dort erkennt man allderings erhebliche Unterschiede zwischen dem Judaismus, protestantischen Kirchen, katholischen Kirchen sowie den verschiedenen orthodoxen Kirchen. In katholischen Bibeln findet man zum Beispiel Apokryphen, die man in protestantischen Bibeln nicht findet.

    Da wir nun schon so viel über die Geschichte des Kanon in wenigen Minuten erkannt haben, können wir das einmal mit dem vergleichen, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas im Buch Einsichten über die Heilige Schrift – Band 1 unter dem Stichwort ‚Inspiration‘ zum Kanon sagt:

    Doch wenn Gott gewissen Christen durch seinen Geist oder seine wirksame Kraft die Fähigkeit zur „Unterscheidung inspirierter Äußerungen“ verlieh, so konnte er auch die leitende Körperschaft der Christenversammlung so leiten, dass sie zu unterscheiden vermochte, welche inspirierten Schriften in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen werden sollten und welche nicht (1Ko 12:10; siehe KANON).

    Einsichten über die Heilige Schrift – Band 1, S. 1229 (kursiv von mir)

    Wenn wie sonst auch in der Literatur der Zeugen Jehovas mit ‚leitende Körperschaft‘ die Versammlung der Apostel und Ältesten in Jerusalm gemäß Apostelgeschichte 15 gemeint ist, dann hat diese keinen Kanon zusammengestellt. Wie hätte sie auch, wenn doch die meisten Teile davon noch gar nicht existierten. Ansonsten müssten aber ja die Päpste und Bischöfe bis ins 5. Jahrhundert als ‚leitende Körperschaft‘ angesehen werden, was wohl kaum gewollt war. Es ist also einfach nur falsch und irreführend und soll einfach von der schriftgemäßen Aussage ablenken, dass Christen – und auch nicht nur ‚gewisse Christen – durch den heiligen Geist unterscheiden konnten. Ok, zurück zum Thema.

    Heute sieht der Kanon des Neuen Testaments so stabil aus, als ob der direkt von Gott so entworfen worden wäre, mit genau 27 Büchern. Aber das war das Ergebnis der Entwicklung des Kanon im Westen der Kirche in einem Zeitraum von mindestens 400 Jahren. Ist der Kanon also nur Menschenwerk? Dazu muss sich jeder selbst eine Meinung bilden, wobei folgender Text von Metzger hilfreich ist:

    Ohne hier die Diskussion auf das Paradox von der doppelten Veranlassung, d.h. menschlicher und göttlicher, ausdehen zu wollen, wonach Ereignisse sowohl von Gott als auch vom Menschen veranlaßt sein können, so ist doch zu fragen, ob Marxsen berechtigt ist, zu erklären, daß »vom geschichtlichen Standpunkt aus der Kanon ein Zufallsprodukt ist«. Marxsens Urteil ist keine notwendige Folge historischen Wissenschaft, sondern ein rein philosophisches Urteil. Es gibt keine historischen Daten, die davon abhalten, sich der Ansicht der Gesamtkirche anzuschließen, wonach, trotz aller menschlichen Bedingungen (confusio hominum) in der Herstellung, Erhaltung und Sammlung der Bücher des Neuen Testaments, der ganze Vorgang mit Recht auch als ein Ergebnis der göttlichen Vorsehung (providentia dei) angesehen werden kann. Das wird nirgends deutlicher als in den Fällen, in denen ein Buch mit offensichtlich falschen Begründungen als kanonisch anerkannt worden ist. Zum Beispiel irrte ein großer Teil der Kriche, als sie den anonymen Hebräerbrief dem Apostel Paulus zuschrieb. Jeder wird aber zustimmen, daß sie intuitiv richtig lag und im Lauf der Zeit den inneren Wert des Briefs erkannte.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 268

    ”Es gibt keine historischen Daten, die davon abhalten …” bedeutet aber auch, das die historischen Daten den Schluß nicht gerade aufdrängen, dass hier Gottes Hand die Führende war.

    Wir sollten auch nicht die zeitliche Dimension vergessen, die wir im Diagramm zu beginn gesehen haben. Und dass es die gleichen kirchlichen Würdenträger waren, welche den Kanon also auch Lehren wie die Trinität festlegten und für die Verfolgung aller anderen Meinungen die Verantwortung mit tragen.

    Wir neigen auch dazu, nur das Ergebniss dieser Prozesses zu sehen: Schließlich ist das Neue Testament wiederhergestellt. Und damit ist alles gut. Wir haben gesehen, dass dieser Prozess eigentlich gar nicht abgeschlossen ist und viele Schriften des ersten Jahrhunderts – geschweige denn die mündliche Tradition – uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Und vor allem: Während dieses Jahrhunderte dauernden Prozesses hatten Christen keinen Kanon unverfälschter und vertrauenswürdiger Schriften.

    Was unsere Behauptung aus dem ersten Teil der Serie betrifft, interpretiere ich den Teil „enthält damit exakt das, was Gott wollte“ so, dass es jeden menschlichen Einfluß ausschließt. Versteht man es so, dann muss man diesen aufgrund der uns nun bekannten Fakten auch streichen.

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Ich weiß, manche oder mancher wird sich jetzt verzweifelt diesen Satz ansehen und sich fragen, ob denn überhaupt noch etwas übrig bleibt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Satz eine sehr, sehr weitreichende Behauptung darstellt – die sich so nicht halten lässt. Aber direkt unter der Oberfläche dieses perfekten Wunschbilds finden wir stabileren Grund. Oder um es einmal etwas salopp zu sagen: Du kannst wie die sprichwörtliche Prinzessin warten, bis der ideale, perfekte Wunschprinz kommt. Oder zusammen mit dem realen Prinzen glückliche werden, der dem Ideal so nahe wie möglich kommt.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten

    Von Christian


    Im vorigen Teil dieser Serie haben wir über die Manuskripte, die Textzeugen, gesprochen und welche Änderungen unabsichtlich erfolgt sind.

    Davor hatten wir in „Der Kanon – Teil 5: Das Comma Johanneum“ mit 1. Johannes 5:7,8 allerdings schon ein sehr berühmtes Beispiel für eine absichtliche Änderung ausführlich betrachtet. War das eine seltene Ausnahme? Schon im 2. Jahrhundert argumentierte ein heidnischer Kritiker der Christen namens Celsus, dass die Christen ihre Texte ganz nach ihrem Gutdünken ändern. Interessant ist, das Origines in seiner Entgegnung dies nicht abstritt, sondern von einer großen Zahl von Unterschieden in den Manuskripten der Evangelien spricht. Gut ein Jahrhundert später war Papst Damasus so sehr über die Unterschiede in den lateinischen Manuskripten beunruhigt, dass er Hieronymus beauftragte, einen standardisierten Text zu erstellen, der dann Bestandteil der Vulgata wurde. Und schon er musste verschiedene, voneinander abweichende Manuskripte in Latein und Griechisch vergleichen.

    Im Falle von absichtlichen Änderungen, ist es natürlich sehr viel schwieriger, diese zu finden und zu bewerten. Im Folgenden betrachten wir einmal einige, um auch etwas über die möglichen Beweggründe zu erfahren.

    Absichtliche Irrtümer

    Manche Änderungen wurden beim Kopieren eines Manuskripts eingefügt, weil man glaubte, dass eine Randnotiz (Glosse) oder Einschub zwischen den Zeilen kein zusätzlicher Kommentar war, sondern eigentlich in den Text gehörte. Und einige davon sind immer noch in aktuellen Übersetzungen zu finden und nicht immer durch eine Fußnote gekennzeichnet. So zum Beispiel in Offenbarung 20:5.

    Die übrigen Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre vollendet waren. Das ist die erste Auferstehung.

    Offenbarung 20:5 Einheitsübersetzung 2016

    Der erste Satz fehlt im Codex Sinaticus, im Codex Vaticanus und den aramäischen Texten (siehe dieser Artikel). Die Übersetzer der 2001 Translation merken an:

    Diese bekannte Beschreibung der Auferstehung wird seit Jahren zitiert und als Grundlage für viele religiöse Lehren verwendet. Die oben fett gedruckten Worte finden sich jedoch nicht in der ältesten griechischen Handschrift der Bibel, dem Codex Sinaiticus. Auch in der ältesten aramäischen Handschrift, dem Khabouris Codex, sind sie nicht zu finden.
    Daher scheinen sie eine spätere, unechte Ergänzung der Bibel zu sein, und deshalb haben wir sie gestrichen. Wahrscheinlich handelt es sich um persönliche Notizen eines alten Predigers, die er zwischen die Zeilen geschrieben hat; sie wurden wahrscheinlich von späteren Kopisten in den Haupttext eingefügt, die nicht erkennen konnten, ob sie Teil des ursprünglichen Textes waren oder nicht.

    Kommentar 2001 Translation zu Offenbarung 20:5

    Man kann den Leser aber auch noch etwas mehr in die Irre führen:

    (Die übrigen der Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre zu Ende waren.)* Das ist die erste Auferstehung*.

    Wenn ihr daher das abscheuliche Ding, das Verwüstung verursacht, von dem Daniel, der Prophet, geredet hat, an heiliger Stätte stehen seht (der Leser wende Unterscheidungsvermögen an), …

    Offenbarung 20:5; Matthäus 24:15 Neue-Welt-Übersetzung 1986

    Wer einmal den gedanklichen Einschub in Klammern in Matthäus 24:15 gelesen hat, wird in Offenbarung 20:5 in der gleichen Übersetzung doch vermuten, dass dies genauso ein gedanklicher Einschub ist. Immerhin konnte man in der alten NWÜ noch in der Fußnote lesen: „„Die übrigen der Toten . . . zu Ende waren“, AVg; fehlt in אSyp.“ In der aktuellen Ausgabe fehlt diese Fußnote. Dafür wird jetzt in Matthäus 24:15 ein Gedankenstrich anstelle der Klammer verwendet. Offenbarung 20:5 ist halt sehr wichtig für die Lehren der Zeugen Jehovas. Allerdings kann man den ersten Teil, der in den ältesten Manuskripten nicht enthalten ist und später an verschiedenen Stellen als Randnotiz in einigen Manuskripten zu finden ist, nicht als gesichert betrachten. Und daher ist es ein gutes Beispiel dafür, dass man vorsichtig sein sollte, wenn eine gewisse Lehre auf nur einem einzigen Text beruht.

    Absichtliche Änderungen

    [Beispiele aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kapitel 3]

    In Markus 1:2,3 lesen wir:

     ‹Es begann›, wie es beim Propheten Jesaja geschrieben steht: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her. Er wird dein Wegbereiter sein. Hört, in der Wüste ruft eine Stimme: ‚Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade!‘

    Markus 1:2,3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das Problem ist, dass hier nicht nur aus Jesaja zitiert wird, sondern auch aus Maleachi und 2. Mose. Deswegen haben einige Schreiber das so geändert: „wie es bei den Propheten geschrieben steht“.

    Ein weiteres Beispiel ist Matthäus 24:36:

    Doch Tag und Stunde von diesen Ereignissen weiß niemand, nicht einmal die Engel im Himmel; [Wenige Handschriften fügen nach Markus 13,32 hinzu: oder der Sohn selbst.] nur der Vater weiß es.

    Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel in den Himmeln, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein.

    Matthäus 24:36 Neue Evangelistische Übersetzung, Elberfelder

    Einige Schreiber haben sich wohl gefragt, wie das sein kann: Der Sohn Gottes weiß das nicht? Ist er nicht auch allwissend? Der Text wurde wohl auch als Argument gegen die Trinität verwendet. Das wollte man verhindern. Und so wurde der Teil „auch nicht der Sohn“ weggelassen.

    In Matthäus 17:12-13 wollten einige Abschreiber dem Missverständnis vorbeugen, dass Johannes der Täufer der Sohn des Menschen wäre. Und so fügten sie die Erklärung ein: „seiner Jünger erkannten, dass er zu ihnen über Johannes den Täufer sprach.“.

    Einge ganze Reihe von weiteren Änderungen wurden durchgeführt, damit der Text nicht von ‚Häretikern‘ verwendet werden konnte.

    Zum Beispiel in Lukas 5:38-39

    Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet werden, und die Schläuche werden verderben; sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche. Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, neuen, denn er spricht: Der alte ist milde.

    Lukas 5:38-39 Elberfelder

    Als im zweiten Jahrhundert es eine Strömung unter den Christen gab, die überzeugt war, dass die alte Religion der Juden vollständig durch die neue Relgion der Christen überholt war, war ihnen der Schluß dieses Textes suspekt: Wie konnte Jesus sagen, dass der alte Wein besser ist als der neue? Und so haben Abschreiber den letzten Teil einfach weggelassen.

    Für einige Abschreiber genügte es auch nicht, dass Jesus in Matthäus 1:16 nicht der Sohn Josephs genannt wird. Anstatt dass Joseph der Ehemann Marias war, änderten sie den Text so, dass er nur der Verlobte war. Jesus durfte auf keinen Fall einen menschlichen Vater haben.

    Als eine asketische Lebensweise für einige Christen an Bedeutung gewann, fügte man in Markus 9:29 ‚ und Fasten‘ hinzu:

    „Solche Geister können nur durch Gebet [Spätere Handschriften haben hier eingefügt: „und Fasten“.] ausgetrieben werden“, erwiderte Jesus.

    Markus 9:29 Neue Evangelistische Übersetzung

    Eine der bekanntesten liturgischen Änderungen ist die des Gebets des Herrn in Lukas. Das Gebet in Lukas scheint hoffnungslos verkürzt zu sein im Vergleich zu den bekannten Worten in Matthäus 6:9-13. Daher haben Abschreiber den Text in Lukas ‚harmonisiert‘ unbd einfach Teile aus Matthäus in Lukas eingefügt.

    In manchen Übersetzungen kann man auch heute noch einen Bericht lesen, der einen mehr an die Apokryphen erinnert:

    In diesen lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen und Abgezehrten, welche auf die Bewegung des Wassers warteten.  Denn ein Engel stieg zu gewissen Zeiten in den Teich hinab und bewegte das Wasser. Wer nun nach der Bewegung des Wassers zuerst hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch geplagt war.

    Johannes 5:3,4 Schlachter 2000

    In den ältesten und besten Manuskripten findet man keine Bewegung des Wasser und die Begründung dafür. Aufgrund der mündlichen Überlieferung wurde dieser Teil von Abschreibern später hinzugefügt. Gemäß den ältesten und besten Manuskripten lesen wir nur:

    In diesen Hallen lagen Scharen von kranken Menschen, Blinde, Gelähmte, Verkrüppelte.

    Johannes 5:3,4 Neue Evangelistische Übersetzung; gemäß den ältesten und besten Manuskripten

    Es gibt aber noch weitere absichtliche Änderungen des Textes, welche sich stärker auf die zentrale Botschaft und Lehren des Textes auswirken.

    Jesus Christus war voller Liebe und Mitgefühl, nicht wahr? So steht zum Beispiel in Markus 1:41

     Jesus hatte Mitleid mit ihm, berührte ihn mit seiner Hand und sagte: „Ich will es, sei rein!“

    Markus 1:41 Neue Evangelistische Übersetzung

    Viele werden den Text kennen und er berührt vermutlich uns alle. In einer anderen Übersetzung können wir aber lesen:

    Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus [AL(1) 41 – „Jesus wurde zornig, streckte“.] die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!

    Markus 1:41 Neue Genfer Übersetzung

    In einem der ältesten Textzeugen jedoch, dem Codex Bezae, und drei lateinischen Manuskripten finden wir also anstatt dem griechischen Wort splangnistheis (Mitgefühl haben) das wort orgistheis (zornig sein). Aufgrund dieser Textzeugen kann man davon ausgehen, dass diese Textvariante auf das zweite Jahrhundert zurückgeht. Kann das aber sein, dass Jesus zornig oder ärgerlich ist? In Lukas und Matthäus wird er nie so dargestellt. Und viele Gelehrte gehen davon aus, dass Markus eine Quelle für beide war. Doch selbst wenn sie den Text aus Markus ziemlich genau widergeben, wird ausgespart, dass Jesus zornig war. Doch auch in Markus 3:5 können wir lesen, dass er ‚voll Zorn‘ über die Menschen war. Und gemäß Markus 10:14 war er sogar über seine Jünger ärgerlich oder unwillig. Sowohl Matthäus als auch Lukas berichten das Selbe, aber ohne Jesu Gefühle zu erwähnen. Und schließlich hat er den Kranken gemäß Markus 1:43 auch ‚angefahren‘, ‚bedroht‘, ‚streng zurechtgewiesen‘.

    Könnte es sein, dass unser Bild von Jesus zu sehr vom Matthäus-, Lukas- und besonders Johannes-Evangelium geprägt ist. Und wir das Wesen Jesu gemäß dem Markus-Evangelium ignorieren? Da wären wir nicht die ersten. Einige Abschreiber in der frühesten Geschichte der Christen haben deswegen den Text der Manuskripte geändert.

    So wird Jesus im Lukas-Evangelium als durch nichts zu erschüttern dargestellt. Bis auf sein Gebet auf dem Ölberg gemäß Lukas 22:39-46.

    Vater, wenn du willst, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er geriet in Todesangst und betete inständiger, und sein Schweiss tropfte wie Blut zur Erde. Und er erhob sich vom Gebet, ging zu den Jüngern und sah, dass sie vor lauter Kummer eingeschlafen waren.

    Lukas 22:43-45 Züricher

    In einigen der ältesten und besten Manuskripten (in ‚alexandrinischen‘ Texten) finden sich die durchgestrichenen Worte nicht. Aber in einigen anderen alten Textzeugen. Daher diskutieren die Gelehrten immer noch, ob diese Worte von Lukas sind oder nicht. Und auch wenn dieser Text vielleicht kein zentrales Dogma betrifft, so verändert es das Bild von Jesus doch erheblich. Und es gab schon sehr, sehr früh verschiedene Fassungen diese Evangeliums.

    Und auch in Hebräer 2:8-9 ist eine Lehre über Jesus Tod betroffen:

    Wir sehen aber den, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, Jesus, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte.

    Hebräer 2:9 Elberfelder

    Die meisten Textzeugen enthalten den Gedanken, das Jesus „durch Gottes Gnade“ den Tod erlitten hat. Aber was bedeutet das? In einigen anderen Textzeugen steht aber, dass Jesus „von Gott getrennt“ gestorben ist. Und Origines schreibt im frühen 3. Jahrhundert, dass dies in den meisten Manuskripten seiner Zeit zu finden war. Was war wohl im Autographen gestanden? Wir wissen es nicht. Und nicht einmal Origines im frühen 3. Jahrhundert konnte es noch herausfinden. Beide Varianten haben interessante theologische Konsequenzen. Im Rahmen dieser Serie wollen wir festhalten: Es ist ein Beispiel für einen Text, bei dem wir seit dem 3. Jahrhundert bis heute nicht wissen, was ‚richtig‘ ist. Der Text wurde uns von Gott nicht eindeutig und sicher überliefert.

    Absichtliche, theologisch motivierte Änderungen des Textes

    Führen wir nur noch einige wenige Beispiele für absichtliche Änderungen des Textes an, bei denen man erkennen kann, gegen welche Ansicht unter den Christen diese gerichtet war. Auf diese verschiedenen Ströungen und ihre Bedeutung für die Entwicklung das Kanons der christlichen Schriften werden wir in einem späteren Teil dieser Serie noch eingehen.

    Gegen den dynamischen Monarchianismus oder Adoptianismus

    Im 2. und 3. Jahrhundert gab es eine Reihe von christlichen Gruppen, welchen den dynamischen Monarchianismus oder Adoptianismus vertraten (siehe Wikipedia oder Bart D. Ehrmann, Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kap. 6). Die bekanntest Gruppe war die der jüdisch-christliche Sekte der Ebioniter. Zum einen bestanden sie darauf, dass alle Nachfolger Jesu auch Juden werden mussten. Sie waren auch strenge Monotheisten in dem Sinne, dass für sie nur Gott, der Vater, eine göttliche Natur haben kann. Jesus existierte nicht vor seiner Geburt als Mensch. Er wurde von Gott wegen seiner besonderen Rechtschaffenheit von Gott bei seiner Taufe als Sohn ‚adoptiert‘. Aufgrund seiner Treue bis zum Tod am Kreuz wurde er von Gott belohnt, indem er ihn auferweckte und in den Himmel erhob.

    Diese Ansicht widersprach allerdings der sich entwickelnden Lehre der Trinität, welche die proto-orthodoxe Kirche vertrat. Daher änderte jemand den Text in 1. Timotheus 3:16 auf eine Weise, welche man sogar noch heute in Bibeln findet:

    Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottesfurcht: Gott ist geoffenbart worden im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, verkündigt unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

    1. Timotheus 3:16 Schlachter 2000

    In den frühesten Manuskripten wie dem Codex Alexandrinus allerdings findet man dies:

    Wahrhaftig, groß ist das Geheimnis unserer Frömmigkeit: Er wurde offenbart im Fleisch, / gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, / verkündet unter den Völkern, geglaubt in der Welt, / aufgenommen in die Herrlichkeit.

    1. Timotheus 3:16 Einheitsübersetzung 2016

    Aus ‚er‘, was sich klar auf Jesus bezog, wurde ‚Gott‘. Im griechischen ein kleiner Unterschied von ΟΣ nach ΘΣ (als Abkürzung für ΘΕΟΣ, Gott). So kam es, dass viele Christen über fast 2.000 Jahre in diesem Text den Gedanken fanden, dass Gott im Fleisch geoffenbart worden ist. Da es hier um eine zentrale Lehre der christlichen Kirchen geht, ist dies keine nebensächliche Änderung gewesen.

    Aus einem ähnlichen Grund findet man auch heute noch dies:

    Und Joseph und seine Mutter verwunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde.

    Lukas 2:33 Schlachter

    Wohingegen man in vielen anderen Übersetzung lesen kann:

    Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn geredet wurde.

    Lukas 2:33 Elberfelder

    Eine große Anzahl von Abschreibern ersetze Vater durch Joseph, weil sie verhindern wollten, dass der Eindruck entsteht, Jesus hätte einen menschlichen Vater gehabt, was den Adoptionisten in ihrer Argumentation geholfen hätte.

    Wie gesagt ging es in der Auseindandersetzung auch darum, wann Jesus Gottes Sohn wurde. Diese Texte sind in diesem Zusammenhang von Interesse:

    Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:11; Lukas 3:22 Züricher

    In einem frühen griechischen Manuskript und verschiedenen lateinischen findet man allerdings dies:

    Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.

    Frühes griechisches Manuskript, lateinische Manuskripte und Zitate der Kirchenväter

    Tatsächlich zitierten diesen Text im 2. und 3. Jahrhundert viele Kirchenväter sehr oft, also zu einer Zeit bevor die meisten der erhaltenen Textzeugen entstanden. Und welche Aussage haben sie fast immer zitiert? „Heute habe ich dich gezeugt“.

    Gegen den Doketismus

    Eine andere Gruppe von Christen hatte die genau gegensätzliche Ansicht gegenüber dem Adoptianismus, welche Doketismus genannt wird (Wikipedia). Der Name kommt vom griechischen Wort DOKEO, was soviel wie ‚als etwas erscheinen‘ bedeutet. Demgemäß war Jesus vollständig und ausschließlich göttlich. Er ‚erschien‘ nur ein Mensch zu sein, denn als Gott konnte er ja nicht auch Mensch sein.

    Einige Abschreiber wollten aber sicherstellen, dass Jesus auf der Erde sehr wohl ein echter Mensch war. Daher fügten sie den Teil über Jesus Schweiß wie Blut in Lukas 22:43-45 hinzu, den wie schon besprochen haben.

    Einen weiteren Zusatz finden wir bei der Beschreibung des Abendmahls:

    Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch. 18 Denn ich sage euch: Von jetzt an werde ich von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken, bis das Reich Gottes kommt. 19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis. 20 Und ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird für euch. Doch seht, die Hand dessen, der mich ausliefert, ist bei mir auf dem Tisch.

    Lukas 22:17-21 Züricher.

    Der durchgestrichene Teil fehlt in einem der ältesten griechischen Manuskripte und einigen lateinischen Textzeugen. Typisch für eine Änderung ist die Angleichung an den Bericht in 1. Korinther 11:23-25. Und den sich daraus ergebenen Umstand, dass dadurch unerwartet von zwei Kelchen die Rede ist: Vor und nach dem Brot. Warum der Text hinzugefügt wurde, zeigt sich zum Beispiel in der Schrift des Tertullian Gegen Marcion: Es sollte betont werden, dass Jesus einen echten Körper aus Fleisch hatte, der auch geopfert wurde. Doch das wollen wir hier jetzt nicht vertiefen.

    Gegen die ‚Separationisten‘

    Im 2. und 3. Jahrhundert gab es noch eine weitere Strömung, die wir ‚Separationsisten‘ nennen könnten, auch wenn dies keine gebräuchliche Bezeichnung ist. Für sie gab es Jesus, der nur Mensch war (wie bei den Adoptionisten) als auch den Christus, nur göttlich war (wie im Doketismus). Diese Vorstellung findet man häufig auch bei den damaligen Gnostikern.

    Einen Text, der geändert wurde, um gegen diese Ideen anzugehen, haben wir schon betrachtet: Hebräer 2:9. Der Gedanke, dass Jesus „getrennt von Gott“ starb und nicht „durch Gottes Gnade“ hätte zu dieser Vorstellung nur zu gut gepasst.

    Gemäß Irenäus war das Markus Evangelium die erste Wahl derer, die „Jesus von Christus trennen.“ Daher wurde Markus 15:34 geändert:

    und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloí, Eloí, lemá sabachtháni?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    Markus 15:34 Elberfelder

    Es gibt solide Beweise – z.B. im Philippusevangelium, dass einige gnostische Gruppen diesen Text sehr wörtlich auslegten und als denn Moment ansahen, an dem der göttliche Christus sich vom menschlichen Jesus trennte. Daher gibt es ein griechisches und mehrere lateinische Manuskripte, in denen die Abschreiber den Text durch dies ersetzten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verspottet?“ Kreativ war das schon, denn in dem Bericht über Jesu Hinrichtung in Markus haben ihn fast alle verspottet. Aber es ist nicht in unseren frühesten und besten Textzeugen und passt auch nicht zum aramäischen Text.

    Wie werden Unterschiede beurteilt?

    Nachdem wir nun eine ganze Reihe von absichtlichen Veränderungen am Text betrachtet haben, stellt sich die Frage, wie man solche Änderungen und Unterschiede bewerten kann. Mehrere Kriterien sollten in Betracht gezogen werden, um zu beurteilen, wie zuverlässig ein Wort, ein Text oder eine Passage ist. (Siehe Artikel im Forum).

    Eine Übersicht und Erklärung zu verfälschten Texten ist in den Artikeln im Forum zu finden (je Text ein eigener Artikel).

    Die Übersetzer der 2001Translation führen diese drei Kriterien bezüglich der Manuskripte an:

    A. Die Worte fehlen in den ältesten und zuverlässigsten Handschriften (z. B. Matthäus 6:13). Das ist ein direkter Beweis dafür, dass sie später hinzugefügt wurden.

    B. Der Wortlaut hat in verschiedenen Handschriften unterschiedliche grundlegende Bedeutungen (z. B. Apostelgeschichte 7:16). Das deutet darauf hin, dass es kein Original gab, an dem man sich orientieren konnte, und dass es sich wahrscheinlich um allgemeine Notizen handelt, die von vielen Menschen hinzugefügt wurden, bevor sie in den Text übertragen wurden.

    C. Die Wörter springen in verschiedenen Handschriften an unterschiedlichen Stellen herum (z. B. 1. Korinther 14:33). Das deutet darauf hin, dass frühere Kopisten wussten, dass sie nicht im Original waren, und sie deshalb an verschiedenen Stellen als Randbemerkung abgeschrieben haben, bis sie schließlich von verschiedenen Kopisten in den Text übernommen wurden, wo immer sie sie fanden.

    2001Translation, siehe Artikel im Forum

    Es gibt auch Kriterien, die den Kontext berücksichtigen:

    D. Die Worte sind aus dem Kontext gerissen und unterbrechen die Erzählung (z. B. Matthäus 27:52-53). Bei den ursprünglichen Worten wäre das nicht der Fall, aber bei späteren Hinzufügungen schon. Das allein wäre noch kein ausreichender Beweis, um eine Passage als unecht zu erklären.

    E. Sie sagen Dinge, die sachlich falsch sind (z. B. 1. Korinther 14:34). Den ursprünglichen inspirierten Schreibern konnten keine dummen Fehler unterlaufen, aber spätere Personen, die falsche Worte einfügten, konnten dies leicht tun.

    F. Die Worte spiegeln spätere Dogmen wider, an die damals niemand glaubte (z. B. 1. Johannes 5:7-8). Ein ursprünglicher Autor würde nicht etwas sagen, wofür man eine Zeitmaschine braucht.

    G. Wenn du die Wörter weglässt, wird der Text flüssiger oder macht mehr Sinn. Wenn eine Passage verfälscht ist, würde das Entfernen entweder keinen Unterschied machen oder den Text sogar verbessern. Das Entfernen von Originalwörtern könnte den Text zerstören oder verschlechtern (normalerweise, aber nicht immer).

    2001Translation, siehe Artikel im Forum

    Zusammenfassung

    Wir wir an einigen Beispielen nun schon festgestellt haben, wurde der Text der Manuskripte leider auch absichtlich verändert. Zum einen, weil man dachte, dass ein Text am Rand oder zwischen den Zeilen nur vergessen worden war und in Wirklichkeit doch in den ursprünglichen Text gehörte. In einer ganzen Reihe von Fällen wurde der Text aber auch mit Absicht verändert, um eine bestimmte Glaubenslehre zu fördern oder anderen Interpretationen zu verhindern. Und das geschah nachgewiesenermaßen schon ab dem zweiten Jahrhundert. Davor wissen wir einfach nichts. Oft war der Grund, Christen mit anderen Interpretationen des Textes als Herätiker auszugrenzen.

    Daher müssen wir in der Aussage aus dem ersten Teil der Serie tatsächlich den ganzen zweiten Teil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Selbst wenn wir also – wie ein Übersetzer der 2001 Translation anmerkte – 99,9% des Textes sicher hätten, würde das immer noch bedeuten, dass rund 150 Fehler im Text schlummern. Tatsächlich dürfte es aber schwierig sein, hier eine Schätzung abzugeben. Und was für unsere Fragestellung noch wichtiger ist: In den letzten 2.000 Jahren hatten alle Christen einen viel, viel schlechteren Text mit viel mehr Fehlern. Gott hat den ‚Urtext‘, also die Autographen nicht perfekt bewahrt.

    Auf der anderen Seite dürfen wir die Fakten und auch was ich gerade gesagt habe, nicht unverhältnismäßig interpretieren. Die Fakten beweisen, dass die extreme Form der Aussage, nicht gehalten werden kann. Die Fakten zeigen aber auch nicht, dass der Text der christlichen Schriften völlig unzuverlässig ist. Und es geht hier auch gar nicht um eine binäre Aussage: Glaubst du, dass der Text in der Bibel richtig ist oder nicht? Kann man seinen Glauben darauf aufbauen oder sollte man das ganz sein lassen?

    Die Fakten liefern uns ein besseres Fundament: Wir können darüber Aussagen machen, wie zuverlässig der Text des Kanons der christlichen Schriften ist. Wir treffen keine pauschale Aussage für den gesamten Kanon, sondern können je nach Text aufgrund der vielen Textzeugen feststellen, ob es Abweichungen gab oder gibt oder ob keine bekannt sind. Machen wir uns Gedanken über einen Bibeltext, sollten wir als allererstes prüfen, wie zuverlässig er überliefert wurde.

    Natürlich bleibt eine Lücke von vielen Jahrzehnten oder sogar mehr zwischen den Autographen und frühesten Manuskripten. Welche Änderungen es vielleicht in dieser Zeit gab, können wir nicht direkt überprüfen. Weder ob es kaum welche oder viele gab. Uns bleibt nur übrig, ein paar Überlegungen abzuwägen und das Vertrauen in die Gläubigen der patristischen Zeit und die frühen Kirchenväter, welche die Texte untereinander und mit der mündlichen Überlieferung verglichen. Und den Kanon der christlichen Schriften erstellten, wie wir in der nächste Folge sehen werden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten

    Von Christian


    Alter und Anzahl der Manuskripte

    Wenn wir hier von Manuskripten sprechen, dann geht es uns um die Dokumente, welche den Text der christlichen Schriften, die wir heute in unseren Bibel finden, enthalten. Der Umfang kann von wenigen Wörtern bis zum vollständigen Text reichen. Ein ganz besonderes ‚Manuskript‘ wäre das, welche der Autor selbst geschrieben hat. In der Fachliteratur wird das Autograph genannt. Damit kommen wir schon zur ersten Tatsache, dir wir festhalten wollen:

    Heute verfügen wir über keinen Autograph irgendeines Teils der christlichen Schriften in der Bibel.

    Alles, was wir haben, sind Kopien. Und zwar Kopien von Kopien von Kopien … Die Anzahl der Manuskripte erscheint zuerst einmal beeindruckenend hoch: Etwa 5.800 griechische Manuskripte, etwa 10.000 lateinische und 9.300 in anderen Sprachen (Syrisch, Slawisch, Äthiopisch, … siehe Wikipedia) Eine Übersicht über die griechischen Manuskripte der christlichen Schriften findet man zum Beispiel in der englischen Wikipedia unter „Categories of New Testament manuscripts“.

    Anzahl der Manuskripte je Jahrhundert und Kategorie
    Übersicht der Manuskripte nach Jahrhundert und Kategorie

    Um eine Vorstellung davon zu haben, was ein Manuskript in diesem Sinne sein kann, hier ein Bild des ältesten Manuskripts 𝔓52, ein Teil des Johannes Evangeliums:

    𝔓52 ist das älteste bekannte Manuskriptfragment des Neuen Testaments, das einen Teil des Johannes Evangeliums enthält

    Das ist wirklich alles. Vom ganzen Johannes Evangelium. Halten wir fest:

    Selbst das älteste Manuskript ist Jahrzehnte nach dem Autograph (Johannes Evangelium) entstanden, etwa in der Mitte des 2. Jahrhunderts

    Die drei ältesten Manuskripte sind kleine Fragmente mit nur wenigen Wörtern.

    Die folgende Grafik verdeutlicht, wann die allermeisten der 5.800 Manuskripte entstanden sind:

    Anzahl der Manuskripte nach Jahrhundert und Typ (gemäß Aland) (Quelle)

    Aus der Zeit bis etwas 450 n. Chr. haben wir also nur etwa 125 Manuskripte, das sind nur etwa 2% aller Manuskripte. Bis zum Jahr 300 n. Chr. weniger als 1%. Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts – also 100 Jahre nachdem z.B. die Briefe des Paulus geschrieben wurden – haben wir 3 winzige Bruchstücke wie das oben abgebildete 𝔓52, das sind nur 0,5‰ aller Manuskripte. Die Masse der Manuskripte ist erst um das 13. Jahrhundert herum entstanden. Die ersten vollständigen Abschriften einzelner Bücher des Neuen Testaments erschienen um 200 n. Chr., und die früheste vollständige Abschrift des Neuen Testaments, der Codex Sinaiticus, stammt aus dem 4. Jahrhundert (siehe Ehrman, Bart D. (2004). The New Testament: A Historical Introduction to the Early Christian Writings. New York: Oxford. pp. 480f.). Halten wir fest:

    Die frühesten vollständigen Abschriften einzelner Bücher haben wir erst aus der Zeit um 200 n. Chr. – also weit über 100 Jahre nach den Autographen.

    Die früheste vollständige Abschrift des Neuen Testaments (Codex Sinaiticus) stammt aus dem 4. Jahrhundert – also etwa 300 Jahre nach den Autographen.

    Was mit dem Text des Neuen Testaments in den ersten 100 bis 300 Jahren passiert ist, können wir nicht direkt überprüfen.

    Wie gesagt: Wir sollten jetzt nicht den Eindruck gewinnen, dass man dem Text der christlichen Schriften überhaupt nicht trauen kann. Dass sagen diese Zahlen alleine ja gar nicht aus. Es geht darum, aufgrund der Fakten eine gesicherte Grundlage zu haben. Wir haben also zum Beispiel eine Menge Beweise, dass die christlichen Schriften nicht im Mittelalter erfunden wurden. Und wir können Manuskripte aus vielen Jahrhunderten miteinander vergleichen, was gut ist, um die Qualität der Kopien und der Übertragung zu beurteilen. Wenn aber jemand argumentiert, dass der Text der christlichen Schriften absolut sicher ist, weil es ja allein 5.800 griechische Manuskripte gibt, dann ist dies irreführend. Denn die allermeisten davon sind erst um das 13. Jahrhundert entstanden.

    Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass es für die klassischen griechischen oder lateinischen Schriften ja noch viel weniger und nur jüngere Abschriften gibt. Das stimmt. Aber wen von uns würde es stören, wenn sogar ganze Abschnitte aus Homers Illias anders wären und die Geschichte um Odysseus anders verliefe? Oder Caesars De bello Gallico eine ziemlich gefärbte Sicht auf seinen gallischen Krieg gibt – wovon wir heute ausgehen. Wohl kaum einer baut ja seinen Glauben auf diese Schriften.

    Interessanter ist es da schon, sich den Tanach (die hebräische Bibel, ‚altes Testament‘) oder den Koran anzuschauen. Darauf baut auch der Glaube vieler auf. Und bei beiden haben wir den gleichen Sachverhalt: In beiden Fällen haben wir auch keine Autographen – beim Koran gibt es so einen ja auch überhaupt nicht gemäß der Überlieferung. Und in beiden Fällen kennen wir nur spätere Kopien. Es ist schon interessant, dass in allen diesen drei sogenannten ‚Buch-Religionen‘, ihre heiligen Bücher trotz ihrer immensen Bedeutung nur auf diese Weise erhalten sind.

    Vielleicht hat sich jemand auch gefragt, warum hier immer von den griechischen Manuskripten die Rede ist. Warum sind diese denn so wichtig? Die Antwort ist einfach: Weil man lange Zeit davon ausgegangen ist, dass die Autographen in antikem Griechisch geschrieben wurden und die griechischen Manuskripte direkte Kopien davon sind. Mit Sicherheit wurden sie nicht in Latein geschrieben. Allerdings war Latein in der Kirche im Westen Europas – mit Zentrum in Rom – nicht nur die Sprache der Menschen sondern auch der christlichen Literatur, schon vor der Entstehung der lateinischen Übersetzung durch Hieronymus der sogenannten Vulgata gab es lateinische Übersetzungen. Und bis ins 15. Jahrhundert hinein war Latein dann die Sprache der Bibel und Theologie in der Kirche im Westen Europas. Wir wir im letzten Teil der Serie gesehen haben, kam erst ab dem 15. Jahrhundert das Interesse wieder auf, die christlichen Schriften aus der angenommenen Ursprache Griechisch direkt zu übersetzen, bzw. den griechischen Text verfügbar zu machen. Warum geschah dies nicht schon früher? Weil sich die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass man mit dem Text der Vulgata ja schon den von Gott gewollten Text der christlichen Schriften habe, der mit der Überlieferung der Kirche völlig übereinstimmt!

    Es sei hier der Vollständigkeit halber nur kurz erwähnt, dass es durchaus möglich ist, dass einige Bücher der christlichen Schriften ursprünglich nicht in Griechisch sondern Aramäisch geschrieben wurde – der Sprache, die im ersten Jahrhundert in Palästina gesprochen wurde. Irenäus spricht zum Beispiel davon, dass das Matthäus Evangelium in einem Dialekt des Hebräischen geschrieben wurde. Und das war dort Aramäisch. Es wird dich vielleicht überraschen, aber Hebräisch wurde erst in der Neuzeit wieder rekonstruiert, weil es seit Jahrhunderten kaum mehr gesprochen wurde! (Wikipedia Hebräische Sprache) Es gibt noch weitere Argumente, zum Beispiel was Wortwahl und Grammatik betrifft, oder dass aramäische Wörter im Text vorkommen und in griechisch erklärt werden, aber nicht umgekehrt. Damit wären frühe aramäische Texte vielleicht gar keine Übersetzungen sondern Kopien der Autographen. Aber bleiben wir erst einmal bei den Manuskripten in Griechisch.

    Abweichungen zwischen den Manuskripten

    Wie wir im vorigen Teil dieser Serie gesehen haben, gab Erasmus von Rotterdam 1516 die erste Ausgabe seines griechischen Neuen Testaments heraus. Im wesentlichen konnte er dabei nur auf eine handvoll mittelalterliche Manuskripte zurückgreifen. [Diese und die folgenden Angaben sind aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why] Die späteren Ausgaben dieses Textes wurden dann von den Übersetzern der King James Bibel verwendet. Wenn also jemand heute die unveränderte King James Bibel liest, wird er indirekt den Stand des damaligen griechischen Textes lesen. Im Jahre 1551 gab Stephanus (Robert Estienne) seine vierte Ausgabe von 1551 des griechischen Neuen Testaments heraus, welches die erste war, welche im griechischen Neuen Testament Verseinteilungen enthielt. Noch wesentlicher für uns war schon seine dritte Ausgabe von 1550, weil es die erste war, welche in Anmerkungen die Abweichungen in den Manuskripten dokumentierte.

    Im 16. und 17. Jahrhundert glichen sich die verschiedenen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments so sehr, so dass 1633 Abraham und Bonaventure Elzevir in einer Ausgabe das berühmte Zitat druckten: „Wir haben jetzt den Text, der von allen angenommen wird, in dem wir nichts verändert oder verfälscht vorliegen haben.“ Aus dem ersten Teil entstand der Begriff Textus Receptus (T.R.) der von Textkritikern verwendet wird, um den Text zu bezeichnen, der ursprünglich von Erasmus veröffentlicht wurde, der aber nicht auf den ältesten und besten Manuskripten beruht.

    Die Arbeit am griechischen Text schien also abgeschlossen zu sein. Das änderte sich erst mit einer bahnbrechenden Arbeit von John Mill vom Queens College in Oxford im Jahre 1707, welche er nach 30 Jahren Arbeit erst veröffentlich hat. John Mill hatte Zugang zu einigen hundert griechischen Manuskripten des Neuen Testaments. In dieser Arbeit dokumentierte er die Abweichungen in den Textzeugen, welche über die Jahrhunderte erhalten geblieben waren. Abweichungen zwischen den verschiedenen griechischen Manuskripten und auch Zitaten des Textes bei den ‚Kirchenvätern‘ aus der patristischen Zeit. Was meinst du, wie viele Abweichungen er gefunden hat? Wenn man die Aussage aus dem ersten Teil dieser Serie sehr weit auslegt, dürfte es ja dank des heiligen Geistes und dem Willen Gottes überhaupt keine Abweichungen geben. Aber schon beim Erstellen der Ausgaben im 16. Jahrhundert hatte sich gezeigt, dass es Abweichungen gab. Und wie wir im zweiten Teil gesehen haben, sagt die Bibel selbst ja auch nicht, dass beim Kopieren des Textes niemandem jemals auch nur ein kleiner Schreibfehler unterlaufen würde. Der Text des griechischen Neuen Testaments hat etwa 138.607 griechische Wörter. Wie viele Abweichungen würdest du erwarten? Einige zehn oder hundert? Lass dir Zeit, denke mal ein bischen darüber nach. Ab welcher Anzahl würdest du nervös werden?

    John Mill dokumentierte über 30.000 Abweichungen! Und das waren nicht einmal alle, die er gefunden hatte! Diese große Zahl mag dich erstaunen oder gar erschüttern. Und das zurecht. Diese Arbeit schlug damals wie eine Bombe ein! Die Gelehrten waren schockiert. Wie konnte es so viele Unterschiede geben, wo man doch überzeugt gewesen war, dass man einen unveränderten und unverfälschten Text schon hätte? Würde diese immense Anzahl von Abweichungen nicht den Glauben in die Bibel erschüttern? Könnte man je einen unveränderten und unverfälschten Text der Bibel ermitteln?

    Als Reaktion darauf gab es später übrigens immer wieder den Vorschlag, dieses Unterfangen einfach sein zu lassen. Da man den unveränderten und unverfälschten Text der Autographen eh nie ermitteln könnte, wäre es besser, den am meisten anerkannten Text zu nehmen, der ja mit der Tradition und Überlieferung der Kirche übereinstimmt, also den der Vulgata. Wie sehen schon, aus welcher Ecke dieser Vorschlag kam.

    Wo stehen wir denn heute, da wir viel mehr Textzeugen haben und mit Computern genauer analysieren können. Wie schon erwähnt, haben wir heute etwas 5.800 griechische Textzeugen. Was vermutest du? Wenn man heute 10mal mehr Textzeugen hat? Und ältere? Die Zählung ist nicht ganz einfach und die Angaben der Gelehrten weichen voneinander ab. Die Schätzungen liegen bei 200.000 bis 400.000 und mehr Abweichungen! Das ist der Hintergrund der berühmt-berüchtigten Aussagen von Bart D. Ehrmann, dass es weit mehr Abweichungen zwischen den Textzeugen des griechischen Neuen Testaments als Wörter darin gibt.

    Den meisten geht es so, dass man von dieser unglaublichen Menge an Abweichungen erst einmal geschockt ist. Dann fragt man sich vielleicht, von welcher Art denn diese Abweichungen überhaupt sind. So schlimm kann es doch nicht sein, sonst müsste es ja vielleicht ein ganz neues Evangelium oder völlig anders lautende Paulus-Briefe geben. Schauen wir uns die größte Klasse von Abweichungen einmal an.

    Beispiele für Abweichungen in den Textzeugen

    Viele Unterschiede in den Textzeugen sind auf kleine Fehler beim Abschreiben des Textes zurückzuführen. Aber auch kleine Fehler können im griechischen erhelbliche Unterschiede machen. [Beispiele aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kapitel 3; mehr Beispiele findet man in Metzger und Ehrmann, Text of the New Testament, Kapitel 7]

    Darum lasst uns das Fest feiern, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit!

    1. Korinther 5:8 Elberfelder

    Das mit Bosheit übersetzte Wort ist πονηρίας ponērias. In einigen Manuskripten findet sich aber porneias, was ganz ähnlich aussieht. In diesen wird daher gesag: „auch nicht mit Sauerteig der sexuellen Unmoral und Schlechtigkeit“. Ein kleiner Schreibfehler resultiert hier in einer deutlich anderen Aussage.

    Eine andere Quelle von Abweichungen ist der Gebrauch von Abkürzungen durch einige Abschreiber. Nomina sacra (Heilige Namen) wie Gott, Christus, Herr, Jesus und Geist wurden abgekürzt, typischerweise mit den Konsontanten und einem Strich darüber. Das konnte aber bei späteren Abschreibern zu Verwirrung führen, wenn sie ein anderes Wort anstatt der Abkürzung lasen. Zum Beispiel sagt Paulus in Römer 12:11

    Im Eifer lasst nicht nach, seid brennend im Geist, dient dem Herrn!

    Römer 12:11 Schlachter 2000

    Im griechischen wird für Herr hier kuriw (gesprochen: kyrio) geschrieben, abgekürzt kw (mit einer Linie darüber). Einige früher Abschreiber haben diese Abkürzung fälschlicherweise als kairw (gesprochen: kairo) gelesen und damit den Sinn auf „dient der Zeit“ geändert.

    Etwas Ähnliches ist in 1. Korinther 12:13 passiert:

    Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.

    1. Korinther 12:13 Elberfelder

    Das Wort für Geist pneuma wird als pma abgekürzt, was einige Abschreiber als poma Getränk falsch gelesen haben: „und sind alle mit einem Trunk getränkt worden.“

    Eine andere Art von Fehler führt dazu, dass eine ganze Zeile von Text verloren ging, wenn der Abschreiber beim Blick zurück auf die Vorlage die selben Worte in der nächsten Zeile widerfand. Ein Beispiel:

    Λέγω δὲ ὑμῖν
    πᾶς ὃς ἂν ὁμολογήσῃ ἐν ἐμοὶ ἔμπροσθεν τῶν ἀνθρώπων
    καὶ ὁ Υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ὁμολογήσει ἐν αὐτῷ ἔμπροσθεν τῶν ἀγγέλων τοῦ Θεοῦ
    ὁ δὲ ἀρνησάμενός με ἐνώπιον τῶν ἀνθρώπων
    ἀπαρνηθήσεται ἐνώπιον τῶν ἀγγέλων τοῦ Θεοῦ

    Lukas 12:8-9

    Da das Ende von Vers 9 (unterstrichen) genauso aussieht wie das Ende von Vers 8, fehlt im frühesten Papyrus Manuskript dieser Passage der komplette Vers 9. Der Abschreiber ist beim Zurückblicken einfach um zwei Zeilen verrutscht und hat nach Vers 9 weiter geschrieben. Damit ging der Gedanke „wer mich aber vor den Menschen verleugnet haben wird, der wird vor den Engeln Gottes verleugnet werden“ verloren.

    In Johannes 17:5 hatte diese Art Fehler eine schlimmere Folge:

    Οὐκ ἐρωτῶ ἵνα ἄρῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ
    κόσμου ἀλλ ἵνα τηρήσῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ
    πονηροῦ

    Johannes 17:5

    Damit wurde aus:

    Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

    Johannes 17:15

    in einem der besten Manuskripte:

    Ich bitte nicht, dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

    Johannes 17:15 Codex Vatikanus, 4. Jahrhundert, eines der besten Manuskripte

    Damit ist durch diese Änderung im Text die Bedeutung in einem Gebet Jesu eine völlig andere – und leider eine für uns ungünstige.

    Die bisher beschriebenen Abweichung beruhten auf der Ähnlichkeit des Aussehens des Textes. Beim Diktieren konnte aber auch eine ähnliche Aussprache ein Problem sein. Das scheint in Offenbarung 1:5 der Fall zu sein.

    Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst [andere Hanschrift: gewaschen] hat durch sein Blut.
    Ihm, der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut,

    Offenbarung 1:5 Elberfelder und Schlachter 2000

    Das Wort für erlöst lusanti klingt genau so wie das Wort für gewaschen lousanti.

    Ein weiteres Beispiel findet sich in Römer 5:1

    Sind wir nun aus Glauben gerecht gesprochen, so haben [Andere Textüberlieferung: „…, so wollen wir Frieden halten mit Gott …“ ] wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus

    Römer 5:1 Züricher

    Das griechische Wort für „haben wir Frieden“ klingt genauso wie das Wort für „lasst uns Frieden haben“. Und in diesem Fall haben die Gelehrten so ihre Schwierigkeiten, festzustellen, welche Variante die richtige ist.

    Es gibt allerdings auch Abweichungen, bei denen die Fehler Unsinn produziert haben. Zumindest erkennt man diese Fehler dann besser, auch wenn man vielleicht nicht so einfach auf den richtigen Text zurückschließen kann.

    In einem Fall war das Ergebniss des Abschreibefehlers ziemlich bizarr. In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert wurde wohl aus einer zweispaltigen Liste der Abstammung Jesu in Lukas 3 falsch gelesen: Anstelle die Spalten nacheinander abzuschreiben wurde abwechselnd kopiert. Das führte dazu, dass fast alle Vater-Sohn-Verhältnisse falsch sind und Gott schließlich der Sohn des Aram ist.

    Zusammenfassung

    Zusammenfassend halten wir fest:

    Das griechische Neue Testament enthält etwa 138.607 griechische Wörter. Die Textzeugen enthalten über 400.000 Abweichungen. Durch unabsichtliche Kopierfehler fehlen Wörter und Sätze oder Wörter sind geändert.

    Damit müssen wir in der Aussage aus dem ersten Teil dieser Serie einen weiteren Teil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Mit den unabsichtlichen Fehlern beim Kopieren haben wir aber noch nicht alle Abweichungen betrachtet. Wie wir schon im vorigen Teil durch das Beispiel des Comma Johanneum erkennen mussten, wurden auch absichtlich Veränderungen am Text durchgeführt. Damit werden wir uns im nächsten Teil dieser Serie beschäftigen.