Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie eine korrigierte Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert auch die Sicht auf die Schriften des Paulus grundlegend verändert, und wir in Teil 2 die weitreichenden Konsequenzen ausgeführt haben, ist es nun an der Zeit, diese neue Sicht auf Paulus einmal tiefer zu analysieren und zu begründen.
Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet.
Was haben wir jetzt vor uns?
Anstatt Paulus‘ Denken als Gegenpol zum legalistischen Judentum zu interpretieren (der traditionellere Ansatz), können wir ihn nun in seinem authentischen jüdischen Kontext als christlichen Apostel interpretieren, der während seiner gesamten Missionslaufbahn ein jüdischer Theologe war und blieb.
Kapitel 3
Ein gutes Beispiel, wie der eigene Kontext und sogar schon die Übersetzung eines Textes eine Interpretation beinhaltet, ist Galater 2:16
aber ⟨da⟩ wir wissen, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Christus Jesus, haben wir auch an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird.
Galater 2:16 Elberfelder
Es ist gar nicht so einfach, diesen Text ohne unsere gewohnte Vorstellung zu lesen:
Traditionell würde die Formulierung „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben gerechtfertigt“ auf den krassen Gegensatz zwischen Paulus‘ neuem Verständnis in Christus und seinen alten jüdischen Ansichten hinweisen – Glaube versus Werke, Glauben versus Tun. Dunn stellt jedoch fest, dass „nicht durch Werke, sondern durch den Glauben“ in Gal 2,16 auf Überzeugungen verweist, die Paulus und andere christliche Juden teilten (wie Petrus und die judaisierenden Gegner in Antiochia; siehe V. 11-15), und nicht auf Ansichten, in denen sie sich unterschieden. „Wir, die wir von Natur aus Juden sind und nicht heidnische Sünder, wissen, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Christus Jesus“ (Gal 2,15-16, Dunns Übersetzung).
Kapitel 3
Gemäß dem schon erwähnten Gelehrten James D. G. Dunn geht es um Folgendes:
Dunn argumentiert, dass sich diese Formulierung nicht auf Werksgerechtigkeit bezieht, sondern auf bestimmte Gesetzesbefolgungen, die in der antiken Welt als Abzeichen der jüdischen Identität dienten.
Anstatt ein Codewort für Legalismus zu sein, könnte man „Werke des Gesetzes“ eher als eine soziologische Kategorie verstehen.
Kapitel 3
Dann enthält das Buch einen interessanten Hinweis für Leser englischer Bibeln, der aber auch im Deutschen zum Tragen kommt:
Leser englischer Bibeln müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Übersetzung, die sie lesen, ihnen ein bestimmtes Verständnis von „Werken des Gesetzes“ vorgibt. Paulus spricht in Gal 2,16 von der Rechtfertigung ex ergōn nomou, was neutral mit „aus den Werken des Gesetzes“ wiedergegeben werden könnte. So wird der Satz in einigen Übersetzungen wiedergegeben (NRSV [erste Hälfte des Verses]; KJV; NAB; NASB; ESV). Einige Übersetzungen verstehen dies jedoch als Hinweis auf das, was Menschen tun, um gerechtfertigt zu werden.
„gerechtfertigt durch das Tun der Werke des Gesetzes“ (NRSV; zweite Hälfte des Verses) „gerechtfertigt durch das Beachten des Gesetzes“ (NIV) „gerechtfertigt durch den Gehorsam gegenüber dem Gesetz“ (NLT)
Die letzten drei englischen Übersetzungen lassen den Leser vermuten, dass Paulus von menschlichem Tun oder Befolgen als dem (legalistischen) Mittel spricht, mit dem diese Menschen ihre eigene Rechtfertigung erlangen wollen. Die neutraleren Übersetzungen lassen die Bedeutung entweder für eine neue Sicht auf Paulus oder eine traditionelle Auslegung offen, je nachdem, wie man den größeren Kontext liest.
Kapitel 3
Haben wir es hier also nur mit einer Neuinterpretation der Texte zu tun? Nein, denn so wie die neue Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert durch außerbiblische Quellen begründet wurde, so ist dies auch hier der Fall:
Dunn untermauerte sein Verständnis von „Werken des Gesetzes“, indem er eine ähnliche Verwendung des Begriffs in anderen jüdischen Schriften fand. So verwenden einige der Schriftrollen vom Toten Meer das hebräische Äquivalent „Werke des Gesetzes“, um die charakteristischen Praktiken der Sekte zu beschreiben. Durch diese Praktiken, diese „Werke des Gesetzes“, wurde deutlich, wer zur Sekte gehörte und wer nicht. Die Formulierung deutete nicht auf eine Theologie der verdienstvollen Leistungen hin, sondern darauf, wie man die wahren Anhänger Gottes erkennen konnte. Dasselbe tut Paulus im Galaterbrief, wenn er diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes“ sind, denen gegenüberstellt, „die aus dem Glauben sind“ (Gal 3,9-10).
Wo Paulus sich grundlegend von seiner jüdischen Tradition unterschied, war nicht die Rolle der Gnade, des Glaubens und des Gehorsams bei der Erlösung, sondern die Frage, ob die Erlösung daran gebunden war, Jude zu sein oder nicht.
Obwohl dieser entscheidende Ausdruck, „Werke des Gesetzes“, in den Paulusbriefen nur selten vorkommt (acht Mal), liegt seine Bedeutung hinter den vielen Vorkommen von „Gesetz“ oder „Werken“ selbst, als eine Art Kurzform für den umfassenderen Ausdruck. Wenn Paulus zum Beispiel von „Rechtfertigung durch das Gesetz“ (Gal 2,21) oder „durch das Gesetz“ (3,11) spricht, meint er damit nicht das Bemühen des Einzelnen, sich durch das Halten des Gesetzes das Heil zu verdienen, sondern die jüdische Überzeugung, dass nur derjenige zum Volk Gottes gehört, der sich mit der Tora identifiziert; diese Rettung oder Rechtfertigung ist nur „durch die (Werke des) Gesetzes“ möglich.
Kapitel 3
Was ist also die zentrale Frage in den Briefen des Paulus?
Die Hauptfrage, die in diesen paulinischen Texten beantwortet wird, ist also nicht Martin Luthers verzweifeltes „Wie kann ich als Sünder einen gnädigen Gott finden?“, sondern „Wer gehört zur Gemeinschaft der Gerechten, zu Gottes errettetem Volk? “ Paulus so zu lesen, als ob er die Frage „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ beantworten würde, würde die Hauptabsicht des Apostels falsch verstehen. Stattdessen beantworten die Teile seiner Briefe, die sich mit der Errettung oder Rechtfertigung befassen, in der Regel die Frage: „Wie können die Heiden an der rettenden Gnade Gottes für Israel teilhaben?“
Kapitel 3
Vergleichen wir beide Sichtweisen anhand dieser Texte:
Wo bleibt da noch das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden, nicht auch der Heiden? Ja, auch der Heiden, da doch gilt: Gott ist der Eine. Er wird aufgrund des Glaubens sowohl die Beschnittenen wie die Unbeschnittenen gerecht machen.
Römer 3:27-30 Einheitsübersetzung 2016
Zuerst die traditionelle Sicht:
Eine traditionelle Auslegung versteht unter „Rühmen“ das Rühmen des eigenen Gehorsams gegenüber einem Gesetz oder einem Prinzip von Werken; es ist ein selbstgerechtes Rühmen. Der Glaube schließt ein solches Rühmen aus, da der Glaube dem Tun gegenübergestellt wird (Glaube versus Werke); wer einfach nur glaubt, ist gerechtfertigt, ganz unabhängig von jeglichem Tun („unabhängig von Werken“), und daher ist ein solches Rühmen nicht möglich. Das gilt für Juden und Heiden gleichermaßen, denn beide werden durch den Glauben und nicht durch das Tun gerechtfertigt.
Kapitel 3
Und nun die neue Sicht auf Paulus:
In der Lesart der neuen Sicht auf Paulus wird dieses „Rühmen“ als Rühmen des jüdischen Bundesprivilegs verstanden. Ein solches Rühmen wird durch das „Gesetz des Glaubens“, d. h. durch das neue Erkennungszeichen des Glaubens an Jesus als Messias, ausgeschlossen. Diese Öffnung des Heils für Nicht-Juden, ohne jüdisch zu werden, ist genau der Grund, warum Paulus sofort sagt, dass Gott nicht mehr „nur Gott der Juden“ ist.
Kapitel 3
Vielleicht musst du diese beiden Interpretationen derselben Worte des Paulus erst ein paar mal lesen und vergleichen, um den Unterschied zu erfassen. Irgendwann wird einem dann auch klar, warum dieses Thema für uns so wichtig ist: Möglicherweise hat das, was ich glaube, gar keine direkte Grundlage im Neuen Testament.
Bis jetzt haben wir jedoch erst die Beiträge von E. P. Sanders und James D. G. Dunn betrachtet. Das war aber noch lange nicht alles zur neuen Sicht auf Paulus. Wie wir im nächsten Teil sehen werden.
Im ersten Teil hatten wir gesehen, wie sich die Sicht auf das Judentum im 1. Jahrhundert seit etwa 1977 geändert hat. Dies hat alles andere als geringe Konsequenzen, wenn es um die Interpretation von Aussagen Jesu oder Pauli im Neuen Testamt geht:
Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.
Kapitel 2
Bevor wir auf die Details der Begründung eingehen, werden wir uns aber zuerst wie gesagt mit den positiven Auswirkungen beschäftigen. [Die Zitate sind aus dem Buch „The New Perspective on Paul – An Introduction“ von Prof. Kent L. Yinger, welches die Grundlage für diese Serie bildet]
Kapitel 8: Ein Applaus für die ‚neue Sicht auf Paulus‘
Ein besserer Zugang zu den Briefen des Paulus
Einen großen Vorteil formuliert Yinger so:
War Paulus beunruhigt wegen dem Legalismus, über selbstgerechte gute Werke, als er sagte: „Nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2:16)? Oder ging es ihm gemäß der neuen Sicht auf Paulus vor allem darum, ob Heiden Juden werden müssen? Und wenn er dann das Tun von guten Werken lobt – „wenn ihr in Bezug auf den Geist sät, werdet ihr ewiges Leben aus dem Geist ernten. Lasst uns also nicht müde werden, das Richtige zu tun, denn wir werden zur Zeit der Ernte ernten“ (Gal 6:8-9) – müssen wir nicht umschalten, sondern können sehen, dass sich Paulus‘ Liebe zu guten Werken konsequent durch alle seine Worte zieht.
Kapitel 8
Die Vermeidung des westlichen Individualismus
Dies ist ein weiterer Aspekt:
Die neue Sicht auf Paulus beim Lesen seiner Briefe zu verwenden kann auch dazu beitragen, die westliche Überbetonung des Individuums zu reduzieren. Im Evangelium geht es nicht mehr nur um meine Errettung, sondern um eine neue Schöpfung (2. Kor 5:17) und ein neues Volk. In Römer 7 muss es nicht mehr in erster Linie um meinen persönlichen Kampf mit der Sünde gehen, sondern um Gesetz und Sünde in der Geschichte Israels (oder Adams). Das bedeutet natürlich nicht, dass „ich“ völlig aus dem Bild verschwinden muss. Es rückt mich nur aus dem Zentrum heraus.
Kapitel 8
Tschüss Anti-Semitismus?
Die Geschichte der christlichen Kirchen zeichnete sich leider von Anfang an auch durch anti-semitische Züge aus. Einer der Gründe fällt durch die neue Sicht weg:
Anstatt von dem minderwertigen jüdischen Legalismus zu sprechen, klingt der Bundesnomismus positiver gegenüber der Mutterreligion des Christentums. Anstatt nur ein gescheitertes oder falsches Religionsmuster zu sein, stellt sich heraus, dass Judentum und Christentum auch viele Gemeinsamkeiten in ihrem Muster haben.
Kapitel 8
Ein wesentlicher Unterschied bleibt jedoch bestehen:
Für einige Befürworter der neuen Sicht auf Paulus bedeutet dies die vollständige Ablehnung der Substitutionstheologie: Das heißt, die Kirche ersetzt Israel nicht in Gottes Plan für die Menschheit; Israel und die Kirche stehen jetzt gleichberechtigt vor Gott (mit oder ohne Jesus Christus). Für andere, wie mich, wird Israel neu konfiguriert (und nicht ersetzt), um sowohl Juden als auch Heiden in das Israel einzubeziehen, das durch den Messias Jesus wiederhergestellt wurde; aber es ist immer noch von größter Bedeutung, Teil dieses Israels zu sein, Kinder Abrahams. Für nichtchristliche Juden klingt das wahrscheinlich immer noch wie die alte Substitutionstheologie, da Israel, wie sie es verstehen, nicht mehr ausreichend ist. Aber das „nicht mehr ausreichend“ beruht nicht auf einem inhärenten Fehler in Israels Religion, wie bei den meisten früheren Versionen der Substitutionstheologie, sondern auf der christlichen Überzeugung, dass Gott mit Jesus Christus eine neue Ära in Israels Geschichte begonnen hat.
Kapitel 8
Der Wechsel vom Alten zum Neuen Testament wird erleichtert
Die neue Sicht auf Paulus ergibt auch eine viel größere Kontinuität beim Übergang vom Alten zum Neuen Testament.
Die Botschaft des Paulus ist nicht die Antithese zum Judentum (oder zum alttestamentlichen Gesetz), sondern eine christologisch umgestaltete Fortsetzung oder ein Höhepunkt desselben.
Kapitel 8
Und so können Christen viel natürlicher das Alte Testament lesen. Das erkennen wir am Besten an einem Beispiel: Psalm 18
Von David, dem Diener Jahwes. Dieses Lied sang er für Jahwe, nachdem dieser ihn vor Saul und allen anderen Feinden gerettet hatte. Ich liebe dich, Jahwe, du meine Stärke! Jahwe, mein Fels, mein Schutz und mein Retter, / mein Gott, meine Burg, in der ich mich berge, / mein Schild, meine Zuflucht und mein sicheres Heil.
Psalm 18:1-3 NEÜ
Auch Christen können das ohne Weiteres wiederholen. Aber etwas später im selben Psalm wird es schwierig, falls wir eine traditionelle Sicht haben:
Der HERR handelte an mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vergalt er mir. Denn ich habe die Wege des HERRN eingehalten und bin von meinem Gott nicht gottlos abgewichen. Denn alle seine Rechtsbestimmungen waren vor mir, und seine Ordnungen wies ich nicht von mir. Auch war ich ganz mit ihm und hütete mich vor meiner Schuld. Sovergalt der HERR mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.
Psalm 18:21-25 Elberfelder
David spricht hier ganz klar von Taten und dass Gott ihn deswegen als rein und gerechtfertigt ansah. Das ist nun nicht gerade die Vorstellung Luthers und des Protestantismus – wenn man diese Passage mit der traditionellen Interpretation liest:
Traditionell sind christliche Ausleger über die scheinbare Selbstgerechtigkeit dieser Passage zusammengezuckt oder haben „meine Gerechtigkeit“ als die zugeschriebene Gerechtigkeit Christi umgedeutet.
Kapitel 8
Mit der neuen Sicht auf Paulus ergibt sich aber für uns ein ganz anderes Bild:
Die Gerechtigkeit und Untadeligkeit im Psalm beziehen sich nicht auf eine Art selbstgerechter Perfektion, sondern auf die Integrität des treuen Verhaltens, das überall in der Bibel, auch im Neuen Testament, erwartet wird. Es ist die Loyalität (= Glaube oder Treue), die von Gottes Gnade inspiriert ist, und spricht von denen, die „treu“ sind und „ihre Zuflucht zu ihm nehmen“ (V. 25, 30). Der Psalmist sagt damit einfach: „Ich habe mich nicht von dir abgewandt, Herr, sondern habe versucht, auf deinen Wegen zu wandeln. Bitte handle mit mir nach den gnädigen Verheißungen deines Bundes“.
Kapitel 8
Paulus und Jesus auf der selben Seite
Wer als Christ seine Glaubenslehren anhand des Neuen Testaments überprüft, wird feststellen, dass er ziemlich oft Texte von Paulus zitieren wird, den selben Gedanken aber nicht in den Evangelien selbst findet – also direkt in Jesu Worten. Tatsächlich geht der Unterschied sogar noch weiter, wenn man Paulus gemäß der protestantischen Tradition liest:
Es ist viel davon die Rede, dass Paulus eine neue Religion, das Christentum, gegründet hat, die die einfache galiläisch-jüdische Botschaft Jesu ersetzt. Manche sagen, dass Jesus die Erneuerung oder Reform des Judentums anstrebte; Paulus gab dieses Ziel auf und wollte eine Weltreligion gründen, die auch die Heiden einschließt. Jesus predigte das bevorstehende Reich Gottes, Paulus predigte Jesus – aus dem Verkünder wurde der Verkündigte. Für Jesus war jedes „Jota oder Häkchen“ wichtig (Mt 5,18), während Paulus der Meinung war, das Gesetz sei zu Ende (Röm 10,4). Jesus rief die Menschen zu strenger Nachfolge auf, wenn sie in Gottes Reich kommen wollten; Paulus rief sie zu einfachem Glauben auf. Du verstehst, worum es geht.
Kapitel 8
Die neue Sicht auf Paulus ist zwar nicht unbedingt die einzige Möglichkeit, um diesen Unterschied zu erklären, doch sie gibt uns Werkzeuge in die Hand, um ihn aufzulösen:
Anstatt die paulinische Gnade in Konkurrenz zur Nachfolge des Evangeliums zu sehen, zeigt der Bundesnomismus, dass sie sowohl bei Jesus als auch bei Paulus (und im Judentum) ein harmonisches Muster bilden. Beide hielten an der grundlegenden Bedeutung der Gnade fest. Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16) erhalten ihren Lohn nicht nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern nach der göttlichen Großzügigkeit. Die Heilungen Jesu waren ein anschaulicher Beweis dafür, dass Gottes Gunst auf die scheinbar Unwürdigen herabregnete. Paulus‘ Bekenntnis zur Gnade bedarf keines weiteren Kommentars.
Doch neben dieser Betonung der Gnade wurde auch die Notwendigkeit des Gehorsams betont. In Jesu Gleichnis vom Gericht (Mt 25,31-46) hängt das Schicksal der Schafe und Ziegen – ewige Strafe oder ewiges Leben – davon ab, ob sie dem Weg Jesu gehorchen: die Hungrigen speisen, die Gefangenen besuchen usw. Und Paulus ist nach wie vor davon überzeugt, dass Gott „jedem nach seinen Werken vergelten wird: Denen, die durch geduldiges Tun des Guten nach Herrlichkeit und Ehre und Unsterblichkeit trachten, wird er das ewige Leben geben“ (Röm 2,6-7).
Wenn „Werke“ negativ gedacht werden – als verdienstvolle oder selbstgerechte gute Werke – ist es schwieriger, diese doppelte Betonung von Gnade und Gehorsam in Einklang zu bringen. Der Bundesnomismus legt nahe, dass diese beiden Schwerpunkte sowohl im Judentum als auch bei Jesus und Paulus zusammenhingen. Das Evangelium, das Paulus predigte, folgt demselben Muster wie das von Jesus.
Ein weiterer Punkt der Kontinuität zwischen Paulus und Jesus, auf den die neue Sicht auf Paulus hinweist, betrifft die rettende Bedeutung der Zugehörigkeit zum Volk Israel. In der reformatorischen Exegese schienen Römer 9-11 (Was ist mit Israels Erwählung?) und Paulus‘ Erkundung der individuellen Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben (Kap. 1-8) nicht zusammenzupassen. Die neue Sicht auf Paulus geht davon aus, dass die Frage nach der Zugehörigkeit zum Bund die treibende Kraft hinter den Diskussionen des Paulus über das Evangelium ist (vor allem im Römer- und Galaterbrief). Muss man Jude sein oder werden und die „Werke des Gesetzes“ vollbringen, um zu Christus zu gehören? Das erinnert an die konsequente Botschaft Jesu, dass die jüdische Identität kein Schutz vor dem kommenden Zorn ist. Seine erste Predigt im Lukasevangelium hätte fast zu seinem Untergang geführt, weil er lehrte, dass Gott die Nachkommen Abrahams nicht bevorzugt behandeln würde (Lukas 4,25-30). Das erinnert an die Predigt von Johannes dem Täufer: „Fangt nicht an, euch zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Stammvater‘; denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Abrahams Kinder erwecken“ (Lukas 3,8). Damit führt Paulus eines der zentralen Themen Jesu als zentrales Thema seines eigenen Evangeliums fort.
Kapitel 8
Ich denke, das sind schon eine Menge wichtiger Punkte, um sich näher mit dieser neuen Sicht auf Paulus zu beschäftigen. Und eigentlich ist sie ja gar nicht so neu:
Diese Debatten sind größtenteils ein Versuch, zu dieser alten Perspektive zurückzukehren, d.h. zu Paulus‘ eigener Sicht auf Gott, Christus, das Gesetz, den Glauben usw. Die Befürworter der neuen Sicht auf Paulus betrachten ihre Position in der Regel nicht als wirklich „neu“, sondern als Wiederherstellung dieses älteren, wahrhaft paulinischen Verständnisses.
Kann es sein, dass man 2000 Jahre nach Paulus noch irgend etwas Neues über seine Lehren sagen kann? Zum Beispiel, was unsere Hoffnung auf Rettung betrifft? Kurz gesagt, wissen wir doch dies:
Im 1. Jahrhundert glaubten die Juden voller Selbstgerechtigkeit, dass sie sich die Rettung durch ihre Werke verdienen konnten.
Jesus hat sie deswegen verurteilt und das mosaische Gesetz abgelöst.
Paulus hat auch gegen deren Vorstellung argumentiert und dargelegt, dass wir alleine aufgrund des Glaubens und durch Gnade gerettet werden. Unsere Werke spielen dabei überhaupt keine Rolle.
Richtig? Was wäre, wenn alle drei Aussagen falsch sind? Dass sie eben nicht im Neuen Testamt stehen, Paulus das so nicht gesagt hat, sondern dass es Interpretationen der Reformation sind und manche Begründung erst in den letzten 200 Jahren entstanden sind? Es würde mich nicht wundern, wenn manche jetzt den Kopf schütteln. „Will der jetzt mal so eben zeigen, dass Größen wie Calvin oder Luther falsch lagen?“ Oder vielleicht reagierst du eher so:
Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als das Evangelium selbst, die kirchliche Verkündigung der guten Nachricht von der Erlösung in Christus. [•••] Die neue Sicht bietet letztlich ein anderes Evangelium als das, für das die Reformation Zeugnis abgelegt hat
Die derzeitige Revision der Rechtfertigungslehre, wie sie von den Verfechtern der so genannten Neuen Sicht auf Paulus formuliert wird, ist nichts weniger als eine grundlegende Ablehnung nicht nur des Protestantismus, der versucht, innerhalb der Bekenntnis- und Lehrlinien der Reformation zu stehen, sondern auch praktisch der gesamten westlichen Rechtfertigungstradition, die mindestens bis zu Augustinus zurückreicht.
Die Ablehnung der Reformation …. ist ein ziemlich dickes Brett für die neue Sicht auf Paulus.
Kapitel 7
Es gibt aber auch Kommentare, die genau das Gegenteil sagen:
Der Ansatz der reformatorischen Tradition zu Paulus ist grundlegend falsch.
Kapitel 7
Schauen wir einmal genau hin, was der Text des Neuen Testaments selbst sagt, und zwar unter Berücksichtigung des Kontextes und nicht von 2000 Jahren theologischer Überlegungen dazu. Du wirst vielleicht überrascht sein, welche deiner Glaubensinhalte möglicherweise gar nicht von Paulus sondern vielmehr von Luther und anderen stammt.
Diese Serie stützt sich auf diese sehr gute Übersicht zum Stand der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema der drei Jahrzehnte bis 2011: „The New Perspective on Paul – An Introduction“ (Die neue Sicht auf Paulus- Eine Einführung) von Prof. Kent L. Yinger.
Anstelle von Polemik wünsche ich mir, dass dieses Buch ein Ort ist, an dem alle, die wirklich danach streben, das Denken des Paulus und die zentrale Botschaft dieses jüdischen Apostels Jesu Christi an die Heiden besser zu verstehen, zusammenkommen und gemeinsam nachdenken können.
Kapitel 1
Das Buch ist so aufgebaut: Wann und wie kam die neue Sicht auf Paulus auf? Wie entwickelte sich die Diskussion unter den Gelehrten weiter? Welche exegetischen und theologischen Bedenken und Einwände gibt es gegenüber dieser neuen Sicht? Und schließlich ein Kapitel darüber, welche Perspektiven sich durch diese neue Sicht ergeben.
Für die Ungeduldigen unter uns: In diesem Teil geht es zuerst einmal darum, was denn diese neue Sicht auf Paulus sein soll. Im nächsten Teil kommt dann gleich, was sich dadurch alles ändert. Erst danach werde ich näher auf Details und das Für und Wider eingehen.
Kapitel 2: Womit hat das alles angefangen?
Die Veränderung begann damit, dass Gelehrte zunehmend eine Diskrepanz erkannten zwischen der etablierten Sicht über das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels und neueren historischen Erkenntnissen.
Die etablierte Sicht auf das Judentum in der Zeit des zweiten Tempels
Die Sichtweise, welche vor allem im 19. und 20. Jahrhundert von Gelehrten entwickelt wurde, lässt sich so zusammen fassen:
Ein Jude hält es für selbstverständlich, dass diese Bedingung [für Gottes freisprechende Entscheidung] das Halten des Gesetzes ist, also das Vollbringen von „Werken“, die das Gesetz vorschreibt. Im direkten Gegensatz zu dieser Sichtweise steht die These des Paulus. „durch bzw. aus dem Glauben“.
Kapitel 2
Yinger fasst es so zusammen:
Es ist nicht schwer zu erkennen, wie das Evangelium in fast jedem Punkt als Gegensatz zu dieser Religion empfunden wurde. – Gnade gegen Werke – Befähigung durch den Geist gegen das harte Joch des Gesetzes – Freude gegen Mühsal – Zuversicht gegen Angst und – „Gott mit uns“ gegen eine ferne Gottheit Gelehrte nannten das Judentum dieser Zeit sogar „Spätjudentum“, was bedeutet, dass es sich in einem ernsthaften Niedergang befand und in den letzten Zügen lag.
Kapitel 2
Wendepunkt 1977
Gelehrte widersprachen dieser Vorstellung zusehends. Der Wendepunkt kam mit der Veröffentlichung von E. P. Sanders‘ Paul and Palestinian Judaism im Jahr 1977.
Anstatt sich die göttliche Gunst durch ihre Werke des Gehorsams gegenüber dem Gesetz zu verdienen, betonten die Juden die freie Wahl Gottes für Israel. Sie wurden allein durch Gnade zu Mitgliedern des auserwählten Volkes Gottes. Das Heil war ein Geschenk und nicht etwas, das sie sich erst verdienen mussten.
Strenger Gehorsam gegenüber den Geboten war die erwartete Reaktion auf Gottes vorherige rettende Gnade, nicht der Versuch, sie zu verdienen. Sowohl das Volk als auch die einzelnen Menschen innerhalb des Volkes hielten die Gebote nicht, um erlöst zu werden, sondern weil sie erlöst oder gerettet worden waren (siehe Auszug aus Ägypten).
Kapitel 2
Sanders prägte den Ausdruck Bundesnomismus (covenantal nomism) dafür und fasste dies in 8 Punkten zusammen:
Gott hat Israel erwählt. [Die Auserwählung, also die Gnade und nicht die verdienstvollen Werke, ist also das grundlegende Datum für die Erlösung im Judentum.]
Und Gott hat das Gesetz gegeben. [Die Tora ist ein Geschenk an Israel, das es in der Lebensweise unterweist, mit der Gott es bereits beschenkt hat; sie ist keine Last.]
Das Gesetz beinhaltet sowohl Gottes Versprechen, die Erwählung aufrechtzuerhalten, als auch
die Verpflichtung zum Gehorsam. [Die Aufrechterhaltung der Erwählung hängt nicht allein von den Bemühungen Israels ab, sondern wird von Gott selbst ermöglicht. Dennoch darf die Bedeutung des tatsächlichen Gehorsams nicht geschmälert werden].
Gott belohnt den Gehorsam und bestraft Übertretungen.
Das Gesetz sieht Mittel zur Sühne vor, und die Sühne führt
zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Bundesbeziehung. [Durch Buße und das Opfersystem sind Vorkehrungen für den Fall getroffen worden, dass Israel sündigt.]
Alle, die durch Gehorsam, Sühne und Gottes Barmherzigkeit im Bund gehalten werden, gehören zu der Gruppe, die gerettet werden wird.
Seitdem besteht unter Gelehrten zumindest über diese Punkte Übereinkunft:
Das Judentum des ersten Jahrhunderts war nicht die legalistische Religion, als die es früher karikiert wurde.
Der Bundesnomismus ist eine angemessene Beschreibung der jüdischen Soteriologie dieser Zeit.
[Soteriologie ist die Lehre der Erlösung der Menschheit im christlichen Kontext.] Und warum hat das so große Wellen geschlagen?
„Einer der zentralen Bausteine der protestantischen Soteriologie ist die Errettung aus Gnade und nicht aus Werken. Diese Entdeckung der unverdienten Gnade Gottes in Jesus Christus wird als einer der großen Fortschritte des christlichen Evangeliums gegenüber dem Judentum angesehen. Das Evangelium der freien Gnade hat das harte Joch des Judentums, das Gesetz zu halten, seine angeblich typische Gesetzlichkeit, ersetzt.“
Nehmen wir nur einmal eine Aussage von Paulus: „“Wir wissen, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Traditionell weist „durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt“ auf den jüdischen Legalismus hin. Aber wenn das Judentum nicht besonders legalistisch war, wovon in aller Welt spricht Paulus dann?“
Vielleicht ist es dir noch nicht bewusst geworden, aber hier geht es nicht um eine Kleinigkeit:
Wenn die jüdische Theologie des ersten Jahrhunderts tatsächlich nicht besonders legalistisch war, müssen wir diese und andere zentrale Passagen neu lesen und möglicherweise das christliche Verständnis von Erlösung neu definieren.
Kapitel 2
Und das werden wir in den nächsten Teilen der Serie tun.
Ist das Neue Testament ein Lehrbuch? Also in dem Sinn, wie wir es aus der Schule, Ausbildung oder Studium her kennen? Du möchtest in einem Bereich etwas Bestimmtes erlernen oder wissen? Dann erwartest du doch eine didaktisch klare und gut aufbereitete Darstellung, nicht wahr? Ist das Neue Testament so aufgebaut? Betrachten wir das mal am Beispiel einer Lehre, nämlich der Trinität oder Dreieinigkeit.
Eines möchte ich gleich vorweg sagen: Das soll kein Versuch werden, mal eben schnell alle Fragen zur Lehre der Trinität zu klären. Sondern ein Beitrag zu Diskussion. Wenn es denn überhaupt zu einer Diskussion kommt, weil diese doch öfters vom Tisch gewischt wird, weil die Lehre doch offensichtlich wäre, oder die kirchlichen Gelehrten seit zweitausend Jahren davon überrzeugt sind. Oder die Diskussion besteht aus einem abwechselnden Zitieren von vermeintlichen ‚Beweistexten‘.
Davon gab es schon genug. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus sind diese Diskussionen geführt und andere schließlich wegen abweichender Interpretationen als Häretiker oder Abtrünnige geächtet worden. Warum gab es aber schon in den ersten Jahrhunderten Diskussionen zum Wesen Gottes, Jesu und des heiligen Geistens? War das denn nicht durch die mündliche Überlieferung und den entstehenden Kanon des Neuen Testaments alles klar?
Und noch eines möchte ich voraus schicken: Es geht hier auch nicht darum, ob irgendeine Form der Trinitätslehre ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ ist. Oder die Ablehnung davon. Das ist nämlich eine ganz andere Frage. Schließlich gibt es eine Menge Dinge, die wir alle als ‚wahr‘ oder ‚richtig‘ akzeptieren, die aber in der Bibel gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden.
Was mir in Diskussionen zu diesem Thema oft fehlt, ist eine solide Übersicht über die Grundlagen, die Textzeugen, den Kanons des Neuen Testaments. Welche Ausdrücke wie kombiniert und vor allem wie häufig diese verwendet werden, gibt uns doch einen fundamentalen Hinweis. Denn was immer wieder wiederholt geschrieben wird, ist Teil der Lehre und des Denkens im ersten Jahrhundert. Was wir in den Manuskripten des Neuen Testaments nicht klar finden, war dann wohl zur Zeit deren Entstehung auch nicht.
Verschaffen wir uns also einen Überblick über die Verwendung der Trinität im Text des Kanons des Neuen Testaments. Dabei gruppieren wir die Übersicht: Wo werden alle drei Teile der Trinität gemeinsam genannt und wo nur eine Kombination von beiden.
Vater, Wort und der Heilige Geist sind eins
Wie oft findet sich diese Aussage über der Trinität im Kanon des Neuen Testaments? Das haben wir schon in Teil 5 dieser Serie betrachtet. Genau einmal. Es steht in 1. Johannes 5:7-8. Genauer gesagt, es wurde dort hinzugefügt. Das Comma Johanneum.
Wenn es sonst nirgends im Kanon zu finden ist, welcher im 4. Jahrhundert auf den Konzilen im Wesentlichen festgelegt wurde, sondern zu dieser Zeit in einer Glosse der lateinischen Bibel auftaucht, zu einer Zeit, in der auch die Trinität als Doktrin auf den Konzilen verpflichtend festgelegt wurde, dann spricht das schon für sich. Ist eine Lehre in einem Text vorhanden, dann braucht man keine Glosse hinzuzufügen oder gar nachträglich den ‚heiligen Text‘ verändern.
Das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist eins sind, wird nirgends im Kanon des Neuen Testaments gesagt.
Gott, Jesus/Christus und der Heilige Geist
In diesen Versen kommt Gott, Jesus (bzw. Christus) und Geist bzw. der Heilige Geist vor:
Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den GeistGottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen.
Matthäus 3:16 Züricher
Dann wurde Jesus vom GeistGottes ins Bergland der Wüste hinaufgeführt, weil er dort vom Teufel versucht werden sollte.
Matthäus 4:1 NEÜ
Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Johannes 3:5 Einheitsübersetzung
Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.
Apostelgeschichte 7:55 Züricher
Ihr kennt Jesus von Nazaret und wisst, wie Gott ihn mit heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat; er zog umher und tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterdrückt wurden, weil Gott mit ihm war.
Apostelgeschichte 10:38 Züricher
und erwiesen ist als SohnGottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseren Herrn,
Römer 1:4 Schlachter 2000
Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der GeistGottes in euch wohnt. Wer aber den GeistChristi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.
Römer 8:9 Züricher
Wenn nun der Geistvon dem [Kontext: Gottes] in euch wohnt, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, dann wird er durch den Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Körper lebendig machen, eben weil er Christus aus den Toten auferweckt hat.
Römer 8:11 NEÜ
der Gnade nämlich, ein Kultdiener zu sein des ChristusJesus für die Völker und als solcher das Evangelium Gottes als heilige Handlung zu vollziehen; so soll die Darbringung der Völker, geheiligt durch den heiligenGeist, Gottes Wohlgefallen finden.
Römer 15:16 Züricher
Ich bitte euch dringend, Brüder, helft mir zu kämpfen und betet für mich zu Gott! Denn durch unseren Herrn JesusChristus und durch die Liebe, die der Geist wirkt, sind wir doch miteinander verbunden.
Römer 15:30 NEÜ
Und das taten manche von euch. Dies alles aber ist von euch abgewaschen, ihr seid geheiligt worden, ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn JesusChristus und durch den Geist unseres Gottes.
1. Korinther 6:11 Züricher
Darum tue ich euch kund: Keiner, der im GeistGottes spricht, sagt: Verflucht sei Jesus!, und keiner vermag zu sagen: Herr ist Jesus!, es sei denn im heiligenGeist.
1. Korinther 12:3 Züricher
Ihr zeigt ja selbst, dass ihr ein Brief von Christus seid, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, eingeprägt nicht in Steintafeln, sondern in menschliche Herzen.
2. Korinther 3:3 NEÜ
Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.
2. Korinther 13:13
Der Gott unseres Herrn JesusChristus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.
Epheser 1:17 Züricher
Wenn es bei euch irgendeine Ermutigung durch Christus gibt, einen liebevollen Trost, Gemeinschaft, die der GeistGottes bewirkt, Barmherzigkeit und Mitgefühl,
Philipper 2:1 NEÜ
Denn die Beschnittenen, das sind wir, die wir im GeistGottes dienen und unseren Stolz auf ChristusJesus gründen und unser Vertrauen nicht auf das Fleisch setzen –
Philipper 3:3 Züricher
wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ⟨als Opfer⟩ ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!
Hebräer 9:14 Elberfelder
nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung durch den Geist, die zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut JesuChristi führt: Gnade sei mit euch und Friede in Fülle.
1. Petrus 1:2 Züricher
Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch.
1. Petrus 4:14 NEÜ
Daran erkennt ihr den GeistGottes: Jeder Geist, der sich zu JesusChristus bekennt, der im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist, der sich nicht zu Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommt. Der ist jetzt schon in der Welt.
1. Johannes 4:2,3 Züricher
Das sind alle Text im Kanon des Neuen Testaments, welches ich mit der Suche „Gott* Jesu* Geist*“ sowie „Gott* Christus* -Jesus Geist“ auf dem ERF Bibleserver gefunden habe, und bei der sich Geist nicht auf den Geist eines Menschen bezog.
Gott, Sohn und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Gott* Sohn* Geist“
„Der HeiligeGeist wird über dich kommen“, erwiderte der Engel, „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Kind, das du zur Welt bringst, heilig sein und SohnGottes genannt werden.
Lukas 1:35 NEÜ
Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in die euch der HeiligeGeist als Leiter eingesetzt hat, damit ihr treue Hirten der Gemeinde Gottes seid. Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben.
Apostelgeschichte 20:28 NEÜ
Wie viel härter, meint ihr, wird die Strafe sein für einen, der den SohnGottes mit Füssen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für unrein gehalten und den Geist der Gnade verachtet hat?
Hebräer 10:29 Züricher
Vater, Jesus und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Jesus* Geist*“
In dieser Stunde rief Jesus, vom HeiligenGeist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
Lukas 10:21 Einheitsübersetzung 2016
Und ich bete, dass der Gott unseres Herrn JesusChristus, der Vater der Herrlichkeit, euch durch seinen Geist Weisheit gibt und euch zeigt, wie er selbst ist, dass ihr ihn erkennen könnt.
Epheser 1:17 NEÜ
Vater, Sohn und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Sohn* Geist*“
Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Dabei sollt ihr sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen.
Matthäus 28:19 NEÜ
Hier wird nur auf diese drei Bezug genommen, aber nicht davon gesprochen, dass sie eins seien. Doch es gibt gute Gründe, warum auch dieser Text möglicherweise verfälscht ist. In diesem Artikel im Forum habe ich das detaillierter beschrieben. Hier nur ein paar Argumente aus der 2001 Translation:
„Diese Worte fehlen in den parallelen Berichten in Lukas 24:47 und Apostelgeschichte 1:6. Alle anderen Taufanweisungen in der Bibel lassen diese Worte weg (Apostelgeschichte 2:38, Apostelgeschichte 8:15-16, Apostelgeschichte 10:48, Apostelgeschichte 19:5, Römer 6:3, Galater 3:27). Der antike christliche Schriftsteller Eusebius zitierte diesen Vers 18 Mal in einem Zeitraum von 36 Jahren. Die gefälschten Worte tauchten nicht in seinen Zitaten vor dem Konzil von Nicäa auf, sondern erst danach. Ironischerweise könnte dieser Mann derjenige sein, der diese falschen Worte eingefügt hat.“
2001 Translation
Was vermitteln diese Texte?
Welchen Eindruck vermitteln dir die Texte, wenn du sie unvoreingenommen liest? Wir finden Gott, den Vater. Wir lesen von Jesus, dem Sohn. Und vom Geist oder heiligen Geist oder Gottes Geist. Aber wie oft lesen wir etwas darüber, wie diese zueinander in Beziehung stehen?
Gott bzw. der Vater, Jesu bzw. der Sohn und der Heilige Geist werden in vielen Texten im Kanon des Neuen Testaments gemeinsam genannt, aber nie alle drei als gleich oder ebenbürtig dargestellt.
Eine Erklärung wie in einem Lehrbuch sieht anders aus.
Aber vielleicht ergibt sich die Gleichheit V == S == G transitiv: V == S und S == G damit auch V == G wie in der Mathematik. Also wenn Vater und Sohn gleich sind, und Sohn und Heiliger Geist, dann sind auch Vater und Heiliger Geist gleich.
Paarweise Nennung von Gott/Vater, Jesus/Christus/Sohn, Heiliger Geist
So viele Texte findet man durch diese Suchen:
Verwendete Teile der Trinität
Suche
Anzahl gefunde Texte in der NEÜ
Vater Sohn
Vater* Sohn* -Geist*
43
Gott Sohn
Gott* Sohn* -Geist*
83
Gott Jesus
Gott* Jesus* -Geist*
254
Vater Jesus
Vater* Jesus* -Geist*
77
Vater Christus
Vater* Christ* -Geist*
37
Gott Christus
Gott* Christ* -Geist*
168
Geist Christus
Geist* Christ* -Gott*
15
Geist Jesus
Geist* Jesu* -Gott*
41
Geist Sohn
Geist* Sohn* -Gott*
6
Geist Vater
Geist* Vater* -Jesus* -Christ* -Sohn*
12
Geist Gott
Geist* Gott* -Jesus* -Christ* -Sohn*
93
Gott und Vater und Jesus und Herr
Gott* Vater Jesus Herr* -Geist
26
In anderen Übersetzungen variiert die Zahl zum Teil deutlich, weil manchmal zum Beispiel ‚Gott‘ zur Erklärung eingeführt wird. Daher hatte ich in der Übersicht der Texte, in der alle drei genannt werden, jeweils den griechischen Text berücksichtigt.
Das sind natürlich viel zu viele, um sie in einem Video zu betrachten. Aber mit diesen Angaben kann das jeder selbst tun. Liest man das Neue Testament einmal komplett selbst durch, kann man auch sicher sein, dass einem keine Stelle entgeht. Man sollte aber mehrere Übersetzungen vergleichen und zum Beispiel mit einer Interlinear-Bibel den griechischen Text verglichen, um zu sehen, ob es dort auch so steht. Wie gesagt, manchmal wird von Übersetzung Gott hinzugefügt (z.B. Gottes Geist), und bei Geist wird nicht konsequent ‚heilig‘ oder ‚Heiligkeit‘ mit übersetzt oder manchmal weg gelassen.
Eine große Zahl von Texten unterscheidet klar zwischen Gott, der Vater genant wird und Jesus Christus als Herrn.
Jesus Christus wird nie als der Gott bezeichnet.
Der Heilige Geist wird nie Gott genannt.
Interessant fand ich, wie oft eine Formulierung „Gott, unser Vater und Jesus Christus, dem Herrn“ verwendet wird: 30 mal habe ich gezählt. Das war mir beim Lesen des Neuen Testaments auch schon oft aufgefallen. Hier ein Beispiel:
An alle in Rom, die von Gott geliebt und zu Heiligen berufen sind. Ich wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, dem Herrn.
Römer 1:7 NEÜ
Man findet diese Formulierung noch nicht in den Evangelien und der Apostelgeschichte, aber danach in Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, 1. Thessalonicher, 2. Thessalonicher, 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus, Philemon, 1. Petrus, 2. Johannes .
Die Formulierung Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“ wird mindestens 30 mal und in mindestens 14 Briefen verwendet.
Sie unterscheidet klar zwischen „Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“, und nicht „Jesus Christus, dem Sohn“. Und der Heilige Geist wird nie erwähnt. Und nur vom Vater, wird gesagt, dass er Gott ist, bzw. von Gott, dass er unser Vater ist. Jesus wird nicht als Gott sondern Herr angesprochen.
Ging es den Autoren damals vielleicht viel mehr um die Rollen als um so ein Konzept wie die Trinität? Gott ist unser Vater, wie es in Jesu Mustergebet steht. Aber Jesus ist jetzt unser Herr. Und spätestens seit Pfingsten hatten sie auch so ihre Erfahrungen mit dem heiligen Geist gemacht – und keiner ist auf die Idee gekommen, dass jetzt der Vater oder Herr irgendwie in ihnen ist, so wie sie Vater und Herr beschrieben.
Kommen wir auf die Frage vom Anfang zurück: Ist das Neue Testament ein Lehrbuch, wie wir es heute kennen? Nein. Oder um es einmal mit viel Ironie zu sagen: Was für eine Schlamperei von Paulus, Petrus und Johannes! Warum verwirren sie uns mit dieser Formulierung? Oder wenn du die Verbalinspiration für richtig hältst: Warum macht Gott uns hier so durcheinander, indem er so oft die verschiedenen Formulierungen gebraucht, anstatt die Sache klar darzustellen?
Hat es wie bei anderen Themen Zeit gebraucht, bis sie verstanden wurden? Vielleicht ist das Thema damals gar nicht so wichtig gewesen? Waren die zentralen Botschaften des Evangeliums nicht ganz andere? Vielleicht wäre es gut, in Anbetracht dessen sich zu überlegen, ob die Lehre der Trinität tatsächlich das zentrale Dogma ist – oder nicht doch das Evangelium?
Zusammenfassung
Der Kanon des Neuen Testaments enthält viele Texte mit Interpretationsspielraum. Aber enthält auch keine Definition der Trinität wie in vielen Glaubensbekenntnissen. Fasst man das Neue Testament als Lehrbuch auf, dann wird keine Form der Trinität – oder gegenteiligen Auffassungen – sonderlich gut darin erklärt. Du möchtest dem widersprechen? Dann schaue dir einmal irgendein Lehrbuch zu dem Thema an. Wenn da nicht eine klare Definition und deren Erläuterung und Begründung enthalten sind, würdest du so ein Lehrbuch kaufen?
Das Neue Testament ist bei keinem Thema wie ein heutiges Lehrbuch aufgebaut. Und sollte es auch nicht sein.
War das Thema Trinität zu kompliziert für das erste Jahrhundert? Oder war es einfach bestenfalls zweitrangig im Vergleich zur Kernbotschaft des Evangeliums?
Die Geschichte zeigt, dass es ein paar Jahrhunderte dauerte, um die heute verbreitete Fassung der Trinität festzulegen. Über die Entwicklung der Lehre der Trinität gibt es sehr viel Literatur. Wenn du die Fakten aus der Sicht eines kritischen Historikers lesen willst und English kannst, ist dieses Buch aufschlußreich: Wie Jesus Gott wurde: Die Erhöhung eines jüdischen Predigers aus Galiläa. Das ist übrigens von Bart D. Ehrman, der mit Bruce Metzger viele über den Kanon und die Manuskripte des Neuen Testaments gearbeitet hat.
Warum erwähne ich das? Weil es sehr aufschlußreich ist, zu lesen, wie die selben historischen Fakten, Manuskripte usw. auch anders interpretiert werden können. Wenn man die Fakten von beiden Seiten beleuchtet sieht, kann man sie besser einordnen und sich selbst eine Meinung bilden.
In den letzten 13 Teilen dieser Serie über den Kanon des Neuen Testaments haben wir eine ganze Menge an Fakten kennengelernt. Historische Fakten über die Entwicklung des Kanons und des Christentums und solche über den Text und die Manuskripte selbst.
Vielleicht hast du dir schon im Laufe dieser Serie diese Fragen gestellt. Wenn nicht, tue ich es jetzt:
Und was soll ich damit anfangen?
Kann ich überhaupt noch daran glauben, dass ich in der Bibel Gottes Gedanken finde?
Warum kommen manche zu unterschiedlichen Schlüssen? Es sind doch für alle die selben Fakten. Gibt es keine objektive Antwort?
Damit sind wir wieder bei dem Gedanken, dass eine persönliche Bewertung hier entscheidend ist. Dabei geht es nicht um persönliche Vorlieben, wie die Lieblingsfarbe. Sondern eher um dasselbe wie bei der Frage: Ist dieses Bild schön? Man sagt ja nicht zu Unrecht: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die Frage, welche zunserem Thema passt, ist schwieriger: Ist dieses Bild gut?
Vincent van Gogh „Porträt des Dr. Gachet“
Kann die Frage „Ist diese Bild von van Gogh gut?“ einfach beantwortet werden? Mit ja oder nein? Schon an diesem Beispiel sehen wir, dass eine solche Frage nicht viel Sinn macht. Sollten denn alle Bilder der Welt in die zwei Gruppen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ eingeteilt werden?
Genauso wenig macht die Frage Sinn, ob die Bibel wahr oder falsch ist.
Was die Frage betrifft, „Ist dieses Bild von van Gogh gut?“, magst du denken, dass es dafür doch objektive Kriterien gibt:
Ausführung (Farben, Details, Technik)
Ausdruck
Echtheit
Alter des Bildes
Künstler
Erhaltungszustand
usw.
Moment mal, warum ist das Alter eines Bildes ein objektives Kriterium ob es gut ist? Vergleichen wir einmal Jahrtausende alte Zeichnungen in einer Höhle mit einer ähnlich aussehenden Kreidezeichnung von Kindern auf der Straße. Da besteht doch ein gewaltiger Unterschied, oder nicht? Es geht dabei allerdings um eine leicht andere Frage: Was ist dieses Bild wert?
Und das ist auch die Frage, die uns in Bezug auf die Bibel wirklich interessiert: Welchen Wert hat die Bibel für uns?
Damit kommen aber auch allgemeine und persönliche Bewertungsfaktoren ins Spiel. Beim Bild zum Beispiel:
Für wie bedeutend hält man bzw. hältst du den Künstler?
Wie wichtig ist (für dich) der Erhaltungszustand? Kleine Beschädigungen, Alterung der Farben, usw.
Gefällt dir das Bild immer noch, auch wenn es nicht das Original sondern eine fast perfekte Kopie ist?
Du kannst dich aber natürlich auch auf den Standpunkt stellen, dass dieses Bild wertvoll sein muss, weil es 1990 für 82,5 Millionen US$ verkauft wurde … Das entspricht in etwa dem Gedanken, dass die Bibel für einen wertvoll ist, weil erstens Experten und zweitens Millionen anderer sie schätzen. Da es nun aber auch Experten und viele Millionen anderer es gibt, welche die Bibel überhaupt nicht schätzen, hilft uns das auch nicht unbedingt weiter.
Mit dem Kanon des Neuen Testaments sollten wir also besser selbst die objektiven Kriterien gut kennen. Das haben wir in dieser Serie gemacht. Und uns dann bewusst werden, wie wir diese subjektiv, persönlich bewerten. Das ist nämlich der Schlüssel zu der Beobachtung, dass bei gleicher Faktenlage Menschen zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nehmen wir nur einmal zwei Personen, denen wir im Laufe dieser Serie begegnet sind: Die beiden Gelehrten Bruce M. Metzger und Bart. D. Ehrmann. Beide haben zum Kanon des Neuen Testaments gearbeitet, Ehrmann hat bei Metzger seine Doktorarbeit geschrieben. Während man in Metzgers Buch lesen kann, wie menschlicher und göttlicher Einfluß bei der Entstehung des Kanons zusammengewirkt haben, sieht sich Ehrmann heute nicht einmal mehr als Christ. Je mehr er die Unterschiede und Änderungen in den Manuskripten studiert hat, desto weniger war er von ihnen überzeugt.
Aber warum kann man bei gleicher Faktenlage zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen?
Fakten und ihre Bewertung
Da hilft uns ein Beispiel aus einem anderen Bereich des Lebens. Du möchtest ein Haus kaufen. Der Notar sagt dir: Ich habe den Vertrag schon fertig gestellt, einfach hier unten unterschreiben. Würdest du das tun? Zumindest würdest du ihn in Ruhe durchlesen wollen. Dabei stellst du ein paar Dinge fest, die du nicht verstehst und mit dem Text scheint auch manchmal etwas nicht zu stimmen. Auf Nachfrage erfährst du: Der Verkäufer hat seinen Text in mehreren Teilen an seinen Rechtsanwalt geschickt. Genauer gesagt lagen sogar verschiedene Versionen vor. Bei der Übertragung zum Notar und der Abschrift dort sind dann leider noch ein paar Fehler aufgetreten. Aber der Notar hat das nach bestem Wissen korrigiert und auch sonst ein paar Dinge geändert, die so nicht richtig gewesen sein konnten. Nichts Wesentliches, nur ein paar Kleinigkeiten. Würdest du jetzt unterschreiben?
Bei einem Vertrag wird das wohl kaum einer tun. Aber wenn es um den eigenen Glauben, dein Leben und deine Zukunftshoffnung geht, machen viele das mit der Bibel: Pauschal unterschreiben. Und neigen sogar dazu, vor den Fakten, die wir bisher betrachtet haben, Angst zu haben, sie zu ignorieren oder sogar ganz zu leugnen. Warum eigentlich? Hier scheinen viele andere Faktoren eine größere Rolle zu spielen als eine rationale Bewertung der Fakten.
Um bei dem Vergleich zu bleiben: Wenn du den Notar schon lange persönlich, als kompetent und absolut vertrauenswürdig kennst und seine Kanzlei sehr zuverlässig arbeitet, dann wirst du doch keine Probleme damit haben, die erhaltenen Dokumente und deren Überarbeitungen zu überprüfen. Und dann hinkt dieser Vergleich: Einen Vetrag musst du ganz oder gar nicht unterschreiben. Und vielleicht ist das in Bezug auf die Bibel auch eine unbewusste Annahme von uns gewesen.
Es sind also oft die Annahmen, die wir zu einem Thema bewusst oder unbewusst haben, welche eine sehr wichtige Rolle bei der persönlichen Reaktion auf Fakten spielen. Fassen wir diese zunächst einmal zusammen.
Die Fakten
Was die Bibel, das Alte und Neue Testament betrifft, wollen wir also wissen, wie zuverlässig unsere Quellen für diesen oder jenen Text sind. Und da hat die Forschung, die historische und die Bibelkritik, wie wir gesehen haben, anstatt zu verunsichern, Gewissheiten gebracht:
Die Autographen sind zwar verloren, aber diese und die Kopien wurden ständig verlesen und gebraucht. Zusammen mit der mündlichen Überlieferung konnten die Christen zur Zeit der ersten Kopien diese noch vergleichen. Natürlich bleibt eine bestimmte Ungewissheit, weil wir den Zustand der ersten Kopien nicht anhand von Mansukripten überprüfen können.
Es gibt etwa 5.800 griechiche Manuskripte und viele weitere Tausende in Latein und anderen Sprachen. Aus den ersten vier Jahrhunderte sind aber nur sehr wenige Manuskripte und davon nur sehr wenige vollständige erhalten geblieben. Es gibt schon früh Übersetzungen.
Es gibt wohl über 400.000 Abweichungen zwischen den Manuskripten des Neuen Testamants, das selbst nur 140.000 Wörter hat. Aber die meisten sind Schreibfehler und können so eleminiert werden.
Es gibt absichtliche Veränderungen: Aus guter Absicht, weil man Randnotizen für original hielt zum Beispiel. Aber es gab auch solche mit der Absicht, eine bestimmte Lehre zu verteidigen oder verhindern. Viele davon kennen wir mittlerweile. Andere werden noch im Text bisher unerkannt schlummern. Wir wissen also, dass es noch Überraschungen geben kann. Die Tatsache, dass ein Textvergleich überhaupt möglich ist, zeigt aber, dass es auch sehr große Übereinstimmungen gibt.
Der Kanon des Neuen Testaments festigte sich erst nach rund 300 Jahren nach einer Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Nichts spricht dagegen, dass Gott diesen Prozess beeinflußt hat, auch wenn die menschliche Hand nur zu gut zu sehen ist. Geblieben aber sind Schriften, die vor allem wegen der Qualität ihres Inhalts überzeugen, besondern im Vergleich zu denen, die nicht im Kanon sind.
Wenn Gott den Text inspiriert hat, dann so, indem er die ultimative Quelle ist. Das läßt oft Raum für Formulierungen durch den menschlichen Autor. Und entsprechend kann er auch die Arbeit derjenigen überwacht haben, welche die Texte überarbeitet, zusammengestellt und kopiert haben. Das geschah nicht fehlerfrei – was auch nie zugesagt wurde –, aber gut genug, um den Zweck zu erfüllen.
Betrachtet man die Evangelien, die Schriften des Paulus, die anderen Schriften im Kanon des Neuen Testaments, Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, die Schriften der Kirchenväter und Konzile in zeitlicher Reihenfolge, kann man erkennen, wie Lehren des Christentums über die Jahrhunderte erst entstanden oder entwickelt wurden.
Mit dem letzten Punkt haben wir uns in dieser Serie bisher noch nicht beschäftigt. Aber dies ist ja auch erst eine ‚Zwischenbilanz‘.
Betrachten wir zuerst einmal einige individuelle Bewertungen der aufgeführten Fakten.
Individuelle Bewertungen
Lass uns einmal ein paar individuelle Bewertungen betrachten und uns dabei fragen, inwieweit sie das Ergebniss von Fakten, Annahmen und persönlichen Bewertungen sind.
Bewertung 1
„Das stimmt alles nicht. Das wurde nur erfunden, um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift in Misskredit zu bringen. Für mich ist und bleibt das alles Gottes Wort.”
Gut. Kann man so machen. Das Leugnen von Fakten ist aber auch sonst im Leben keine besonders gute Strategie. Könnte es sein, dass es hier mehr darum geht, dass bestimmte Annahmen und Behauptungen zur Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel ausschlaggebend sind? Oder weil sonst gewisse Glaubenslehren ins Wanken kommen könnten?
Bewertung 2
In Titus 1:2 steht: „Gott, der nicht lügen kann”. Wenn Gott nicht lügen kann, kann in der Bibel auch nichts Falsches stehen.
Diese Überlegung beinhaltet einige inkorrekte Schlussfolgerungen, führt aber vielleicht dazu, dieses Thema in Zukunft zu ignorieren. Das führt uns auch nicht zu einem stabilen Fundament des Glaubens.
Bewertung 3
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann, die Wahrheit spricht“.
Wenn jemand so denkt und dann erfährt, dass Texte in der Bibel gefälscht wurden, kann das dazu führen, dass die Bibel als Ganzes abgelehnt wird. Setzt aber voraus, dass man davon ausgehen darf, dass die Bibel fehlerfrei erhalten sein muss.
Bewertung 4
Eine ‚heilige Schrift‘ darf keine Fehler oder menschlichen Einfluß enthalten.
Das kann man so glauben und als Grundannahme haben. Es ist aber kein Naturgesetz, sondern ein Glaubensdogma. Es ist aber leider zu unscharf formuliert und führt zu Schwierigkeiten, wenn man darüber nachdenkt.
Nehmen wir die Tafeln mit den 10 Geboten (eigentlich Wörtern … anderes Thema). Nehmen wir an, du bekommst sie von Gott in die Hand gedrückt. Wenn dort steht „du sollst nicht morden“ und später „du sollst morden“, dann könnte man schon an der Göttlichkeit dieses Textes zweifeln. Wäre aber an der Tafel eine Ecke abgebrochen und ein Teil der Wörter schlecht lesbar, würdest du es Gott zurückgeben, weil du das so nicht als göttlich akzeptieren kannst? Wenn du jedoch einhundert Jahre später die Tafeln bekommst, die aber leider zerbrochen sind. Und manche Wörter sind beschädigt und zwei Sätze sind nur halb erhalten und an einer Stelle ist etwas repariert worden … dann bist du in der Situation über die wir in dieser Serie gesprochen haben. Und dann erfährst du noch, dass das gar nicht das Orinigal ist! Sondern Mose musste nochmal .. weil er das Original zertrümmert hat …
Übrigens enthält die Bibel oft genug Passagen, in denen ausgedrückt wird, wie derjenige fühlte und dachte, der es schrieb. Ist das nicht schon ein menschlicher Einfluß? Gott hat dem Psalmisten ja nicht seine Niedergeschlagenheit so inspiriert, dass er es für die heilige Schrift passend als göttliche Gedanken aufschreiben konnte.
Enthält die Bibel logische Widersprüche oder widersprüchliche Aussagen? Darüber haben wir überhaupt noch nicht gesprochen. Und auch die Bewertung des Inhalts kann auch zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen.
Bewertung 5
„Es wäre ja schön gewesen, wenn wir perfekte Kopien hätten oder sogar die Autographen mit Echtheitsgarantie. Aber so ist es nun einmal nicht. Sehen wir, was wir am Besten daraus machen können. Beim Text der Bibel berücksichtige ich, wie gesichert der Text aufgrund der Manuskripte ist.“
Ein Gedanke oder eine Lehre, die auf vielen Texten beruht, ist zuverlässiger als etwas, was nur in einem Text vorkommt. Falls in diesem Fall sich die Manuskripte auch noch unterscheiden oder es Unterschiede zum Kontext und den anderen Texten gibt, ist die Zuverlässigkeit eher gering. Mit diesem Umstand kann man leben und ihn berücksichtigen.
Ungewissheiten und Risiken
Die persönliche Gewichtung von Fakten führt also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Bei gleicher Faktenlage.
Es geht aber nicht nur um die Bewertung von Fakten, die wir kennen, sondern auch um Ungewissheiten und damit Risiken. Es gibt eine Lücke zwischen den frühesten uns erhaltenen Kopien und den Autographen. Auch hier kann man unterschiedlich bewerten.
„Da ich über diese Zeit nichts weiß, gehe ich davon aus, dass dort alles Mögliche passiert sein kann und das Neue Testament völlig zerstört wurde. Ich traue der Sache gar nicht.“
„Ich kann zwar nicht direkt überprüfen, was in der Zeit zwischen den Autographen und den frühesten uns erhaltenen Kopien passiert ist. Aber indirekt kann man gewisse Aussagen machen. Von einigen Autographen haben wir erfahren, dass sie noch viele Jahrzehnte zum Vorlesen verwendet wurden. Grobe Fehler in einer Kopie wären also aufgefallen. Die Textkritik hat die Unterschiede aufgezeigt. Aber damit auch die Gleichteile. Viele Veränderungen sind korrigiert. Bei anderen unklaren Unterschieden bewerte ich die Passage als nicht sehr zuverlässig. Es gibt ein Restrisiko, dass weitere verfälschte Texte gefunden werden. Aber dass ein neu gefundenes Manuskript alles auf den Kopf stellt, halte ich für unwahrscheinlich. All das berücksichtige ich, wenn ich in der Bibel lese.“
Vielleicht wartest du immer noch darauf – oder hoffst darauf – dass ich hier eine abschließende, allgemeingültige Aussagbe treffe, was du von dem Kanon des Neuen Testaments halten sollst. Nun, ich hoffe, es ist klar geworden, dass es die nicht geben kann. Damit würde ich dir eigentlich auch die Verantwortung, die jeder selbst hat, abnehmen. Und so beende ich diese ‚Zwischenbilanz‘ in der Hoffnung, dass du nun genügend Material hast, um deine persönliche Bewertung und Position finden zu können.
Rom, Ende Juli 144 n. Chr. „Der Klerus der christlichen Gemeinde zu Rom hält eine Anhörung ab. Ein sehr angesehenes Gemeindemitglied namens Marcion steht vor den Presbyterien, um ihnen seine Lehre des Evangeliums zu darzulegen, mit dem Ziel, die Ältesten zu überzeugen.
Aber das, was er jetzt den Presbytern vortrug, was so ungeheuerlich, daß es seinen Zuhörern die Sprache verschlug. Die Veranstaltung endet mit einer schroffen Ablehnung der Ansichten Marcions. Er wurde förmlich exkommuniziert.“ (Bruce M. Metzger, Der Kanon des Neuen Testaments, S. 96)
Jehovas Zeugen denken dabei vielleicht an ihre Rechtskomittees, den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und Ausgrenzen so eines Abtrünnigen. Es gibt da aber viele Unterschiede. Vor allem einer: „Er war schon einige Jahre Mitglied einer der römischen Kirchen und hatte seine Rechtgläubigkeit durch umfangreiche finanzielle Zuwendungen unter Beweis gestellt. Zweifellos war er ein angesehenes Gemeindemitglied. … Doch dann wurde er förmlichexkommuniziert undseine Geldzuwendungen wurden ihm zurück erstattet.“ (Metzger, S. 96) Das hat wohl noch niemand bei den Zeugen Jehovas erlebt. Wir hätten uns gewiss bei unserem amtlichen Austritt aus der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas über eine Rückerstattung unserer Spenden gefreut. Aber das ist ein anders Thema …
Die Lehre des Marcion
Welche Lehre hat denn Marcion vorgetragen, die eine solche Reaktion auslöste? Marcion schrieb nur ein einziges Werk, die Antithesen. Es ist uns nicht erhalten geblieben, was bei einem für die Kirche so gefährlichen Buch nur zu verständlich ist. Wir wissen aber, dass diese Gedanken lange Zeit eine der stärksten Strömungen im Christentum waren und auf heftigste bekämpft wurden. Tertullian schrieb »Fünf Bücher gegen Marcion«. Und das war schon sein zweites, ausführlicheres Werk! Irgendetwas scheint also doch an der Lehre Marcions dran gewesen zu sein, wenn so ein Aufwand notwendig war, um zu beweisen, dass sie häretisch war – oder sollten wir vielleicht besser sagen: Nicht orthodox.
Wenn also schon die Entgegnungen so umfangreich sind, kann man die Lehre auch nicht in wenigen Sätzen angemessen erklären. Wer mehr wissen möchte, der sei auf das monumentale Werk (640 Seiten) des Gelehrten Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott
Nachdruck von Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, Adolf von Harnack, 1921
Oder aus neuerer Zeit Barbara Aland Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009. Da wir hier aber primär nicht sein Lehre selbst analysieren wollen, sondern welche Auswirkungen er auf den Kanon des Neuen Testaments hatte, fangen wir mit ein paar Aussagen von Paulus an.
Es schreibt Paulus, ein Apostel, der nicht von Menschen gesandt oder durch einen Menschen zum Apostel gemacht wurde, sondern durch Jesus Christus selbst und durch Gott, den Vater, der Jesus aus den Toten auferweckt hat.
Aber Gott hatte mich schon im Mutterleib ausgewählt und in seiner Gnade berufen.
Es muss euch klar sein, meine Brüder: Das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, ist kein Menschenwort. Ich habe es nicht von Menschen empfangen oder gelernt, sondern ich erhielt es durch Offenbarung von Jesus Christus.
… habe ich nicht erst Menschen um Rat gefragt. Ich reiste nicht einmal zu denen nach Jerusalem, die schon vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.
Von Seiten der Angesehenen aber, von denen, die etwas zu sein scheinen – was sie einst waren, spielt für mich keine Rolle, bei Gott gibt es kein Ansehen der Person … Mir jedenfalls haben die Angesehenennichts auferlegt [wörtlich mir nichts Neues gegeben], im Gegenteil: Als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist so wie dem Petrus dasjenige für die Beschnittenen – der nämlich, der an Petrus gewirkt hat, um ihn zum Apostel der Beschnittenen zu machen, hat auch an mir gewirkt, um mich zu den Heiden zu senden -, und als sie die Gnade erkannten, die mir geschenkt war, da gaben Jakobus und Kefas und Johannes, die Angesehenen, die als ‚Säulen‘ gelten, mir und Barnabas die rechte Hand zum Zeichen ihres Einverständnisses: Wir sollten zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen
Als dann aber Kephas nach Antiochia kam, musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er durch sein Verhalten im Unrecht war.
Aber was für einen Sinn hat dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt, um die Gesetzesübertretungen sichtbar zu machen, und zwar so lange, bis der Nachkomme käme, dem das Versprechen galt.
Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren.
So wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, so bringt eine einzige Tat, die Gottes Rechtsforderung erfüllte, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben.
Welche Überzeugung vermittelt hier Paulus von sich und dem Evangelium?
Paulus wurde direkt von Jesus Christus selbst und Gott, dem Vater zum Apostel. Die anderen Apostel wurde von Jesus ausgewählt.
Er wurde sogar schon im Mutterleib von Gott ausgewählt. Das kann kein einziger der anderen Apostel von sich sagen und sagte es auch nie.
Er erhielt das Evangelium durch Offenbarung von Jesus Christus. Als Quelle erwähnt er keine Evangelien oder Berichte der anderen Apostel.
Im Gegenteil: Es hielt es nicht für nötig, die vor ihm ernannten Apostel in Jerusalem zu Rate zu ziehen, als wäre es nur Rat von Menschen.
Die Angesehenen, deren Ansehen er für unwichtig hält, die Apostel und Ältesten, die ‚Säulen‘ der Gemeinde in Jerusalem, hatten für ihn nichts Neues.
Ihm wurde das Evangelium für die Heiden anvertraut. Damit waren sie einverstanden.
Paulus musste sogar Petrus öffentlich zur Rede stellen.
Das Gesetz ist dazu da, die Sünde und Übertretung sichtbar zu machen. Der Gegensatz dazu ist die Gnade durch Christus. Zumindest kann man das so interpretieren.
Leben kommt nur durch den Opfertod Jesu.
Vergleichen wir das einmal mit wesentlichen Elementen der Gedanken und Lehren Marcions, soweit sie sich aus den Schriften seiner Gegner rekonstruieren lassen (ich vereinfache hier, aber sonst wird es ein sehr langer Text bzw. Video):
Paulus ist der einzig wahre Apostel, denn nur er hat das Evanglium wirklich verstanden.
Die anderen Apostel sind in das alten jüdische Denken zurückgefallen oder haben das wahre Evangelium nie ganz verstanden.
Das Alte Testament mit dem Gesetz und seinem gerechten, strafenden Gott steht ihm Gegensatz zu dem liebevollen Gott und Jesus Christus und deren Erlösung durch Gnade.
Das Alte Testemant ist für die Gläubigen daher nicht mehr wichtig, sondern nur das Evanglium.
Die Bedeutung des Paulus als Apostel und des Evangeliums, wie er es predigte, wird nicht nur hervorgehoben sondern konsequent weiterentwickelt – zum Teil sogar radikal weiter entwickelt. Interessant ist doch aber, dass viele Christen heute ziemlich genau so denken, nicht wahr? „Du musst nur an Jesus glauben, und dann bist du gerettet.“, „Jesus liebt dich.“, „Die Liebe ist das Wichtigste.“ „Das Alte Testament ist für uns heute nicht so wichtig.“ Obwohl die Kirche Marcion und seine Bewegung erbittert bekämpft hat, scheinen mir heute wieder ziemlich viele so eine Art Marcionisten zu sein.
Einen zentralen Punkt in Marcions Theologie habe ich aber noch nicht erwähnt. Hier entwickelt er die Paulinischen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter. Wenn so ein Unterschied zwischen mosaischem Gesetz und der Liebe des Christus besteht, wenn der Gott des Alten Testaments gerecht aber auch grausam ist, im Evangelium aber als Gott der Liebe beschrieben wird, der ganz Liebe ist, dann kann JHWH aus der jüdischen Bibel und der Gott es Evangeliums nicht der Selbe sein! Es muss ein uns bisher unbekannter Gott sein! Den Gott des Alten Testaments, der jüdischen Bibel, den Schöpfergott dieser sündigen, ungerechten Welt nannte er den Demiurg, von altgriechisch δημιουργεῖν ‚schaffen‘. Er, der in der jüdischen Bibel sich selbst als JHWH bezeichnet, ist der niedrigere Gott des Gesetzes, der strafende. Ein Gesetz, das nur dazu da war, die Fehlerhaftigkeit und Sünde der Menschen und der Schöpfung aufzuzeigen. Den höchsten Gott kannten wir daher bisher gar nicht. Er ist ein Gott voller Liebe und Güte und er hat Jesus als seinen Gesandten geschickt. Er ist der Erlösergott, der weit über dem bösen Schöpfergott des Gesetzes steht. Der Schöpfergott verurteilt uns zum Tod, der Erlösergott schenkt uns das Leben.
Die Trennung in zwei Gottheiten mag uns vielleicht nicht behagen. Aber unterscheiden nicht viele Menschen so den Gott des AT und des NT? Selbst heute sehen also viele hier einen Gegensatz und lösen diesen auf erstaunlich ähnliche Art und Weise. Und tatsächlich ist damals so manches theologische Konzept Marcion doch in die Lehren der Kirche später aufgenommen worden. Vergesssen wir auch nicht, dass nach seiner Exkommunikation sich viele Gemeinden seiner Lehre anschlossen und zu einer der wichtigsten Strömungen der Christenheit wurde.
Bedenkt man, dass die Streitigkeiten zum Thema GESETZ schon zur Zeit des Paulus aktuell waren und das Verhältnis der Jünger Jesu zum Judentum sich stetig weiter entwickelte, wäre er vielleicht damit noch ein Zeit lang mit durchgekommen (ich spekuliere jetzt). Aber eine Sache war für ihn logische Konsequenz, die sicher mit ausschlaggebend war: Der Gesandte des Erlösergottes, war durch und durch gut und voller Liebe und konnte deswegen nur göttlich sein. Er konnte nichts menschliches an sich haben, denn die Menschen sind Teil der Schöpfung und damit das unvollkommene Werk des Demiurgen. Menschen können sich nicht von selbst aus dem Bösen und dem Gesetz befreien. Daher erschien es nur so, als ob der Gottessohn ein Mensch geworden wäre. Er war auch nicht der im AT vorhergesagte Messias. Das war natürlich die schreckliche Häresie des Doketismus, die von der Kirche ebenso vehement bekämpft wurde. Das wurde ja schon zwischen erstem und zweiten Jahrhundert festgehalten:
Ich schreibe euch das, weil viele Verführer in der Welt unterwegs sind. Sie behaupten, dass Jesus Christus nicht als Mensch von Fleisch und Blut zu uns gekommen ist. Dahinter steckt der eigentliche Verführer und Antichrist.
2. Johannes 1:7 Neue Evangelistische Übersetzung
Das Problem mit der Natur Jesu Christi hat, wie wir schon gesehen haben, viele beschäftigt und nur eine von mehreren Strömungen hat überlebt. Marcions Wirken hatte aber einen weiteren interessanten Einfluß.
Wie hat Marcion die Entwicklung des Kanon beeinflußt?
Marcion war der Überzeugung, dass nur Paulus das wirkliche Evangelium direkt von Gott und Christus empfangen hätte und die anderen Apostel es nicht verstanden und sogar mit Gedanken aus der jüdischen Bibel vermischt hätten. Wenn man Paulus so im Galater und anderen Briefen hört, klingt das gar nicht so anders. Tatsächlich waren die Briefe des Paulus und seine Theologie in Teilen der Kirche aber gar nicht mehr so bestimmend wie noch Mitte des ersten Jahrhunderts. Marcion wollte daher das wahre Evangelium wiederherstellen. Auch zu seiner Zeit gab es schon verschiedene Evangelien, mit unterschiedlichen Darstellungen, und verschiedene Kopien und Überlieferungen – ganz zu schweigen von den Apokryphen. Er wählte daher das Lukas Evanglium als das einzig wahre aus und bereinigte es von ‚Fehlern‘. Wir hatten in dieser Serie auch viele Beispiele gesehen, in denen Abschreiber mit voller Absicht den Text änderten, um eine bestimmte Lehre zu untermauern oder verhindern. Marcion hatte den Eindruck, dass selbst Schriften des Paulus auf diese Weise ‚verdorben‘ waren und stellte eine Sammlung von korrigierten Schriften auf. Daher sind wichtige Gelehrte der Meinung, dass Marcion damit der erste war, der einen Kanon der christlichen Schriften erstellte! Ausgerechnet dieser Häretiker! Tatsächlich hat seine Arbeit aber auf jeden Fall dazu beigetragen, die Entwicklung des Kanons des Neuen Testaments, so wie wir es kennen, zu beschleunigen.
Zusammenfassend möchte ich daher aus Adolf von Harnacks Werk zitieren (S. 262ff, Deutsch von 1921). Hinweis: Soteriologie ist die Lehre der Erlösung des Menschen im christlichen Kontext.
Nicht nur durch die Tatsache, dass alle diese Stücke bei Marcion früher auftauchen als in der großen Kirche, wird die causierende Priorität dieses einzigen Mannes bewiesen, sondern noch sicherer durch die Beobachtungen (s. Beilage III und IV), wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat. Vor allem spricht hier das mächtige Eindringen der Marcionitischen Prologe zu den Paulusbriefen in die lateinische Bibel der Kirche die beredteste Sprache. Wie oft muss anfangs die Marcionitische Briefsammlung in die Hände der Katholiken gekommen und zunächst unerkannt geblieben sein! Es fehlten eben Jahrzehnte lang in den katholischen Kirchen Exemplare der Paulusbriefe. Aber auch die offenbare Tatsache, dass Irenäus, der Begründer der soteriologischen Kirchenlehre, sowie Tertullian und Origenes ihre biblischen Lehren über Güte und Gerechtigkeit, über Evangelium und Gesetz, über den Schöpfergott und den Erlösergott usw. im Kampf gegen Marcion entwickelt und dabei vom ihm gelernt haben, ist von höchstem Belang. Endlich – durch Marcion ist auch für die große Kirche Paulus wiedererweckt worden, den z.B. ein Lehrer wie Justin bereits ganz zur Seite geschoben und der römische Christ Hermas völlig ignoriert hatte. Vor allem aber die Stellung der großen Christenheit zum AT ist infolge der Auseinandersetzung mit Marcion eine wesentlich andere geworden als früher. Vorher war die Gefahr brennend, dass man das AT als die christliche Urkunde, teils wörtlich, teils allegorisch erklärt, anerkannte und sich mit ihr begnügte; jetzt wurde zwar diese Gefahr noch immer nicht endgültig beseitigt und eine befriedigende Klarheit nicht hergestellt, aber die Beurteilung, dass im AT „das Erz noch in den Gruben liegt“ und dass es die legisdatio in servitutem sei gegenüber der neutestamentlichen legisdatio in libertatem, schaffte sich doch Raum und Ansehen. Ja wir hören jetzt von hervorragenden Kirchenlehrern Äußerungen über das AT, die noch über Paulus hinausgehen. Das verdankt die Kirche Marcion.
Nimmt man hinzu, dass erst nach Marcion in der großen Christenheit die zielstrebige Arbeit begonnen hat, die heilige Kirche, die Braut Christi, die geistige Eva, den jenseitigen Äon vom Himmel herbeizuführen und auf Erden die Gemeinden zu einer tatsächlichen Gemeinschaft und Einheit auf dem Grunde einer festen, im NT wurzelnden Lehre zusammenzuschließen, wie er es getan hat, so ist erwiesen, dass Marcion durch seine organisatorischen und theologischen Conceptionen und durch sein Wirken den entscheidenden Anstoß zur Schöpfung der altkatholischen Kirche gegeben und das Vorbild geliefert hat. Ihm gebührt ferner das Verdienst, die Idee einer kanonischen Sammlung christlicher Schriften, des Neuen Testaments, zuerst erfasst und zuerst verwirklicht zu haben. Endlich hat er als erster in der Kirche nach Paulus die Soteriologie zum Mittelpunkt der Lehre gemacht, während die kirchlichen Apologeten neben ihm die christliche Lehre auf die Kosmologie gründeten.
Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245ff
Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 246Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 247
Welche Strömungen gab es unter Christi Jüngern?
Nachdem wir erkannt haben, dass sogar eine christliche Strömung, die nicht überlebt hat, einen Einfluß auf die Schriften und den Kanon hatte, stellt sich die Frage, ob es noch andere solche gab.
Zuerst einmal lebten Jesus und die Jünger im Judentum in der Zeit des zweiten Tempels. Damals gab es die Strömungen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten und anderer. Die Jünger kamen aus oder standen diesen Gruppen nahe, vermutlich bis auf die Sadduzäer, der priesterlich-aristokratischen Oberschicht. Paulus war ein Pharisäer gewesen, und Simon der Eiferer war vielleicht ein Zelot gewesen. Aber auch der Einfluß der Essener, welche den Messias erwarteten, sollte nicht ignoriert werden. Interessant ist, dass von diesen nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. im wesentlichen nur die Phärisäer überlebten.
Dann kamen auch die ‚Heiden‘, also Menschen, die keine Juden waren, dazu. Das waren zum Teil auch ‚Gottesfürchtige‘, also Heiden die schon mit dem Judentum sympathisierten. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. war natürlich ein einschneidendes Ereignis. Im wesentlichen kann man die Strömungen bei den Christen in drei Richtungen einteilen:
Judenchristen
Nazarener (Wikipedia, Nazarener) Sie hielten das Halten des Gesetzes weiter für wichtig und sahen in Jesus einen Propheten. Anders als die Ebioniten akzeptierten sie aber die Jungfrauengeburt. In der patronistischen Zeit und den Kirchenvätern waren sie bekannt und ihr Standpunkt wurde diskutiert
Ebioniten (Wikipedia, Ebioniten) Ob sie sich selbst diese Bezeichnung, ‚die Armen‘, gaben, ist unbekannt. Aber sie versuchten wie Jesu erste Jünger, alles aufzugeben. Für sie musste man, um ein Jünger Jesus zu sein, auf jeden Fall ein Jude sein. Für sie lebte Christus nicht, bevor er auf der Erde lebte. Er war nur ein Mensch, den Gott wegen seiner Gerechtigkeit adoptierte und eine besondere Stellung gab. Sie lehnten auch die Theologie des Paulus ab. Daher waren sie für die vor-orthodoxen Christen Häretiker, die es zu bekämpfen galt. Deswegen wurde insbesondere die Position bekämpft, dass Jesus nur ein Mensch war. Und wie wir gesehen haben, hat man deswegen auch den Text der Schriften manchmal geändert.
Paulinische Christen Christen, deren Theolgie auf den Schriften und Lehren des Paulus aufbauten.
Gnostische Christen Das war keine einheitliche Gruppe, sondern es gab viele unterschiedliche Richtigungen. Für sie war die materielle Welt von Grund auf schlecht und alles, was zählte, war eine geistige Welt. Nun, von dieser Vorstellung scheint ja einiges übrig geblieben zu sein. Die gnostischen Gruppen dachten, dass sie die ‚Gnosis‘, ‚Erkenntnis‘, diese geheime Kenntnis der spirituellen Welt besitzen und dies der Schlüssel für die Erlösung ist.
Zwischen 180 und 313 n. Chr. setzte sich die ‚große Kirche‘ durch, welche die Theologie des Paulus weiter entwickelte und allen anderen in ihren Schriften widersprach. Dadurch gingen deren Standpunkte – bzw. gegenteiligen Argumente – in die Texte und Lehren der Kirche ein. In gewisser Weise formte sich ein Glaubensbekenntnis, welche sich gegen all diese anderen Vorstellungen verteidigte.
313 n. Chr. ist ein wichtiges Datum, weil dort im Edikt von Mailand den Christen im ganzen römischen Reich ein gesetzlicher Status zuerkannt wurde. 325 u.Z. konvertierte dann Kaiser Konstantin und das erste Konzil von Nicäa fand statt. Dort sollte ein einheitliches Glaubensbekenntnis erstellt werden, was dann schließlich das Bekenntnis von Nicäa war.
Die dort behauptete Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn wurde aber von vielen abgelehnt. Arius und seine Anhänger wurde Arianer genannt (Wikipedia). Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe prägte nicht nur das Glaubensbekenntnis, sondern auch die Auswahl von Schriften für den Kanon sowie manchmal den Text selbst: Denken wir nur an das Comma Johanneum zurück oder die anderen geänderten Texte. Als die führende Strömung, welche hinter dem Bekenntnis von Nicäa stand, dann 380 n. Chr. durch Kaiser Theodosius Staatsreligion wurde, setzte diese sich endgültig durch.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Auswahl der Schriften, die Entwicklung des Kanon und die Schriften selbst nicht geradlinig gemäß einem Plan schrittweise umgesetzt wurde, sondern über Jahrhunderte entstand. Und dass der Einfluß der anderen Strömungen im Christentum, welche verschwunden sind, nicht übersehen werden sollte.
Nachdem wir im letzten Teil dieser Serie einen Blick auf die apokryphen Evangelien geworfen haben, wollen wir uns nun einen Überblick über die Apokryphen im Allgemeinen verschaffen. Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche Schriften, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:
Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.
Bei Apokryphen denkt man vielleicht zuerst einmal an Schriften, welche nicht in allen Bibeln im Alten Testament zu finden sind, wie diese Übersicht zeigt:
Interessant ist, das sowohl bei Luther 1543 wie auch der englischen King James Version von 1611 diese Apokryphen am Ende zusammen gefasst sind. In der Vulgata und katholischen Bibeln hingegen finden sie sich zwischen den anderen Büchern. Sogar in der frühen griechischen Übersetzung, der Septuaginta, finden sie sich dazwischen. Vielen moderne Bibeln halten sich aber an die jüdische Bibel, welche seit dem 1. Jahrhundert diese nicht enthalten. Die Antwort, ob ein Buch also Teil des Kanons sind, kann unterschiedlich ausfallen.
Was das Neue Testament betrifft, gibt es solche Unterschiede nicht mehr. Aber im den ersten Jahrhunderten gab es neben den apokryphen Evangelien, über die wir im letzten Teil gesprochen haben, auch durchaus noch weitere Gattungen von apokryphen Schriften.
Apokryphe Apostelgeschichten
Die kanonische Apostelgeschichte (auch Akten genannt) schildert die missionarische Tätigkeit nur weniger Apostel genauer. Daher erschienen im zweiten und dritten Jahrhundert weitere Apostelgeschichten oder Akten:
Andreasakten
Thomasakten
Philippusakten
Akten des Andreas und Matthias
Bartholomäusakten
Barnabasakten
…
Paulusakten
Johannesakten
Petrusakten
Gemeinsam ist ihnen, dass sie kaum auf Tatsachen beruhen sondern mehr vom griechisch-römischen Roman der Epoche beeinflußt sind. Ein Beispiel aus den Johannesakten:
Der Autor berichtet, daß Jesus ständig seine Gestalt änderte. Mal sah er aus wie ein kleiner Junge, mal wie ein hübscher Junger Mann, mal zeigte er sich mit kahlem Haupt und langem Bart, dann wieder wie ein Jugendlicher mit seinem ersten Flaum auf der Wange.
Vor seinem Tod versammelt Jesus seine Jünger im Kreise um sich und singt einen Hymnus an den Vater, während seine Apostel sich and den Händen halten und im Kreis um ihn herumtanzen. Die Terminologie des Hymnus lehnt sich stark an das Johannesevangelium und seinen Prolog an. Gleichzeit gibt der Verfasser dem Ganzen ein doketisches Flair.
Sie sind übrigens die älteste Quelle der Eucharistiefeier für die Toten.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 174
Apokryphe Briefe
Im Neuen Testament gehören die meisten Schriften zur Gattung der Briefe. In den Apokryphen findet man hingegen nur wenige Briefe, vermutlich, weil es recht schwierig war, echt klingende Briefe zu produzieren.
Die Epistola Apostolorum aus dem 2. Jahrhundert beschreibt Metzger so: „Kurz, die Schrift stellt den heftigen Angriff eines katholischen Christen auf die Gnosis da.“
Es gab auch einen 3. Korinther Brief, den die armenische Kirche hoch achtete. Und einen Laodicäerbrief. Dazu hatte der Kolosserbrief in Kolosser 4:16 natürlich die Steilvorlage geliefert, wie wir am Anfang der Serie schon gesehen haben. Vermutlich wurde dieser aber gegen Ende des 3. Jahrhunderts erst geschrieben. Hieronymus berichtet, dass »einige den Brief an die Laodicäer lesen, aber er wird von jedermann verworfen.«
Apokryphe Apokalypsen
Die wichtigste apokryphe Apokalypse ist die Petrusapokalypse aus der Zeit zwischen 125 bis 150 n. Chr. Im Canon Muratori wird sie hinter der Offenbarung des Johannes aufgeführt. Im Codex Claromontanes wird die Liste der kanonischen Bücher mit der Petrusapokalypse abgeschlossen. Die Meinungen darüber gingen unter den Kirchenvätern und auch in den Gemeinden auseinander. „Der unbekannte Verfasser, der als erster heidnische Vorstellungen von Himmel und Hölle in die christliche Literatur einbrachte, bezog seine Vorstellung vom zukünftigen Leben aus einer Reihe vorchristlicher Traditionen.“ (Metzger S. 181)
Unter dem Titel Paulusapokalypse gab es in der frühen Kirche sogar mehr als ein Buch. Die Worte des Paulus in 2. Korinther 12:4, nach denen er ins Paradies entrückt wurde und unausprechliche Worte hörte, waren vielleicht der Bezug für eine der Paulusapokalypsen. „Augustinus lacht über die Narrheit der, die eine Paulusapokalypse gefälscht haben, die voller Märchen ist und die vorgibt, die unaussprechlichen Worte zu enthalten, die der Apostel nach 2 Kor 12,4 gehört hat.“ (Metzger S. 182)
Schon in den ersten Jahrhunderten gab es also eine Flut von Schriften, die in den Gemeinden zirkulierten. Einige davon wurden auch in den Zusammenkünften verlesen und geschätzt und von den Kirchenvätern zitiert. Man konnte sich auch nicht auf den Titel oder den vermeintlichen Autor als Autorität verlassen. Die Jünger Jesu mussten den Inhalt prüfen und bewerten:
Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!
1. Thessalonicher 5:19-21 Neue Evangelistische Übersetzung
Gibt es nur ein Evangelium? Wenn man das griechische Wort betrachtet, von dem das deutsche abgeleitet ist, dann schon:
Das Evangelium ist die gute Botschaft davon, dass Gott in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist. Das Wort „Evangelium“ heißt „Gute Nachricht“ und kommt vom griechischen Wort euangelion. Die Botschaft von Jesus war: Gottes Reich ist angebrochen, er wird sein Werk zu Ende bringen und die Welt heil machen.
Ich persönlich finde die Beschreibung des BibleProject (Deutsch) recht gut. Und auch das Video dazu:
Das Evangelium als gute Nachricht von Gottes Königreich
In der christlichen Tradition ist das Wort Evangelium im Allgemeinen eine Kurzbezeichnung für die Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Die genaue Bedeutung des Begriffs Evangelium variiert jedoch; je nach Tradition oder Konfession. Wenn wir also nach Klarheit suchen, ist es am besten, wenn wir zur ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte zurückgehen.
Das biblische Wort für Evangelium bezeichnet eine gute Nachricht. Aber es ist nicht nur irgendeine Nachricht. Das Wort wird am häufigsten verwendet, wenn es um wichtige Ereignisse geht, die Herrscher und ihre Reiche betreffen. Als König Salomo zum König von Israel ernannt wird, wird eine „gute Nachricht“ im ganzen Land verkündet. Mit anderen Worten: Evangelium ist ein königlicher Begriff, der gute Nachrichten über den amtierenden Herrscher verkündet.
Jesus verkündete die Ankunft Gottes als König Israels und aller Völker. Aber die Art und Weise, wie er seine Herrschaft durchsetzte, überraschte die Menschen. Das Kreuz ist die königliche Ankündigung, dass Gott seine Welt rettet, indem er für sie starb und indem er zuließ, dass unsere Sünden ihn bis zum Tod überwältigten.
Gut, über den letzten Absatz könnten wir jetzt diskutieren, inwiefern das aus der „ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte“ so direkt hervorgeht. Zum Beispiel, wenn wir nur die Evangelien verwenden dürften. Und damit sind wir schon beim Thema. Eben sagte ich „die Evangelien“, aber davor ging es doch um „das Evangelium“.
Wenn es also ein Evanglium, eine gute Nachricht gibt, warum gibt es dann im Neuen Testament mehr als ein Evanglium, nämlich 4 Evangelien? Und warum genau 4? Drei davon, die synoptischen Evanglien Matthäus, Markus und Lukas und dazu noch Johannes. Sie werden synoptische Evangelien genannt, weil sie das Leben Jesu aus einer ähnliche Perspektive sehen und ziemlich ähnlich sind. Das Johannes Evangelium unterscheidet sich von diesen viel mehr als die drei untereinander. Gab es denn nur diese drei und später ein weiteres Evangelium als Schriften? Neben der mündlichen Tradition natürlich.
Da es nun schon vieleunternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben …
Lukas 1:1 Elberfelder
Da es zum Zeitpunkt der Niederschrift des Lukas-Evangeliums noch kein Johannes-Evangelium gab, kämen nur noch Matthäus und Markus in Frage. Da wäre die Aussage, dass es schon ‚viele‘ unternommen hätten, vielleicht doch etwas übertrieben. Also lernen wir schon aus dem uns überlieferten Evangelium Lukas: Es gab viele ‚Evangelien‘, aber nur vier sind uns erhalten.
Und auch der Schluss des Johannes Evangeliums macht verständlich, warum es noch mehr mündliche und auch schriftliche Berichte gegen haben mag:
Es gibt aber auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; wenn diese alle einzeln niedergeschrieben würden, so würde, scheint mir, selbst die Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen.
Johannes 21:25 Einheitsübersetzung 2016
Von welchen wissen wir denn noch?
Apokryphe Evangelien
Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:
Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.
Diese uns nicht erhaltenen Evangelien bilden zwei Gruppen: Solche, welche die vier Evangelien ergänzen sollten und solche, die sie ersetzten sollten. (Dies und die folgenden Beispiele stammen aus Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164ff).
Nun waren die frühen Christen an zwei Punkten in Jesu Leben und Amt besonder interessiert, die aber von den Evanglien ganz ausgespart wurden: Die Kindheit Jesu, von der nur Lukas einmal berichtet (Lukas 2:41-51), und die Taten, die der Heiland in den drei Tagen zwischen Kreuz und Auferstehung in der unsichtbaren Welt getan hat.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164
Es gibt zahlreiche solche Berichte seit etwa dem zweiten Jahrhundert, von deren Existenz wir zumindest wissen:
Protoevangelium des Jakobus
Kindheitsgeschichte nach Thomas
Arabische Kindheitsevangelium
Armenische Kindheitsevangelium
Geschichte Josephs des Zimmermanns
Evangelium von der Geburt Mariä
Evangelium des Nikodemus (auch als Pilatusakten bekannt)
Evangelium des Bartholomäus
… (es gibt noch mehr)
Ich habe sie auch deswegen aufgeführt, weil sie schon damals unter einer Bezeichnung bekannt waren, die bekannte Namen enthielten. Das hat aber bei der Beurteilung, ob diese Teil des Kanons sein sollen, keine Rolle gespielt. Auch wir sollten uns also von dem Gedanken trennen, dass das Matthäus Evangelium hinein gehört, weil der Titel schon sagt, dass der Apostel Matthäus es geschrieben hätte. Oder der 2. Petrus Brief auch von Petrus sein muss. Selbst wenn es im Text erwähnt wird, muss man vorsichtig sein, denn das wurde auch in anderen Texten gemacht.
Auf vier davon gehen wir einmal etwas näher ein, weil wir daraus einiges lernen können, wie sich der Vorstellung entwickelt hat, was in den Kanon gehört und was nicht.
Fragmente eines unbekannten Evangeliums (Papyrus Egerton 2)
Manchmal tauchen selbst in der Neuzeit noch bisher unbekannte Manuskripte von Evangelien auf. Vielleicht erinneren wir uns noch an Nachrichten, dass nun vielleicht die Geschichte Jesu und der ganze christliche Glaube umgeschrieben werden müsse. Nun, das ist ausgeblieben. Und nicht, weil alle Wissenschaftler sich verschworen hätten, etwas zu vertuschen. Es gibt genügend Wissenschaftler, die ganz im Gegenteil ein Interesse daran haben, so eine Sensation wissenschaftlich zu erforschen und veröffentlichen. Die Texte sind aber veröffentlicht und jeder kann selbst einschätzen, was er davon hält.
Ein Beispiel sind die 1935 vom Britischen Museum veröffentlichen Fragmente eines unbekannten Evangeliums. Es ist wohl um 110-130 n. Chr. geschrieben worden. Einige Erzählungen finden sich bei den Synoptikern und Johannes. Es enthält aber auch ein apokryphes Wunder, das Jesus am Ufer des Jordan gewirkt hat. Ein Textbeispiel:
Und er wandte sich an die Führer des Volkes und er [Jesus] sprach so: „Suchet in den Schriften, in denen ihr Leben zu haben meint – sie geben von mir Zeugnis (siehe Joh 5:39). Denkt nicht, ich sei gekommen, euch vor meinem Vater anzuklagen; Mose wird euch anklagen, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.“ (siehe Joh 5:45) Als sie dann sprachen, „wir wissen, daß Gott mit Mose sprach, aber wir wissen nicht, wo du herkommst“ (siehe Joh 4:29), antwortete ihnen Jesus: „Jetzt klagt euch euer Unglaube an …“
Unbekanntes Evangelium Papyrus Egerton 2, Fragment I, Zeilen 5-9
Das Interessante an diesem Evangelium ist: Es hat wohl keine schriftliche Vorlage, sondern schriftliche und mündliche Überlieferung überschneiden sich hier noch. Das wurde auch schon von Papias von Hierapolis beschrieben, der um 100 n. Chr. lebte.
Man muß auch darauf hinweisen, daß die Produktion von Evangelien und anderen apokryphen Schriften durch die Entwicklung des neutestamentlichen Kanons nicht aufhörte oder sonderlich behindert wurde. Die Volksfrömmigkeit erbaute sich an dem stetigen Strom romantischer und einfallsreicher Schriften, deren historischer Wert bestenfalls am Rande interessierte.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166
Das Hebräerevangelium
Wie standen denn die Kirchenväter zu den apokryphen Evangelien?
In den Schriften der einzelnen Kirchenväter begegnen uns Stellen und Zitate aus verschiedenen frühen Evangelien aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. Wir können daran ermessen, welchen Gebrauch sie von den apokryphen Büchern machten und welche Autorität sie ihnen zuschrieben.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166
Hieronymus intressierte sich sehr dafür und berichtet stolz, dass er eine Übersetzung ins Griechische und Lateinische angefertigt habe. Und er zitiert aus dem Hebräerevangelium. Auch Origenes tut es und Clemens von Alexandrien verwendet es. In der koptischen Fassung einer Predigt auf Maria, der Gottesgebärerin, die Cyrill von Jerusalem zugeschrieben wird, legt der Verfasser einem Vertreter der »ebionitischen Häresie« ein Zitat aus dem Hebräer-Evangelium in den Mund:
So steht es im [Hebräer] Evangelium geschrieben: Als Jesus Christus auf die Erde zu den Menschen kommen wollte, wählte der Gute Vater im Himmel eine mächtige Kraft aus, die Michael hieß und befahl Christus seinem Schutz. Und die Kraft kam in die Welt und wurde Maria genannt, und [Christus] war sieben Monate in ihrem Schoß.
Koptische Fassung einer Predigt auf Maria
Jetzt verstehen wir vielleicht den Unterschied zu den Evangelien im Neuen Testament besser. Und warum die Großkirche solche Evangelien aus ihrem Kanon letztlich ausgeschlossen hat. Letztlich – denn anfangs wurde noch daraus zitiert.
Das Ägypterevangelium
Das sogenannte Ägypterevangelium wurde kurz nach 150 in griechischer Sprache geschrieben und in Ägypten sogar als kanonisch anerkannt. In einer Streitschrift gegen den Gnostiker Julius Passianus zitiert Clemens Teile davon, zum Beispiel eine Stelle aus einem Dialog zwischen Salome und dem Herrn:
»Als Salome nachfragte, wie lange der Tod herrschen würde, antwortete der Herr (der nicht der Ansicht war, das Leben sei schlecht und die Schöpfung böse): ‚Solange ihr Frauen Kinder gebärt.‘« Auf Salomes Nachfrage, ob sie gut daran getan habe, keine Kinder zu haben, erhält sie die Antwort: »Iß von jeder Pflanze, nur nicht von der bitteren.« und »Wenn du das Gewand der Scham unter die Füße getreten hast und die zwei eins werden und das männliche mit dem weiblichen weder männlich noch weiblich [ist].«
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 168
Diese Worte fodern ganz klar sexuelle Enthaltsamkeit. Hier wir das Gedankengut einiger Gnostiker und der Enkratiten deutchlich, welche zum Beispiel die Ehe ablehnten.
Das Petrusevangelium
„Der Text berichtet von Passion, Tod und Begräbnis Jesu und schmückt den Bericht von seiner Auferstehung mit Einzelheiten bei den darauf folgenden Wundern aus. Die Verwantwortung für den Tod Jesu wird ausschließlich den Juden zur Last gelegt, Pilatus wird aller Schuld ledig gesprochen. Hin und wieder finden sich Spuren der doketischen Häresie.“ (Metzger, S. 169).
Vergleicht man diese und noch weiter abweichenden Evangelien mit denen im Neuen Testament erkennt man deutliche Qualitätsunterschiede in theologischer wie auch historischer Hinsicht. Man war damals überzeugt, dass die Evangelien im Kanon am besten dem Glauben und Lehren der Apostel entsprachen und im wesentlichen zutreffen und vernünftig waren.
Warum genau 4 Evangelien?
Aufgrund des bisher Besprochenen hätten wir vermutlich kein Problem damit, wenn es nun 3 oder auch 5 Evangelien im Neuen Testament gäbe. Das wären halt die damals besten, verfügbaren gewesen. Was aber schon damals die Kirchenväter beschäftigt hat, war die Frage, warum es nicht nur genau eine Schrift über das Leben Jesus gab, sondern mehrere mit gewissen Abweichungen. Dafür gab es verschiedene ‚Lösungen‘:
Es muss eine Begründung geben, warum es genau vier sind.
Die vier werden in einem zusammengefaßt.
Nur eines kann das richtige Evangelium sein. Das wird ausgewählt, alle anderen verworfen.
In Teil 8 hatten wir schon gesehen, wie Irenäus von Lyon argumentiert hat:
»Es kann gar nicht sein, daß die Zahl der Evangelien größer oder kleiner ist, als sie ist, denn in der Welt, in der wir leben, gibt es auch nur vier Himmelsrichtungen und vier Winde … Die vier lebenden Tiere (Apk 4,9) symbolisieren die vier Evangelien … und es gibt vier Hauptbundesschlüsse mit der Menschheit: Noah, Abraham, Mose und Christus.«
Irenäus von Lyon, Adv. Haer. III 9,8
Insbesondere der Bezug auf die vier Tiere in Hesekiel und der Offenbarung des Johannes sind interessant, weil dies in der späteren christlichen Kunst ab etwa dem vierten Jahrhundert schon großen Einfluß gewinnen sollte (siehe Wikipedia). Hier ein Beispiel aus einem Codex aus dem 7. Jahrhundert, bei dem man schön die Verbindung von Evangelisten mit den Tieren zu sehen ist:
Die Evangelisten mit ihren Attributen, Codex Amiatinus (7. Jh.)
Aber man muss keine Bibliothek aufsuchen, um diese Symbolik zu finden. Die Tiere finden sich zum Beispiel über dem westlichen Eingangs des Doms zu Speyer um ein riesiges rundes Fenster in den vier Ecken des umfassenden Quadrates die vier Tiere wieder. Die wenigsten Besucher dürften wissen, dass damit die vier Evangelien gemeint sind:
Westliches Portal des Doms in Speyer. Die Symoble sind Adler, Mensch, Löwe und Stier als Symbole für die Evangelien
Mittelportal der Westfassade der Kathedrale in Chartres
Aber zurück zu den Evangelien. Einen anderen Weg ging Tatian. Er verfasste das Diatessaron, das die vier Evangelien zu einem zusammenfasst, indem er die Synoptiker in das Johannes Evangelium einarbeitete. Als er 172 n. Chr. wieder in den Osten ging, übertrug es das griechische Diatessaron ins Syrische. Dies wurde für lange Zeit anstelle der vier Evangelien in allen Kirchen der Hauptstadt und später der gesamten Region verlesen.
Den genau umgekehrten Weg ging Marcion, über den wir noch im 13 Teil der Serie sprechen werden. Er anerkannte nur das Lukas Evangelium und verwarf alle anderen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend könnten wir sagen, dass es nur ein Evangelium aber viele Evangelien im Sinne von Schriften gibt. Warum diese unterschiedlich sind, ist eine Frage, die wir hier nicht weiter ausführen können. Sind es aber genau vier Evangelien im Neuen Testament, weil das von Anfang Gottes Plan war? Nun, das hört sich ein bisschen wie die Begründung von Irenäus von Lyon an. Und es ignoriert das, was wir in Teil 10 über Inspiration festgestellt haben. Eine natürlichere Erklärung ist, dass Gott durch seinen heiligen Geist mehreren Menschen geholfen hat, die Berichte in Schriften zusammenzufassen. Und bei anderen Evanglien scheint die Beteiligung Gottes eher fraglich zu sein. Interessanterweise scheinen die Christen und Kirchenväter eines nicht gemacht zu haben: Die Text in inspiriert und nicht-inspiriert unterteilt zu haben. Sondern mehr oder weniger nutzbringend. Und wie in anderen Schriften im Neuen Testament gesagt wird, hat Gott den Jüngern Jesu durch den heiligen Geist geholfen, diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, denn anfangs konnte man ja noch Augenzeugen befragen. In späteren Jahrhunderten kann er dann durchaus auch wieder Menschen so unterstützt haben, dass sie einige dieser Schriften für Wert hielten, in den Kanon aufgenommen zu werden. Eine Zeit lang wurde noch aus anderen Evangelien zitiert, aber schließlich hörte das auf. Was davon Gottes Wille und Einfluß oder Kirchenpolitik war, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir werden darauf in Teil 13 noch eingehen.
Im letzten Teil dieser Serie hatte ich gesagt, dass mit Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ unbewusst einige Annahmen und Vorstellungen verknüpft sind. Zumindest sollten wir uns genau darüber im klaren sein, was wir mit dem Begriff ‚Gottes Wort‘ und ‚die heilige Schrift‘ meinen, wenn wir diese verwenden. Und vor allem: Werden diese Begriffe in der Bibel selbst überhaupt verwendet? Das wollen wir uns anschauen, ganz ähnlich, wie ich das im dem Artikel und Video gemacht habe: Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? oder Sollten wir uns Brüder Christi nennen (lassen)?
‚Die Heilige Schrift‘
Beginnen wir einmal damit, dass die Bibel oft ‚die Heilige Schrift‘ im Deutschen genannt wird. Sucht man in einigen deutschen Bibelübersetzungen nach ‚heilige Schrift‘ z.B. im ERF Bibleserver, findet man – nichts! Das stimmt nicht ganz. Eine Stelle habe ich in einer Übersetzung gefunden, die auch gleich den Grund zeigt, warum wir das im Text der Bibel nicht finden:
Die Juden in Beröa waren nicht so voreingenommen wie die in Thessalonich. Mit großer Bereitwilligkeit gingen sie auf das Evangelium von Jesus Christus ein, und sie studierten täglich die Heilige Schrift, um zu prüfen, ob das, was Paulus lehrte, mit den Aussagen der Schrift übereinstimmte.
Apostelgeschichte 17:11 Neue Genfer Übersetzung.
Die Juden in Beröa aber waren aufgeschlossener als die in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft bereitwillig auf und studierten täglich die heiligen Schriften, um zu sehen, ob das, was Paulus lehrte, wirklich zutraf.
Apostelgeschichte 17:11 Neue Evangelistische Übersetzung
Apostelgeschichte 17:11 Interlinear
Im griechischen steht hier nämlich γραφὰς (graphas) Hauptwort, Akkusativ, Femininum, Plural (Strong’s). Genau genommen steht im griechischen Text sogar nur ‚die Schriften‘ – schon das Wort ‚heilig‘ ist hinzugefügt. Ich habe auch die wenigen anderen Stellen untersucht, in denen mit ‚heilige Schriften‘ übersetzt wird. Tatsächlich steht es nur zweimal im griechischen Text:
Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, das er durch seine Propheten in heiligen Schriften (γραφαῖς ἁγίαις, graphais hagiais) vorher verheißen hat.
Römer 1:1,2 Elberfelder
und weil du von Kind auf die heiligen Schriften (ἱερὰ γράμματα, hiera grammata) kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift (γραφὴ, graphē) ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit …
2. Timotheus 3:15, 16 Elberfelder
Und sofort fällt etwas auf, was ich in Teil 2 und 8 schon im Detail analysiert hatte: Mit ‚heilige Schriften‘ ist hier ganz klar das alte Testament, der Tanach gemeint.
Das in 2. Timotheus 3:15 verwendete Wort γράμμα gramma wird übrigens nur 15 mal im Neuen Testament verwendet und beschreibt immer etwas Schriftliches, meistens einen Brief. Strong’s gibt an: „Von grapho; eine Schrift, d.h. ein Brief, eine Notiz, eine Epistel, ein Buch.“ Hier steht es im Plural: Schriften. Wohingegen in Vers 16 das Wort γραφή graphé (ohne Zusatz ‚heilig‘) verwendet wird, das 51 mal verwendet wird. Strong’s gibt an: „(a) eine Schrift, (b) ein Abschnitt der Schrift; plural: die Schriften. Ein Dokument, d.h. Heilige Schriften.“ Zum Schluss der Erklärung sehen wir schon, wie von der Erklärung der Sprache zur Interpretation übergegangen wird. Ruft man übrigens auf biblehub.com Strong‘s Greek 1124 direkt auf, fehlt der Teil „Ein Dokument, d.h. heilige Schrift“.
Anstatt einer Erklärung kann man auch noch mehr Interpretation finden. Zum Beispiel in HELPS Word-studies:
Der Zusatz „, d.h. die inspirierten, unfehlbaren Schriften der Bibel (66 Bücher der Schrift, 39 in Hebräisch, 27 in Griechisch)“ hat nichts mit dem griechischen Wort im Vers zu tun. Und im letzten Teil 9 dieser Serie haben wir ja ausführlich über Inspiration und auch den Anspruch der Unfehlbarkeit des Textes gesprochen. Und in teil 8 haben wir über die Entstehung des Kanon des Neuen Testaments gesprochen und wieviele Bücher die Bibeln verschiedener Zweige der Christen haben. Warum der wichtige zweite Teil nur in Klammern steht, wird nicht erklärt. Wo doch der Hinweis wichtig ist, dass im Neuen Testament γραφή graphé immer für das Alte Testament verwendet wird.
Vergleichen wir das einmal mit der NAS Exhaustive Concordance. Und berücksichtigen wir, dass ‚exhaustive‘ übersetzt ‚ausführlich‘ bedeutet:
Die ganze ‚ausührliche‘ Erklärung ist: ‚eine Schrift‘. Ausführlichere Erklärungen findet man oft in Thayer’s Greek Lexicon:
Hier findet man die Hauptbedeutungen gruppiert und auch gleich mit der Verwendung im Text. Es werden diese Erklärungen angegeben: „(a) Schreiben, Geschriebenes (von Sophokles an), jede Schrift des Alten Testaments, (b) ἡ γραφή, die Schrift κατ‘ ἐξοχήν, die heilige Schrift (des A. T.) – und wird verwendet, um entweder das Buch selbst oder seinen Inhalt zu bezeichnen (manche würden den Singular γραφή immer auf einen bestimmten Abschnitt beschränken; siehe Lightfoot zu Galater 3:22), (c) einen bestimmten Teil oder Abschnitt der heiligen Schrift.“ Interessant fand ich hier, wie von „jede Schrift des Alten Testaments“ zu „die Schrift“ und dann zu „die heilige Schrift (des A.T.)“ ohne weitere Begründung übergegangen wird. Aber immerhin wird korrekt vom Alten Testament gesprochen.
Gut, wieder etwas bezüglich der Verwendung von Bibel-Lexika dazugelernt.
Aber schauen wir uns die Verwendung einmal selbst an. Die Verwendung dieses Wortes γραφή graphé ist vielfältig. Und manchmal überraschend.
Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise und damit mein Name verkündigt wird auf der ganzen Erde.
Römer 9:17 Elberfelder
Das steht so wirklich im griechischen Text. Wie konnte denn ‚die Schrift‘ zu Pharao sprechen? Das lösen manche Übersetzungen kreativ-interpretativ: „Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt:“ (Einheitsübersetzung), „Aus diesem Grund steht in der Schrift auch folgendes Wort, das Gott dem Pharao sagt“ (Neue Genfer Übersetzung) und „Denn die Schrift lässt Gott zum Pharao sagen“ (Züricher).
Wir halten fest:
In der Bibel steht nirgends ‚die heilige Schrift‘, sondern im Neuen Testament nur zweimal ‚die heiligen Schriften‘ und das bezieht sich eindeutig auf das Alte Testament.
Ansonsten wird im Neuen Testament nur von den ‚Schriften‘ oder der ‚Schrift‘ gesprochen und das Alte Testament gemeint.
Ist das jetzt Haarspalterei? Ich will ja kein Dogma daraus machen, doch unter der Oberfläche liegt eine wichtige Frage: Ist die Bibel eine autoritative Sammlung von Schriften, oder eine Sammlung von autoritativen Schriften? Was ist damit gemeint? Salopp formuliert: Hat man entweder Schriften als heilig identifiziert und wurden sie dann gesammelt? So war das ursprünglich beim Alten Testament. Oder gibt es eine heilige Sammlung – den Kanon – wodurch auch die darin aufgenommenen Schriften dadurch heilig werden? Wenn wir uns jetzt in den Sinn rufen, was wir in einem vorherigen Teil über den Kanon des Neuen Testaments gelernt haben, dann verstehen wir vielleicht besser, warum das wichtig ist. Ist der Kanon, welcher von der Kirche erst im vierten Jahrhundert erstellt wurde, autoritativ, dann hat diese Entscheidung der Kirche einen ganz anderen Stellenwert. Das sieht die katholische Kirche ganz genau so:
„Die apostolische Sukzession ist der Beweis dafür, dass die Autorität der katholischen Kirche allein zugehörig ist. Sie alleine ist Verwalterin und Hüterin über die Auslegung der Heiligen Schrift. Wer mit Ihr bricht, der bricht mit dem Heiligen Geist.“
„Die römisch-katholische Kirche ist die eine wahre Kirche Christi, so erklärt Pius XI., sie ist die von Gott bestellte Hüterin der geoffenbarten Wahrheit, die nicht auf den Boden der Diskussionen herabgezogen werden darf.“
Das neue Testament macht diese Aussage allerdings nicht! Und Protestanten werden ihr auch vehement widersprechen. So wie es im ersten Zitat eigentlich darum geht, dass die katholische Seite dem ’sola scriptura’ (nur die Schrift) entschieden widerspricht.
Muss man die Schriften, die uns überliefert und erhalten sind, tatsächlich mit so vielen absoluten Ansprüchen belasten, die historisch und anhand der Fakten nicht zu halten sind? Muss man auf der Verbalinspiration beharren, obwohl das keinen Sinn macht (siehe Teil 9 dieser Serie)? Oder dass die katholische Kirche allein die Hüterin ist? Sind die Schriften vielleicht nur ein Geschenk Gottes, dass uns hilft Weisheit zu erlangen und so zu leben, wie er will? Das muss jeder selbst für sich bewerten. Vielleicht sollte ich aber so etwas nicht hier einfach so sagen. Wenn man so einen Gedanken als Professor veröffentlicht, kann einen das schon einmal den Job an einem Theologischen Seminar kosten, welches die eigene Tradition über den Gegenstand der Tradition – die Schriften – stellt (siehe z.B. den Artikel über Peter Enns).
Ist die Bibel für uns ‚die [unfehlbare] Heilige Schrift‘, dann werden wir uns natürlich damit schwer tun, zu akzeptieren, dass sie nachweislich menschliche Aspekte enthält, überarbeitet wurde und manches beim Kopieren oder Übersetzen verändert wurde oder verloren gegangen ist.
Das meinte ich eingangs damit, dass wir mit einem Begriff wie ‚die Heilige Schrift‘ möglicherweise ziemlich weitreichende, unausgesprochene Annahmen verbinden. Und wir diese mit der Verwendung des Begriffes automatisch im Sinn mit aktivieren, wenn wir in der Bibel lesen oder darüber nachdenken.
Gottes Wort / Wort Gottes
Du ahnst es schon. Mit dem Begriff ‚das Wort Gottes‘ wird es nicht anders ausgehen. Ist das eine gute Beschreibung für ‚die Schriften‘? Wenn alles für uns ‚das Wort Gottes‘ ist, erwarten wir doch auch eine gewisse Vollkommenheit des Textes, oder etwa nicht? Wird in den Schriften dieser Begriff denn überhaupt so gebraucht, als Bezeichnung für ‚die Bibel‘?
Das Wort Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem vermehrte sich stark. Selbst eine große Zahl von Priestern gehorchte jetzt dem Glauben.
Apostelgeschichte 6:7 Neue Evangelistische Übersetzung
Gut. Damit ist wohl kaum ‚die Bibel‘ gemeint. Weder breitet sie sich aus noch gab es auch nur einen Buchstaben des Neuen Testament zu diesem Zeitpunkt.
Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam …
Hebräer 4:12 Neue Evangelistische Übersetzung
Das hört sich auch nicht nach ‚der Bibel‘ an. Aber gibt uns eine viel bessere, umfassendere Bedeutung.
Da kamen so viele Menschen bei ihm zusammen, dass sie keinen Platz mehr hatten, nicht einmal draußen vor der Tür. Während er ihnen das Wort Gottes weitergab, …
Markus 2:2 Neue Evangelistische Übersetzung
Hat Jesus ihnen damals vielleicht eine Bibel gereicht?
Lasst uns daher alles ablegen, was uns schmutzig macht, was strotzt vor Bosheit, und in Sanftmut das Wortannehmen, das in euch eingepflanzt ist – es vermag eure Seelen zu retten.
Jakobus 1:21 Züricher
Setzt auch den Helm ‹der Gewissheit› eures Heils auf und nehmt das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, in die Hand!
Epheser 6:17 Neue Evangelistische Übersetzung
In die Hand genommen wird hier im Satz das Schwert, nicht die Bibel. Tatsächlich fühlten sich eine Menge Zeugen Jehovas, wie ich mich erinnere, aufgrund dieses Textes berufen, mit aus der Bibel entnommenen Texten wie mit einem Schwert um sich herumzuschlagen. Und ich kann mich auch erinneren, wie mancher Redner bei diesem Text mit seiner gedruckten Bibel herumfuchtelte. Aber zurück zum Text.
Denn denen, die dies behaupten, ist verborgen, dass von jeher Himmel waren und eine Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte⟨, und zwar⟩ durch das Wort Gottes, durch welche die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging.
2. Petrus 3:5,6 Elberfelder
Auch hier ist offensichtlich nicht von ‚der Bibel‘ als Wort Gottes die Rede. Aber wovon dann? Vielleicht ist der Text so zu verstehen, wie es diese Übersetzung wiedergibt: „Dennoch wurde die Welt damals ‹bei der großen Flut auf Gottes Wort hin› durch Wasser überschwemmt und vernichtet.“ (NEÜ)
Und wird nicht sogar Jesus manchmal als ‚das Wort Gottes‘ bezeichnet? Aufgrund dieses Textes zum Beispiel:
Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos. … Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1:1, 14 Züricher
Ich fasse das mal so zusammen:
Die Bibel istnicht Gottes Wort, sondern die Bibel enthält Gottes Worte.
Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Damit bleibt die Bibel wertvoll, selbst wenn sie nicht so perfekt ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Als ich das aufschrieb, dachte ich, dass ich da eine schöne prägnante Formulierung gefunden hätte. In einer E-Mail zu dieser Serie schrieb mir aber jemand: „In den 1980er Jahren sagte mir mal ein Bruder: Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sie enthält Gottes Wort!“ Da wahr ich wohl kaum der Erste. Doch wenn mehrere auf den gleichen Gedanken kommen, ist er Wert, genauer untersucht zu werden.
Das sind wirklich Worte Gottes:
Jahwe sagte zu Mose: „Steig nun zu mir auf den Berg herauf und bleib dort, damit ich dir die Steintafeln geben kann, auf die ich das Gesetz und die Gebote für die Unterweisung Israels geschrieben habe.“
2. Mose 24:11 NEÜ
Und das?
Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …
1. Korinther 7:12 Elberfelder
Wenn Paulus etwas sagt, sind das dann genau Gottes Worte? Na ja, wenn er es in einem Brief schreibt, der dann im Neuen Testament ist … Das hatten wir im letzten Teil über Inspiration schon angesprochen. Und würdest du sagen, dass jedes Wort des Herrn – hier ist eindeutig Jesus gemeint – direkt von Gott inspiriert wurden. Alles was er sagte und dann in den Evangelien aufgeschrieben wurde? Also den Evangelien, die wir kennen und im Neuen Testament sind?
Zurück zu den Worten Gottes: Was ist damit?
Darauf nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.«
Matthäus 4:5,6 Elberfelder
Was der Teufel sagt, stammt doch nicht von Gott, nicht war? Also der erste Teil des Verses sind nicht Gottes Worte. Dann wird es kompliziert. Der Teufel zitiert was … ‚Gottes Wort‘? Ja genau. Sogar der Teufel kann ‚Gottes Wort‘ zitieren. Aber seine Worte sind doch nicht Gottes Worte, oder?
Ok. Ich will hier bestimmt auch kein Dogma oder eine Regel aufstellen. Es geht wieder um ein tieferes Problem mit dem Begriff ‚Wort Gottes‘: Es impliziert ziemlich stark die Verbalinspiration: Kein Wort in der Bibel ist von Menschen geformt oder geprägt. Aber das ist nicht korrekt, wie wir im Teil ‚Inspiration‘ dieser Serie gesehen haben. Schon die Autographen selbst – geschweige denn eine Übersetzung – ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Die heilige Schrift‘ zu nennen, geht dann schon ziemlich weit.
Vielleicht sind wir auch manchmal zu sehr auf ein ‚Heiliges Buch‘ fixiert. Wir erhoffen uns eine schriftliche, perfekte Anleitung für das Leben und den Glauben. Aber wer hatte das schon? Abraham genügte dieses ‚Wort Gottes‘:
Nachdem Lot weggezogen war, sagte Jahwe zu Abram: „Blick auf und schau dich nach allen Seiten gründlich um! Das ganze Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben.“
1. Mose 13:14 Neue Evangelistische Übersetzung
Heute spricht Gott nicht mehr direkt mit uns – mit mir zumindest nicht. Daher bin ich dankbar für das, was ich habe.
Und damit streiche ich für mich das, was nicht den Tatsachen entspricht aber auch das, was eine falsche Erwartung hervorruft:
„„Die Bibel ist das Wort Gottes, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) undenthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“
Es bleibt: Die Bibel ist. Oder besser, wie ich finde: Die Schriften sind. Und gerade weil ich versuche, keine unrealistischen Erwartungen an die Schriften zu haben, finde ich darin Worte Gottes und Weisheit und es trägt zu einem stabilen Fundament meines Glaubens bei:
Die Schriften, deren utlimative Quelle Gott ist, enthalten das, was wir brauchen. Es ist genug bis heute erhalten geblieben, um Gott kennenzulernen, ihn anzubeten und in Weisheit zu leben.
Und was brauchen wir, was erwartet Gott von uns?
Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.
Micha 6:8 Neue Evangelistische Übersetzung
Und damit sind wir … noch lange nicht am Ende dieser Serie! 😀
Ich habe zum Beispiel schon unglaublich oft von ‚der Bibel‘ gesprochen. Gerade eben noch. Dabei haben wir noch gar nicht untersucht, welche Bedeutung dieser Begriff hat. Das deutsche Wort Bibel kommt vom altgriechischen βιβλία biblia mit der Bedeutung: ‚Bücher‘. Die Erklärung in der Wikipedia ist recht aufschlußreich:
Das Wort „Bibel“ (mittelhochdeutsch bibel, älter biblie) entstand aus kirchenlateinisch biblia, einem Lehnwort aus dem Koine-Griechischen. Das Neutrum βιβλίον biblíon „Buch“ ist eine Verkleinerungsform von βίβλος bíblos „Buch“, benannt nach der phönizischen Hafenstadt Byblos. Diese Hafenstadt war in der Antike ein Hauptumschlagplatz für Bast, aus dem die Papyrusrollen hergestellt wurden. Der Plural von βιβλίον biblíon lautet βιβλία biblía „Schriftrollen, Bücher“. In der Septuaginta war βιβλία biblía vor allem eine ehrfürchtige Bezeichnung für die Tora; Johannes Chrysostomos bezeichnete als erster mit diesem Plural die Gesamtheit der christlichen heiligen Schriften (Altes und Neues Testament). Im Kirchenlatein wurde die Bezeichnung biblia zunächst als Neutrum Plural biblia, -orum, seit etwa 1000 n. Chr. aber als Femininum Singular biblia, -ae aufgefasst. Die nationalen Sprachen übernahmen das Wort im Singular; im Deutschen wurde es zu Bibel. „Der Name deutet an: Was uns heute als ein einziger Band in Händen liegt und was wir mit Selbstverständlichkeit als eine Einheit verstehen: die Bibel, ist tatsächlich eine Vielheit.“ Die Bezeichnung als „Buch der Bücher“ bringt einerseits die religiöse Bedeutung der Bibel zum Ausdruck, andererseits die innere Pluralität.
„Die Bibel ist von Gott inspiriert.“ Was ist damit eigentlich genau gemeint? Bezieht es sich zum Beispiel auf 2. Timotheus 3:16? Wobei, dann wäre der zitierte Text schon entschieden verändert worden, denn dort wird nicht von ‚der Bibel‘ gesprochen. In Teil 2 hatten wir über Texte wie 2. Timotheus 3:16 schon gesprochen: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“. Und sowohl in Teil 2 wie auch Teil 8 sprachen wir über die Fakten, die zeigen, dass die Autoren der Autographen des Neuen Testaments mit ‚Schrift‘ das sogenannte Alte Testament meinten. Im Laufe der Zeit wurden die Schriften des Neuen Testaments von Christen aber immer höher geschätzt und heute denken viele auch über das Neue Testament genauso. Und so kommt es, dass viele beim Thema Inspiration keinen Unterschied zwischen altem und neuem Testament machen.
Konservative evangelikale Theologen haben zum Beispiel in der sogenannten Chicago-Erklärung (Wikipedia) ihre Überzeugung so formuliert:
„Eine kurze Erklärung: 4. Da die Heilige Schrift vollständig und wortwörtlich von Gott gegeben ist, ist sie in all ihren Lehren ohne Irrtum oder Fehler, nicht weniger in dem, was sie über Gottes Taten in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihren eigenen literarischen Ursprung unter Gott aussagt, als in ihrem Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben des Einzelnen.“
„Artikel VI: Wir bekennen, dass die gesamte Heilige Schrift und alle ihre Teile, bis hin zu den Worten des Originals, durch göttliche Eingebung gegeben wurden.“
Chicago-Erklärung, 1978
Das Problem mit solchen Behauptungen ist, dass sie immer noch zu generell sind und viele Annahmen implizit enthalten.
Ein Problem mit der ersten Satz dieser Erklärung ist zum Beispiel, was mit ‚die Heilige Schrift‘ gemeint ist. Ist damit der Text gemeint, den du in einer deiner deutschen Übersetzungen liest? Oder die Autographen (dort Original genannt), was wir dem zweiten Satz entnehmen können? Aber welche Aussagekraft bleibt denn dann übrig, wenn wir uns noch einmal das Diagramm aus dem ersten Teil anschauen?
Was müsste denn noch zutreffen, damit diese Vorstellung von Inspiration für uns nützlich ist?
Ob der Text in den Autographen bis in die einzelnen Wörter von Gott inspiriert und fehlerfrei ist, können wie nicht überprüfen, weil (a) kein Autograph erhalten ist und (b) wir dazu dessen Text mit Gottes Gedanken vergleichen müssten.
Dazu müsste Gott auch jeden verfälschenden menschlichen Einfluß des Schreibers bzw. des Diktierenden verhindert haben.
Aber das nützt uns noch gar nichts, weil wir nur eine Übersetzung eines Textes in eine völlig andere Sprache und Kultur haben, der aus sehr vielen, ziemlich unterschiedlichen Manuskripten wiedergestellt wurde, welche die Kirche in den Kanon aufgenommen hatte und der immer wieder kopiert wurde.
Damit diese absolute Aussage über eine wörtliche Inspiration für uns von Wert ist, müsste Gott also ganz genauso alle anderen Schritte kontrolliert haben.
Aber es gab viele unabsichtliche sowie absichtliche Änderungen am Text in den Manuskripten. Und verschiedene Übersetzungen verwenden jeweils verschiedene Wörter – sind diese dann auch alle von Gott wörtlich so gewählt worden?
Hat Jesus zum Beispiel dies genau so in der Bergpredigt gesagt?
Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!
Matthäus 5:3 Schlachter 2000
Also diese deutschen Worte natürlich nicht. Übrigens verwendet diese Übersetzung ganz andere Worte:
Wie glücklich sind die, die begreifen, wie arm sie vor Gott sind! / Sie gehören dem Himmelreich an!
Matthäus 5:3 Neue Evangelistische Übersetzung
Da er weder diese noch die anderen Worte in Deutsch gesagt hat, wäre das höchstens eine inspirierte Übersetzung. Aber diese Wörter vielleicht:
Aber möglicherweise sind nicht einmal das inspirierte Worte, weil das Evangelium Matthäus gemäß einigen Kirchenvätern und auch Gelehrten in einem hebräischen Dialekt, genauer wohl Aramäisch geschrieben worden ist.
Und was ist mit dieser Passage?
Der [Gesetzeslehrer] sagte: Derjenige, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso.
Lukas 10:37 Züricher
Wenn wir eine wörtliche Inspiration vorliegen haben, hat der Gesetzeslehrer oder Jesus das genau so gesagt? In Griechisch! Ob der jüdische Gesetzeslehrer mit Jesus wohl Griechisch oder Aramäisch gesprochen hat? Ok, die wörtliche Inspiration bezieht sich also wohl nicht auf die in Wirklichkeit gesprochenen Worte, sondern höchstens auf die Form des Zitates. Wollte Gott damit sicherstellen, dass wenigstens die Darstellung ganz genau so ist, wie er das wollte, auch wenn es nicht genau das ist, was gesprochen worden war?
Vergleichen wir aber auch einmal diese parallelen Texte in den synoptischen Evangelien:
Da sagte Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation! Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη
Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation! Ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτοῖς λέγει “Ὦ γενεὰ ἄπιστος,
Da antwortete Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation! Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν “Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη,
Matthäus 17:17, Markus 9:19, Lukas 9:41 Einheitsübersetzung 2016, Berean Greek New Testament 2016
Was hat Jesus denn nun wirklich damals gesagt? Nur ungläubige Generation? Oder hat er sie auch als verkehrt bezeichnet? Die wörtliche Inspiration kann also nicht wörtlich den tatsächlichen Wortlaut wiedergegeben haben. Aber dass die wörtliche Inspiration von Gott verwendet wurde, um genau das aufzuschreiben, was anstelle des gesprochenene Wortes geschrieben werden sollte, kann ja auch nicht der Fall sein. Es gibt ja zwei verschiedene Versionen! Und das ist nur ein Beispiel, welches ein synoptischer Vergleich zu Tage fördert.
Bin ich jetzt einfach nur kleinlich und suche das sprichwörtliche Haar in der Suppe? Nein, denn die ziemlich weitgehende Aussage war ja, dass Gott „vollständig und wörtlich“ den Text inspiriert hat. Und wenn man die Latte so hoch legt, dann muss der Text auch an diesen Ansprüchen gemessen werden. Gibt es nun ein Problem im Text des Neuen Testaments oder nicht vielmehr mit dem Anspruch an den Text?
Nächstes Problem. Eine Analyse des Textes zeigt, dass verschiedene Wortschätze und Schreibstiele verwendet wurden. Aber wenn Gott die Wörter genau inspiriert hat, warum verwendet Gott dann verschiedene Schreibstiele und Wortschätze in den Texten und erzeugt den Eindruck verschiedener menschlicher Autoren? Das würde ja fast schon an Täuschung grenzen. Irreführend wäre es auf jeden Fall.
Und da wir schon bei den Evanglien sind: Ist das ein wörtlich inspirierter Bericht über das Leben und die Lehren Jesu. Nein! Es gibt ja vier im Kanon – die voneinander abweichen, insbesondere Johannes. Aber ist jeder einzelne davon wörtlich von Gott inspiriert? Das hat die Christen schon seit dem ersten Jahrhundert beschäftigt. Dazu wird es ein separates Video geben.
Und noch etwas. Wenn Gott den Text und den Kanon so genau geplant und wörtlich inspiriert hat, warum dann auf eine Weise, die eher das Gegenteil nahelegt? Ich kann mich noch gut erinnern, dass jedes ‚Bibelstudienhilfsmittel‘ der Zeugen Jehovas genau eines nicht tat: Das neue Testament von Anfang bis Ende Vers für Vers zu betrachten. Jedes solcher Lehrbücher – nicht nur die der Zeugen Jehovas – macht etwas ganz anderes: Es ordnet die Dinge thematisch an. Warum ist der vermeintlich wörtlich inspirierte Text des Neuen Testaments nicht so geschrieben? Im alten Testament sieht man doch, dass das geht: Wenn Gott sagen will, wie die Menschen gemäß seinem Bund leben sollen, was macht er? Er beginnt mit dem Wichtigsten: Er selbst. Siehe 2. Mose 34:6,7 (Exodus). Dann 10 Gebote (2. Mose 34:28), dann die Gesetze (3. Mose, Levitikus). Wer ordnet die Welt? 1. Mose (Genesis). Warum sieht sie anders aus? 1. Mose (Genesis). Warum ein Bündnis mit uns, den Israeliten? Historischer Bericht in 1. Mose (Genesis).
Mit Christus hat doch eine neue Ära begonnen. Gibt es etwas Vergleichbares? Eigentlich nicht. Oder es ist sehr, sehr kurz: Matthäus 22:37-40 „Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten wollen.“. Und was ist mit dem Rest? Leben Jesu, Geschichte der ersten Jünger Jesu, Briefe aus aktuellem Anlaß an bestimte Versammlungen. Allgemeine Darlegung des Glaubens. Und eine Offenbarung. Dass das kein thematisch geordnetes Gesetz oder Lehrbuch ist, zeigt sich schon darin, dass bei der Diskussion praktisch jeder Lehre Verse aus den verschiedensten Teilen des Neuen Testaments zusammengeführt werden müssen.
Und es gibt noch eine Schwierigkeit mit der Aussage, dass das Neue Testament von Gott wörtlich inspiriert ist mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes. Bei Johannes hört sich das nämlich so an:
Ich [Jesus] hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.
Johannes 16:12-15 NEÜ
Also kommt das in Wirklichkeit von Jesus, was der Geist der Wahrheit den Jüngern später klar macht? Gar nicht von Gott? So klingt das zumindest auch in der Offenbarung, die Johannes zugeschrieben wird:
In diesem Buch enthüllt Jesus Christus, wasGott ihm für seine Diener anvertraut hat. Sie sollten wissen, was bald geschehen muss. Deshalb ließ er es durch seinen Engel seinem Diener Johannes zukommen.
Offenbarung 1:1 NEÜ
Allerdings wird hier der Geist der Wahrheit nicht erwähnt, sondern die Botschaft wird durch einen Engel überbracht. Und wie wir schon in Teil 2 – Nachtrag gesehen hatten, steht dort sogar, dass Johannes die Worte aufschreiben soll. Hat dann erst beim Aufschreiben Gottes Geist – der Geist der Wahrheit – für die wörtliche Inspiration gesorgt?
Allerdings übersetzen viele andere Johannes 16:14 wörtlicher:
Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.
Johannes 16:14 Einheitsübersetzung 2016
Das klingt jetzt schon nicht mehr so, als ob Jesus dem heiligen Geist die Worte gibt. Womit wir wieder beim Thema wörtliche Inpiration und Übersetzung wären.
Nun, damit erkennen wir das wahre Ausmaß des Problems der wörtlichen Inspiration: Konfrontiert man diese Vorstellung mit den Fakten, muss sie immer mehr zurückgenommen werden. Dadurch ergibt sich der Eindruck, dass es nur noch weiterer Fakten bedarf, um diese Behauptung ganz zu widerlegen und damit ist das Thema Bibel für viele dann erledigt. In diesem Fall geht es vielleicht mit der Aussage los, dass die Bibel bis zu den Wörtern inspiriert und ohne Fehler ist. Wenn damit die Bibel gemeint ist, wie wir oder andere sie in der Vergangeheit hatten, dann müssten diese Texte ja auch genau kopiert worden sein. Dann kommt der Verweis auf die vielen Abweichungen in den Manuskripten. Und schon muss dieser Satz irgendwie aufgeweicht werden. Und so geht das weiter.
Wir wollen umgekehrt vorgehen, und eine Aussage erarbeiten, die von Fakten getragen und nicht so schnell geändert werden muss (die Argumente stammen zum Teil aus Michael S. Heiser The Naked Bible’s Thoughts on Inspiration, Part 1 und Folgende):
Das mit inspiriert übersetze Wort θεόπνευστος (theopneustos) kommt im Neuen Testament genau einmal in 2. Timotheus 3:16 vor. In 2. Petrus 1:21 wird übrigens ein ganz anderes Wort φερόμενοι (pheromenoi) verwendet. Was könnte inspiriert θεόπνευστος (theopneustos) bedeuten?
θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die unmittelbare Quelle war. Damit muss er jedes Wort diktiert oder in die Gedanken des Schreibers implementiert haben. Kein Wort darf dem Sinn des Autors entsprungen sein. Das entspricht in etwa dem, was viele Evangelikale, wie eingangs zitiert, denken.
θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die ultimative Quelle war. Menschen waren hingegen die unmittelbare Quelle. Gott wählt die Menschen aus. Selten sagt er ihnen auch tatsächlich genau, was sie weitergeben sollen. Aber die Norm ist, dass die Menschen die Worte wählen – welche Rolle Gott und der heilige Geist spielen, gilt es noch zu klären.
Die Verbalinspiration: Nicht nur die inhaltlichen Zusammenhänge und die Autoren der Bibel sind von Gott inspiriert, sondern auch die Worte selbst. Die ganze Bibel wird als vollkommenes, fehlerfreies und verbindliches Wort Gottes verstanden.
Die Personalinspiration: Hier ist der Autor eines biblischen Buches von Gottes Geist erfüllt. Gott machte ihn dazu fähig, etwas über Gott oder den Glauben zu sagen, ohne dass alles, was er schreibt, vollkommen sein muss. Der Mensch ist inspiriert und nicht zwangsläufig der gesamte Inhalt seiner Botschaft.
Die Realinspiration: Bei diesem Modell sind es die großen thematischen Zusammenhänge eines biblischen Buches, die inspiriert sind und nicht der Autor oder der Wortlaut. Was für den Glauben nicht zentral ist, ist auch nicht notwendigerweise von Gottes Geist inspiriert.
Das Problem mit der Verbalinspiration ist, dass wir sie zum einen gar nicht überprüfen können, weil wir die Autographen nicht kennen und auch nicht wissen, was Gott schreiben wollte. Zum anderen nützt sie uns auch gar nichts, wenn wir nicht den Text in den Sprachen der Autographen mit dem kulturellen Hintergrund der damaligen Zeit lesen und verstehen können. Sobald eine Übersetzung vorliegt, müsste ja auch die Wortwahl der Übersetzer einer Verbalinspiration unterliegen. Und was, wenn zwei Übersetzungen verschiedene Wörter gewählt haben? Sind dann beide wörtlich inspiriert? Wir sehen, dass man schon beim Übersetzen die Idee einer Verbalinspiration erweitern muss.
Die Verbalinspiration entspricht dem Gedanken einer unmittelbaren Quelle. Wohingegen Personal- und Realinspiration dem Gedanken einer ultimativen Quelle entsprechen. Gott ist die ultimative Quelle, weil er zum Beispiel:
Die Menschen erschaffen hat.
Es seine Idee war, uns etwas zu offenbaren.
Personen sorgfältig ausgewählt und die Umstände genutzt oder geschaffen hat, um die Schriften zu schaffen.
Gott als ultimative Quelle erklärt auch viel besser, warum die Texte der Bibel selbst in etwa der gleichen Zeit verschiedene Vokabulare, Schreibstiele und Komplexität aufwiesen. Wenn Gott jedes Wort diktiert oder in den Geist der Autoren gelegt hätte, warum hätte er sich dann diese Umstände gemacht? Es irgendwie menschlich erscheinen lassen, wenn es doch nur seine Worte enthalten sollte?
Denken wir auch an 1. Korinther 7:12 „Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …“ (Elberfelder). Kommen die Worte danach nun von Gott oder Paulus? Und wenn es die Worte des Herrn gewesen wären, wären es dann Gottes Worte eingepflanzt in den Geist des Herrn gewesen? Das war doch gar nicht nötig, denn oft genug hat Jesus betont, wie ähnlich er seinem Vater ist. Wenn Jesus sprach, war das in völliger Harmonie mit Gottes Gedanken. Und sollte das mit Hilfe des heiligen Geistes nicht auch bei einem Paulus möglich gewesen sein, ohne ihm jedes Wort in den Sinn und die Feder zu legen. Bei seinen Vorträgen war dies doch schließlich auch nicht der Fall. Oder hat Paulus da etwas ‚Falsches‘ gesagt?
Der Gott, der so die ultimative Quelle des Textes ist, ist sehr viel größer und ‚allmächtiger‘ als einer, der als unmittelbare Quelle jedes einzelne Wort diktiert. Wort-für-Wort Diktieren kann sogar jeder von uns. Wer der Überzeugung ist, dass Gott die Entwicklung des Kanons geleitet hat, sollte kein Problem damit haben, dass er als ultimative Quelle auch die Enwicklung des Textes so geleitet hat.
Im Prinzip hat er es mit dem Prophezeien und Schreiben wohl so gemacht, wie bei der handwerklichen Arbeit mit diesen beiden:
Nun sagte Mose zu den Israeliten: „Seht, Jahwe hat Bezalel Ben-Uri, den Enkel von Hur aus dem Stamm Juda, berufen. Er hat ihn mit dem Geist Gottes erfüllt, mit Weisheit und Verstand und kunsthandwerklichem Geschick. Er kann Pläne entwerfen und danach Gegenstände aus Gold, Silber und Bronze anfertigen. Er kann Edelsteine schneiden und einfassen, er versteht sich auf Holzschnitzerei und ist in jeder künstlerischen Technik erfahren. Dazu hat Jahwe ihm und Oholiab Ben-Ahisamach aus dem Stamm Dan die Gabe geschenkt, andere zu unterweisen. Beiden hat er die Fähigkeit gegeben, jeden Entwurf eines Kunsthandwerkers, Kunststickers oder Buntwirkers ausführen zu können, ob es um blauen und roten Purpur, Karmesinstoff oder Leinen geht, um Weberei oder Stickerei. Sie können alle möglichen Entwürfe machen und sie ausführen.
2. Mose 35:30-35 Neue Evangelistische Übersetzung
Klingt das so, als ob Gott ihnen Strich für Strich und jede Handbewegung und jedes Wort in den Geist diktiert hat? Klingt eher nach einem Intelligenz- und Talentverstärker, was der Geist Gottes hier bewirkt.
Kommen wir noch einmal auf 2. Petrus 1:20,21 zurück:
Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.
2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung
Wie müssen wir uns das vorstellen, dass Propheten „vom Heiligen Geist gedrängt φερόμενοι (pheromenoi)“ wurden. Dieses Wort enthält den Gedanken von etwas tragen, hervorbringen, voranbringen. Wenn es in Verbindung mit intelligenten Menschen verwendet wird wie in Markus 1:32; 7:32, wird dabei nie der Sinn der Person ausgeschaltet oder manipuliert, sondern einfach jemand wohin gebracht. 2. Petrus 1:21 vermittelt den Gedanken, dass Gott die Propheten zum sprechen und schreiben veranlasst hat – als ultimative Quelle – unter Verwendung ihrer eigenen Worte. Nicht dass er ihren Sinn und ihre schreiben Hände bei jedem Wort kontrolliert hat.
Denkst du immer noch, dass Gott die Schriften Wort für Wort diktiert hat? Dann musst du auch annehmen, dass er genauso diejenigen wie Roboter ferngesteuert hat, welche die Schriften überarbeitet haben. Die heiligen Schriften überarbeitet? Das kann doch nicht wahr sein! Wenn das deine Ansicht über die ‚Inspiration‘ ist, dann ist es auch ein Teil, der durch die Fakten widerlegt wird. Sogar durch den Text selbst! Hier ein paar Beispiele aus dem Alten Testament, also das, was für die Schreiber des Neuen Testaments ‚die Schriften‘ waren.
5. Mose 34:1-12 „So starb Mose, der Diener Jahwes, im Land Moab, wie Jahwe es gesagt hatte, und er begrub ihn dort im Tal gegenüber von Bet-Peor. Bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. Mose war 120 Jahre alt geworden. Sein Sehvermögen hatte nicht nachgelassen und seine Kraft war nicht geschwunden.“ Wie sollte Moses das geschrieben haben? Oder hat Gott ihn dazu gebraucht, das zu seinen Lebzeiten zu schreiben?
1. Mose 14:14 „Als nun Abram hörte, dass sein Bruder gefangen sei, bewaffnete er seine 318 erprobten Knechte, die in seinem Haus geboren waren, und jagte jenen nach bis Dan.“ Zur Zeit Abrahams gab es weder den Stamm noch die Stadt Dan. Aber Moses schrieb das doch und kannte es! Nur sagt uns Richter 18:29, dass Moses die Stadt noch gar nicht unter diesem Namen kennen konnte: „Und sie gaben der Stadt den Namen Dan nach dem Namen ihres Vaters Dan, der dem Israel geboren worden war; früher dagegen war Lajisch der Name der Stadt.“
„Bis auf diesen Tag“ ist oft ein Hinweis, auf eine spätere Überarbeitung des Textes. Zum Beispiel in 5. Mose 10:8 „ In jener Zeit sonderte der HERR den Stamm Levi dazu aus, die Lade des Bundes des HERRN zu tragen, vor dem HERRN zu stehen, um seinen Dienst zu verrichten und in seinem Namen zu segnen, bis auf diesen Tag.“
Hesekiel 1:1-3 „Und es geschah im dreißigsten Jahr, im vierten ⟨Monat⟩, am Fünften des Monats; als ich mitten unter den Weggeführten am Fluss Kebar war, da öffnete sich der Himmel, und ich sah Gotteserscheinungen. Am Fünften des Monats – das ist das fünfte Jahr ⟨nach⟩ der Wegführung des Königs Jojachin – geschah das Wort des HERRN ausdrücklich zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Land der Chaldäer am Fluss Kebar; dort kam die Hand des HERRN über ihn.“ Ist uns der Wechsel von der ersten Person ‚ich‘ in Vers 1 zur dritten Person ‚Hesekiel‘ ‚ihn‘ aufgefallen? Das gibt es oft im Alten Testament.
Psalm 72:20 „Es sind zu Ende die Gebete Davids, des Sohnes Isais.” Wirklich? Nein, später kommen noch welche. Warum steht es dann da? Weil es das Ende von ‚Buch 2‘ der Psalmen war. Danach wurde weitere gefunden. In einigen Bibelübersetzungen findet man auch den Hinweis, dass mit Psalm 73 ‚Buch 3‘ anfängt.
Es gibt noch weitere Beispiele aus Jesaja oder verschiedene Versionen des Buches Josua (Siehe Michael S. Heisers Blog) oder Jeremia (siehe Blog).
Und was bedeutet das jetzt? Ist die Bibel jetzt von Gott Wort für Wort inspiriert? Ja oder Nein? Die Antwort ist: Diese Frage führt nicht sehr weit. Wir haben ja schon einige Bewiese gesehen, dass man mit Nein antworten muss. In dieser extremen Form müssen den Satz aus dem ersten Teil noch weiter kürzen:
„Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) undenthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“
Und wenn wir schon dabei sind, dann ist es eigentlich auch nicht die heilige Schrift, sondern Heilige Schriften. Und Gottes Wort ist es ja auch nicht so richtig, weil da zum Beispiel in den Evangelien auch die Worte des Teufels in den Versuchungen aufgeschrieben sind. Aber darüber werden wir im nächsten Video, dem Teil 10 sprechen.
Ok. Kann es sein, dass dich diese Erklärungen etwas – na sagen wir einmal – ‚nervös‘ gemacht haben? Dir Angst machen? Oder vielleicht reagierst du eher in die Richtung ‚aggressiv‘: „Das kann so alles nicht stimmen. Hier wird nur mein Glaube untergraben!“ Eine weitere typische Reaktion ist Flucht: Das ist alles nicht so wichtig. Hauptsache wir lieben uns alle. Aber dann würde Matthäus 22:37-40 völlig ausreichen, also Jesu Zusammenfassung. Warum dann 140.000 weitere Worte im Kanon des Neuen Testament? So einfach kann man den Text und seine Herausforderungen wohl doch nicht beiseite schieben. Wir müssen uns wohl oder übel noch weiter mit diesem Thema beschäftigen. Zumindest, wenn wir unseren Glauben und Vorstellungen auf den Tatsachen aufbauen wollen – und nicht auf unseren Wünschen oder überlieferten Vorstellungen.
Und deswegen müssen wir uns im nächsten Teil mit solch geläufigen Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ auseinandersetzen, weil mit ihnen unbewusst eine ganze Reihe von Annahmen und Vorstellungen verbunden sind.
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