Kategorie: Bibel lesen und interpretieren

Unter diese Kategorie sammle ich verschiedene Artikel, die sich damit beschäftigen, was man beim Lesen der Bibel beachten sollte. Und wie man an die Interpretation herangehen kann. Oder kann man die Bibel nicht einfach so beim Lesen verstehen ohne Interpretation?
Diese Beiträge sind als Gedankenanregungen zu verstehen und nicht als Anleitung oder gar Lehrbuch.

  • Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Bibel lesen und interpretieren: Wie interpretierst du die Bibel? Und ist das wichtig?

    Von Christian / Brian Doak / Augustinus von Hippo


    Das ist ein weiteres Video, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Bibel lesen und interpretieren sollte. Ob man das alleine tun kann. Vielleicht nur mit dem Heiligen Geist? Oder braucht es Lehrer? Und ob all dieses Lesen, Forschen und Auslegen letztendlich überhaupt so wichtig ist, wie wir das vielleicht denken – oder uns gesagt wurde. Und was es sonst noch dabei zu beachten gilt.

    Diesmal schauen wir einmal, was einer der sogenannten Kirchenväter mit Namen Augustinus von Hippo dazu zu sagen hat. Er ist einer der einflußreichsten Kirchenväter, erst als Erwachsener nach einer spirituellen Suche zum Glauben gekommen und hat viel bewirkt. Er ist der große spirituelle Vater der westlichen Kirche. Seine Spuren wirken bis heute nach – wie auch immer man sie im Nachhinein bewertet.

    Heute geht es um einige Gedanken aus seinem Werk Über die christliche Lehre, lateinischer Titel De doctrina christiana, das etwa um das Jahr 400 entstand.

    Warum befassen wir uns mit so einem alten Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Auch dieser Beitrag beruht auf einem Video von Professor Brian Doak:

    Augustinus geht es nicht nur um die christliche Lehre, obwohl sein Buch so heißt. Sondern auch darum, wie man diese verstehen und weiter geben kann. Und er beginnt damit.

    Brauchst du einen Lehrer?

    Auch damals gab es schon Leute, die dachten und sagten, dass sie keine Lehrer bräuchten. Weil sie beim Lesen durch ein besonderes Geschenk Gottes das selbst interpretieren und verstehen könnten. Kommt dir das bekannt vor? Klar. Steht doch so in der Bibel:

    Für euch aber gilt: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, bleibt in euch! Deshalb braucht ihr keinen, der euch darüber belehrt, sondern der Geist lehrt euch das alles. Und was er lehrt, ist wahr, es ist keine Lüge. Bleibt also bei dem, was er euch lehrt, und lebt mit Christus vereint.

    1.Johannes 2,27 NEÜ

    Ganz unbewusst haben wir hier aber einige Annahmen getroffen: Mit ‚euch‘ sind nicht nur die direkten Adressaten des Briefes gemeint, sondern auch andere Christen oder alle oder zumindest einige, die heute leben. Und wir nehmen an, dass diese Aussage für alle Zeit danach gilt, oder zumindest für unsere.

    Ist dieser Text denn so einfach anzuwenden? Schließlich steht da: „der Geist lehrt euch das alles“. Ist dir aufgefallen, dass hier ‚das‘ gesagt wird? Auf welche Dinge bezieht sich denn der Text? Geht es vielleicht doch nur um Vers 22: Dass Jesus der Christus, der Messias ist? Und was bedeutet ‚alles‘? Dann müssten ja diejenigen, welche durch den Geist so belehrt werden, alles verstehen? Aber, das tun sie doch gar nicht. Müsste man dann nicht logischerweise schlußfolgern, dass sie nicht zu diesem erlauchten Kreis gehören?

    Zurück zu Augustinus. Wenn jemand meint, er braucht keine Lehrer, antwortet Augustinus: Von wegen! Du hast schon so etwas einfaches wie das Alphabet von einem Lehrer beigebracht bekommen!

    Und Augustinus fährt fort: Und wenn du meinst, dass die Interpretation einfach eine Gabe Gottes ist, wie steht es dann damit: Wie wäre es damit, dass ich diese Gabe Gottes habe, die Schrift zu interpretieren, und du hörst einfach auf zu reden?

    Ich persönlich würde hinzufügen: Wenn die Interpretation der Schriften eine Gabe Gottes ist, warum gibt es dann verschiedene Auslegungen? Und wenn schon in deiner Gruppe alle sagen, dass sie diese Gabe Gottes haben und trotzdem zu verschiedenen Auslegungen kommen, zum Beispiel in Bezug auf die Natur Jesu im Verhältnis zu Gott, was ist dann? Haben manche dann doch nicht die Gabe Gottes (oder des heiligen Geistes) und täuschen sich und andere? Was zu beweisen wäre. Oder kann es durch diese Gabe Gottes verschiedene Auslegungen geben? Zumindest momentan?

    Wenn es keine verschiedenen Auslegungen durch die Gabe Gottes gibt, dann genügt es ja, wenn wenige – die Lehrer – diese besitzen. Oder wenn viele von sich annehmen, dass sie diese Gabe haben und doch zu verschiedenen Auslegungen kommen, dann sind unter diesen vielleicht doch nur ein paar richtige Lehrer?

    Nun gut, Christian. Was soll das? Ich möchte nur betonen, dass es immer wieder Zeiten gab, wo Menschen in einer kirchlichen Hierarchie von sich behauptet haben, dass sie – und nur sie – den Geist haben oder durch Gottes Gabe die wahre Auslegungen erkennen. Bischöfe, Päpste, die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas und so weiter.

    Wer das erlebt und bemerkt hat, dass er getäuscht wurde, wird schon bei dem Gedanken, dass jemand anderes ihm sagt, was die richtige Lehre ist, rot sehen. Wobei man aber unterscheiden sollte, ob es um einen Gelehrten geht, der Wissen erarbeitet, oder jemanden, der verbindliche Glaubenslehren für die Gemeinschaft aufstellt.

    Das Problem verschwindet leider nicht, wenn man austritt und meint, dass in einer Gruppe jeder durch den Geist Gottes oder als Gabe Gottes die richtige Auslegung der Schriften erkennt. Sobald es verschiedene Auslegungen gibt, landet man entweder bei ‚wir‘ gegen ‚sie‘ (die haben eine falsche Auslegung, haben nicht diese Gabe, haben nicht den Geist, sind ‚Teil der falschen Religion‘). Oder man muss anerkennen, dass man verschiedene Auslegungen durch Gottes Gabe haben kann.

    Oder man akzeptiert, dass das mit der Gabe Gottes weder damals noch heute so einfach funktioniert hat.

    Und damit kommen wir zu Augustinus zurück, der unsere Aufmerksamkeit auf etwas viel Wichtigeres hinlenkt: Wir Menschen sind Gottes Tempel, um zu lernen.

    Er zitiert 1. Korinther 3. Das ist ein ziemlich tiefer Gedanke in Bezug auf das Thema Inkarnation. Gott hat so viel in die Menschheit als sein Bild und Jesus investiert. Wenn wir also Gottes Tempel sind, dann sind wir ein göttlicher und heiliger Bereich zum Lernen. Und deshalb sollten wir in einem akademischen Sinne die Schriften, die Bibel, studieren und Theologie studieren.

    Und was die Schriften betrifft, müssen wir uns eines bewusst sein:

    Es gibt Sachen, lateinisch res (Plural) und es gibt Zeichen, lateinisch signa (Plural). Diese Zeichen deuten auf Sachen hin. Zum Beispiel ist ein Fußabdruck eine Sache, aber auch ein Zeichen, weil es auf einen Fuß hinweist, der diesen Abdruck erzeugt hat. Der Fußabdruck ist aber nicht der Fuß. Das klingt erst einmal nach Plato und ist es auch.

    Er fügt aber hinzu, dass es die eine ‚Sache‘ gibt, lateinisch res (Singular), die Gottheit. Und die Schriften alles in Zeichen signa auf diese eine Sache res hinweisen und darüber lehren, weil wir es nur so verstehen können.

    Und Augustinus sagt noch mehr: Zeichen (signa) sind eigentlich keine natürlichen Dinge. Das ist etwas, was wir erfinden. Und zwar in Gemeinschaften. Und daher gibt es nicht nur Sachen res oder die Sache res (Gott) und Zeichen signa, sondern auch Gemeinschaften, die diese Zeichen gemeinsam verwenden. Es sind also 3 Elemente beteiligt. Das geht über Plato hinaus.

    Und es sind Zeichen, die in einer Gemeinschaft gemeinsam verwendet werden, um zu den Sachen zu gelangen.

    Und dabei müssen wir aufpassen, dass wir die Zeichen nicht mit den Dingen verwechseln oder gar identifizieren. Denn das wäre eine Art Götzendienst.

    Die Schriften enthalten nur signa, Zeichen, die auf die res, Sachen, hindeuten. Letztendlich auf das eine res, Gott.

    Wenn wir die Schriften überbetonen, als Maß aller Dinge, und sie damit auf die Stufe Gottes erhöhen oder sie zwischen Gott und uns stellen, dann begehen wir Götzendienst.

    „Wie könnten wir denn je die Bibel mit Gott gleichsetzen, niemals!“ Diesen Gedanken sollten wir nicht so schnell zu Seit wischen. Überlegen wir einmal, welchen Stellenwert die Bibel für uns einnimmt. Auch im Vergleich zu Gebet und Vertrauen auf Gott? Was machst du, wenn du eine Frage zum Glauben oder Leben hast? Suchst du einen genau passenden Text und denkst dann: „Die Bibel sagt das so!“ Und das war es dann? Dann wäre die Bibel die höchste Autorität für dich …

    Augustinus kommt nun zu einer weiteren interessanten Schlussfolgerung:

    Brauchst du die Schriften überhaupt, um ein guter Gläubiger zu sein?

    Ich gebe mal Brian’s Zusammenfassung wieder:

    Was ist dann der Kern von Augustinus‘ Vorstellung davon, was die Bibel ist und was sie lehrt? Er hat ein berühmtes Doppelgebot. Er übernimmt das berühmte Doppelgebot Jesu. Was ist das wichtigste Gebot? Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Richtig? Diese doppelte Liebe zu Gott und zum Nächsten ist also tatsächlich der Kern seiner biblischen Theologie und der Schlüssel zu seiner biblischen Hermeneutik. Die Bibel lehrt uns, Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Und wenn man das durch den Text erreichen kann, sagt er etwas später in Buch drei, dann ist das alles. Dann ist man auf dem richtigen Weg. Man braucht keine spirituelle Lektüre oder sonst etwas. Man kann einfach eine wörtliche Lektüre an der Oberfläche vornehmen. Das ist also wirklich sein Kernpunkt. Diese doppelte Liebe. Die Bibel lehrt uns zu lieben und lehrt uns, die Lust zu vermeiden. Für ihn ist das in gewisser Weise so einfach, obwohl es auch sehr kompliziert ist. Er kehrt übrigens sogar zu dieser Vorstellung zurück, dass die Bibel ein Zeichen ist und Gott eine Sache ist und die Bibel auf Gott hinweist, so wie ein Zeichen auf eine Sache hinweist. Augustinus macht eine Aussage über die Bibel, die für manche Christen heute vielleicht schockierend wäre. Er spricht von Menschen, die durch Glauben, Hoffnung und Liebe gestärkt sind und die unbeirrt an diesen Dingen festhalten. Er sagt, dass diese Menschen, wenn man selbst dieser Mensch wäre, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, der unbeirrt an ihnen festhält, dass dieser Mensch die Schriften nicht braucht, außer um andere zu unterweisen. Deshalb leben viele Menschen, die sich auf diese drei Dinge verlassen, Glauben, Hoffnung und Liebe, tatsächlich in Einsamkeit ohne jegliche Texte aus der Heiligen Schrift. Sie sind, glaube ich, eine Erfüllung des Sprichworts: Wenn es Propheten gibt, wenn es Prophezeiungen gibt, sie werden ihre Bedeutung verlieren. Wenn es Sprachen gibt, sie werden aufhören. Wenn es Wissen gibt, wird auch das seine Bedeutung verlieren. 1. Korinther, Kapitel 13, richtig? Also, ich denke, diese Vorstellung, dass ein Mensch tatsächlich spirituell über die Bibel hinauswachsen kann, indem er an einen Punkt gelangt, an dem er als Zeichen auf das Wahre hinweist, ist meiner Meinung nach sehr anschaulich für die Art und Weise, wie Augustinus die Heilige Schrift sah. Natürlich spielt er hier die Heilige Schrift nicht herunter. Er sagt nur: Vergesst nicht, dass dies Zeichen sind, die auf etwas hinweisen.

    Und das ist für viele, die sich für sich nicht den Weg durch ein akademisches Studium der Schriften, der Bibel, erkennen können, eine große Erleichterung:

    Augustinus sagt, dass diese Menschen, gestärkt durch Glauben, Hoffnung und Liebe, die unbeirrt an ihnen festhalten, dass diese Menschen die Schriften nicht brauchen, außer um andere zu unterweisen.

    Das passt auch zu der Vorstellung, dass Gott uns als Bilder Gottes gemacht hat. Wenn jemand also durch Glauben, Hoffnung und Liebe so lebt, dass man dadurch Gott erkennen kann, dann ist man nach Augustinus auch ein signum, ein Zeichen, das auf diese eine Sache, res, Gott, hinweist.

    Hier könnten wir eigentlich eine Pause machen oder aufhören.

    Aber wegen all den Leuten, die es mit dem akademischen Studium der Schriften nicht lassen können, mache ich halt weiter. 😆

    Arbeitest du mit den Schriften, und wenn ja, wie und mit welchen?

    Was die Schwierigkeiten und Mehrdeutigkeiten in den Schriften betrifft, denkt Augustinus ähnlich wie Origenes (siehe letztes Video Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte): Gott möchte, dass wir uns Mühe geben. Augustinus sagt das so: „Die Gefahr ist Lethargie. Wir müssen vor Langeweile gerettet werden.“ Er spricht von sieben Stufen der Annäherung an Gott durch akademisches Studium der Schriften. Und dass das anstrengend ist. Und als dritte Stufe erwähnt er, dass man tatsächlich auch die Schriften lesen muss.

    Du kannst nicht einfach ein paar Bücher lesen, ein paar YouTube oder TikTok Videos sehen, ein paar (emotionale) Predigten hören und die Schriften wirklich verstehen. Du musst sie selbst lesen. Nichts kann das tatsächliche Lesen ersetzen.

    Bei Augustinus finden wir auch einen Kanon des Neuen Testaments. Über den Kanon des Neuen Testaments hatte ich eine ganze Serie veröffentlicht. Interessanterweise unterscheidet sich der bei Augustinus aber von vielen heutigen Ausgaben der Bibel. Er enthält nämlich auch sogenannte Apokryphen oder deuterokanonische Bücher. In römisch-katholischen, orthodoxen oder alt-orientalischen Ausgaben kann man einige finden, im Judentum oder Kirchen der Reformation nicht.

    Augustinus möchte auch, dass man die Sprachen lernt, dass man die Schriften im Original liest. Und dass das, was wir heute Text-Kritik nennen, zuerst kommt. Sich kritisch mit dem vorhandenen Text und eventuellen Übersetzungen auseinandersetzten.

    „Er zeigt sogar in Buch zwei, dass er an das Besondere der Septuaginta-Übersetzung glaubt. Und er scheint dieser Idee der Vorrangstellung der Septuaginta, die bei Christen in unterschiedlicher Weise beliebt ist, ein wenig zuzustimmen. Nämlich: Wenn die Autoren des Neuen Testaments auf Griechisch geschrieben haben und wenn sie das Alte Testament in dieser sogenannten Septuaginta auf Griechisch zitieren, warum lesen wir es dann nicht auch in Griechisch?“

    Augustinus formuliert auch diese Überzeugung: Alle Wahrheit, die wir finden können, ist Wahrheit von Gott. Auch wenn er dann irgendwie doch kritisch gegenüber weltlichem Lernen ist, verwendet er wie andere Kirchenväter den Vergleich, dass beim Exodus die Israeliten die Ägypter ausplünderten (2. Mose 12): Christen sollten nicht-christliches Lernen und Wissen für sich verwenden.

    Und zwar, um ihre Leben und Glauben zu vertiefen und verbessern. Für Augustinus kommt ‚Heiligkeit‘ übrigens zuerst, also richtig zu leben.

    Für Augustinus ist übrigens auch die kirchliche Tradition wichtig, die uns anleitet. Und auch bei der Auslegung der Schriften anleitet. Weil man sonst bei Mehrdeutigkeiten Texte falsch auslegen würde, wie die Herätiker. Aber auch der Kontext der Texte muss betrachtet werden. Interessant, dass das schon damals klar war, und dann immer wieder ignoriert wurde.

    Woher wissen wir, ob das, was wir lesen, wörtlich oder spirituell oder symbolisch zu verstehen ist? Für Origenes hatte alles eine spirituelle Bedeutung, und manches auch eine wörtliche. Für Augustinus ist es genau umgekehrt: Alles hat eine wörtliche Bedeutung, und manches eine spirituelle. Brian fasst das so zusammen: „Texte, die einfach nur gute Moral oder wahren Glauben lehren, kann man einfach wörtlich lesen, das ist überhaupt kein Problem. Wenn die Botschaft klar ist, mit anderen Worten, wenn sie nicht bildlich ist. Bei einem bildlichen Text jedoch, etwas Schwierigem, etwas Nicht-Offensichtlichem, ermutigt er uns, ihn so lange zu studieren, bis er mit dem Bereich der Liebe in Verbindung gebracht werden kann. Mit anderen Worten: Studiere ihn so lange, bis du zur doppelten Liebe gelangst, zur Liebe zu Gott und zur Liebe zum Nächsten. Wenn ein Text präskriptiv ist, wenn er etwas verbietet oder vorschreibt, ist er wörtlich zu nehmen. Okay. Er sagt, dass fast alles im Alten Testament wörtlich und bildlich zu nehmen ist, aber dass wir nach dem Neuen Testament urteilen sollten. Diese christozentrische oder neutestamentliche Auslegung ist natürlich unter christlichen Auslegern sehr verbreitet.“

    Für Augustinus ist auch klar, dass man sich des historischen und kulturellen Kontextes bewusst sein muss, insbesondere beim Lesen im Alten Testament.

    Er unterscheidet Lehrer von Predigern. Das entspricht in etwa Gelehrten, die Wissen erarbeiten, und anderen, die das dann vermitteln.

    Wenn du nun den Eindruck gewonnen hast, dass dies doch auch ein ziemlich akademisches Werk ist, dann hast du nicht Unrecht. Allerdings schließt Augustinus dann mit einer Art Beispiel-Predigt ab, um diesen Gedanken mit Lehrern und Predigern zu erklären. Was er da schreibt, würden wir aber vielleicht eher als Polemik beschreiben, bei der es darum geht, ob Frauen kosmetisches Makeup tragen dürfen. Nun ja, das hilft uns auch, einen Autor wie Augustinus und seine Werke besser einzuschätzen.

    Zumindest möchte er klar machen, dass die Schönheit und der Stil der Schriften sich auch in den Predigen widerspiegeln sollte. Wie recht er doch schon vor 1500 Jahren hatte … (ausgenommen sind natürlich meine Texte 😂).

  • Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Bibel lesen und interpretieren: Das früheste christliche Handbuch, wie man die Bibel lesen sollte

    Von Christian / Brian Doak / Origenes


    Wenn du jetzt aufgrund des Titels erwartest, dass ich hier über eine sensationelle neue Entdeckung einer antiken christlichen Schrift spreche, dann stimmt das nur teilweise: Für dich kann es eine neue Entdeckung sein. Aber auch wenn du von der Existenz dieses fast 2000 Jahre alten Text schon wusstest, wird es interessant sein zu sehen, dass sich im 3. Jahrhundert Christen schon die selben Fragen wie wir gestellt haben. Und dann deren Antworten zu hören.

    Es geht um das Werk De principiis von Origenes von Alexandria, dass er im Jahr 231 in Alexandria geschrieben hat. Der Originaltitel ist: Περὶ ἀρχῶν Perì archōn „Über die Grundlagen“).

    Der Anfang von Origenes’ De principiis in einem karolingischen Manuskript des 10. Jahrhunderts: Liber primus Periarcon Origenis emendatum(Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 3 r)

    Wenn du jetzt denkst, dass das einer der sogenannten Kirchenväter ist – und mit Kirche willst du doch nichts zu tun haben – dann liegst du nicht ganz richtig. In der römisch-katholischen Patristik wird er nur als Kirchenschriftsteller anerkannt! Wenn du einen Hintergrund als Zeuge Jehovas hast, dann hast du vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, dass nach der Offenbarung des Johannes und dem Jahr 100 eh alles zum vorhergesagten Abfall vom Glauben und der ‚falschen Religion‘ gehört und zu ignorieren ist. So einfach ist es allerdings nicht …

    Origines war ein außergewöhnlich intelligenter Zeitgenosse, der schon Lehraufgaben und eine eigene Schule hatte als er um die 18 Jahre als war. In seinen 20ern war er schon als außergewöhnlicher Lehrer bekannt. Origenes wurde wegen Verweigerung des Opfers für den Kaiser unter Decius gefoltert und starb 69-jährig an den Folgen. Auf dem zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde er dann wegen anderer Lehren, die aus seinen weiterentwickelt worden waren, gleich mit als Herätiker gebrandmarkt und die kaiserliche Polizei zog seine Schriften ein und vernichtete sie.

    Natürlich hat Origenes auch einige ‚wilde‘ spekulative Ideen vertreten. Zum Beispiel eine Vorstellung der Emanation: Alles kommt aus Gott und kehrt zu Gott wieder zurück. Und dass alle erlöst werden, inklusive den Dämonen und Satan. Aber wenn wir bedenken, wie nahe er noch zu der Zeit Jesu und der Apostel war und was in dieser Zeit alles überlegt und diskutiert wurde, sind wir in unserem Urteil über ihn vielleicht etwas gnädiger.

    Warum befassen wir uns mit seinem Buch? Nicht weil dessen Aussagen und Lehren verbindlich für uns sind. Wir sollten es eher als Teil einer Serie sehen, die heißen könnte: Antworten schlauer Christen auf Fragen, die wir heute noch haben.

    Dann schauen wir uns doch mal drei Lektionen zum Thema Wie sollte man die Bibel lesen an, denn es ist das oder eines der ältesten christlichen Handbücher zu diesem Thema. Diese Punkte hat Professor Brian Doak in einem seiner vor kurzem veröffentlichten Videos erwähnt. Wer Englisch versteht, kann sich gerne mal das Video anhören. Ich finde seine Begeisterung für ein Thema immer wieder ansteckend 😀:

    Gut, was sagt Origenes in seinem Buch Über die Grundlagen denn zum Thema, wie man die Bibel lesen sollte? Das findet man in Buch 4, Kapitel 1 bis 3. Und dieses kohärente Handbuch zur Interpretation ist etwa einhundert Jahre älter als die Schriften des Augustinus, die sonst üblicherweise angeführt werden. Nun also zu den Punkten, die auch für uns heute noch nützlich sind.

    Warum sollten wir überhaupt sagen, dass die Bibel göttlich ist?

    Im Prinzip sagt Origenes: Wir wissen, dass die Bibel göttlich ist, weil so viele Menschen an sie glauben. Und weil sie sich so schnell sogar unter ganz anderen Kulturen verbreitet hat. Und so viele Prophezeiungen haben sich erfüllt. Daher muss dieses Buch göttlichen Ursprungs sein.

    Damit möchte er eine Grundlage legen, warum man die Bibel überhaupt lesen sollte. Interessant ist für uns, dass diese Argumente gar nicht neu sind, sondern quasi so alt wie das Christentum. Und doch sind diese Argumente im Kontext des 3. Jahrhunderts zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel das Argument, die Bibel ist göttlich, weil sie sich so schnell auch unteren Kulturen verbreitet hat. Diese Argument wird Jahrhunderte später auch in Bezug auf den Koran gebraucht. Und man könnte es auch auf Das Kapital von Karl Marx anwenden, obwohl hier wohl nur wenige von göttlicher Inspiration ausgehen werden.

    Damit kommt Origenes aber zu einer interessanten Aussage über die Bibel.

    Was machen wir, wenn der Text der Bibel unlogisch, schockierend oder falsch ist?

    Manche würden schon das bestreiten. Aber es gibt bestimmt genügend Stellen, welche dir beim Lesen als unlogisch, widersprüchlich, schockierend oder falsch erschienen sind. Und damit ist es dann egal, wie andere damit umgehen. Du musst das für dich klären.

    Origenes sagt weiter, dass der größte Fehler, den man als Leser und Ausleger der Bibel machen kann, ist, sie nur wörtlich zu lesen. Jeder Teil der Bibel hat eine spirituelle Interpretation, etwas tiefer Liegendes! In Buch 4, Kapitel 2, Teil 9 sagt er:

    Aber wenn die Nützlichkeit des Gesetzes und die Abfolge und der Fall der Erzählung auf den ersten Blick durchgehend klar erkennbar wären [wenn wir sie nur leicht verstehen könnten], wären wir uns nicht bewusst, dass es in den Schriften etwas gibt, das über die offensichtliche Bedeutung hinausgeht, die wir verstehen müssen.

    Folglich hat das Wort Gottes sozusagen gewisse Stolpersteine, Hindernisse und Unmöglichkeiten in das Gesetz und die Geschichte eingefügt, damit wir nicht vollständig von der bloßen Attraktivität der Sprache mitgerissen werden.

    Und so lehnen wir entweder die wahren Lehren gänzlich ab, weil wir aus den Schriften nichts lernen, was Gottes würdig wäre, oder wir entfernen uns nie vom Buchstaben und lernen so nichts über das göttlichere Element.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Brian Doak sagt dazu: „Ich meine, stell dir mal vor, wie seltsam die Vorstellung ist, dass der Heilige Geist, dass Gott absichtlich Stolpersteine in den Text eingebaut hat, die dich ins Straucheln bringen, die dich innehalten lassen, die dich zum Stehenbleiben bringen. Ich finde, das hat eigentlich etwas wirklich Wunderbares an sich.“

    Bei Origenes steht weiter:

    Die Bibel hat in die Geschichte etwas eingebaut, das nicht oft passiert ist, etwas, das eigentlich nicht passieren konnte, Unmögliches und manchmal etwas, das vielleicht passiert sein könnte, aber in Wirklichkeit nicht passiert ist. Manchmal werden ein paar Worte eingefügt, die im physischen Sinne nicht stimmen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 2, Teil 9

    Und dazu sagt Brian Doak dann: „Er meint also: Wenn man die Bibel so liest, gibt’s da echt Sachen, die nicht stimmen. Diese Sachen sollen dich aufhalten. Sie sind wie Stolpersteine für dich als Leser. Und ich liebe diese Idee, dass es so eine Art Theologie des Mysteriums gibt, eine Theologie des Stolperns, eine Theologie des Anhaltens, eine Theologie der unwahren Dinge, mit denen man sich vielleicht auseinandersetzen muss, um wirklich zu verstehen, was die Bibel sagt. Ich finde das wirklich erstaunlich. Eine Art Theologie der Verschleierung, könnte man sogar sagen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.“

    Nun zum nächsten Punkt.

    Das Problem beginnt schon gleich am Anfang …

    Welcher kluge Mensch glaubt denn, dass es den ersten, zweiten und dritten Tag sowie den Abend und den Morgen gab? [Er redet über die Schöpfungsgeschichte.] Wer würde glauben, dass es Abend und Morgen gab, ohne dass es Sonne, Mond und Sterne gab? Und dass es am ersten Tag, wenn man ihn so nennen kann, noch nicht mal einen Himmel gab. Und wer ist so naiv zu glauben, dass Gott wie ein Bauer ein Paradies im Osten in Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hat, von dem jeder, der mit seinen körperlichen Zähnen von dessen Früchten kostete, das Leben erlangte?

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3

    Im Prinzip sagt Origenes: Wenn du an eine wörtliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte glaubst, bist du dumm. Das sagt er jetzt nicht, weil er die Bibel oder andere verächtlich machen will. Ganz im Gegenteil. Origenes glaubt zutiefst an die Bibel und dass es der vollständige Vorrat göttlicher Gedanken ist. Und er war bereit, dafür zu sterben. Es geht ihm darum, dass die Bibel in einer gewissen Weise gelesen werden muss.

    Origenes sagt ganz klar, dass es Stellen gibt, die wörtlich zu lesen sind. Aber wenn das nicht funktioniert, dann lies sie nicht auf diese Weise! Alles hat auch eine symbolische Bedeutung.

    Es ist also erstaunlich, dass schon unter den frühen Kirchenvätern nicht alle an eine buchstäbliche Schöpfungsgeschichte glaubten. Aus guten Gründen. Und dass man dann diesen Text nicht einfach abtuen sollte, sondern die symbolische Bedeutung suchen sollte.

    Und nun zum dritten Punkt.

    Wir können alles in der Bibel verstehen…

    Dazu hat Origenes Folgendes zu sagen:

    Aber bei all dem sollten wir uns einfach daran halten, was die Frömmigkeit sagt, und die Worte des Heiligen Geistes nicht als etwas sehen, das von schwacher menschlicher Redekunst abhängt, sondern als etwas, das mit den Aussagen der Heiligen Schrift übereinstimmt. Die ganze Herrlichkeit des Königs ist in ihm. [Er zitiert Psalm 45.] Und ein Schatz göttlicher Bedeutungen liegt in den schwachen Gefäßen der armseligen Buchstaben verborgen. [Er zitiert 2 Korinther 4.] Wenn ein Leser aber neugieriger ist und darauf besteht, eine Erklärung für jedes Detail zu bekommen, soll er kommen und mit uns hören, wie der Apostel Paulus mit Hilfe des Heiligen Geistes, der sogar die Tiefen Gottes erforscht, sucht und doch nicht in der Lage ist, das Ende zu erreichen und, wenn ich so sagen darf, eine innerste Erkenntnis zu erlangen, und in seiner Verzweiflung und seinem Staunen über diese Aufgabe ausruft und sagt [in Römer 11]: „O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Und in welcher Verzweiflung, ein vollkommenes Verständnis zu erlangen, stieß er diesen Schrei aus. Hört, wie er es uns selbst sagt. Wie unergründlich sind seine Urteile und seine Wege, die sich nicht erforschen lassen.

    Origenes, Über die Grundlagen, Buch 4, Kapitel 3, Teil 14

    Für Origenes können wir nicht alles über Gott verstehen, und damit bleiben auch Lücken in dem, was wir in der Bibel lesen. Wenn selbst einem Paulus dies trotz aller Anstrengungen verwehrt bliebe.

    Und für Origenes hört dieses Lernen auch nie auf, selbst wenn wir wieder ‚bei Gott‘ sein werden.

    Und das ist doch eine sehr demütige Einstellung, um biblische Studien anzustellen. Der Gedanke, dass es da immer noch mehr gibt.

  • Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Bibel lesen und interpretieren: Worum es geht

    Von Christian


    Ich bin mir sicher, dass einige bei diesem Titel gedacht haben: „Ich interpretiere die Bibel nicht! Ich bete um den Heiligen Geist und lese dann. Das ist alles, was ich brauche, um die Bibel zu verstehen.“ Nun gut. Gib mir noch ein paar Sekunden, um zu zeigen warum diese Serie trotzdem für dich wichtig ist. Oder vielleicht gerade für dich. Und für jeden, der die Bibel liest.

    Für diejenigen, die „nur mit Heiligem Geist lesen“: Es geht um das, was du beim Lesen und Verstehen der Bibel tust, ohne dir dessen überhaupt bewusst zu sein. Oder was vielleicht notwendig wäre, damit der Heilige Geist etwas bewirken und keine Wunder vollbringen muss.

    Und wer sich dessen schon etwas mehr bewusst ist: Was haben die ersten Christen und andere in den vergangenen zweitausend Jahren dazu zu sagen? Vielleicht haben sie ja Dinge beobachtet, verstanden oder hatten einfach nur Vorstellungen, die uns nie in den Sinn gekommen wären. Schauen wir sozusagen einmal über den Tellerrand. Das hilft, besser zu verstehen, wo man selbst steht. Und ob man daran vielleicht etwas ändern möchte.

    Wenn du in der Bibel liest …

    Zuerst einmal möchte ich kurz auf ein Diagramm hinweisen, das ich in der Reihe über den Kanon des Neuen Testaments gleich anfangs verwendet habe:

    Schon in jener Serie ging es mir darum, uns bewusst zu machen, was alles zwischen dem Schreiben des Neuen Testaments und uns als Lesern passiert. Aber es kommt noch mehr dazu.

    Wenn du in der Bibel liest, hat dir jemand das Lesen beigebracht. In der Regel ist das nicht der heilige Geist gewesen.

    Ich persönlich kenne niemanden, der durch eine Wundergabe des Heiligen Geistes lesen kann. Oder vielleicht in einer anderen Sprache lesen kann. Das wäre natürlich toll, wenn man so das Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder Latein der Antike lesen könnte. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

    Wenn du in der Bibel liest, liest du höchstwahrscheinlich eine Übersetzung. Der Heilige Geist muss also nicht nur dir helfen, sondern auch den Übersetzern.

    Die Herausforderung der Überlieferung der Texte brauche ich hier nicht nochmals zu beschreiben, sondern möchte auf die Serie Der Kanon des Neuen Testaments verweisen. Aber ein Aspekt ist ziemlich wichtig:

    Wenn du in der Bibel liest, liest du mit deinem kulturellen Kontext eine Schrift, die in einem völlig anderen kulturellen Kontext verfasst wurde.

    Und der Text wurde nicht an dich geschrieben.

    Beim Schreiben wurden Konzepte und Vorstellungen der damaligen Zeit verwendet, die uns nicht bekannt oder sogar verloren gegangen sind. Das ist einer der Gründe, warum manche Passagen der Bibel für uns schwer zu verstehen oder unverständlich sind.

    Wer schon einmal Texte übersetzt hat, wird spätestens bei Redewendungen und Vergleichen merken, dass eine wörtliche Übersetzung nicht immer funktioniert. Vermutlich kennst du das aus dem Englischen: „Gestern regnete es Katzen und Hunde.“ Auf Deutsch könnte die Reaktion sein: „Das ist doch Unsinn, völliger Quark.“

    Wenn du in der Bibel liest, kannst du die Worte und Sätze zwar immer wörtlich nehmen, aber es könnte sich auch um eine Redewendung oder eine symbolische Darstellung handeln.

    Oder könnte es auch beides zugleich sein? Zu verschiedenen Zeiten? … Damit werden wir uns noch beschäftigen.

    Auf die Sache mit dem Heiligen Geist muss ich aber zumindest kurz eingehen.

    Die Rolle des Heiligen Geistes …

    Auch wenn es in dieser Serie nicht primär um die Rolle des Heiligen Geistes beim Lesen der Bibel geht, stellen sich in diesem Kontext einige Fragen: Hilft der Heilige Geist jedem beim Lesen der Bibel? Inwieweit? Beim Lesen, Lesen antiker Sprachen, dem Verstehen des anderen kulturellen Kontextes? Oder nur beim Verstehen des ‚Inhalts‘? Woher können wir das wissen?

    Wenn du nun denkst: „Das steht doch in der Bibel!“ Dann hat das etwas von einem Zirkelschluss. Das Argument ist doch, dass die Bibel selbst aussagt, dass der Heilige Geist zum Lesen und Verstehen der Bibel ausreicht. Aber um das zu wissen, musst du doch zuerst … die Bibel lesen und verstehen, nicht wahr? Und dazu bräuchtest du … den Heiligen Geist, oder nicht?

    Ich könnte das Argument auch etwas raffinierter (und komplizierter) machen: Es gibt Teile der Bibel, die sagen, dass man zum Verstehen der Bibel nur den Heiligen Geist braucht. Und diese Teile kann jeder auch ohne Heiligen Geist verstehen. Der hilft dann bei den restlichen Teilen der Bibel. Klingt dann vielleicht doch etwas konstruiert.

    Aber ohne so eine Konstruktion landen wir schnell bei einem anderen Problem. Besonders, wenn jemand sein Leben lang die Interpretation der geistlichen Führung einer Konfession übernommen hat, nur um festzustellen, dass er betrogen wurde. Dann möchte man nie wieder sich so von der Interpretation anderer beeinflussen oder gar indoktrinieren lassen. Und dann bleibt einem doch nur, für sich selbst die Bibel ohne die Meinung anderer mit Hilfe des Heiligen Geistes zu lesen, oder?

    Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: „Nur wer den Heiligen Geist hat, kann die Bibel richtig lesen und verstehen und dann auch darin die Zusage erkennen, dass der Heilige Geist ausreicht, um die Bibel richtig zu lesen und zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Für alle, die dazugehören, ist es klar, und alle anderen können es nicht verstehen.

    Jetzt sollten bei dir die Alarmglocken angehen. Diese Argumentation wird gerne von Gruppen verwendet, um gewisse Privilegien nur für sich zu beanspruchen. Bei den Zeugen Jehovas gab und gibt es die privilegierte Klasse der sogenannten ‚Gesalbten‘. Woran erkennt man diese? Seit fast einhundert Jahren ist die Erklärung, dass Gott ihnen diese Überzeugung gibt, sie es aber anderen nicht einmal erklären können, weil diese es gar nicht verstehen können. Und weil das mit der immer kleiner werdenden Zahl dieses ‚Überrests‘ nicht mehr klappt, und sich wieder mehr zu dieser Gruppe rechnen, hat sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die das Privileg der Deutungshoheit des Verständnisses der Bibel nicht teilen möchte, sich etwas einfallen lassen und veröffentlicht: Eigentlich kann man diese Personen auch nicht an mehr Bibelwissen, mehr Verständnis, mehr Ausharren, mehr Erfolg im Predigtdienst usw. erkennen. Sie unterscheiden sich in all diesen Dingen überhaupt nicht von anderen. Indirekt wird gesagt: Nur bei uns, der Leitenden Körperschaft, könnt ihr euch sicher sein und dass müsst ihr so akzeptieren.

    Warum habe ich das ausgeführt? Weil man in Bezug auf das Lesen und Verstehen der Bibel leicht genauso denken könnte: Wir haben den Heiligen Geist. Andere vertreten ‚falsche Lehren‘ und können daher den Heiligen Geist nicht haben. Doch was sind denn falsche Lehren? Nun, dass erkennen wir, weil wir die Bibel mit Heiligem Geist lesen. Die anderen können das nicht erkennen, weil sie nicht den Heilgen Geist haben … Erkennst du den Zirkelschluss?

    Woher kommt denn die Idee, dass nur eine bestimmte Gruppe oder Menschen den Heiligen Geist haben und deswegen nur sie die Bibel richtige verstehen können, und die anderen nicht? Also Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts? Könnte es nicht ganz anders sein? Dass Gott und Jesus vielen Menschen durch den Heiligen Geist hilft, jeweils einen Teil zu verstehen? Und bei manchen, auch zentralen Themen, können sie trotzdem zu verschiedenen Interpretationen kommen? Und bisher haben wir noch gar nicht den so wichtigen Aspekt berücksichtigt, wie sicher oder gut belegt eine Interpretation ist. Denn bei unsicherer Quellenlage oder sehr wenigen Texten zum Thema kann es doch verschiedene Interpretation geben. Hilft dann der Heilige Geist gewissen Menschen, die ‚richtige‘ Interpretation zu finden? Die Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments zeigen, dass dies schon im ersten Jahrhundert in der Regel nicht so war. Und was wir heute erwarten dürfen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Man setzt ja so schnell voraus, dass für uns das selbe gilt, wie für die ersten Nachfolger Jesu.

    Ich behaupte jetzt einmal:

    Beim Lesen der Bibel sollten wir alles lesen – und nicht Teile ignorieren, die unverständlich, widersprüchlich, fremd oder schockierend (für uns) sind.

    Vor dem Verstehen müssen wir das Gelesene interpretieren. Nur manche Teile sind direkt zu verstehen. Bei anderen ist viel Arbeit erforderlich. Und das können andere Menschen für uns schon getan haben oder tun. Und der Heilige Geist kann auch ihnen helfen. Nirgends wird uns zugesichert, dass jeder alles selbst durch Heiligen Geist verstehen kann. Auch nicht als Gruppe, Bewegung oder Konfession.

    Wieso kann ich das behaupten? Weil ich den Heiligen Geist habe. Und wenn du das nicht so siehst, hast du den Heiligen Geist vermutlich nicht … 😉

    Ich denke, ich habe diesen Punkt jetzt klar genug gemacht …

    Muss das alles so kompliziert sein?

    Und wie so oft frage ich mich am Ende: Christian, machst du es dir nicht wieder viel zu kompliziert? Mittlerweile würde ich sagen: Ein gottgefälliges Leben zu führen, so gut man es kann, ist nicht kompliziert – wenn auch nicht leicht und mühelos. Aber hier geht es um ein anderes Thema: Das Lesen und Verstehen der Bibel. Und das ist kompliziert. Außer du wendest dieses Motto von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf das Lesen der Bibel an:

    Diesen Spruch darf Gott für sich beanspruchen: „Ich mach die Welt, wie sie mir gefällt“. Und das Ergebnis war gut. Und was Astrid Lindgren damit meinte, ist eine Sache für sich. Aber sich von der Welt oder auch nur dem Lesen der Bibel eine Vorstellung zu machen, die nur dann etwas mit der Realität zu tun hat, wenn uns das gefällt, ist keine so gute Idee.

    Doch nun genug der Vorrede. Nächstes mal geht es damit los, was frühe Christen zum Lesen und Interpretieren der Bibel zu sagen hatten.

  • Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

    Von Christian


    Wie kann es sein, dass man „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“, wie ein Sprichwort sagt?

    Zum Beispiel wenn man über zu vielen Einzelheiten das größere Ganze nicht oder nicht mehr erfasst. Das kann einem sogar im aufrichtigsten Bemühen passieren, wenn man sich über Generationen hinweg immer mehr in eine Sache verrennt:

    Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue! Das eine hättet ihr tun und das andere nicht lassen sollen! Ihr verblendeten Führer! Die Mücke siebt ihr aus, aber das Kamel verschluckt ihr.

    Matthäus 23:23,24 NEÜ

    Zumindest einem Teil dieser religiösen Menschen kann man zugute halten, dass sie sich aufrichtig darum bemühten, es ganz genau zu wissen und alles richtig zu machen, so ‚wie es im Gesetz steht‘. Und das aus gutem Grund: Das Exil war noch nicht wirklich vorüber. Das Land war nicht von fremder Herrschaft befreit. Die ‚offensichtliche‘ Erklärung war für sie: Das kann nur daran liegen, dass wir Gottes Willen immer noch nicht genau genug tun! Wir müssen also verstehen was wir noch besser, genauer und mehr machen müssen!

    Dieses Verhalten kennt man auch aus der Psychologie, was das menschliche Verhalten betrifft: „Mehr vom Gleichen“. Wenn wir etwas erreichen oder ein Problem lösen wollen, wenden wir eine gewisse Methode an. Klappt das nicht auf Anhieb, dann … macht man was? Oft ist es das Selbe, nur stärker, länger oder mehr davon. Manchmal funktioniert das auch. Oft aber auch nicht. Dann wäre es schlau, etwas anderes zu versuchen. Aber wenn wir so richtig involviert sind mit unserem ganzen Denken und Wesen, dann schalten wir oft nicht um. Und das erst recht nicht, wenn wir die gewählte Methode für die einzig richtige halten! Oder nur diese gelernt haben. Wenn du darüber nachdenkst, fallen dir bestimmt Situationen ein, in denen es dir so ergangen ist.

    Mir ist in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass ich – wie auch so manch anderer – in Bezug auf meinen Glauben genau so gehandelt habe. Es ist nun fünf Jahre her, dass ich aus der Kirche der Zeugen Jehovas ausgetreten bin. Wer das selbst erlebt hat oder sich damit beschäftigt hat, weiß, dass mit diesem Moment alle ‚Glaubensbrüder’, Freunde und Familie einen meiden und man alleine da steht. Mittlerweile ist mir klar, dass das Menschen auch in anderen Religionen so ergeht.

    Und ich hatte bei immer mehr Glaubenslehren festgestellt, dass sie nicht biblisch, falsch oder schlicht und einfach erfunden und erlogen waren. Aber was sind denn dann die ‚richtigen‘ Lehren der Bibel? Wie finde ich das heraus? Na indem ich die Bibel lese! Und zwar noch mehr als zuvor. Mit verschiedenen Übersetzungen, Erläuterungen, Fußnoten. Mit anderen Worten: „Mehr vom Gleichen“. Ich habe im Prinzip dieselbe Methode weiter verwendet, nur intensiver.

    Das hat auch geholfen, um über die kognitive Dissonanz hinwegzukommen, die im Laufe der letzten Zeit bei den Zeugen Jehovas immer schlimmer geworden war. Zum Beispiel deswegen, weil ich mich als Leiter des Wachtturm-Studiums gut vorbereitet und die Schriftstellen alle nachgelesen habe. Dann auch mit Kontext – und der sagte oft etwas ganz anderes aus als der Text dazu im Wachtturm. Kognitive Dissonanz wird wie folgt beschrieben:

    Kognitive Dissonanz ist das psychologische Gefühl des Unbehagens, das entsteht, wenn eine Person zwei oder mehr widersprüchliche Gedanken, Überzeugungen, Einstellungen oder Verhaltensweisen hat.

    Und das wurde durch einiges bewirkt: Im Wachtturm oder von der Bühne kamen widersprüchliche Aussagen. Oder diese passten nicht zu dem, was im geheimen Ältesten-Buch (Hütet die Herde Gottes) steht. Oder was von einem in Wirklichkeit erwartet wird. Oder in Publikationen für die Öffentlichkeit steht etwas anders als in den internen. Oder es stimmt nicht mit dem Kontext des Bibelverses überein. Oder anderen Passagen der Bibel, die nicht erwähnt oder ‚wegdiskutiert’ werden. Oder ‚lebenswichtige‘ Lehren werden von heute auf morgen ohne echte Begründung geändert – schlimmer noch, manchmal mit den selben Bibelversen als Begründung. Irgendwann entdeckt man, dass hinter Veränderungen der Lehre – ‚neues Licht‘ genannt – nicht Gott und der heilige Geist hinter der ‚Leitenden Körperschaft‘ der Zeugen Jehovas steht, sondern ganz schnöde ein Gerichtsverfahren in irgendeinem Land, dass die Organisation finanziell oder sonst wie negativ beeinflussen könnte. Du könntest sicher noch weitere Punkte hinzufügen.

    Sich mehr mit der Bibel – und zwar nur der Bibel – auseinander zu setzen, schien das richtige Mittel zu sein, um diese kognitive Dissonanz aufzulösen. Zumal wenn man es zum ersten mal ‚richtig‘ ohne den Wachtturm daneben macht.

    Aber nach ein paar Jahren schien sich die kognitive Dissonanz eher wieder zu verstärken: Obwohl ich mehr und mehr über die Bibel erfuhr, hatte ich mehr grundlegende Fragen. Und mein Glaube fühlte sich zeitweise irgendwie schwächer an.

    Warum schreibe ich darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so ergeht. Auch in anderen christlichen Religionen. Also auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Zeugen Jehovas …

    Ich hatte also mehr tiefgründige Fragen als zuvor. Sogar Zweifel! Ich bin mir sicher, dass dieses Wort ‚Zweifel‘ bei vielen etwas ausgelöst hat. Diese Wort ist für viele Gläubige aufgrund verschiedenster Umstände ein Trigger: Er löst eine spontane Reaktion aus: Du musst mehr beten, du hast das Falsche gelesen, hast du dich etwa mit Abtrünnigen oder Atheisten beschäftigt, du bist weltlich und selbstsüchtig geworden, du musst mehr und regelmäßig mit anderen Mitgläubigen zusammenkommen, denn ‚wer sich absondert …‘

    Ok. Über diesen letzten Punkt habe ich ein eigenes Video veröffentlicht: „Versäume keine Zusammenkunft!“. Dieser Bibeltext wurde so oft von Zeugen Jehovas verdreht, dass er ziemlich zur kognitiven Dissonanz beigetragen hat.

    Es konnte also nicht mehr schlimmer kommen, aber es kam so. Genau dieselbe Argumentation kam in dem Video Join Us on Zoom to Study the Bible, Beroean Style von Eric Wilson. Die Übersetzung ins Deutsche habe ich damals noch gemacht: Triff uns auf Zoom zum Bibelstudium, auf die Beröer Art Exakt dieselben Argumente, wie aus dem Wachtturm kopiert. Und ich hatte – wie manche wissen – lange Zeit Eric Wilsons Videos auf Deutsch synchronisiert. Und nun benutzte er dieselbe Methodik in einem Video, um zu ‚beweisen‘, dass die Zoom Meetings seiner Beroean Pickets für jeden quasi ein Muss sind. Was weder er noch ich veröffentlicht haben, ist unsere E-Mail Korrespondenz dazu und zu seinem Video, dass nur diese Gruppe – und nicht die anderen Gruppen der Christenheit – mit Gottes Geist die Bibel lesen und daher die Wahrheit erkennen: Do I have God’s Holy Spirit Guiding Me, or Am I Just Fooling Myself? How Can I Be Sure? (Video: Lasse ich mich vom hl. Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?, deutsche Übersetzung Lasse ich mich von Gottes Heiligem Geist leiten, oder mache ich mir nur etwas vor? Wie kann ich mir sicher sein?) Diese und andere Argumente und die Verwendung von Bibelzitaten kam mir gleich so bekannt vor, aber es fühlte sich falsch an (kognitive Dissonanz), obwohl ich es nicht sofort biblisch begründen konnte.

    Nun ja, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass diese Videos Bibeltexte nicht gemäß dem Kontext verwenden und die Argumentation fehlerhaft ist, hat er mich daraufhin noch am selben Tag aus dem deutschsprachigen Youtube Kanal Beröer Bibelstudien, den ich aufgebaut hatte, ausgeschlossen, weil er Angst hatte, ich würde es mit ihm so tun. Kurz darauf hat er alle meine Videos aus dem YouTube Kanal Beröer Bibelstudien gelöscht und das war’s dann von seiner Seite aus.

    Irgendwie fühlte ich mich zum zweiten mal aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Obwohl, bei den Zeugen Jehovas sind wir ja aktiv ausgetreten (amtlich sogar, weil in Deutschland die Zeugen Jehovas eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sein wollten, wie die katholische Kirche und andere). Und die Richtung, in der sich Eric und seine Bewegung entwickelt hatten, war uns schon länger nicht mehr ganz geheuer, auch wenn uns seine frühen Videos geholfen haben.

    Wieder kognitive Dissonanz.

    Warum schreibe ich darüber? Nicht weil ich darüber öffentlich jammern will. Sondern weil es anderen schlimmer ergangen ist. Und weil ich festgestellt habe, dass es auch in anderen Religionen und Gruppen Menschen so und schlimmer ergangen ist.

    Damit hatte ich noch mehr Fragen, welche die Bibel mir nicht so recht zu beantworten schien: Gibt es heute noch so etwas wie ‚die Gemeinde von Christen‘? Wirkt der heilige Geist heute? Wenn ja, wie? Macht dieser ganze Glaube überhaupt Sinn, wenn sich keiner daran hält, sondern darüber spricht? Macht es überhaupt noch Sinn, die Bibel noch detaillierter zu analysieren?

    Warum nochmal spreche ich jetzt darüber? Weil ich festgestellt habe, dass es auch anderen so geht. Also ist das vielleicht ein wichtigeres Thema, zu dem es Bücher gibt, die für uns hilfreich sind. Und wenn es die nur in englischer Sprache gibt, könnte ich ja über diese schreiben … Und das habe ich vor. Wenn ich Zeit und Kraft dazu habe.

    Denn man könnte sagen, dass bei mir ‚die Luft raus war‘. Daher habe ich im Dezember 2024 noch Videos aufgenommen und diese nacheinander veröffentlicht, aber das war es auch. Es gab das eine oder andere interessante Thema, aber wozu das Ganze? Was gab es noch für mich zum Nutzen anderer zu sagen?

    Wohin ich auch schaute, es wurde über Details diskutiert, über gewisse Glaubenslehren, aber es endete allermeistens damit, dass die Bibel keine klare, eindeutige, einfache Antwort dazu gibt. Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass Leute und Religionen keine einfachen Antworten haben. Nur die Bibel selbst … macht es einem nicht so leicht. Außer man benutzt sie als Textvorlage und pickt sich Verse heraus und bastelt ein neues Evangelium zusammen.

    Eine ganz zentrale Frage wurde daher:

    Wenn Gott wollte, dass wir etwas genau so verstehen sollen, warum lies er es nicht einfach genau so aufschreiben?

    Als Beispiel nehme ich gleich mal ein Thema mit Sprengkraft: Die Trinität.

    Wie bitte? Das steht doch ganz klar in der Bibel! Nur, dass dies von allen Vertretern der verschiedenen Lehren behauptet wird. Seit 2000 Jahren.

    Aber ich will hier das Für und Wider gar nicht diskutieren – das wäre Vermessen. Es geht mir um Gottes Rolle, wie wir gleich sehen werden.

    Viele Kirchen stellen dieses Dogma als die zentrale Lehre hin. Das kann ja für die Religion so sein. Aber ist es das zentrale Thema, das wir in der Bibel so aufgeschrieben finden? Wenn es oder das Gegenteil so eindeutig in der Bibel steht, warum gab und gibt es so viele Diskussionen und Fragen? Wonach greift denn jemand, der eine Lehre zu diesem Thema erläutert haben will? Zur Bibel, weil es da strukturiert erklärt wird, oder einem Lehrbuch? [Siehe Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)]

    Wenn die Bibel ‚Gottes Wort‘ ist – was auch immer du genau darunter verstehst – dann sollten gläubige Christen doch eine Antwort darin finden, oder nicht? Zeitweise war auch eine schöne, einfache, eindeutige Antwort für alle Christen darin: Das Comma Johanneum. [Video: Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum]. Heute weiß man, dass dies eine Fälschung war. Es ist nicht in den besten Manuskripten enthalten. Und selbst wer behauptet, dass es ursprünglich enthalten aber schon ganz früh entfernt worden ist (was rein hypothetisch ist), dann bleibt trotzdem dieser Fakt:

    Fakt ist, dass eine einfache, präzise Aussage über die Trinität (Comma Johanneum) über Jahrhunderte nicht in Bibelübersetzungen war. Dann Jahrhunderte enthalten war. Und dann wieder nicht.

    Gott hat es offensichtlich, wie die Fakten zeigen, kein bisschen gestört, dass Millionen gläubige Christen über Jahrhunderte bei so einem zentralen Punkt, aufgrund dieses Textes einen ‚richtigen‘ Glauben gut begründet sahen. Oder eben nicht.

    Wie auch immer – Gott hat über Jahrhunderte nichts getan, um das richtig zu stellen. Und es gibt viele andere Stellen in der Bibel, die widersprüchlich sind. Zeigt das, dass die Bibel nichts wert ist, oder gehen wir völlig falsch an die Sache heran?

    Noch etwas: Andere Gruppen, wie Eric Wilsons Beroen Pickets beschreiben sich auf seiner Website vor allem als Gruppe, die nicht trinitarisch ist. Aber ist diese Unterscheidung wirklich wesentlich. Ist es das Thema für Jesus gemäß den Evangelien gewesen? Für die Apostel? Für Paulus? Im Neuen Testament? Im Alten Testament?

    Und wie geht man mit Christen um, die eine andere Auffassung haben? In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden die ‚anderen’ als Herätiker betrachtet. Heute stört das in den Kirchen in Deutschland meist keinen. Wie ich aber mitbekommen habe, haben einige Gruppen der Beroean Pickets angefangen, Jesus mit Gott gleich zu setzen. Die Folge war ein Schisma – man hat sich von diesen Personen getrennt und die Videos mit den Interviews mit ihnen gelöscht.

    Ich habe mich gefragt: Sollte das so sein? Sagte Jesus nicht, dass wir „unsere Feinde lieben sollen“? Und „für die beten, die uns verfolgen“? (Matthäus 5:44). Aber später sagten seine Jünger, man soll mit solchen, die die Lehre des Christus nicht bringen, nicht essen, noch nicht einmal grüßen! (2 Johannes 10,11) Ist das schon wieder ein Widerspruch? Oder hat Jesus nur Juden gemeint? Gelten manche Aussagen nur eine Zeit lang? Oder gibt es eine Abstufung: Gläubige der selben Kirche oder Gruppe, andere Christen, nette Menschen, Menschen, nicht so nette Menschen, Feinde, …, Abtrünnige? Fragen über Fragen.

    Soll ich mich überhaupt noch mit diesem Thema beschäftigen? Was stimmt denn überhaupt noch? Und wenn man solche Zweifel hat, ist das ein Zeichen eines ‚schwachen Glaubens‘?

    Es hat eine Weile (na ja, Monate) gedauert. Ich habe ein paar Bücher gelesen und nachgedacht. Und vielleicht helfen sie dem einen oder anderen, der sich ähnlich fühlt und ähnliches fragt. Zumindest helfen sie einem, das Thema ganz neu zu durchdenken.

    Kommen wir daher nochmal auf Matthäus 23:23 zurück. Wenn du gefragt würdest – also jetzt – was ‚die wichtigeren Forderungen des Gesetzes‘ sind, was hättest du geantwortet? Was fällt dir spontan ein? Die 10 Gebote? Speisevorschriften? Beschneidung? Sabbat?

    Vermutlich nicht das, was Jesus gemäß dem Matthäus Evangelium sagte: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaubenstreue!

    Wo, bitte schön, steht das so in der Thora, im Gesetz? Schon wieder etwas Verwirrendes.

    Im griechischen steht für ‚Glaubenstreue‘ übrigens pistis. Deswegen übersetzen es andere mit Glauben. Das findet man auch in Wörterbüchern zu biblischen Begriffen. Pistis wie auch das entsprechende hebräische Wort werden oft mit Glaube oder (religiöser) Überzeugung übersetzt. Diese Worte verbinden wir heute aber eher mit Religion und deren Glaubenssätzen, auf jeden Fall bringen wir es mit unserem Wissen und Verstand in Verbindung. Unser Glaube, was die richtigen Lehren aus der Bibel über Gott sind.

    Die hebräischen und griechischen Wörter spiegeln aber Glauben in Verbindung mit etwas anderem wieder: Vertrauen. Es ist schon ziemlich aufschlussreich, die Bibeltexte zu lesen, in denen dieses Wort vorkommt, und dabei statt Glaube immer Vertrauen zu verwenden. Erstaunlich, wie sich die Perspektive dann ändert.

    Auf Gott vertrauen. Das ist wichtiger, als zu meinen, oder verbissen zu versuchen, die richtigen Lehren zu kennen.

    Nun gut. Und was hat das mit „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ zu tun? Ich bin nicht der einzige, der gehofft hat, dass Gott uns mit der Bibel eine einfache, klare Anleitung für unser Leben und unseren Glauben hat aufzeichnen lassen:

    Oder so etwas:

    Je mehr ich in der Bibel gelesen und über ihren historischen Kontext, ihre Sprachen usw. gelernt habe, desto komplexer wurde es. Aber immer noch habe ich auf so einen Moment gehofft:

    Ganz viele Bäume, aber irgendwann wird ein Muster deutlich. Ein Muster. Der richtige Glaube.

    Nur. In jedem dieser angesprochenen Punkte ging es darum, was für eine Bibel wir uns wünschen. Was Gott unserer Meinung nach uns gegeben haben sollte.

    Nur. Das hat er nicht. Was wir haben, ist eher das:

    Gott hat viele verschiedene Menschen das aufschreiben lassen, was sie in ihrer Zeit und mit ihrem Kontext ausdrücken konnten. Jede Zeichnung, jede Beschreibung würde andere Aspekte hervorheben. Aber nur mit allen, auch widersprüchlichen Beschreibungen würden wir ein Gesamtbild erhalten.

    Wenn du denkst, dass Gott jedes Wort diktiert hat (eine Möglichkeit, was inspiriert bedeuten könnte), dann bringst du die Bibel und Gott selbst in große Schwierigkeiten. Das zeigt sich schon im Neuen Testament [Video Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration]. Und wie wir sehen werden, auch im Alten Testament. Und es hilft auch uns nicht wirklich, sondern erzeugt belastende Fragen: Warum lässt ein Gott der Liebe erst fast die komplette Menschheit vernichten, und dann alle Kaananiter mitsamt Kindern und Tieren? Oder warum widersprechen sich Anweisungen in der Thora (mosaischen Gesetz)? Wir werden noch weitere Fragen ansprechen. Und warum einfache Antworten darauf oft nicht aus der Bibel kommen, sondern ihr in den Mund gelegt werden.

    Und was ist mit uns los, wenn wir uns von Gott verlassen fühlen? Wir nicht nachvollziehen können, warum ausgerechnet uns Schlimmes widerfährt und es nicht besser wird, wo doch in der Bibel steht, dass er den Gerechten nicht im Stich lässt? Oder wir Archäologie und andere Wissenschaften nicht mit der Bibel in Einklang bekommen?

    Mit anderen Worten: Was ist mit all diesen Gründen, warum Menschen heute die Bibel und den Glauben an Gott hinter sich lassen?

    Dabei müssen wir erkennen, welches Bild wir uns von Gott und der Bibel zurechtgelegt haben. Und dafür offen sein, zu betrachten, welche Bibel uns Gott gegeben hat. Genauer: Wem er sie gegeben hat. Die Teile der Bibel wurden zu ganz unterschiedlichen Zeiten, von ganz unterschiedlichen Menschen, in ganz unterschiedlichen Kontexten, zu ganz unterschiedlichen Zwecken und für ganz unterschiedliche Menschen geschrieben. Nur nicht direkt für uns. Es ist eher so, als ob über Jahrtausende Menschen beauftragt wurden, für andere mit ihren Möglichkeiten etwas Bestimmtes darzustellen:

    Aber die Bilder zeigen doch alle etwas anderes! Die Bilder widersprechen sich in den Details. Was soll ich heute damit anfangen? So ähnlich ist es mit der Bibel.

    Deswegen möchte ich mich in den nächsten Videos mit solchen Fragen beschäftigen und werde dabei auf einige Bücher zurückgreifen:

    • Was wollen uns die Evangelien sagen, wenn fast der komplette Inhalt außer Anfang und Ende in den Glaubensbekenntnissen fehlt?
    • Ist es schlimm, Zweifel zu haben? Oder einen ‚schwachen Glauben‘?
    • Was ist die Bibel, genau genommen?
    • Wen kümmert das?
    • Was mache ich damit?
    • Wie funktioniert dieses antike, fremde und kantige Buch für Leute von heute, die in ihm nach spiritueller Anleitung suchen?