Autor: φιλαλήθης

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  • Sollten wir uns ‚Brüder Christi‘ nennen (lassen)?

    Sollten wir uns ‚Brüder Christi‘ nennen (lassen)?

    Von Christian


    Im Mai 2023 hatte ich einen Artikel und ein Video veröffentlicht mit dem Thema Sollen wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? Darin habe ich anhand der Bibel gezeigt, dass die Jünger Jesu zuerst von anderen als Christen bezeichnet wurden und diese Bezeichnung erst später selbst für sich übernahmen. Wir finden in der Bibel meist andere Bezeichnungen wie der Weg oder die Jünger und vor allem Brüder. Und auch wenn diese den heiligen Geist erhielten, haben sie sich im Neuen Testament niemals selbst als Gesalbte bezeichnet. Wohl aus Respekt vor dem Christus, dem Messias – Dem Gesalbten.

    In einigen Kommantaren hieß es in etwa, dass wenn doch in der Bibel von einer Salbung gesprochen wird, die Personen dann doch eben genau das sind: Gesalbte. Das kann natürlich jeder gemäß seinem Gewissen halten wie er will. Doch diejenigen, welche die Schriften des neuen Testaments geschrieben und später kopiert haben, haben es nicht getan. Zumindest nicht in den uns überkommenen Schriften.

    In diesem Zusammenhang fiel mir auch auf, dass manche ganz selbstverständlich Jesus als ihren Bruder bezeichnen. Aber sollten wir Jesus als unseren Bruder bezeichnen? Und sollten wir uns umgekehrt ‚Brüder Christi‘ nennen und und als solche ansprechen lassen?

    „Also Christian, jetzt halt mal die Luft an! Das steht doch in der Bibel“. Gut, dass du nicht einfach alles so glaubst! Also schauen wir jetzt in der Bibel nach. Denn unsere Einstellung sollte ja nicht auf Gefühlen, einer Tradition, unserer Überlegung oder unserem Wunsch beruhen, sondern auf der Bibel. Zumindest, wenn wir die Bibel als Grundlage unseres Glauben betrachten.

    Gut, dann lesen wir also Matthäus 12:48-50:

    Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

    Matthäus 12:48-50 Elberfelder

    „Also damit ist doch alles klar. Da spricht doch Jesus von seinen geistigen Brüdern.“ Nun, wird da wirklich ausgesagt, dass Jesus unser Bruder ist? Zuerst einmal der Kontext. In Vers 47 steht: „‚Deine Mutter und deine Brüder sind draußen und fragen nach dir.‘, sagte ihm einer.“ In Jesu Aussage bezieht er sich also auf seine leiblichen Verwandten, nämlich Mutter und Brüder und bezieht das dann auf diejenigen, die durch ihr Handeln entsprechend mit ihm geistlich verwandt sind. Doch genau genommen kann man ja nicht behaupten, dass dieser Text zeigt, dass wir Brüder Jesu sind. Denn es werden auch Schwestern genannt. Das ginge ja noch. Doch, sind wir dann auch Jesu Mutter? Wohl kaum. Wer könnte schon von sich behaupten, Jesus geistliche Mutter zu sein. Das funktioniert also nur, wenn man den Text ziemlich wörtlich nimmt, den Vergleich ignoriert und dazu gleich noch einen Teil des Textes mit ignoriert.

    Gut, dann gibt es noch das Gleichnis Jesu über die Schafe und Ziegen:

    Und der König wird ihnen zur Antwort geben: Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

    Matthäus 25:40 Züricher

    Da spricht Jesus im Gleichnis eigentlich von den Brüdern des Königs, welcher nach Vers 31 der ‚Menschensohn‘ ist. Da gäbe es also eine Verbindung, wenn wir das so interpretieren, dass Jesus ‚der Menschensohn‘ sein wird. In Vers 45 werden sie allerdings nur ‚diese Geringsten‘ genannt. Leider wird dieses Gleichnis nicht in den anderen synoptischen Evangelien Lukas und Markus erwähnt. Und das Matthäus Evangelium ist das am schlechtesten überlieferte. Ich weiß, das hört mancher nicht gerne. Ist aber so. Auf jeden Fall finden wir es nur in Matthäus und sonst nicht. Das schwächt dieses Argument schon. Aber merken wir uns diesen Text.

    Doch da gibt es ja noch diesen Text:

    „Fass mich nicht länger an!“, sagte Jesus da zu ihr. „Ich bin noch nicht zum Vater im Himmel zurückgekehrt. Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen von mir: Ich kehre zurück zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“

    Johannes 20:17 Neue Evangelistische Übersetzung

    Ok. Das ist mal ein direkter Bezug. Jetzt bin ich aber mal ganz kritisch und merke an, dass dies erst sehr spät um 100 n. Chr. geschrieben wurde. Und die synoptischen Evanglien davon überhaupt nichts sagen. Aber merken wir uns auch diesen Text. Jetzt haben wir schon immerhin zwei.

    Interessant ist jedoch, was Jesus selbst sagt:

    Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.

    Matthäus 23:8 Elberfelder

    Jesus sagt hier nicht, dass wir alle Brüder sind. Er ist ihr Lehrer. „Ihr alle aber seid Brüder.“

    Haben denn die Apostel ihn nicht als Bruder angesehen und ihn so angesprochen? Wie haben denn die Apostel Jesus angesprochen?

    Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, …

    Matthäus 18:21 Elberfelder

    Hat sich das nach Jesu Auferstehung geändert?

    Da sagte der Jünger, den Jesus besonders lieb hatte, zu Petrus: „Es ist der Herr!“ …

    Johannes 21:7 Neue Evangelistische Übersetzung

    Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?

    Apostelgeschichte 1:6 Elberfelder

    Ich habe einmal nach Versen gesucht, in denen Jesus als Herr angesprochen wird. Alleine in den Evangelien sind es so etwa 50 Verse. Dass er als Bruder angesprochen oder bezeichnet wird, habe ich nicht gefunden.

    Jesu Aussage nach der Fußwaschung fasst es zusammen:

    Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.

    Johannes 13:13 Elberfelder

    Und wie nennt Jesus sein Jünger?

    Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe.

    Johannes 15:15 Elberfelder

    Wäre das nicht die Gelegenheit gewesen, sie seine Brüder zu nennen? Insbesondere, wo Jesus nach seiner Auferstehung gemäß Johannes 20:17 Maria beauftragt, zu ‚seinen Brüdern’ zu gehen. Da könnten allerdings auch seinen leiblichen Brüder gemeint sein. Sind sie wohl aber nicht, denn der nächste Vers, Vers 18, spricht von den Jüngern. Es bleibt aber schon irgendwie merkwürdig, dass diese Bezeichnung in den ersten 19 Kapiteln des Johannes Evangeliums nicht auftaucht, nicht einmal da, wo man es erwarten müsste, und dann nur einmal gegenüber Maria.

    Aber vielleicht ist das ja ein Wendepunkt. Wie sprechen die Jünger später über Jesus?

    Hananias aber ging hin und kam in das Haus; und er legte ihm die Hände auf und sprach: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus – der dir erschienen ist auf dem Weg, den du kamst –, damit du wieder sehend und mit Heiligem Geist erfüllt wirst.

    Apostelgeschichte 9:17 Elberfelder

    Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir zu kämpfen in den Gebeten für mich zu Gott, …

    Römer 15:30 Elberfelder

    Wäre das nicht eine gute Gelegenheit gewesen, zu sagen: Ich ermahne euch aber, Brüder, durch unseren Bruder Jesus Christus … Steht aber nicht so in der Bibel. Sondern wieder: Herr Jesus Christus.

    Oder auch insbesondere beim Abschluß eines Briefes wäre es eine schöne Schlußformel gewesen:

    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, Brüder!

    Galater 6:18 Elberfelder

    Wieder der „Herr Jesus Christus“ im Gegensatz zu den Brüdern. Und das findet sich viele Male im Neuen Testament auch außerhalb der Evangelien. Paulus sagt:

    Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig redet ..

    1. Korinther 1:10 Elberfelder

    Täglich sterbe ich, so wahr ihr mein Ruhm seid, Brüder, den ich in Christus Jesus, unserem Herrn, habe.

    1. Korinther 15:31 Züricher

    Oft wird ein Gedanke so eingeleitet:

    Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, ..

    2. Thessalonicher 3:6 Elberfelder

    Interessant ist auch Offenbarung 12:10

    Und ich hörte eine laute Stimme im Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus gekommen; denn ⟨hinab⟩geworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte.

    Offenbarung 12:10 Elberfelder

    Auch hier hätte von den Brüdern Christi gesprochen werden können: ’seines Christus …; seiner Brüder …‘. Aber es sind ‚unsere Brüder‘, wie die laute Stimme im Himmel sagt. Schließt das den Christus mit ein? Vielleicht. Aber wen noch? Gott wird auch erwähnt, aber Gottes Brüder sind sie wohl nicht …

    Es finden sich im Neuen Testament nur ganz wenige Textstellen, die von Brüdern sprechen:

    Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, / inmitten der Gemeinde dich preisen;

    Hebräer 2:11,12 Einheitsübersetzung 2016

    Alles klar, oder? Nun, hier wird Psalm 22:23 nach der Septuaginta zitiert. Lesen wir mal im Kontext weiter:

    Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an. Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.

    Hebräer 2:16,17

    Oha. Das ist ja ein Bezug auf ‚Brüder‘ Christi, welche die jüdischen Nachkommen Abrahams sind. Was ja auch zum zitierten Psalm 22 passt. Das wird zwar gerne verwendet, um auf die ‚geistigen Brüder Christi‘ hinzuweisen. Entspricht aber nicht der Aussage des Textes.

    Tatsächlich findet sich im Neuen Testament kein Vers, in dem von einem geistigen Bruder Christi oder den geistigen ‚Brüdern Christ‘ mit genau diesen Worten gesprochen wird. Doch an weit über einhundert Stellen wird er Herr genannt. Das hättest du vielleicht nicht erwartet. Von Brüdern Jesu wird nur wenige mal gesprochen und das sind seine leiblichen Verwandten (z.B. Johannes 7:1-10) oder Israeliten (Hebräer 2:11-17). Jetzt wird vermutlich auch der Hintergrund des Titels dieses Artikels langsam klar: Sollten wir uns dann Brüder Christi nennen? Nun, im Text des Neuen Testaments finden wir das als Bezeichnung für seine Nachfolger nicht. Und sie haben ihn gemäß dem Text auch nicht als Bruder angesprochen.

    Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘ oder ‚Bruder Christi‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments.

    Denken wir daran, dass der Ausdruck ‚Brüder Christi‘ die lateinische Form des Genitivs verwendet. Wir könnten auch von ‚Brüder des Christus‘ sprechen. Das finden wir nicht im Neuen Testament. Wir finden aber diesen Ausdruck:

    Paulus, Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen, und Timotheus, der Bruder, den heiligen und gläubigen Brüdern in Christus zu Kolossä: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater.

    Kolosser 1:1,2 Schlachter 2000

     Grüsst alle Heiligen in Christus Jesus. Es grüssen euch die Brüder und Schwestern, die bei mir sind.

    Philipper 4:21 Züricher

    Das ist allerdings ein ganz anderer Gedanke und betont die Gemeinschaft von Brüdern und Schwester, weil sie alle mit Christus verbunden sind. Deswegen übersetzt die Neue Evangelistische Übersetzung Kolosser 1:2 so:

    An die heiligen und treuen Geschwister in Kolossä, die mit Christus verbunden sind. Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater.

    Kolosser 1:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Halten wir also fest:

    Die Bezeichnung ‚Brüder Christi‘, oder ‚Brüder des Christus‘, ‚Bruder Christi‘ oder ‚Bruder des Christus‘ findet sich nicht im Text des Neuen Testaments.
    Was wir finden ist Brüder in Christus.

    Besonders Zeugen Jehovas dürften nun überrascht sein. Warum? Das zeigt das Ergebnis einer Suche in der Online-Bibliothek der Wachtturm-Gesellschaft nach dem Begriff ‚Brüder Christi‘:

    ‚Brüder Christi‘ findet man nirgends im Text der Bibel der Zeugen Jehovas (Neue-Welt-Übersetzung).

    In den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas findet man hingegen ‚Brüder Christi‘ 189 mal, ‚Christi Brüder‘ 36 mal, Brüder und Christi im selben Absatz 731 mal, Brüder und Jesus im selben Absatz 865 mal.

    Das beweist einmal mehr, wie wichtig der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas die Unterscheidung zwischen der privilegierten Klasse der ‚Gesalbten‘ (siehe dazu den Artikel Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? ), die viele hunderte von Malen als ‚Christi Brüder‘ bezeichnet werden, und den ‚anderen Schafen‘ ist. Im Wachtturm vom April 2020, Studienartikel 17 Ich habe euch Freunde genannt wird daher in Absatz 12 betont, dass die ‚Freunde Jesu‘ dies beachten müssen: „Jesus betrachtet das, was wir für seine gesalbten Brüder tun, so, als würden wir es für ihn tun.“ Die allermeisten Zeugen Jehovas sind nur ‚Freunde Jesu‘ und keine ‚Brüder Jesu‘, was in diesem Artikel mit dem Leittext Johannes 15:15 begründet wird – obwohl Jesus das doch zu wem gesagt hat? Genau, den Aposteln! Die doch im Wachtturm ständig als ‚Brüder Christi‘ bezeichnet werden! Ist dieser logische Fehler denn gar keinem aufgefallen?

    Im Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2 wird die Bedeutung dieser ‚Brüder Christi‘ für die allermeisten Zeugen Jehovas auch ganz klar gemacht:

    Ihre Rettung hängt davon ab, die gesalbten „Brüder“ Christi hier auf der Erde tatkräftig zu unterstützen — dessen müssen sie sich immer bewusst sein (Mat. 25:34-40). 

    Wachtturm 2012 15.3. S. 20 Abs. 2

    Warum auch immer in diesem Wachtturm hier das Wort „Brüder“ in Anführungszeichen gesetzt wurde – vielleicht war ja doch jemandem beim Schreiben oder Korrigieren aufgefallen, dass in den angegebenen Versen in Matthäus 25 Jesus nicht in Verbindung mit den Brüdern genannt wird. Dadurch wird das Zitat recht kurz und besteht wohl nur aus dem Wort „Brüder“. Dieser Verweis auf Matthäus 25:34-40 ist neben Hebräer 2:11,12 übrigens der einzige, wenn auf die ‚Brüder Christi‘ hingewiesen wird. Uns fällt hingegen auf, dass in diesem Satz im Wachtturm, in dem die Autorität hervorgehoben werden soll, gleich beide Titel kombiniert werden: Die Gesalbten und die Brüder Christi. Beides Ehrentitel, welche im Neuen Testament von den Jüngern nie für sich verwendet werden.

    Zurück zur Bibel selbst. Die Situation ist schon paradox. Jesus wird als Sohn Gottes bezeichnet, zum Beispiel hier:

     Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:11 Züricher

    Jesu Jünger werden auch oft als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet:

    Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.

    Römer 8:14 Elberfelder

    Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, …

    Johannes 1:12 Züricher

    Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

    Römer 8:16 Einheitsübersetzung 2016

    Aber die Jünger Jesu sprechen den Sohn Gottes, Jesus Christus, den Messias, den Gesalbten, in ihren Schriften nie als Bruder an. Es gibt nur drei Stellen, in denen ein Bezug überhaupt zu finden ist: Matthäus 25 ist ein Gleichnis Jesu und es wird an einer Stelle von den Brüdern des Menschensohns gesprochen. Hebräer 2, wo der Kontext zeigt, dass mit Brüder die Juden als Nachkommen Abrahams gemeint sind. Und Johannes 21:17, wo Jesus den Begriff Brüder gegenüber Maria verwendet. Dahingegen wird Jesus in weit über 100 Stellen als Herr bezeichnet. Das ist schon merkwürdig, nicht wahr? Warum wird er nicht als Bruder seiner Jünger bezeichnet?

    Glaubst du, dass die Bibel von Gott inspiriert ist? Dann hat Gott also dafür gesorgt, dass in den uns überkommenen Büchern des Neuen Testaments Jesus Christus nicht als Bruder, sondern als Lehrer oder Herr angesprochen wird. Wenn Gott das so wollte, sollten wir dann Jesus Christus einfach so als unseren Bruder ansprechen? Oder uns als seinen Bruder oder Brüder bezeichnen?

    Bin ich jetzt einfach nur pingelig? Nun, auch in diesem Fall musst du gemäß deinem Gewissen entscheiden. Uns sollte allerdings klar sein, dass wir dann etwas tun, das keine direkte biblische Grundlage hat. Und die Apostel und Jünger zogen es vor, in den Schriften des Neuen Testaments Jesus mit Herr und nicht mit Bruder anzusprechen. Und wenn wir an die Verbalinspiration glauben, hat Gott es nicht gewollt, dass Jesus so angesprochen wird. Könnte es sein, dass wir aus einem Wunsch oder unbewussten Gründen etwas in die Bibel hineinlegen (Eisegese) anstatt die Bibel selbst sprechen zu lassen (Exegese)? Zumindest sollten wir uns bewußt sein, dass wir im Text des Neuen Testaments kein Vorbild finden, in dem Jesus als Bruder angesprochen wird.

    Doch welchen Grund könnte es geben, dass Jesus zwar als Sohn Gottes bezeichnet wird und seine Jünger als Söhne oder Kinder Gottes bezeichnet werden, aber Jesus von diesen im Neuen Testament nicht als Bruder angesprochen wird, sondern als Herr (kyrios)?

    Vielleicht kennst du ja eine gute Begründung. Ich würde mich freuen, sie zu hören. Ich persönlich gehen davon aus, dass sie dies auch aus Respekt und echter Demut taten. Nehmen wir einmal die leiblichen Brüder und Schwestern Jesu. Stell dir vor, du bist bei den Jüngern Jesu und dann kommt einer der leiblichen Brüder oder Schwestern oder Maria, die Mutter, dazu. Und sie würden dezent, aber immer wieder, sagen: „Also Jesus, mein Sohn, hat gesagt …“ Oder „Mein Bruder Jesus hat doch gelehrt …“. Auch wenn es stimmt, würden wir uns doch fragen: „Ist doch klar. Warum erwähnt sie oder er das dauernd? Doch nur, um sich hervorzuheben. Nur um die eigene Bedeutung durch diese Verwandtschaft zu betonen.“ Nun, das ist reine Spekulation. Aber es könnte erklären, warum wir das im uns erhaltenen Text nicht finden. Kannst du dir einen Paulus vorstellen, der sich bei allem Selbstbewusstsein als der niedrigste der Apostel, als Fehlgeburt bezeichnete, sich dann aber als ‚geistiger Bruder Christi‘ vorgestellt und damit angegeben hätte? Ok, ab und zu hat er gesagt, dass er das Evangelium direkt von Jesus empfangen hat und trat recht selbstbewußt auf. Aber sich als ‚Bruder Christi‘ anpreisen? Fehlanzeige.

    Ganz im Gegensatz dazu erinnere ich mich – und wir haben das in einigen Zitaten in diesem Artikel auch gelesen – mit welchem Selbstbewusstsein Glieder der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas sich als ‚Gesalbte‘ bezeichnen und als ‚Brüder Christi‘ Gehorsam verlangen. Ich erinnere mich, wie im Broadcasting der Zeugen Jehovas Gerrit Lösch als Glied der Leitenden Köprerschaft der Zeugen Jehovas davon schwärmte, wie sie von Herrlichkeit zu Herrlichkeit immer herrlicher werden. Oder wie andere ausführten, welche wichtige Rolle sie in Harmagedon und für das Leben aller spielen werden. Und welche Freude es sein wird, das zu tun – was einschließt, Milliarden von Menschen nach der Lehre der Leitenden Körperschaft in Harmagedon zu vernichten. Und dass sie bei all dem ‚Den Gesalbten‘, Jesus, das Haupt der Versammlung, der über Alles gesetzt wurde, in den Hintergrund gedrängt haben.

    Welchem Vorbild willst du folgen?

    Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.

    Johannes 13:13 Elberfelder
  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Von Christian


    Im ersten Teil dieser Serie ist es uns schon bewußt geworden, dass es einige wichtige und interessante Fragen zur ‚Bibel‘ gibt. Bevor wir aber historische Fakten oder anderes betrachten, lassen wir zuerst einmal den Text ‚der Bibel‘ selbst sprechen. Was erfahren aus dem Text selbst darüber, was die Bibel ausmacht, wie sie entstand und was in den Jahrhunderten nach ihrer Entstehung geschehen sollte? Beginnen wir mit einem Hinweis im zweiten Brief an die Thessalonicher:

    Wir bitten euch aber, ihr Brüder, wegen der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm: Lasst euch nicht so schnell in eurem Verständnis erschüttern oder gar in Schrecken jagen, weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief, als wäre der Tag des Christus schon da.

    2. Thessalonicher 2:1,2 Schlachter 2000

    Gemäß der traditionellen Sicht wurde dieser Brief von Paulus etwa um das Jahr 50 n. Chr. geschrieben. Die Formulierung „noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief“ wirft eine Frage auf: Konnten die Gläubigen in Thessalonich nicht einfach in ‚ihre Bibel‘ schauen und prüfen, ob der Text als Brief enthalten war? Offensichtlich nicht. Das, was wir heute als Bibel bezeichnen, war zwei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu gerade erst in der Entstehung. Es gab noch keinen Kanon der christlichen Schriften. Zu dieser Zeit konnte also jemand zu der Versammlung mit einem Brief kommen und behaupten, dass er zum Beispiel von Paulus sei. Wie konnte man nun überprüfen, ob das nun ein Teil ‚der Bibel‘ sein sollte oder nicht? Diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Nun gut, war die Frage dann, ob er ‚echt‘ war? Auch nicht unbedingt. Der entscheidende Punkt war dieser:

    Wer Gottes Gebote befolgt, bleibt in Gemeinschaft mit Gott, und Gott lebt in ihm. Dass er wirklich in uns bleibt, erkennen wir durch den Heiligen Geist, den er uns gegeben hat. Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs. Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 3:24 – 4:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Tatsache ist: Es gab schon im ersten Jahrhundert viele mündlich überlieferte Berichte, viele Briefe und weitere Texte, wie schon dieser Vers zeigt. Es bestand die Notwendigkeit, zu prüfen, was da so im Umlauf war. Die entscheidene Frage war: Kommt das von Gott? Und das ist die Frage, die wir uns heute auch stellen müssen: Kommt das, was wir heute in ‚der Bibel‘ lesen so von Gott? Denn wie wir schon in der letzten Folge gesehen haben, liegen viele Schritte zwischen der Entstehung der Text und dem, was wir in unserer Sprache heute lesen können.

    Schon dieser Vers zeigt uns aber auch, dass es noch am Ende des ersten Jahrhunderts keinen abgeschlossenen Kanon der christlichen Schriften gegeben haben kann, in dem Sinne, dass ausschließlich diese Texte als von Gott kommend akzeptiert wurden. Und alles andere als Texte von Irrlehrern und ‚Abtrünnigen‘ gemieden werden sollte. Im Gegenteil! Die Texte sollten geprüft werden, was das Lesen bzw. Vorlesen und einen Vergleich mit den anderen Schriften notwendig machte. Dabei half sogar der heilige Geist:

    Der Geist ermächtigt den Einen, Wunder zu wirken; einen Anderen lässt er Weisungen Gottes verkündigen. Ein Dritter erhält die Fähigkeit zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einer wird befähigt, in nicht gelernten fremden Sprachen zu reden, und ein Anderer, sie zu übersetzen.

    1. Korinther 12:10 Neue Evangelistische Übersetzung

    Vergleichen wir das mit der Aussage: Gott hat die Niederschrift der Bibel genau überwacht und dafür gesorgt, dass sie uns ganz genau erhalten geblieben ist. Was bedeutet das ganz konkret im ersten Jahrhundert? Versetzen wir uns in die Lage eines Gläubigen, zum Beispiel in Thessalonich, der gerade hört, wie ein Brief in der Gemeinde vorgelesen wird. Könntest du dir als dieser Gläubige einfach sagen: Das ist Gottes Wort, denn er überwacht die Aufzeichnung der Bibel genau? Nein, sonst wäre die Aufforderung zu prüfen nicht nötig gewesen. Wenn es also so eine Gewissheit überhaupt gibt, müsste sie erst später entstanden sein. Aber wie und durch wen?

    Gibt es irgendeinen Bibeltext, der den Gedanken unterstützt, dass Gott die Aufzeichnung der Bibel so überwachen würde, dass wir nicht mehr prüfen müssten? Vielleicht kommt dir dieser Bibeltext in den Sinn.

    Alle Schrift ist von Gott eingegeben [w. »gottgehaucht« (gr. theopneustos), d. h. von Gott durch den Geist eingegeben, von Gott inspiriert.] und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

    2. Timotheus 3:16,17 Schlachter 2000

    In Übereinstimmung mit dem griechischen Text wurde hier der Singular verwendet: Alle Schrift ist … Dieser Text könnte dir insbesondere dann eingefallen sein, wenn du diese – etwas suggestive – Übersetzung gelesen hast:

    Die ganze heilige Schrift ist von Gott eingegeben [Fn. o. inspiriert] …

    2. Timotheus 3:16 Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung 2018

    Wird man als Leser – in diesem Fall also meist Zeugen Jehovas – nicht automatisch denken, dass hier ‚die Bibel‘ gemeint ist? Interessanterweise ist der Titel der aktuellen Übersetzung der Zeugen Jehovas, in der 2. Timotheus 3:16 so übersetzt ist: Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung. Die Ausgaben davor hatten allerdings den Titel Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift. 2. Timotheus 3:16 wurde darin allerdings so wiedergegeben: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert ….“ Also ohne den Zusatz heilig und im Singular. Der Titel der englischen Ausgabe lautet immer noch New World Translation of the Holy Scriptures, also Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schriften (Plural), und gibt den Text wie in der King James Version wieder: „All Scripture is inspired of God …“ Während der Titel der Bibel den Plural enthält, steht im Text der Singular: Alle Schrift ist von Gott inspiriert. Das soll noch einer verstehen …

    Doch ist das nicht schon ein gutes Beispiel, dass wir eben nicht genau wissen, ob das, was wir in ‚unserer Bibel‘ lesen, „von Gott kommt“ (1. Joh. 4:2)? Wenn doch verschiedene Übersetzungen hier unterschiedliche Gedanken wiedergeben. Prüfen wir also wie die Christen im ersten Jahrhundert.

    Zuerst einmal müssen wir uns fragen, was hier mit ‚alle Schrift ist von Gott eingegeben‘ πᾶσα γραφὴ θεόπνευστος gemeint ist. Bezog sich der Autor des zweiten Timotheus Briefs auf die Schriften der jüdischen Bibel, die Jahrhunderte vorher vollendet worden war? Und was ist mit den Schriften, die später noch kommen sollten, von denen also noch niemand wusste? Wenn ja, dann bringt uns das zur Frage des Kanons: Was gehört als ‚inspirierte Schrift‘ in den Kanon der christlichen Schriften und was nicht? Wer entschied das? Nach welchen Kriterien? Hatte Gott schon lange einen Plan, quasi die Bücherliste der Bibel, die noch zu schreiben wären? Was ist also mit ‚alle Schrift‘ oder ‚die ganze Schrift‘ gemeint? Wer legt das fest, was zu Alles gehört? Und woher könnten wir das wissen? Diese Fragen werden eben nicht durch den Kanon beantwortet, sondern sind einer der Gründe für die Erstellung des Kanons – was Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauerte und – du wirst überrascht sein – bis heute nicht unbedingt abgeschlossen sein muss.

    Was die Autoren im ersten Jahrhundert mit ‚Schrift‘ meinten, wird in Texten wie diesem klar:

    Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften;

    1. Korinther 15:3-4 Elberfelder.

    Wenn Paulus davon spricht, dass er etwas überliefert hat, was er auch empfangen hat, dann meint er mit ‚Schriften‘ wohl kaum seine eigenen oder die anderer im Neuen Testament – die zu diesem Zeitpunkt ja oft noch gar nicht geschrieben waren. Er argumentiert, dass seine Botschaft ja schon im Alten Testament stand.

    Vielleicht ist dir auch dieser Text eingefallen.

    Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.

    2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung

    Was ist hier mit ‚der Schrift‘ γραφῆς gemeint? Und übersehen wir auch nicht den konkreten Bezug auf ‚prophetische Aussagen‘. Wenn wir davon ausgehen, dass Petrus den zweiten Petrus Brief geschrieben hat, können wir diesen es selbst erklären lassen:

    An einem dieser Tage erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa 120 waren zusammengekommen – und sagte: „Ihr Männer, meine Brüder! Was in der Schrift steht, musste sich erfüllen; es musste so kommen, wie es der Heilige Geist schon durch David über Judas vorausgesagt hat. Er wurde ein Führer für die, die Jesus festnahmen, …

    Apostelgeschichte 1:15,16 Neue Evangelistische Übersetzung

    Dieses Aussage des Petrus hat auch Paulus im Brief an die Römer bestätigt:

    Denn aus allem, was früher aufgeschrieben wurde, sollen wir lernen. Die heiligen Schriften geben uns Trost und ermutigen zum Durchhalten, bis sich unsere Hoffnung erfüllt.

    Römer 15:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Für Petrus und Paulus waren ‚die heiligen Schriften‘ also der Text der jüdischen Bibel. Aber sagte nicht sogar Jesus, dass wenigstens diese nicht vergehen würden?

    Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.

    Matthäus 5:18 Elberfelder

    Auch diesen Text muss man genau lesen. Weder geht es hier um die ganze jüdische Bibel noch den Text an sich. Es geht um DAS GESETZ (nomou νόμου) und nicht die Schriften, und um die Erfüllung dessen, was darin gesagt wird.

    Übrigens ist auch 1. Petrus 1:24, 25, wo Petrus Jesaja 40:8 zitiert, keine Zusage, dass der Text der Bibel bestehen bleibt:

    Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen;  aber das Wort des Herrn bleibt in EwigkeitDies aber ist das Wort, das euch als Evangelium verkündigt worden ist.

    Das Gras ist verdorrt, die Blume ist verwelkt. Aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit.

    1. Petrus 1:24, 25; Jesaja 40:8 Elberfelder Bibel

    Hier erklärt also Petrus selbst wieder, was gemeint ist. Auch wenn dieser Text als einziger im Wachtturm (2017 September S. 18-22) zitiert wird, um zu beweisen, dass „Gott uns zugesichert hat, dass es bewahrt wird“, wie es am Ende des ganzen Artikels ohne weitere Begründung heisst. Zumindest wird am Anfang bei Verwendung von 1. Petrus 1:24, 25 zugegeben: „Wenn sich dieser Vers auch nicht ausdrücklich auf die Bibel bezieht, treffen die inspirierten Worte doch auf ihre Botschaft zu.“ Trotzdem wird gerade dieser Vers als einziger immer wieder in der Literatur der Wachtturm-Organisation zu diesem Thema zitiert. Auf die selbe Weise: Aus dem Kontext gerissen und im Zitat mit dem Buch der Bibel verknüpft.

    Der Text in 2. Petrus 1:21, den wir schon betrachtet haben, geht übrigens noch weiter. Das Kapitel endet zwar hier – aber die Kapiteleinteilung kam erst über eintausend Jahre später. Auch darüber werden wir in dieser Serie noch zu sprechen haben. Also lesen wir einfach einmal weiter:

    Doch es gab in Israel auch falsche Propheten, so wie es unter euch falsche Lehrer geben wird. Die schleusen dann schädliche Sonderlehren heimlich ein. Damit verleugnen sie den Herrn, der sie doch freigekauft hat, und ziehen sich selbst ein schnelles Verderben zu.

    2. Petrus 2:1 Neue Evangelistische Übersetzung

    Und diese Lehrer brachten auch ihre Schriften hervor. Das war also die Situation, in welcher der Text ‚der Bibel‘ entstand und bewahrt werden musste. Bestand denn die Gefahr, dass auch Texte nicht nur anders interpretiert sondern auch verändert wurden? Anscheinend schon:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Mancher bezeichnet die Bibel auch als ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Gottes Wort‘. Wird nicht wenigstens davon gesagt, dass es bleibt?

    Und wir danken Gott weiterhin, denn als ihr das Wort Gottes, das ihr von uns gehört habt, angenommen habt, habt ihr es nicht als Menschenwort angenommen, sondern so, wie es wahrhaftig ist… Das Wort Gottes – das in euch Gläubigen wirkt!

    1. Thessalonicher 2:13 2001 Translation (ins Deutsche übersetzt)

    Zuerst einmal ist interessant, dass gesagt wird, dass sie das ‚Wort Gottes‘ gehört haben – nicht gelesen. Und dann angenommen. Und dann wirkte es in den Gläubigen. In diesem Text ist also auch kein Buch gemeint.

    Gibt es also irgend einen Bibeltext, der die Behauptung unterstützt, dass Gott und Jesus die Entstehung und Überlieferung ‚der Bibel‘ so geleitet hat, dass sie uns ganz genau und unverfälscht zur Verfügung stehen sollte? Hast du irgendwo in den Evangelien gelesen, dass Jesus seine Jünger beauftragt hat, seine Worte aufzuschreiben? Wenn es keine solchen Texte gibt, sollten wir das aber auch nicht über die Bibel oder Gott oder Jesus behaupten und sie dazu verpflichten. Sonst könnten sie eines Tages uns vielleicht fragen: Warum sagst du so etwas? Warum beklagst du dich, dass es nicht so gewesen ist? Wo habe ich dir das denn jemals zugesagt?

    Tatsächlich wird in einem Buch des Neuen Testaments etwas gesagt, was in diese Richtung geht: Die Apokalypse nach Johannes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 21:5 Züricher

    Klingt das danach, dass das Neue Testament in Buchform veröffentlich werden sollte? Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die erst um das Jahr 100 n. Chr. geschrieben wurde. Da gab es die anderen Schriften schon zum Teil viele Jahrzehnte. Ähnliche Formulierungen gibt es im Alten Testament.

    Dann sagte Jahwe zu Mose: „Schreib alles auf, was ich dir gesagt habe. Denn auf dieser Grundlage schließe ich mit dir und mit Israel einen Bund.“

    2. Mose 34:27 Neue Evangelistische Übersetzung

    Wehe den trotzigen Söhnen!“, spricht Jahwe. … Geh jetzt und schreibe es auf eine Tafel, / verzeichne es auch in ein Buch, / dass es bezeugt ist für alle Zeit!

    Jesaja 30:1,8 Neue Evanglistische Übersetzung

    So spricht Jahwe, der Gott Israels: „Alles, was ich dir gesagt habe, schreibe in eine Schriftrolle!

    Jeremia 30:2 Neue Evanglistische Übersetzung

    In meinem 30. Lebensjahr, am 5. Juli, befand ich mich unter den Verbannten am Fluss Kebar. Da öffnete sich der Himmel und ich sah Erscheinungen Gottes. An diesem Tag – es war das fünfte Jahr, nachdem König Jojachin in die Verbannung geführt worden war – kam das Wort Jahwes zu mir, dem Priester Hesekiël Ben-Busi im Land der Chaldäer am Fluss Kebar. Dort legte Jahwe seine Hand auf mich.

    Hesekiel 1:1-3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Aber du, Daniel, bewahre die Worte zuverlässig auf und versiegle das Buch [Offenbar sollte er wie Jeremia 32,10ff ein Original aufbewahren, aber gleichzeitig offene Abschriften davon zugänglich machen.] bis zur Zeit des Endes.

    Daniel 12:4 Neue Evanglistische Übersetzung

    Wenden wir uns also der Offenbarung zu. Dort finden wir den Gedanken sogar mehrfach:

    Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.

    Schreib nun auf, was du gesehen hast, was jetzt geschieht und was danach geschehen wird.

    Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: …

    Und ich hörte eine Stimme vom Himmel rufen: Schreib: Selig die Toten, die im Herrn sterben von jetzt an! Ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke begleiten sie.

    Und er sagt zu mir: Schreib! Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind! Und er sagt zu mir: Diese Worte sind die wahrhaftigen Worte Gottes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 1:10,11,19;2:1;2:8,12,18;3:1,7,14;14:13;19:9;21:5 Züricher

    Aber auch das Gegenteil:

    Als es wieder still war, wollte ich die Worte der sieben Donner aufschreiben. Aber da hörte ich eine Stimme aus dem Himmel rufen: „Nein, was die sieben Donner gerufen haben, muss verborgen bleiben. Schreibe es nicht auf!

    Offenbarung 10:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Abschließend heißt es in der Offenbarung noch:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Wir haben also eine anscheinend etwas überraschende Faktenlage:

    • In den ersten 26 Büchern des Kanons des Neuen Testaments wird 0 mal dazu aufgefordert, etwas aufzuschreiben.
    • Im letzten Buch des Kanons des Neuen Testaments wird 12 mal dazu aufgefordert, aufzuschreiben und 1 mal, es nicht zu tun.

    Dieser Unterschied ist aber eigentlich recht natürlich.

    Die ersten 4 Bücher des Neuen Testaments sind die Evangelien. Diese sprechen nicht davon, dass Jesus den Auftrag gegeben hätte, diese aufzuschreiben. In Lukas finden wir in der Einleitung den Grund dafür, dass dieses Evangelium geschrieben wurde:

    Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.

    Lukas 1:1-4 Züricher

    Der Entschluß kam hier also nach eigener Aussage nicht von Gott, sondern vom Schreiber selbst.

    Danach kommt die Apostelgeschichte:

    In meinem ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich berichtet über alles, was Jesus zu tun und zu lehren begonnen hat …

    Apostelgeschichte 1:1 Züricher

    Für die Apostelgeschichte gilt also das Gleiche. Danach kommen 21 Briefe – solche an bestimmte Versammlungen und allgemeine Briefe. Es liegt in der Natur eines Briefes, dass es ein Schriftstück ist. Voice-Mail gab es damals noch nicht. In keinem der Briefe wird jedoch gesagt, dass Gott den Auftrag dafür gab.

    Schließlich kommt die Apokalypse des Johannes. Das griechische Wort von dem Apokalypse – und auch Offenbarung – stammt, bedeutet wörtlich „enthüllen, aufdecken“. Hier betont der Schreiber vom ersten Vers an, dass der Inhalt nicht von ihm sei:

    Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, zu zeigen seinen Knechten, was in Kürze geschehen muss, und die er durch seinen Engel kundtun liess seinem Knecht Johannes, der das Wort Gottes bezeugt hat und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er geschaut hat.

    Offenbarung 1:1,2 Züricher

    Tatsächlich findet man in der Apokalypse des Johannes keine direkten Zitate aus dem Alten Testament. Es wird aber ausgiebig darauf Bezug genommen, sprachlich wie inhaltlich. Und zwar nicht zu knapp, wie man bei Michael S. Heiser auf 300 Seiten nachlesen kann (John’s Use of the Old Testament in the Book of Revelation):

    Die Offenbarung ist also der einzige Teil des Neuen Testaments, in dem der Auftrag gegeben wurde, den Text oder die Vision aufzuschreiben und sie so anderen mitzuteilen. Das ist ganz in der Tradition der Propheten Jesaja, Jeremiah, Hesekiel und Daniel und typtisch für den apokalyptischen Texttyp, den man schon in Jesaja, Sacharja, Daniel findet. Schon die Einleitung der Offenbarung mit ihrer Zeitangabe ähnelt Passagen in Hesekiel oder Daniel.

    In Offenbarung 1:11 wird Johannes sogar direkt angewiesen, das, was er gesehen hat, in ein Buch aufzuschreiben und an die 7 Gemeinden zu senden. Waren damit die buchstäblichen Gemeinden gemeint? Die 7-fache Aufforderung, an den Engel in … zu schreiben, ist da schon merkwürdig. Wie schreibst du ein Buch an den Engel? Oder ist das dann doch symbolisch gemeint? Schon sind wir mitten in der schwierigen Exegese der Offenbarung.

    Die eigentliche Frage in diesem Teil Serie zum Kanon des Neuen Testaments ist ja aber, ob dieses eien Aussage enthält, dass das Neue Testament sicher und unverfälscht überliefert werden würde.

    Das widerlegt schon Offenbarung 22:18, 19 selbst:

    Ich erkläre jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: „Wenn jemand etwas zu dem hinzufügt, was hier geschrieben steht, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben sind. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buches unterschlägt, dem wird Gott das wegnehmen, was ihm in diesem Buch als Anteil zugesprochen ist, das Recht, in der heiligen Stadt zu wohnen und vom Baum des Lebens zu essen.“

    Offenbarung 22:18, 19 Neue Evangelistische Übersetzung

    Warum müsste sonst jedem mit Strafe gedroht werden, der etwas davon weglassen oder hinzufügen würde? Wenn eine unverfälschte Überlieferung von Gott und Jesus garantiert worden wären, könnte das ja gar nicht geschehen! Da es aber geschehen könnte, dann sollten wir prüfen, ob das auch geschehen ist. Und wenn ja, in welchem Umfang.

    Die Gläubigen im ersten Jahrhundert wurden wiederholt darauf hingewiesen wurden, dass sie alles prüfen sollten, ob es von Gott stammt. Sie konnten nicht einfach ‚ihre Bibel‘ holen und hätten damit einen perfekten, zuverlässigen Text gehabt, der nur ganz genau das enthielt, was Gott für sie hatte aufschreiben lassen.

    Andererseits haben wir gesehen, dass Petrus und Paulus unter ‚Schriften‘ den Text der jüdischen Bibel verstanden. Und dieser Text noch gut genug überliefert war, so dass daraus zitiert wurde um damit das Evangelium zu verkünden.

    Kommen wir nochmals auf die Aussage zur Bibel zurück, über die wir im ersten Teil dieser Serie gesprochen haben. Dort müssen wir einen ersten Satzteil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Jetzt keine Panik deswegen bekommen. Wir werden im Laufe der Serie noch andere Aussagen betrachten, die nur einen trügerischen Halt bieten. Und diese durch solide Aussagen ersetzen. Die Schriften enthalten nämlich durchaus ein paar interessante Aussagen über sich selbst, wie wir im nächsten Teil sehen werden.

  • Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Metamorphose: Wie aus einer beratenden Gemeinschaft der Kanal Gottes wurde

    Von Christian


    Hätte ich als kleines Kind meiner Großeltern gefragt, wer denn in der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ist, hätten sie mich wohl etwas verwundert angeschaut. Aber das ist nur rein hypothetisch, denn damals wurde der Begriff ‚Leitende Körperschaft‘ kaum verwendet.

    Tatsächlich konnte man zum Beispiel im Buch Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes (veröffentlicht von Jehovas Zeugen im Jahr 1966) auf Seite 34 in der Tabelle lesen:

    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes
    Tabelle 2/2 Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes

    um 49 u.Z. Jerusalem: Beratende Versammlung der Apostel und älteren Männer entscheidet gegen die Verwendung von Blut und gegen Erwürgtes Apg. 15

    Ewiges Leben in der Freiheit der Söhnte Gottes, 1966, S. 34

    Ab und zu wurde aber der Begriff schon vorher in den Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas verwendet, zum Beispiel im Wachtturm 1960:

    18 … Als die Frage der Beschneidung entstand, berief Paulus nicht eine Synode der Versammlungsaufseher von Antiochien und der übrigen Provinz Syrien ein, um die Sache zu entscheiden, noch erwartete er, daß der Geist Gottes die Versammlungen direkt leite, sondern er begab sich zur sichtbaren leitenden Körperschaft in Jerusalem, und nachdem die Angelegenheit unter der Leitung des Geistes, der auf dieser Körperschaft ruhte, dort geklärt worden war, wurde Paulus zu den Versammlungen zurückgesandt, damit er ihnen die Entscheidung bekanntgebe …

    (a) Wurden die Ortsversammlungen in der Urkirche durch den Geist geleitet? (b) Weshalb könnte man sich vorstellen, daß sich Schwierigkeiten in bezug auf Entscheidungen ergeben hätten, die die sichtbare leitende Körperschaft in Jerusalem fällte, und entstanden solche wirklich?

    Wachtturm 1960 1.10. S. 598 Die Einheit der christlichen Kirche

    Wie gesagt, der Begriff wurde in Bezug auf die Leitung der Organisation der Zeugen Jehovas selten verwendet. Ein Beispiel:

    Diese Klasse des „Sklaven“ hat eine leitende Körperschaft, die Ratschläge und Richtlinien ausgibt, wie diese durch Elihu veranschaulicht wurden, als er einst Hiob Ratschläge erteilte. (Hiob 32:1-6)

    w60 15. 9. S. 566-573 Mit dem „treuen und verständigen Sklaven“ wach bleiben

    Wer oder was das ist, blieb in dem Wachtturm ungeklärt, denn diese „leitende Körperschaft“ wird in diesem Artikel nur in diesem Satz einmal erwähnt. Mit dem Index der Veröffentlichungen kann jeder selbst überprüfen, dass vor 1972 diese Begriff sowohl für das erste Jahrhundert als auch die Neuzeit sehr selten verwendet wurde:

    Wann ging es denn dann mit den neuzeitlichen Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas so richtig los? In der obigen Bildschirmkopie habe ich schon den Artikel unter dem Stichwort ‚Beginn‘ markiert. Einige Auszüge daraus:

    AM Freitag vormittag, dem 1. Oktober 1971, hielt die gesetzlich eingetragene Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, ihre jährliche Mitgliederversammlung ab, und zwar diesmal im Kongreßsaal der Zeugen Jehovas in Buckingham (Pennsylvanien). …
    Bei dieser Gelegenheit tauchte eine Frage auf, die dann vom Podium aus erörtert wurde. Es ging dabei um das Verhältnis zwischen dem Vorstand der als Gesellschaft gesetzlich eingetragenen Körperschaft und der leitenden Körperschaft der christlichen Zeugen Jehovas. Sind sie ein und dasselbe, also identisch, oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen waren darauf zurückzuführen, daß in früheren Publikationen gesagt worden war, die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas im Hauptbüro sei mit dem Vorstand der erwähnten Gesellschaft verbunden. …
    Wie trat diese leitende Körperschaft in jüngster Zeit in Erscheinung? Offensichtlich unter der Leitung Jehovas Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Wie die Tatsachen zeigen, kam es zu einer Verbindung der leitenden Körperschaft mit der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania. C. T. Russell gehörte damals, im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, offensichtlich der leitenden Körperschaft an.
    Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld. Die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, die Gesellschaft, hat als Verwaltungsorgan der Zeugen Jehovas viele weitere Aufgaben. Die leitende Körperschaft ist Gott für die religiöse Gesellschaft, die den christlichen Zeugen Jehovas als Werkzeug dient, sehr dankbar. …
    Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft ohne eine vom Cäsar genehmigte, gesetzlich eingetragene Körperschaft, und sie hatte Erfolg und leistete Hervorragendes. Wie verhält es sich mit der leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit? Kann sie ebenfalls ohne die gesetzlich eingetragene, nicht gewinnerstrebende Körperschaft, bekannt als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, wirken und dabei Erfolg haben? Im Lichte des Beispiels, das uns die Apostel und ihre Mitältesten der Versammlung in Jerusalem im ersten Jahrhundert u. Z. gegeben haben, überlassen wir dir die Beantwortung dieser Frage.

    w72 1.4. S.211ff Eine leitende Körperschaft im Unterschied zu einer gesetzlich eingetragenen Körperschaft

    In diesem Artikel kommt der Begriff ‚Körperschaft‘ sage und und schreibe fast 90 mal vor! In diesem Artikel wurde also versucht, einen Zusammenhang zwischen einer ‚leitenden Körperschaft‘ im ersten Jahrhundert, dem ‚treuen und verständigen Sklaven‘ aus Jesu Gleichnis und der Leitung der Organisation und der gesetzlich eingetragenen Körperschaften herzustellen. Intressant ist, dass im Wachtturm 1972 unter anderem dies behauptet wurde:

    • C.T. Russel war ‚offensichtlich‘ Teil der leitenden Körperschaft.
    • Schon im 1. Jahrhundert wirkte die „Klasse des treuen und verständigen Sklaven““.
    • „Vor 1 900 Jahren wirkte die Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in Verbindung mit ihrer leitenden Körperschaft.“
    • „leitenden Körperschaft der Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“ in der heutigen Zeit“
    • „Die leitende Körperschaft hat ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld.“

    Quizfrage: Welche dieser Aussagen gelten heute noch?

    Quizfrage 2: Ab wann wurde die Formulierung „die Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ nicht mehr verwendet und nur noch „der treue und verständige Sklave“ geschrieben?

    In der Folgezeit kam es zu Spannungen zwischen dem Präsidenten N. H. Knorr sowie dem Vizepräsidenten F. W. Franz und der neuen ‚Leitenden Körperschaft‘. Die Einzelheiten sind in veschiedenen Büchern schon erläutert worden. Wir fokusieren uns jetzt auf die geänderte Darstellung in den Veröffentlichungen.

    Noch 1971 wurde die Leitende Körperschaft so beschrieben:

    Heute hat die Organisation, die Gott gegründet hat, damit die gute Botschaft vom Königreich gepredigt werde, ebenfalls eine leitende Körperschaft. Sie vertritt die aus den gesalbten Christen bestehende Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, von dem Jesus in einem Gleichnis gesprochen hat, das in Matthäus 24:45-47 aufgezeichnet ist. Diese gesalbten Christen kommen ihrer Verpflichtung, die geistige Speise „zur rechten Zeit“ auszuteilen, durch die leitende Körperschaft nach. Diese leitende Körperschaft ist eng verbunden mit den gesalbten Mitgliedern des Vorstandes der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania.

    w71 1. 5. S. 268-274 Weltweit die gute Botschaft verkündigen

    Wir halten fest: Der ‚treue und verständige Sklave‘ ist eine Klasse von ‚gesalbten Christen‘, welche sich der ‚Leitenden Körperschaft‘ bedient. Und diese ist eng mit dem Vorstand der Wachtturm-Organisation in Pennsylvania verbunden.

    Auch 1985 hieß es noch im Wachtturm:

    In der Neuzeit folgt die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die den „treuen und verständigen Sklaven“ des Herrn vertritt, demselben apostolischen Muster (Matthäus 24:45-47).

    w85 1. 1. S. 10-14 In der Verkündigung des Wortes Jehovas vereint

    Welche Rollte sollte die Leitende Körperschaft im Leben der Verkündiger haben? Schauen wir einmal, was 5 Jahre später gesagt wurde:

    16 Die irdische Habe des Königs Jesus Christus hat sich ständig vermehrt. … Dieses Wachstum hat die Erweiterung der Zentrale der Gesellschaft und ihrer Zweigbüros erforderlich gemacht sowie die Modernisierung von Herstellungs- und Verbreitungsmethoden. Weltweit mußten viele Königreichssäle und Kongreßsäle errichtet werden. Währenddessen ist die leitende Körperschaft weiterhin ihrer Verantwortung nachgekommen, was die Beaufsichtigung des Predigtwerkes, die Herstellung von Bibelstudienmaterial und die Ernennung von Aufsehern in den Zweigen, Bezirken, Kreisen und Versammlungen betrifft. Das sind die Königreichsinteressen, die Christus der Obhut des treuen und verständigen Sklaven, vertreten durch die leitende Körperschaft, übergeben hat.
    18 … Eine Möglichkeit, wie wir persönlich zeigen können, daß wir mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten, besteht darin, in unseren täglichen Gebeten dieser in das besondere Amt eingesetzten Männer zu gedenken (Römer 12:12).
    19 Wie erreichen die Anweisungen und Entscheidungen der leitenden Körperschaft die Versammlungen? …

    w90 15. 3. S. 19 Heute mit der leitenden Körperschaft zusammenarbeiten

    Alles – auch materielle Dinge – sind Teil der irdische Habe, welche der Leitenden Körperschaft übergeben wurden. Das klang 1972 noch anders. Jeder soll sogar täglich für sie beten. Wenn das keine zentrale Rolle im Leben jedes Verkündigers ist. Und jeder hat sich über die Organisation der Zweige und Aufseher an ihre Anweisungen und Entscheidungen zu halten.

    Das wurde zum Beispiel auch im Wachtturm 2008 betont. Interessant ist hier einmal die Argumentationsweise zu analysieren:

    13 Jeder, der Jehovas Autorität anerkennt, muss sich vor dem Geist der Unabhängigkeit in Acht nehmen. Stolz kann uns glauben machen, wir benötigten von niemandem Anleitung. Womöglich sperren wir uns manchmal gegen den Rat derer, die unter Gottes Volk die Führung übernehmen. Gott hat jedoch vorgesehen, dass die Klasse des treuen und verständigen Sklaven für geistige Speise zur rechten Zeit sorgt (Mat. 24:45-47). Wir sollten demütig anerkennen, dass das der Weg ist, durch den Jehova heute für sein Volk sorgt. Ahmen wir doch die treuen Apostel nach. Als einige Jünger Anstoß an etwas nahmen, fragte Jesus seine Apostel: „Ihr wollt doch nicht etwa auch weggehen?“ Petrus antwortete: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh. 6:66-68).

    w08 15.6. S.21 Abs 13 Die Autorität Jehovas anerkennen

    Die Argumentation beginnt damit, dass wir Jehovas Autorität anerkennen. Das wird mit Geist der Unabhängigkeit und dann Stolz verknüpft, von niemandem Anleitung zu benötigen. Also von der höchsten Autorität, zur Ablehnung der Anleitung von jedem. Das wird im nächsten Satz zu Rat umgemünzt. Von der Führung: Also der Leitenden Körperschaft und ihrer Organisation, ohne sie zu nennen. Über die Klasse (Anmerkung: Immer noch Klasse des …) des Sklaven und ‚Speise zu rechten Zeit‘ in Matthäus 24 wird dann begründet, dass dies von Gott so vorgesehen ist. Einmal abgesehen davon, dass in Matthäus 24 keine Klasse erwähnt wird, ist es ein Gleichnis. Jetzt kommt aber die Überraschung. Die Apostel werden als gutes Beispiel angeführt, als andere Jünger ‚Anstoß an etwas‘ nahmen. Was war denn dieses ‚etwas‘? War es ein Rat Jesu oder seine Anleitung? Nein! Es war Jesu Formulierung, sein Fleisch und Blut zu essen. Und zu wem gingen sie dann? Zur Jesus selbst. Und das können wir durch das Lesen in der Bibel heute immer noch genauso tun: Zu Jesus gehen. Insgesamt wieder ein schönes Beispiel, wie durch raffinierte Rhetorik und irreführende Argumentationsmethoden ein Gehorsam eingefordert wird, der sich nun leider halt nicht mit der Bibel begründen lässt.

    Welche Rolle spielt die Leitende Körperschaft noch? Wie bezeichnet sie sich heute, auch wenn der Begriff schon in den 1950er Jahren manchmal verwendet wurde?

    Wie diesen Worten zu entnehmen ist, bilden Jesu gesalbte Fußstapfennachfolger als Gruppe die „königliche Priesterschaft“, die Petrus auch eine „heilige Nation“ nannte. Sie sind der Kanal, durch den Jehova seinem Volk Anweisungen und biblische Anleitung zukommen lässt (Matthäus 24:45-47).

    w02 1.8. S. 13 Absatz 17 Sich loyal göttlicher Autorität unterwerfen

    Wir müssen uns daher in Acht nehmen, dass wir nicht für irgendwelche eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen eifern, die gar nicht im Wort Gottes verankert sind. Es ist immer am besten, das klare Licht zu akzeptieren, das durch den von Jehova ausgewählten Kanal auf Gottes Wort geworfen wird.

    w02 15.10. S.30

    Daher sind sie im Wachtturm April 2013 auch an dieser Stelle im Bild eingefügt:

    Im Jahr 2013 kam es zu einer noch beachtlicheren Änderung im ‚Verständnis der Bibel‘, ‚neues Licht‘ also:

    Der treue und verständige Sklave“: Eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder, die während der Gegenwart Christi federführend darin sind, die geistige Speise vorzubereiten und auszuteilen. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft.

    w13 15. 7. S. 25 „Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave?“

    Es gab also nicht mehr eine Klasse des „treuen und verständigen Sklaven“, der sich einer Körperschaft bildete, sondern die Leitende Körperschaft war selbst dieser Sklave – und daher fällt der Zusatz ‚Klasse des …‘ weg. Wäre ja auch bei nur wenigen Männern kaum passend. Bezeichnenderweise wurde im selben Wachtturm nicht nur bekannt gegen, dass sie mit Mark Sanderson erweitert wurde, sondern auch gleich ein Bild der Leitenden Körperschaft abgedruckt.

    Nur vier Monate später zeigte sich, welchen Anspruch diese Leitende Körperschaft nun hatte:

    Die lebensrettenden Anweisungen, die sie dann von Jehovas Organisation erhalten, mögen vom menschlichen Standpunkt aus unpraktisch erscheinen. Wir alle müssen bereit sein, jede Anweisung zu befolgen, ob sie nun vom strategischen oder menschlichen Standpunkt aus vernünftig erscheint oder nicht.

    w13 15. 11. S. 20 Sieben Hirten, acht Anführer: Was sie für uns heute bedeuten

    Im Jahr 2017 gab es in Bezug auf die Leitende Körperschaft ein paar weitere interessante Hinweise unter dem bezeichnende Thema: Wer führt Gottes Volk heute?

    10 Im Jahr 1919, drei Jahre nach Bruder Russells Tod, setzte Jesus den „treuen und verständigen Sklaven“ ein. Wozu? Um seinen Hausknechten „Speise zur rechten Zeit zu geben“ (Mat. 24:45). Schon damals war eine kleine Gruppe gesalbter Brüder in der Weltzentrale in Brooklyn (New York) tätig, die für Jesu Nachfolger geistige Speise vorbereitete und an sie austeilte. Die Bezeichnung „leitende Körperschaft“ erschien in unseren Publikationen zum ersten Mal in den 1940er-Jahren. …
    Wie in der Ausgabe des Wachtturms vom 15. Juli 2013 erklärt wurde, ist der „treue und verständige Sklave“ eine kleine Gruppe gesalbter Brüder, die die leitende Körperschaft bildet.
    13 Anzeichen für die Wirkung des heiligen Geistes. Der heilige Geist hat der leitenden Körperschaft geholfen, bisher unklare biblische Wahrheiten zu verstehen. Denken wir beispielsweise an die erwähnte Liste der klargestellten Glaubensansichten. Bestimmt ist es keinem Menschen zuzuschreiben, dass diese „tiefen Dinge Gottes“ entdeckt und erklärt werden können. (Lies 1. Korinther 2:10.) Die leitende Körperschaft empfindet wie Paulus, der schrieb: „Diese Dinge reden wir auch, nicht mit Worten, die durch menschliche Weisheit gelehrt werden, sondern mit solchen, die durch den Geist gelehrt werden“ (1. Kor. 2:13). …
    Anzeichen für die Unterstützung durch Engel. Heute hat die leitende Körperschaft die gewaltige Aufgabe, eine internationale Predigttätigkeit zu beaufsichtigen, an der sich über acht Millionen Verkündiger beteiligen. Warum ist diese Tätigkeit so erfolgreich? Unter anderem, weil Engel daran beteiligt sind. (Lies Offenbarung 14:6, 7.) …
    16 Lies Hebräer 13:7. Das Wort, das mit „gedenken“ wiedergegeben wird, kann auch mit „erwähnen“ übersetzt werden. Eine Möglichkeit, derer zu gedenken, die „die Führung übernehmen“, besteht deshalb darin, die leitende Körperschaft in unseren Gebeten zu erwähnen (Eph. 6:18). …
    17 Der leitenden Körperschaft gedenken wir natürlich nicht nur mit Worten, sondern auch, indem wir uns eng an ihre Anweisungen halten. Die leitende Körperschaft gibt uns diese Anweisungen durch Veröffentlichungen, in Zusammenkünften und auf Kongressen. Außerdem ernennt sie Kreisaufseher, die wiederum Älteste ernennen. Kreisaufseher und Älteste gedenken der leitenden Körperschaft dadurch, dass sie sich eng an ihre Richtlinien halten. Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet (Heb. 13:17).

    w17 Februar S. 23-28 Wer führt Gottes Volk heute? (Kursivschrift in der Veröffentlichung)

    Wir halten fest:

    • Russel war nicht mehr ‚offensichtlich‘ Teil des „treuen und verständigen Sklaven“ der vor 1900 Jahren wirkte, wie es noch 1971 hieß.
    • Der „treue und verständige“ Sklave wirkt nicht mehr durch die Leitende Körperschaft. Sie ist der Sklave.
    • Der heilige Geist hilft der Leitenden Körperschaft bei ihren Lehren. Auch wenn vorsichtshalber im Abschnitt davor gesagt wird, dass sie nicht unfehlbar sind und sogar Liste mit ‚neuem Licht‘ veröffentlichen
    • Engel helfen der Leitenden Körperschaft. Das wird zwar in Bezug auf das Predigtwerk gesagt, aber im Kontext der Führung durch die Leitende Körperschaft.
    • Man soll für die Leitende Körperschaft beten.
    • An die Anweisungen und Richtlinien halten. „Wir alle zeigen Jesu Führung gegenüber Respekt, wenn wir uns gehorsam denen unterordnen, durch die er uns leitet“

    Auch dieser Artikel wieder mit einem Bild der Leitenden Körperschaft. Für die Leitende Körperschaft zu beten, wurde auch im Wachtturm 2022 wieder betont. In der Erklärung zu diesem Bild:

    Worum können wir für unsere Brüder und Schwestern beten? (Siehe Absatz 14-16)
    BILDBESCHREIBUNG: Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Körperschaft und um Hilfe für Brüder und Schwestern, die von Natur­katastrophen oder Verfolgung betroffen sind.

    Die Bildbeschreibung im Wachtturm sagt: „Eine Schwester betet um heiligen Geist für die Leitende Köperschaft …“ Abgebildet ist ausgerechnet Anthony Morris III … der seit Anfang 2023 … nicht mehr Teil der Leitenden Körperschaft ist.

    Wie ernst ist es der Leitenden Körperschaft damit, dass man ihren Anweisungen folgt?

    In der großen Drangsal wird sich etwas ändern, was die Führung von Gottes Volk auf der Erde betrifft. Die Gesalbten, die noch auf der Erde sind, werden irgendwann alle in den Himmel kommen, um sich am Krieg von Armageddon zu beteiligen (Mat. 24:31; Offb. 2:26, 27). Die leitende Körperschaft wird also nicht mehr bei uns auf der Erde sein. Aber die große Volksmenge wird weiter organisiert sein. Fähige Brüder, die zu den anderen Schafen gehören, werden die Führung übernehmen. Wir müssen dann unsere Loyalität dadurch beweisen, dass wir diese Brüder unterstützen und die Anleitung, die Gott durch sie gibt, befolgen. Unser Leben hängt davon ab.

    w19 Oktober S. 17-18

    Das Leben hängt also nicht nur davon ab, dass man den Anweisungen der jetzigen Leitenden Körperschaft folgt, sondern auch deren Helfern, die nicht zum „treuen und verständigen Sklaven“ gehören! Ist dir aufgefallen, dass hier kein einziger Bibeltext als Beweis angegen ist? Na, dann gibt es wohl keinen. Aber diese Worte Jesu:

    Meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreissen.

    Johannes 10:27, 28 Züricher

    Welche Aufgaben hat die Leitenden Körperschaft nun? Im Organisiert-Buch der Zeugen Jehovas, das alle organisatorischen Anweisungen für Verkündiger enthält – bis auf die geheimen Bücher und Brief an Älteste und Zweige – heißt es:

    5 Während der gesamten letzten Tage dienen die gesalbten Brüder, die den treuen Sklaven bilden, gemeinsam in der Weltzentrale. Diese gesalbten Brüder bilden heute die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas. …
    6 … Dementsprechend hat der treue und verständige Sklave die Verantwortung, den Haushalt der Gläubigen zu verwalten. Das schließt sowohl den verantwortlichen Umgang mit materiellen Mitteln ein als auch die Aufsicht über das Predigtwerk, das Zusammenstellen von Kongressprogrammen, die Ernennung von Aufsehern für die verschiedenen organisatorischen Aufgaben und das Herstellen von biblischen Veröffentlichungen. …

    od Kap. 3 S. 19-20 „Denkt an die, die unter euch die Führung übernehmen“

    Hies es im Wachtturm 1972 noch, dass „Die leitende Körperschaft ihr streng abgegrenztes geistiges Wirkungsfeld hat.“, so kontrolliert sie jetzt auch alle materiellen Mittel und die komplette Organisation und sogar das (ewige) Leben jedes Zeugen Jehovas.

    Hat sich seitdem etwas an der Stellung der Leitenden Körperschaft geändert. Wenn man diesen Wachtturm von 2021 oberflächlich liest, könnte man es fast meinen:

    Die Mitglieder der leitenden Körperschaft sind nicht die Herren über den Glauben ihrer Brüder und Schwestern (2. Kor. 1:24). Sie erkennen Jesus Christus als Haupt der Christenversammlung an und stimmen von ganzem Herzen dem zu, was er zu seinen Jüngern sagte: „Ihr seid alle Brüder“ (Mat. 23:8).

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Aber man muss im Kasten nur weiter lesen:

    Außerdem nimmt die leitende Körperschaft ihre Verantwortung sehr ernst, für geistige Nahrung und Anleitung aus Gottes Wort zu sorgen. Das tut sie durch Briefe, schriftliche Richtlinien und Veröffentlichungen, JW Broadcasting® sowie durch Schulen, Zusammenkünfte und Kongresse (Apg. 15:22-35)

    w21 Februar S. 19 Die Leitung durch ein Haupt in der Versammlung

    Also gibt es doch ‚schriftliche Richtlinien‘. Kann man diesen nun Folge leisten oder nicht? Kann man wirklich einen Glauben haben, der von den Lehren der Leitenden Körperschaft abweicht? Wir brauchen nicht raten. Ein Jahr später konnte man lesen:

    8 Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.
    15 Je näher das Ende dieses Weltsystems rückt, desto wichtiger ist es, der Vorgehensweise Jehovas zu vertrauen. Während der großen Drangsal erhalten wir vielleicht Anweisungen, die seltsam, nicht umsetzbar oder unlogisch erscheinen. Natürlich wird Jehova nicht zu jedem von uns persönlich sprechen. Höchstwahrscheinlich wird er durch seine Repräsentanten Anweisungen geben. Das ist dann kaum der richtige Zeitpunkt, Anweisungen anzuzweifeln und sich skeptisch zu fragen: „Kommt das wirklich von Jehova oder handeln die verantwortlichen Brüder auf eigene Faust?“ Wie werden wir in dieser kritischen Phase der Menschheitsgeschichte reagieren? Die Antwort könnte daran zu erkennen sein, wie wir heute über theokratische Anweisungen denken. Wenn wir der Anleitung, die wir heute erhalten, vertrauen und uns gern danach richten, werden wir das bestimmt auch während der großen Drangsal tun (Luk. 16:10).

    w22 Februar S. 4 Vertraust du der Vorgehensweise Jehovas?

    Und nur zwei Monate später:

    Wir müssen die Lehren von Abtrünnigen zurückweisen. … Wie ist es heute? Wir müssen alles ablehnen, was mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist. Abtrünnige erwecken manchmal den Eindruck, „als hätten sie Gottesfurcht, aber die Kraft dahinter zeigt sich in ihrem Leben nicht“ (2. Tim. 3:5). Je intensiver wir uns mit Gottes Wort beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen (2. Tim. 3:14-17; Jud. 3, 4).

    w22 Mai S. 4 Die Offenbarung und du

    Und wer legt fest, was „mit der Denkweise Jehovas unvereinbar ist“? Die Leitende Körperschaft! Aber ich darf ja nicht aus dem geheimen Hütet-Buch für Älteste zitieren … Obwohl. Man kann es ja sogar im Internet finden. Also hier die geheimen Anweisungen an Älteste, Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss.

    39 Abtrünnigkeit: Abtrünnigkeit bedeutet, sich von der wahren Anbetung abzuwenden, davon abzufallen, sie vollständig aufzugeben und dagegen zu rebellieren. Darunter fällt:
    (1) Festtage der falschen Religion feiern
    (2) Beteiligung an Aktivitäten anderer Religionen
    (3) Absichtlich Lehren verbreiten, die der biblischen Wahrheit widersprechen (2. Joh. 7, 9, 10; lvs S. 245; it-1 S. 22, 23): Hat jemand aufrichtig Zweifel an der biblischen Wahrheit, wie Jehovas Zeugen sie lehren, sollte man ihm helfen und liebevoll Beistand leisten (2. Tim. 2:16-19, 23-26; Jud. 22, 23). Ständig über falsche Lehren zu sprechen oder sie absichtlich zu verbreiten, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen. Reagiert jemand nicht auf eine erste und zweite Ermahnung, wird ein Rechtskomitee gebildet (Tit. 3:10, 11; w86 1. 4. S. 30, 31).
    (4) Spaltungen verursachen, Sekten fördern (Roöm. 16:17, 18; Tit. 3:10, 11): Vorsätzlich die Einheit der Versammlung zu stören oder das Vertrauen der Brüder in die Leitung Jehovas zu untergraben, kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen (it-2 S. 907).
    (5) Jemandes Berufstätigkeit fördert falsche Religion
    (6) Spiritismus
    (7) Götzendienst

    Hütet die Herde Gottes Ausgabe November 2022, Kapitel 12 Beurteilten, ob ein Rechtskomitee gebildet werden muss

    Allerdings ist der Satz aus dem Wachtturm Mai 2022 irgendwie schon richtig: „Je intensiver wir uns mit Gottes Wort [die Bibel ist hier gemeint] beschäftigen, desto leichter fällt es uns, falsche Lehren zu erkennen und zurückzuweisen.“ Das kann ich wirklich jedem aufrichtigen Zeugen Jehovas ans Herz legen.

    Man kann den Anspruch der Leitenden Körperschaft in Bezug auf den Glauben eines jeden Verkündigers auch indirekt formulieren, siehe Wachtturm November 2022:

    Die Gesalbten leben seit 1919 in einem geistigen Paradies*. Im Lauf der Zeit sind dann auch die „anderen Schafe“, also Menschen, denen ewiges Leben auf der Erde in Aussicht steht, in dieses Land gekommen.
    Fußnote: KURZ ERKLÄRT: Der Ausdruck „geistiges Paradies“ beschreibt die sichere Umgebung, in der wir Jehova vereint anbeten. Dort haben wir eine Fülle an geistiger Nahrung, die von falschen religiösen Lehren frei ist.

    w22 November Mit Jehovas Hilfe durchhalten, ohne die Freude zu verlieren

    Und was haben wir jetzt schon so oft im Wachtturm gelesen, wer die „geistige Nahrung“ zur Verfügung stellt, also festlegt? Die Leitende Körperschaft …

    Und es gibt ja noch das aktuelle Video von 2023 Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich in dem gesagt wird:

    “Die Leitende Körperschaft ist mit der Stimme Jesu, dem Haupt der Versammlung, vergleichbar. Wenn wir also bereitwillig dem treuen Sklaven [ein anderer Begriff für die Leitende Körperschaft] folgen, folgen wir letztlich Jesu Anleitung und unterstellen uns seiner Autorität.“

    Kenneth Flodin setzt die Stimme der Leitenden Körperschaft mit der Stimme von Jesus Christus gleich

    Damit ist wohl alles gesagt.

    Aus einer ‚beratenden Gemeinschaft‘ ist der einzige Kanal Gottes geworden, dem alle Habe übergeben wurde: Immobilien und Geld, absolute Macht über die Lehren und das Leben der Zeugen Jehovas.

    Der Stellvertreter Christi auf Erden.

    Ich übertreibe?

    Ist Christus auf der Abbildung im Wachtturm April 2013 denn irgendwo zu sehen? Nein, sondern dieser Stellvertreter Christi ist direkt unter Gott als Nummer 1 auf der Erde zu sehen. Auch wenn Katholiken hier heftig widersprechen dürften. Haben sie mit dem Papst doch schon den Stellvertreter Christi auf Erden (siehe z.B. katholisch.de). Aber das ist ein anderes Thema …

    War das in der Abbildung im Wachtturm April 2013 nur eine Nachlässigkeit? Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Heute leitet Jehova den irdischen Teil seiner Organisation durch den „treuen und verständigen Sklaven“ (Mat. 24:45). Wie die leitende Körperschaft im 1. Jahrhundert hat dieser Sklave die Verantwortung für Gottes Volk weltweit und leitet Anweisungen an die Versammlungsältesten weiter. (Lies Apostelgeschichte 16:4, 5.) Die Ältesten sorgen dafür, dass diese Anweisungen in den Versammlungen umgesetzt werden. Wenn wir uns nach der Anleitung richten, die von Jehovas Organisation und den Ältesten kommt, beweisen wir, dass wir der Vorgehensweise Jehovas vertrauen.

    Wachtturm 2022 Februar S. 4. Abs. 8

    Was sagt die Bibel? Also sogar die Bibel der Leitenden Körperschaft. Wer leitet die Versammlung?

    … so wie der Christus das Haupt der Versammlung ist …

    Epheser 5:23 Neue Welt Übersetzung der Zeugen Jehovas

    Aber damit ist nun wirklich alles gesagt.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Von Christian


    Ein Kind schaut dir beim Lesen zu und fragt dich: „Was liest du da?“ „Die Bibel“ „Und was ist die Bibel?“ „Na dieses Buch hier.“

     Einer der drei Bände der „Maximiner Riesenbibel“ aus der ehemaligen Trierer Reichsabtei St. Maximin.

    Nun gut, vermutlich ist dein Exemplar nicht so alt wie dieses. Was würde ein Kind dich vielleicht noch fragen?

    • Was steht da drin?
    • Wer hat es geschrieben?
    • Wie alt ist es?

    Bei der ersten Fragen antworten wir vielleicht mit einigen kindgerechten Begebenheiten oder Gleichnissen.

    Bei der zweiten Frage merken wir vielleicht schon, dass es schwieriger als bei anderen Büchern wird, bei denen der Autor auf dem Umschlag steht. Sagen wir „Die Bibel wurde von Gott geschrieben“, wird das Kind – und ich gebe zu, es ist ein ziemlich aufgewecktes Kind – vielleicht fragen: „Kann Gott denn auf Papier schreiben?“ “Ja, das hat er so ähnlich einmal gemacht. Aber das meiste haben Menschen geschrieben.“ “Ich dachte, Gott hat es geschrieben.“ „Ja, aber er hat Menschen das dann aufschreiben lassen.“ „Und wie geht das.“ Jetzt bist du dran, Inspiration zu erklären. “Er hat ihnen das eingegeben.“ “Wie geht dass denn?“ Wir merken schon, dass ist gar nicht so einfach, wie wir uns gedacht haben. “Und hat das nur einer geschrieben? Oder waren das mehr?“ Es gibt wohl noch eine ganze Menge zu erklären.

    „Und hat es dann nur ein Buch gegeben? Ist es das hier?“ „Anfangs ja, nein, das ist kompliziert. Eigentlich gab es anfangs gar kein Buch. Und genau genommen, ist es gar kein Buch, sondern eine Sammlung von Schriften.“ „Aber du hast doch gesagt, dass es ein Buch ist.“ „Ja, so nennen wir das. Aber das Schreiben hat ja weit über eintausend Jahre gedauert.“ „Also einer hat angefangen, und die anderen haben immer weitere Seiten geschrieben?“ Wir könnten uns diese Geschichte noch viel weiter ausmalen. Irgendwann wird auch mal das Thema Sprache und Übersetzungen kommen. Und wer diese Sachen dann zusammengestellt hat – und damit sind wir beim Kanon der christlichen Schriften.

    Und vielleicht fragen wir uns dann selbst irgenwann, woher wir wissen, dass der Text, den wir vor uns haben, von Gott stammt und wir ihn genau so vorliegen haben, wie er das möchte. Nicht mehr und nicht weniger, oder? Zumindest sollten wir uns das fragen, wenn wir unseren Glauben und unser Leben auf dieser Grundlage aufbauen.

    Ich weiß, dass mancher jetzt am liebsten vielleicht nicht mehr weiter machen möchte. Langweilig wird es nicht, kann ich dir versprechen. Aber vielleicht spüren wir ein Unbehagen, eine unterschwellige Angst, dass an einem Fundament unseres Glaubens gerüttelt wird. Und das kann Angst machen. Und es kann gut sein, dass dir manche Fakten, über die wir sprechen werden, anfangs unangenhem sind. Mir ging es nicht anders. Aber es ist wie beim Zahnarzt, wenn er mit etwas Kaltem den Zahn prüft. Hier ist Schmerz mal etwas Gutes: Du weißt, der Nerv im Zahn lebt noch. Und wenn es im Laufe dieser Serie anfangs mal etwas weh tut, ist das so ähnlich: Was deinen Glauben betrifft, ist noch Leben drin.

    Warum eine solche Überprüfung der Grundlage unseres Glaubens so wichtig ist, wird aus einem Gleichnis Jesu deutlich:

    “Darum gleicht jeder, der auf diese meine Worte hört und sie befolgt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, stürzt es nicht ein, denn es ist auf Felsen gegründet. Doch wer meine Worte hört und sich nicht danach richtet, gleicht einem unvernünftigen Mann, der sein Haus einfach auf den Sand setzt. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, bricht es zusammen und wird völlig zerstört.

    (Matthäus 7:24-27 NEÜ)

    Jesus wollte damit zwar erklären, warum entsprechendes Handeln notwendig ist. Es trifft aber ebenso auf die Grundlagen unseres Glaubens zu: Wenn das Fundament nicht solide ist, kann das ganze Glaubensgebäude einstürzen. Und wer selbst schon einmal erlebt hat, wie das eigene Glaubensgebäude zusammenbrechen kann, weil vieles aus Lehren von Menschen bestand, könnte bei einem schlechten Fundament vielleicht sogar seinen Glauben ganz verlieren.

    Die Bibel ist doch das Fundament unseres Glaubens, oder nicht? Und was ist mit der Überlieferung über die Jahrhunderte durch die Kirche? Schon haben wir eine weitere interessante Frage. Und so wie der eine das spontan ablehenen würde, kann ein anderer es für selbstverständlich halten – und viele haben sich darüber wohl kaum Gedanken gemacht haben. Aber all das ist unbewusst unser Kontext, mit dem wir in der Bibel lesen. Fassen wir einmal einige dieser – zum Teil unbewussten – Überzeugungen in einem Satz zusammen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Diese Aussagen wollen in dieser Serie einmal anhand des Textes der Bibel und der historischen Fakten überprüfen. Dabei werden wir nicht einfach nur Dinge in Frage stellen oder Zweifel säen, sondern nach einem stabilen, robusten, auf Fakten beruhenden Fundament suchen. Es wird immer um konkrete Fragen gehen, die wir ganz konkret untersuchen, um konkrete Antworten zu finden, auch wenn diese manchmal nicht so simpel sind, wie wir das vielleicht lieber hätten.

    Das ist auch deswegen so wichtig, weil manche Behauptungen über die Bibel und Gott den Tatsachen nicht standhalten und das dann der Bibel oder Gott zur Last gelegt wird – obwohl die Behauptung gar nicht von Gott stammt und in der Bibel zu finden ist. Damit bringt man die Bibel oder Gott nur unnötig in Misskredit.

    Fangen wir zuerst einmal mit einer grundsätzlichen Beobachtung an: Wenn du in deiner Bibel liest, liest du dann genau das, was Gott gesagt hat oder hat aufschreiben lassen? Wieviele Annahmen stecken schon in dieser Überlegung? Ist dir bewusst, was alles zwischen Gott und dem Text steht, den du liest?

    Einige der Punkte, die beim Lesen der Bibel zu berücksichtigen sind

    Das Diagramm hier soll verdeutlichen, was alles zwischen Gottes Gedanken oder Absichten und dem Text, den du in deiner Bibel liest, liegt:

    • Zum Teil mündliche Überlieferung wie bei Teilen das ‚alten Testaments‘ oder den Evangelien
    • Der Schreiber, also ein Mensch, der Worte und Sätze erhielt oder bildete und niederschrieb – die Autographen.
    • Diejenigen, welche die Autographen abschrieben und Kopien der Kopien herstellten.
    • Diejenigen, welche im Laufe vieler Jahrzehnte den Kanon der Bibel festlegten, also welche Schriften in ‚der Bibel‘ enthalten sind.
    • Verschiedene Manuskripte, die Unterschiede aufweisen.
    • Die Texte wurden in verschiedenen Kulturen und Sprachen geschrieben, die Jahrtausende alt sind.
    • Die Texte aus den verschiedenen, unterschiedlichen Manuskripte wurden aus einer anderen Sprache und Kultur in deine Sprache übersetzt. Verschiedene Übersetzungen enthalten einen unterschiedlichen Wortlaut.
    • Du hast deinen eigenen kulturellen Hintergrund und Verständnis der Sprache, in der du die Bibel liest.

    All das und noch mehr muss berücksichtigt und beachtet werden, wenn wir die Bibel in unserer Sprache heute lesen.

    „Aber Gott hat das doch so geleitet, dass die Bibel uns genau überliefert worden ist.“ Ist das nicht ein Teil der Aussage, die ich vorhin vorgestellt habe? Vielleicht hast du aber auch die Befürchtung, die in einem Kommentar zu meinem Video Die letzte Generation zum Ausdruck kam. Im Video hatte ich gesagt, dass der Teil in Matthäus 24:3, welcher nicht in Markus und Lukas genannt wird, aus guten Gründen vermutlich nicht im Autograph vorhanden war. Ein Kommentar war dann:

    „Zu behaupten, dieser sogenannte Zusatz, „…was ist das Zeichen deiner Ankunft und das Ende der Weltzeit“, dass dieser nicht echt sein soll, ist nicht nur gewagt, sondern auch sehr gefährlich. …
    4. Weil dieses Gedankenspiel, einen Geist der Unsicherheit einflößt, der den Glauben an die Echtheit der Heiligen Schrift zu zerstören droht. Was muss man da noch anzweifeln in der Bibel, was echt ist usw.?! Wenn wir uns nicht mehr sicher sind, dass uns das Wort Gottes treu überliefert wurde, dann ist das ein sehr gefährlicher Weg, den wir da einschlagen. Wir zweifeln dann an der Echtheit des Wortes Gottes und auch daran, dass Gott nicht fähig wäre, Sein geschriebenes Wort bis heute zu bewahren.“

    Teil eines Kommentars zum YouTube Video Die letzte Generation

    Diese Befürchtung verstehe ich voll und ganz, weil ich sie auch hatte. Und viele andere in den letzten Jahrhunderten auch. Deswegen wollen wir jetzt auch kein ‚Gedankenspiel, das einen Geist der Unsicherheit einflößt‘ durchführen. Sondern die Fakten prüfen, um ein gesichertes Fundament auf Stein zu finden. Und genau das werden wir auch finden. Es kann sein, dass dir dieser Gedanke im Moment zu viel Angst einflößt. Aber Ignorieren und Leugnen hilft ja auch nicht. Vielleicht findest du später die Stabilität, dieses Thema anzugehen.

    Im nächsten Teil der Serie lassen wir zuerst einmal den Text der Bibel selbst sprechen.

  • Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas lässt ein (Bibel)Buch verschwinden – Teil 2

    Von Christian


    Im ersten Teil (Text, Video) haben wir gesehen, wie die Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas das Buch Kommentar zum Jakobusbrief in der digitalisierten Welt hat verschwinden lassen. In den vielen Kommentaren zu dem Video gab es auch eine Anmerkungen, auf die ich jetzt eingehen möchte.

    „Das kann nicht der Grund sein“

    Einer der Kommentare war: Dass Edward Dunlap der Autor des Buches war, der wegen ‚Abtrünnigkeit‘ ausgeschlossen wurde und das Buch deswegen verschwand, das kann nicht der Grund sein.

    Daher habe ich einmal alle Jahre seit 1970 übrprüft, ob noch andere Bücher nicht in die Online-Bibliothek aufgenommen wurden. Natürlich werden die Bücher irgendwann nicht mehr neu gedruckt. Vor einiger Zeit gab es ja sogar einen Brief (sprich Anweisung) der Leitenden Körperschaft an die Ältesten, Bestände älterer Literatur zu vernichten.

    Die anderen Bücher seit 1970 sind aber durchaus alle in der Online-Bibliothek enhtalten. Also Teil des ’spirituellen Erbes’ sozusagen. Daraus kann nun jeder selbst seine Schlüsse ziehen.

    Das Offenbarungs-Buch von 1988 war eine Zeit lang nicht online verfügbar. Mittlerweile ist es als Auflage 2006 in die Bibliothek. Auch andere Bücher sind jetzt in neuer Auflage online verfügbar – also in der Regel gegenüber dem gedruckten Buch verändert. Einige erinnern sich vielleicht noch an die Verwirrung in den Zusammenkünften, wenn einige die gedruckten Bücher verwendeten, andere die ausgedruckten Korrekturen und später dann die ständig aktualisierte Ausgabe in der JW Library. Ich habe als Wachtturm-Studienleiter einmal den Scherz gemacht, dass ich hoffe, dass während des Wachtturm-Studiums keine Aktualisierung des Artikels verfügbar ist …

    Und schließlich gibt es noch die Bücher, welche regelmäßig ersetzt wurden. Die Bücher für Bibelstudien zum Beispiel. Aber auch die Organisiert-Bücher (bzw. vorher Broschüren und Buch-Anhänge) – mit teils erheblichen Änderungen im Text.

    Aber mir war noch eine ganz andere Frage in den Sinn gekommen…

    Verwendet die Organisation überhaupt noch das Bibelbuch Jakobus?

    Diese Frage stellte sich mir, als ich über die letzten Jahre nachdachte. Konnte ich mich erinnern, dass aus Jakobus überhaupt noch zitiert wurde. Wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, kannst du dich daran erinnern, dass aus Jakobus zitiert wurde?

    Da wollte ich mich nicht auf die vage Erinnerung oder ein Gefühl verlassen. Nun gut, es kam halt der Analytiker in mir durch. Und da müsst ihr jetzt mit durch. Aber keine Sorge, ich präsentiere nur die Ergebnisse.

    Wie oft wurde aus Jakobus zitiert?

    Also habe ich das Schrifstellenverzeichnis im deutschen Index von 1945-1985 und 1986-2022 analysiert. Der englische Index reicht noch bis 1930 zurück, aber das macht hier keinen Unterschied. Zuerst schauen wir einmal, ob die Zahlen so stimmen. Jakobus hat 5 Kapitel und 108 Verse. Wie oft wird wohl pro Jahr daraus zitiert?

    Tatsächlich wird diese Zahl won 108 Version im jähr 1979 sogar überschritten. In diesem Jahr wurde der Kommentar zum Jakobusbrief veröffentlicht, der alle Verse behandelt. Das passt also.

    1997 sind es dann immerhin noch 102 Zitate. In drei Studienartikeln des Wachtturms w97 15.11. wird der komplette Jakobusbrief abgehandelt. Wenige Seiten anstelle eines ganzen Buches. Na ja. Da schauen wir uns mal den Schluß an.

    Wie beginnt Absatz 22?

    „Der Brief des Jakobus enthält für jeden von uns nützliche Gedanken.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 22

    Dann müsste eigentlich auch fleißig aus diesem Buch zitiert werden, oder? Das ist aber in den meisten der letzten 80 Jahre nicht der Fall. Wie fasst die Leitende Körperschaft die Betrachtung des Buches Jakobus zusammen?

    „Es stimmt zwar, daß der Brief des Jakobus ursprünglich für die damaligen gesalbten Christen bestimmt war. Doch wir alle sollten uns durch den darin enthaltenen Rat helfen lassen, an unserem Glauben festzuhalten. Die Worte des Jakobus können unseren Glauben so sehr stärken, daß er uns zu entschiedenem Handeln im Dienst für Gott veranlaßt. Und dieser von Gott inspirierte Brief läßt uns einen beständigen Glauben entwickeln, der uns heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus, zu geduldigen, ernsthaften Zeugen Jehovas macht.“

    w97 15.11. S.24 Abs. 23

    Der Absatz beginnt mit „Es stimmt zwar …“, doch am Ende habe ich mich gefragt: Stimmt irgendetwas von dem, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas in diesem Absatz schreiben lies und damals weltweit im Wachtturm-Studium jedem Zeugen vorgelesen wurde?

    • Nein, es stimmt nicht, dass der Brief des Jakobus im ersten Jahrhundert an die eine Gruppe von Christen geschrieben wurde, heute aber auch für die überwiegende Mehrheit der Zeugen, die sogenannten ‚anderen Schafe‘ gilt. Denn die Lehre der himmlischen und irdischen Hoffnung, ‚gesalbter Überrest‘ und ‚andere Schafe‘ stammt nicht aus der Bibel sondern der Feder J.F. Rutherfords. (siehe z.B. Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘)
    • Und war es nicht genau dieser Punkt, weswegen man zwei Jahre nach Veröffentlichung des Kommentar zum Jakobusbrief im Wachtturm 1981 ‚Fragen von Lesern‘ einen Widerruf veröffentlichte (w81 15.4. S. 31), mit dem Inhalt, dass diese Lehre immer noch gilt? Dort wurde nachträglich der Begriff ‚gesalbte Christen‘ in den Buchtext eingeführt, um das Buch an die Lehre anzupassen. Das war sicher auch ein Grund, neben dem Gemeinschaftsentzugs dessen Autors, warum das Jakobus Buch in Ungnade fiel.
    • Zum Begriff ‚gesalbte Christen‘ gibt es bald auch ein Video. Du ahnst vermutlich schon, dass damit auch etwas nicht stimmt.
    • Natürlich darf nicht der ‚Hinweis‘ auf „entschiedenes Handeln im Dienst für Gott” fehlen. Also der übliche subtile Leistungsdruck, der ständig ausgeübt wurde. Wo steht in Jakobus etwas von „entschiedenem Handeln im Dienst für Gott”, was jeder Zeuge mit dem Predigtdienst verbinden wird? Was sagt denn Jakobus wirklich? Jakobus 1:27 gemäß der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas: „Die Art Anbetung,* [Fn. Oder die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Fn. Oder Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.“ Und das ist ein Text, der oft verwendet wird, wie wir gleich sehen werden.
    • Dass danach gleich der Hinweis auf „heute, während der „Gegenwart des Herrn“ Jesus Christus“ folgt, ist auch ein wiederkehrendes Muster. Es begründet und erhöht das ‚Dringlichkeitgsbewußtsein‘, weil damit ja nicht mehr viel Zeit bleibt für das „entschiedene Handeln im Dienst für Gott“. Nur sagt das Bibelbuch Jakobus nicht, dass „heute“ – also vor rund 25 Jahren – Jesus unsichtbar gegenwärtig ist. Eine weitere zentrale Lehre an der die Leitende Körperschaft eisern festhält, obwohl sie den Fakten nicht standhält (siehe Wahre Anbetung identifizieren, Teil 5: 1914 – Eine Überprüfung der Lehre der Zeugen Jehovas und das Buch “Die Zeiten der Heiden neu überdacht”).
    • Und warum wird man damit zu einem „ernsthaften Zeugen Jehovas“? Wo soll das in Jakobus stehen?
    • Mir fiel auch das Wort „geduldig“ auf. Nicht nur, weil das Motto der Kongresse 2023 der Zeugen Jehovas „Übt Geduld“ ist. Der Kongress beginnt mit: VORTRAG DES VORSITZENDEN: Übt Geduld – warum? (Jakobus 5:7, 8; Kolosser 1:9-11; 3:12) Und tatsächlich wird Jakobus zitiert. Aber was lesen wir dort? Jakobus 5:7 „ Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn!“ (Elberfelder). Bis zur Ankunft des Herrn! Aber der Herr ist doch laut Lehre der Leitenden Körperschaft schon gegenwärtig seit 1914! Also hat sich dieser Hinweis des Jakobus doch erledigt, oder? Aber der Wachtturm ist ja auch schon wieder ein Vierteljahrhundert alt.
    • Und ist dir aufgefallen, dass in dem zusammenfassenden letzten beiden Absätzen nicht auch nur eine Aussage mit dem Hinweis auf einen Bibeltext untermauert wird?

    Aber eigentlich wollte ich mich ja auf die Verwendung des Bibelbuchs Jakobus konzentrieren und nur mal kurz in den Wachtturm-Artikel schauen … .

    Die 59 Referenzen im Jahr 1990 führen überwiegend zu den beiden Bänden Einsichten über die Heilige Schrift. Im Jahr 1962 waren es wenige Artikel im Wachtturm und Erwacht, in denen Jakobus betrachtet wurde. Jakobus schien aber in dieser Zeit durchaus gern zitiert worden zu sein. Ebenso in den Jahren vor 1979, der Veröffentlichung des verschwundenen Buches.

    Erstaunlich ist allerdings, dass seit 2000 für 20 Jahre eine regelrechrecht Flaute ist.

    Rund 10 Referenzen in 20 Jahren nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder verwendet. Davor viele Jahre überhaupt nicht. Mein Eindruck ist, dass inm letzten Vierteljahrhundert Jakobus für die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas keine Rolle mehr spielte. Und dass ich mich an die Verwendung nicht mehr erinnern konnte, stimmte also.

    Welche Verse werden häufig, welche gar nicht zitiert?

    In einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wurde jeder Vers betrachtet. Selbst die 3 Artikel im Wachtturm 1997 15.11. schaffen es irgenwie, auf fast alle Verse zu verweisen. Aber wie wurden die einzelnen Verse aus Jakobus sonst in der Literatur der Zeugen Jehovas verwendet?

    Auf den ersten Blick stechen da einige wenige Verse hervor. Es gibt wenige Verse, die viel häufiger als andere verwendet werden. Dahinter steckt einige gewisse Methodik, die wir erkennen werden, wenn wir uns diese Verse gleich einmal anschauen. Ein Vers, der in dieser Grafik mit nur 2 Verwendungen erscheint, wurde außer im Kommentar zum Jakobusbrief und dem einen Wachtturm 1997 sonst nie in 80 Jahren verwendet!

    Schauen wir uns also zuerst einmal einige der am meisten zitierten Texte an. Jetzt bitte noch nicht spicken. Versuch doch einmal, dich zu erinnern, wenn du ein Zeuge Jehovas bist oder warst, welche Texte dir so einfallen.

    Die am häufigsten zitierten Verse

    Wie man sieht, werden ganze 3 Verse sehr häufig verwendet, und dann nimmt es steil ab.

    Jakobus 1:27

    Die Art Anbetung,* [Oder: die Religion] die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und makellos ist, sieht so aus: nach Waisenkindern und Witwen in ihrer Not* [Oder: Drangsal] zu sehen und unbefleckt von der Welt zu bleiben.

    Jakobus 1:27 NWÜ 2018

    Die Form der Anbetung, die vom Standpunkt unseres Gottes und Vaters aus rein und unbefleckt ist, ist diese: nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen und sich selbst von der Welt ohne Flecken zu bewahren.

    Jakobs 1:27 NWÜ

    Dieser Text wird ganz oft wegen dem letzten Teil verwendet: Haltet euch getrennt von der bösen Welt, kein enger Umgang mit Weltmenschen. Aber was hat Jakobus wohl gemeint, wenn er davon sprach, “nach Waisen und Witwen in ihrer Not zu sehen”? Vermutlich dies:

    Was aber, wenn Ältere die Zusammenkünfte nicht besuchen können? Wie Jakobus 1:27 zeigt, gehört es zu unserer Pflicht, „nach Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu sehen“. Das mit „sehen nach“ übersetzte griechische Verb bedeutet unter anderem auch „besuchen“ (Apostelgeschichte 15:36). Wie sehr doch die Älteren unsere Besuche schätzen!

    w04 15. 5. S. 19 Abs.17

    Gab es im ersten Jahrhundert nicht Sammlungen von Spenden, um die verarmten Brüder und Schwestern zu unterstützen? War das nicht die zweite Hauptaufgabe, die man Paulus übertragen hatte? Und was führt die Organisation der Zeugen Jehovas heute nicht durch und verbietet es Ältesten, dies offiziell als Versammlung zu tun? Wenn jetzt jemand an die Hilfsaktionen bei Katastrophen denkt, der sollte sich mal genau anschauen, wo diese Dinge herkommen. Und an wen die Erstattungen von Versicherungen später fließen sollen …

    Jakobus 4:4

    Ihr Ehebrecherinnen* [Fn. „Ehebrecherinnen“. Gr.: moichalídes; lat.: adụlteri, „Ehebrecher“.], wißt ihr nicht, daß die Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer immer daher ein Freund der Welt sein will, stellt sich als ein Feind Gottes dar.

    Jakobus 4:4 NWÜ

    „Kein Freund der Welt sein“. Das wird genauso häufig zitiert wie Jakobus 1:27. Und im Sinne von: Keine Freunde in der Welt haben. Sonst bist du ein Feind Gottes. Geht es in diesem Text bei ‚Welt‘ denn überhaupt um Menschen? Oder etwas anderes? „Hängt euer Herz nicht an die Welt und an nichts, was zu ihr gehört! Wenn jemand die Welt liebt, hat die Liebe des Vaters keinen Platz in ihm.” (1. Joh. 2:15 NEÜ)

    Nebenbei bemerkt: Es überrascht auch nicht, dass hier gerne das Femininum des Griechischen stehen gelassen wird, und nicht das Maskulinum der lateinischen Übersetzung. Aber das ist ein anderes Thema.

    Jakobus 5:14

    Ist jemand unter euch krank? Er rufe die älteren Männer der Versammlung zu [sich], und sie mögen über ihm beten und [ihn] im Namen Jehovas mit Öl einreiben.

    Jakobus 5:14 NWÜ

    Dieser Text darf in keiner Rechtskomitee Verhandlung fehlen. Und deswegen wird er auch so häufig zitiert. Zum Beispiel ganz aktuell im Online-Bibelkurs von 2021:

    Jehova möchte, dass wir die Ältesten der Versammlung zu uns rufen, wenn wir eine schwere Sünde begangen haben. (Lies Jakobus 5:14, 15.)

    Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs S. 237

    Spricht denn Jakobus in 5:14 davon, dass die Person eine Sünde begangen hat? Also eine ‚schwere Sünde‘, wie es im Text aber nicht in der Bibel heißt. Der Kontext ist Jakobus 5:13-15 und endet so: „Und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden.“ (Jakobus 5:15 NWÜ) Wir sollten immer den Kontext lesen und genau lesen, was geschrieben steht.

    Jakobus 1:5

    Wenn es also einem von euch an Weisheit fehlt, so bitte er Gott unablässig, denn er gibt allen großmütig und ohne Vorwürfe zu machen; und sie wird ihm gegeben werden.

    Jakobus 1:5 NWÜ

    Das wird gerne in Bezug auf alle möglichen Dinge zitiert. Aber im Kontext geht es um eine besondere Situation. Das wurde im Jakobus-Buch noch gut erklärt: „Die Weisheit, um die Christen bitten, ist die Weisheit, so zu leben, daß sie Gott in jedem Bereich ihres Lebens Wohlgefallen, besonders unter Prüfungen.

    Jakobus 3:17

    Die Weisheit von oben aber ist vor allem keusch, dann friedsam, vernünftig, zum Gehorchen bereit, voller Barmherzigkeit und guter Früchte, nicht parteiische Unterschiede machend, nicht heuchlerisch.

    Jakobus 3:17 NWÜ

    Dieser Text enthält so viele wertvolle Gedanken, dass er durchaus häufig verwendet werden kann. Ein Beispiel:

    14 „Zum Gehorchen bereit“. Das griechische Wort für „zum Gehorchen bereit“ kommt nirgendwo sonst in den Christlichen Griechischen Schriften vor. Einem Gelehrten zufolge wird dieser Ausdruck „oft für militärische Disziplin gebraucht“. Er vermittelt den Gedanken „leicht zu überzeugen“ und „fügsam“ zu sein. Wer sich nach der Weisheit von oben ausrichtet, fügt sich bereitwillig dem, was die Bibel sagt. Er gilt nicht als jemand, der für keinerlei Gegenargumente offen ist, nachdem er eine Entscheidung getroffen hat. Vielmehr wird er sich ohne Weiteres revidieren, wenn ihm anhand der Bibel klar dargelegt wird, dass er einen verkehrten Standpunkt eingenommen oder irrige Schluss­folgerungen gezogen hat. Stehst du in diesem Ruf?

    Komm Jehova doch näher S. 224 Abs. 14

    Ein Wort, das nur einmal in der Bibel vorkommt – dann ist die Interpretation oft schwierig. Ist aber eigentlich ein schönes Zitat für diejenigen Zeugen Jehovas, die sich auf keine Gespräch anhand der Bibel einlassen wollen.

    Jakobus 5:16

    Bekennt also einander offen eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Flehen eines Gerechten hat, wenn es wirksam ist, viel Kraft.

    Jakobus 5:16 NWÜ

    Oft wegen dem Gedanken zitiert, füreinander zu beten. Aber auch so:

    Wann ist es angebracht, daß Christen einander ihre Sünden bekennen? Im Fall einer schweren Sünde (nicht bei jedem geringfügigen Fehler) sollte jemand gegenüber verantwortlichen Aufsehern der Versammlung ein Bekenntnis ablegen. Selbst bei einer nicht so schwerwiegenden Sünde ist es von großem Wert, eine solche zu bekennen und um geistige Hilfe zu bitten, wenn das Gewissen des Sünders sehr beunruhigt ist.

    w91 15. 3. S. 6-7

    Würdest du sagen, dass dieser Gedanke Jakobus 5:16 im Sinne einer Exegese entspringt? Oder wurde da etwas eisegetisch hineininterpretiert?

    Verse, die fast nie zitiert werden

    Interessant sind natürlich auch Bibeltexte, die nie oder fast nie zitiert werden. Sind sie vielleicht nicht so wichtig? Vielleicht nur Grüße an Christen im 1. Jahrhundert? Aber es könnten ja auch interessante Texte sein, welche die Organisation lieber nicht erwähnt sieht.

    Die am wenigsten zitierten Verse sind diese:

    • Jakobus 3:12 Ist nur im Jakobus Buch und Wachtturm 1960 einmal zu finden. Kontext ist Jakobus 3:8 ‚Zunge‘.
    • Jakobus 2:11 Beispiel für V10, nur in Jakobus Buch und w97 Zusammenfassung
    • Jakobus 2:6 „Ihr aber habt den Armen entehrt. Bedrücken euch etwa nicht die Reichen, und schleppen nicht sie euch vor Gerichtshöfe?“ Nur im Jakobus Buch und w97 und g62. Erinnernt einen schon daran, dass die verschiedenen Einrichtungen der Organisation vermehrt Verlage, sogenannte Abtrünnige und andere wegen Aussagen oder Copyright Verletzungen verklagen.
    • Jakobus 1:16 „Laßt euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder.“ Nur im Jakobus Buch findet sich die schöne Erklärung.
    • Jakobus 4:9,10 „Gebt dem Elend Raum und trauert und weint. Euer Lachen wandle sich in Trauer und [eure] Freude in Niedergeschlagenheit. Erniedrigt euch in den Augen Jehovas, und er wird euch erhöhen.“ Passt vermutlich nicht zu dem Narrativ, dass Jehovas Zeugen die glücklichsten Menschen auf der Welt sind.
    • Jakobus 5:4, 5 „Seht! Der Lohn, der den Arbeitern zusteht, die eure Felder abgeerntet haben, den ihr aber zurückbehalten habt, schreit fortwährend, und die Hilferufe der Schnitter sind zu den Ohren Jehovas* der Heerscharen gedrungen. Ihr habt auf der Erde in Luxus gelebt und habt an sinnlichem Vergnügen Gefallen gefunden.* [Wtl.: „und ihr lebtet (benahmt euch) üppig“.]“ Wie viele Zeugen Jehovas leben in sehr einfachen Verhältnissen, weil sie so kurz vor dem Ende auf eine ‚höhere Bildung‘ aus Ausbildung verzichtet haben, lange im Vollzeitdienst standen oder im Bethel waren und dann vor ein paar Jahren im fortgeschrittenen Alter ausgemustert wurden? Was hätte Jakobus gesagt, wenn er dagegen zum Beispiel Bilder der neuen Weltzentrale in Warwick anschaut oder auf den Videos die Leitenden Körperschaft mit goldenen Ringen, teuren Uhren usw. gesehen hätte.

    Es gibt dann auch noch ein paar sehr selten verwendete Texte, die wirklich zu Diskussionen geführt hätten.

    Lästern nicht sie den vortrefflichen Namen, nach dem ihr genannt worden seid?

    Jakobus 2:7 NWÜ

    Das hätte durchaus zu Verwirrungen führen können. Denn welcher Name ist hier gemeint? Jehova? 1. Petrus 4:14 „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig ⟨seid ihr⟩! Denn der Geist der Herrlichkeit und Gottes ruht auf euch“ (Elberfelder). Was auch zur Taufe im Namen Christi passt.

    Dennoch wird jemand sagen: „Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich werde dir meinen Glauben durch meine Werke zeigen.“

    Jakobus 2:18 NWÜ

    Erstaunlich, dass dieser Vers nur hier verwendet wurde: w97 15. 11. 15; cj 80-3; w74 1. 4. 212-13 Glaube ohne Werke ist tot; g62 22. 1. 3 Vielleicht liegt es ja am zweiten Teil: „Und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken beweisen.“ (NEÜ). Aber vielleicht wurde auch immer nur einer der Texte zum Thema Werke immer wieder ausgewählt.

    Denn wenn ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern und in prächtiger Kleidung in eure Zusammenkunft kommt, ein Armer aber in unsauberer Kleidung ebenfalls kommt, …

    Jakobus 2:2 NWÜ

    Ein Mann mit goldenen Ringen an den Fingern …. Nun ja, den einen oder anderen Goldring oder teure Uhr hat man im JW Broadcasting schon mal gesehen ….

    Weitere kaum zitierte Texte

    Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist, und ein anderer bringt ihn zur Umkehr, so wißt, daß der, der einen Sünder vom Irrtum seines Weges zurückführt, seine Seele vom Tod retten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

    Jakobus 5:19,20 NWÜ

    Vers 19 wurden nur hier zitiert: w97 15. 11. 24 cj 214-16 w72 1. 11. 658 or 159 w61 1. 8. 464 w51 1. 7. 203

    Wie verhält es sich, wenn jemand aus der Versammlung „von der Wahrheit weg in die Irre geführt worden ist“, weil er sich von den wahren Lehren und von dem richtigen Lebenswandel abgewandt hat? Vielleicht können wir ihn durch biblischen Rat, durch Gebete und durch andere Hilfe veranlassen, sich von seinem Irrtum abzuwenden.

    w97 15.11. S.24 Abs. 21

    Das scheint doch völlig der aktuellen Richtlinie der Ausgrenzung und des Meidens zu widersprechen. Also wird der Text ignoriert.

    Wurde nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerechtgesprochen, nachdem er Ịsa·ak, seinen Sohn, auf dem Altar dargebracht hatte?

    Jakobus 2:21 NWÜ

    Vermutlich wurde dieser Text praktisch nicht verwendet, weil Abraham dort als ‚unser Vater‘ (‚unser Stammvater‘ NEÜ) bezeichnet wird. Im Einsichten Buch (it-1 S. 1267) wird daher Galater 3:29 herangezogen, um zu begründen, dass Jakobus hier nicht Juden anspricht, sondern alle. Sonst wird der Text einfach nicht zitiert.

    Meine Brüder, ihr habt doch nicht etwa den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, unserer Herrlichkeit, [und handelt dabei] mit Taten der Parteilichkeit?

    Jakobus 2:1 NWÜ

    Vergleichen wir das einmal mit einer repräsentativen anderen Übersetzung:

    Meine Brüder, habt den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit [o. habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit], ohne Ansehen der Person!

    Jakobus 2:1 Elberfelder

    Alle von mir überprüften Übersetzungen (deutsch, englisch, interlinear) sprechen von unserem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Bis auf die alte King James Version. Die Betonung des Glaubens – nicht an Jehova – sondern an Jesus, der auch noch als unser Herr der Herrlichkeit bezeichnet wird, passt seit Jahrzehnten nicht mehr in das Programm der Leitenden Körperschaft. Also wird auch dieser Text ignoriert. Sonst könnte man ja auch bei diesen selten zitierten Texten verwirrt werden:

    Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen wird, …

    Jakobus 1:7 Elberfelder

    statt dass ihr sagt: Wenn der Herr will, werden wir sowohl leben als auch dieses oder jenes tun.

    Jakobus 4:15 Elberfelder

    In beiden Texten ist übrigens das ‚Herr‘ im Urtext in der Neue-Welt-Übersetzung natürlich durch ‚Jehova‘ ersetzt.

    Übt auch ihr Geduld; befestigt euer Herz, denn die Gegenwart des Herrn hat sich genaht.

    Jakobus 5:8 NWÜ

    Dieser Text befand sich fast 25 Jahre im Dornröschenschlaf, bis er zum Kongress 2023 wieder entdeckt wurde. Schon im Wachtturm 1999 wurde betont, dass Geduld notwendig ist, während wird ‚auf Jehova warten‘. Nun eigentlich geht es im Text ja um die Gegenwart des Herrn. Wobei selbst in der NWÜ hier Herr nicht durch Jehova ersetzt wird. Spricht der Text aber nicht davon, Geduld zu haben vor der Gegenwart des Herrn. Und lehrt die Leitenden Körperschaft nicht, dass diese unsichtbare Gegenwart 1914 begann? Dann muss Jakobus wohl das zweite Kommen (oder Gegenwart) gemeint haben, das wir aber in der Bibel nicht finden.

    Wenn daher jemand weiß, wie er das tun soll, was recht ist, und es doch nicht tut, so ist es ihm Sünde.

    Jakobus 4:17 NWÜ

    Seit über 25 Jahren nicht mehr zitiert. Damals konnte man aber lesen:

    Je umfassender unsere biblische Erkenntnis ist, desto besser ist unser Glaube fundiert. Gleichzeitig sind wir Gott gegenüber in vermehrtem Maß rechenschaftspflichtig. …
    Der Älteste äußerte sich zunächst über die Bedeutung des Bibeltextes und sagte dann: „Obwohl Sie nicht getauft sind, sind Sie rechenschaftspflichtig, und Sie müssen die volle Verantwortung für Ihre Entscheidung tragen.“

    w96 15. 9. S. 17 Abs. 5,6

    Nun, trifft das nicht auch auf alle Zeugen Jehovas zu? Die Leitende Körperschaft weiß, dass viele Lehren nicht biblisch sind und den historischen Fakten widersprechen. Und viele Zeugen Jehovas wissen das mittlerweile auch. Welche Schlußfolgerung ziehen wir für uns aus Jakobus 4:17?

    Hört zu, meine geliebten Brüder! Hat Gott etwa nicht diejenigen, die hinsichtlich der Welt arm sind, dazu auserwählt, reich zu sein im Glauben und Erben des Königreiches, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

    Jakobus 2:5 NWÜ

    Die Elberfelder Bibel spricht in der Fußnote auch von ‚Erben der Königsherrschaft‘. Dieser Text wurde nur in der Jakobus Betrachtung im Wachtturm 1997 gestreift, im Jakobus Buch 1979 erklärt und davor ganze 5 mal erwähnt. Er zeigt ja aber auch, dass es nur eine Hoffnung für alle Christen gibt. Interessanterweise wird dies auf S. 65 des Jakobus Buches auch so formuliert. Vermutlich ist das Buch also auch deswegen nicht mehr erhältlich, weil es keine Unterscheidung zwischen ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ macht.

    Wir könnten hier noch mehr Verse analysieren, aber ich denke, das reicht jetzt erst einmal, um einige Schlußfolgerungen ziehen zu können.

    Zusammenfassung

    Was hat unsere Analyse ergeben?

    • Von den seit 1970 erschienenen Büchern der Wachtturm Gesellschaft findet man alle in der Online Bibliothek. Mit Ausnahme des Organisiert-Buches, welches durch das Organisations-Buch ersetzt wurde. Und eben den Kommentar zum Jakobusbrief.
    • Das Bibelbuch Jakobus wird relativ wenig verwendet. Häufig nur im Jahr 1979, als der Kommentar zum Jakobusbrief erschien. Und im Jahr 1997, als im Wachtturm w97 15.11 in nur drei Artikeln der komplette Jakobusbrief behandelt wurde. 1990 finden sich noch einige Referenzen in den beiden Bänden des Einsichten Buches.
    • Seit etwa 25 Jahren wird Jakobus praktisch nicht mehr zitiert. Rund 10 Referenzen nur. Die meisten im Buch Komm Jehova doch näher und dem Organisiert-Buch (od). Erst 2021 in Glücklich – für immer. Ein interaktiver Bibelkurs wird Jakobus wieder etwas verwendet.
    • Es gibt eine handvoll Verse, welche viel häufiger als alle anderen zitiert werden. Sie werden gerne als Trigger verwendet, um bestimmte Lehren und Richtlinien einzuprägen. Betrachtet man den Kontext des Verses, so ist deren Anwendung in der Literatur der Organisation allerdings oft fraglich.
    • Es gibt sehr viele Texte, welche nur im Kommentar zum Jakobusbrief oder w97 15.11. verwendet werden oder höchstens noch wenige Male. Und das in über 75 Jahren! Eine ganze Reihe davon enthält Gedanken, die nicht so recht zu Lehren der Leitenden Körperschaft passen. Oder ist es vielleicht anders herum?
    • Dass der Kommentar zum Jakobusbrief nicht mehr erhältlich ist, hat vermutlich noch einen weiteren Grund. Da dessen Author Edward Dunlop wegen abweichender Ansichten zu einigen Lehren als ‚Abtrünniger‘ um 1980 herum ausgeschlossen wurde, ist einer. Gedruckte Bücher wurden aber von der Organisation wegen den Kosten schon immer noch weiter im Predigtdienst verkauft, sogar wenn der Inhalt überholt war. Ein weitere Grund scheint aber zu sein, dass der Kommentar zum Jakobusbrief sich an das Bibelbuch Jakobus hält und nicht an die Lehren der Organisation. Zum Beispiel hält es sich bei vielen Versen an die Bibel und nicht die Lehre von ‚Gesalbten‘ und ‚anderen Schafen‘ mit einer anderen Hoffnung. In diesem und anderen Punkten ist das Buch einfach zu unbequem und könnte den einen oder anderen Verkündiger vielleicht zum Nachdenken bringen.
    • Wenn aus diesem Grund schon sehr viele Verse praktisch nicht in der Literatur der Organisation verwendet werden, dann will man dies mit einem Buch wie dem Kommentar zum Jakobusbrief wohl auch kaum tun.
  • Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)?

    Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)?

    Von Christian


    Sollten wir uns selbst Christen nennen oder so nennen lassen? Vielleicht hälst du eine Antwort für ganz offensichtlich. Doch es gibt einige gute Gründe, darüber nachzudenken.

    Um einen der Gründe zu erklären, ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, zu erklären, dass ich mich mittlerweile als Muslim fühle.

    Bei vielen Lesern kann ich mir jetzt von Erstaunen bis Entsetzen alles vorstellen. Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich mich als solch eine Person fühle: „Der sich (Gott) Ergebende“ (siehe Wikipedia Artikel). Wenn Menschen in christlich geprägten westlichen Ländern aber hören, dass jemand ein Muslium ist, verbinden sie automatisch eine Reihe von Dingen damit. Mit einem Begriff ist schnell eine Art ‚Schublade‘ verbunden.

    Wir dürfen daher nicht vergessen, dass Milliarden von Menschen bei den Worten Christ oder Christen an die Religion und dann an Kreuzzüge gegen Muslime, Inquisition, Glaubenskriege in Europa, Kolonialismus, den Ausbruch zweier Weltkriege und die Trinität denken. Mit dem Begriff ‚Christ‘ kauft man sozusagen das ganze Paket.

    Ein anderes Extrem wäre, nur aufgrund der Bezeichnung ‚Christ‘ sich gleich schlecht zu fühlen: Denn wer von uns war schon auf einem der Kreuzzüge. Und die meisten dürften selbst zur Zeit der Weltkriege noch nicht einmal geboren gewesen sein. Und nicht jeder glaubt an eine kirchliche Definition der Trinität.

    Ich denke, eines ist aber klar geworden: Wenn man sich Christ nennt, wäre es gut zu wissen, was das bedeutet und welchen Ursprung die Bezeichnung ‚Christ‘ hat. Welche historische und vor allem biblische Grundlage hat diese Bezeichnung? Wie wir sehen werden, trifft dies noch mehr auf die Bezeichnung ‚Gesalbte‘ zu.

    Der erste Hinweis

    Zum ersten Mal taucht der Begriff ‚Christen‘ in Apostelgeschichte 11:26 auf.

    „und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia. Es geschah ihnen aber, dass sie ein ganzes Jahr in der Gemeinde[o. Versammlung] zusammenkamen und eine zahlreiche Menge lehrten und dass die Jünger zuerst in Antiochia Christen genannt wurden.“

    (Apostelgeschichte 11:26 Elberfelder)

    Damit scheint die Frage beantwortet zu sein. Zumindest könnte man sich aber fragen, wer denn die Jünger ‚Christen‘ genannt hatte. Denn gemäß dieser Übersetzung ist die Formulierung im Passiv: Nicht sie selbst gaben sich den Namen, sondern andere nannten sie so. Und was wollten diese mit der Bezeichnung ausdrücken? Was bedeutet im Urtext denn ‚Christen‘?

    Noch spannender wird dieser Text jedoch, wenn jemand die Übersetzung der Zeugen Jehovas liest:

    „So kam es, daß sie ein ganzes Jahr lang mit ihnen in der Versammlung zusammenkamen und eine beträchtliche Volksmenge lehrten, und es war zuerst in Antiọchia, daß die Jünger durch göttliche Vorsehung Christen* genannt* wurden.“ (NWÜ)

    „Sie kamen ein ganzes Jahr lang mit der Versammlung zusammen und lehrten eine ziemlich große Menschenmenge. In Antiọchia war es auch, dass die Jünger durch göttliche Vorsehung erstmals Christen genannt wurden.“ (NWÜ 2018)

    (NWÜ 1986, NWÜ 2018)

    Der Hinweis auf eine ‚göttliche Vorsehung‘ erscheint außer in der Neue-Welt-Übersetzung, der 2001 Translation und Young’s Literal Translation in keiner der etwa 40 von mir überprüften Übersetzungen. Gibt es einen Grund dafür, dass Jehovas Zeugen hier von göttlicher Vorsehung sprechen? Es gibt eine Begründung aufgrund des verwendeten griechischen Wortes. Dazu kommen wir noch. Tatsächlich wurde diese Formulierung aber auch so gewählt und als Begründung verwendet, dass Jehova im 20. Jahrhundert auch durch ‚göttliche Vorsehung‘ dann den Namen Jehovas Zeugen für ‚sein Volk‘ ausgewählt hat. Mehr dazu findet sich im Artikel „Apostelgeschichte 11:26 Durch ‚göttliche Vorsehung‘ Christen genannt?.

    Aber lassen wird doch ganz im Sinne der Exegese oder des lutherischen sola scriptura (“allein durch die Schrift“) nun die Bibel selbst sprechen.

    Exegese

    Die Bedeutung des Wortes ‚genannt‘ χρηματίσαι (chrēmatisai)

    Strong’s Lexikon gibt diese Bedeutung für χρηματίσαι (chrēmatisai) an:

    Von chrema; ein Orakel aussprechen, d.h. eine göttliche Andeutung machen; im Umkehrschluss eine Firma für Geschäfte gründen, d.h. einen Titel tragen. Verwendung „Geschäfte abwickeln, Antworten geben“ Und als Verwendung: „(ursprünglich: Ich mache Geschäfte), (eine) Aktion von Gott: Ich warne; passieren: Ich werde von Gott gewarnt (wahrscheinlich als Antwort auf eine Anfrage nach der eigenen Pflicht), (b) (ich nehme einen Namen von meinem öffentlichen Geschäft an, also) ich bekomme einen Namen, werde öffentlich genannt.“

    Strong’s Greek 5537

    Thayer’s Greek Lexicon beschreibt diese drei Arten der Verwendung:

    1. “Geschäfte abwickeln, insbesondere öffentliche Angelegenheiten regeln; jemanden in öffentlichen Angelegenheiten beraten oder konsultieren; denen antworten, die um Rat fragen, Anfragen oder Bitten vorbringen” usw.; wird von Richtern, Magistraten, Herrschern und Königen verwendet. So heißt es in einigen späteren griechischen Schriften,

    2. denjenigen, die ein Orakel befragen, eine Antwort geben (Diodorus 3, 6; 15, 10; Plutarch, mor, S. 435 c. (d. h. de defect. oracc. 46); mehrmals bei Lukian); daher wird es von Gott in Josephus, Antiquities 5, 1, 14; 10, 1, 3; 11, 8, 4 verwendet; allgemein (ohne Bezug auf eine vorherige Konsultation), um einen göttlichen Befehl oder eine Ermahnung zu geben, um vom Himmel zu lehren ((Jeremia 32:16 ())): mit einem Dativ der Person Hiob 40:3; Passiv gefolgt von einem Infinitiv (A. V. offenbart usw.), Lukas 2:26 (χρηματίζειν λόγους πρός τινα, Jeremia 37:2 ()); Passiv, göttlich befohlen, ermahnt, belehrt werden (R. V. von Gott gewarnt), Matthäus 2,12.22; Apostelgeschichte 10,22; Hebräer 8,5; Hebräer 11,7 (diese passive Verwendung findet sich kaum anderswo, außer bei Josephus, Antiquities 3,8,8; (11,8,4); vgl. Buttmann, § 134, 4; (Winers Grammatik, § 39, 1 a.)); das Sprachrohr der göttlichen Offenbarungen zu sein, die Gebote Gottes zu verkünden, (τίνι, Jeremia 33:2 (); Jeremia 36:23 (): von Mose, Hebräer 12:25 (R. V. gewarnt).

    3. einen Namen aus dem öffentlichen Leben annehmen (Polybius, Diodorus, Plutarch und andere); allgemein: einen Namen oder Titel erhalten, genannt werden: Apostelgeschichte 11,26; Römer 7,3 (Josephus, Antiquities (8, 6, 2); 13, 11, 3; b. j. 2, 18, 7; (c. Apion. 2, 3, 1; Philo, quod deus immut. § 25 am Ende; leg. ad Gaium § 43); Ἀντίοχον τόν Ἐπιφανῆ χρηματίζοντα, Diodorus in Müllers Fragment vol. ii, S. 17, Nr. 21:4; Ἰάκωβον τόν χρηματισαντα ἀδελφόν τοῦ κυρίου, Acta Philippi am Anfang, S. 75; Tdf. Ausgabe; Ἰακώβου … ὅν καί ἀδελφόν τοῦ Χριστοῦ χρηματίσαι οἱ Θειοι λόγοι περιέχουσιν, Eus. h. e. 7, 19; (vgl. Sophokles’ Lexicon, unter dem Wort, 2)).

    Thayer’s Greek Lexicon

    Interessanterweise gibt es hier also zwei Schwerpunkte: Eine öffentliche Bezeichnung oder eine Antwort Gottes.

    Die Verwendung des Wortes ‚genannt‘ χρηματίσαι (chrēmatisai)

    Nachdem wir die Bedeutung des Wortes auch in anderer Literatur betrachtet haben, ist es wichtig, die Verwendung in der Bibel selbst zu betrachten.

    Das in Apostelgeschichte 11:26 verwendete Wort, wird 9 mal in der Bibel verwendet. Hier der Überblick. Die Übersetzung von χρηματίσαι (chrēmatisai) ist jeweils in Fettdruck wiedergegeben. Danach in Klammern [] die Wiedergabe in der Polyglot Internlinear Ausgabe.

    „Und da sie im Traum angewiesen [having been divinely warned]  wurden, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg zurück in ihr Land. “ (Matthäus 2:12 Schlachter 2000)

    „Und auf eine Anweisung [having been divinely warned] hin, die er im Traum erhielt, zog er weg in das Gebiet Galiläas.“ (Matthäus 2:22 Schlachter 2000)

    „Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden [divinely revealed], er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe..“ (Lukas 2:26 Einheitsübersetzung 2016)

    „Sie aber sprachen: Kornelius, der Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, der ein gutes Zeugnis hat bei dem ganzen Volk der Juden, hat von einem heiligen Engel die Weisung erhalten [was divinely instructed], dich in sein Haus holen zu lassen, um Worte von dir zu hören.“ (Apostelgeschichte 10:22 Schlachter 2000)

    „Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte [Were called] man die Jünger zum ersten Mal Christen.“ (Apostelgeschichte 11:26 Einheitsübersetzung 2016)

    „So wird sie nun bei Lebzeiten des Mannes eine Ehebrecherin genannt [she will be called], wenn sie einem anderen Mann zu eigen wird; stirbt aber der Mann, so ist sie vom Gesetz frei, sodass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie einem anderen Mann zu eigen wird“ (Römer 7:3 Schlachter 2000)

    „Diese dienen einem Abbild und Schatten des Himmlischen, gemäß der göttlichen Weisung [was divinely instructed], die Mose erhielt, als er die Stiftshütte anfertigen sollte: »Achte darauf«, heißt es nämlich, »dass du alles nach dem Vorbild machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist!“ (Hebräer 8:5 Schlachter 2000)

    „Durch Glauben baute Noah, als er eine göttliche Weisung empfangen [having been divinely instructed] hatte über die Dinge, die man noch nicht sah, von Gottesfurcht bewegt eine Arche zur Rettung seines Hauses; durch ihn verurteilte er die Welt und wurde ein Erbe der Gerechtigkeit aufgrund des Glaubens. “ (Hebräer 11:7 Schlachter 2000)

    „Habt acht, dass ihr den nicht abweist, der redet! Denn wenn jene nicht entflohen sind, die den abgewiesen haben, der auf der Erde göttliche Weisungen verkündete [divinely instructing [them]], wie viel weniger wir, wenn wir uns von dem abwenden, der es vom Himmel herab tut!“ (Hebräer 12:25 Schlachter 2000)

    Von den 8 anderen Verwendungen des Wortes ist in Römer 7:3 nicht von göttlicher Vorsehung die Rede, in den anderen 7 findet sich eine göttliche Einwirkung, aber immer im direkten Kontext. Dies ist in Apostelgeschichte 11:26 jedoch nicht der Fall. Dazu kommt, dass es immer um eine göttliche Anweisung ging, nicht um eine Benennung. Diese Übersetzung ‚genannt‘ wird aber in Römer 7:3 verwendet, wo keine göttliche Einflußnahme zu erkennen ist.

    Es könnte also der Fall sein, dass Gott hier eine Rolle spielt, aber gesichert ist es nicht.

    Dr. Michael Heiser wies in einem Podcast darauf hin, dass im Griechischen im Satz „In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen“ eine grammatikalische Besonderheit vorkommt, welche die Übersetzung schwierig macht. Die meisten übersetzen daher mit dem Passiv. Die Fachleute für Griechisch diskutieren das, und es könnte eventuell auch übersetzt werden als: „In Antiochia nannten sich die Jünger zum ersten mal selbst Christen.” Was zeigt uns das?

    • Die Übersetzung der zweitausend Jahre alten Sprachen den Bibel ist schwierig und manchmal gibt es Unsicherheiten.
    • Die Jünger Jesu, welche bis dahin als ein Zweig der jüdischen Religion angesehen wurden, wurden so zahlreich, dass man sie von den anderen Juden unterscheiden wollte.

    Da wir die genau Bedeutung nicht sicher bestimmen können, wenden wir uns dem Begriff ‚Christen‘ selbst zu. Wenn Gott diese Bezeichnung tatsächlich veranlasst hätte, müsste der Name selbst ja eine besondere Bedeutung haben.

    Die Bedeutung des Wortes ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous)

    Beginnen wir mit der Erklärung in Strong’s Lexikon zu Χριστιανούς:

    Ein Christ. Von Christos; ein Christ, d.h. ein Anhänger von Christus.

    Strong’s Greek 5546

    Und noch Thayer’s Lexikon:

    Χριστιανός (vgl. Lightfoot on Philip., S. 16 note), Χριστιανου, ὁ (Χριστός), ein Christ, ein Nachfolger Christi: Apostelgeschichte 11,26; Apostelgeschichte 26,28; 1. Petrus 4,16. Der Name wurde den Anbetern Jesu zuerst von den Heiden gegeben, aber ab dem zweiten Jahrhundert (Justin Martyr (z. B. Apologie 1, 4, S. 55 a.; Dialog contra Trypho, § 35; vgl. ‚Lehre etc. 12, 4 [ET])) von ihnen als Ehrentitel akzeptiert. CL Lipsius, Ueber Ursprung u. ältesten Gebrauch des Christennamens. 4to, S. 20, Jen. 1873. (CL Sophocles‘ Lexicon, unter dem Wort, 2; Farrar in Alex.’s Kitto, unter dem Wort; zu den ‚Titeln der Gläubigen im N. T.‘ siehe Westcott, Epistles of St. John, S. 125f; cf. Dict. of Chris. Antiqq., unter dem Wort ‚Faithful‘.)

    Thayer’s Greek Lexicon

    Gemäß den Lexika ist die Bedeutung der Bezeichnung in Apostelgeschichte 11:26 also ein ‚Anhänger von Christus‘. Und diese Bezeichnung wurde ihnen von den Heiden gegeben.

    Kann das wirklich so sein? Das wäre ja etwa so wie ‚Nazarener‘ oder ‚Russeliten‘!

    Also noch einmal Exegese – oder nach Luther sola scriptura

    Die Verwendung des Wortes ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous)

    Die Bedeutung des Wortes für ‚Christen‘ klingt also nicht unbedingt nach einer besonderen göttlichen Vorhersehung. Aber wenn das ein von Gott verwendeter Begriff für Jesu Nachfolger ist, dann sollten wir den doch auch häufig in der Bibel finden, oder? Wie oft kommt ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) in den christlichen Schriften der Bibel vor? Nicht gleich weiter lesen. Was würdest du sagen? Nun, hier ist das Ergebnis:

    „und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia. Es fügte sich, dass sie ein ganzes Jahr lang zusammen in der Gemeinde wirkten und eine stattliche Zahl von Menschen lehrten. In Antiochia wurden die Jünger zum ersten Mal Christen genannt.“
    „Agrippa sagte zu Paulus: Wenig fehlt, und du bringst mich dazu, als Christ aufzutreten.[Andere Übersetzungsmöglichkeit: „…, den Christen zu spielen.“]“
    “Wenn er aber als Christ leiden muss, dann schäme er sich dessen nicht, sondern preise Gott mit diesem Namen.“

    (Apg 11:26; Apg 26:28; 1. Pe 4:16)

    Das sind tatsächlich alle Stellen! Inklusive Apg 11:26 gibt es nur ganze 3 Stellen in der gesamten Bibel! Verwendet ihn einer der Apostel oder anderen Autoren der Briefe als Bezeichnung für anderen Jünger Jesu? Nein. Ganz im Gegenteil. In Apg. 26:28 verwendet Agrippa diese Bezeichnung eher spöttisch. Und wie wird er im 1. Petrus Brief verwendet?

    Niemand von euch soll als Mörder, als Dieb oder als Bösewicht leiden müssen oder weil er ein Auge hat auf das, was dem Nächsten gehört. Wenn er aber als Christ leiden muss, dann schäme er sich dessen nicht, sondern preise Gott mit diesem Namen. Denn die Zeit ist gekommen, da das Gericht beginnt, und zwar beim Haus Gottes; wenn aber zuerst bei uns, wie wird dann das Ende derer sein, die nicht auf das Evangelium Gottes hören?

    (1. Pe 4:15-17 Züricher)

    Im Kontext der Bezeichnung ‚Christ‘ wird hier also von Gericht gesprochen. Und das Leiden als Verbrecher dem als Christ gegenübergestellt. Sowohl in Apg 26:28 also auch 1. Pe 4:16 ist ‚Christ‘ eine offizielle Bezeichnung von Heiden, vielleicht sogar Bezeichnung für eine Gruppe, die zu verurteilen ist.

    Und nur um es noch einmal ganz klar zu machen:

    Wie oft sprach Jesus seine Nachfolger als ‚Christen‘ an?
    0 mal.
    Wie oft sprach Paulus andere als ‚Christen‘ in seinen Briefen an?
    0 mal.
    Wie oft sprachen Petrus und andere in ihren Briefen ihre geistigen Geschwister als ‚Christen‘ an?
    0 mal.
    Wie oft wird der Begriff in den christlichen Schriften überhaupt verwendet?
    3 mal.

    Erst viele Jahrzehnte nach Jesu Tod übernahmen die Nachfolger Jesu diesen Namen – so der Bericht der frühen ‚Kirchenväter‘. In der englischen Wikipedia findet man noch weitere Erklärungen dazu:

    „Kenneth Samuel Wuest ist der Meinung, dass alle drei ursprünglichen neutestamentlichen Verse ein spöttisches Element im Begriff “Christ” widerspiegeln, das sich auf Anhänger Christi bezieht, die den römischen Kaiser nicht anerkennen. Die Stadt Antiochia, in der man ihnen den Namen Christen gab, war dafür bekannt, solche Spitznamen zu erfinden. Doch Petrus’ offensichtliche Befürwortung des Begriffs führte dazu, dass er den “Nazarenern” vorgezogen wurde und der Begriff Christianoi aus dem 1. Petrusbrief zum Standardbegriff bei den frühen Kirchenvätern ab Ignatius und Polykarp wurde.
    Die frühesten Vorkommen des Begriffs in der nichtchristlichen Literatur sind Josephus, der sich auf “die Sippe der Christen, die nach ihm benannt wurde” bezieht, Plinius der Jüngere im Briefwechsel mit Trajan und Tacitus, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts schrieb. In den Annalen berichtet er, dass “sie im Volksmund Christen genannt wurden” und bezeichnet die Christen als Neros Sündenböcke für den Großen Brand von Rom.“ 

    Wikipedia

    Auf der Website der Deutschen Bibelgesellschaft heißt es:

    Der Name »Christen« (wörtlich »Christianer«) kommt nach Apostelgeschichte 11,26 in Antiochia am Orontes auf, wo Paulus auf seiner ersten Missionsreise ein Jahr lang wirkte. Die Verwendung dieses Namens zeigt, dass die Anhänger von Jesus hier nicht länger als Teil der jüdischen Gemeinde, sondern als eine neue Gruppierung betrachtet wurden, zu der auch Heiden gehörten.

    Im Neuen Testament kommt der Begriff nur dreimal vor. In Apostelgeschichte 26,28 wird er von König Agrippa gebraucht. Das deutet darauf hin, dass er ursprünglich keine Selbstbezeichnung der Jesus-Leute war, sondern erst im Laufe der Zeit dazu wurde. Dies scheint allerdings relativ schnell geschehen zu sein. Jedenfalls heißt es in 1. Petrus 4,16, dass es schon ausreichte als »Christ« bezeichnet zu werden, um ausgegrenzt und verfolgt zu werden.

    Deutsche Bibelgesellschaft

    „Ausgegrenzt und verfolgt“ … dazu wurde also die Bezeichnung ‚Christ‘ verwendet ….

    Ist die Bedeutung von ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) Gesalbte?

    Mancher denkt vielleicht, dass ‚Christen‘ eine durchaus passende Bezeichnung wäre, denn es würde ja ‚Gesalbte‘ bedeuten.

    Insbesondere Zeugen Jehovas verwenden oft den Ausrdruck ‚gesalbte Christen‘, um eine kleine Gruppe von den ‚anderen Schafen‘ – also den allermeisten anderen Zeugen – zu unterscheiden. Tatsächlich führte deren Präsident J.F. Rutherford diese Unterscheidung in den 1930er Jahren ein, um eine Klasse von Geistlichen zu schaffen. (siehe Wahre Anbetung identifizieren, Teil 8: Die Lehre der Zeugen Jehovas über die ‚Anderen Schafe‘) Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas, die vollständige Autorität über Lehrfragen hat und dem jeder bedingungslos folgen muss, besteht daher selbstverständlich nur aus Männern, die sich für ‚gesalbten Christen‘ halten.

    Aber was bedeutet denn dieser Ausdruck im Griechischen genau?

    Das griechische Wort Χριστιανός (Christianos), das „Anhänger Christibedeutet, stammt von Χριστός (Christos), was „Gesalbter“ bedeutet, mit einer adjektivischen Endung, die aus dem Lateinischen entlehnt wurde, um das Anhaften an oder sogar das Zugehören zu bezeichnen, wie bei Sklavenbesitz. [Bickerman, Elias J. (April 1949). „The Name of Christians“. The Harvard Theological Review42 (2): 109–124] In der griechischen Septuaginta wurde christos verwendet, um das hebräische מָשִׁיחַ (Mašíaḥ, Messias) zu übersetzen, was so viel bedeutet wie „der Gesalbte“[20] In anderen europäischen Sprachen sind die entsprechenden Wörter für christlich ebenfalls aus dem Griechischen abgeleitet, z. B. Chrétien auf Französisch und Cristiano auf Spanisch.

    Wikipedia

    S. 147 „Alle diese griechischen Begriffe, die mit dem lateinischen Suffix -ianus gebildet werden, drücken genau wie die lateinischen Wörter derselben Ableitung die Vorstellung aus, dass die Menschen oder Dinge, auf die sie sich beziehen, zu der Person gehören, an deren Namen das Suffix angehängt wird.“
    S. 145, „Im Lateinischen brachte dieses Suffix Eigennamen des Typs Marcianus hervor und andererseits Ableitungen vom Namen einer Person, die sich auf seine Zugehörigkeit bezogen, wie fundus Narcissianus, oder, im weiteren Sinne, auf seine Anhänger, Ciceroniani.“

    Bickerman, Elias J. (April 1949). „The Name of Christians“. The Harvard Theological Review42 (2): 109–124

    Aber werden die Jünger Christi nicht als Gesalbte bezeichnet? Nein. Es gibt nur diese beiden Texte:

    Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns. Der uns aber mit euch festigt in Christus und uns gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt und die Anzahlung des Geistes in unsere Herzen gegeben hat

    (2. Kor 1:20-22 Elberfelder)

    Das mit ‚uns gesalbt hat‘ übersetzte Verb kommt laut Strong’s nur 5 mal in der Bibel vor und wird davon 4 mal auf Jesus angewandt.

    Und ihr? Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt, sondern wie seine Salbung euch über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in ihm

    (1. Joh 2:27 Elberfelder)

    Auch in diesem Text wird nicht von ‚Gesalbten‘ gesprochen, sondern dass sie gesalbt würden.

    Wie oft wird in den christlichen Schriften der Begriff ‚Gesalbte‘ (Plural) für die Nachfolger Jesu verwendet? Die Antwort ist: Überhaupt nicht! Mir fiel das erst auf, als ich in Übersetzungen danach gesucht habe. Das sollte uns auch zu denken geben.

    Hier noch ein Zitat aus der 2001Translation:

    Die frühen Christen nannten sich nie „die Gesalbten“.

    In den jüdischen Schriften wird der Begriff „Gesalbter“ häufig im Zusammenhang mit Propheten, Königen und Priestern verwendet. In den christlichen Schriften wird derselbe Begriff jedoch fast ausschließlich in Bezug auf Jesus verwendet. In der Bibel gibt es keine Hinweise darauf, dass sich Christen jemals als Gesalbte bezeichnet haben. Vielmehr scheint es, als sei der Begriff allein für Jesus reserviert.

    Es gibt nur zwei Verse, die Christen als solche bezeichnet werden, die eine Salbung erhalten: 2. Korinther 1:21-22 und 1. Johannes 2:27. Dort wird nur am Rande erwähnt, dass die ersten Christen gesalbt wurden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie als „Könige und Priester“ regieren sollen (Offenbarung 1,6). Es gab tatsächlich Hinweise darauf, dass sie gesalbt wurden. Das geschah zum ersten Mal in Apostelgeschichte 2:1-3, als „Feuerzungen“ über ihnen erschienen. Von da an konnten viele der frühen Christen Wunder vollbringen oder hatten andere besondere Fähigkeiten. Sie waren also wirklich gesalbt – sie hatten ein physisches Zeichen von Gott, dass sie auserwählt waren.

    Trotzdem benutzten sie den Begriff „gesalbt“ nicht als besonderen Titel für sich selbst, um eine noch speziellere Beziehung zu Gott zu beanspruchen. Zweifelsohne war es die schlichte Demut, die sie dazu brachte, den Begriff „Gesalbt“ nur für ihren Herrn Jesus zu verwenden.

    2001 Translation

    Es wird in der Bibel allerdings von falschen Gesalbten gesprochen:

    Denn es werden falsche Messiasse [ψευδόχριστοι (pseudochristoi) falsche Gesalbte] und falsche Propheten auftreten. Sie werden sich durch große Zeichen und Wundertaten ausweisen und würden sogar die Auserwählten verführen, wenn sie es könnten.

    (Mat 24:24 NEÜ)

    Nebenbei bemerkt: Auch in der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas kommt ‚Gesalbte‘ oder ‚gesalbte Christen‘ im biblischen Text nie vor, ‚gesalbte Christen‘ aber fast zwanzig mal in den Studienanmerkungen. Das ist mir in den Jahrzehnten nie aufgefallen. Erst jetzt, als ich mich mit diesem Thema einmal näher auseinandergesetzt habe.

    Es macht einen Unterschied, ob man etwas ist, sich so nennt oder von anderen nennen lässt. Jesu warnte seine Nachfolger:

    Ihr jedoch sollt euch niemals Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Rabbi, und ihr alle seid Brüder.

    (Matthäus 23:8 NEÜ)

    Da in der Bibel für die Jünger nie der Begriff ‚Gesalbte‘ verwendet wird, könnte man formulieren:

    Ihr jedoch sollt euch niemals Gesalbte nennen lassen, denn nur einer ist Der Gesalbte, und ihr alle seid Brüder.

    Frei nach Matthäus 23:8

    Ist das übertrieben? Nun, die ‚Gesalbten‘ der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas haben vor kurzen in einem offiziellen Video sagen lassen, dass ‚ihre [der ‚Gesalbten‘] Stimme der Jesu Christi [Des Gesalbten] gleicht‘ und man ihnen genauso gehorchen muss (Video). Doch gemäß Jesu Worten sollten seine Jünger sich alle als Brüder und Schwestern sehen.

    Andere Begriffe im ersten Jahrhundert

    Jesus sprach wiederholt davon, dass seine Jünger ‚alle Brüder sind‘ (Matthäus 23:8). Daher ist es passend, die Begriffe Bruder und Schwester zu verwenden. Oder wie man es früher noch tat: Die Geschwister …

    In den Evangelien werden sie oft als ‚Jünger‘ μαθηταὶ (mathētai) bezeichnet (Matthäus 12:1,2 …). Strong’s Greek 3101 gibt an: „Ein Lernender, Schüler, Zögling. Von manthano; ein Lernender, d.h. Schüler“. Das erinnert uns daran, dass es nicht darum geht, ‚die Wahrheit gefunden zu haben‘, wie Jehovas Zeugen das verwendent. Sondern dass wir immer weiter auf der Suche nach Wahrheit sind.

    Tatsächlich gab es jedoch eine Bezeichnung für die Gruppe der Jünger, bevor die Heiden sie ‚Christen‘ nannten:

    Saulus aber, der noch Drohung und Mord schnaubte gegen die Jünger des Herrn, ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, in der Absicht, wenn er irgendwelche Anhänger des Weges [damals übliche Bezeichnung für den Glauben an Jesus Christus (vgl. u. a. Apg 19,9.23; 22,4; 24,14.22; s. a. Jes 35,8-9).] fände, ob Männer oder Frauen, sie gebunden nach Jerusalem zu führen.

    (Apg 9:1,2 Schlachter 2000)

    ‚Anhänger des Weges‘. Ein passender Begriff, wo doch Jesus über sich sagte:

    „Ich bin der Weg!“, antwortete Jesus. „Ich bin die Wahrheit und das Leben! Zum Vater kommt man nur durch mich.

    (Joh 14:6 NEÜ)

    Und möglicherweise hat es ja auch einen Bezug zu dieser Prophezeiung:

    Und dort wird eine Strasse sein und ein Weg: Weg-der-Heiligkeit wird er genannt werden. Kein Unreiner wird ihn betreten, ihnen wird er gehören, die auf dem Weg gehen, und Toren werden nicht in die Irre gehen.

    (Jes 35:8 Züricher)

    Manchmal wird im Bericht auch ein anderer Gedanke betont:

    Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat. … Es geschah aber, dass Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten.

    (Apg 9:13, 32 Elberfelder)

    Das mit ‚Heilige‘ übersetzte Wort ist ἁγίους (hagious) mit der Bedeutung: „Von (oder für) Gott ausgesondert, heilig. Von hagos; heilig.“ (Strong’s Greek 40). Diese Bezeichnung wird viele Dutzend Male verwendet. Und zwar für die ganze Versammlung, nicht nur einige besondere Personen, die ‚heilig gesprochen‘ wurden. Aber das ist auch ein anderes Thema.

    Nun, sollten wir uns jetzt Christen nennen (lassen) oder nicht? Zumindest wissen wir jetzt mehr:

    • Jesus sagte wiederholt über sie, dass sie alle Brüder und Schwestern sind.
    • Sie wurden zuerst ‚Jünger‘ μαθηταὶ (mathētai) genannt.
    • Man bezeichnete diese Leute auch als ‚der Weg‘.
    • Und als Heilige.
    • ‚Christen‘ wurde sie erst viel später wohl von anderen genannt. Die Verwendung durch Heiden in ist der Bibel und anderen Schriften belegt. In den christlichen Schriften kommt er nur 3 mal vor, aber nie als Anrede der anderen Gläubigen. Das ist erst im 2. Jahrhundert durch die Schriften der Kirchenväter belegt.
    • Das ist nun aber auch schon fast 2000 Jahre her und daher ist Bedeutung des Begriffes vielleicht wichtiger.
    • Der Begriff ‚Christen‘ Χριστιανούς (Christianous) aus Apostelgeschichte 11:26 bedeutet ‚Anhänger Christi‘ und nicht ‚Gesalbte‘.
    • In den christlichen Schriften werden die gläubigen Christen niemals als ‚Gesalbte‘ bezeichnet. Nur Jesus wird als der Messias, der Christos, also der Gesalbte bezeichnet.
    • Der von Jehovas Zeugen verwendete Begriff ‚gesalbte Christien‘ steht nicht für ‚gesalbte Gesalbte‘, sondern enthält eine Bezeichnung, welche die Gläubigen im ersten Jahrhundert sich aus Demut gegenüber Des Gesalbten nie gegeben haben.

    So, und jetzt kannst du nach bestem Wissen und Gewissen selbst entscheiden.

  • Die biblische Flut: Chronolgie und Ausdehnung

    Die biblische Flut: Chronolgie und Ausdehnung

    Von Carl Olof Jonsson


    Dieser Artikel enthält die deutsche Übersetzung des Artikels „THE BIBLICAL FLOOD: CHRONOLOGY AND EXTENSION“ von Carl Olof Jonsson aus dem Jahre 2001, den er auf der Website Christian Freedom Association veröffentlich hatte. Das englische Original ist am Ende zum Herunterladen angefügt.


    Die Chronologie des alten Mesopotamiens

    Stehen die Chronologien Mesopotamiens und Ägyptens im Widerspruch zum biblischen Datum der Sintflut, d. h. ca. 2500 v. Chr. nach dem masoretischen Text und ca. 3500 v. Chr. nach der griechischen Septuaginta-Übersetzung (LXX)? Viele scheinen zu glauben, dass die Chronologien des alten Mesopotamiens und Ägyptens sicher feststehen, während sie in Wirklichkeit nur sehr lose begründet und veränderbar sind. Die Chronologie des alten Mesopotamiens zum Beispiel wurde im letzten Jahrhundert Schritt für Schritt erheblich verkürzt, wie die folgende Tabelle zeigt, die die allmähliche Herabsetzung der Datierungen der Regierungszeiten von Sargon I. und Hammurabi zeigt. Die Chronologie des alten Ägyptens wurde im selben Zeitraum auf ähnliche Weise verkürzt.

    Chronologie des alten Mesepotamiems 

    Änderungen während des letzten Jahrhunderts (1895—1998):






    1895:        Boscawen:

    1935:        Will Durant:


    1942–1998:    
    Hohe Chronologie:
                              Mittlere Chronologie:
                              Niedrige Chronologie:

    1977:       Brinkman:

    1987:       Viele Gelehrte: 

    1998:       H. Gasche et al:

    Änderungen 1895-1998:
    SARGON I

    (Der 1. König der Dynastie von Akkad) 


    3800 – 3755 BCE
     

    2872 – 2817 BCE 






    2334 – 2279 BCE

    [2270 – 2215 BCE] 

    [2238 – 2183 BCE]

    -1562 years 
    HAMMURABI

    (Der 6. König der 1. Dynastie von Babylon)

    2235 – 2193 BCE

    2123 – 2081 BCE


    1848 – 1846 BCE
    1792 – 1750 BCE
    1728 – 1686 BCE

    1792 – 1750 BCE

    1728 – 1686 BCE

    1696 – 1654 BCE


    – 539 years

    [1992:      Professor P. James:              Eine weitere Reduktion der Chronologie um etwa 250 Jahre]

    Die Probleme mit den alten Chronologien sind noch lange nicht gelöst, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie weiter reduziert werden. Ein Problem ist, dass sie oft im Widerspruch zu den C14-Daten stehen.
    Die Cambridge Ancient History, Vol. 1:2 (1971) datiert die frühdynastische Zeit (E.D.) in Mesopotamien vorläufig auf ca. 3000-2450 v. u. Z. Es scheint daher angebracht, zu zitieren, was dieses Werk über eines der Probleme mit dieser Datierung zu sagen hat. Kapitel XVI, „Die frühe dynastische Periode in Mesopotamien“, wurde von dem berühmten britischen Archäologen Max E.L. Mallowan (gest. 1978) geschrieben, der erklärt:

    „Leider stimmt diese scheinbar zufriedenstellende Schätzung für die Länge der E.D.-Periode nicht mit den jüngsten Kohlenstoff-14-Funden überein, insbesondere mit dem kürzlich untersuchten Material aus Nippur, das eine Reduzierung der Daten des dritten Jahrtausends um bis zu sechs oder sieben Jahrhunderte erfordern könnte. Wenn das neu entdeckte Kohlenstoff-14-Muster für das dritte Jahrtausend richtig ist, müssen wir möglicherweise die gesamte bisher akzeptierte Grundlage der ägyptischen Chronologie über Bord werfen, auf der die mesopotamische zum großen Teil beruht. Aber wir sollten zögern, dies zu tun, wenn es nicht noch viel stärkere Gegenbeweise gibt, denn die ägyptischen Berechnungen, die auf schriftlichen Belegen beruhen, lassen sich aus astronomischen Gründen nur mit einer geringen Fehlermarge überprüfen [diese angebliche „astronomische“ Unterstützung für die ägyptische Chronologie wird von modernen Wissenschaftlern zunehmend abgelehnt! – Carl Olof Jonsson] und wenn wir eine niedrige Kohlenstoff-14-Chronologie für die E.D.-Periode akzeptieren, haben wir es mit einer großen und unerklärlichen Lücke zwischen dieser und der Jungsteinzeit zu tun, für die die gleiche Methode unerwartet hohe Daten liefert. Einige Autoritäten neigen daher derzeit zu der Annahme, dass es am Ende des dritten Jahrtausends eine physikalische Störung im solaren Magnetfeld gab, die sich auf das Niveau der Kohlenstoff-14-Aktivität im Kohlenstoffaustauschreservoir ausgewirkt haben könnte.“ (Seiten 242-243)

    Zugegeben, das wurde 1971 geschrieben, lange bevor die Kalibrierungskurven ausgearbeitet und auf diese frühe Periode ausgedehnt worden waren. Dennoch sind Archäologen, die die frühen Zivilisationen des Alten Orients ausgraben, in der Regel misstrauisch gegenüber Kohlenstoff-14-Daten.

    Die Assyrische Königsliste (AKL)

    Das Rückgrat der mesopotamischen Chronologie vor dem ersten Jahrtausend v. Chr. ist die Tradition der Assyrischen Königsliste. Es wurden fünf Exemplare der assyrischen Königsliste (AKL) gefunden, aber da zwei davon nur Fragmente sind, sind die drei anderen die wichtigsten. Die Liste enthält die Namen und die Regierungszeiten der assyrischen Herrscher von der Antike bis in die neuassyrische Zeit, wobei eine der Kopien mit Schalmaneser V. (726-722 v. Chr.) endet.

    Die Listen wurden zu verschiedenen Zeiten aktualisiert. Alle erhaltenen Exemplare stammen aus der Spätzeit, das älteste aus der Regierungszeit von Tiglath-Pileser II, 966-935 v. Chr. (Die „Redaktionsgeschichte“ der AKL wird von Shigeo Yamada in der Zeitschrift für Assyriologie, Band 84:1, 1994, S. 11-37, erörtert.) In den späteren Teilen kann die Liste mit dem assyrischen Eponymenkanon (der den Zeitraum 910-649 v. Chr. abdeckt) verglichen werden, und zumindest für diesen Zeitraum scheint sie zuverlässig zu sein. Von dort und bis zum Ende der kassitischen Periode, ca. 1155 v. Chr., scheint sie auch im Großen und Ganzen mit anderen Quellen übereinzustimmen.

    Es hat sich jedoch gezeigt, dass die früheren Teile der Liste alles andere als zuverlässig sind. Es wird angenommen, dass die frühesten Teile teilweise auf mündlichen Überlieferungen beruhen. Außerdem kann es sein, dass eine Reihe von Herrschern und Dynastien, die in der Liste als aufeinanderfolgend dargestellt werden, in Wirklichkeit zeitgleich waren. So stellen die Wissenschaftler Wu Yuhong und Stephanie Dalley bei der Erörterung der Beweise für gleichzeitige Könige in Kish fest: „Wenn es möglich ist, dass ein Bezirk gleichzeitig zwei Könige hatte, von denen der eine über die sesshafte, städtische Bevölkerung und der andere über die Lager in der Peripherie herrschte, ist es möglich, auf die assyrische Königsliste dieselben Kriterien anzuwenden, die heute für die sumerische Königsliste gelten, nämlich dass parallele Dynastien als aufeinanderfolgend dargestellt werden.“ (Irak, Bd. 52, 1990, S. 163)

    Man hat versucht, die erste Dynastie von Babylon (zu der Hammurabi gehört) mithilfe einer Reihe von astronomischen Texten zu datieren, die Beobachtungen des Planeten Venus enthalten. Diese Tafeln sind als die „Venustafeln von Ammisaduqa“ bekannt, weil sie auf die Regierungszeit von Ammusaduqa, dem vorletzten Herrscher der Dynastie, datiert werden. Die Beobachtungen sind jedoch schwer zu interpretieren und können mit einer Reihe von alternativen Daten versehen werden. Auf der Grundlage dieser Tafeln haben Gelehrte im Allgemeinen drei verschiedene Chronologien für die Erste Dynastie von Babylon vorgeschlagen, die sogenannte „hohe“, „mittlere“ und „niedrige“ Chronologie (siehe Tabelle oben). Der Unterschied zwischen der hohen und der niedrigen Chronologie beträgt etwa 120 Jahre, und darüber herrscht unter den Gelehrten immer noch große Uneinigkeit. Einige haben auch andere alternative Daten für die Venustafeln vorgeschlagen.

    Der aktuelle Stand der mesopotamischen Chronologie für das zweite Jahrtausend und frühere Perioden wird von Professor F. H. Cryer treffend beschrieben:

    „Im Gegensatz zur Datierung des ersten Jahrtausends sind die absoluten Daten der anderen chronologischen Perioden in Mesopotamien Vermutungen. Der Beginn des ersten Jahrtausends und der Übergang vom zweiten Jahrtausend ist in allen uns vorliegenden Quellen sehr unklar, soweit es Mesopotamien betrifft. Meist wird ein extremer Mangel an Quellen als Grund für unsere Unkenntnis angeführt, und tatsächlich sind wir weitgehend, wenn nicht sogar vollständig, auf die teilweise stark voneinander abweichenden Königslisten angewiesen, um auch nur ein schemenhaftes Bild zu erhalten. In diesem Zusammenhang werden wir durch die Tatsache behindert, dass es den lokalen Chronographen, insbesondere in Assyrien, wichtig gewesen zu sein scheint, zumindest die Illusion dynastischer Kontinuität zu skizzieren, so dass zahlreiche gleichzeitig regierende Könige rivalisierender Fürstentümer (d.h. Nebenherrschaften) in den Aufzeichnungen aufeinander zu folgen scheinen. Das Gleiche gilt auch für verschiedene antike Ausgaben der sumerischen Königsliste, einem Dokument, in dem die Stadtstaaten mit ihren aufeinanderfolgenden Herrschern aufgelistet sind, denen die Götter das Königtum verliehen haben.“ – F. H. Cryer in Civilizations of the Ancient Near East, Jack M. Sasson et al (eds.), Vol. II, 1995, S. 657.

    Diese Probleme mit der assyrischen Königslistentradition und der Chronologie für die frühe Zivilisation Mesopotamiens hat Dr. Julian Reade vom Britischen Museum kürzlich in einem ausführlichen Artikel mit dem Titel „Assyrian King-Lists, The Royal Tombs of Ur, and Indus Origins“ (Assyrische Königslisten, die Königsgräber von Ur und die Ursprünge des Indus) hervorgehoben, der im Journal of Near Eastern Studies, Vol. 60:1, Januar 2001, S. 1-29, veröffentlicht wurde. In seiner detaillierten und sehr interessanten Erörterung kommt Reade zu dem Schluss, dass die mesopotamische Chronologie für den Zeitraum 2500-1500 v. Chr. „verzerrt“ ist, und er plädiert für „viel niedrigere Chronologien als die, die gewöhnlich für diesen Zeitraum angeführt werden“. Er zeigt auch, dass eine solche Herabsetzung der Chronologie durch neuere Baumringstudien unterstützt wird. (S. 1, 10)

    Die mesopotamische Sintflut von ca. 3500 v. Chr.

    Dass eine gewaltige Sintflut, die von Geologen derzeit auf etwa 3500 v. Chr. datiert wird, die Ebene von Mesopotamien überschwemmte und die vorsumerische Ubaidenzivilisation mit sich riss, scheint nun durch geologische und geomorphologische Untersuchungen, die in den 1960er und 1970er Jahren in Mesopotamien und in der Region des Persischen Golfs durchgeführt wurden, eindeutig bewiesen zu sein. Eine Zusammenfassung der Beweise gibt Theresa Howard-Carter in ihrem Artikel „The Tangible Evidence for the Earliest Dilmun“ („Die greifbaren Beweise für das früheste Dilmun“), veröffentlicht im Journal of Cuneiform Studies, Vol. 33, 1981, S. 210-223.

    In ihrer Diskussion über die Sintflut beginnt Howard-Carter mit dem Hinweis, dass „fast alle Autoritäten, die sich in Schriften vor 1975 ernsthaft mit der Flutfrage befasst haben, im Allgemeinen insofern Recht behalten, als sie lediglich auf die Existenz von Überschwemmungen in Mesopotamien hinweisen. Aber neuere Forschungen in der Geomorphologie der Golfregion zwingen uns nun, in größeren Zusammenhängen zu denken.“ Dann stellt sie kurz die neuen Beweise für eine gewaltige Sintflut vor, die auf etwa 3500 v. Chr. datiert wird und die viel umfangreicher war als die lokalen Überschwemmungen, die in früheren Werken diskutiert wurden:

    „Bisher wurde die Sintflut immer in Bezug auf das Gebiet des Golfs, des Deltas und des unteren Mesopotamiens diskutiert. Die neuen Beweise zwingen uns, das gesamte Golfgebiet im wahrsten Sinne des Wortes in der Tiefe zu betrachten. … Diese größte aller Überschwemmungen ereignete sich genau in der Mitte des vierten Jahrtausends [ca. 3500 v. Chr.] an einem Punkt, der archäologisch bereits als Beginn der Uruk-Periode identifiziert wurde. Dies ist stratigraphisch in Eridu, Ur und Warka nachweisbar.“ (Seiten 221-222)

    Meeresmuscheln, Meeresterrassen und andere Beweise zeigen, dass die Fluten, die die Städte der Ubaid-Zivilisation ertränkten, durch eine massive Bewegung des Meeres aus dem Golf verursacht wurden. Diese Erkenntnis stimmt mit der Aussage in 1. Mose 7:11 überein, dass die Wasser der Sintflut zwei Quellen hatten: (1) „die Quellen der großen Tiefe brachen auf, und (2) die Fenster des Himmels öffneten sich.“ Die „große Tiefe“ (hebr. tehom rabba) wird in der Bibel vor allem für das Meer verwendet (z. B. Jes. 51:10; 63:3; Jona 2:4). Die Überschwemmung durch den Persischen Golf erklärt, warum die Arche Noahs (= der sumerische Ziusudra, der in der Stadt Schuruppak in Südmesopotamien gelebt haben soll) nach Norden zu den Bergen oder Hügeln in der Gegend des Ararat gebracht wurde. Wäre die Sintflut nur durch Regenfälle von oben und Überschwemmungen der Flüsse Euphrat und Tigris verursacht worden, wäre die Arche südwärts zum Golf gebracht worden.

    Die Ausdehnung der Sintflut um 3500 v. Chr.

    Es scheint offensichtlich, dass diese verheerende Katastrophe der historische Hintergrund der biblischen und mesopotamischen Sintfluttraditionen war. Wie weit nach Norden diese „riesige Flut“ reichte, ist immer noch eine offene Frage. Eine riesige Meereswelle aus dem Persischen Golf könnte sehr weit nach Norden entlang der Ebene reichen, sogar bis in die bergigen Gebiete des Nordiraks. Es ist zu bedenken, dass die meisten mesopotamischen Ebenen unterhalb dieses Gebiets sehr niedrig sind. Die gesamte Deltaniederung südlich von Bagdad zum Beispiel ist extrem flach und steigt vom Persischen Golf bis Bagdad 600 Kilometer nördlich des Golfs nur wenige Meter an, so dass Bagdad immer noch weniger als 10 (zehn) Meter über dem Meeresspiegel liegt!

    Damit eine örtliche Überschwemmung länger als ein paar Stunden oder Tage andauert, muss es ein geschlossenes Gebiet geben, das die gesamte Tigris-Euphrat-Region umfasst. Und Tatsache ist, dass der Irak oft als „Senke“ beschrieben wird. In der Encyclopaedia Britannica, Bd. 12 (1969), heißt es zum Beispiel: „Der Irak besteht aus einer Tieflandsenke, die zwischen asymmetrischen und sehr unterschiedlichen Gebirgsmassiven im Osten, Norden und Westen liegt und sich in südöstlicher Richtung bis zum Persischen Golf fortsetzt.“ (Seite 527) Ähnlich sagt Dr. Susan Pollock in ihrem neuen Werk Ancient Mesopotamia (Cambridge, 1999):

    „Mesopotamien ist, geologisch gesehen, eine Senke, die entstand, als sich der arabische Schild gegen die asiatische Landmasse drückte, das Zagros-Gebirge anhob und das Land südwestlich davon absenkte. In diesem Graben haben die Flüsse Tigris und Euphrat und ihre Nebenflüsse enorme Mengen an Schwemmsedimenten abgelagert und die untere mesopotamische Ebene (auch Schwemmlandebene genannt) gebildet. Heute erstreckt sich die untere mesopotamische Ebene über etwa 700 Kilometer, etwa von Ramadi und Baquba im Nordwesten bis zum Golf, der ihr südöstliches Ende überflutet hat.“ (Seite 29)

    Da nicht genau bekannt ist, was die massive Bewegung des Meeres zur Überflutung der mesopotamischen Ebene verursachte, könnten Umstände im Spiel gewesen sein, die uns heute unbekannt sind und die verhinderten, dass sich das Wasser zu schnell wieder ins Meer zurückdrehte. Es bleibt also noch viel zu erforschen.

    Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sintflut mit einem Anstieg des Meeresspiegels nach dem Ende der letzten Eiszeit zusammenhing, der derzeit auf etwa 11.000 Jahre datiert wird. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass dieses Ende viel schneller eintrat, als bisher angenommen wurde. Die Wissenschaftler Olaf Jöris und Bernard Weninger stellen zum Beispiel fest:

    „Die holozänen Klimabedingungen, wie sie sich jetzt zumindest für die nördliche Hemisphäre darstellen, sind nicht das Ergebnis langsamer, allmählicher Veränderungen. Im Gegenteil, sie sind sprunghaft und abrupt in nur wenigen Jahrzehnten entstanden.“ – Olaf Jöris & Bernhard Weninger, „14C-Alterskalibration und die Absolute Chronologie des Spätglacials,“ Archäologisches Korrespondenzblatt, Vol. 30:4, 2000, S. 461.

    In ihrem Buch Ice Ages and Astronomical Causes (Chichester, UK: Praxis Publishing Ltd, 2000) erklären die Autoren Richard A. Muller & Gordon J. MacDonald, die zu den führenden Experten für die Eiszeiten gehören, auf Seite 4 weiter:

    „Die Abruptheit des Endes ist verblüffend. Die Landwirtschaft und unsere gesamte Zivilisation haben sich seit diesem Ende entwickelt. Der riesige, mehrere Kilometer dicke Gletscher, der weite Teile Nordamerikas und Eurasiens bedeckte, schmolz schnell. Nur kleine Teile dieses Gletschers überlebten in Grönland und der Antarktis, wo sie bis heute existieren. Das Schmelzen verursachte eine Reihe von weltweiten Überschwemmungen, wie sie der Homo sapiens noch nie erlebt hatte. … Die Flut schüttete so viel Wasser in die Ozeane, dass der durchschnittliche Meeresspiegel um 110 Meter anstieg, genug, um die Küstengebiete zu überschwemmen, … . Das Wasser des schmelzenden Eises flutete wahrscheinlich in Schüben über das Land, als sich eisgestaute Seen bildeten und dann katastrophal ihr Wasser abließen. Diese Überschwemmungen hinterließen viele Spuren, darunter auch Überreste von Pfützen, die heute als Große Seen bekannt sind, und gaben möglicherweise Anlass zu Legenden, die sich viele Jahre lang hielten.“

    Dieser Anstieg des Meeresspiegels erfolgte nachweislich in mehreren plötzlichen Phasen, von denen die letzte auf etwa 3.500 v. Chr. datiert wird. Dass diese letzte Katastrophe mit der Sintflut Noahs identisch war, ist geologisch durchaus möglich und sogar wahrscheinlich.

    In gewissem Sinne kann eine solche Sintflut als weltweit angesehen werden, denn der Anstieg des Meeresspiegels betraf die Küstengebiete und das Tiefland auf der ganzen Welt. Es gibt Belege dafür, dass eine Katastrophe enormen Ausmaßes andere Gebiete außerhalb Mesopotamiens um diese Zeit entvölkerte und die sogenannte Chalkolithische Periode im Nahen Osten beendete. Margie Burton und Thomas E. Levy von der University of California, San Diego, erklären:

    „Das Ende des Chalkolithikums – der Übergang vom Chalkolithikum zur Frühbronzezeit (Early EB I oder EB IA) – wurde als sozialer, politischer, wirtschaftlicher und demografischer Zusammenbruch beschrieben (Gophna 1998). … aktuelle stratigraphische und radiometrische Beweise deuten darauf hin, dass die meisten der großen chalkolithischen Stätten um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. [ca. 3500 v. Chr.] aufgegeben und nicht wieder besiedelt wurden, obwohl einige möglicherweise eine begrenzte und kurzzeitige Besiedlung hatten, die bis in die Zeit der Frühbronze IA (EB IA) reichte.“ – M. Burton & T. E. Levy, „The Chalcolithic Radiocarbon Record and its Use in Southern Levantine Archaeology“, Radiocarbon, Vol. 43:3 (2001), S. 1232.

    „Erde“ oder „Land“?

    Die Beweise zeigen also, dass es tatsächlich eine Sintflut gab. Sie kann sehr wohl „lokal“ in dem Sinne gewesen sein, dass sie nicht alle Landmassen der Erde bedeckte, sondern sich auf Küstengebiete und andere tief liegende Gebiete der Erde beschränkte, also auf Orte, an denen die Menschen in der Antike gewöhnlich siedelten. Zumindest in der sumerischen Sintfluttradition wird angedeutet, dass die Sintflut als eine mehr oder weniger lokale Katastrophe gedacht war, denn es heißt, dass „die Sintflut über das Land [Sum. kalam] hinwegfegte.“ Kalam war der Name, den die Sumerer für ihr eigenes Land benutzten, das ungefähr das Gebiet vom Golf bis zum heutigen Bagdad umfasste, bevor ihr Land in der späteren akkadischen Zeit in Sumer und Akkad aufgeteilt wurde.

    Die biblische und die mesopotamische Sintfluttradition sind eng miteinander verwandt, auch wenn nicht bewiesen werden kann, dass die biblische Geschichte von der anderen abgeleitet wurde oder andersherum. Sie haben eindeutig einen gemeinsamen Ursprung und sprechen von demselben Ereignis. Aus diesem Grund ist es möglich und sogar wahrscheinlich, dass auch die Bibel wie die mesopotamischen Überlieferungen von einem lokalen Gebiet spricht, das von der Katastrophe betroffen war, wobei sie das hebräische Wort erets im Sinne von „Land“ oder „Gebiet“ und nicht von „Erde“ verwendet. Dass die biblische Geschichte der Sintflut in 1. Mose 6-8 so verstanden werden kann, zeigt zum Beispiel Professor Franz Delitzsch, ein führender konservativer Bibelwissenschaftler im 19. Jahrhundert, in seinem Werk A New Commentary on Genesis, Band 1, S. 222-282. (Dieser Kommentar wurde ursprünglich 1887 auf Deutsch veröffentlicht.)

    Es sollte betont werden, dass die Bibel das Wort erets im Allgemeinen im Sinne von „Land“ und seltener im Sinne von „Erde“ (= der Globus) verwendet. Im Theological Dictionay of the Old Testament, Vol. 1, S. 393, erklärt Dr. Magnus Ottosson: „Es ist nicht immer leicht zu bestimmen, ob erets in einem bestimmten Fall ‚Erde‘ oder ‚Land‘ bedeutet.“

    Die Übersetzer haben das gleiche Problem mit dem griechischen Wort für „Erde“, ge. Es kann entweder „Erde“ oder ein begrenzteres Gebiet, wie „Land“ oder „Bezirk“, bedeuten. In unserem Weltraumzeitalter sind wir daran gewöhnt, die „Erde“ als den gesamten Globus zu betrachten, aber in der Antike taten die Menschen das nur selten. In Colin Browns The New International Dictionary of New Testament Theology, Bd. 1, S. 518, sagt Dr. R. Morgenthaler:

    „Es ist oft schwierig zu entscheiden, ob eine bestimmte Stelle von einem bestimmten Land, insbesondere dem Land Israel, oder von der gesamten bevölkerten Erde spricht. Mit unserer modernen Weltanschauung neigen wir dazu, global und universell zu denken. Im Neuen Testament kann „die Erde“ jedoch auf eine sehr partikulare Weise verwendet werden.“

    Es ist also durchaus möglich, dass sich das erets in der biblischen Sintflutgeschichte in erster Linie auf das „Land“ oder das Gebiet Mesopotamiens bezieht, wie das sumerische Wort kalam. Der Kontext muss immer entscheiden, ob erets „Land“ oder „Erde“ bedeutet. Und wenn der biblische Kontext nicht ausreicht, um die Frage zu entscheiden, ist der historische Kontext, in dem die Geschichte entstanden ist, vielleicht unser bester Anhaltspunkt.

    Auch die späteren biblischen Hinweise auf die Sintflut müssen nicht so verstanden werden, dass sie sich auf eine Überflutung aller Landmassen der Erde beziehen. Es ist interessant zu beobachten, dass Jesus sein zweites Kommen nicht nur mit der Sintflut, sondern auch mit der Zerstörung Sodoms verglich, als er es als unerwartetes Ereignis bezeichnete. Und so wie er sagte, dass die Sintflut „sie alle vernichtete“, sagte er auch von Sodom, dass das Feuer und der Schwefel vom Himmel „sie alle vernichtete“. (Lukas 17:26-30) Das Wort „alle“ bezieht sich in beiden Fällen natürlich auf alle an der jeweiligen Katastrophe Beteiligten, nicht unbedingt auf alle Menschen auf der Erde. Auch Petrus erwähnt diese beiden Katastrophen auf ähnliche Weise. (2. Petrus 2:5-9)

    Dass sich die Juden in der Antike der Möglichkeit bewusst waren, dass es sich bei der biblischen Sintflut um eine begrenztere Katastrophe gehandelt haben könnte, geht aus der Tatsache hervor, dass die Rabbiner dem Talmud zufolge darüber diskutierten, ob die Sintflutgewässer das Land Israel erreicht hatten oder nicht. (Babyl. Talmud Zeb. 113b; Gen. Rabbah 33.6; Lev. Rabbah 31.10; Cant. Rabbah 1.15, Abs. 4; 4.1, Abs. 2)

    „Berge“ oder „Hügel“?

    Laut 1. Mose 7:19 bedeckten die Wasser der Sintflut „alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel“. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Wasser alle hohen Berge der Erde bedeckten. „Unter dem ganzen Himmel“ kann einfach bedeuten, dass die Wasser alle Berge über dem Horizont bedeckten, die für die Menschen auf der Arche sichtbar waren.

    Außerdem kann das hebräische Substantiv harim im Plural entweder „Berge“ oder „Hügel“ bedeuten. Nicht nur die Übersetzer der King James Version, sondern auch die modernen Übersetzer der New King James Version übersetzen harim in 1. Mose 7:19 mit „hohe Hügel“. Das tut auch Bullinger in seiner The Companion Bible: „Alle hohen Hügel, die unter dem ganzen Himmel waren, wurden bedeckt.“ Auch in Ferrar Fentons The Five Books of Moses steht „all the hills“ („all die Hügel“), aber mit dem Zusatz „and mountains“ („und Berge“). Diese Übersetzer wählten das Wort „Hügel“, sicherlich nicht, weil sie glaubten, dass die Sintflut örtlich begrenzt war, sondern weil das Wort harim oft so gemeint war und weil sie es in diesem Zusammenhang für angemessen hielten, es so wiederzugeben. Das wäre besonders angemessen, wenn die Sintflutgeschichte, wie allgemein angenommen wird, in Mesopotamien entstanden wäre, wo die einzigen „Berge“, die die Bewohner sehen konnten, Hügel waren. Für jemanden, der im südlichen Mesopotamien lebte, wie Ziusudra, der in der Stadt Shuruppak zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wohnte, war das hohe persische Gebirge im Osten 250 Kilometer entfernt und konnte aufgrund der Krümmung der Erdoberfläche nicht gesehen werden.

    Die „Berge des Ararat“

    Am Ende der Sintflut kam die Arche Noahs „auf den Bergen [oder ‚Hügeln‘] des Ararat zur Ruhe.“ (1. Mose 8:4) Ursprünglich war Ararat nicht der Name eines Berges, sondern eines geografischen Gebiets, das später, in der assyrischen Zeit, zu einem Königreich ausgebaut wurde. (Siehe 2. Könige 19:37; Jes. 37:38; Jer. 51:27.) Dieses spätere Königreich lag nördlich und nordöstlich von Mesopotamien und hatte sein Zentrum um die Meere Van und Urmia. In assyrischen Keilschriftinschriften lautet die Form des Namens Urartu. Das Königreich Urartu wurde im späten 7. Jahrhundert v. Chr. zerstört, woraufhin der Name verschwand.

    Wenn es in 1. Mose 8:4 heißt, dass die Arche „auf den Bergen [Hügeln] des Ararat“ zur Ruhe kam, bedeutet das, dass sie auf den Bergen oder Hügeln in der Gegend von Urartu zur Ruhe kam. Der Plural, „Berge, Hügel“, ist zu beachten. Erst in der späteren christlichen Tradition ab dem 11. Jahrhundert n. Chr. wurde der hohe Berg Agri Dag im Nordosten der Türkei „Ararat“ genannt und als Ort der Landung identifiziert. In der Bibel wird der Name des Berges jedoch nicht erwähnt, und es heißt auch nicht, dass es ein hoher Berg war.

    Die Targume und die frühe syrische Übersetzung (Peschitta) geben den Ararat als „Korduene“ (Karduchia) wieder, und dort befindet sich laut Josephus (Ant. I.3.6) auch der Ort der Landung, wo ihn Berossus vermutet hatte. Korduene scheint sich auf das von den Kurden besetzte Gebiet, Kurdistan, das ehemalige Armenien, zu beziehen. Die lateinischen Versionen geben Ararat als „Armenien“ wieder, dessen Gebiet ungefähr dem früheren Königreich Urartu entsprach. Ein ausgezeichnetes neueres Werk über das Königreich Urartu/Ararat ist Urartu-das Reich am Ararat, verfasst von Ralf-Bernhard Wartke (Mainz am Rhein, 1993).

    Archäologische Funde zeigen, dass sich die südliche Grenze des Königreichs Urartu bis in die Gegend von Ninive (in der Nähe des heutigen Mosul) und den Zab-Fluss erstreckte. Es ist durchaus möglich, dass das frühere geografische Gebiet namens Urartu größer war und sich weiter nach Süden und Südosten erstreckte. Weite Teile des südlichen Königreichs Urartu lagen nur zwischen 300 und 200 Metern über dem Meeresspiegel. Das Hamrin-Gebirge nordöstlich von Bagdad reicht bis auf etwa 500 Meter.

    Zur Zeit der Sintflut könnten diese Gebiete aber noch viel niedriger gelegen haben, da die Gebirgsbildung im Irak und im südwestlichen Persien seit dieser Zeit anhält. Dr. G. M. Lees und N. L. Falcon betonen:

    „Dieses Gebirgssystem hat sich aus einer breiteren Depressionszone oder Geosynklinale heraus entwickelt, durch eine relative Annäherung zwischen Zentralpersien und dem stabilen Massiv Arabiens, die den beweglichen Streifen dazwischen komprimierte und eine Reihe von riesigen Erdwellen oder Faltengebirgen bildete. Der Zeitpunkt der maximalen tangentialen Bewegung war im späten Pliozän, aber die Hebung des Gebirgsgürtels als Ganzes, im Gegensatz zu den Faltenbewegungen, setzte sich bis in die jüngste Zeit fort und ist tatsächlich immer noch aktiv.“ („The Geographical History of the Mesopotamian Plains“, The Geographical Journal, Vol. CXVIII, 1952, S. 27. Hervorhebung hinzugefügt.)

    Es gibt Gründe für die Annahme, dass der Berg, auf dem die Arche Noahs zur Ruhe kam, nicht sehr hoch gewesen sein kann. Als die Arche auf einem Berg in Urartu zur Ruhe gekommen war, schickte Noah einen Raben und dann eine Taube aus. Als er die Taube ein zweites Mal aussandte, kam sie mit einem frischen „Olivenblatt“ zurück. (1. Mose 8:11) Die Menschen im Nahen Osten wussten (und wissen immer noch) sehr genau, dass Olivenbäume nur bis zu einer Höhe von etwa 500 Metern über dem Meeresspiegel wachsen können. Die Arche kann also kaum höher als in dieser Höhe und möglicherweise viel tiefer zur Ruhe gekommen sein. Auch das spricht dafür, die Sintflut als eine mehr oder weniger lokale Katastrophe zu verstehen.

  • „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“

    „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“

    Von Carl Olof Jonsson


    Im Wachtturm vom Oktober und November 2011 veröffentlichte die Leitende Körpferschaft der Zeugen Jehovas nach 30 Jahren zwei Artikel mit dem Thema „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört?“. Carlo Olof Jonsson analysierte beide Artikel und verfasste zwei ausführliche Rezensionen dazu.

    Die beiden englische Artikel ist zusammen mit anderen auf der Website Christian Freedom Association von ihm veröffentlicht worden und am Ende dieses Artikels als PDF Datei angefügt.


    Die lange und leidvolle Geschichte bis zur Veröffentlichung des Buches „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ kann in der vierten Auflage des Buches und auch anhand des Briefwechsels von Carl Olof Jonsson mit der Wachtturm-Gesellschaft auf seiner Website (in Englisch) nachgelesen werden. Carl Olof Jonsson veröffentlichte seine Ausarbeitungen schließlich als Buch, nachdem klar wurde, dass die Leitende Körperschaft auch nach Jahren kein Interesse zeigte, auf die Tatsachen einzugehen. Vielmehr sollte er alles für sich behalten und „auf Jehova warten“ – eine bekannte Floskel, welche bedeutet, dass die Leitende Körperschaft vorgibt, was wann geglaubt wird. Schließlich wurde er auf ihre Veranlassung hin ausgeschlossen. Die Leitende Körperschaft sah sich auch genötigt, im Jahr 1981 im Anhang des Buches „Dein Königreich komme“ ihre Chronologie darzulegen – offensichtlich als eine Art Gegendarstellung. Auch dies kann in der vierten Auflage von „Die Zeiten der Heiden …“ nachgelesen werden. In der Jahren danach versuchten verschiedene Autoren, die von Jonsson vorgelegten Beweise anzugreifen. Der bedeutendste davon war sicher Rolf J. Furuli. Die Art und Weise des Umgangs mit Jonsson von Seiten der Wachtturm-Gesellschaft aber auch von Furuli entsprach keinesfalls dem, was von einem Nachfolger Christi erwartet werden kann. Schließlich veröffentlichte Rolf Furuli seine ‚Osloer Chronolgie‘ in zwei Büchern, die allerdings weder der Überprüfung durch Jonsson und anderen, noch der von Prof. Hermann Hunger standhalten konnte (siehe der Artikel Prof. Hungers Rezension von Rolf J. Furulis „Assyrian, Babylonian, and Egyptian Chronology. Volume II). Die Wachtturm-Gesellschaft war aber anscheinend von Furulis Ausführungen beeindruckt, sicher jedoch noch mehr von den vielen an sie gerichteten Fragen und Briefen gedrängt, dass sie im Wachtturm von 2011, Ausgaben für die Öffentlichkeit Oktober und November, zwei Artikel veröffentlichte, welche die Glaubwürdigkeit der Angaben und Berechnungen der Wachtturm-Gesellschaft aufzeigen sollte.

    Darauf hin hat sich Carl Olof Jonsson in hohem Alter noch die Mühe gemacht, diese Artikel zu analysieren und mit den wissenschaftlichen Fakten zu vergleichen.

    Die beiden folgenden Dokumente sind die maschinellen Übersetzungen der beiden Artikel von Carl Olof Jonsson. Die Qualität der Übersetzung und Formatierung sollte ausreichend sein, um die Argumente und Gedanken nachvollziehen zu können. Bei Unklarheiten kann die deutsche Übersetzung seines Buches zu Rate gezogen werden:

    Im Folgenden kann man die beiden englischen Artikel von Carl Olof Jonsson herunterladen:

  • Prof. Hungers Rezension von Rolf J. Furulis „Assyrian, Babylonian, and Egyptian Chronology. Volume II“

    Prof. Hungers Rezension von Rolf J. Furulis „Assyrian, Babylonian, and Egyptian Chronology. Volume II“

    Von Prof. Hermann Hunger


    Dies ist die deutsche Übersetzung der Rezension von Professor Hermann Hunger zum Buch „Assyrian, Babylonian, and Egyptian Chronology. Volume II“ von Rolf J. Furuli. Mit diesem Buch versuchte Rolf Furuli die Arbeit von Carl Olof Jonsson in seinem Buch „Die Zeiten der Heiden neu überdacht“ zu widerlegen und die Behauptungen der Zeugen Jehovas bzw. Wachtturm Gesellschaft zu stützen.

    Die detailierten Darlegungen des Experten zu diesem Thema sprechen für sich. Hier geht es nicht um eine Diskussion unter Gelehrten. Vielmehr wird belegt, wie im Leser offen oder subtil Zweifel  geweckt werden, um Beweise zu diskreditieren, die der eigenen These widersprechen. Zum Teil beruhen Behauptungen auf der Verwendung eigener, schlechter Fotografien, mangelnder Kenntnisse der Sprache und Texte oder einfach nur Annahmen. Am Ende findet sich seine Bewertung des Vorwurfs von Furuli, dass die antiken Beweisstücke im 20. Jahrhundert absichtlich manipuliert wurden.

    Der englische Artikel ist zusammen mit anderen auf der Website Christian Freedom Association von ihm veröffentlicht worden und am Ende dieses Artikels als PDF Datei angefügt.


     

    Furuli, Rolf J., Assyrische, babylonische und ägyptische Chronologie. Band II der assyrischen, babylonischen, ägyptischen und persischen Chronologie im Vergleich mit der Chronologie der Bibel. Oslo, Awatu Verlag, 2. Aufl., 2008. 376 S., zahlreiche Fotos und Tabellen. – Rezensiert von Professor Hermann Hunger, Wien, Österreich.

    Hinweis von Carl Olof Jonsson:

    In seinem Werk über die Chronologie des Alten Orients widmet Dr. Rolf Furuli in Oslo, Norwegen, der antiken Astronomie viel Raum. Seine Erörterung der altbabylonischen astronomischen Keilschrifttafeln umfasst mehr als 140 Seiten. Davon enthalten 93 Seiten – etwa ein Viertel des Buches – eine detaillierte astronomische und sprachliche Analyse einer bestimmten Tafel: VAT 4956, ein astronomisches „Tagebuch“, das auf das 37. Jahr des neubabylonischen Königs Nebukadnezar II. datiert wird. Es ist daher sehr passend, dass Rolf Furulis Arbeit hier von Professor Hermann Hunger rezensiert wird, der nicht nur eine weltbekannte Autorität auf dem Gebiet der Keilschrift und der Sprachen des alten Babyloniens und Assyriens ist, sondern auch der führende Experte für die astronomischen Beobachtungstafeln aus Keilschrift. Seit Jahrzehnten studiert und übersetzt er diese Texte. Seine Transkriptionen und Übersetzungen sind bisher in fünf großformatigen Bänden veröffentlicht worden.

    Die meisten Verweise in Professor Hungers Rezension auf verschiedene Werke und Artikel sind in abgekürzter Form angegeben. Die vollständigen Titel sind in einer Referenzliste am Ende der Rezension aufgeführt.

    Prof. Hungers Rezension

    Nach einem Vorwort und einer Einleitung über „Annahmen und Perspektiven“ besteht das Buch aus drei Teilen, jeweils einem für die neubabylonische, neuassyrische und ägyptische Chronologie. Es gibt ein Schlusskapitel „Aufgeschlossenheit und das Studium der antiken Chronologie“, 6 Anhänge und ein Literaturverzeichnis.

    „Annahmen und Perspektiven“ (S. 17-26)

    Die Einleitung beginnt mit einem berühmten Irrtum aus der Medizin über Spinat, der lange Zeit unentdeckt blieb, weil die Menschen die Quellen nicht überprüft haben. Dann wird darauf hingewiesen, dass „Vorannahmen dazu neigen, Interpretationen zu färben“, und dass Vorannahmen klar dargelegt werden sollten.

    Ich bin ganz auf F.s Seite, dass die „Wahrheit“ nicht durch den „Konsens der Mehrheit der Gelehrten“ entschieden wird. Wenn die Wahrheit nicht gefunden werden kann, kann der Konsens eine gewisse Hilfe sein.

    Der größte Teil der Einleitung versucht zu zeigen, dass die Chronologie unsicher ist, weil die Annahmen und Interpretationen nicht sicher sind. Zur Veranschaulichung führt F. Keilschrifttafeln an, die auf Nebukadnezar und Amel-Marduk datiert sind, was zu zeigen scheint, dass die Tafeln auf einen König nach dessen Tod datiert wurden. F. gibt an, dass die „traditionelle Chronologie“ auf Ptolemäus basiert, aber das ist zumindest eine Verkürzung: Ein Teil der Grundlage der „traditionellen Chronologie“ ist der sogenannte „Kanon des Ptolemäus“, der in einigen Handschriften seiner „Handlichen Tabellen“ enthalten war. Diese Liste muss jedoch älter sein als Ptolemäus, denn eine solche Liste wurde schon lange vor ihm von Astronomen benötigt.

    Auf S. 26 erklärt F. als „Ansatz dieses Buches“, dass „die Bibel, Keilschrifttafeln und verschiedene Arten von historischen Daten auf die gleiche Stufe gestellt werden“. Dabei werden die Unterschiede zwischen diesen Daten übersehen: Literatur kann nicht auf die gleiche Weise behandelt werden wie tägliche Aufzeichnungen; königliche Inschriften können die Errungenschaften des Königs hervorheben und seine Misserfolge vergessen; Texte, die weit von den Ereignissen entfernt sind, die sie beschreiben, können weniger zuverlässig sein als solche, die nahe an den Ereignissen verfasst wurden, usw. Eine kritische Bewertung der Quellen ist für die Geschichtsschreibung unumgänglich.

    „TEIL 1: DAS NEOBABYLONISCHE REICH“ (S. 27-133)

    Der Abschnitt über das neubabylonische Reich beginnt mit der Überschrift von Kapitel 1: „Die neubabylonische und die biblische Chronologie widersprechen einander“ (S. 28-43).

    F. nennt zunächst einige Quellen für die traditionelle Chronologie, die er Ptolemäus zuschreibt, und behauptet dann: „Die Bibel sagt ausdrücklich, dass Jerusalem volle 70 Jahre lang eine wüste Einöde war“ (S. 30). Wenn man davon ausgeht, dass Babylon 539 von Kyros erobert wurde und die Juden 537 zurückkehrten, dann „kommen wir auf das Jahr 607 als Zeitpunkt für die Zerstörung Jerusalems“. Das ist der grundlegende Punkt von F.s „Osloer Chronologie“.

    Die Aussagen über die vollen 70 Jahre der Verwüstung werden nicht unbedingt durch die biblischen Texte gestützt, wie aus C. O. Jonsson, Die Zeiten der Heiden neu überdacht (4. Aufl., 2004), S. 191-235, hervorgeht. F. stellt seine Sichtweise auf S. 32ff. dar.

    In Kapitel 2 (S. 44-55) werden die Keilschrifttexte zur neubabylonischen Geschichte, die Chroniken und die Königsinschriften in Zweifel gezogen.

    Kapitel 3 (S. 56-66) befasst sich mit Geschäftsdokumenten. F. beginnt mit Beispielen für Fehler von Gelehrten beim Lesen von Tafeln (S. 56 Anm. 60: eine Wiederherstellung ist die Annahme eines modernen Gelehrten, die falsch sein kann, wie in dem zitierten Fall; andererseits hängt das Ausmaß, in dem die Schrift eines Zeichens variieren kann, nicht von modernen Lesern ab). F. benutzt dann die unklare Reihenfolge der Herrscher gegen Ende des Assyrischen Reiches, um zu behaupten, dass die Tafeln nicht in die traditionelle Chronologie passen. Die Anmerkung 66 auf S. 58 soll den Weg für die Identifizierung von Kandalanu und Nabopolassar bereiten. F. bezieht sich auf die Akitu-Chronik, in der es heißt: „arki mKan-da-la-nu (’nach Kandalanu‘), im Jahr der Thronbesteigung von Nabopolassar“, und behauptet, dass arki mKan-da-la-nu auch mit „danach Kandalanu“ oder „dieser andere Kandalanu“ übersetzt werden kann. Allerdings kann arki Kandalanu NICHT „dieser andere Kandalanu“ bedeuten.

    Der Wechsel der Herrschaft von Nebukadnezar zu Amel-Marduk und Neriglissar ist in NBC 4897 dokumentiert; weil dies F.s Chronologie widerspricht, sagt er, dass es „nicht verwendet werden kann“ (siehe unten in Anhang A).

    Kapitel 4 (S. 67-89) sucht nach neubabylonischen Königen, die von Ptolemäus nicht erwähnt werden (d.h. im ptolemäischen Kanon).

    Gleich auf S. 67 wird ein Ziel der Diskussion genannt: „Wenn wir die Herrschaftszeiten nur um ein Jahr nach hinten verschieben müssen, ist VAT 4956 als chronologisches Zeugnis wertlos“. Ich verstehe das nicht: Warum ist VAT 4956 wertlos, wenn wir die Chronologie nach hinten verschieben? Wir werden es schwer haben, die Chronologie zurückzudrängen, weil VAT 4956 einfach ein Datum für das Jahr 37 von Nebukadnezar liefert.

    Da es nach Assurbanipal mehrere Anwärter auf den babylonischen und assyrischen Thron gab, führt die Addition all ihrer bezeugten Jahre zu mehr Jahren, als in der traditionellen Chronologie angenommen wird. Aber das muss natürlich nicht der richtige Ansatz sein, denn es kann sein, dass einige Könige zur gleichen Zeit regiert haben.

    S. 73: In den Inschriften von Nabû-na’id werden dem Wort für Herrschaft (palû) manchmal Adjektive hinzugefügt, wie damqu oder kinu. Aber palû bezieht sich nicht auf bestimmte Jahre seiner Herrschaft, sondern auf seine Herrschaft im Allgemeinen. Deshalb qualifiziert er es als „gut“ oder „zuverlässig, rechtmäßig“. Man kann nicht erwarten, dass ein babylonischer König seine Herrschaft jemals als nicht legitim ansehen würde. Aus diesem Wortgebrauch lassen sich keine chronologischen Schlüsse ziehen.

    S. 79: Die dynastische Prophezeiung schließt nicht alle Könige ein und ist daher für die Chronologie unbrauchbar. Die Worte „Drei Jahre lang“ (mit Unterbrechungen davor und danach) müssen sich nicht einmal auf die Dauer der Herrschaft beziehen.

    S. 80: Ein weiterer möglicher unbekannter neubabylonischer König, den F. vorschlägt, findet sich in den Zeichen für den Namen idAG-GI auf einer von M. Jursa 1997 veröffentlichten Tafel. F. transkribiert den Namen fälschlicherweise als Nabû-šalim. Aber ein Name Nabû-šalim würde „Nabû geht es gut“ bedeuten, und das ist keine angemessene Aussage (F.s falsche Übersetzung: „Nabû möge Frieden haben“ ist ebenso blasphemisch). Wenn GI für šalāmu steht, würde nur –mušallim oder –ušallim einen Sinn ergeben.

    S. 82: Warum muss ein Mann namens Mar-šarri-uṣur ein König sein? Im Gegenteil, dies ist der Name eines Dieners.

    Ich habe nur auf einige falsche Details hingewiesen. Im Laufe dieses Kapitels werden dem Leser mögliche Gründe für Zweifel an der traditionellen Chronologie präsentiert, obwohl keine Schlussfolgerungen angeboten werden. Aber die Tendenz, die Länge des neubabylonischen Reiches zu erweitern, ist immer präsent. – [Für weitere Einzelheiten zu Kapitel 4 siehe: http://goto.glocalnet.net/kf3/review4.htm – Hrsg.].

    Kapitel 5 (S. 90-95) befasst sich mit den astronomischen Tagebüchern. Zunächst wird auf die Möglichkeit von Fehlern hingewiesen. Dann wird die asymmetrische Erhaltung beschrieben: Es gibt nur wenige Tagebücher aus der Zeit vor 400 v. Chr., und einige davon sind Kopien. Die Behauptung, dass sie praktisch nicht existieren, ist nicht gerechtfertigt; es gibt nur wenige von ihnen. F. dreht das Argument um und sagt, dass in dieser Zeit keine Tagebücher angefertigt wurden. Da es Tafeln gibt, die Planetenbeobachtungen aus dieser Zeit enthalten, vermutet F. sofort, dass es sich dabei um Rückwärtsberechnungen handelt. Allerdings wären die Positionen, die man durch Rückwärtsrechnen erhält, bald ziemlich falsch gewesen. Zumindest könnte man mit modernen Berechnungen sehen, dass sie falsch waren. Es gibt jedoch keinen Grund, warum überhaupt rückwärts gerechnet worden sein sollte (siehe unten zu Anhang F).

    In seiner Zusammenfassung wird die Existenz von astronomischen Beobachtungen im neubabylonischen Reich geleugnet.

    Kapitel 6 (S. 96-125) befasst sich mit VAT 4956, das als „wichtigstes astronomisches Tagebuch“ bezeichnet wird. Die meisten Details finden sich in Anhang C wieder, aber einige müssen hier besprochen werden.

    Ich hatte das Privileg, eine Ausgabe dieser Tafel aus einem Manuskript von A. J. Sachs in Diaries, Bd. I zu vervollständigen. Es wird daher verständlich sein, dass ich ausführlich auf F.s Aussagen reagiere, die andeuten, dass ich eine schlechte Arbeit geleistet habe. Natürlich trage ich die Verantwortung für alle Fehler in der Ausgabe (zwei wurden gefunden, sind aber chronologisch nicht relevant). Für die Ausgabe habe ich das veröffentlichte Exemplar von E. Weidner und ein Foto von einem Negativ in der Sammlung des Vorderasiatischen Museums verwendet, das sicherlich vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Ich habe das Original nicht zusammengestellt. Wie wir gleich sehen werden, habe ich großes Glück, dass ich diese Tafel nie in der Hand hatte!

    Sofort wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Tafel eine Fälschung ist. Ein Exkurs über moderne Fälschungen soll diese Vermutung untermauern. Diese modernen Fälschungen werden jedoch mit Hilfe von Gussformen hergestellt, so dass sie keine Informationen enthalten können, die nicht ursprünglich auf einer echten Tafel vorhanden waren. Wenn VAT 4956 eine solche Fälschung wäre, würde sie uns immer noch das Bild einer echten Tafel vermitteln.

    Die Tafel wurde in Bagdad gekauft und kam 1906 in das Vorderasiatische Museum. Sie ist jetzt gebrannt und besteht aus drei zusammengeklebten Teilen (S. 98). F. beschreibt dann „einige seltsame Dinge im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Tafel (S. 99). Die ersten Herausgeber, P. V. Neugebauer und E. Weidner, haben nicht erwähnt, dass die Tafel aus drei Teilen besteht; F. meint, dass sie das hätten erwähnen sollen, und er wirft die Möglichkeit auf, dass die Tafel 1915 nicht zerbrochen war. Er findet es auch seltsam, dass Weidner 1912 nur die Zeile 18 der Rückseite veröffentlichte, und führt dies auf Weidners Konkurrenzkampf mit F. X. Kugler zurück. In Anbetracht der Bedeutung der Tafel hätte Weidner so schnell wie möglich eine Kopie veröffentlichen müssen. Aber eine Kopie erschien erst 1953. F. kommt zu dem Schluss, dass Weidner und Neugebauer absichtlich verhindern wollten, dass Kolleginnen und Kollegen die Originaltafel untersuchen, und dass „sie etwas zu verbergen hatten“ (S. 101). F. geht nicht näher darauf ein, was sie vielleicht zu verbergen hatten. Ich kenne die damalige Politik des Vorderasiatischen Museums nicht, aber im Allgemeinen hätten die Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit gehabt, eine bereits veröffentlichte Tafel zu sehen (und zusammenzustellen). Heutzutage kann man Weidner nicht mehr nach seinen Gründen fragen, aber es ist wahrscheinlich, dass sie nicht böswillig waren. Vielleicht war er gezwungen, die Kopie in den Vorderasiatischen Schriftdenkmälern (die vom Museum herausgegeben werden) zu veröffentlichen, und vielleicht gab es in den 1920er Jahren finanzielle Probleme bei der Produktion.

    Die „seltsamen Merkmale“, die F. nur als „bewusste Manipulation“ erklären kann, werden weiter unten besprochen (Anhang C). Auf S. 102 vermutet F., dass ein „Fälscher die Zeichen auf die Rückseite geschrieben hat, während er das Original betrachtete“. Kein moderner Fälscher wäre jedoch in der Lage, die Keilschrift so zu kopieren, dass sie wie das Original aussieht; dazu ist eine jahrelange Ausbildung als Schreiber erforderlich. Außerdem gibt es keine Möglichkeit, Keilschrift erfolgreich auf eine getrocknete Tafel aufzubringen. Die Tafel wäre zu hart, um die saubere Schrift zu erzeugen, wie sie auf VAT 4956 erhalten ist.

    S. 112: Die Passage über das Jahr 38 ist ein Aufhänger, der den Beginn einer Tafel angibt, die auf die vorliegende Tafel folgt. Im Gegensatz zu F.s Anschuldigungen ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein moderner Fälscher oder Manipulator sich die Mühe gemacht hätte, dies hinzuzufügen. Ein Beispiel für eine solche Zeile in einem anderen Tagebuch findet man in Tagebücher I, S. 476f. Nr. -168 Zeile A21′: Das Tagebuch betrifft die Monate V bis VIII, und der Aufhänger ist der Anfang des Monats IX. Die Existenz dieser Schlagzeile auf VAT 4956 ist natürlich kein Hinweis darauf, dass „der Schreiber eine Agenda hatte“.

    Auf den folgenden Seiten gibt F. mehr oder weniger seine Ergebnisse aus den ausführlicheren Diskussionen in Anhang C wieder, daher beschränke ich mich auf ein paar Bemerkungen.

    S. 117: F.’s Argumentation, dass die Verwendung der Worte „zu jener Zeit“ eine „gewisse Unsicherheit“ bedeutet und darauf hinweist, dass die Positionen „eher berechnet als beobachtet“ wurden, ist falsch. inušu „zu jener Zeit“ leitet eine Zusammenfassung der Planetenpositionen ein; es ist keine Unsicherheit im Spiel. In späteren Tagebüchern steht diese Zusammenfassung normalerweise am Ende eines jeden Monatsabschnitts.

    S. 119: F. argumentiert, dass die Angaben zu VAT 4956 aus verschiedenen Quellen stammen und behauptet: „In den Zeilen 6 und 7 werden die Flusspegel und ein Bericht über die Tötung von jemandem auf Befehl des Königs für ein zwischengeschaltetes Addaru berichtet. Dies muss sich auf das vorherige Jahr oder ein anderes Jahr beziehen und würde eine andere Tafel erfordern als die, die Mond- und Planetendaten berichtet. Doch dieses anomale Zwischenjahr Addaru findet sich auf VAT 4956 zwischen den Monaten I und II.“ In den Zeilen 6 und 7 wird jedoch zunächst von einer Änderung des Flusspegels berichtet, die sich zufällig vom vorangegangenen Schaltjahr Addaru auf den aktuellen Monat erstreckt. Die Tötung von jemandem auf Befehl des Königs steht nicht im Zusammenhang mit dieser Zeitspanne, sondern geschah im Monat I; die Tageszahl, die jetzt gebrochen ist, muss in Zeile 6 erwähnt worden sein. Dies ist kein Hinweis auf unterschiedliche Quellen.

    Außerdem ist F. der Meinung, dass das Tagebuch in seleukidischer Zeit verfasst wurde, denn „die Sternbilder als Tiere zu betrachten, entweder allein oder als Repräsentanten der 12 Tierkreiszeichen, war ein später Brauch, und es gibt keine Hinweise auf den Tierkreis aus dem neubabylonischen Reich oder früher.“ Einige Sternbilder als Tiere zu betrachten, ist keineswegs ein später Brauch; das mulAPIN-Dokument aus dem frühen ersten Jahrtausend v. Chr. ist voll von solchen Namen, einschließlich ihrer Teile. Diese Ausdrücke können daher NICHT als Argument dafür verwendet werden, dass die Tafel in seleukidischer Zeit verfasst wurde.

    S. 122: Zur Untermauerung der Behauptung, dass jemand die Tafel manipuliert hat, führt F. an, dass die erste Zeile, in der das Datum und der Name des Königs geschrieben wurden, „teilweise ausradiert“ ist. Meiner Meinung nach ist die erste Zeile jedoch nicht teilweise ausradiert, sondern teilweise beschädigt.

    Auf dieser Seite ist der Verdacht, dass sich jemand in der Neuzeit an der Tafel zu schaffen gemacht hat, in F.s Augen bereits zum „Beweis“ geworden.

    S. 123: Bei dem Versuch, die neubabylonische Zeitspanne um 20 Jahre zu verlängern, vermutet F., dass die Tafel ursprünglich auf das Jahr „57“ datiert wurde, das ein moderner Gelehrter in „37“ geändert hat. Er sagt: „Eine Person in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sah, dass die Himmelspositionen gut zu 568/67 passten, und auf der Grundlage der akzeptierten Chronologie schloss er, dass 57 ein Fehler für 37 war.“ In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war jedoch niemand in der Lage, die Himmelspositionen zu verstehen; die ersten zuverlässigen Identifizierungen von Sternen wurden von Epping im Jahr 1881 vorgenommen.

    Auch ich sehe das, was F. einen „kleinen Winkelkeil“ nennt, unter den drei größeren (und deutlicheren) Winkelkeilen. Dieser kleine Abdruck ist anders ausgerichtet und weniger tief; ich halte ihn für einen Kratzer, nicht für einen Keil.

    Was das Hinzufügen der Zahlen 37 und 38 angeht, so gibt es keine Möglichkeit, Keilschrift erfolgreich auf eine getrocknete Tafel aufzubringen. Die Tafel wäre zu hart, um eine saubere Schrift zu erzeugen, wie sie auf VAT 4956 erhalten ist. Es gibt Beispiele von Tafeln, die beschriftet wurden, nachdem sie zu trocknen begonnen hatten; das ist leicht zu erkennen (siehe z. B. Tagebücher III Taf. 209 Nr. -104 Rev.).

    Außerdem können nur ausgebildete Schreiber eine Schrift herstellen, die wie die antike aussieht. Die modernen Fälschungen, die F. auf S. 96f. bespricht, werden mit Hilfe von Gussformen hergestellt und sind daher nicht aussagekräftig.

    Kapitel 7: Andere astronomische Tafeln (S. 126-133)

    (LBAT 1421, 1415, 1416, 1417, 1419, 1420, 1386; die Saturn-Tafeln SBTU IV Nr. 171 und BM 76738+76813)

    S. 127f.: In LBAT 1421 ist es nicht „schwer zu erklären“, warum die Zahl 45 vor dem Jahr 42 stehen kann: 45 ist keine Jahreszahl.

    F. verwechselt die Schaltmonate für die Jahre 36 und 41 von Nebukadnezar: Laut Parker & Dubberstein S. 5 hatte das Jahr 36 einen Schaltmonat Addaru und das Jahr 41 einen Schaltmonat Ululu. Außerdem fügt F. einen unbestätigten Schaltmonat zwischen diesen Jahren ein, um die Mondfinsternisse des Jahres 42 so zu verschieben, dass sie nicht zum Jahr 563 v. Chr. passen! F.’s Vorschlag ist jedoch schon aufgrund seiner eigenen Annahmen falsch: Die Finsternis vom 16. Oktober 583 v. Chr. fällt in den Monat VII, und im Monat XII gab es keine Finsternis (am 13. März 582 v. Chr. verfehlte der Erdschatten den Mond, siehe Huber & De Meis, Bab. Eclipse Observations, S. 186; folglich ist in Kudlek & Mickler keine Finsternis aufgeführt). LBAT 1421 beweist zwar keine Chronologie, aber sie stimmt mit der traditionellen überein.

    Inzwischen hat F. im ANE-2-Internetforum behauptet, LBAT 1421 beziehe sich auf das Jahr 42 von Artaxerxes I. (für F., 433/2 v. Chr.), aber auch das ist nachweislich falsch. (Siehe: http://groups.yahoo.com/group/ANE-2/message/12432 und
    http://groups.yahoo.com/group/ANE-2/message/12495)

    „TEIL ZWEI: DAS NEO-ASSYRIANISCHE REICH“ (Kapitel 8-13, S. 134-237)

    Der zweite Teil befasst sich mit der Chronologie des neuassyrischen Reiches.

    Dieser Abschnitt beginnt auf S. 134 mit Synchronismen zwischen der Bibel und den assyrischen Quellen. Diese zeigen, dass die Chronologien nicht einfach in Übereinstimmung gebracht werden können. F. verbringt viel Zeit damit, mögliche Fehler in den assyrischen Quellen zu diskutieren und zu versuchen, die Zuverlässigkeit der Königs- und Beinamenlisten zu untergraben.

    In Kapitel 11 (S. 183-195) versucht F., dem neuassyrischen Reich Jahre hinzuzufügen, indem er einigen Königen längere Regierungszeiten zuschreibt (aus zweifelhaften Quellen) oder ihre Herrschaft in Babylonien oder Assyrien verwechselt.

    Kapitel 12 (S. 196-212) befasst sich mit den „letzten Königen von Assyrien und ihren babylonischen Gegenspielern“. Zunächst wird die Identität von Kandalanu diskutiert. F. schlägt vor, ihn mit Nabopolassar zu identifizieren.

    Auf S. 203 hebt F. die vielen möglichen Lesarten der Keilschriftzeichen hervor. Das ist zwar generell richtig, rechtfertigt aber nicht die Verwechslung unterschiedlicher Zeichen. Es mag Vorkommen von nu geben, die wie pap aussehen, und andersherum. Aber im Prinzip gibt es einen klaren Unterschied zwischen den beiden, wie man an Labats Zeichenliste sehen kann. Wenn man also das Zeichen nu als pap ansieht und es als Logogramm für naṣaru liest, braucht man dafür Belege, sonst bleibt es ein Lesefehler.

    In einem nächsten Schritt behauptet F., dass das Zeichen kan dem Zeichen ag ähnelt und dass daher der Anfang des Namens Kandalanu als AG gelesen werden kann und sich auf den Gott Nabû bezieht. Das erforderliche göttliche Bestimmungswort wird nicht erwähnt. Ich habe S. 33 und Nr. 143 in Labat nachgeschlagen und kann die von F. postulierte Ähnlichkeit nicht erkennen.

    Nachdem F. den Namen Kan-da-la-nu durch zwei Fehlinterpretationen mit Nabû-apla-uṣur gleichgesetzt hat, muss er da-la immer noch mit apla gleichsetzen. Die Zeichen ibila sind NICHT dasselbe wie tur (Labat 144); F. missversteht Labat. peš und gal sind keine Varianten desselben Zeichens; nur peš-gal ist als (seltenes) Logogramm für aplu bezeugt. F. schlägt dann vor, dass dal-la (sic; die geschriebenen Zeichen sind da-la) ein „direkter Bezug“ zu aplu oder ein Synonym für aplu sein könnte, weil dallu mit der Idee wenig verbunden ist. Eigentlich bedeutet dallu „minderwertig“.

    Die Verwirrung geht weiter mit der Behauptung, dass kan auch als šarru (LUGAL) gelesen werden könnte. Nur ein sehr schlampiges LUGAL könnte an das Aussehen von kan herankommen. Doch das reicht F. nicht: Die Lesart šarru wird durch bel ersetzt, um einen Gottesnamen zu ergeben. In den nächsten Zeilen wird Bel ohne weitere Diskussion zu Nabû. In den folgenden Absätzen wird erläutert, wie Bel (=Marduk) und Nabû zu Synonymen werden. Das alles wird hinzugefügt, um den Leser mehr und mehr zu verwirren und ihn glauben zu lassen, dass etwas Reales in diesen Spekulationen stecken könnte. Nur eine philologische Anmerkung: F. übersetzt immer wieder Imperative (uṣur „hüte!“) mit Präkativformen („lass … retten“); im Akkadischen gibt es aber eine eigene Präkativform, in diesem Fall liṣṣur.

    Ein weiterer Text, der darauf hindeutet, dass Kandalanu und Nabopolassar nicht gleichgesetzt werden können, findet sich in ADRT Bd. V, Nr. 52, wo in Col. II auf Ereignisse in der Zeit von Kandalanu Ereignisse in der Zeit von Nabopolassar folgen, die eindeutig als getrennte Personen gelten.

    In Kapitel 13 (S. 213-237) wird ein neues chronologisches Schema für das neuassyrische Reich vorgestellt. Im ersten Absatz heißt es: „Die Sonnenfinsternis in der Namensgebung von Bur-Sagale kann sich auf eine von mehreren Finsternissen beziehen“.

    Die Sonnenfinsternis in der Namensgebung von Bur-Sagale musste beeindruckend sein, denn eine unerwartete Sonnenfinsternis wird nur dann bemerkt, wenn sie total oder fast total ist; selbst wenn 95% der Sonne verfinstert sind, gibt es keine merkliche Verringerung der Helligkeit.

    Die Bedeutung dieser Sonnenfinsternis für die Datierung der assyrischen Namensliste wird weithin akzeptiert, und deshalb wird von einigen Leuten versucht, sie zu untergraben. Ich habe einen solchen Versuch kürzlich auf „Wikipedia“ bemerkt und ihn in AoF 35 (2008) 323-325 kommentiert. Für eine englische Übersetzung siehe: http://goto.glocalnet.net/kf4/dating.htm.

    Auch F. negiert seinen Wert. Auf S. 247 sagt er, dass es eine Frage des „Glaubens gegen den Glauben“ ist: Glauben wir, dass die Sonnenfinsternis von 763 diejenige ist, von der in der Namensliste von Bur-Sagale berichtet wird, oder glauben wir an die Chronologie von 2. Könige?“ Man kann die Namensgeberliste jedoch auch mit anderen Mitteln als der Sonnenfinsternis astronomisch datieren. Wie im oben genannten Artikel gezeigt, gibt es andere astronomische Tafeln aus dem siebten und achten Jahrhundert v. Chr., die unabhängig voneinander die traditionelle Chronologie für diesen Zeitraum unterstützen, einschließlich des für die Sonnenfinsternis festgelegten Datums.

    Wir können daher die Sonnenfinsternis in der Namensliste als die von 763 v. Chr. identifizieren. Gleichzeitig bleibt die traditionelle Chronologie Assyriens im 1. Jahrtausend v. Chr. korrekt. Gelegentliche falsch identifizierte Eponyme oder Königsnamen in Datierungen können daran nichts ändern.

    Ob es in der Bibel eine Chronologie gibt, die der traditionellen assyrischen Chronologie widerspricht, kann den Bibelwissenschaftlern überlassen werden. Was auch immer sie finden, kann unabhängig von der assyrischen Chronologie sein, sie aber nicht ändern.

    „TEIL DREI: DAS ÄGYPTIANISCHE REICH“ (S. 238-245)

    Kapitel 14: „Ägyptische Chronologie“ wird auf S. 238-245 sehr kurz behandelt. Laut F. kann sie nicht absolut datiert werden und hilft nicht bei der Lösung von Problemen, die in Babylonien und Assyrien aufgetreten sind.

    „Aufgeschlossenheit und das Studium der antiken Chronologie“

    Im letzten Kapitel (15) geht es um Aufgeschlossenheit: Da „jedes antike chronologische Schema auf subjektiven Interpretationen, Annahmen und Paradigmen beruht“, sollten wir „eine bescheidene Haltung an den Tag legen, anstatt darauf zu bestehen, dass unser chronologisches Schema das einzig richtige ist“ (S. 246). Anschließend listet F. seine Hauptpunkte auf, warum die VAT 4956 kein brauchbares chronologisches Zeugnis sein soll.

    Am Ende erinnert uns F. daran, dass „wir alles sorgfältig abwägen sollten“ (S. 250). Nachdem ich das getan und mich an das „Spinat-Beispiel“ erinnert habe, akzeptiere ich die vielen falschen Argumente, die gegen die „traditionelle Chronologie“ vorgebracht werden, nicht, obwohl sie in diesem Buch abgedruckt sind.

    ANHÄNGE

    „Anhang A: Eine Analyse des Hauptbuchs NBC 4897 aus dem Eanna-Tempel“

    Anhang A (S. 251-262) wurde von C. O. Jonsson behandelt unter: http://goto.glocalnet.net/kf3/review4.htm.

    Sein Ergebnis ist: „Die Tafel NBC 4897 zeigt eindeutig, dass Nebukadnezar 43 Jahre lang regierte und dass sein Sohn und Nachfolger Amel-Marduk 2 Jahre lang regierte und von Neriglissar abgelöst wurde“. Die Verdächtigungen und Vermutungen von F. können daher außer Acht gelassen werden.

    Anhang B: Eine Analyse der Himmelspositionen von [dem Tagebuch] BM 32312 (S. 263-270)

    F. verwendet das Horizontsystem (Höhe und Azimut) für die Planetenpositionen. Das ist unpraktisch, weil man entscheiden muss, für welche Zeit der Nacht die Positionen zu finden sind. Ob ein Eintrag auf der Tafel „richtig oder falsch“ ist, ließe sich leichter anhand des Längen- und Breitengrads bestimmen.

    Zeile i, 7: Dieser Eintrag über die letzten Erscheinungen von Merkur und Saturn ist nicht mit einem Tag verbunden, sondern wird zwischen dem 14. und 17. platziert. Wie der Text ausdrücklich sagt, wurden diese Phänomene wegen des schlechten Wetters nicht beobachtet. Die Vermutungen waren nicht sehr gut; für Merkur ist es zu früh, für Saturn zu spät.

    Zeile i, 10: „er [Mars] kam nahe“ ist keine vage Formulierung. Wie aus Zeile iv 15’f. hervorgeht, entspricht „er kam nahe“ einer Entfernung von 1 Finger zwischen dem Planeten und einem Stern. Aber selbst wenn es eine vage Formulierung wäre, bedeutet das nicht unbedingt, dass sie berechnet wurde.

    Ich sehe nicht, warum die Worte „Lippe“ und „Kopf“ des Skorpions auf ein Tierkreiszeichen hindeuten. Im Gegenteil, sie deuten auf ein Tierbild hin. Auf ein Tierkreiszeichen würde man sich mit „Anfang“ oder „Ende“ beziehen, wenn eine genauere Angabe als nur ein Zeichen gemeint wäre. Daher ist die Schlussfolgerung (Anm. 296), dass es eine Unstimmigkeit zwischen den Zeilen 10 und 12 gibt (die wiederum dazu dient, zu vermuten, dass die Tafel rückwärts berechnet wurde), falsch.

    Zeile iii, 4′: „20“ wurde durch ein Fragezeichen als unsicher gekennzeichnet und kann nicht für Berechnungen verwendet werden.

    Zeile iv, 15′: „Konjunktion“ bedeutet, dass zwei Himmelskörper denselben Längengrad haben. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie sehr nahe beieinander liegen.

    „Front“ des Widders war ein Versuch, die Zeichen am Anfang der Zeile zu lesen. Natürlich müsste damit ein bestimmter Stern des Widders gemeint sein, sonst macht eine Entfernung keinen Sinn. Ich habe nicht versucht, herauszufinden, welcher Stern gemeint gewesen sein könnte.

    In der Fußnote 300 stellt F. die Idee auf, dass ein „Astrologe die Worte geschrieben hat, um seine Leser glauben zu lassen, dass die Tafel echte Beobachtungen enthält“; bezeichnenderweise beschuldigt F. den antiken Schreiber der Lüge.

    „Anhang C: Eine Analyse von [dem Tagebuch] VAT 4956“ (S. 271-333)

    Abschnitt C1 (S. 271-274): „Eine Analyse der veröffentlichten Zeichnung der Tafel“

    P. 271: Eine Zeichnung von VAT 4956 von E. F. Weidner findet sich in AfO, 1953, XVI:2, Tafel XVII. F. stellt fest, dass „der Name desjenigen, der die Zeichnung angefertigt hat, nicht in der Zeitschrift zu finden ist“, aber dass die Zeichnung von Weidner angefertigt wurde, steht ausdrücklich auf Seite 220.

    F. stellt zunächst fest, dass „die Zeichnung nicht genau ist“, denn während das Bild der Rückseite zeigt, dass der Bruch auf der Tafel „bis zum oberen Rand der Tafel“ reicht, hört er auf der Zeichnung früher auf, „vielleicht bis zur Zeile 4“. Aber in diesem Fall ist es dasselbe wie „bis zum oberen Rand der Tafel“, weil ein Stück oberhalb von Zeile 4 herausgebrochen ist. Hier liegt also kein Fehler in Weidners Abschrift vor.

    „Die vier anderen Linien“ wurden nicht mit Hilfe eines geraden Maßstabs gezeichnet; vor allem die Linie nach dem ersten Abschnitt der Vorderseite und auch nach dem ersten Abschnitt der Rückseite sind der Linie unterhalb von Zeile 11 recht ähnlich, abgesehen von der kleinen Unterbrechung in der Mitte.

    Ich weiß nicht, ob Weidner seine Kopie nach einem Foto oder nach dem Original gemacht hat.

    S. 274: Dies ist ein Vergleich zwischen Weidners Kopie und F.s Foto. In einigen Fällen kann man sich unsicher sein. Ich bemerke die folgenden Korrekturen zu F.s Behauptungen:

    L 15: Die drei horizontalen Keile im vertikalen Bruch sind deutlich sichtbar, während F. nur zwei sieht. Der vertikale Keil ist sichtbar, aber durch den Bruch beschädigt.
    L 16: Die vier horizontalen Keile im vertikalen Bruch sind zu sehen, aber nur undeutlich. F. sieht nur zwei auf seinem Foto.
    Ich verstehe die Zahlen 2:1, 2:3 usw. nicht. Ich habe versucht, dem horizontalen Bruch zu folgen und die Zeichen aus F.s Beschreibung zu finden.
    2:1: Alle sechs Köpfe sind in der horizontalen Pause zu sehen. F. sieht keine auf seinem Foto.
    2:3: Zwei horizontale Keile sind sichtbar. F. sieht keine.
    2:4: F. sieht keinen Keil auf seinem Foto. Ich verstehe das nicht. Die gezeichneten Keile sind da.
    2:7: Von den „drei Köpfen“ auf der Kopie sieht F. keinen auf seinem Foto. Wenn das Zeichen „3“ gemeint ist, kurz bevor die horizontale Unterbrechung mit der vertikalen zusammenkommt, sind auf dem vergrößerten Foto auf S. 279 schön drei Köpfe zu sehen.
    4:3: Wenn dies in Zeile 19, links vom Bruch, gemeint ist, dann sind 6 Keile zu sehen, 4 sogar auf F.s Foto (S. 281).
    4:4: Die Zeichnung zeigt dele-bad über den Bruch, was F. als „irreführend“ bezeichnet, da sein Foto nur Teile der Zeichen zeigt. Aber selbst wenn die Pause durch die Zeichen dele-bad geht, ist das nicht so irreführend, weil dele-bad absolut klar ist.
    5:6: Ja, der rechte obere Keil der „6“ geht im Bruch verloren. Wenn Weidner seine Kopie nach dem Original angefertigt hat, und zwar kurz nachdem die Tafel ins Museum kam, könnte man argumentieren, dass er den Keil noch gesehen hat und er später verloren gegangen ist.
    6:7: Dies scheint Zeile 21 zu sein. Auf der Zeichnung sind vier horizontale Keile zu sehen; auf dem Foto sind sie nicht klar zu erkennen (warum?), aber ich würde sie für vier halten, siehe wieder die Vergrößerung auf S. 286.
    6:8: Das ist wahrscheinlich das Zeichen TU (KU4 in meiner Ausgabe). In Weidners Exemplar ist der Kopf eines vertikalen Keils auf der Oberseite des Bruchs eingezeichnet; ich nehme an, dass F. dies mit dem horizontalen Keil meint. Auf F.’s Foto fehlt der Kopf des Keils, er ist im Bruch verloren gegangen. Diesmal sehe ich diesen verlorenen Kopf deutlich auf meinem Foto, und er ist auch auf der Reproduktion auf Tafel 3 meiner Ausgabe deutlich zu sehen. Dieser Keil ist also definitiv nach Weidners Kopieren verloren gegangen.
    7:1: Dieser befindet sich am Rand; ein Foto findet sich auf S. 288. Das Zeichen ist ein klares BAR, ein vertikaler und ein horizontaler Keil.
    7:4: Das Zeichen ist nicht so undeutlich. Es kann kalag sein: Der untere Teil ist teilweise abgebrochen, aber das rechte Ende der unteren Horizontalen ist noch sichtbar.
    8:4: Im Gegensatz zu F.s Aussage sind auf dem Foto Teile von zwei schrägen Köpfen zu sehen, sogar auf dem unscharfen auf S. 289.

    So viel zu Weidners Kopie. Auf den folgenden Seiten werden seine vermeintlichen Fehler erneut kritisiert; ich werde mich dazu nicht äußern.

    In Abschnitt C2 (S. 274-291) wird die Frage gestellt:

    „Gehören die drei Teile der VAT 4956 zusammen?“

    S. 274: „Von Zeile 7 bis Zeile 16 sind die Zeichen … etwas erodiert oder ausradiert“. Dies ist nicht der Fall.
    Tabelle C.1 (S. 275, 276) enthält „Anmerkungen zu den Zeichen an den Seiten des vertikalen Bruchs“. Zu diesen Kommentaren sind die folgenden Anmerkungen zu machen:
    (Zeile) 3: Der Bruch geht durch die Zahl 19, aber die Lesung ist sicher. F. versucht, ein Element der Unsicherheit einzuführen, indem er sagt: „Wir hätten Beobachtungen nach Tag 19 erwarten können“. Es ist durchaus möglich, dass zehn Tage lang keine Beobachtungen gemacht wurden.
    4: Das Zeichen gur ist trotz der Unterbrechung, die es durchläuft, ziemlich klar. Die Wörter links von der Unterbrechung und die auf der rechten Seite bilden eine zusammenhängende, sinnvolle Abfolge (Berichterstattung über Preise), die in Tagebüchern sehr häufig vorkommt. Es ist schlüssig, dass beide Seiten zur selben Tafel gehören.
    6: Entgegen F.s Aussage gibt es nur zwei horizontale Keile auf der linken Seite des Bruchs; was er vielleicht für einen Keil im unteren Teil des Zeichens gehalten hat, ist nur ein Kratzer. Außerdem gibt es keinen Grund, warum sich die horizontalen Keile von der linken Seite des Bruchs auf die rechte Seite fortsetzen sollten. Es gibt zwei horizontale Keile im linken Teil des Zeichens šap, und es gibt zwei oder drei im rechten Teil, aber die im rechten Teil sind keine Fortsetzung der linken, sondern beginnen in der Mitte des Zeichens neu. Daher kann die Ausrichtung der Keile NICHT darauf hindeuten, dass die beiden Stücke nicht Teil derselben Tafel waren.
    9: Auf der rechten Seite des Bruchs befinden sich ein horizontaler, ein schräger und ein vertikaler Keil. Das ist genau die Form des Zeichens qa. Die von F. gegebene Beschreibung von qa („ein waagerechter und zwei schräge Keile“) ist falsch. Alle Keile, die für die Zeichen ib-bat-qa erforderlich sind, sind korrekt und gut sichtbar.
    10: Der Bruch verläuft durch das Zeichen suhur; ich verstehe nicht, dass es keine Verbindung zwischen dem rechten und dem linken Teil gibt. Die Keile sind auf dem alten Foto NICHT undeutlich, und Weidners Kopie stellt sie richtig dar. Die etwas abgekürzte Form von suhur, die in den Tagebüchern verwendet wird, ist z.B. auf LBAT 176 rev. 4′ = Nr. -372 C rev. 4′ (ADRT I, S. 112, 113; siehe auch das Foto auf Taf. 17 der Ausgabe).
    11: Ich verstehe nicht, warum es keine Verbindung zwischen linkem und rechtem Teil gibt: Die Zahl „1“ steht links von der Pause, und das Maß gur steht rechts davon.
    12: Das Zeichen ga2 ist immer etwas niedriger als hun, also ist die Tatsache, dass sie unterschiedlich hoch sind, nicht von Bedeutung. Bei dem Zeichen hun verwechselt F. einen senkrechten Keil mit einem waagerechten; so kommt er zu einer falschen Zählung. Es gibt keine fehlende Senkrechte und keine Waagerechte zu viel. Da die Zeichen hun und ga2 ein sinnvolles Wort bilden, IST eine Verbindung zwischen linkem und rechtem Teil vorhanden.
    13: Der Bruch verläuft durch den ersten senkrechten Keil der Zahl „2“, und somit IST eine klare Verbindung zwischen linkem und rechtem Teil vorhanden.
    14: Das Zeichen a ist auf dem Foto deutlich zu erkennen, der obere vertikale Keil fehlt nicht. Der Körper des oberen waagerechten Keils von kal kreuzt den Bruch; er ist auf der rechten Seite nicht niedriger als auf der linken. Zumindest eine der beiden Senkrechten in der Mitte ist auf dem Foto deutlich zu sehen. Daher spricht diese Linie nicht dagegen, dass der linke und der rechte Teil zu einem Stück gehören.
    15: Das Zeichen ulu3 ist sehr wahrscheinlich. Auf der linken Seite befinden sich, wie erwartet, drei horizontale Keile. Zwei (oder vielleicht drei) kleine vertikale Keile verlaufen durch die unteren beiden Horizontalen, ebenfalls wie erwartet. Der Kopf der letzten Senkrechten ist durch den Bruch beschädigt, aber ein Teil des Kopfes und des Körpers ist auf dem Foto zu sehen. Das spricht eindeutig dafür, dass der linke und der rechte Teil aus einem Stück sind.
    16: Das Zeichen ge6 mag von F. nicht gesehen worden sein, aber der größte Teil davon, drei waagerechte und ein eckiger Keil, ist auf dem Foto deutlich zu sehen. Es gibt eine offensichtliche Fortsetzung von links nach rechts.
    17: Es gibt keinen horizontalen Keil, der sich über den Bruch fortsetzt, wie F. sagt. Das rechte Ende von mah ist durch den Bruch beschädigt, und der Kopf des horizontalen Keils, der zum Zeichen „½“ gehört, ist im Bruch verloren gegangen. Der Rest dieser Horizontalen ist auf der rechten Seite des Bruchs sichtbar. Es ist daher sinnlos, diese Horizontale mit irgendetwas auf der linken Seite des Bruchs in Verbindung zu bringen, und die Position dieser Spuren hat keinen Einfluss auf die Frage, ob es sich bei den beiden Stücken um eine einzige Tafel handelt.

    Die Analyse von Tabelle C1 zeigt, dass es KEINE Beispiele gibt, die gegen die Möglichkeit eines einzigen Stücks sprechen. Es ist ganz klar, dass die beiden Stücke eine einzige Tablette bilden.

    S. 277ff. F. untersucht die Zeichen auf dem horizontalen Bruch auf der Rückseite und stellt fest, dass „in einigen Fällen die oberen Teile nach links und in anderen nach rechts verschoben sind, während die meisten Buchstaben überhaupt keine Verschiebung aufweisen“.
    Abbildung C.4 (S. 279-281) befasst sich mit den ersten 7 Zeichen in Zeile 18.
    1: Die Köpfe der vertikalen Keile des Zeichens „6“ sind klein, aber deutlich sichtbar. Es gibt eine Verschiebung zwischen der oberen und der unteren Reihe; dies ist aber nicht auf eine Verschiebung der Teile der Tafel zurückzuführen, sondern auf die Art, wie das Zeichen geschrieben wird. Die obere Reihe ist tendenziell nach links verschoben oder steht weiter links als die untere Reihe; das ist sogar bei dem Beispiel, das F. von der Vorderseite bringt, der Fall. Das „etwas wie der Kopf eines horizontalen Keils“ auf der linken Seite ist ein Riss; ein kleines Stück ist am Rand abgebrochen, weshalb weder S/H noch N/W dies erwähnt haben.
    2: Das Zeichen ist si und nur auf dem unscharfen Foto von F., das C.4 beiliegt, „undeutlich“ (ich komme nicht umhin festzustellen, dass nur die Fotos der Rückseite unscharf sind, während die der Vorderseite schön klar sind!) Wenn F. vom Winkel des oberen horizontalen Keils spricht, könnte er den Bruch mit einer Spur des Keils verwechselt haben. Ansonsten sind seine Bemerkungen für mich nicht nachvollziehbar; es ist keine Verschiebung zu erkennen. Die naheliegendste Schlussfolgerung ist also, dass es sich bei diesem Zeichen um ein schönes si handelt, das sich leicht mit dem si vergleichen lässt, das auf der Vorderseite fotografiert wurde.
    3: Das Zeichen IST e. Die beiden horizontalen Keile sind sogar auf F.s Foto sichtbar. Es gibt keinen Winkelunterschied, wie F. behauptet. Auf meinem (veröffentlichten) Foto ist die obere Horizontale in ihrer Gesamtheit über dem Bruch zu sehen; es sind keine Winkel zu vergleichen. Die „rechte horizontale Linie“ kann nur einen horizontalen Keil darstellen; ich sehe nicht, wie sie verschoben werden kann. Die Behauptung, dass der Raum dieses Zeichens im unteren Teil breiter ist als im oberen, ergibt sich aus der Tatsache, dass die obere der beiden Senkrechten rechts des Zeichens e normalerweise weiter links steht als die untere. Eine ähnliche Verwendung haben wir beim Schreiben der Zahl 6 am Anfang der Zeile gesehen.
    Auf dem alten Foto passen die Teile des Zeichens perfekt zusammen.
    4: Das Zeichen IST gu4. Ich sehe keine Verschiebung in der oberen Horizontalen (zur vermeintlichen Verschiebung im vorangehenden Zeichen e, siehe oben). Die beiden eckigen Keile am rechten Ende von gu4 sind auf dem alten Foto gut zu erkennen. Die vorgeschlagenen alternativen Lesarten ergeben keinen Sinn.
    6: „Das LOP [unteres Stück] und das UP [oberes Stück] sind an dieser Stelle perfekt miteinander verbunden, und diese Tatsache, zusammen mit der Tatsache, dass es im vorhergehenden Zeichen keine Verschiebung gibt, zeigt, dass die Verschiebungen auf den anderen Zeichen echt sind.“ (S. 281) Ich verstehe die Logik dieser Aussage nicht.

    S. 282ff. werden die Zeichen entlang des rechten Teils des horizontalen Bruchs untersucht.
    Abbildung C.6 (Zeile 18):
    1: Es ist eine plausible Vermutung, ein Maß nach einer Zahl und vor den Worten „unterhalb der Venus“ zu erwarten.
    2: Der Bruch befindet sich genau über dem rechten Teil von šap, deshalb ist auf dem oberen Teil nichts zu sehen.
    3: dele-bad bezieht sich auf Venus, nicht auf Merkur, wie F. behauptet. Die Zweifel, die F. bezüglich des Zeichens bad äußert, werden wahrscheinlich durch den Bruch verursacht, der durch das Zeichen geht.
    5: das Zeichen IST u3. Der waagerechte Keil des „ši„-Teils ist sichtbar, und der zweite Teil des Zeichens im Neobabylonischen hat häufig nur drei waagerechte Keile, siehe Labats Zeichenliste.

    Abbildung C.7 (Zeile 19), S. 283, 284:
    1: F. sagt, dass der erste Teil von a-kal „auf dem Bild nicht zu sehen ist“ (das Nahaufnahmefoto auf S. 283). Auf dem alten Foto ist das Zeichen jedoch deutlich zu sehen, also ist das „Bild“ irrelevant. Ich weiß nicht, welches a-kal auf der Vorderseite F. fotografiert hat, aber das a-kal in Zeile 6 sieht dem in Umdruck 19 sehr ähnlich – es ist also KEIN Unterschied in der Handschrift zu erkennen.
    3: Das Zeichen, das F. von Labat kopiert hat, ist nicht in, wie er behauptet, sondern rab (L 149); die Zeichnungen in Labat sind nicht auf der linken und rechten Seite ausgerichtet, aber die Situation wird durch gestrichelte Linien verdeutlicht. Die korrekte neubabylonische Form von in stimmt gut mit dem Zeichen auf der Tafel überein. Auf einem guten Foto (siehe S/H-Tafel 3) sind die sechs eckigen Keile zu erkennen.
    5: An der Lesung dele-bad gibt es keinen Zweifel. Auf F.s Foto sieht es tatsächlich so aus, als ob Teile der beiden linken Keile verschoben sind. Auf dem alten Foto (S/H Tafel 3) gibt es keine solche Verschiebung. Wenn dies, wie F. sagt, „darauf hindeutet, dass sich jemand an der Tafel zu schaffen gemacht hat“, dann geschah dies, nachdem das alte Foto und die Kopie von Weidner gemacht wurden. Ich hoffe sehr, dass die Verschiebung nur ein künstlicher Effekt auf F.s Foto ist.
    7: F. erwähnt verschiedene mögliche Lesarten, aber er schlägt keinen sinnvollen Satz vor, der daraus abgeleitet werden könnte. Seine Vorschläge haben also nur den Zweck, den Eindruck von Unsicherheit zu erzeugen.

    Abbildung C.8 (Zeile 20), S. 285, 286:
    1: Es ist nichts Seltsames daran, dass die beiden vertikalen Keile tiefer sind; das Gleiche gilt für das von F. verglichene Zeichen auf der Vorderseite.
    5: Weil F. das falsche Zeichen von Labat genommen hat, sieht das Zeichen auf der Tafel anders aus. Es gibt KEINEN Zweifel daran, dass es in ist.
    6: siehe meine Bemerkungen oben zu 5:6.
    7: Das Zeichen war ein schönes gu4 (siehe Foto in S/H Tafel 3), also sind F.s alternative Lesungen ausgeschlossen. Wenn es jetzt wirklich beschädigt ist, geschah dies nach Weidners Kopie. Aber vielleicht ist das Foto von F. auch nur unscharf.

    Abbildung C.9 (Zeile 21), S. 286, 287:
    1: F. stellt die frühere Lesart des Zeichens in Frage: „Die Keile der Zeichen eins, zwei und drei sind undeutlich. Wir können einfach nicht wissen, wie viele Zeichen es gibt und wo jedes Zeichen beginnt und endet. Die Lesung der drei Zeichen ur-bar-ra, wie sie sowohl N/W als auch S/H haben, ist also nur eine Vermutung.“ (S. 286) Diese Behauptung ist lächerlich; die Lesung früherer Redakteure war keine Vermutung, sondern eine Lesung. Die Zeichen sind nicht undeutlich (siehe Foto in S/H Tafel 3), und ihre Formen stimmen mit Labats Liste überein.
    2: Das Zeichen für Bar ist nur auf F.s Foto undeutlich.
    3: siehe oben zu 1.
    6: Die Lesung des Zeichens (sip) ist klar. Auf F.s Detailfoto ist es verschwommen; sein großes Foto auf S. 272 und das alte Foto in S/H sind besser.
    8: siehe meine Anmerkungen oben zu 6:8 auf S. 274. Die vier eckigen Keile sind auf dem alten Foto zu sehen, und ich sehe sie auch auf F.s Foto. Das Zeichen IST also ku4.

    Abbildung C.10 (oberer Rand), S. 287, 288:
    1: Es sind nicht zwei horizontale Keile, wie F. behauptet, sondern ein vertikaler und ein horizontaler. Da der Kopf des vertikalen Keils sehr breit ist, könnte man seine rechte Spitze mit dem Körper des horizontalen Keils verwechseln. Auch hier ist das Zeichen auf dem alten Foto, S/H Tafel 1, besser zu sehen. Es IST bar.
    3: Dieses Zeichen besteht aus zwei horizontalen Keilen und nicht nur aus einem, wie F. behauptet; der Körper des oberen Keils ist nicht sichtbar, weil die vertikalen Keile darüber gezeichnet wurden. Die letzte Vertikale besteht aus zwei übereinander liegenden Keilen; das kann ich sogar auf F.s Bild sehen. Die „Markierung“ unter dem horizontalen Keil ist sehr schwach und sicher zufällig; es gibt mehrere solcher „Markierungen“ auf demselben Bild, die sicher nicht beabsichtigt sind.
    4: siehe meine Bemerkung oben zu 7:4 auf S. 274.
    5: Das Zeichen mag auf F.s Bild undeutlich sein, aber auf dem alten Foto ist es deutlich zu sehen.

    Abbildung C.11 (oberer Rand): Siehe meine obige Bemerkung zu 8:4 auf S. 274.

    Abschnitt C3 (S. 291-296):

    „Ein Unterschied in der Handschrift auf der Vorder- und Rückseite“

    Es sind immer kleine Unterschiede in der Handschrift ein und derselben Person möglich. Um zu zeigen, dass die Handschriften unterschiedlich sind, müssen die Unterschiede klar erkennbar sein und konsequent verwendet werden. Leider gibt F. nicht die Zeilennummern an, aus denen er seine Beispiele entnommen hat. Insgesamt gibt es eine Tendenz, unscharfe Bilder zu verwenden, meist von der Rückseite.
    usan: Die Unterschiede sind vernachlässigbar; es wird die gleiche Anzahl von Keilen verwendet.
    an-ki-an: Die zweite Horizontale von an auf der rechten Seite ist klein, aber sichtbar. Ansonsten kein bemerkenswerter Unterschied.
    nu: Die Bilder sind unscharf und unbrauchbar.
    si: Das Vorderseitenzeichen hat keinen horizontalen Keil, wie F. behauptet, sondern einen vertikalen (wie es für si erforderlich ist). Das umgekehrte Zeichen ist unscharf und nur teilweise fotografiert, daher ist ein Vergleich nicht möglich.
    kur4: Die Zeichen sehen ähnlich aus wie si oben, aber beide Bilder sind unscharf.
    dib: Ich weiß nicht, welches umgekehrte Zeichen verwendet wird, aber das Bild ist unscharf. Was man sehen kann, ist dem Vorderseitenzeichen ziemlich ähnlich.
    e: Das umgekehrte Zeichen ist auf F.s Bild undeutlich. Beim Vorzeichen verwechselt F. wieder einen vertikalen Keil mit einem horizontalen.
    e3: Ein Zeichen kann schmaler geschrieben werden, je nachdem, wie viel Platz zur Verfügung steht. Ich verstehe nicht, warum F. glaubt, dass für die Rückseite ein anderes Werkzeug verwendet wurde.
    en: Ich weiß nicht, was an dem umgekehrten Zeichen „primitiver“ ist. Da die genaue Stelle nicht angegeben ist, kann man sich das Zeichen nicht unabhängig davon ansehen. Der zweite vertikale Keil hat auch auf F.s Foto einen Kopf, aber er ist weniger deutlich.
    gaz: Die Köpfe sehen auf dem Bild vielleicht größer aus, aber das kommt wahrscheinlich von der Beleuchtung. Der unterste Winkelkeil ist auf beiden Schildern sehr ähnlich; auf der Rückseite ist er etwas länger.
    illu: Das Bild der Rückseite ist so schlecht, dass man nichts vergleichen kann.
    ku4: Die fehlenden eckigen Keile fehlen nur auf dem schlechten Bild im Buch.
    na: Diesmal ist das Vorderseitenbild unbrauchbar. Die Form beider Zeichen ist die gleiche, aber mehr ist nicht zu erkennen.
    pisan: Ich verstehe die Kommentare von F nicht. Beide Zeichen haben zwei horizontale Köpfe. Da die Stelle, an der sich die Zeichen auf der Tafel befinden, nicht angegeben ist, ist ein Vergleich unmöglich.
    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es KEINEN Beweis dafür gibt, dass zwei verschiedene Schreiber Vorder- und Rückseite geschrieben haben.

    Abschnitt C4 (S. 296-300) fragt:

    „Sind der Name ‚Nebukadnezar‘ und die Zahlen ’37‘ und ’38‘ original?“

    Der Abschnitt beginnt mit einer Wiederholung von F.s Verdacht, dass die Tafel manipuliert worden sein könnte. Dann wird ein Foto der Zahl 37 in Zeile 1 gezeigt. Dieses Foto ist unscharf, aber F. stützt seine Diskussion darauf. Die Zeichen sind nicht ausgelöscht, sondern leicht beschädigt; das Gleiche ist mit den Zeichen am Ende von Zeile 1 passiert. F. sagt, dass der letzte Teil der Zahl „7 sein kann, wenn das Zeichen eine Zahl darstellt“. Kein anderes Keilschriftzeichen als die Zahl 7 hat diese Form, daher ist die Wenn-Klausel überflüssig und irreführend. Wenn F. sich das alte Foto (in S/H Tafel 3) angesehen hätte, hätte er sehen können, dass es drei Winkelkeile gibt, wie es für „30“ erforderlich ist. Er hätte auch sehen können, dass die „Markierung, die der Rest eines vierten eckigen oder schrägen Keils sein könnte“, wahrscheinlich ein Kratzer ist. Es ist definitiv unmöglich, die Zahl 50 oder gar 40 zu lesen. Es ist seltsam, dass nach 37 kein kam vorkommt; aber da kam auch in den anderen Jahreszahlen auf der Tafel vorkommt, kann man davon ausgehen, dass dies ein Fehler des Schreibers ist.
    F. bemängelt das unterschiedliche Aussehen der Zahl 38 am Rand der Tafel im Vergleich zu den anderen Zahlen „8“. Dieser Unterschied lässt sich jedoch durch die Tatsache erklären, dass diese Zeile am Rand geschrieben wurde. Um auf der Kante zu schreiben, muss die Tafel mit der Kante nach oben gehalten werden, und die Hand kann nicht auf die Tafel gelegt werden, um beim Schreiben Halt zu finden. Aber ob diese Erklärung nun stimmt oder nicht, die Zahl ist eindeutig 38. Die Annahme eines anderen Werkzeugs ist nicht notwendig, aber wenn, dann kann es sich nur um einen Schilfrohrgriffel gehandelt haben. Eine Bohr- oder Schleifmaschine hätte niemals solche Spuren wie ein Griffel erzeugt. Da die 37 am Rand ganz normal ist, räumt F. ein, dass es sich um ein Original handeln könnte, vermutet aber dennoch, dass sich jemand an der Tafel zu schaffen gemacht hat und in diesem Fall „ein besseres Ergebnis erzielt hat als im Fall der Nummer 38“ (S. 299).
    Auf S. 300 sagt F.: „Die Schlussfolgerung ist, dass es mehrere Hinweise darauf gibt, dass die Daten in der Neuzeit in die Tafel geritzt wurden, aber die Beweise sind in beiden Fällen nicht schlüssig.“ Vielmehr muss die Schlussfolgerung lauten, dass Einritzungen in der Neuzeit nicht bewiesen sind. Es gibt Experten auf diesem Gebiet, die mit Sicherheit hätten bestimmen können, mit welchem Werkzeug die Abdrücke gemacht wurden. Solche Experten wurden von F. nicht konsultiert.

    Abschnitt C5 (S. 300-316) behandelt die

    „Identifizierung der Himmelskörper“

    In Tabelle C.2 werden die Positionen der Planeten und Sterne untersucht.
    (Zeile) 2: Das Zeichen an kann sich auf den Mars beziehen, wie F. sagt, aber nicht hier, wo es ein Bestimmungswort ist. In S/H wurde angenommen, dass sim eine Abkürzung von sim-mah ist, was ein Wort für Schwalbe ist. Die Übersetzung ist wörtlich, aber aus anderen Texten ist bekannt, dass die „Schwalbe“ ein Teil der Fische ist. Die anderen von F. aufgeführten Lesarten für das Zeichen sim sind einfach falsch, sie beziehen sich auf andere Zeichen. Wenn das Zeichen beschädigt wäre, könnte man über diese Lesarten nachdenken, aber das Zeichen ist eindeutig. Daher sind nur die ersten beiden der sechs Übersetzungsvorschläge von F. sinnvoll („‚Saturn stand vor sim.‘ ‚Saturn stand vor Fische.’“).
    4: ana ūmi elû ist ein Fachbegriff für „akronymischer Aufgang“. Andere Übersetzungen sind Missverständnisse. Die Bedeutung des Textes ist sicher. Der akronymische Aufgang im Jahr 568 v. Chr. wird für Monat I, Tag 14 berechnet. Im Jahr 588 v. Chr. fand er im Monat VI statt; 588 v. Chr. passt also nicht, im Gegensatz zu Fs Behauptung, dass „die Information sowohl auf 588 als auch auf 568 passt“.
    9: genna wird in Labat nur in seiner assyrischen Form angegeben, aber Labat gibt an, dass es sich aus TUR+DIŠ zusammensetzt. Dieses hat zwei vertikale Keile, im Gegensatz zu F.s Aussage. Auf VAT 4956 setzt sich das Zeichen aus TUR in seiner neubabylonischen Form und DIŠ (ein einzelner senkrechter Keil) zusammen. Die übrigen Kommentare von F. zu dem Zeichen sind alle falsch.
    ina igi kann nicht „sichtbar sein“ bedeuten. Wenn igi als eine Form von amaru zu lesen ist, bedeutet ina amari „im Sehen“. Aber hier ist igi als panu „vorne“ zu lesen.
    Die Kommentare zu sim sind genauso falsch wie zuvor. Auch die Kommentare von F. zu mah betreffen Dinge, die nicht auf der Tafel stehen und können vernachlässigt werden. Die verbleibenden „Möglichkeiten“ gibt es nur, solange man nicht versucht, einen korrekten akkadischen Satz zu bilden; sobald dies berücksichtigt wird, sind die Bedeutungen klar.
    10: Das dele von dele-bad ist auf dem alten Foto deutlich zu erkennen. Und das Zeichen ist NICHT tar, wie F. behauptet. Die Worte über die Venus sind die Überreste einer Beobachtung des Mondes, der westlich der Venus gestanden haben soll. Die Formulierung ist recht charakteristisch und findet sich häufig in späteren Tagebüchern, zum Beispiel in Nr. -378:11′. F. sagt: „Die Worte können auf verschiedene Weise interpretiert werden und passen sowohl auf 588 als auch auf 568 v. Chr.“; aber 588 war Venus ein Morgenstern, was nicht zum Text passt.
    10: Die Diskussion über alla und ku4 führt Zeichen ein, die auf der Tafel nicht sichtbar sind und daher keine Bedeutung haben. Es muss jedoch betont werden, dass ku4 korrekt geschrieben ist und genau wie die neubabylonische Form in Labat aussieht.
    Die Kommentare zu ud und du sind ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Leser von F. zu der Annahme verleitet werden können, dass es mögliche Bedeutungen der Zeichen gibt, die von früheren Übersetzern übersehen worden sind. F. sagt auf S. 304, dass „die Verwendung von ‚Praesepe‘ als Referenz für alla meines Wissens nach in den anderen Tagebüchern keine Parallele hat und nicht verwendet werden sollte“. Aber es gibt ähnliche Ausdrücke in ADRT V Nr. 54 rev. III 17′ und 61 rev. III 16, wo die Übersetzung „Praesepe“ in den Kontext (und die Astronomie) passt. Als ich Praesepe als präzisere Bedeutung von alla in dieser Zeile wählte, tat ich dies aufgrund der berichteten Beobachtungen: Innerhalb von 2 Tagen konnte Mars nicht durch den gesamten Krebs ziehen, also kann alla hier nur einen Teil davon gemeint haben, und Praesepe ist möglich, wie bereits von N/W festgestellt. Andererseits ist die Übersetzung „am 5. wehte ein Sturm“ unmöglich, weil ud in den Tagebüchern nie für Sturm verwendet wird. e3 (ud.du), „hinausgehen“, ist natürlich nach „eintreten“.
    Die Position des Mars im Krebs ist 588 v. Chr. unmöglich, aber die Position ist, im Gegensatz zu F., für 568 v. Chr. nicht falsch.
    10: Das Zeichen ud hat KEINEN zusätzlichen schrägen Keil, um pi zu ähneln, wie von F. behauptet; dieser zusätzliche Keil ist ina zu lesen. Die übrigen Kommentare von F. zu diesem Zeichen sind falsch. šu2 kann „untergehen“ bedeuten, aber ina šu2 kann nur „im Westen“ bedeuten. Es kann auch „beim Untergehen“ bedeuten, aber das ergibt keinen sinnvollen Satz.
    Über das maš-Zeichen sagt Furuli: „Die Form des Zeichens ist seltsam, und von einem folgenden tab Zeichen ist nichts zu sehen“ (S. 305). Aber maš ist NICHT seltsam, und der Anfang des folgenden tab Zeichens ist auf dem Foto deutlich zu sehen. Die von F. genannten Interpretationsmöglichkeiten gibt es nicht. Ich habe „Rose“ wiederhergestellt, die auf der Tafel nicht erhalten ist, weil ein Merkurphänomen erwartet wird und eine erste Sichtbarkeit im Westen am Ayyaru 12 stattfand.
    11: In astronomischen Texten kann sich lugal NICHT auf den Mars oder α-Centauri beziehen. Was die Berechnungen angeht, so ist es bedauerlich, dass F. das Horizontsystem gewählt hat, das sich im Laufe der Nacht ändert. Im ekliptikalen System steht die Venus an dem Datum im Jahr 568 v. Chr. deutlich über Regulus, aber etwas weniger als eine Elle.
    12: Am Simanu 1, wie von F. angegeben, waren Merkur und Mars etwa 8° in der Länge von Regulus entfernt, was gut 4 Ellen entspricht. Durch die Wahl der Horizontkoordinaten kommt F. zu verwirrenden Ergebnissen.
    13: Wie ich in der Diaries Ausgabe festgestellt habe, gibt es Probleme beim Verständnis von šer-tam DIB; aber es gibt keine Probleme bei der Identifizierung der Zeichen, im Gegensatz zu den verwirrenden Kommentaren von F. dib fehlt NICHT der vertikale Keil, er befindet sich knapp unter der obersten Horizontalen.
    13: si4: F. kann vielleicht nicht wissen, welches Zeichen geschrieben wird, aber es IST si4 und bedeutet Antares. Warum wird gesagt, dass das Zeichen dele nicht mit bad verbunden ist? Wenn man es mit dem Zeichen davor verbindet, erscheint keine Bedeutung. Mögliche Bedeutungen von bad aufzulisten, die hier nicht zutreffen, stiftet nur Verwirrung.
    tar ist nicht seltsam, sondern eine häufige neubabylonische Form des Zeichens. Natürlich würde eine gute Grammatik ana tarṣi erfordern, aber Fallendungen werden im Neo-Babylonischen nicht gut beachtet.
    kun kann zibbatu sein, aber giš.kun ist rapaštu. Also kann sich giš.kun hier nicht auf Fische beziehen, und rapaštu ist ein bekannter Teil des Sternbilds Löwe. ur ist nicht schwer zu interpretieren, aber schwer wegzuerklären. Das Zeichen ist da und bestätigt, dass wir es mit einem Stern im Löwen zu tun haben.
    3′: Über das Zeichen mul sagt F.: „Das Zeichen ist seltsam und schwer zu identifizieren. … Das Zeichen mul und die folgenden vier Zeichen würden wohl kaum so gelesen werden, wie N/W und S/H es tun, wenn Steinbock nicht bereits als der erwähnte Stern berechnet worden wäre“ (S. 309). Aber mulx ist KEIN seltsames Zeichen; es ist AB2. Es kommt auf dieser Tafel (und auch auf anderen) mehrmals als Zeichen für „Stern“ vor. Die Keile von murub4 sind nicht undeutlich, sondern klar; der oberste Teil ist leicht beschädigt, aber kein Keil ist verloren. ša2 ist nicht ausradiert, sondern teilweise gebrochen. Von si ist die obere Horizontale gebrochen, nicht ausradiert; das Zeichen kann identifiziert werden. maš2 sieht aus wie erwartet (und häufig in Tagebüchern gefunden), siehe die neubabylonische Form in Labat Nr. 76. Ich verstehe nicht, warum Weidner, Sachs und ich als nicht kompetent genug angesehen werden, um die richtige Lesung ohne Berechnung zu finden.
    5′: ki ist sicher. ṣir ist genau so, wie es im Neo-Babylonischen sein sollte; F.s Aussage, dass ṣir drei vertikale Keile hat, ist nur für das Neu-Assyrische richtig, daher sind seine Bemerkungen irrelevant.
    Das Zeichen bil ist nicht ausgelöscht, aber das Ende ist gebrochen. bil hat am Anfang zwei horizontale Keile, genau wie das Zeichen hier; F.s Aussage, dass es nur einen horizontalen hat, ist falsch. pa kann NICHT giš gelesen werden, und das folgende Zeichen ist nicht da, also ist die Erwägung von Hyades unbegründet. Die Übersetzungen von F. sind zu verwerfen.
    6′: suhur wird in den Tagebüchern etwas abgekürzt, aber die hier zu sehende Form ist häufig. maš2 sieht genau so aus, wie das Zeichen im Neo-Babylonischen aussehen sollte (siehe Labat), es ist nicht unklar. Während „der volle Name des Steinbocks“ „suhur maš2“ lautet, ist maš2 die übliche Abkürzung in den Tagebüchern und anderen astronomischen Texten.
    Was die Position der Venus angeht, so ist „unter“ wahrscheinlich ein Fehler für „über“, denn Venus hat fast nie eine ausreichend negative Breite im Steinbock, um unter γ oder δ Steinbock zu stehen. Wie üblich, vermutet F. eine Berechnung.
    19′: dele-bad wurde oben für Abbildung C.7 besprochen.
    ana ist NICHT gelöscht, sondern vollständig und klar. dur ist NICHT gelöscht, sondern leicht beschädigt. Es ist durchaus möglich, es zu sehen.
    sim ist nicht seltsam, sondern hat die für das Neo-Babylonische erforderliche Form; es fehlen keine Keile. Das Gleiche gilt für mah; es sieht genauso aus wie das Beispiel in Labat.
    Über das Zeichen für ku4 sagt F.: „Das Zeichen hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ku4, aber es gibt auch einige Unterschiede“ (S. 312). ku4 hat so viel Ähnlichkeit mit ku4, dass es nur ku4 sein kann.
    Eine solche Beobachtung kann helfen, herauszufinden, wo das „Band“ liegt, das den einen Fisch mit dem anderen verbindet, aber sie kann nicht als richtig bewiesen werden.
    20′: Für den vermeintlich unsichtbaren gu4 siehe meine Anmerkungen zu Abbildung C.8 oben.
    Unter dem dele von dele-bad befindet sich ein horizontaler Kratzer. Man kann daraus und aus dem vorangehenden u nicht igi bilden, wie es F. tut. dele kann nicht als idim gedeutet werden; bad könnte es sein, aber es macht hier keinen Sinn. Die von F. erwähnten Götter müssten durch den göttlichen Determinativ identifiziert werden. Nur die Lesart dele-bad für Venus ist möglich. Von dem Namen Anunitu sind die Zeichen a und nu erhalten (wie auch auf F.s Foto auf S. 272 zu erkennen ist). Die „Vermutung“, Anunitu wiederherzustellen, basiert auf der Tatsache, dass zuvor ein „Band“ erwähnt wird. Die Wiederherstellung ist also nicht „nichts als eine Vermutung“ (S. 312), sondern basiert auf vernünftigen Gründen.

    Tabelle C.4 (S. 315-316):

    Alternative Interpretationen der Keilschriftzeichen

    Die meisten Fehler in dieser Tabelle sind bereits oben behandelt worden.
    Nisanu 1: nur eine Interpretation über Fische ist möglich.
    Nisanu 11 oder 12: nur „acronychal rising“ ist möglich.
    Ayyaru 1 Saturn: siehe oben in Tabelle C.2; alle Übersetzungen von F. sind falsch.
    Ayyaru 1 Merkur: nur „war nicht sichtbar“ ist richtig.
    Ayyaru 3: das Zeichen ist Krebs; alle anderen Übersetzungen sind falsch.
    Ayyaru 10: nur „Merkur im Westen“ ist möglich.
    Ayyaru 18: siehe oben in Tabelle C.2 in Zeile 11. lal2 bedeutet „wiegen“, nicht „zusammenbinden“.
    Simanu 1-5: Die meisten von F.’s Übersetzungen sind unmöglich.
    Tebetu 19: β Capricorni ist sicher.
    Šabatu 1: F.’s Übersetzungen sind falsch; der einzige Name, der wiederhergestellt werden kann, ist Sagittarius.
    Šabatu 4: Capricorn ist sicher.
    Addaru c. 20 und 26: Venus und Merkur sind sicher.

    Die Schlussfolgerung ist, dass die „Alternativen“ von F. auf Missverständnissen beruhen.

    Abschnitt C6 (S. 316-333) erörtert

    „Die Mondbeobachtungen“

    Die Behandlung der Monddaten durch F. wurde von C. O. Jonsson unter der Internetadresse http://goto.glocalnet.net/kf2/review.htm untersucht. Jonsson beweist, dass die Daten 568/7 v. Chr. passen und nicht 588/7 v. Chr., wie von F. behauptet.
    Den Berechnungen von Jonsson, mit denen ich voll und ganz einverstanden bin, brauche ich nichts hinzuzufügen. Nur ein paar Anmerkungen zur Übersetzung:
    Nisanu 1: Es mag überflüssig erscheinen, dies zu erwähnen, aber die ingressive Bedeutung „wurde sichtbar“ ergibt sich aus der wahrscheinlichsten Lesart innamir des Verbs und aus der Tatsache, dass der Mond an den Tagen zuvor nicht sichtbar war, also wurde er wieder „sichtbar“.
    Ayyaru 1: „der Mond in der Sonne stehend“ ist pseudo-literarisch, weil es nicht korrektes Englisch ist – oder kann als „der Mond im Inneren der Sonne stehend“ verstanden werden. Die akkadische Infinitivkonstruktion ina šamši uzuzzi kann mit „während die Sonne stand“ übersetzt werden; ich habe versucht, dies mit „während die Sonne stand“ verständlich zu machen. Siehe W. von Soden, Grundriss der akkadischen Grammatik, § 150 g.
    Simanu 5: Ich kann qararu „dick“ in den modernen akkadischen Wörterbüchern nicht finden. In der Formulierung „dickes Ende“ müsste das Adjektiv im Akkadischen ohnehin auf das Substantiv folgen. Außerdem gibt es ein ša2 zwischen kur4 und til. Die richtige Übersetzung bleibt also „der helle Stern am Ende des Löwenfußes“.
    Addaru 1: F. argumentiert: „Der Ausdruck ‚zu jener Zeit‘ im Zusammenhang mit Jupiter ist interessant, weil er darauf hindeutet, dass die Planetenpositionen einer anderen Quelle entnommen sind als die Mondpositionen“ (S. 329). Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Planetenpositionen aus einer anderen Quelle stammen. inūšu („zu jener Zeit“) beginnt einen neuen Satz, also ist die Position des Jupiters unabhängig vom Mond.

    Es ist vielleicht interessant, einen ganz anderen Ansatz zur Auswertung der Monddaten zu erwähnen.
    In Under One Sky: Astronomy and Mathematics in the Ancient Near East (J. M. Steele und A. Imhausen [Hrsg.], Münster 2002), S. 423-428, haben F. R. Stephenson und D. M. Willis die Monddaten in VAT 4956 ausgewertet und sind zu dem Schluss gekommen, dass das Datum 568/7 v. Chr. „mit Sicherheit bestätigt werden kann“.
    Stephenson und Willis verwendeten die „Lunar Three“, um das Datum zu überprüfen. Das sind die folgenden Zeitintervalle: Sonnenuntergang bis Monduntergang (SS-MS) am ersten Abend des Monats; Sonnenaufgang bis Monduntergang (SR-MS) am ersten Morgen, an dem der fast volle Mond nach Sonnenaufgang unterging; und Mondaufgang bis Sonnenaufgang (MR-SR) am letzten Morgen, an dem der Mond vor der Konjunktion sichtbar war. Ich wiederhole die Tabelle von S. 424 ihres Artikels:

    Jahr 568/7 BC, beginnend mit April 22/23

    MonatTagJulianisches DatumIntervallTextBerechnetDifferenz
    I14568 May 5SR-MS43.50.5
    II26568 Jun 17MR-SR2323.20.2
    III1568 Jun 20SS-MS2022.72.7
    XI1567 Feb 12SS-MS14.517.02.5
    XII1567 Mar 14SS-MS2525.70.7
    XII12567 Mar 26SR-MS1.50.70.8

    Wie Stephenson und Willis sagen, erhöht sich jedes Intervall um etwa 12° pro Tag, sodass der richtige Tag in der Regel durch einen Vergleich von Text und Berechnung ermittelt werden kann. Ich habe ihre Berechnungen für das Jahr 568/7 v. Chr. wiederholt und bin mit ihren Ergebnissen einverstanden. Im Folgenden führe ich die gleichen Berechnungen für das Jahr 588/7 v. Chr. durch, sowohl für die von Parker & Dubberstein angegebenen Daten als auch für die von F. behaupteten, die um etwa einen Monat verschoben sind.

    Jahr 588/7 BC, beginnend mit April 3/4 

    MonatTagJulianisches DatumIntervallTextBerechnetDifferenz
    I14588 Apr 17/18!SR-MS462
    II26588 May 28/29MR-SR2317.35.7
    III1588 Jun 1/2SS-MS2013.86.2
    III15588 Jun 15/16SR-MS7.55.81.7
    XI1587 Jan 24/25SS-MS14.516.52
    XII1587 Feb 23/24SS-MS2527.82.8
    XII12587 Mar 7/8!SR-MS1.51.80.3

    Jahr 588/7 BC, beginnend mit Mai 2/3

    MonatTagJulianisches DatumIntervallTextBerechnetDifferenz
    I14588 May 16/17!SR-MS413
    II26588 Jun 27/28!MR-SR2318.34.7
    III1588 Jul 1/2!SS-MS2017.82.2
    III15588 Jul 15/16!SR-MS7.515.37.8
    XI1587 Feb 22/23SS-MS14.59.84.7
    XII1587 Mar 24/25SS-MS2521.53.5
    XII12587 Apr 6/7!SR-MS1.54.83.3

    Die Daten mit einem Ausrufezeichen stimmen nicht mit dem Kalender überein, da die Messungen der Intervalle nicht an dem auf der Tafel angegebenen Datum vorgenommen worden sein können, wenn sich die Tafel auf das Jahr 588/7 beziehen würde. Die Unterschiede zwischen Text und Berechnung sind in beiden Fällen viel größer als im Jahr 568/7 v. Chr. Mit den Worten von Stephenson und Willis kann 588/7 v. Chr. mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

    „Anhang D: Der Gebrauch von Namen im Akkadischen“ (S. 334-336)

    Anhang D, „Der Gebrauch von Namen im Akkadischen“, erzeugt nur Unsicherheiten, indem er Beispiele für falsche Lesarten solcher Namen selbst durch kompetente Gelehrte oder durch unterschiedliche Meinungen über beschädigte Passagen liefert. Die Formen des Namens des babylonischen Königs Nabû-kudurru-uṣur in der Bibel können nicht verwendet werden, um Aussagen über den akkadischen Namen zu machen, weil die Schreiber der Bibel den Namen nicht verstanden haben müssen und ihn leicht falsch geschrieben haben könnten. Das ist also keine Rechtfertigung dafür, dem König zwei Namen zuzuschreiben.
    Ich habe mich weiter oben über die Auslegung von Namen geäußert, für die dieser Anhang den Weg bereiten soll.

    „Anhang E: Eine Saturn-Tafel, die angeblich aus der Regierungszeit von Kandalanu stammt“ (S. 337-351)

    Anhang E betrifft eine von C. B. F. Walker veröffentlichte Tafel über Saturn. F. listet zunächst nur die vollständig erhaltenen Zeichen auf und gibt deren Übersetzungen an. Gebrochene Passagen sind nur teilweise angegeben, so dass diese Tabelle einen unklaren Eindruck davon vermittelt, was auf der Tafel steht. Außerdem gibt es Fehler in den Übersetzungen.
    Zu den Kommentaren von F. ist Folgendes zu sagen:
    Zeile 1: Das fragliche Zeichen sieht eher nach nu als nach pap aus, weil der Kopf des sich kreuzenden schrägen Keils unterhalb der Horizontalen liegt; F.s gegenteilige Aussage wird durch die Kopie verfälscht. Das gilt für alle drei Vorkommen dieses Zeichens; es ist IMMER nu. Wenn F. einen Beweis von einer anderen Stelle (Foto?) vorlegen kann, müsste dies deutlich gemacht werden. Daher entbehrt die Annahme, dass Nabopolassar in Zeile 1 erwähnt wurde, jeder Grundlage.
    Zeile 4: Walker nimmt NICHT an, dass nu „nicht gesehen“ bedeutet, sondern stellt igi nach nu wieder her.
    Zeile 6: Wie VAT 4956 mul schreibt, ist für die vorliegende Tafel nicht von Bedeutung. Es gibt mehr als eine Möglichkeit, das Sterndeterminativ zu schreiben.
    Zeile 7: F.s Übersetzung „am Ende des Monats IV wolkenlos“ ist falsch, weil er einen Teil der Zeile ausgelassen hat; die richtige Übersetzung lautet: „am Ende des Monats IV, letzte Erscheinung; Wolken, nicht beobachtet“.
    Zeile 8: Der Schreiber würde seine Inkompetenz zeigen, indem er NIM für „Morgen“ verwendet, da die ersten Erscheinungen des Saturn immer am Morgen sind. Die Zeichen bedeuten „es war hoch“ (šaqâ = NIM-a), was in Tagebüchern häufig vorkommt.
    Zeile 9: Angesichts der Kalenderdaten ist es überflüssig, Bedeutungen wie „bewölkt“ und „dunkel sein“ zu erwägen; die Daten beziehen sich eindeutig auf die letzten Erscheinungen, wie F. ohnehin annimmt.
    Zeile 15: „Jahr 8 Monat VI, Tag 5 hinter AB.SIN untergehend“; F. übersetzt nicht, dass der Monat VI ein Schaltjahr war; ŠU2 ist nicht „untergehend“.
    Zeile 16: Wenn Saturn zwischen Jungfrau und Waage stand, ist die Wiederherstellung ina [DAL]-BAN eine gute Idee von Walker.
    Zeile 18′: Schriften, die Silben und Logogramme kombinieren, kommen gelegentlich vor. ša3 ist libbu, von Walker korrekt mit „innerhalb“ übersetzt.
    Zeile 20′: ba-il bedeutet „es war hell“; das Wort kann sich im Akkadischen nicht auf „Herrscher“ beziehen.
    Zeile 23′: Über die Übersetzung von muššuh kann man diskutieren, aber „Hydra“ kommt nicht in Frage, weil ŠU2 bereits davor vorkommt; die Angabe, wo der Planet beim letzten Erscheinen war, wäre ŠU2 vorausgegangen. ‚Hydra‘ ist auch deshalb unmöglich, weil Saturn sich im Jahr 11 in der Nähe von Antares (Skorpion) befand und sich etwa ein Jahr später im Jahr 12 allmählich in die Region Ophiuchus/Sagittarius bewegte. Wie könnte er dann in den dazwischen liegenden Monaten plötzlich 30+ Grad in die entgegengesetzte Richtung zurück zu Hydra springen?
    Auf S. 340 stellt F. die falsche Behauptung auf, dass Wörter, die sich auf Körperteile von Sternbildern beziehen, im 7. Jahrhundert nicht möglich waren, weil sie die Kenntnis der verschiedenen Tierkreiszeichen voraussetzen. Ich verstehe nicht, wie er zu dieser Meinung kommt; vielleicht liegt es an einem Missverständnis des Unterschieds zwischen Tierkreiskonstellationen und Tierkreiszeichen.
    Auf S. 341 gibt F. Koordinaten für Saturn und ε Leonis in mehreren Jahren an, die 59 Jahre auseinander liegen. Er sagt dann, dass im Jahr 646 „Saturn nicht im Kopf des Löwen stand, sondern 7° darunter“. Das ist unvermeidlich, denn Saturns Breite kann nie mehr als 2,9° betragen, und ε Leonis hat eine Breite von 9,5°. Außerdem verwischt die Verwendung des Horizontkoordinatensystems die Situation, weil sich seine Koordinaten im Laufe der Nacht ändern. Walker verwendete ekliptikale Koordinaten; die Länge des Saturns ist ein viel besserer Indikator dafür, wie nah der Planet am Stern war. F. ignoriert auch, dass das erste und letzte Auftauchen nicht in der Nähe eines Sterns stattfinden muss, sondern auch einige Grad davon entfernt sein kann. Der Beobachter wird dazu neigen, bekannte Sterne als Referenz zu verwenden. Solange die Entfernungen zwischen Saturn und einem Stern nicht angegeben sind, ist es daher nicht sinnvoll, nach einer „Übereinstimmung“ zu suchen.
    Jahr 2: Saturn befindet sich ein halbes Grad hinter ε Leonis, also ist der Hinweis auf den „Kopf des Löwen“ korrekt.
    Jahr 4: „in der Mitte des Löwen“ ist richtig, weil der Kopf des Löwen (ε) auf 104° und sein hinterer Fuß (β Vir) auf 140° Längengrad liegt.
    Jahr 6: Dass Saturn viel niedriger als β Virginis war, war nicht wichtig; aber Saturn war auch viel dahinter.
    Jahr 7: Saturn ist ein kleines bisschen (0,2°) hinter α Virginis.
    Jahr 8, letztes Erscheinen: Saturn war 8° hinter α Virginis, also „hinter der Furche“, wie es auf der Tafel heißt. Es gibt keinen anderen hellen Stern, auf den man sich beziehen könnte. Der Abstand in Breitengraden beträgt nur 4°.
    Jahr 9: F.’s Zweifel an der Ablesung ist nicht notwendig.
    Jahr 10: Obwohl in den späteren Tagebüchern vom „Kopf des Skorpions“ die Rede ist und auf dieser Tafel „Stirn des Skorpions“ steht, ist es dennoch wahrscheinlich, dass β Scorpii gemeint ist. Seine Länge beträgt 207,1°, also liegt Saturn vor ihm; und seine Breite beträgt 1,34°, nicht viel anders als 2,2°, die in Walkers Text für Saturn angegeben sind.
    Jahr 12: Da nicht bekannt ist, welcher Stern des Schützen (und Ophiuchus) mit „Anfang/Kopf“ und „Mitte“ des Pabilsag gemeint war, kann man nicht behaupten, dass „die Position des Saturn falsch ist“. Walker erwähnte zwei Sterne (β Ophiuchi [S. 72] und θ Ophiuchi [S. 74]), die sich an der entsprechenden Position befunden hätten, aber wir kennen ihre akkadischen Namen nicht. Annahmen über die Rückwärtsrechnung werden vom Text nicht verlangt.
    Jahr 13: siehe Jahr 12.
    Im Gegensatz zu F.s Behauptung auf S. 345 ist von den dreizehn Positionen eine falsch (Jahr 7), eine ist seltsam (Jahr 6), zwei können nicht überprüft werden (Jahr 12 und 13) und sieben passen gut. Es gibt keinen Grund, auf der Grundlage der beiden nicht passenden Daten eine Rückwärtsberechnung anzunehmen.

    Tabelle E.2 (S. 346-347) zeigt die Unterschiede zwischen dem letzten und dem ersten Auftreten im Text und nach der Berechnung. „Im Text“ bedeutet, dass die Jahreszahl als Regierungsjahre von Kandalanu (von Walker) oder als Regierungsjahre von Nabopolassar (von F.) angenommen wird. Es gibt, wie zu erwarten, Unterschiede zwischen Text und Berechnung, und F. gibt zu (S. 349), dass es bei seinem Vorschlag größere Unterschiede gibt. Aber er hält dies nicht nur für nicht entscheidend, er behauptet einfach, dass beide(!) Vorschläge „die Rückrechnung bestätigen“. Und selbst die Abfolge der Schaltmonate, die auf S. 350 kurz erörtert wird, soll ein Produkt des Schreibers gewesen sein, der die Rückrechnungen vorgenommen hat.

    „Anhang F: Welche Positionen können berechnet werden?“ (p. 352-362)

    Zunächst zitiert F. mehrere moderne Gelehrte, die davon überzeugt sind, dass Positionen vorhergesagt werden können. Das bedeutet, dass zukünftige Positionen im Voraus berechnet werden können. F. nimmt diese Aussagen jedoch zum Anlass, seine Annahme zu rechtfertigen, dass die Positionen rückwärts berechnet wurden. Auf S. 353, im letzten Absatz, bringt er außerdem den Verdacht auf, dass ein Schreiber durch die Rückwärtsberechnung seinen Lesern den irreführenden Eindruck vermitteln wollte, dass die anderen Positionen beobachtet wurden. Die Behauptung, dass die Wetterbedingungen in den Goal Year-Texte vorhergesagt wurden, ist falsch; es gibt in ihnen keine Angaben zum Wetter. Das einzige Wetter, das zitiert wird, sind „Wolken“ im Zusammenhang mit vergangenen Beobachtungen, um das Fehlen einiger Daten zu erklären.
    Auf S. 355 zitiert F. D. Brown als Quelle für die Schlussfolgerung, „dass es aus den Briefen und Berichten mit astrologischem Inhalt keine Beweise dafür gibt, dass zu dieser Zeit ein detailliertes Wissen über die Zyklen des Mondes und der Planeten existierte“. Aber genau deshalb werden die Texte aus dieser Zeit (selbst wenn sie in Abschriften erhalten sind) Beobachtungen und nur sehr selten Vorhersagen enthalten.
    Auf den folgenden Seiten werden Passagen aus der astrologischen Korrespondenz der assyrischen Könige des 7. Jahrhunderts herangezogen, um herauszufinden, ob die Sternbilder entlang der Ekliptik als Tiere gesehen wurden. Hier gibt es mehrere Fehlzitate, und F. hat nicht erkannt, dass das Wort für „Stern“ auch für ganze Sternbilder verwendet wird. Daher entbehrt seine Schlussfolgerung, dass die Sternbilder des 7. Jahrhunderts einen anderen Bezug hatten als die Tierkreiszeichen der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends, jeder Grundlage. Wie er richtig zitiert, wurde der Tierkreis mit 12 gleich langen Zeichen im 5. Jahrhundert eingeführt; davor wurden eine Reihe von Sternbildern entlang der Ekliptik verwendet, deren Größen voneinander abweichen und nicht leicht zu bestimmen sind.
    Auf S. 359 behauptet F., dass „kein Gelehrter leugnen würde, dass es Rückwärtsberechnungen gab“. Aber die Gelehrten, die er zitiert, sprechen nur von „Vorhersagen“, nicht von Rückrechnungen. F. führt die Goal Year-Texte als Beispiele an und zitiert D. Brown. Aber auch Brown spricht nur von „Vorhersagen“. Die Goal Year-Texte sammeln aus früheren Tagebüchern die Daten für jeden Planeten, die eine ganze Periode in der Vergangenheit des Goal Years liegen. Diese Texte machen also Vorhersagen für die Zukunft mit Hilfe von Beobachtungen aus der Vergangenheit. Es ist nicht nötig, Berechnungen für die Vergangenheit anzustellen; die Schreiber hatten die Aufzeichnungen der vergangenen Beobachtungen und nutzten sie, um zukünftige Phänomene vorherzusagen. Der Versuch, Positionen in der Vergangenheit zu berechnen, muss den Autoren der Goal Year-Texte überflüssig erschienen sein.
    Daher beruhen die „Beweise“ für die Rückwärtsberechnung nur auf einem modernen Verdacht.

    Der Autor stellt in seinem Vorwort fest: „Es wird nicht behauptet, dass die Osloer Chronologie die einzig wahre und zuverlässige Chronologie ist“. Hiermit wird behauptet, dass die Osloer Chronologie KEINE wahre und zuverlässige Chronologie ist.

    Ein emotionaler Abschnitt:

    Am Ende möchte ich einen emotionalen Abschnitt hinzufügen. Auf S. 290f. lesen wir:

    „Eine Betrachtung der obigen Daten zusammen mit der ungewöhnlichen Veröffentlichungsgeschichte der Tafel führt zu der folgenden Hypothese: VAT 4956 ist eine authentische Keilschrifttafel, die in einem der letzten Jahrhunderte v. Chr. von älteren Tafeln kopiert wurde. 1906 kam sie als ein einziges Exemplar in das Vorderasiatische Museum in Berlin. Jemand entdeckte, dass die Tafel äußerst wichtig war, weil sie eine astronomische Tafel mit den bisher ältesten astronomischen Beobachtungen war. Diese Beobachtungen schienen nach der Chronologie des Ptolemäus in das Jahr 37 von Nebukadnezar II. zu passen, aber es fehlte ein eindeutiger Zusammenhang mit Nebukadnezar II. Um diesen Zusammenhang deutlich zu machen, benutzte derjenige, der die Tafel bearbeitete, eine moderne Schleifmaschine am Rand der Tafel und ritzte so die Zeichen für „Jahr 37“ und „Jahr 38″ ein. Auch die erste Zeile mit dem Namen des Königs wurde manipuliert. Durch die Erschütterung zerbrach die Tafel in drei Teile, die dann zusammengeklebt wurden. Es wurde festgestellt, dass die Passung der Zeichen auf beiden Seiten des Bruchs auf der Rückseite nicht perfekt war, und es wurde mit einer Schleifmaschine versucht, dies zu beheben.“

    Und auf S. 333:

    „Auf der Grundlage der Diskussion über VAT 4956 können folgende Hauptschlussfolgerungen gezogen werden: Das Tagebuch könnte eine echte Tafel aus seleukidischer Zeit sein, aber in der Neuzeit hat jemand einige der Keilschriftzeichen manipuliert, oder die Tafel wurde in der Neuzeit hergestellt; die Vorderseite wurde mit Hilfe einer Form hergestellt, und die Zeichen auf der Rückseite und an den Rändern wurden von jemandem geschrieben. Da alle 13 Mondpositionen im Jahr 588/87 hervorragend passen, gibt es gute Gründe zu glauben, dass die Mondpositionen Beobachtungen aus diesem Jahr darstellen und dass die ursprüngliche Mondtafel, die in seleukidischer Zeit kopiert wurde, im Jahr 588/87 hergestellt wurde. Da so viele der Planetenpositionen zwar annähernd, aber nicht ganz korrekt sind, gibt es gute Gründe für die Annahme, dass sie Rückrechnungen eines Astrologen darstellen, der glaubte, dass 568/67 das Jahr 37 von Nebukadnezar II. war. Die Mondpositionen scheinen also ursprüngliche Beobachtungen aus dem Jahr 588/87 zu sein, und die Planetenpositionen scheinen Rückrechnungen für die Positionen der Planeten im Jahr 568/67 zu sein.“

    Diese Schlussfolgerung wirft einer ungenannten Person kriminelle Handlungen vor: Diese Person hat zumindest „einige der Keilschriftzeichen manipuliert“, könnte aber auch die Hälfte der Tafel gefälscht haben. Da die Tafel 1906 in das Vorderasiatische Museum gelangte und 1915 in dem Zustand veröffentlicht wurde, den das Foto im Archiv des Museums widerspiegelt, betrifft die Anschuldigung alle Personen, die zu dieser Zeit dort arbeiteten, darunter z. B. Ernst Weidner. Zu seiner Verteidigung und zur Verteidigung aller anderen möglicherweise Beteiligten stelle ich fest, dass die Anschuldigung völlig unbegründet ist, und ich drücke meine Abscheu vor einem Autor aus, dessen „Aufgeschlossenheit“ ihn zu solchen Anschuldigungen verleitet.

    Hermann Hunger
    Wien

    Referenzen

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    ADRT III (S/H) – Sachs/Hunger, ibid., Vol. III: Diaries from 164 B.C. to 61 B.C. (Wien 1996).

    ADRT V (S/H) – Sachs/Hunger, ibid., Vol. V: Lunar and Planetary Texts (Wien 2001).

    ADRT VI – Hunger, ibid., Vol. VI: Goal Year Texts (Wien 2006).

    AfO, 1953 – Archiv für Orientforschung, Band XVI, Zweiter Teil (1953).

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    Diaries – see ADRT I, II, and III.

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    Labat – Labat, René, and Florence Malbran-Labat, Manuel d’épigraphie akkadienne, 6th ed. (Paris: Librairie Orientaliste Paul Geuthner, 1988).

    LBAT – Sachs, A. J., Late Babylonian Astronomical and Related Texts (Providence, Rhode Island: Brown University Press, 1955).

    mulAPIN – A cuneiform document comprising two tablets summarizing the astronomical knowledge before the seventh century B.C. Some forty copies have been found, the oldest dated copy of which is from 687 B.C. The original was probably composed about the beginning of the first millennium B.C. Translated and discussed by H. Hunger and D. Pingree, MUL.APIN: An Astronomical Compendium in Cuneiform (Archiv für Orientforschung, Beiheft 24; Verlag Ferdinand Berger and Söhne, Horn, Austria, 1989).

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    Parker, R. A., and W. H. Dubberstein, Babylonian Chronology 626 B.C. – A.D. 75 (Providence, Rhode Island: Brown University Press, 1956; reprinted by Wipf & Stock Publishers, Eugene, Oregon, 2007).

    Parpola, Simo, Letters from Assyrian Scholars to the Kings Esarhaddon and Assurbanipal, Part II: Commentary and Appendices (Kevelaer – Neukirchen-Vluyn: Butzon & Bercker – Neukirchener Verlag, 1983; reprinted by Eisenbrauns 2007). (A number of Simo Parpola’s volumes are available on the web:
    http://knp.prs.heacademy.ac.uk/lettersqueriesandreports/#top.)

    Steele, J. M. and A. Imhausen (eds.), Under One Sky. Astronomy and Mathematics in the Ancient Near East (Münster: Ugarit-Verlag, 2002).

    Stephenson, F. R., and D. M. Willis, “The Earliest Datable Observation of the Aurora Borealis,” in J. M. Steele and A. Imhausen (eds.), Under One Sky. Astronomy and Mathematics in the Ancient Near East (Münster: Ugarit-Verlag, 2002), pp. 421-428.

    Walker, C. B. F., “Babylonian observations of Saturn during the reign of Kandalanu,” in N. M. Swerdlow (ed.), Ancient Astronomy and Celestial Divinations (Cambridge, Massachusetts, and London: The MIT Press, 2000), pp. 61-76. Christopher Walker’s discussion of the Saturn tablet is also available on the web: http://www.caeno.org/_Eponym/pdf/Walker_Saturn%20in%20Kandalanu%20reign.pdf.