Autor: φιλαλήθης

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments

    Von Christian


    Fragt man einen gläubigen Christen nach dem Autor des Neuen Testaments, wird man vermutlich als Antwort ‚Gott‘ erhalten. Die allermeisten werden jedoch genauso zustimmen, dass es letztendlich Menschen waren, welche die Texte geschrieben haben. Diesen Aspekt der Inspiration hatten wir schon in Teil 9 dieser Serie betrachtet. Was wissen wir aber darüber, wer die Verfasser des Neuen Testaments waren, also wer die einzelnen Schriften darin aufgeschrieben hat? [Im Folgenden meine ich mit Verfasser also immer die Person, die physisch geschrieben hat, um dieses Thema vom Thema Inspiration zu trennen.]

    Wie wir im vorherigen Teil 16 gesehen haben, hat die Antwort auf diese Frage einen zum Teil erheblichen Einfluß auf die zeitliche Einordnung der Niederschrift. Schon deswegen wäre es gut, die Fakten in Bezug auf die Verfasser gut zu kennen.

    Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund: Aufgrund des Namens eines Evangeliums oder Briefes im Neuen Testament oder aus dessen Inhalt wird oft auf eine Person geschlossen, die den Text geschrieben hat. Dabei handelt es sich durchweg um Apostel oder andere ihnen sehr nahestende Personen. Und daraus schließen viele auf die Authentizität und Autorität dieser Schriften.

    Doch taten das die Christen der patristischen Zeit und Kirchenväter genauso? Was wussten sie über die Verfasser des Neuen Testaments und wie bewerteten sie dies? Sicher war ihnen Sprüche 14:15 eine Warnung:

    Der Unverständige glaubt jedem Wort, aber der Kluge gibt auf seine Schritte acht.

    Sprücher 14:15 Schlachter 2000

    Und schon im 1. Johannes Brief musste gewarnt werden:

    Liebe Freunde, glaubt nicht jedem, der behauptet, seine Botschaft sei ihm von Gottes Geist eingegeben, sondern prüft, ob das, was er sagt, wirklich von Gott kommt. Denn in dieser Welt verbreiten jetzt zahlreiche Lügenpropheten ihre falschen Lehren.

    1. Johannes 4:1 Neue Genfer Übersetzung

    Was wissen wir heute über die Verfasser der Schriften des Neuen Testaments? Was meinst du: Bei welchen Teilen des Neuen Testaments bestand und besteht bis heute der größte Konsens, wer der Verfasser war?

    Briefe des Paulus

    Vielleicht wunderst du dich darüber, aber tatsächlich sind es einige der Briefe des Neuen Testaments, welche mit hoher Gewissheit und Übereinkunft dem Apostel Paulus zugerechnet werden.

    Das sogenannte Corpus Paulinum – oder einfacher die Paulusbriefe – umfasst 13 Episteln des Neuen Testaments. Davon gelten mindestens 7 davon als authentisch (siehe z.B. Wikipedia Paulusbriefe):

    • 1. Thessalonicher
    • 1. Korinther
    • 2. Korinther
    • Galater
    • Römer
    • Philipper
    • Philemon

    Was ist mit den anderen 6? Es sind vor allem sprachliche und inhaltliche Unterschiede, die Gelehrte dazu veranlasst haben, als deren Verfasser eher Schüler des Paulus als ihn selbst anzunehmen. Gehen wir einmal näher darauf ein.

    Epheser

    Warum wird die Verfasserschaft des Paulus hier angezweifelt, wo der Brief doch so beginnt?

    Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die an Christus Jesus glauben.

    Epheser 1:1 Züricher

    Wenn man das so liest, scheint alles doch ziemlich klar zu sein. Auch, dass der Brief an die Gläubigen in Ephesus gerichtet wurde – daher nennt man ihn ja auch Epheser-Brief. Nun, was sagen die Manuskripte aus?

    Bei der Adresse des Epheserbriefes wird unterschieden zwischen der Überschrift (Inscriptio), die der Text erst bei Anlage der neutestamentlichen Briefsammlung erhielt, und der Adressatenangabe (Adscriptio) am Briefeingang (Präskript):
    Die Inscriptio Πρὸς Ἐφεσίους Pròs Ephesíous „An die Epheser“ kommt in allen Handschriften vor.

    Die Adscriptio ἐν Ἐφέσῳ en Ephésō „in Ephesus“ (Eph 1,1 LUT) wird von den meisten Handschriften geboten, von den ältesten und besten Zeugen (unter anderen: P46, Vaticanus, Sinaiticus) aber nicht. Mehrere antike christliche Autoren lasen in ihrem Exemplar des Epheserbriefs die Worte ἐν Ἐφέσῳ im Präskript nicht. Statt des Mehrheitstextes („den Heiligen, die in Ephesus sind, und [den] Gläubigen in Christus Jesus“) lasen sie: „den Heiligen, die auch Gläubige in Christus Jesus sind“, vielleicht auch nur: „den Heiligen und Gläubigen in Christus Jesus“.[5]

    Vielhauer schloss daraus: „Der Text 1,1 ohne Ortsangabe ist der bestbezeugte, erreichbar älteste und sicher auch der ursprüngliche; denn es gibt keinen vernünftigen Grund, warum eine Ortsangabe … gestrichen worden sein sollte, wogegen es verständlich ist, daß man dem als Mangel empfundenen Fehlen einer Ortsangabe abhalf.“[6]

    Da das Präskript ohne Ortsangabe nicht sinnvoll und der von Vaticanus und Sinaiticus gebotene Text grammatisch unmöglich sei, vermutete z. B. Ulrich Luz, dass der Brief ein Rundschreiben war und an dieser Stelle eine Lücke hatte, in die der Name der jeweiligen Empfängergemeinde eingetragen werden konnte. Für ein Rundschreiben spricht, dass man aus dem Brief nichts über die Situation der Empfänger erfährt, bzw. der Verfasser sie nicht genauer zu kennen scheint.[7] Dagegen spricht, dass kein neutestamentliches Manuskript bekannt ist, in dem an dieser Stelle ein anderer Ortsname als Ephesus steht. Peter Stuhlmacher meint, Paulus habe einem Mitarbeiter, möglicherweise Tychikus (Eph 6,21) ein Rundschreiben zur Verlesung in den neugegründeten christlichen Gemeinden Kleinasiens mitgegeben; das Exemplar im „Gemeindearchiv von Ephesus“ sei erhalten geblieben, nach dem Tod des Apostels überarbeitet und als eine Art Programmschrift der Paulusschule ausgestaltet worden – dem uns vorliegenden Epheserbrief. [8]

    Gegen das Gewicht von P46, Vaticanus und Sinaiticus vertreten Rainer Schwindt, Harold Hoehner und Clinton E. Arnold in neueren Arbeiten die These, dass ἐν Ἐφέσῳ „in Ephesus“ zum ursprünglichen Text des Präskripts gehörte; letzterer verbindet dies mit der Rundschreiben-These: der Brief habe in den paulinischen Gemeinden in der Gegend von Ephesus zirkuliert.[9] Auch Andreas Lindemann, der den Epheserbrief einem Paulusschüler zuschreibt, plädiert für die Ursprünglichkeit der Ortsangabe Ephesus; da die enge Beziehung des Paulus gerade zu dieser Gemeinde bekannt gewesen sei, habe der Verfasser sein Werk mit der fiktiven Adresse „Ephesus“ versehen.[10]

    Wikipedia: Brief des Paulus an die Epheser

    Wer hätte das gedacht. Schon der ‚harmlose‘ Bezug auf Ephesus findet sich in den ältesten und besten Textzeugen nicht. Und das sorgt für eine Menge Ungewissheit, was die Adressaten des Briefs betrifft.

    Aber was ist mit dem Verfasser?

    Luz stellte einen weitgehenden[12] und konfessionsübergreifenden Konsens der historisch-kritischen Exegese fest, wonach der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst worden sei, sondern von einem Schüler des Apostels. Die Minderheitsmeinung, der Epheserbrief sei ein Altersbrief des Paulus, wurde von Heinrich Schlier vertreten, konnte sich aber in der deutschsprachigen neutestamentlichen Wissenschaft gegen die Argumente, die gegen paulinische Verfasserschaft sprechen, nicht durchsetzen:[13]

    • Stil: Der Verfasser liebt lange Sätze und Wortreichtum (Plerophorie), wobei die syntaktische Struktur oft unklar bleibt. An die Stelle von Argumentation tritt Assoziation. Das ist nach Ansicht der meisten Exegeten kein Altersstil des Paulus, hat aber Ähnlichkeit mit dem Kolosserbrief. „Wäre der Kolosserbrief von Paulus selbst geschrieben, so müßte die Frage auch beim Epheserbrief neu aufgerollt werden.“[14]
    • Theologie: Wenn man die Rechtfertigungslehre, wie sie im Römerbrief dargelegt wird, für das Zentrum paulinischer Theologie hält, erscheint der Epheserbrief als unpaulinisch. Luz warnt hierbei jedoch vor einem Zirkelschluss.[15]
    • Abhängigkeit des Epheser- vom Kolosserbrief. Für Hans Conzelmann und Andreas Lindemann können beide Texte unmöglich unabhängig voneinander entstanden sein. Dem Kolosserbrief müsse aber die Priorität zukommen, denn er beziehe sich konkret auf eine einzelne Gemeinde, deren Situation aus dem Schreiben erkennbar werde; der Epheserbrief stelle quasi die ins Grundsätzliche erhobene Überarbeitung und Weiterentwicklung des Kolosserbriefs dar.[16] Hans Hübner bezeichnet den Verfasser des Epheserbriefs wegen seiner Abhängigkeit vom „Deuteropaulus“ des Kolosserbriefs als „Tritopaulus“.[17]

    Luz zufolge waren literarische Werke, die Schüler im Geiste und unter dem Namen ihrer Lehrer verfassten, in der Antike durchaus akzeptiert, im Gegensatz zu Fälschungen, in denen mit literarischen Mitteln versucht wurde, Echtheit vorzutäuschen. Er verweist darauf, dass der Verfasser des Epheserbriefs nichts dafür tue, um sich als Paulus auszugeben. So handle es sich um eine typische Schülerarbeit.[18] Bart D. Ehrman lehnt eine solche Differenzierung von Schülerarbeit und Pseudepigraphie ab: „Der Verfasser versucht mehrfach, glaubhaft zu machen, er wäre Paulus. Er war aber nicht Paulus. Er war ein Anhänger von Paulus, vertrat nicht-paulinische Auffassungen, schrieb später.“[19]

    Wikipedia: Brief des Paulus an die Epheser

    Da mehrere Gelehrte auf die Abhängigkeit des Epheser-Briefes vom Kolosser-Brief hinweisen, wollen wir uns auch den anschauen.

    Kolosser

    Auch bei diesem Brief könnte man meinen, dass hier doch Paulus klar als Verfasser zu finden ist:

    Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Timotheus, unser Bruder, an die Heiligen in Kolossä, …

    Kolosser 1:1,2 Züricher

    Diesen Gruss habe ich, Paulus, eigenhändig geschrieben. Denkt an meine Fesseln! Die Gnade sei mit euch.

    Kolosser 4:18 Züricher

    Alles klar, oder? Na ja. Schon Vers 1 spricht zumindest von zwei Verfassern – Paulus und Timotheus. Und im weiteren Text wird Epaphras deutlich hervorgehoben, der die Situation in Kolossä kannte – im Gegensatz zu Paulus:

    Ein anderer Sekretär als Timotheus wäre nach Meinung einiger Forscher aber wahrscheinlicher für Stilbesonderheiten des Briefes verantwortlich zu machen: Wahrscheinlicher sei, dass Paulus und Timotheus dem Sekretär Epaphras (Lähnemann, Reicke, Berger) dort das Wort überlassen, wo er als ortskundiger Theologe besser auf Probleme und Fragen in Kolossai und den Nachbargemeinden antworten konnte. Paulus jedenfalls kannte weder die Adressaten noch deren Situation (Kol 2,1), sein Informant Epaphras aber schon (Kol 1,5–8; 4,12–13). So kann Paulus durch den Briefschreiber Epaphras versucht haben, „den Kolossern wie ein Kolosser“ zu werden, um sie zu überzeugen (vgl. sein Prinzip 1 Kor 9,20–22).

    Wikipedia: Brief des Paulus an die Kolosser

    Der hier zitierte Vers Kolosser 2:1 sagt dies:

    Ich will nämlich, dass ihr wisst, welch schweren Kampf ich führen muss für euch und die in Laodizea und alle, die mich nicht mit eigenen Augen gesehen haben, …

    Kolosser 2:1 Züricher

    Wer das Ergebnis der Analyse des Textes des Kolosser Briefes besser verstehen möchte, dem empfehle ich als Ausgangspunkt den oben genannten Artikel der Wikipedia.

    Eine interessante Zusammenfassung enthält die englische Wikipedia zum Brief an die Kolosser:

    Der Theologe Stephen D. Morrison weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „die Bibelwissenschaftler über die Urheberschaft von Epheser und Kolosser geteilter Meinung sind“[18]. Er führt als Beispiel die Überlegungen des Theologen Karl Barth zu dieser Frage an. Obwohl Barth die Berechtigung vieler Fragen zur paulinischen Autorschaft anerkannte, war er geneigt, sie zu verteidigen. Dennoch kam er zu dem Schluss, dass es für ihn keine große Rolle spielt, ob die eine oder die andere Seite stimmt. Es sei wichtiger, sich auf „Quid scriptum est“ (Was geschrieben ist) zu konzentrieren als auf „Quis scripseris“ (Wer hat es geschrieben). „Es genügt zu wissen, dass jedenfalls jemand den Epheserbrief geschrieben hat (warum nicht Paulus?), und zwar 30 bis 60 Jahre nach Christi Tod (kaum später, da er von Ignatius, Polykarp und Justin bezeugt wird), jemand, der Paulus gut verstand und die Ideen des Apostels mit auffallender Treue sowie Originalität weiterentwickelte.“[18]

    Wikipedia: Epistle to the Colossians (übersetzt ins Deutsche)

    Ich denke, mit diesen beiden Briefen haben wir schon ganz gut die Problematik verstanden. Der Hinweis im Text auf einen Verfasser wiegt nicht sehr schwer, wenn dieser nicht von anderen bezeugt ist. Und damit sind wir bei der nächsten Problematik und dem Hebräer-Brief.

    Zuvor möchte ich aber nochmals auf den Gedanken der verbalen Inspiration eingehen: Wenn Gott durch Inspiration jedes Wort vorgegeben hat, warum verwendet er dann einen anderen Wortschatz und Schreibstil im zweiten Teil des Briefes? War das dann der Stil von Paulus, von Timotheus oder doch von Epaphras? Und warum ändert Gott den Stil mitten im Brief?

    Der Hebräer-Brief

    Aber zurück zum Hebräer-Brief. Was ist mit dem Hebräer-Brief? Der ist doch auch von Paulus, oder? Im Gegensatz zum Kolosser oder Epheser Brief findet sich der Name Paulus nicht im Brief. Was wissen wir dann?

    Obwohl über keine der literaturgeschichtlichen Fragen nach dem Verfasser, dem Empfängerkreis, der Datierung oder selbst der literarischen Gattung der mit Πρὸς Έβραίους betitelten Schrift auch nur annähernd ein wissenschaftlicher Konsens besteht, lassen sich doch historische Wahrscheinlichkeiten abwägen und Gründe für die verschiedenen Hypothesen anführen.

    Wikipedia: Brief an die Hebräer

    Was kann dann überhaupt über den Verfasser gesagt werden?

    Weil die ältesten Handschriften (Papyrus 46, Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus) den Hebräerbrief unter die Paulusbriefe einordneten,[1] rechnete die frühe ostkirchliche Tradition die Schrift dem Paulus zu.[2]

    Origenes ging wegen des für Paulus unüblichen Stiles (so etwa ein Wortschatz von 1000 verschiedenen Wörtern bei 3000 Wörtern Umfang gegenüber dem eher beschränkten des Paulus) davon aus, dass der Inhalt des Briefes zwar paulinisch, der Verfasser aber unklar sei.[3] Während des Mittelalters und in der katholischen Kirche noch bis 1914[4] wurde angenommen, der Hebräerbrief sei die griechische Übersetzung eines im Original hebräischen Paulusbriefes. Wegen der anders gearteten Theologie und der verschiedenen geschichtlichen Situation (beispielsweise besteht Paulus in Gal 1,12 auf seiner eigenen direkten Offenbarungserfahrung, während der Autor ad Hebraios sich selbst in Hebr 2,3 als Hörer der Jünger Jesu bezeichnet) wird das heute weitgehend abgelehnt.

    Als mögliche Verfasser wurden alternativ vorgeschlagen: Apollos,[5] Priszilla,[6] Lukas oder Clemens von Rom,[7] Barnabas,[8] Petrus, Philippus, Judas, Aristion, Timotheus. Weil aber weder von den Genannten (wenn von ihnen überhaupt Werke erhalten sind) noch sonst ein dem Hebräerbrief vergleichbares Schriftstück erhalten ist, er also völlig singulär in Form wie Inhalt dasteht und im Brief selbst über den Verfasser nichts ausgesagt wird, kann keine dieser Hypothesen verifiziert werden.

    Aufgrund des ausgezeichneten griechischen Stils, des umfangreichen Wortschatzes und der eingehenden Kenntnis des Alten Testaments in der Form der Septuaginta ist als Verfasser ein griechisch gebildeter Judenchrist anzunehmen, der dem hellenistischen Flügel angehörte.

    Es handelt sich bei dem Brief nicht um Pseudepigraphie, da kein vorgeblicher Verfasser angeführt wird, auch wenn die Nennung des Timotheus (Hebr 13,23) möglicherweise den Umkreis des Paulus als Absender nahelegen könnte.

    Wikipedia: Brief an die Hebräer

    In Teil 8 über die Entstehung des Kanons haben wir schon gesehen, dass der Hebräer Brief erst spät sich am Rande des Kanons fand. So schreibt Metzger:

    Zum Beispiel irrte ein großer Teil der Kriche, als sie den anonymen Hebräerbrief dem Apostel Paulus zuschrieb.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 268

    Andere Briefe

    Von den anderen Briefen wollen wir stellvertretend nur den 1. Petrus Brief genauer anschauen, da er von keinem Geringerem als dem Apostel Petrus, einer Säule der Versammlung stammen soll.

    Was sagen die Kirchenväter?

    Die Verfasserschaft von Petrus wird in der altkirchlichen Tradition bestätigt, und zwar im 2. Jahrhundert von Polykarp, Papias, Clemens von Alexandria und Irenäus, im 3. Jahrhundert von Tertullian, Origenes und Cyprian. Bei allen diesen Autoren wird der erste Petrusbrief zu den allgemein anerkannten Schriften gezählt und seine Aufnahme in den Kanon nie in Frage gestellt.[1]

    Wikipedia: 1. Brief des Petrus

    Das war allerdings schon viele Jahrzehnte oder sogar weit über einhundert Jahre nachdem Petrus tot war. Das Problem ist auch hier: Glauben wir einem Text, nur weil ein Verfasser genannt ist? Oder Prüfen wir den Inhalt, wie wir im Neuen Testament immer wieder aufgefordert werden? Betrachten wir einmal Argumente gegen und für Petrus als Verfasser:

    Die historisch-kritische Forschung bezweifelt überwiegend, dass Petrus der Verfasser war, und zwar aus folgenden Gründen:

    • Pseudepigraphie war in der Antike weit verbreitet und weitgehend akzeptiert.[2] Für die Pastoralbriefe ist eine pseudepigraphische Verfasserschaft nahezu unbestritten.
    • Der Stil des 1 Petr ist Koine-Griechisch; und zwar nicht nur mündliche, sondern literarische Koine, was Griechisch als Muttersprache des Autors vermuten lässt. Die Muttersprache des Fischers Petrus aus Galiläa (der in Apg 4,13 EU als ungebildet bezeichnet wird) war aber höchstwahrscheinlich Aramäisch. Auch wenn Petrus mit der damaligen „Weltsprache“ Griechisch vertraut war, ist doch bei ihm kaum eine solche schriftliche Beherrschung des Griechischen anzunehmen.[3]
    • Der Autor des 1 Petr zitiert das Alte Testament zumeist nach der griechischen Übersetzung. Nur 1 Petr 4,8 EU greift offenbar direkt auf den hebräischen Text von Spr10,12 EU zurück.[4]
    • Der Brief klingt zu wenig persönlich; auf die Jesusüberlieferung wird lediglich in traditioneller urchristlicher Sprache hingewiesen (1 Petr 2,22–25 EU). Bei petrinischer Verfasserschaft wäre zu erwarten, dass der Brief exklusive Kenntnisse eines Augenzeugen vermitteln würde.[5]
    • Es bestehen inhaltliche Verbindungen zwischen dem 1 Petr und den Paulusbriefen.[6]
    • 1 Petr 1,1 EU setzt voraus, dass das Christentum in Kleinasien bereits in verschiedenen Gegenden Fuß gefasst hat.[7]

    Gegenargumente sind:

    • zur Pseudepigraphie: Diese ist je nach Textgattung mehr oder weniger wahrscheinlich. Bei einer Weisheitsschrift, die unter dem Namen Salomos geschrieben wurde, ist sie anders zu beurteilen als bei einem Brief, der auf die aktuelle Situation einer oder mehrerer Gemeinden Bezug nimmt.[8]
    • zum Koine-Griechisch: Petrus stammte aus Bethsaida, einer zweisprachigen griechisch-jüdischen Stadt (das wird noch dadurch unterstrichen, dass sein Bruder Andreas einen griechischen Namen hatte), und er wirkte vermutlich jahrzehntelang in der Griechisch sprechenden Diaspora.[9] Silvanus/Silas, den er als Mitverfasser erwähnt, ist römischer Bürger und sicher griechischsprechend.[10]
    • zur Theologie, die der paulinischen nahesteht: Zwischen Petrus und Paulus gab es gegenseitige Wertschätzung und wohl keine wesentlichen theologischen Differenzen. Ihre in Gal 2,11–21 EU erwähnte Auseinandersetzung betraf nicht Gegensätze in der Theologie, sondern deren praktische Umsetzung – Paulus warf Petrus vor, dass er nicht nach seiner Theologie handelte.[11] Die Alte Kirche wusste nichts von einem scharfen theologischen Gegensatz zwischen beiden;[12] erst im 19. Jahrhundert brachte die Theologie diesen Gedanken auf.
    • der Brief enthalte Traditionsgut (Paränese, Bekenntnisse, Lieder). Im Text des Briefes gibt es dafür jedoch keine klaren Anhaltspunkte. Zudem findet sich solches Traditionsgut auch in den als echt angesehenen Paulusbriefen.
    • die im Brief angesprochenen Christenverfolgungen: Man muss dabei nicht an die Zeit Trajans (um 100 n. Chr.) denken, denn der Brief spricht nicht von einer staatlichen systematischen Christenverfolgung. Punktuelle Christenverfolgungen durch die heidnische Umgebung gab es bereits in den ersten Jahrzehnten nach 30 n. Chr. in mehreren Gegenden des Reiches (zum Beispiel Paulus auf seinen Missionsreisen oder die Neronische Christenverfolgung 64 oder 65 n. Chr.).[13]
    Wikipedia: 1. Brief des Petrus

    Mit anderen Worten: Es ist schwierig wenn nicht sogar fast unmöglich, hier eine sichere Aussage zu machen. Was den Inhalt betrifft, gibt es Argumente dafür und dagegen. Verlässt man sich auf die Aussagen der Kirchenväter, dann verlässt man sich damit auf die Personen, welche die Entwicklung der Großkirche und verschiedenster Dogmen gefördert haben. Aber es waren natürlich auch Personen, die unter persönlichen, zum Teil sehr großen Opfern bereit waren, die empfangene Lehre zu verbreiten und zu verteidigen.

    Die 4 Evangelien

    In Teil 11 haben wir die 4 Evangelien – von dem einen Evangelium – schon ausführlicher betrachtet. Und auch schon erwähnt, dass drei davon – die synoptischen Evanglien Matthäus, Markus und Lukas – sich ziemlich ähneln und das vierte – Johannes – anders ist. Auf die Ähnlichkeit des Textes der synoptischen Evangelien sollten wir hier noch eingehen.

    Der Verfasser des Matthäus Evangeliums nennt seinem Namen im Text nicht. Der Titel wurde erst später hinzugefügt. Das gilt auch für das Markus, das Lukas und das Johannes Evangelium. Es sind also Autoren der patristischen Zeit und die Kirchenväter oder vielleicht auch jemand, der Kopien für anderen Versammlungen kopierte, welche Überschriften wie „Evangelium nach Markus“ hinzufügten.

    Die sprachlichen Unterschiede werden in der Wikipedia so zusammengefasst:

    Während das Markusevangelium in einem volkstümlichen Griechisch geschrieben ist, wählte der Verfasser des Matthäusevangeliums einen gehobeneren Stil. Er schrieb knapper, konzentrierter. Gerne wiederholte er Formeln und arbeitete mit Leitworten, Chiasmen und Inklusionen. Anders als das Evangelium nach Lukas, in dem Formulierungen der Septuaginta bewusst als Stilmittel eingesetzt werden, ist Matthäus zwar stark vom Bibelgriechischen geprägt, ohne aber absichtlich Septuaginta-Stil zu schreiben.[16]

    Wikipedia Evangelium nach Matthäus

    Bei den Ähnlichkeiten geht es also nicht darum, dass von den gleichen Ereignissen berichtet wird. Die Analyse der auffälligen Übereinstimmungen wird als Synoptisches Problem beschrieben [wobei hier ‚Problem‘ hier als Fachbegriff im Sinne von Fragestellung verwendet wird]. Diese Grafik aus dem Wikipedia Artikel gibt einen Überblick:

    Im Einzelnen sind folgende Sachverhalte zu erklären:

    • Übereinstimmungen im Wortlaut: Matthäus, Markus und Lukas stimmen bei parallelen Stellen in ca. 50 % der Wörter überein, während sie mit Parallelstellen bei Johannes in nur 10 % der Wörter übereinstimmen.
    • Auffallende Übereinstimmungen in der Reihenfolge, aber auch zahlreiche Abweichungen
    • Dreifache gemeinsame Überlieferung: fast das ganze Material von Markus ist in Matthäus enthalten, etwa zwei Drittel davon zudem in Lukas (sog. Lukanische Lücke)
    • Zweifache gemeinsame Überlieferung: etwa 200 Verse sind bei Matthäus und Lukas, aber nicht bei Markus enthalten.
    • Das Sondergut: Von einem einzigen Evangelium überlieferte Texte oder Einzelsprüche (Lukas: 35 %, Matthäus: 20 %, Markus: 3 %).
    • Die Frage um die minor agreements („geringfügige Übereinstimmungen“), also die übereinstimmenden Abweichungen des Matthäus und Lukas vom Markustext oder die Einwände gegen die Benutzung des Markus durch Matthäus und Lukas.

    Um diese Zusammenhänge und Verhältnisse zu erklären, werden verschiedene Hypothesen diskutiert; keine der vorgeschlagenen Lösungen vermag sämtliche Phänomene befriedigend zu beantworten.

    Wikipedia Synoptisches Problem

    Bleibt noch das Johannes Evangelium. Dieses weicht in vielen Teilen stark von den synoptischen Evangelien ab. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Ergänzungen, sondern Abweichungen. Vielleicht am wichtigsten ist die Darstellung des Abendmahls in Johannes 13, die sich erhebllich in Bezug auf den Inhalt sowie den zeitlichen Ablauf unterscheidet. Nicht umsonst wird bei der Beschreibung des Abendmahls des Herrn nur auf Matthäus, Markus, Lukas und 1. Korinther 11 Bezug genommen. Wobei auch Lukas abweicht, weil ein zweiter Kelch vor dem Brot erwähnt wird, was aber ein Fehler in den Manuskripten sein könnte, wie wir schon in einem anderen Teil der Serie festgestellt haben. Solche Abweichungen, aber auch die ganz andere Darstellung dessen, was und wie Jesus lehrt, haben schon in der Antike (z.B. im 3. Jahrhundert Porphyrios Schrift Contra Christianos ) zu Diskussionen geführt.

    Was sagt uns das über die Zuverlässigkeit des Textes?

    Wir haben uns im letzten Teil der Serie mit dem Zeitpunkt der Niederschrift und in diesem Teil mit den Verfassern beschäftigt. Das sollte nicht nur dazu dienen, unser Wissen zu vertiefen. Dieses Wissen hilft uns auch, manche Aussagen über die Zuverlässigkeit des Textes besser einordnen zu können.

    Zum Beispiel wird zuerst der Verfasser einer Schrift des Neuen Testaments als gewiss angenommen, vielleicht wegen der später hinzugefügten Überschrift oder der Aussage der Kirchenväter oder der späteren Anordnung im Kanon des Neuen Testaments. Damit wird dann der Zeitpunkt der Niederschrift abgeleitet. Und dann damit auf die Zuverlässigkeit des Inhaltes des Textes geschlossen. Zum Beispiel die Erfüllung der Prophezeiungen Jesu in den Evangelien.

    Oder es läuft so ab: Die Zuverlässigkeit der Evangelien zeigt sich durch die Erfüllung der Prophezeiung Jesu über Jerusalem. Weil die Evangelien ja vor 70 v.Chr. geschrieben wurden. Und das wissen wir, weil die Evangelien von Matthäus, Markus und Johannes geschrieben wurden. Aber woher wissen wir das? Wegen dem Zeugnis der Überschriften, Kirchenväter oder der Anordnung im Kanon. Und in diesem Fall passt natürlich das Evanglium nach Johannes nicht, weil es diese Aussagen Jesu nicht enthält und vermutlich auch lange nach 70 n.Chr. geschrieben wurde.

    Hier darf man also nicht den Fehler eines Zirkelschlusses machen: Aufgrund des angenommenen Verfassers wird auf den Zeitpunkt der Niederschrift und deswegen auf die Glaubwürdigkeit des Inhalts geschlossen und wegen der Glaubwürdigkeit des Inhalts auf den darin oder im Titel angegebenen Verfasser und damit auf den Zeitpunkt der Niederschrift usw.

    Fazit

    Bis auf 7 Briefe, bei denen wir ziemlich sicher sein können, dass sie von Paulus stammen, gibt es bei allen anderen Schriften des Neuen Testaments viele offene Fragen und aber nicht so viele Gewissheiten, was die Verfasser betrifft. Die Überschriften wurden erst viel später hinzugefügt. Und wenn wir uns auf die Texte der patristischen Zeit und der Kirchenväter verlassen, dann sollten wir bedenken, dass auch diese sich schon auf Informationen anderer berufen haben. Und im Fall von Hebräer irrten sie. Oder sogar ihnen fielen schon überraschende Unterschiede im Stil und Wortschatz auf.

    Ist das für dich wichtig? Denkst du, dass diese Informationen deinen Glauben schwächen? Wenn du einer Religion angehörst, welche über absolutes Wissen verfügt und immer eine einfache Antwort gibt, wobei unbequeme Tatsachen ausgeblendet werden, dann ja.

    Mir scheint, dass der Glaube derer, die trotz dem Wissen um all diese Fakten weiter glauben und sich damit auseinandersetzen und den Inhalt prüfen, tiefer geht.

    Sage ich das jetzt nur, um mir und anderen etwas einzureden und uns zu beruhigen? Nein. Ich versuche es mal mit einem anderen Beispiel und zwar diesem Manuskript:

    Das ist ein im Jahre 888 geschriebenes Manuskript des epochalen Werkes Elemente des berühmten griechischen Mathematikers Euklid, der wahrscheinlich im 3. Jahrhundert v. Chr. lebte. Was kannst du über den Verfasser und Author des Originals nachlesen? „Über das Leben Euklids ist fast nichts bekannt.“ (Wikipedia Euklid). Was wir über ihn und seine Werke wissen, stammt aus der Feder anderer. Ist das Werk damit für uns wertlos? „Die Elemente waren vielerorts bis ins 20. Jahrhundert hinein Grundlage des Geometrieunterrichts, vor allem im angelsächsischen Raum.“ Der Inhalt des Werkes sprach also für sich. Niemand hat es bis in 20. Jahrhundert verwendt, weil es ja vom berühmten Euklid stammte. Oder weil man den Zeitpunkt der Niederschrift kannte.

    Genauso ist es auch mit dem Neuen Testament. Hauptargument für dessen Bedeutung ist sein Inhalt, die Argumentation zu Lehren usw. Ob ein Petrus oder Pauls etwas geschrieben hat, spielt bei der Bewertung, ob es Gedanken Gottes sind eine untergeordnete Rolle. Denn beide waren unvollkommene Denker und Gott konnte genauso auch anderen, weniger prominenten Nachfolgern Jesu durch seinen Geist helfen, das aufzuschreiben, was für uns wichtig ist. Auch die Angaben aus patristischer Zeit und bei den Kirchenvätern sind hilfreich, doch auch diese konnten irren und waren nicht allwissend. Man kann aber wohl mit Gewissheit sagen, dass sie sich sehr gewissenhaft und under persönlichen opfern bemühten, ihre Sache gut zu machen.

    Zum Schluß muss ich bei all den Fragen und Unsicherheiten, die wir in den nun schon 17 Teilen dieser Serie betrachtet haben, eines betonen: Die Fakten und Beweise haben nie gezeigt, dass wir es hier mit großem Betrug und völligem Unfug zu tun haben.

    Die Probleme entstehen erst, wenn man falsche, überzogene und absolute Aussagen über das Neue Testament macht. Und diese sind immer einfacher zu widerlegen als die komplexeren Aussagen zu belegen. Zum Beispiel ist eine Aussage, dass sich in die Abschriften der Manuskripte des Neuen Testaments nie auch nur ein Fehler eingeschlichen hat, leicht zu widerlegen. Die Aussage zu beweisen, dass der Text in großem Maße rekonstruiert werden konnte, erfordert viel Arbeit – die aber geleistet wurde.

    Ist es ein Problem, dass wir vier unterschiedliche Evangelien haben? Nein, denn aus den Abweichungen – es sind ja mehr theologische Werke mit bestimmten Aussagen als geschichtliche Protokolle – und dem Vergleich mit anderen Schriften können wir erkennen, was von den meisten auf die gleiche Weise verstanden wurde, und wo die Auffassungen auseinandergingen. Keiner hatte doch den Auftrag, das allein maßgebliche Lehrbuch zur christlichen Theologie zu schreiben. Selbst Jesus tat das nicht. So entstand erst mit der Zeit ein Katechismus.

    Vergleichen wir einmal den Prozess der Überlieferung der Schriften des Neuen Testaments mit dem des Koran:

    Vor dem Tod des Propheten Mohammed waren bereits verschiedene Teile des Korans niedergeschrieben worden, und nach Abstimmung mit allen, die den Koran sowohl mündlich (Hāfiz) als auch schriftlich bewahrt hatten, entstand nach Mohammeds Tod im Jahre 11 n. H. (632 n. Chr.) zu Zeiten des ersten Kalifen Abū Bakr der erste Koran-Kodex (مصحف muṣḥaf), um ihn vor dem Verlorengehen oder Verwechseln mit anderen Aussagen des Propheten Mohammed zu bewahren.

    Der dritte Kalif, Uthman ibn Affan (644–656), ließ diese ersten Koran-Kodizes, die auch z. T. in anderen Dialekten als dem quraischitischen Dialekt – dem Dialekt des Propheten Mohammed – abgefasst waren, einsammeln und verbrennen, um dann einen offiziell gültigen Koran herzustellen. Dabei mussten mindestens zwei Männer bei jedem Vers bezeugen, dass sie diesen direkt aus dem Munde des Propheten gehört hatten. Sechs Verse im Koran sind aber nur von einem Zeugen, nämlich Zaid ibn Thābit, dem ehemaligen Diener des Propheten, auf diese Weise bezeugt worden. Dass diese Verse heute doch im Koran stehen, hängt damit zusammen, dass der Kalif ausnahmsweise das alleinige Zeugnis von Zaid akzeptierte.

    Wikipedia Koran

    Hier wurde also eine Bereinigung und Vereinheitlichung lange nach dem Tod Mohammeds durchgeführt, die sich heute überhaupt nicht mehr überprüfen lässt. Und ob das so geschehen ist, wissen wir natürlich auch nur aus der Überlieferung.

    Mit den Schriften des Neuen Testaments wurde so nicht vorgegangen. Wir wir gesehen haben, hat Marcion zum Beispiel Lukas Evangelium als einzig wahres herausgenommen. Andere haben alle 4 zusammengefasst. Aber wir haben zumindest vier Stück mit all ihren Unterschieden und nicht nur eine vereinheitlichte Version. So können wir uns also mitten unter die Nachfolger Christi der ersten Jahrhunderte begeben und mit ihnen versuchen, zu verstehen, was Gott uns nach dem Alten Testament wohl noch mitteilen wollte. Und das ist ziemlich spannend, denn das Neue Testament ist kein Katechismus mit Glaubenssätzen zum Auswendiglernen sondern oft Argumentation. Eine Aufforderung mit- und nachzudenken.

  • The Canon of the New Testament – Part 16: The Time of the Origin of the Scriptures

    The Canon of the New Testament – Part 16: The Time of the Origin of the Scriptures

    From Christian


    To your knowledge, when did the writings in the New Testament canon originate? Or more specifically: Which part of the New Testament canon was written first and which was it? Now this is not just an academic question or a trivia question. The answer to this question has a greater significance than you might think. It is important for the correct placement in the historical context. And also into the temporal development of the faith and life of the first followers of Jesus, the different currents that came then and important historical developments. Let’s think, for example, of the destruction of Jerusalem, the conversion of the Gentiles or the death of the apostles and the generation that had still known Jesus themselves – and also that the hope of a return of Christ had not been fulfilled in their lifetime.

    The scriptures are usually arranged this way in the New Testament canon:

    Because of the arrangement in the canon, we may have this chronological sequence in mind:

    However, you may also think that the apostle John wrote the Gospel together with the Epistles and Revelation at the end of the first century.

    But this representation would still contain an error, because the Acts of the Apostles – that is history of the deeds of the apostles – could have been written only after the apostles had accomplished these deeds. So maybe then rather like this?

    But why puzzle around! Let’s just take the data of the transcript and everything is already clear. And there we have the problem: We do not know the data! „Yes, we do! Of course we do!“ I can already hear the dissenting voices. So let’s start – as before – to check the facts.

    Let us first consider the four Gospels contained in the New Testament. We can at least narrow down the time of their origin:

    The date of composition of the New Testament Gospels is between 30 or 33 CE (the year of Jesus‘ crucifixion) and about 120 CE (early 2nd century evidence: Papyrus 52 ({\mathfrak {P}}52, a fragment of John’s Gospel from the time of Emperor Hadrian and Church Fathers‘ citations).

    Wikipedia Evangelium (Literaturgattung)

    As a side note, I use Wikipedia more often here because it’s easily accessible to everyone, free of charge, and is a good starting point for your own studies.

    This results in this picture.

    Can’t it be a little more precise? Unfortunately, only a little better, because there is simply no reliable, precise information. At that time there was no publication with ISBN number, year, author and entry in national registers or large libraries. Why should the first followers of Jesus do such a thing? They had no order to write anything down and there were still enough eyewitnesses who were alive.

    Nevertheless, in Bibles also time indications can be found which agree with this estimation and are quite precise. For example this one from the Schlachter Bible (2000):

    This list looks very tidy and precise. This becomes even clearer if you display it graphically. But first, the quiz question again: Which text of the New Testament canon was written first? And when? Maybe you’re thinking of the Gospels now? Sure, what Jesus did was written down first, wasn’t it? And which part was written last and when? Sure, it must be Revelation. Well, let’s see:

    Perhaps you were surprised to find the letter of James first in this list. And then the letter of Paul to the Galatians. And then the Gospels of Matthew and Mark – but at the same time? Why is that? Wouldn’t one account have been enough? And then first come the other letters of Paul. All written until 70 AD when Jerusalem was destroyed. But still: Finally, towards the end of the century, the apostle John writes his letters, the Gospel and the Revelation.

    But the question remains where this incredibly precise time information comes from, since it cannot be determined from the text itself.

    Consider, for example, the Gospels. What was the conclusion of the scholars who tried to determine the time of origin of the Gospels based on the facts? The following account is based on the article Gospel (literary genre, in German) in Wikipedia:

    None of these estimations corresponds to that in the Schlachter Bible! Are then the completely different chronological classifications based on the knowledge of different historical facts? Essentially not. What plays a major role is, for example, the question whether the destruction of Jerusalem in the year 70 was prophetically foretold, or subsequently it was presented that way in the text. Another important point is the similarity of the synoptic gospels not only in the reports but also in the text of whole sentences and passages. There are various theories about this. For example, that the Gospel of Mark formed the basis for Matthew and Luke, or what role served an even earlier template, which unfortunately has not been preserved. We will talk about this in the next part of the series.

    And what about the letters that were or are attributed to Paul? (Source: Wikipedia Pauline Epistles, German)

    That fits better. And indeed, for the letters that are most likely really by Paul, the time of writing can be better narrowed down based on the facts. At least better than for all other parts of the canon of the New Testament. But even with these letters, the following must be said:

    The Pauline epistles do not name the places of their writing, nor do they give much indication of the time of their writing.

    Wikipedia: Paulus von Tarsus

    As you can see, there are, especially in the letters where Paul must be questioned as the author, partly considerably different indications. In these cases I have entered all the different indications.

    For example, if you are surprised that the Epistle to the Hebrews is not supposed to be by Paul: It was assigned to Paul’s letters in the oldest manuscripts like Codex Vaticanus and Codex Sinaiticus. However, one must not forget that these codices date back to the 4th century. The Christian scholar Origines, who already taught at the beginning of the 3rd century, however, already noticed a considerable difference:

    Origines assumed, because of the unusual style for Paul (such as a vocabulary of 1000 different words at 3000 words in length compared to Paul’s rather limited one), that the content of the letter was Pauline, but the author unclear.

    Wikipedia: Brief an die Hebräer

    Furthermore, the statement in Hebrews 2:3 doesn’t really fit with Paul’s statement that he received the gospel directly from Jesus.

    But if we would still want to assume that the Letter to the Hebrews is from Paul, we must therefore somehow explain this contradiction. And explain the observation of Origines and later scholars. And explain why Paul uses different vocabulary and expressions in different letters – and this has been done. For example, it is attributed to the fact that the letter was dictated and the writer had a different vocabulary. Now this does not fit at all with the idea of verbal inspiration. Because then God would have inspired either in letters ‚of Paul‘ his thoughts with different vocabulary and expression literally. Or he would have inspired the writer with a different vocabulary besides Paul. Or … that’s kind of strangely complicated, don’t you think?

    Let us move on to the Acts of the Apostles, the other epistles and the Revelation (of John):

    „The great majority of historical-critical biblical research assumes the years around 90 AD as the time of the composition of Acts. … Evangelical commentators, on the other hand, usually defend an early dating of Acts to AD 62-65.“ (Wikipedia)

    In the case of 1 and 2 Peter, it is debated whether this letter can actually have been written by Peter. Thus the writing must be assumed either before Peter’s death in 64 or very much later. I would say that one is pretty much in the dark here with regard to the time.

    In the case of the Epistle of James no clear statement can be made: „Because the text itself contains only very few usable data, authorship and time of origin are disputed within biblical scholarship. Above all two opinions are represented“ (Wikipedia) And so I have entered the very early dating before the so-called council in Jerusalem as well as a time before the presumed death of James or a very later dating.

    This becomes even clearer with the short Epistle of Jude: „Neither the time of origin nor the recipients of the Epistle of Jude can be determined with certainty.“ (Wikipedia)

    For the Revelation of John, the year 68 or 69 was long assumed to be plausible as the time of origin, today it is more likely to be around the year 95 AD (Wikipedia).

    So the answer to the question „When did the writings in the canon of the New Testament come into being?“ cannot be answered as simply and surely as we might have wished. Does this now make them per se untrustworthy? For the first followers of Jesus and the first Christians, this was rather irrelevant. Was it a question of whether the author was an apostle? We have only touched on the subject here. But in the part of the series about the canon it has become clear that this was not necessarily decisive either. A writing of an apostle, of another eyewitness or of someone who still knew it, was of course more highly estimated. But later, it was usually not so easy to determine who really was the author of a writing. Therefore, the quality of the content was more decisive.

    One question remains: Why was the epochal event of the destruction of Jerusalem and the end of the worship in the temple according to the Mosaic law not mentioned with one syllable in the writings of the New Testament as a fulfilled prophecy? Or maybe it is, but only indirectly? When Jesus‘ prophecy concerning Jerusalem, which we find in the Gospels, was fulfilled, then surely it was a triumph for Christians and an affirmation of their faith that this prophecy was fulfilled. Why is this not found in the scriptures at all? That is quite strange. That’s why some argue that Jesus‘ prophecy was actually written down afterwards. And date the texts after 70 A.D. But is that a strong argument? Well, the Christians who fled and survived were able to report this to everyone and had other concerns than writing this down. We would have liked to have it recorded by eyewitnesses, but that is just our view today and our wish.

    Now one could argue that this is a good argument that the New Testament was written before 70 AD. But then, why are there no writings in the New Testament canon that were written after 70 AD that emphasize the fulfillment of prophecy and the consequences for the Christian faith (circumcision, food commandments…)? Well, at least the Gospel according to John, the three letters and the Apocalypse are dated by many to the end of the first century. But in them the event is not mentioned. Not even the prophecy of Jesus, which is found only in the synaptic gospels (Mat 24, Mar 13, Luk 21). The significance of the event was discussed in the centuries that followed, especially since the majority of the Jews did not join the Christians. But that is another subject.

    Since the time of writing of many writings in the New Testament canon can hardly be determined, the historical context can also only be defined very roughly.

    But perhaps more important for you is who the authors of the writings were. What do we know about them? We will deal with that in the next part of the series.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 16: Der Zeitpunkt der Entstehung der Schriften

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 16: Der Zeitpunkt der Entstehung der Schriften

    Von Christian


    Wann sind deines Wissens nach die Schriften im Kanon des Neuen Testaments entstanden? Oder etwas konkreter: Welcher Teil des Kanons des Neuen Testaments wurde zuerst geschrieben und welches war es? Das ist jetzt nicht nur eine akademische Frage oder eine Quiz-Frage. Die Antwort auf diese Frage hat eine größere Bedeutung als man vielleicht denkt. Sie ist wichtig für die richtige Einordnung in den historischen Kontext. Und auch in die zeitliche Entwicklung des Glaubens und Lebens der ersten Nachfolger Jesu, der verschiedenen Strömungen die dann kamen und wichtige historische Entwicklungen. Denken wir zum Beispiel an die Zerstörung Jerusalems, die Bekehrung der Heiden oder den Tod der Apostel und der Generation, die Jesus noch selbst kennengelernt hatten – und auch, dass sich die Hoffnung auf eine Wiederkehr Christi noch zu ihren Lebzeiten nicht erfüllt hatte.

    Die Schriften sind in der Regel so im Kanon des Neuen Testaments angeordnet:

    Aufgrund der Anordnung im Kanon haben wir vielleicht diese zeitliche Abfolge im Sinn:

    Möglicherweise bist du aber auch der Meinung, dass der Apostel Johannes das Evangelium zusammen mit den Briefen und der Offenbarung am Ende des ersten Jahrhundert geschrieben hast.

    Diese Darstellung würde aber immer noch einen Fehler enthalten, denn die Apostelgeschichte – also Geschichte der Taten der Apostel – kann ja erst geschrieben worden sein, nachdem die Apostel diese Taten vollbracht hatten. Also vielleicht dann doch eher so?

    Aber warum herumrätseln! Nehmen wir doch einfach die Daten der Niederschrift und schon ist alles klar. Und da haben wir das Problem: Wir kennen die Daten nicht! „Doch! Natürlich kennen wir sie!“ höre ich da schon die Gegenstimmen. Also gehen wir einmal daran – wie bisher auch – die Fakten zu prüfen.

    Betrachten wir zuerst einmal die im Neuen Testament enthaltenen vier Evangelien. Deren Entstehungszeit können wir zumindest eingrenzen:

    Die Entstehungszeit der neutestamentlichen Evangelien liegt zwischen 30 oder 33 n. Chr. (dem Jahr der Kreuzigung Jesu) und ungefähr 120 n. Chr. (Belege des frühen 2. Jahrhunderts: Der Papyrus 52 ({\mathfrak {P}}52, ein Fragment des Johannesevangeliums aus der Zeit Kaiser Hadrians und Kirchenväter-Zitate).

    Wikipedia Evangelium (Literaturgattung)

    Nebenbei bemerkt, verwende ich hier öfters die Wikipedia, weil diese für jeden leicht und kostenlos zugänglich ist und ein guter Ausgangspunkt für das eigene Studium ist.

    Damit ergibt sich dieses Bild.

    Geht das nicht etwas genauer? Leider nur etwas besser, denn es gibt schlicht und ergreifend keine verlässlichen, präzisen Angaben. Damals gab es keine Veröffentlichung mit ISBN Nummer, Jahreszahl, Autor und Eintrag in nationale Register oder große Bibliotheken. Warum sollten die ersten Nachfolger Jesu das auch tun. Sie hatten keinen Auftrag, etwas aufzuschreiben und es gab ja auch noch genügend Augenzeugen, die am Leben waren.

    Trotzdem finden sich in Bibeln auch Zeitangaben, die mit dieser Einschätzung übereinstimmen und ziemlich präzise sind. Zum Beispiel diese aus der Schlachter Bibel (2000):

    Diese Liste sieht ja sehr aufgeräumt und präzise aus. Das wird noch deutlicher, wenn man es grafisch darstellt. Aber zuerst noch einmal die Quiz-Frage: Welcher Text des Kanons des Neuen Testaments wurde zuerst geschrieben? Und wann? Vielleicht denkst du jetzt an die Evangelien? Klar doch, zuerst wurde aufgeschrieben, was Jesus so getan hat, oder? Und welcher Teil wurde wann als letztes geschrieben? Klar, das muss ja die Offenbarung sein. Nun, schauen wir einmal:

    Vielleicht warst du ja überrascht, in dieser Liste den Jakobus-Brief zuerst zu finden. Und dann den Brief von Paulus an die Galater. Und dann erst die Evangelien Matthäus und Markus – aber zur gleichen Zeit? Warum denn das? Hätte ein Bericht nicht gereicht? Und dann kommen erst einmal die anderen Briefe des Paulus. Alles geschrieben, bis 70 n.Chr. Jerusalem zerstört wurde. Aber immerhin: Schließlich schreibt gegen Ende des Jahrhunderts der Apostel Johannes seine Briefe, das Evangelium und die Offenbarung.

    Aber die Frage bleibt, woher diese unglaublich präzisen Zeitangaben stammen, da sich das aus dem Text selbst nicht ermitteln lässt.

    Betrachten wir zum Beispiel die Evangelien. Zu welchem Schluß kamen denn die Gelehrten, welche versucht haben, aufgrund der Fakten die Entstehungszeit der Evanglien zu bestimmen? Die folgende Darstellung beruht auf dem Artikel Evangelium (Literaturgattung) in der Wikipedia:

    Keine dieser Einschätzungen entspricht der in der Schlachter Bibel! Beruhen denn die völlig verschiedenen zeitlichen Einordnungen auf der Kenntnis verschiedener historischer Fakten? Im Wesentlichen nicht. Was eine große Rolle spielt, ist zum Beispiel die Frage, ob die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 prophetisch vorhergesagt wurde, oder nachträglich es so im Text dargestellt wurde. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ähnlichkeit der synoptischen Evangelien nicht nur in den Berichten sondern auch im Text ganzer Sätze und Passagen. Dazu gibt es verschiedene Theorien. Zum Beispiel, dass das Markus-Evangelium die Grundlage für Matthäus und Lukas bildete, oder welche Rolle eine noch frühere Vorlage diente, die leider nicht erhalten wurde. Darüber sprechen wir im nächsten Teil der Serie.

    Und wie steht es mit den Briefen, die Paulus zugeschrieben wurden oder werden? (Quelle: Wikipedia Paulusbriefe)

    Das passt schon besser. Und tatsächlich kann man für die Briefe, die mit großer Wahrscheinlichkeit wirklich von Paulus sind, die Zeit der Niederschrift aufgrund der Fakten besser eingrenzen. Zumindest besser als bei allen anderen Teilen des Kanons des neuen Testaments. Aber selbst bei diesen Briefen muss Folgendes gesagt werden:

    Die Paulusbriefe nennen die Orte ihrer Abfassung nicht und geben auch kaum Hinweise auf die Zeit ihrer Abfassung.

    Wikipedia: Paulus von Tarsus

    Wie man sieht, gibt es, insbesondere bei den Briefen, bei denen Paulus als Verfasser in Frage gestellt werden muss, zum Teil erheblich unterschiedliche Angaben. In diesen Fällen habe ich die verschiedenen Angaben alle eingetragen.

    Falls du zum Beispiel überrascht bist, dass der Hebräer-Brief nicht von Paulus sein soll: Er wurde in den ältesten Handschriften wie Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus den Paulusbriefen zugeordnet. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass diese Codices erst aus dem 4. Jahrhundert stamment. Dem christlichen Gelehrten Origines, der schon Anfang des 3. Jahrhunderts lehrte, fiel allerdings schon ein erheblicher Unterschied auf:

    Origines ging wegen des für Paulus unüblichen Stiles (so etwa ein Wortschatz von 1000 verschiedenen Wörtern bei 3000 Wörtern Umfang gegenüber dem eher beschränkten des Paulus) davon aus, dass der Inhalt des Briefes zwar paulinisch, der Verfasser aber unklar sei.

    Wikipedia: Brief an die Hebräer

    Außerdem passt die Aussage in Hebräer 2:3 nicht so recht zu Aussage des Paulus, dass er das Evangelium direkt von Jesus erhalten hätte.

    Würden wir aber trotzdem annehmen wollen, dass der Hebräer Brief von Paulus ist, müssen wir also diesen Widerspruch irgendwie erklären. Und die Beobachtung des Origines und späterer Gelehrter erklären. Und erklären, warum Paulus in verschiedenen Briefen einen unterschiedlichen Wortschatz und Ausdrucksweise verwendet – und das ist auch getan worden. Zum Beispiel wird das darauf zurückgeführt, dass der Brief diktiert wurde und der Schreiber einen anderen Wortschatz hatte. Das passt nun aber gar nicht zu dem Gedanken der Verbal-Inspiration. Denn dann hätte Gott entweder in Briefen ‚des Paulus‘ seine Gedanken mit verschiedenen Wortschätzen und Ausdrucksweisen wörtlich inspiriert. Oder er hätte außer Paulus auch noch den Schreiber mit einem anderen Wortschatz inspiriert. Oder … das ist irgendwie merkwürdig kompliziert, denkst du nicht auch?

    Kommen wir noch zur Apostelgeschichte, den anderen Briefen und der Offenbarung (des Johannes):

    „Die historisch-kritische Bibelforschung nimmt in ihrer großen Mehrheit die Jahre um 90 n. Chr. als Zeit der Entstehung der Apostelgeschichte an. … Evangelikale Ausleger verteidigen dagegen in der Regel eine Frühdatierung der Apostelgeschichte in die Jahre 62–65 n. Chr.“ (Wikipedia)

    Bei 1. und 2. Petrus wird diskutiert, ob dieser Brief tatsächlich von Petrus geschrieben worden sein kann. Damit muss die Niederschrift entweder vor dem Tod des Petrus im Jahr 64 angenommen werden oder sehr viel später. Ich würde sagen, dass man hier in Bezug auf den Zeitpunkt ziemlich im Dunkeln tappt.

    Beim Jakobus-Brief kann man auch keine klar Aussage treffen: „Weil der Text selbst nur sehr wenige verwertbare Angaben enthält, sind Verfasserschaft und Entstehungszeit innerhalb der Bibelwissenschaft umstritten. Vor allem zwei Auffassungen werden vertreten“ (Wikipedia) Und so habe ich die ganz frühe Datierung vor dem sogenannten Konzil in Jerusalem sowie einen Zeitpunkt vor dem mutmaßlichen Tod des Jakobus oder eine sehr später Datierung eingetragen.

    Noch deutlicher wird das beim kurzen Judas Brief: „Weder die Entstehungszeit noch die Empfänger des Judasbriefes sind sicher feststellbar.“ (Wikipedia)

    Und so ähnlich ist dies auch bei den drei Johannes-Briefen: „Die Meinungen über die Abfassungszeit der drei Johannesbriefe erstrecken sich über einen Zeitraum von ungefähr 50 bis 110 n. Chr.; manche Theologen verzichten ganz auf einen Datierungsversuch“ (Wikipedia)

    Für die Offenbarung des Johannes wurde als Entstehungszeit lange das Jahr 68 oder 69 als plausibel vermutet, heute eher um das Jahr 95 n.Chr. (Wikipedia)

    Die Antwort auf die Frage „Wann sind die Schriften im Kanon des Neuen Testaments entstanden?“ kann also nicht so einfach und sicher beantwortet werden, wie wir uns das wohl gewünscht hätten. Macht sie das nun per se unglaubwürdig? Für die ersten Nachfolger Jesu und die ersten Christen spielte das eher keine Rolle. War es die Frage, ob der Verfasser ein Apostel war? Wir haben das Thema hier nur gestreift. Aber beim Teil der Serie über den Kanon ist klar geworden, dass dies auch nicht unbedingt ausschlaggebend war. Eine Schrift eines Apostels, eines anderen Augenzeugen oder von jemandem, der diese noch kannte, wurde natürlich höher eingeschätzt. Aber später war es meistens gar nicht so einfach, festzustellen, wer denn wirklich der Verfasser einer Schrift war. Entscheidend war daher mehr die Qualität des Inhalts.

    Was die zeitliche Einordnung betrifft, müssen daher oft geschichtliche Ereignisse in Betracht gezogen werden. Ist man aufgrund anderer Überlegungen oder den Aussagen den Kirchenväter zum Schluß geommen, dass ein Brief zum Beispiel von Paulus ist, dann muss er vor seinem Tod geschrieben worden sein. Und aufgrund der Beschreibung der Reisen des Paulus in der Apostelgeschichte ergibt sich daher für seine Briefe ein recht klares Bild.

    Eine Frage stellt sich noch: Warum wurde das epochale Ereignis der Zerstörung Jerusalem und das Ende der Anbetung im Tempel gemäß dem mosaischen Gesetz mit keiner Silbe in den Schriften es Neuen Testaments als erfüllte Prophezeiung erwähnt? Oder vielleicht doch, aber nur indirekt? Als sich Jesu Prophezeiung in Bezug auf Jerusalem, die wir in den Evangelien finden, erfüllt hat, dann ist es doch für die Christen ein Triumpf und eine Bekräftigung ihres Glaubens gewesen, dass sich diese Prophezeiung erfüllt hat. Warum findet sich das überhaupt nicht in den Schriften? Das ist schon merkwürdig. Daher argumentieren manche ja, dass Jesus Prophezeiung in Wirklichkeit erst danach aufgeschrieben wurde. Und datieren die Texte nach 70 n.Chr. Aber ist das ein starkes Argument? Nun, die Christen, die flohen und überlebten, konnten das jedem berichten und hatten andere Sorgen, als dies aufzuschrieben. Wir hätten das zwar gerne von Augenzeugen aufgezeichent, aber das ist halt nur unsere heutige Sicht und unser Wunsch.

    Nun könnte man argumentieren, dass dies ein gutes Argument sei, dass das Neue Testament vor 70 n. Chr. geschrieben wurde. Warum gibt es aber dann keine Schriften im Kanon des Neuen Testaments, welche nach 70 n. Chr. geschrieben wurden und die Erfüllung der Prophezeiung und die Konsequenzen für den christlichen Glauben hervorheben (Beschneidung, Speisegebote …)? Nun, zumindest das Evanglium nach Johannes, die drei Briefe und die Apokalypse werden von vielen an das Ende des ersten Jahrhunderts datiert. Aber darin wird das Ereignis nicht erwähnt. Nicht einmal die Prophezeiung Jesu, die sich nur in den synoptischen Evangelien findet (Mat 24, Mar 13, Luk 21). Diskutiert wurde in den Jahrhunderten danach über die Bedeutung des Ereignisses, zumahl die Mehrheit der Juden sich trotzdem nicht den Christen anschlossen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Da der Zeitpunkt der Niederschrift vieler Schriften im Kanon des Neuen Testaments sich kaum bestimmen lässt, kann man auch nur sehr grob den historischen Kontext definieren.

    Wichtiger ist für dich aber vielleicht, wer die Verfasser der Schriften waren. Was wissen wir darüber? Das behandeln wir im nächsten Teil der Serie.

  • Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas

    Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas

    Von Georg Buchbinder


    Das Buch von Georg Buchbinder ist am 15.11.2023 bei bod.de erschienen: Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas. Mittlerweile ist eine überarbeitete, 360 seitige Neuauflage des Buches verfügbar.

    „Menschenrechte und Menschlichkeit in der Organisation der Zeugen Jehovas“ ist ein Bericht über Praktiken der JW.org innerhalb ihrer eigenen Organisation, die sich selbst als die einzige wahre Organisation Jehovas auf Erden betrachtet. Es handelt sich um einen Bericht eines Insiders, der beschreibt, wie diese Organisation mit Andersdenkenden und Selbstdenkenden innerhalb und außerhalb ihrer Organisation umgeht.

    Dieses Buch möchte den Dialog fördern, Probleme konstruktiv aufzeigen und helfen, diese Probleme zu erkennen, sie anhand der Bibel neu zu überdenken und diese zu korrigieren.

  • The Canon of the New Testament – Part 15: Is the NT a Teaching Manual? (Example Trinity)

    The Canon of the New Testament – Part 15: Is the NT a Teaching Manual? (Example Trinity)

    By Christian


    Is the New Testament a teaching book? In the sense that we know it from school, training or university? Do you want to learn or know something specific in one area? Then you expect a didactically clear and well-prepared presentation, don’t you? Is the New Testament structured like this? Let’s take a look at the example of one doctrine, namely the Trinity.

    I would like to say one thing straight away: this is not an attempt to quickly clarify all questions about the doctrine of the Trinity. It is a contribution to the discussion. If there is a discussion at all, because it is often brushed aside because the doctrine is obvious or because church scholars have been convinced of it for two thousand years. Or the discussion consists of an alternating citation of supposed ‚proof texts‘.

    There have been enough of these. Already in the first centuries after Christ, these discussions were held and others were finally ostracized as heretics or apostates because of deviating interpretations. But why were there discussions about the nature of God, Jesus and the Holy Spirit already in the first centuries? Wasn’t this all clear from the oral tradition and the emerging canon of the New Testament?

    And I would like to say one more thing in advance: this is not about whether any form of the doctrine of the Trinity is ‚right‘ or ‚true‘. Or the rejection of it. That is a completely different question. After all, there are a lot of things that we all accept as ‚true‘ or ‚right‘, but which are not mentioned in the Bible at all or only in passing.

    What I often miss in discussions on this topic is a solid overview of the basics, the textual witnesses, the canon of the New Testament. Which expressions are combined and how, and above all how often they are used, gives us a fundamental clue. For what is repeatedly written is part of the teaching and thinking in the first century. What we do not find clearly in the manuscripts of the New Testament was probably not there at the time they were written.

    So let us get an overview of the use of the Trinity in the text of the canon of the New Testament. In doing so, we group the overview: where are all three parts of the Trinity mentioned together and where only a combination of both.

    Father, Word and the Holy Spirit are one

    How often is this statement about the Trinity found in the New Testament canon? We have already looked at that in part 5 of this series. Exactly once. It’s in 1 John 5:7-8. More specifically, it was added there. The Comma Johanneum.

    If it is nowhere else to be found in the canon, which was essentially laid down at the councils in the 4th century, but appears at this time in a gloss of the Latin Bible, at a time when the Trinity was also made obligatory as a doctrine at the councils, then this already speaks for itself. If a doctrine is present in a text, then one does not need to add a gloss or even change the ‚holy text‘ afterwards.

    That the Father, the Son and the Holy Spirit are one is nowhere stated in the canon of the New Testament.

    God, Jesus/Christ and the Holy Spirit

    In these verses, God, Jesus (or Christ) and Spirit or the Holy Spirit occur:

    As soon as Jesus was baptized, he went up out of the water. At that moment heaven was opened, and he saw the Spirit of God descending like a dove and alighting on him

    Matthew 3:16 NIV

    Then Jesus was led by the Spirit into the wilderness to be tempted by the devil.

    Matthew 4:1 NIV

    Jesus answered, “Very truly I tell you, no one can enter the kingdom of God unless they are born of water and the Spirit.

    John 3:5 NIV

    But Stephen, full of the Holy Spirit, looked up to heaven and saw the glory of God, and Jesus standing at the right hand of God.

    Acts 7:55 NIV

    how God anointed Jesus of Nazareth with the Holy Spirit and power, and how he went around doing good and healing all who were under the power of the devil, because God was with him.

    Acts 10:38 NIV

    and who through the Spirit of holiness was appointed the Son of God in power by his resurrection from the dead: Jesus Christ our Lord.

    Romans 1:4 NIV

    You, however, are not in the realm of the flesh but are in the realm of the Spirit, if indeed the Spirit of God lives in you. And if anyone does not have the Spirit of Christ, they do not belong to Christ.

    Romans 8:9 NIV

    And if the Spirit of him [context: God] who raised Jesus from the dead is living in you, he who raised Christ from the dead will also give life to your mortal bodies because of his Spirit who lives in you.

    Romans 8:11 NEÜ

    to be a minister of Christ Jesus to the Gentiles. He gave me the priestly duty of proclaiming the gospel of God, so that the Gentiles might become an offering acceptable to God, sanctified by the Holy Spirit.

    Romans 15:16 NIV

    I urge you, brothers and sisters, by our Lord Jesus Christ and by the love of the Spirit, to join me in my struggle by praying to God for me.

    Romans 15:30 NIV

    And that is what some of you were. But you were washed, you were sanctified, you were justified in the name of the Lord Jesus Christ and by the Spirit of our God.

    1 Corinthians 6:11 NIV

    Therefore I want you to know that no one who is speaking by the Spirit of God says, “Jesus be cursed,” and no one can say, “Jesus is Lord,” except by the Holy Spirit.

    1 Corinthians 12:3 NIV

    You show that you are a letter from Christ, the result of our ministry, written not with ink but with the Spirit of the living God, not on tablets of stone but on tablets of human hearts.

    2 Corinthians 3:3 NIV

    The grace of the Lord Jesus Christ, and the love of God, and the fellowship of the Holy Spirit, be with you all.

    2 Corinthians 13:13

    I keep asking that the God of our Lord Jesus Christ, the glorious Father, may give you the Spirit of wisdom and revelation, so that you may know him better.

    Ephesians 1:17 NIV

    Therefore if you have any encouragement from being united with Christ, if any comfort from his love, if any common sharing in the Spirit, if any tenderness and compassion,

    Philippians 2:1 NIV

    For it is we who are the circumcision, we who serve God by his Spirit, who boast in Christ Jesus, and who put no confidence in the flesh—

    Philippians 3:3 NIV

    How much more, then, will the blood of Christ, who through the eternal Spirit offered himself unblemished to God, cleanse our consciences from acts that lead to death, so that we may serve the living God!

    Hebrews 9:14 NIV

    who have been chosen according to the foreknowledge of God the Father, through the sanctifying work of the Spirit, to be obedient to Jesus Christ and sprinkled with his blood: Grace and peace be yours in abundance.

    1 Peter 1:2 NIV

    If you are insulted because of the name of Christ, you are blessed, for the Spirit of glory and of God rests on you.

    1 Peter 4:14 NIV

    This is how you can recognize the Spirit of God: Every spirit that acknowledges that Jesus Christ has come in the flesh is from God, but every spirit that does not acknowledge Jesus is not from God. This is the spirit of the antichrist, which you have heard is coming and even now is already in the world.

    1 John 4:2,3 NIV

    These are all text in the canon of the New Testament, which I found by searching for the German words for „God* Jesus* Spirit*“ as well as „God* Christ* -Jesus Spirit“ on the ERF Bibleserver, and where Spirit did not refer to the spirit of a human being.

    God, Son and the Holy Spirit

    These are the additional results of the search for „God* Son* Spirit“ (in German).

    The angel answered, “The Holy Spirit will come on you, and the power of the Most High will overshadow you. So the holy one to be born will be called the Son of God.

    Luke 1:35 NIV

    Keep watch over yourselves and all the flock of which the Holy Spirit has made you overseers. Be shepherds of the church of God, which he bought with his own blood [Some translate: blod of his Son].

    Acts 20:38 NIV

    How much more severely do you think someone deserves to be punished who has trampled the Son of God underfoot, who has treated as an unholy thing the blood of the covenant that sanctified them, and who has insulted the Spirit of grace?

    Hebrew 10:29 NIV

    Father, Jesus and the Holy Spirit

    These are the additional results of the search for „Father* Jesus* Spirit*“ (in German)

    At that time Jesus, full of joy through the Holy Spirit, said, “I praise you, Father, Lord of heaven and earth, because you have hidden these things from the wise and learned, and revealed them to little children. Yes, Father, for this is what you were pleased to do.

    Luke 10:21 NIV

    I keep asking that the God of our Lord Jesus Christ, the glorious Father, may give you the Spirit of wisdom and revelation, so that you may know him better.

    Ephesians 1:17 NIV

    Father, Son and the Holy Spirit

    These are the additional results of the search for „Father* Son* Spirit*“ (in German)

    Therefore go and make disciples of all nations, baptizing them in the name of the Father and of the Son and of the Holy Spirit,

    Matthew 28:19 NIV

    Here, only these three are referred to, but it is not said that they are one. But there are good reasons why also this text is possibly falsified. In an article in the forum (in German) I have described this in more detail. Here are just a few arguments from the 2001 translation:

    These words are missing from the parallel accounts in Luke 24:47 and Acts 1:6. All other baptismal instructions in the Bible omit these words (Acts 2:38, Acts 8:15-16, Acts 10:48, Acts 19:5, Romans 6:3, Galatians 3:27). The ancient Christian writer Eusebius quoted this verse 18 times over a period of 36 years. The forged words did not appear in his quotations before the Council of Nicaea, but after. Ironically, this man may be the one who inserted these false words.

    Summary of some arguments from the 2001 Translation not on Matthes 28:19

    What are these texts conveying?

    What impression do the texts give you when you read them with an open mind? We find God, the Father. We read about Jesus, the Son. And of the Spirit or Holy Spirit or God’s Spirit. But how often do we read about how these relate to each other?

    God, or the Father, Jesus, or the Son, and the Holy Spirit are named together in many texts in the New Testament canon, but never all three are presented as equal or coequal.

    A textbook-like explanation looks different.

    But maybe the equality F == S == HS results transitive: F == S and S == HS with it also F == HS like in mathematics. So if Father and Son are equal, and Son and Holy Spirit, then also Father and Holy Spirit are equal.

    Naming of God/Father, Jesus/Christ/Son, Holy Spirit in pairs

    So many texts can be found by these searches:

    Used parts of the TrinitySearchNumber of found texts
    in the NEÜ translation
    Father SonVater* Sohn* -Geist*43
    God SonGott* Sohn* -Geist*83
    God JesusGott* Jesus* -Geist*254
    Father JesusVater* Jesus* -Geist*77
    Father ChristVater* Christ* -Geist*37
    God ChristGott* Christ* -Geist*168
    Spirit ChristGeist* Christ* -Gott*15
    Spirit JesusGeist* Jesu* -Gott*41
    Spirit SonGeist* Sohn* -Gott*6
    Spirit FatherGeist* Vater* -Jesus* -Christ* -Sohn*12
    Spirit GodGeist* Gott* -Jesus* -Christ* -Sohn*93
    God and Father and Jesus and LordGott* Vater Jesus Herr* -Geist26

    In other translations the number varies partly clearly, because sometimes for example ‚God‘ is introduced for explanation. Therefore, in the overview of the texts, in which all three are mentioned, I had considered the Greek text in each case.

    Of course, that’s way too many to look at in a video. But with this information everyone can do it himself. If one reads the New Testament completely by oneself, one can also be sure that one does not miss any passage. But one should compare several translations and for example compare the Greek text with an Interlinear Bible to see if it is written the same way there. As said, sometimes God is added by translation (e.g. God’s spirit), and with spirit ‚holy‘ or ‚holiness‘ is not consistently translated with or sometimes left out.

    A large number of texts clearly distinguish between God, who is called Father, and Jesus Christ as Lord.

    Jesus Christ is never referred to as the God.

    The Holy Spirit is never called God.

    I found it interesting how often a phrase „God our Father and Jesus Christ the Lord“ is used: 30 times I counted. I had also noticed this many times when reading the New Testament. Here is an example:

    To all in Rome who are loved by God and called to be his holy people: Grace and peace to you from God our Father and from the Lord Jesus Christ.

    Romans 1:7 NIV

    You don’t find this wording in the Gospels and Acts yet, but after that in Romans, 1st Corinthians, 2nd Corinthians, Galatians, Ephesians, Philippians, Colossians, 1st Thessalonians, 2nd Thessalonians, 1st Timothy, 2nd Timothy, Titus, Philemon, 1st Peter, 2nd John .

    The phrase „God the Father“ and „Jesus Christ the Lord“ is used at least 30 times and in at least 14 letters.

    It makes a clear distinction between „God the Father“ and „Jesus Christ the Lord“, and not „Jesus Christ the Son“. And the Holy Spirit is never mentioned. And it is only said of the Father that he is God, or of God that he is our Father. Jesus is not addressed as God but as Lord.

    Were the authors back then perhaps much more concerned with the roles than with a concept like the Trinity? God is our Father, as it says in Jesus‘ model prayer. But Jesus is now our Lord. And since Pentecost at the latest, they had also had their experiences with the Holy Spirit – and nobody had the idea that the Father or Lord was now somehow in them, just as they described Father and Lord.

    Let’s come back to the question from the beginning: Is the New Testament a textbook as we know it today? No. Or to put it with a lot of irony: What a sloppy job by Paul, Peter and John! Why do they confuse us with this wording? Or if you think the verbal inspiration is right: Why does God make us so confused here by using the different formulations so often instead of making the matter clear?

    Did it take time, as with other topics, until they were understood? Perhaps the topic was not so important back then? Were the central messages of the Gospel not completely different? In view of this, perhaps it would be good to consider whether the doctrine of the Trinity is actually the central dogma – or not the Gospel after all?

    Summary

    The canon of the New Testament contains many texts with room for interpretation. But it also does not contain a definition of the Trinity as in many creeds. If you take the New Testament as a textbook, then no form of the Trinity – or contrary views – is explained particularly well in it. Would you like to disagree? Then take a look at any textbook on the subject. If it doesn’t contain a clear definition and its explanation and justification, would you buy such a textbook?

    The New Testament is not structured like a modern textbook on any subject. Nor should it be.

    Was the subject of the Trinity too complicated for the first century? Or was it simply secondary at best compared to the core message of the gospel?

    History shows that it took a few centuries to establish the version of the Trinity that is widespread today. There is a great deal of literature on the development of the doctrine of the Trinity. If you want to read the facts from the perspective of a critical historian and can read English, this book is informative: How Jesus Became God: The Exaltation of a Jewish Preacher from Galilee. It’s by Bart D. Ehrman, by the way, who has done a lot of work with Bruce Metzger on the canon and the manuscripts of the New Testament.

    Why do I mention this? Because it is very instructive to read how the same historical facts, manuscripts etc. can also be interpreted differently. If you see the facts from both sides, you can categorise them better and form your own opinion.


  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 15: Ist das NT ein Lehrbuch? (Beispiel Trinität)

    Von Christian


    Ist das Neue Testament ein Lehrbuch? Also in dem Sinn, wie wir es aus der Schule, Ausbildung oder Studium her kennen? Du möchtest in einem Bereich etwas Bestimmtes erlernen oder wissen? Dann erwartest du doch eine didaktisch klare und gut aufbereitete Darstellung, nicht wahr? Ist das Neue Testament so aufgebaut? Betrachten wir das mal am Beispiel einer Lehre, nämlich der Trinität oder Dreieinigkeit.

    Eines möchte ich gleich vorweg sagen: Das soll kein Versuch werden, mal eben schnell alle Fragen zur Lehre der Trinität zu klären. Sondern ein Beitrag zu Diskussion. Wenn es denn überhaupt zu einer Diskussion kommt, weil diese doch öfters vom Tisch gewischt wird, weil die Lehre doch offensichtlich wäre, oder die kirchlichen Gelehrten seit zweitausend Jahren davon überrzeugt sind. Oder die Diskussion besteht aus einem abwechselnden Zitieren von vermeintlichen ‚Beweistexten‘.

    Davon gab es schon genug. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus sind diese Diskussionen geführt und andere schließlich wegen abweichender Interpretationen als Häretiker oder Abtrünnige geächtet worden. Warum gab es aber schon in den ersten Jahrhunderten Diskussionen zum Wesen Gottes, Jesu und des heiligen Geistens? War das denn nicht durch die mündliche Überlieferung und den entstehenden Kanon des Neuen Testaments alles klar?

    Und noch eines möchte ich voraus schicken: Es geht hier auch nicht darum, ob irgendeine Form der Trinitätslehre ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ ist. Oder die Ablehnung davon. Das ist nämlich eine ganz andere Frage. Schließlich gibt es eine Menge Dinge, die wir alle als ‚wahr‘ oder ‚richtig‘ akzeptieren, die aber in der Bibel gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden.

    Was mir in Diskussionen zu diesem Thema oft fehlt, ist eine solide Übersicht über die Grundlagen, die Textzeugen, den Kanons des Neuen Testaments. Welche Ausdrücke wie kombiniert und vor allem wie häufig diese verwendet werden, gibt uns doch einen fundamentalen Hinweis. Denn was immer wieder wiederholt geschrieben wird, ist Teil der Lehre und des Denkens im ersten Jahrhundert. Was wir in den Manuskripten des Neuen Testaments nicht klar finden, war dann wohl zur Zeit deren Entstehung auch nicht.

    Verschaffen wir uns also einen Überblick über die Verwendung der Trinität im Text des Kanons des Neuen Testaments. Dabei gruppieren wir die Übersicht: Wo werden alle drei Teile der Trinität gemeinsam genannt und wo nur eine Kombination von beiden.

    Vater, Wort und der Heilige Geist sind eins

    Wie oft findet sich diese Aussage über der Trinität im Kanon des Neuen Testaments? Das haben wir schon in Teil 5 dieser Serie betrachtet. Genau einmal. Es steht in 1. Johannes 5:7-8. Genauer gesagt, es wurde dort hinzugefügt. Das Comma Johanneum.

    Wenn es sonst nirgends im Kanon zu finden ist, welcher im 4. Jahrhundert auf den Konzilen im Wesentlichen festgelegt wurde, sondern zu dieser Zeit in einer Glosse der lateinischen Bibel auftaucht, zu einer Zeit, in der auch die Trinität als Doktrin auf den Konzilen verpflichtend festgelegt wurde, dann spricht das schon für sich. Ist eine Lehre in einem Text vorhanden, dann braucht man keine Glosse hinzuzufügen oder gar nachträglich den ‚heiligen Text‘ verändern.

    Das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist eins sind, wird nirgends im Kanon des Neuen Testaments gesagt.

    Gott, Jesus/Christus und der Heilige Geist

    In diesen Versen kommt Gott, Jesus (bzw. Christus) und Geist bzw. der Heilige Geist vor:

    Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen.

    Matthäus 3:16 Züricher

    Dann wurde Jesus vom Geist Gottes ins Bergland der Wüste hinaufgeführt, weil er dort vom Teufel versucht werden sollte.

    Matthäus 4:1 NEÜ

    Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

    Johannes 3:5 Einheitsübersetzung

    Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.

    Apostelgeschichte 7:55 Züricher

    Ihr kennt Jesus von Nazaret und wisst, wie Gott ihn mit heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat; er zog umher und tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterdrückt wurden, weil Gott mit ihm war.

    Apostelgeschichte 10:38 Züricher

    und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseren Herrn,

    Römer 1:4 Schlachter 2000

    Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

    Römer 8:9 Züricher

    Wenn nun der Geist von dem [Kontext: Gottes] in euch wohnt, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, dann wird er durch den Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Körper lebendig machen, eben weil er Christus aus den Toten auferweckt hat.

    Römer 8:11 NEÜ

    der Gnade nämlich, ein Kultdiener zu sein des Christus Jesus für die Völker und als solcher das Evangelium Gottes als heilige Handlung zu vollziehen; so soll die Darbringung der Völker, geheiligt durch den heiligen Geist, Gottes Wohlgefallen finden.

    Römer 15:16 Züricher

    Ich bitte euch dringend, Brüder, helft mir zu kämpfen und betet für mich zu Gott! Denn durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe, die der Geist wirkt, sind wir doch miteinander verbunden.

    Römer 15:30 NEÜ

    Und das taten manche von euch. Dies alles aber ist von euch abgewaschen, ihr seid geheiligt worden, ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

    1. Korinther 6:11 Züricher

    Darum tue ich euch kund: Keiner, der im Geist Gottes spricht, sagt: Verflucht sei Jesus!, und keiner vermag zu sagen: Herr ist Jesus!, es sei denn im heiligen Geist.

    1. Korinther 12:3 Züricher

    Ihr zeigt ja selbst, dass ihr ein Brief von Christus seid, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, eingeprägt nicht in Steintafeln, sondern in menschliche Herzen.

    2. Korinther 3:3 NEÜ

    Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

    2. Korinther 13:13

    Der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.

    Epheser 1:17 Züricher

    Wenn es bei euch irgendeine Ermutigung durch Christus gibt, einen liebevollen Trost, Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, Barmherzigkeit und Mitgefühl,

    Philipper 2:1 NEÜ

    Denn die Beschnittenen, das sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und unseren Stolz auf Christus Jesus gründen und unser Vertrauen nicht auf das Fleisch setzen –

    Philipper 3:3 Züricher

    wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ⟨als Opfer⟩ ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!

    Hebräer 9:14 Elberfelder

    nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung durch den Geist, die zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi führt: Gnade sei mit euch und Friede in Fülle.

    1. Petrus 1:2 Züricher

    Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch.

    1. Petrus 4:14 NEÜ

    Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der sich zu Jesus Christus bekennt, der im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist, der sich nicht zu Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommt. Der ist jetzt schon in der Welt.

    1. Johannes 4:2,3 Züricher

    Das sind alle Text im Kanon des Neuen Testaments, welches ich mit der Suche „Gott* Jesu* Geist*“ sowie „Gott* Christus* -Jesus Geist“ auf dem ERF Bibleserver gefunden habe, und bei der sich Geist nicht auf den Geist eines Menschen bezog.

    Gott, Sohn und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Gott* Sohn* Geist“

    „Der Heilige Geist wird über dich kommen“, erwiderte der Engel, „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Kind, das du zur Welt bringst, heilig sein und Sohn Gottes genannt werden.

    Lukas 1:35 NEÜ

    Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in die euch der Heilige Geist als Leiter eingesetzt hat, damit ihr treue Hirten der Gemeinde Gottes seid. Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben.

    Apostelgeschichte 20:28 NEÜ

    Wie viel härter, meint ihr, wird die Strafe sein für einen, der den Sohn Gottes mit Füssen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für unrein gehalten und den Geist der Gnade verachtet hat?

    Hebräer 10:29 Züricher

    Vater, Jesus und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Jesus* Geist*“

    In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.

    Lukas 10:21 Einheitsübersetzung 2016

    Und ich bete, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch durch seinen Geist Weisheit gibt und euch zeigt, wie er selbst ist, dass ihr ihn erkennen könnt.

    Epheser 1:17 NEÜ

    Vater, Sohn und der Heilige Geist

    Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Sohn* Geist*“

    Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Dabei sollt ihr sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen.

    Matthäus 28:19 NEÜ

    Hier wird nur auf diese drei Bezug genommen, aber nicht davon gesprochen, dass sie eins seien. Doch es gibt gute Gründe, warum auch dieser Text möglicherweise verfälscht ist. In diesem Artikel im Forum habe ich das detaillierter beschrieben. Hier nur ein paar Argumente aus der 2001 Translation:

    „Diese Worte fehlen in den parallelen Berichten in Lukas 24:47 und Apostelgeschichte 1:6. Alle anderen Taufanweisungen in der Bibel lassen diese Worte weg (Apostelgeschichte 2:38, Apostelgeschichte 8:15-16, Apostelgeschichte 10:48, Apostelgeschichte 19:5, Römer 6:3, Galater 3:27). Der antike christliche Schriftsteller Eusebius zitierte diesen Vers 18 Mal in einem Zeitraum von 36 Jahren. Die gefälschten Worte tauchten nicht in seinen Zitaten vor dem Konzil von Nicäa auf, sondern erst danach. Ironischerweise könnte dieser Mann derjenige sein, der diese falschen Worte eingefügt hat.“

    2001 Translation

    Was vermitteln diese Texte?

    Welchen Eindruck vermitteln dir die Texte, wenn du sie unvoreingenommen liest? Wir finden Gott, den Vater. Wir lesen von Jesus, dem Sohn. Und vom Geist oder heiligen Geist oder Gottes Geist. Aber wie oft lesen wir etwas darüber, wie diese zueinander in Beziehung stehen?

    Gott bzw. der Vater, Jesu bzw. der Sohn und der Heilige Geist werden in vielen Texten im Kanon des Neuen Testaments gemeinsam genannt, aber nie alle drei als gleich oder ebenbürtig dargestellt.

    Eine Erklärung wie in einem Lehrbuch sieht anders aus.

    Aber vielleicht ergibt sich die Gleichheit V == S == G transitiv: V == S und S == G damit auch V == G wie in der Mathematik. Also wenn Vater und Sohn gleich sind, und Sohn und Heiliger Geist, dann sind auch Vater und Heiliger Geist gleich.

    Paarweise Nennung von Gott/Vater, Jesus/Christus/Sohn, Heiliger Geist

    So viele Texte findet man durch diese Suchen:

    Verwendete Teile der TrinitätSucheAnzahl gefunde Texte in der NEÜ
    Vater SohnVater* Sohn* -Geist*43
    Gott SohnGott* Sohn* -Geist*83
    Gott JesusGott* Jesus* -Geist*254
    Vater JesusVater* Jesus* -Geist*77
    Vater ChristusVater* Christ* -Geist*37
    Gott ChristusGott* Christ* -Geist*168
    Geist ChristusGeist* Christ* -Gott*15
    Geist JesusGeist* Jesu* -Gott*41
    Geist SohnGeist* Sohn* -Gott*6
    Geist VaterGeist* Vater* -Jesus* -Christ* -Sohn*12
    Geist GottGeist* Gott* -Jesus* -Christ* -Sohn*93
    Gott und Vater und Jesus und HerrGott* Vater Jesus Herr* -Geist26

    In anderen Übersetzungen variiert die Zahl zum Teil deutlich, weil manchmal zum Beispiel ‚Gott‘ zur Erklärung eingeführt wird. Daher hatte ich in der Übersicht der Texte, in der alle drei genannt werden, jeweils den griechischen Text berücksichtigt.

    Das sind natürlich viel zu viele, um sie in einem Video zu betrachten. Aber mit diesen Angaben kann das jeder selbst tun. Liest man das Neue Testament einmal komplett selbst durch, kann man auch sicher sein, dass einem keine Stelle entgeht. Man sollte aber mehrere Übersetzungen vergleichen und zum Beispiel mit einer Interlinear-Bibel den griechischen Text verglichen, um zu sehen, ob es dort auch so steht. Wie gesagt, manchmal wird von Übersetzung Gott hinzugefügt (z.B. Gottes Geist), und bei Geist wird nicht konsequent ‚heilig‘ oder ‚Heiligkeit‘ mit übersetzt oder manchmal weg gelassen.

    Eine große Zahl von Texten unterscheidet klar zwischen Gott, der Vater genant wird und Jesus Christus als Herrn.

    Jesus Christus wird nie als der Gott bezeichnet.

    Der Heilige Geist wird nie Gott genannt.

    Interessant fand ich, wie oft eine Formulierung „Gott, unser Vater und Jesus Christus, dem Herrn“ verwendet wird: 30 mal habe ich gezählt. Das war mir beim Lesen des Neuen Testaments auch schon oft aufgefallen. Hier ein Beispiel:

    An alle in Rom, die von Gott geliebt und zu Heiligen berufen sind. Ich wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, dem Herrn.

    Römer 1:7 NEÜ

    Man findet diese Formulierung noch nicht in den Evangelien und der Apostelgeschichte, aber danach in Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, 1. Thessalonicher, 2. Thessalonicher, 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus, Philemon, 1. Petrus, 2. Johannes .

    Die Formulierung Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“ wird mindestens 30 mal und in mindestens 14 Briefen verwendet.

    Sie unterscheidet klar zwischen „Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“, und nicht „Jesus Christus, dem Sohn“. Und der Heilige Geist wird nie erwähnt. Und nur vom Vater, wird gesagt, dass er Gott ist, bzw. von Gott, dass er unser Vater ist. Jesus wird nicht als Gott sondern Herr angesprochen.

    Ging es den Autoren damals vielleicht viel mehr um die Rollen als um so ein Konzept wie die Trinität? Gott ist unser Vater, wie es in Jesu Mustergebet steht. Aber Jesus ist jetzt unser Herr. Und spätestens seit Pfingsten hatten sie auch so ihre Erfahrungen mit dem heiligen Geist gemacht – und keiner ist auf die Idee gekommen, dass jetzt der Vater oder Herr irgendwie in ihnen ist, so wie sie Vater und Herr beschrieben.

    Kommen wir auf die Frage vom Anfang zurück: Ist das Neue Testament ein Lehrbuch, wie wir es heute kennen? Nein. Oder um es einmal mit viel Ironie zu sagen: Was für eine Schlamperei von Paulus, Petrus und Johannes! Warum verwirren sie uns mit dieser Formulierung? Oder wenn du die Verbalinspiration für richtig hältst: Warum macht Gott uns hier so durcheinander, indem er so oft die verschiedenen Formulierungen gebraucht, anstatt die Sache klar darzustellen?

    Hat es wie bei anderen Themen Zeit gebraucht, bis sie verstanden wurden? Vielleicht ist das Thema damals gar nicht so wichtig gewesen? Waren die zentralen Botschaften des Evangeliums nicht ganz andere? Vielleicht wäre es gut, in Anbetracht dessen sich zu überlegen, ob die Lehre der Trinität tatsächlich das zentrale Dogma ist – oder nicht doch das Evangelium?

    Zusammenfassung

    Der Kanon des Neuen Testaments enthält viele Texte mit Interpretationsspielraum. Aber enthält auch keine Definition der Trinität wie in vielen Glaubensbekenntnissen. Fasst man das Neue Testament als Lehrbuch auf, dann wird keine Form der Trinität – oder gegenteiligen Auffassungen – sonderlich gut darin erklärt. Du möchtest dem widersprechen? Dann schaue dir einmal irgendein Lehrbuch zu dem Thema an. Wenn da nicht eine klare Definition und deren Erläuterung und Begründung enthalten sind, würdest du so ein Lehrbuch kaufen?

    Das Neue Testament ist bei keinem Thema wie ein heutiges Lehrbuch aufgebaut. Und sollte es auch nicht sein.

    War das Thema Trinität zu kompliziert für das erste Jahrhundert? Oder war es einfach bestenfalls zweitrangig im Vergleich zur Kernbotschaft des Evangeliums?

    Die Geschichte zeigt, dass es ein paar Jahrhunderte dauerte, um die heute verbreitete Fassung der Trinität festzulegen. Über die Entwicklung der Lehre der Trinität gibt es sehr viel Literatur. Wenn du die Fakten aus der Sicht eines kritischen Historikers lesen willst und English kannst, ist dieses Buch aufschlußreich: Wie Jesus Gott wurde: Die Erhöhung eines jüdischen Predigers aus Galiläa. Das ist übrigens von Bart D. Ehrman, der mit Bruce Metzger viele über den Kanon und die Manuskripte des Neuen Testaments gearbeitet hat.

    Warum erwähne ich das? Weil es sehr aufschlußreich ist, zu lesen, wie die selben historischen Fakten, Manuskripte usw. auch anders interpretiert werden können. Wenn man die Fakten von beiden Seiten beleuchtet sieht, kann man sie besser einordnen und sich selbst eine Meinung bilden.


  • The Canon of the New Testament – Part 14: Interim Results

    The Canon of the New Testament – Part 14: Interim Results

    By Christian


    In the last 13 parts of this series on the canon of the New Testament, we have learned quite a lot of facts. Historical facts about the development of the canon and Christianity and those about the text and manuscripts themselves.

    Maybe you’ve already asked yourself these questions throughout this series. If not, I’m doing it now:

    • And what am I supposed to do with this?
    • Can I still believe that I can find God’s thoughts in the Bible?
    • Why do some people come to different conclusions? They are the same facts for everyone. Is there no objective answer?

    This brings us back to the idea that a personal evaluation is crucial here. This is not about personal preferences, like the favorite color. But rather the same as with the question: Is this picture beautiful? One says not unjustly: Beauty lies in the eye of the beholder. The question, which fits our theme, is more difficult: Is this picture good?

    Vincent van Gogh - Dr
    Vincent van Gogh „Portrait of Dr. Gachet“

    Can the question „Is this painting by van Gogh good?“ be answered simply? With yes or no? Already by this example we see that such a question does not make much sense. Should all the paintings in the world be divided into two groups, ‚good‘ and ‚bad‘?

    In the same way, the question of whether the Bible is true or false does not make sense.

    As for the question, „Is this painting by van Gogh good?“, you may think that there are objective criteria for that after all:

    • Finish (colors, details, technique)
    • Expression
    • Authenticity
    • Age of the picture
    • Artist
    • Conservation status
    • etc.

    Wait a minute, why is the age of a painting an objective criterion for whether it is good? Let’s compare millennia-old drawings in a cave with a similar-looking chalk drawing by children on the street. There is a huge difference, isn’t there? But this is a slightly different question: What is the value of this picture?

    And this is also the question that really interests us in relation to the Bible: What value does the Bible have for us?

    However, this also brings general and personal evaluation factors into play. In the case of the image, for example:

    • How important do you think the artist is?
    • How important (for you) is the state of preservation? Small damages, aging of colors, etc.
    • Do you still like the picture, even if it is not the original but an almost perfect copy?

    But you can of course also take the position that this picture must be valuable because it was sold in 1990 for 82.5 million US$ … This corresponds more or less to the thought that the Bible is valuable for one because first of all experts and secondly millions of others appreciate it. But since there are also experts and many millions of others who do not value the Bible at all, this does not necessarily help us.

    But why is it possible to come to completely different conclusions when the facts are the same?

    Facts and their Evaluation

    An example from another area of life helps us here. You want to buy a house. The notary tells you: I’ve already drawn up the contract, just sign it down here. Would you do that? At least you would want to read it through in peace. In the process, you discover a few things you don’t understand, and sometimes there seems to be something wrong with the text. When you ask, you find out: The seller has sent his text in several parts to his lawyer. To be more precise, there were even different versions. Unfortunately, a few errors occurred during the transfer to the notary and the transcription there. But the notary corrected this to the best of his knowledge and also changed a few other things that could not have been correct. Nothing essential, just a few small things. Would you sign now?

    Hardly anyone would do that with a contract. But when it comes to one’s own faith, life and hope for the future, that’s what many do with the Bible: sign blanketly. And even tend to be afraid of the facts we have considered so far, to ignore them or even deny them altogether. Why, in fact? Many other factors seem to play a greater role here than a rational evaluation of the facts.

    To stay with the analogy: If you have known the notary personally for a long time, as competent and absolutely trustworthy and his office works very reliably, then you will have no problems with checking the documents received and their revisions. And then this analogy is lame: you have to sign a contract completely or not at all. And perhaps this has also been an unconscious assumption of ours with regard to the Bible.

    The Facts

    So, as far as the Bible is concerned, the Old and New Testaments, we want to know how reliable our sources are for this or that text. And there, research, historical and biblical criticism, as we have seen, instead of unsettling, has brought certainties:

    The autographs are lost, but these and the copies were constantly read and used. Together with the oral tradition, Christians at the time of the first copies could still compare them.
    Of course, a certain uncertainty remains because we cannot check the condition of the first copies against manuscripts.

    There are about 5,800 Greek manuscripts and many thousands more in Latin and other languages. From the first four centuries, however, very few manuscripts have survived, and of these, very few are complete. There are early translations.

    There are probably over 400,000 discrepancies between the manuscripts of the New Testament, which itself has only 140,000 words. But most of them are spelling mistakes and can be eliminated this way.

    There are intentional changes: For good intentions, because marginal notes were thought to be original, for example. But there were also those with the intention of defending or preventing a certain doctrine. Much of this we know by now. Others will still lie dormant in the text as yet unrecognized. So we know that there may still be surprises. But the fact that a comparison of the texts is possible at all shows that there are also very great similarities.

    The canon of the New Testament consolidated itself only after about 300 years after a history full of trials and errors. Nothing speaks against the fact that God has influenced this process, even if the human hand can be seen only too well. What has remained, however, are writings that are convincing above all because of the quality of their content, especially in comparison with those that are not in the canon.

    If God inspired the text, it was by being the ultimate source. This often leaves room for formulation by the human author. And accordingly he may have supervised the work of those who revised, compiled and copied the texts. This was not done flawlessly – which was never promised – but well enough to serve the purpose.

    Looking at the Gospels, the writings of Paul, the other writings in the New Testament canon, writings that were not included in the canon, the writings of the church fathers and councils in chronological order, one can see how doctrines of Christianity first emerged or developed over the centuries.

    We have not yet dealt with the last point in this series. But this is only an ‚interim assessment‘.

    Let’s first look at some individual assessments of the facts listed.

    Individual Assessments

    Let’s take a look at some individual assessments and ask ourselves to what extent they are the result of facts, assumptions and personal assessments.

    Assessment 1

    „None of this is true. That was just invented to discredit the credibility of the Scriptures. For me, it is and remains all God’s Word.“

    Well, you can do it that way. But denying facts is not a very good strategy in life otherwise either. Could it be that the issue here is more that certain assumptions and assertions about the inspiration and infallibility of the Bible are crucial? Or because otherwise certain doctrines of faith could be shaken?

    Assessment 2

    Titus 1:2 says: „God who cannot lie“. If God cannot lie, nothing in the Bible can be false.

    This consideration contains some incorrect conclusions, but perhaps leads us to ignore this issue in the future. Also, it does not lead us to a stable foundation of faith.

    Assessment 3

    „He who lies once is not believed, even if he then speaks the truth“.

    If someone thinks this way and then learns that texts in the Bible have been proven to be modified, this can lead to the Bible as a whole being rejected. However, this presupposes that one may assume that the Bible must have been preserved without errors.

    Assessment 4

    A ‚holy scripture‘ must not contain errors or human influence.

    You can believe that and have it as a basic assumption. But it is not a law of nature, but a dogma of faith. However, it is unfortunately formulated too vaguely and leads to difficulties if one thinks about it.

    Let’s take the tablets with the 10 commandments (actually words … but that’s a different topic). Let’s assume you get them pressed into your hand by God. If there is written „you shall not murder“ and later „you shall murder“, then one could already doubt the divinity of this text. But if a corner were broken off on the tablet and some of the words were badly legible, would you give it back to God because you could not accept it as divine in that way? However, if you get the tablets a hundred years later, but unfortunately they are broken. And some words are damaged and two sentences are only half preserved and in one place something has been repaired … then you are in the situation we have been talking about in this series. And then you find out that this is not the Orinigal at all! But Mose had to go again … because he has smashed the original …

    By the way, the Bible often enough contains passages that express how the one who wrote it felt and thought. Is that not already a human influence? After all, God did not inspire the psalmist’s dejection in such a way that he could write it down as divine thoughts suitable for the holy scripture.

    Does the Bible contain logical contradictions or contradictory statements? We have not talked about that at all yet. And also the evaluation of the content can also lead to very different conclusions.

    Assessment 5

    „It would have been nice if we had perfect copies or even the autographs with a guarantee of authenticity. But that’s not the way it is. Let’s see what we can do best with it. With the text of the Bible, I take into account how assured the text is because of the manuscripts.“

    An idea or doctrine based on many texts is more reliable than something that occurs in only one text. If in this case the manuscripts also differ or there are differences to the context and the other texts, the reliability is rather low. One can live with this circumstance and take it into account.

    Uncertainties and Risks

    The personal weighting of facts therefore leads to very different results. With the same set of facts.

    However, it is not only a matter of evaluating facts that we know, but also uncertainties and thus risks. There is a gap between the earliest copies preserved to us and the autographs. Here, too, one can evaluate differently.

    • „Since I know nothing about that time, I assume that anything could have happened there and the New Testament was completely destroyed. I don’t trust it at all.“
    • „It is true that I cannot directly verify what happened in the time between the autographs and the earliest copies preserved to us. But indirectly one can make certain statements. We have learned from some autographs that they were still used for reading aloud for many decades. Gross errors in a copy would thus have been noticed. Textual criticism has revealed the differences. But with it also the equal parts. Many changes have been corrected. For other unclear differences, I rate the passage as not very reliable. There is a residual risk that other falsified texts will be found. But I think it is quite unlikely that a newly found manuscript will turn everything upside down. I take all that into account when I read the Bible.“

    Perhaps you are still waiting – or hoping – that I will make a conclusive, universal statement here about what you should think of the canon of the New Testament. Well, I hope it has become clear that there cannot be such one. In doing so, I would actually also be taking away from you the responsibility that everyone has for themselves. And so I end these ‚interim results‘ in the hope that you now have enough material to be able to make your personal assessment and position.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 14: Zwischenbilanz

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 14: Zwischenbilanz

    Von Christian


    In den letzten 13 Teilen dieser Serie über den Kanon des Neuen Testaments haben wir eine ganze Menge an Fakten kennengelernt. Historische Fakten über die Entwicklung des Kanons und des Christentums und solche über den Text und die Manuskripte selbst.

    Vielleicht hast du dir schon im Laufe dieser Serie diese Fragen gestellt. Wenn nicht, tue ich es jetzt:

    • Und was soll ich damit anfangen?
    • Kann ich überhaupt noch daran glauben, dass ich in der Bibel Gottes Gedanken finde?
    • Warum kommen manche zu unterschiedlichen Schlüssen? Es sind doch für alle die selben Fakten. Gibt es keine objektive Antwort?

    Damit sind wir wieder bei dem Gedanken, dass eine persönliche Bewertung hier entscheidend ist. Dabei geht es nicht um persönliche Vorlieben, wie die Lieblingsfarbe. Sondern eher um dasselbe wie bei der Frage: Ist dieses Bild schön? Man sagt ja nicht zu Unrecht: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die Frage, welche zunserem Thema passt, ist schwieriger: Ist dieses Bild gut?

    Vincent van Gogh - Dr
    Vincent van Gogh „Porträt des Dr. Gachet“

    Kann die Frage „Ist diese Bild von van Gogh gut?“ einfach beantwortet werden? Mit ja oder nein? Schon an diesem Beispiel sehen wir, dass eine solche Frage nicht viel Sinn macht. Sollten denn alle Bilder der Welt in die zwei Gruppen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ eingeteilt werden?

    Genauso wenig macht die Frage Sinn, ob die Bibel wahr oder falsch ist.

    Was die Frage betrifft, „Ist dieses Bild von van Gogh gut?“, magst du denken, dass es dafür doch objektive Kriterien gibt:

    • Ausführung (Farben, Details, Technik)
    • Ausdruck
    • Echtheit
    • Alter des Bildes
    • Künstler
    • Erhaltungszustand
    • usw.

    Moment mal, warum ist das Alter eines Bildes ein objektives Kriterium ob es gut ist? Vergleichen wir einmal Jahrtausende alte Zeichnungen in einer Höhle mit einer ähnlich aussehenden Kreidezeichnung von Kindern auf der Straße. Da besteht doch ein gewaltiger Unterschied, oder nicht? Es geht dabei allerdings um eine leicht andere Frage: Was ist dieses Bild wert?

    Und das ist auch die Frage, die uns in Bezug auf die Bibel wirklich interessiert: Welchen Wert hat die Bibel für uns?

    Damit kommen aber auch allgemeine und persönliche Bewertungsfaktoren ins Spiel. Beim Bild zum Beispiel:

    • Für wie bedeutend hält man bzw. hältst du den Künstler?
    • Wie wichtig ist (für dich) der Erhaltungszustand? Kleine Beschädigungen, Alterung der Farben, usw.
    • Gefällt dir das Bild immer noch, auch wenn es nicht das Original sondern eine fast perfekte Kopie ist?

    Du kannst dich aber natürlich auch auf den Standpunkt stellen, dass dieses Bild wertvoll sein muss, weil es 1990 für 82,5 Millionen US$ verkauft wurde … Das entspricht in etwa dem Gedanken, dass die Bibel für einen wertvoll ist, weil erstens Experten und zweitens Millionen anderer sie schätzen. Da es nun aber auch Experten und viele Millionen anderer es gibt, welche die Bibel überhaupt nicht schätzen, hilft uns das auch nicht unbedingt weiter.

    Mit dem Kanon des Neuen Testaments sollten wir also besser selbst die objektiven Kriterien gut kennen. Das haben wir in dieser Serie gemacht. Und uns dann bewusst werden, wie wir diese subjektiv, persönlich bewerten. Das ist nämlich der Schlüssel zu der Beobachtung, dass bei gleicher Faktenlage Menschen zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nehmen wir nur einmal zwei Personen, denen wir im Laufe dieser Serie begegnet sind: Die beiden Gelehrten Bruce M. Metzger und Bart. D. Ehrmann. Beide haben zum Kanon des Neuen Testaments gearbeitet, Ehrmann hat bei Metzger seine Doktorarbeit geschrieben. Während man in Metzgers Buch lesen kann, wie menschlicher und göttlicher Einfluß bei der Entstehung des Kanons zusammengewirkt haben, sieht sich Ehrmann heute nicht einmal mehr als Christ. Je mehr er die Unterschiede und Änderungen in den Manuskripten studiert hat, desto weniger war er von ihnen überzeugt.

    Aber warum kann man bei gleicher Faktenlage zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen?

    Fakten und ihre Bewertung

    Da hilft uns ein Beispiel aus einem anderen Bereich des Lebens. Du möchtest ein Haus kaufen. Der Notar sagt dir: Ich habe den Vertrag schon fertig gestellt, einfach hier unten unterschreiben. Würdest du das tun? Zumindest würdest du ihn in Ruhe durchlesen wollen. Dabei stellst du ein paar Dinge fest, die du nicht verstehst und mit dem Text scheint auch manchmal etwas nicht zu stimmen. Auf Nachfrage erfährst du: Der Verkäufer hat seinen Text in mehreren Teilen an seinen Rechtsanwalt geschickt. Genauer gesagt lagen sogar verschiedene Versionen vor. Bei der Übertragung zum Notar und der Abschrift dort sind dann leider noch ein paar Fehler aufgetreten. Aber der Notar hat das nach bestem Wissen korrigiert und auch sonst ein paar Dinge geändert, die so nicht richtig gewesen sein konnten. Nichts Wesentliches, nur ein paar Kleinigkeiten. Würdest du jetzt unterschreiben?

    Bei einem Vertrag wird das wohl kaum einer tun. Aber wenn es um den eigenen Glauben, dein Leben und deine Zukunftshoffnung geht, machen viele das mit der Bibel: Pauschal unterschreiben. Und neigen sogar dazu, vor den Fakten, die wir bisher betrachtet haben, Angst zu haben, sie zu ignorieren oder sogar ganz zu leugnen. Warum eigentlich? Hier scheinen viele andere Faktoren eine größere Rolle zu spielen als eine rationale Bewertung der Fakten.

    Um bei dem Vergleich zu bleiben: Wenn du den Notar schon lange persönlich, als kompetent und absolut vertrauenswürdig kennst und seine Kanzlei sehr zuverlässig arbeitet, dann wirst du doch keine Probleme damit haben, die erhaltenen Dokumente und deren Überarbeitungen zu überprüfen. Und dann hinkt dieser Vergleich: Einen Vetrag musst du ganz oder gar nicht unterschreiben. Und vielleicht ist das in Bezug auf die Bibel auch eine unbewusste Annahme von uns gewesen.

    Es sind also oft die Annahmen, die wir zu einem Thema bewusst oder unbewusst haben, welche eine sehr wichtige Rolle bei der persönlichen Reaktion auf Fakten spielen. Fassen wir diese zunächst einmal zusammen.

    Die Fakten

    Was die Bibel, das Alte und Neue Testament betrifft, wollen wir also wissen, wie zuverlässig unsere Quellen für diesen oder jenen Text sind. Und da hat die Forschung, die historische und die Bibelkritik, wie wir gesehen haben, anstatt zu verunsichern, Gewissheiten gebracht:

    Die Autographen sind zwar verloren, aber diese und die Kopien wurden ständig verlesen und gebraucht. Zusammen mit der mündlichen Überlieferung konnten die Christen zur Zeit der ersten Kopien diese noch vergleichen.
    Natürlich bleibt eine bestimmte Ungewissheit, weil wir den Zustand der ersten Kopien nicht anhand von Mansukripten überprüfen können.

    Es gibt etwa 5.800 griechiche Manuskripte und viele weitere Tausende in Latein und anderen Sprachen. Aus den ersten vier Jahrhunderte sind aber nur sehr wenige Manuskripte und davon nur sehr wenige vollständige erhalten geblieben. Es gibt schon früh Übersetzungen.

    Es gibt wohl über 400.000 Abweichungen zwischen den Manuskripten des Neuen Testamants, das selbst nur 140.000 Wörter hat. Aber die meisten sind Schreibfehler und können so eleminiert werden.

    Es gibt absichtliche Veränderungen: Aus guter Absicht, weil man Randnotizen für original hielt zum Beispiel. Aber es gab auch solche mit der Absicht, eine bestimmte Lehre zu verteidigen oder verhindern. Viele davon kennen wir mittlerweile. Andere werden noch im Text bisher unerkannt schlummern. Wir wissen also, dass es noch Überraschungen geben kann. Die Tatsache, dass ein Textvergleich überhaupt möglich ist, zeigt aber, dass es auch sehr große Übereinstimmungen gibt.

    Der Kanon des Neuen Testaments festigte sich erst nach rund 300 Jahren nach einer Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Nichts spricht dagegen, dass Gott diesen Prozess beeinflußt hat, auch wenn die menschliche Hand nur zu gut zu sehen ist. Geblieben aber sind Schriften, die vor allem wegen der Qualität ihres Inhalts überzeugen, besondern im Vergleich zu denen, die nicht im Kanon sind.

    Wenn Gott den Text inspiriert hat, dann so, indem er die ultimative Quelle ist. Das läßt oft Raum für Formulierungen durch den menschlichen Autor. Und entsprechend kann er auch die Arbeit derjenigen überwacht haben, welche die Texte überarbeitet, zusammengestellt und kopiert haben. Das geschah nicht fehlerfrei – was auch nie zugesagt wurde –, aber gut genug, um den Zweck zu erfüllen.

    Betrachtet man die Evangelien, die Schriften des Paulus, die anderen Schriften im Kanon des Neuen Testaments, Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, die Schriften der Kirchenväter und Konzile in zeitlicher Reihenfolge, kann man erkennen, wie Lehren des Christentums über die Jahrhunderte erst entstanden oder entwickelt wurden.

    Mit dem letzten Punkt haben wir uns in dieser Serie bisher noch nicht beschäftigt. Aber dies ist ja auch erst eine ‚Zwischenbilanz‘.

    Betrachten wir zuerst einmal einige individuelle Bewertungen der aufgeführten Fakten.

    Individuelle Bewertungen

    Lass uns einmal ein paar individuelle Bewertungen betrachten und uns dabei fragen, inwieweit sie das Ergebniss von Fakten, Annahmen und persönlichen Bewertungen sind.

    Bewertung 1

    „Das stimmt alles nicht. Das wurde nur erfunden, um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift in Misskredit zu bringen. Für mich ist und bleibt das alles Gottes Wort.”

    Gut. Kann man so machen. Das Leugnen von Fakten ist aber auch sonst im Leben keine besonders gute Strategie. Könnte es sein, dass es hier mehr darum geht, dass bestimmte Annahmen und Behauptungen zur Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel ausschlaggebend sind? Oder weil sonst gewisse Glaubenslehren ins Wanken kommen könnten?

    Bewertung 2

    In Titus 1:2 steht: „Gott, der nicht lügen kann”. Wenn Gott nicht lügen kann, kann in der Bibel auch nichts Falsches stehen.

    Diese Überlegung beinhaltet einige inkorrekte Schlussfolgerungen, führt aber vielleicht dazu, dieses Thema in Zukunft zu ignorieren. Das führt uns auch nicht zu einem stabilen Fundament des Glaubens.

    Bewertung 3

    „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann, die Wahrheit spricht“.

    Wenn jemand so denkt und dann erfährt, dass Texte in der Bibel gefälscht wurden, kann das dazu führen, dass die Bibel als Ganzes abgelehnt wird. Setzt aber voraus, dass man davon ausgehen darf, dass die Bibel fehlerfrei erhalten sein muss.

    Bewertung 4

    Eine ‚heilige Schrift‘ darf keine Fehler oder menschlichen Einfluß enthalten.

    Das kann man so glauben und als Grundannahme haben. Es ist aber kein Naturgesetz, sondern ein Glaubensdogma. Es ist aber leider zu unscharf formuliert und führt zu Schwierigkeiten, wenn man darüber nachdenkt.

    Nehmen wir die Tafeln mit den 10 Geboten (eigentlich Wörtern … anderes Thema). Nehmen wir an, du bekommst sie von Gott in die Hand gedrückt. Wenn dort steht „du sollst nicht morden“ und später „du sollst morden“, dann könnte man schon an der Göttlichkeit dieses Textes zweifeln. Wäre aber an der Tafel eine Ecke abgebrochen und ein Teil der Wörter schlecht lesbar, würdest du es Gott zurückgeben, weil du das so nicht als göttlich akzeptieren kannst? Wenn du jedoch einhundert Jahre später die Tafeln bekommst, die aber leider zerbrochen sind. Und manche Wörter sind beschädigt und zwei Sätze sind nur halb erhalten und an einer Stelle ist etwas repariert worden … dann bist du in der Situation über die wir in dieser Serie gesprochen haben. Und dann erfährst du noch, dass das gar nicht das Orinigal ist! Sondern Mose musste nochmal .. weil er das Original zertrümmert hat …

    Übrigens enthält die Bibel oft genug Passagen, in denen ausgedrückt wird, wie derjenige fühlte und dachte, der es schrieb. Ist das nicht schon ein menschlicher Einfluß? Gott hat dem Psalmisten ja nicht seine Niedergeschlagenheit so inspiriert, dass er es für die heilige Schrift passend als göttliche Gedanken aufschreiben konnte.

    Enthält die Bibel logische Widersprüche oder widersprüchliche Aussagen? Darüber haben wir überhaupt noch nicht gesprochen. Und auch die Bewertung des Inhalts kann auch zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen.

    Bewertung 5

    „Es wäre ja schön gewesen, wenn wir perfekte Kopien hätten oder sogar die Autographen mit Echtheitsgarantie. Aber so ist es nun einmal nicht. Sehen wir, was wir am Besten daraus machen können. Beim Text der Bibel berücksichtige ich, wie gesichert der Text aufgrund der Manuskripte ist.“

    Ein Gedanke oder eine Lehre, die auf vielen Texten beruht, ist zuverlässiger als etwas, was nur in einem Text vorkommt. Falls in diesem Fall sich die Manuskripte auch noch unterscheiden oder es Unterschiede zum Kontext und den anderen Texten gibt, ist die Zuverlässigkeit eher gering. Mit diesem Umstand kann man leben und ihn berücksichtigen.

    Ungewissheiten und Risiken

    Die persönliche Gewichtung von Fakten führt also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Bei gleicher Faktenlage.

    Es geht aber nicht nur um die Bewertung von Fakten, die wir kennen, sondern auch um Ungewissheiten und damit Risiken. Es gibt eine Lücke zwischen den frühesten uns erhaltenen Kopien und den Autographen. Auch hier kann man unterschiedlich bewerten.

    • „Da ich über diese Zeit nichts weiß, gehe ich davon aus, dass dort alles Mögliche passiert sein kann und das Neue Testament völlig zerstört wurde. Ich traue der Sache gar nicht.“
    • „Ich kann zwar nicht direkt überprüfen, was in der Zeit zwischen den Autographen und den frühesten uns erhaltenen Kopien passiert ist. Aber indirekt kann man gewisse Aussagen machen. Von einigen Autographen haben wir erfahren, dass sie noch viele Jahrzehnte zum Vorlesen verwendet wurden. Grobe Fehler in einer Kopie wären also aufgefallen. Die Textkritik hat die Unterschiede aufgezeigt. Aber damit auch die Gleichteile. Viele Veränderungen sind korrigiert. Bei anderen unklaren Unterschieden bewerte ich die Passage als nicht sehr zuverlässig. Es gibt ein Restrisiko, dass weitere verfälschte Texte gefunden werden. Aber dass ein neu gefundenes Manuskript alles auf den Kopf stellt, halte ich für unwahrscheinlich. All das berücksichtige ich, wenn ich in der Bibel lese.“

    Vielleicht wartest du immer noch darauf – oder hoffst darauf – dass ich hier eine abschließende, allgemeingültige Aussagbe treffe, was du von dem Kanon des Neuen Testaments halten sollst. Nun, ich hoffe, es ist klar geworden, dass es die nicht geben kann. Damit würde ich dir eigentlich auch die Verantwortung, die jeder selbst hat, abnehmen. Und so beende ich diese ‚Zwischenbilanz‘ in der Hoffnung, dass du nun genügend Material hast, um deine persönliche Bewertung und Position finden zu können.

  • The Canon of the New Testament – Part 13: Marcion and Other Vanished Christians

    The Canon of the New Testament – Part 13: Marcion and Other Vanished Christians

    By Christian


    Rome, late July 144 A.D. „The clergy of the Christian community at Rome is holding a hearing. A very distinguished member of the congregation named Marcion stands before the presbyteries to present to them his teaching of the gospel, with the purpose of convincing the elders.

    But what he now presented to the presbyters was so outrageous that it left his listeners speechless. The event ended with a strident rejection of Marcion’s views. He was formally excommunicated.“ (Bruce M. Metzger, The Canon of the New Testament (German), p. 96)

    Jehovah’s Witnesses may think of their legal committees, the disfellowshipping, and the shunning and ostracizing of such an apostate. But there are many differences. One in particular: „He had been a member of one of the Roman churches for a number of years and had demonstrated his orthodoxy by substantial financial contributions. No doubt he was a respected church member. … But then he was formally excommunicated and his monetary contributions were returned to him.“ (Metzger, p. 96) This has probably never been experienced by any Jehovah’s Witnesses. We would certainly have been happy to have our donations refunded when we officially left the religious community of Jehovah’s Witnesses. But that is another topic …

    The Doctrine of Marcion

    What doctrine then did Marcion present that provoked such a reaction? Marcion wrote only one work, the Antitheses. It has not survived to us, which is only too understandable in the case of a book so dangerous to the Church. We do know, however, that for a long time these thoughts were one of the strongest movements in Christianity and were fiercely opposed. Tertullian wrote „Five Books against Marcion“. And this was already his second, more detailed work! So it seems that there was something to Marcion’s teaching, if such an effort was necessary to prove that it was heretical – or maybe we should better say: not orthodox.

    Thus, if the rebuttals are already so extensive, it is not possible to explain the doctrine adequately in a few sentences. Whoever wants to know more is referred to the monumental work (640 pages) of the scholar Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott (Marcion, the Gospel of the Strange God).

    Nachdruck von Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, Adolf von Harnack, 1921

    Or from more recent times Barbara Aland Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009. However, since we do not primarily want to analyze his teaching itself here, but what impact he had on the canon of the New Testament, we will start with a few statements by Paul.

    Paul, an apostle (not sent from men nor through human agency, but through Jesus Christ and God the Father, who raised Him from the dead),

    But when He who had set me apart even from my mother’s womb and called me through His grace was pleased

    For I would have you know, brothers and sisters, that the gospel which was preached by me is not of human invention. For I neither received it from man, nor was I taught it, but I received it through a revelation of Jesus Christ.

    …, I did not immediately consult with flesh and blood, nor did I go up to Jerusalem to those who were apostles before me; but I went away to Arabia, and returned once more to Damascus

    But from those who were of considerable repute (what they were makes no difference to me; God shows no favoritism)—well, those who were of repute contributed nothing to me. But on the contrary, seeing that I had been entrusted with the gospel to the uncircumcised, just as Peter had been to the circumcised (for He who was at work for Peter in his apostleship to the circumcised was at work for me also to the Gentiles), and recognizing the grace that had been given to me, James and Cephas and John, who were reputed to be pillars, gave to me and Barnabas the right hand of fellowship, so that we might go to the Gentiles, and they to the circumcised.

    But when Cephas came to Antioch, I opposed him to his face, because he stood condemned.

    Why the Law then? It was added on account of the violations, having been ordered through angels at the hand of a mediator, until the Seed would come to whom the promise had been made.

    You have been severed from Christ, you who are seeking to be justified by the Law; you have fallen from grace.

    So then, as through one offense the result was condemnation to all mankind, so also through one act of righteousness the result was justification of life to all mankind.

    Galatians 1:1,15,11,12,16,17 NASB; Galatians 2:6-9 NASB; Galatians 2:11; 3:19; 5:4 NASB; Romans 5:18 NASB

    What beliefs does Paul convey here about himself and the gospel?

    • Paul became an apostle directly from Jesus Christ Himself and God the Father.
      The other apostles were chosen by Jesus.
    • He was even chosen by God in his mother’s womb.
      None of the other apostles can say that about themselves and never did.
    • He received the gospel by revelation from Jesus Christ.
      He does not mention any gospels or reports of the other apostles as a source.
    • On the contrary, it did not consider it necessary to consult the apostles appointed before it in Jerusalem, as if it were only the advice of men.
    • The respected ones whose reputation he considers unimportant, the apostles and elders, the ‚pillars‘ of the church in Jerusalem, had nothing new for him.
    • He was entrusted with the gospel for the Gentiles. They agreed with this.
    • Paul even had to confront Peter publicly.
    • The law is there to make sin and transgression visible. The contrast to this is grace through Christ. At least that is how it can be interpreted.
    • Life comes only through the sacrificial death of Jesus.

    Let us compare this with essential elements of Marcion’s thoughts and teachings, as far as they can be reconstructed from the writings of his opponents (I simplify here, but otherwise it will be a very long text or video):

    • Paul is the only true apostle, because only he truly understood the Gospel.
    • The other apostles fell back into the old Jewish thinking or never fully understood the true gospel.
    • The Old Testament with the law and its just, punishing God stands in contrast to the loving God and Jesus Christ and their redemption through grace.
    • Therefore, the Old Testament is no longer important for the believers, but only the Gospel.

    The importance of Paul as an apostle and of the gospel as he preached it is not only emphasized but consistently developed – in some cases even radically developed. But it is interesting that many Christians today think pretty much the same way, isn’t it? „You just have to believe in Jesus, and then you’re saved.“, „Jesus loves you.“, „Love is the most important thing.“ „The Old Testament is not that important to us today.“ Although the church bitterly fought Marcion and his movement, it seems to me that today quite a few are again some kind of Marcionists.

    However, I have not yet mentioned a central point in Marcion’s theology. Here he develops the Pauline thoughts to the last consequence. If there is such a difference between the Mosaic law and the love of the Christ, if the God of the Old Testament is just but also cruel, but in the Gospel is described as God of love, who is completely love, then YHWH from the Jewish Bible and the God of the Gospel cannot be the same! It must be a God unknown to us so far! The God of the Old Testament, of the Jewish Bible, the creator God of this sinful, unjust world, he called him the Demiurge, from ancient Greek δημιουργεῖν ‚to create‘. He, who in the Jewish Bible calls himself YHWH, is the lower God of the Law, the punishing one. A law that existed only to show the faultiness and sin of man and creation. Therefore, we did not know the highest God at all until now. He is a God full of love and goodness and he sent Jesus as his messenger. He is the Redeemer God who is far above the evil Creator God of the Law. The Creator God condemns us to death, the Redeemer God gives us life!

    We may not be comfortable with the separation into two deities. But isn’t this how many people distinguish the God of the OT and the NT? So even today many see a contrast here and solve it in a surprisingly similar way. And in fact many theological concepts of Marcion were later incorporated into the teachings of the Church. Let us not forget that after his excommunication many churches joined his teachings and became one of the most important movements of Christianity.

    Considering that the disputes on the subject of LAW were already current at the time of Paul and the relationship of Jesus‘ disciples to Judaism was constantly developing, he might have gotten away with it for a while (I am speculating now). But one thing was a logical consequence for him, which was certainly decisive: The messenger of the Redeemer God was good through and through and full of love and therefore could only be divine. He could have nothing human about him, because humans are part of the creation and therefore the imperfect work of the Demiurg. Humans cannot free themselves from evil and the law by themselves. Therefore, it only appeared as if the Son of God had become a man. He was also not the Messiah foretold in the OT. This, of course, was the terrible heresy of Docetism, which was fought just as vehemently by the church. This was already recorded between the first and second century:

    I say this because many deceivers, who do not acknowledge Jesus Christ as coming in the flesh, have gone out into the world. Any such person is the deceiver and the antichrist.

    2. John 1:7 NIV

    The problem with the nature of Jesus Christ, as we have already seen, has occupied many and only one of several movements has survived. Marcion’s work, however, had another interesting influence.

    How did Marcion influence the development of the canon?

    Marcion was convinced that only Paul had received the real gospel directly from God and Christ and that the other apostles had not understood it and had even mixed it with thoughts from the Jewish Bible. Hearing Paul say this in Galatians and other letters, it does not sound so different. In fact, however, Paul’s letters and his theology were not at all as determinative in parts of the church as they still were in the middle of the first century. Marcion therefore wanted to restore the true gospel. Even in his time there were already different gospels, with different representations, and different copies and traditions – not to mention the Apocrypha. He therefore chose Luke’s Gospel as the only true one, and purged it of ‚errors‘. We had also seen in this series many examples of copyists deliberately changing the text to support or prevent a particular teaching. Marcion felt that even writings of Paul were so ‚corrupted‘ and set up a collection of corrected writings. Therefore, important scholars believe that Marcion was thus the first to establish a canon of Christian writings! This heretic, of all people! In fact, his work definitely helped to accelerate the development of the canon of the New Testament as we know it.

    In summary, therefore, I would like to quote from Adolf von Harnack’s work (p. 262ff, German from 1921). Note: Soteriology is the doctrine of man’s redemption in the Christian context. I hope, the translation is somewhat ok, because it’s written in complex German of the 19th century!

    Not only by the fact that all these pieces appear earlier in Marcion than in the great Church, the causal priority of this single man is proved, but even more surely by the observations (see Supplements III and IV) how strongly the Marcionite Bible as such and also through its text has influenced the Catholic one. Above all, the powerful penetration of the Marcionite prologues to the Pauline Epistles into the Latin Bible of the Church speaks the most eloquent language here. How often must the Marcionite collection of letters have come into the hands of Catholics and remained unrecognized at first! For decades copies of Paul’s letters were missing in the Catholic churches. But also the obvious fact that Irenaeus, the founder of the soteriological church doctrine, as well as Tertullian and Origen developed their biblical doctrines about goodness and justice, about gospel and law, about the Creator God and the Redeemer God etc. in the struggle against Marcion and learned from him in the process, is of highest importance. Finally – through Marcion also for the great church Paul has been reawakened, whom e.g. a teacher like Justin had already completely pushed aside and the Roman Christian Hermas had completely ignored. Above all, however, the position of the great Christianity towards the OT has become a considerably different one than before as a result of the confrontation with Marcion. Before, the danger was burning that one recognized the OT as the Christian document, partly explained literally, partly allegorically, and was content with it; now, although this danger was still not finally eliminated and a satisfactory clarity was not established, the judgment that in the OT „the ore still lies in the pits“ and that it is the legisdatio in servitutem as opposed to the New Testament legisdatio in libertatem, nevertheless created room and prestige for itself. Yes, we now hear statements about the OT from outstanding church scholars that go even beyond Paul. The church owes this to Marcion.

    If one adds that only after Marcion the purposeful work began in the great Christianity to bring about the holy church, the bride of Christ, the spiritual Eve, the aeon beyond from heaven and to unite the congregations on earth to an actual community and unity on the basis of a firm doctrine rooted in the NT, as he did, then it is proven that Marcion gave the decisive impulse for the creation of the Old Catholic Church by his organizational and theological conceptions and by his work and provided the model. He is also credited with having first conceived and first realized the idea of a canonical collection of Christian writings, the New Testament. Finally, he was also the first in the Church to make Paul’s soteriology the center of doctrine, while the ecclesiastical apologists beside him based Christian doctrine on cosmology.

    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245ff
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 246
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 247

    What were the movements among Christ’s disciples?

    Having recognized that even a Christian movement that did not survive had an influence on the scriptures and the canon, the question arises whether there were others like it.

    First of all, Jesus and the disciples lived in Judaism during the Second Temple period. At that time there were the movements of Pharisees, Sadducees, Essenes, Zealots and others. The disciples came from or were close to these groups, probably except for the Sadducees, the priestly-aristocratic upper class. Paul had been a Pharisee, and Simon the Zealot may have been a Zealot. But the influence of the Essenes, who were expecting the Messiah, should not be ignored either. It is interesting to note that of these, essentially only the Pharisees survived after the destruction of Jerusalem in 70 AD.

    Then the ‚Gentiles‘, i.e. people who were not Jews, also came. Some of them were also ‚God-fearers‘, i.e. Gentiles who already sympathized with Judaism. The destruction of the temple in Jerusalem in 70 AD was of course a drastic event. Essentially, the movements among the Christians can be divided into three directions:

    • Jewish Christians
      • Nazarene (Wikipedia, Nazarene)
        They continued to consider keeping the law important and saw Jesus as a prophet. Unlike the Ebionites, however, they accepted the virgin birth. In the patronistic period and the church fathers they were known and their point of view was discussed
      • Ebioniten (Wikipedia, Ebionites)
        Whether they gave themselves this designation, ‚the poor‘, is unknown. But they tried, like Jesus‘ first disciples, to give up everything. For them, to be a disciple of Jesus, one had to be a Jew in any case. For them, Christ did not live before he lived on earth. He was only a man whom God adopted and gave a special position because of his righteousness. They also rejected Paul’s theology.
        Therefore, for the pre-orthodox Christians, they were heretics who had to be fought. That is why especially the position that Jesus was only a man was fought. And as we have seen, that is why they sometimes changed the text of the scriptures.
    • Pauline Christians
      Christians whose theolgy was based on the writings and teachings of Paul.
    • Gnostic Christians
      This was not a unified group, but there were many different directions.
      For them, the material world was fundamentally bad and all that mattered was a spiritual world. Well, there seems to be some of this idea left.
      The gnostic groups thought that they possessed ‚gnosis‘, ‚knowledge‘, this secret knowledge of the spiritual world and that this was the key to salvation.

    Between 180 and 313 AD, the ‚great church‘ prevailed, which further developed Paul’s theology and contradicted all others in their writings. As a result, their points of view – or arguments to the contrary – entered into the texts and teachings of the church. In a way, a creed was formed which defended itself against all these other ideas.

    313 AD is an important date because there, in the Edict of Milan, Christians were granted legal status throughout the Roman Empire. Then in 325 CE, Emperor Constantine converted and the first Council of Nicaea took place. There a uniform confession of faith was to be created, which was then finally the confession of Nicaea (Nicene Creed).

    However, the claimed consubstantiality of God the Father and God the Son was rejected by many. Arius and his followers were called Arians (Wikipedia). The dispute with this group shaped not only the creed, but also the selection of writings for the canon and sometimes the text itself: Let us only think back to the Comma Johanneum or the other modified texts. When the leading movement, which stood behind the confession of Nicaea, then became the state religion by Emperor Theodosius in 380 AD, it finally prevailed.

    These examples may suffice to show that the selection of the writings, the development of the canon and the writings themselves were not implemented in a straight line according to a plan step by step, but emerged over centuries. And that the influence of the other movements in Christianity, which have disappeared, should not be overlooked.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen

    Von Christian


    Rom, Ende Juli 144 n. Chr. „Der Klerus der christlichen Gemeinde zu Rom hält eine Anhörung ab. Ein sehr angesehenes Gemeindemitglied namens Marcion steht vor den Presbyterien, um ihnen seine Lehre des Evangeliums zu darzulegen, mit dem Ziel, die Ältesten zu überzeugen.

    Aber das, was er jetzt den Presbytern vortrug, was so ungeheuerlich, daß es seinen Zuhörern die Sprache verschlug. Die Veranstaltung endet mit einer schroffen Ablehnung der Ansichten Marcions. Er wurde förmlich exkommuniziert.“ (Bruce M. Metzger, Der Kanon des Neuen Testaments, S. 96)

    Jehovas Zeugen denken dabei vielleicht an ihre Rechtskomittees, den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und Ausgrenzen so eines Abtrünnigen. Es gibt da aber viele Unterschiede. Vor allem einer: „Er war schon einige Jahre Mitglied einer der römischen Kirchen und hatte seine Rechtgläubigkeit durch umfangreiche finanzielle Zuwendungen unter Beweis gestellt. Zweifellos war er ein angesehenes Gemeindemitglied. … Doch dann wurde er förmlich exkommuniziert und seine Geldzuwendungen wurden ihm zurück erstattet.“ (Metzger, S. 96) Das hat wohl noch niemand bei den Zeugen Jehovas erlebt. Wir hätten uns gewiss bei unserem amtlichen Austritt aus der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas über eine Rückerstattung unserer Spenden gefreut. Aber das ist ein anders Thema …

    Die Lehre des Marcion

    Welche Lehre hat denn Marcion vorgetragen, die eine solche Reaktion auslöste? Marcion schrieb nur ein einziges Werk, die Antithesen. Es ist uns nicht erhalten geblieben, was bei einem für die Kirche so gefährlichen Buch nur zu verständlich ist. Wir wissen aber, dass diese Gedanken lange Zeit eine der stärksten Strömungen im Christentum waren und auf heftigste bekämpft wurden. Tertullian schrieb »Fünf Bücher gegen Marcion«. Und das war schon sein zweites, ausführlicheres Werk! Irgendetwas scheint also doch an der Lehre Marcions dran gewesen zu sein, wenn so ein Aufwand notwendig war, um zu beweisen, dass sie häretisch war – oder sollten wir vielleicht besser sagen: Nicht orthodox.

    Wenn also schon die Entgegnungen so umfangreich sind, kann man die Lehre auch nicht in wenigen Sätzen angemessen erklären. Wer mehr wissen möchte, der sei auf das monumentale Werk (640 Seiten) des Gelehrten Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott

    Nachdruck von Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, Adolf von Harnack, 1921

    Oder aus neuerer Zeit Barbara Aland Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009. Da wir hier aber primär nicht sein Lehre selbst analysieren wollen, sondern welche Auswirkungen er auf den Kanon des Neuen Testaments hatte, fangen wir mit ein paar Aussagen von Paulus an.

    Es schreibt Paulus, ein Apostel, der nicht von Menschen gesandt oder durch einen Menschen zum Apostel gemacht wurde, sondern durch Jesus Christus selbst und durch Gott, den Vater, der Jesus aus den Toten auferweckt hat.

    Aber Gott hatte mich schon im Mutterleib ausgewählt und in seiner Gnade berufen.

    Es muss euch klar sein, meine Brüder: Das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, ist kein Menschenwort. Ich habe es nicht von Menschen empfangen oder gelernt, sondern ich erhielt es durch Offenbarung von Jesus Christus.

    … habe ich nicht erst Menschen um Rat gefragt. Ich reiste nicht einmal zu denen nach Jerusalem, die schon vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.

    Von Seiten der Angesehenen aber, von denen, die etwas zu sein scheinen – was sie einst waren, spielt für mich keine Rolle, bei Gott gibt es kein Ansehen der Person … Mir jedenfalls haben die Angesehenen nichts auferlegt [wörtlich mir nichts Neues gegeben], im Gegenteil: Als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist so wie dem Petrus dasjenige für die Beschnittenen – der nämlich, der an Petrus gewirkt hat, um ihn zum Apostel der Beschnittenen zu machen, hat auch an mir gewirkt, um mich zu den Heiden zu senden -, und als sie die Gnade erkannten, die mir geschenkt war, da gaben Jakobus und Kefas und Johannes, die Angesehenen, die als ‚Säulen‘ gelten, mir und Barnabas die rechte Hand zum Zeichen ihres Einverständnisses: Wir sollten zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen

    Als dann aber Kephas nach Antiochia kam, musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er durch sein Verhalten im Unrecht war.

    Aber was für einen Sinn hat dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt, um die Gesetzesübertretungen sichtbar zu machen, und zwar so lange, bis der Nachkomme käme, dem das Versprechen galt.

    Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren.

    So wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, so bringt eine einzige Tat, die Gottes Rechtsforderung erfüllte, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben.

    Galater 1:1,15,11,12,16,17 Neue Evangelistische Übersetzung; Galater 2:6-9 Züricher; Galater 2:11; 3:19; 5:4 NEÜ; Römer 5:18 NEÜ

    Welche Überzeugung vermittelt hier Paulus von sich und dem Evangelium?

    • Paulus wurde direkt von Jesus Christus selbst und Gott, dem Vater zum Apostel.
      Die anderen Apostel wurde von Jesus ausgewählt.
    • Er wurde sogar schon im Mutterleib von Gott ausgewählt.
      Das kann kein einziger der anderen Apostel von sich sagen und sagte es auch nie.
    • Er erhielt das Evangelium durch Offenbarung von Jesus Christus.
      Als Quelle erwähnt er keine Evangelien oder Berichte der anderen Apostel.
    • Im Gegenteil: Es hielt es nicht für nötig, die vor ihm ernannten Apostel in Jerusalem zu Rate zu ziehen, als wäre es nur Rat von Menschen.
    • Die Angesehenen, deren Ansehen er für unwichtig hält, die Apostel und Ältesten, die ‚Säulen‘ der Gemeinde in Jerusalem, hatten für ihn nichts Neues.
    • Ihm wurde das Evangelium für die Heiden anvertraut. Damit waren sie einverstanden.
    • Paulus musste sogar Petrus öffentlich zur Rede stellen.
    • Das Gesetz ist dazu da, die Sünde und Übertretung sichtbar zu machen. Der Gegensatz dazu ist die Gnade durch Christus. Zumindest kann man das so interpretieren.
    • Leben kommt nur durch den Opfertod Jesu.

    Vergleichen wir das einmal mit wesentlichen Elementen der Gedanken und Lehren Marcions, soweit sie sich aus den Schriften seiner Gegner rekonstruieren lassen (ich vereinfache hier, aber sonst wird es ein sehr langer Text bzw. Video):

    • Paulus ist der einzig wahre Apostel, denn nur er hat das Evanglium wirklich verstanden.
    • Die anderen Apostel sind in das alten jüdische Denken zurückgefallen oder haben das wahre Evangelium nie ganz verstanden.
    • Das Alte Testament mit dem Gesetz und seinem gerechten, strafenden Gott steht ihm Gegensatz zu dem liebevollen Gott und Jesus Christus und deren Erlösung durch Gnade.
    • Das Alte Testemant ist für die Gläubigen daher nicht mehr wichtig, sondern nur das Evanglium.

    Die Bedeutung des Paulus als Apostel und des Evangeliums, wie er es predigte, wird nicht nur hervorgehoben sondern konsequent weiterentwickelt – zum Teil sogar radikal weiter entwickelt. Interessant ist doch aber, dass viele Christen heute ziemlich genau so denken, nicht wahr? „Du musst nur an Jesus glauben, und dann bist du gerettet.“, „Jesus liebt dich.“, „Die Liebe ist das Wichtigste.“ „Das Alte Testament ist für uns heute nicht so wichtig.“ Obwohl die Kirche Marcion und seine Bewegung erbittert bekämpft hat, scheinen mir heute wieder ziemlich viele so eine Art Marcionisten zu sein.

    Einen zentralen Punkt in Marcions Theologie habe ich aber noch nicht erwähnt. Hier entwickelt er die Paulinischen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter. Wenn so ein Unterschied zwischen mosaischem Gesetz und der Liebe des Christus besteht, wenn der Gott des Alten Testaments gerecht aber auch grausam ist, im Evangelium aber als Gott der Liebe beschrieben wird, der ganz Liebe ist, dann kann JHWH aus der jüdischen Bibel und der Gott es Evangeliums nicht der Selbe sein! Es muss ein uns bisher unbekannter Gott sein! Den Gott des Alten Testaments, der jüdischen Bibel, den Schöpfergott dieser sündigen, ungerechten Welt nannte er den Demiurg, von altgriechisch δημιουργεῖν ‚schaffen‘. Er, der in der jüdischen Bibel sich selbst als JHWH bezeichnet, ist der niedrigere Gott des Gesetzes, der strafende. Ein Gesetz, das nur dazu da war, die Fehlerhaftigkeit und Sünde der Menschen und der Schöpfung aufzuzeigen. Den höchsten Gott kannten wir daher bisher gar nicht. Er ist ein Gott voller Liebe und Güte und er hat Jesus als seinen Gesandten geschickt. Er ist der Erlösergott, der weit über dem bösen Schöpfergott des Gesetzes steht. Der Schöpfergott verurteilt uns zum Tod, der Erlösergott schenkt uns das Leben.

    Die Trennung in zwei Gottheiten mag uns vielleicht nicht behagen. Aber unterscheiden nicht viele Menschen so den Gott des AT und des NT? Selbst heute sehen also viele hier einen Gegensatz und lösen diesen auf erstaunlich ähnliche Art und Weise. Und tatsächlich ist damals so manches theologische Konzept Marcion doch in die Lehren der Kirche später aufgenommen worden. Vergesssen wir auch nicht, dass nach seiner Exkommunikation sich viele Gemeinden seiner Lehre anschlossen und zu einer der wichtigsten Strömungen der Christenheit wurde.

    Bedenkt man, dass die Streitigkeiten zum Thema GESETZ schon zur Zeit des Paulus aktuell waren und das Verhältnis der Jünger Jesu zum Judentum sich stetig weiter entwickelte, wäre er vielleicht damit noch ein Zeit lang mit durchgekommen (ich spekuliere jetzt). Aber eine Sache war für ihn logische Konsequenz, die sicher mit ausschlaggebend war: Der Gesandte des Erlösergottes, war durch und durch gut und voller Liebe und konnte deswegen nur göttlich sein. Er konnte nichts menschliches an sich haben, denn die Menschen sind Teil der Schöpfung und damit das unvollkommene Werk des Demiurgen. Menschen können sich nicht von selbst aus dem Bösen und dem Gesetz befreien. Daher erschien es nur so, als ob der Gottessohn ein Mensch geworden wäre. Er war auch nicht der im AT vorhergesagte Messias. Das war natürlich die schreckliche Häresie des Doketismus, die von der Kirche ebenso vehement bekämpft wurde. Das wurde ja schon zwischen erstem und zweiten Jahrhundert festgehalten:

    Ich schreibe euch das, weil viele Verführer in der Welt unterwegs sind. Sie behaupten, dass Jesus Christus nicht als Mensch von Fleisch und Blut zu uns gekommen ist. Dahinter steckt der eigentliche Verführer und Antichrist.

    2. Johannes 1:7 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das Problem mit der Natur Jesu Christi hat, wie wir schon gesehen haben, viele beschäftigt und nur eine von mehreren Strömungen hat überlebt. Marcions Wirken hatte aber einen weiteren interessanten Einfluß.

    Wie hat Marcion die Entwicklung des Kanon beeinflußt?

    Marcion war der Überzeugung, dass nur Paulus das wirkliche Evangelium direkt von Gott und Christus empfangen hätte und die anderen Apostel es nicht verstanden und sogar mit Gedanken aus der jüdischen Bibel vermischt hätten. Wenn man Paulus so im Galater und anderen Briefen hört, klingt das gar nicht so anders. Tatsächlich waren die Briefe des Paulus und seine Theologie in Teilen der Kirche aber gar nicht mehr so bestimmend wie noch Mitte des ersten Jahrhunderts. Marcion wollte daher das wahre Evangelium wiederherstellen. Auch zu seiner Zeit gab es schon verschiedene Evangelien, mit unterschiedlichen Darstellungen, und verschiedene Kopien und Überlieferungen – ganz zu schweigen von den Apokryphen. Er wählte daher das Lukas Evanglium als das einzig wahre aus und bereinigte es von ‚Fehlern‘. Wir hatten in dieser Serie auch viele Beispiele gesehen, in denen Abschreiber mit voller Absicht den Text änderten, um eine bestimmte Lehre zu untermauern oder verhindern. Marcion hatte den Eindruck, dass selbst Schriften des Paulus auf diese Weise ‚verdorben‘ waren und stellte eine Sammlung von korrigierten Schriften auf. Daher sind wichtige Gelehrte der Meinung, dass Marcion damit der erste war, der einen Kanon der christlichen Schriften erstellte! Ausgerechnet dieser Häretiker! Tatsächlich hat seine Arbeit aber auf jeden Fall dazu beigetragen, die Entwicklung des Kanons des Neuen Testaments, so wie wir es kennen, zu beschleunigen.

    Zusammenfassend möchte ich daher aus Adolf von Harnacks Werk zitieren (S. 262ff, Deutsch von 1921). Hinweis: Soteriologie ist die Lehre der Erlösung des Menschen im christlichen Kontext.

    Nicht nur durch die Tatsache, dass alle diese Stücke bei Marcion früher auftauchen als in der großen Kirche, wird die causierende Priorität dieses einzigen Mannes bewiesen, sondern noch sicherer durch die Beobachtungen (s. Beilage III und IV), wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat. Vor allem spricht hier das mächtige Eindringen der Marcionitischen Prologe zu den Paulusbriefen in die lateinische Bibel der Kirche die beredteste Sprache. Wie oft muss anfangs die Marcionitische Briefsammlung in die Hände der Katholiken gekommen und zunächst unerkannt geblieben sein! Es fehlten eben Jahrzehnte lang in den katholischen Kirchen Exemplare der Paulusbriefe. Aber auch die offenbare Tatsache, dass Irenäus, der Begründer der soteriologischen Kirchenlehre, sowie Tertullian und Origenes ihre biblischen Lehren über Güte und Gerechtigkeit, über Evangelium und Gesetz, über den Schöpfergott und den Erlösergott usw. im Kampf gegen Marcion entwickelt und dabei vom ihm gelernt haben, ist von höchstem Belang. Endlich – durch Marcion ist auch für die große Kirche Paulus wiedererweckt worden, den z.B. ein Lehrer wie Justin bereits ganz zur Seite geschoben und der römische Christ Hermas völlig ignoriert hatte. Vor allem aber die Stellung der großen Christenheit zum AT ist infolge der Auseinandersetzung mit Marcion eine wesentlich andere geworden als früher. Vorher war die Gefahr brennend, dass man das AT als die christliche Urkunde, teils wörtlich, teils allegorisch erklärt, anerkannte und sich mit ihr begnügte; jetzt wurde zwar diese Gefahr noch immer nicht endgültig beseitigt und eine befriedigende Klarheit nicht hergestellt, aber die Beurteilung, dass im AT „das Erz noch in den Gruben liegt“ und dass es die legisdatio in servitutem sei gegenüber der neutestamentlichen legisdatio in libertatem, schaffte sich doch Raum und Ansehen. Ja wir hören jetzt von hervorragenden Kirchenlehrern Äußerungen über das AT, die noch über Paulus hinausgehen. Das verdankt die Kirche Marcion.

    Nimmt man hinzu, dass erst nach Marcion in der großen Christenheit die zielstrebige Arbeit begonnen hat, die heilige Kirche, die Braut Christi, die geistige Eva, den jenseitigen Äon vom Himmel herbeizuführen und auf Erden die Gemeinden zu einer tatsächlichen Gemeinschaft und Einheit auf dem Grunde einer festen, im NT wurzelnden Lehre zusammenzuschließen, wie er es getan hat, so ist erwiesen, dass Marcion durch seine organisatorischen und theologischen Conceptionen und durch sein Wirken den entscheidenden Anstoß zur Schöpfung der altkatholischen Kirche gegeben und das Vorbild geliefert hat. Ihm gebührt ferner das Verdienst, die Idee einer kanonischen Sammlung christlicher Schriften, des Neuen Testaments, zuerst erfasst und zuerst verwirklicht zu haben. Endlich hat er als erster in der Kirche nach Paulus die Soteriologie zum Mittelpunkt der Lehre gemacht, während die kirchlichen Apologeten neben ihm die christliche Lehre auf die Kosmologie gründeten.

    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245ff
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245
    Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 246
    Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 247

    Welche Strömungen gab es unter Christi Jüngern?

    Nachdem wir erkannt haben, dass sogar eine christliche Strömung, die nicht überlebt hat, einen Einfluß auf die Schriften und den Kanon hatte, stellt sich die Frage, ob es noch andere solche gab.

    Zuerst einmal lebten Jesus und die Jünger im Judentum in der Zeit des zweiten Tempels. Damals gab es die Strömungen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten und anderer. Die Jünger kamen aus oder standen diesen Gruppen nahe, vermutlich bis auf die Sadduzäer, der priesterlich-aristokratischen Oberschicht. Paulus war ein Pharisäer gewesen, und Simon der Eiferer war vielleicht ein Zelot gewesen. Aber auch der Einfluß der Essener, welche den Messias erwarteten, sollte nicht ignoriert werden. Interessant ist, dass von diesen nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. im wesentlichen nur die Phärisäer überlebten.

    Dann kamen auch die ‚Heiden‘, also Menschen, die keine Juden waren, dazu. Das waren zum Teil auch ‚Gottesfürchtige‘, also Heiden die schon mit dem Judentum sympathisierten. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. war natürlich ein einschneidendes Ereignis. Im wesentlichen kann man die Strömungen bei den Christen in drei Richtungen einteilen:

    • Judenchristen
      • Nazarener (Wikipedia, Nazarener)
        Sie hielten das Halten des Gesetzes weiter für wichtig und sahen in Jesus einen Propheten. Anders als die Ebioniten akzeptierten sie aber die Jungfrauengeburt. In der patronistischen Zeit und den Kirchenvätern waren sie bekannt und ihr Standpunkt wurde diskutiert
      • Ebioniten (Wikipedia, Ebioniten)
        Ob sie sich selbst diese Bezeichnung, ‚die Armen‘, gaben, ist unbekannt. Aber sie versuchten wie Jesu erste Jünger, alles aufzugeben. Für sie musste man, um ein Jünger Jesus zu sein, auf jeden Fall ein Jude sein. Für sie lebte Christus nicht, bevor er auf der Erde lebte. Er war nur ein Mensch, den Gott wegen seiner Gerechtigkeit adoptierte und eine besondere Stellung gab. Sie lehnten auch die Theologie des Paulus ab.
        Daher waren sie für die vor-orthodoxen Christen Häretiker, die es zu bekämpfen galt. Deswegen wurde insbesondere die Position bekämpft, dass Jesus nur ein Mensch war. Und wie wir gesehen haben, hat man deswegen auch den Text der Schriften manchmal geändert.
    • Paulinische Christen
      Christen, deren Theolgie auf den Schriften und Lehren des Paulus aufbauten.
    • Gnostische Christen
      Das war keine einheitliche Gruppe, sondern es gab viele unterschiedliche Richtigungen.
      Für sie war die materielle Welt von Grund auf schlecht und alles, was zählte, war eine geistige Welt. Nun, von dieser Vorstellung scheint ja einiges übrig geblieben zu sein.
      Die gnostischen Gruppen dachten, dass sie die ‚Gnosis‘, ‚Erkenntnis‘, diese geheime Kenntnis der spirituellen Welt besitzen und dies der Schlüssel für die Erlösung ist.

    Zwischen 180 und 313 n. Chr. setzte sich die ‚große Kirche‘ durch, welche die Theologie des Paulus weiter entwickelte und allen anderen in ihren Schriften widersprach. Dadurch gingen deren Standpunkte – bzw. gegenteiligen Argumente – in die Texte und Lehren der Kirche ein. In gewisser Weise formte sich ein Glaubensbekenntnis, welche sich gegen all diese anderen Vorstellungen verteidigte.

    313 n. Chr. ist ein wichtiges Datum, weil dort im Edikt von Mailand den Christen im ganzen römischen Reich ein gesetzlicher Status zuerkannt wurde. 325 u.Z. konvertierte dann Kaiser Konstantin und das erste Konzil von Nicäa fand statt. Dort sollte ein einheitliches Glaubensbekenntnis erstellt werden, was dann schließlich das Bekenntnis von Nicäa war.

    Die dort behauptete Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn wurde aber von vielen abgelehnt. Arius und seine Anhänger wurde Arianer genannt (Wikipedia). Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe prägte nicht nur das Glaubensbekenntnis, sondern auch die Auswahl von Schriften für den Kanon sowie manchmal den Text selbst: Denken wir nur an das Comma Johanneum zurück oder die anderen geänderten Texte. Als die führende Strömung, welche hinter dem Bekenntnis von Nicäa stand, dann 380 n. Chr. durch Kaiser Theodosius Staatsreligion wurde, setzte diese sich endgültig durch.

    Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Auswahl der Schriften, die Entwicklung des Kanon und die Schriften selbst nicht geradlinig gemäß einem Plan schrittweise umgesetzt wurde, sondern über Jahrhunderte entstand. Und dass der Einfluß der anderen Strömungen im Christentum, welche verschwunden sind, nicht übersehen werden sollte.