Von Christian
Jiftach – auch Jephtah genannt – ist eine biblische Gestalt. Ein Richter Israels gemäß dem Buch Richter aus dem alten Testament. Eine Person, die heute fast niemand mehr kennt. Und vermutlich daher auch kaum jemanden interessiert.
Gäbe es da nicht eine Diskussion über eine Begebenheit aus seinem Leben, die fast so alt wie der Bericht selbst ist. Das wäre schon an und für sich interessant. Aber mehr noch die Tatsache, dass sich an dieser Geschichte die Tragweite von Indoktrination erkennen lässt. Und wie man mit unbequemen Texten in der Bibel besser umgehen sollte.
Doch bevor wir uns damit befassen, sollten wir einmal kurz betrachten, worum es denn überhaupt geht.
Jiftach und seine Tochter
Zuerst einmal schauen wir uns eine antike Schrift der Ammoniter an:
Dabei gelobte er Moloch: „Wenn du die Gileaditer wirklich in meine Hand gibst und ich wohlbehalten zurückkehre, dann soll derjenige, der mir als Erster aus meinem Zuhause entgegenkommt, Moloch gehören; ich werde ihn Moloch als Brandopfer darbringen.“ Dann kehrte er zurück. Als er sich seinem Haus näherte, lief seine Tochter ihm entgegen. Und er erfüllte sein Gelübde an ihr. So opferte er seine Tochter Moloch für den Sieg, wie es bei den Ammonitern Brauch war.
Erfundene Schrift der Ammonitor
Ich bin mir sicher, dass viele diesen Bericht ohne weiteres als wahr und wörtlich akzeptieren würden. Denn steht nicht in 2. Könige 23,10
Der König [Joschija oder Josia] entweihte auch die Opferstätte des Tofet im Ben-Hinnom-Tal, damit dort niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter als Opfer für den Moloch verbrennen konnte.
2. Königer 23,10 NEÜ
Nur leider habe ich diese antike Schrift der Ammoniter erfunden. Und jetzt lesen wir, was im Bibelbuch Richter über Jiftach und seine Tochter berichtet wird:
Dabei gelobte er Jahwe: „Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst und ich wohlbehalten zurückkehre, dann soll derjenige, der mir als Erster aus meinem Zuhause entgegenkommt, Jahwe gehören; ich werde ihn Jahwe als Brandopfer darbringen.“
…
Dann kehrte Jiftach nach Mizpa zurück. Als er sich seinem Haus näherte, lief seine Tochter tanzend und das Tamburin schlagend heraus, ihm entgegen. Es war seine einzige; er hatte sonst kein Kind. Als er sie sah, zerriss er vor Schmerz sein Gewand und rief: „Ach, meine Tochter, du brichst mir das Herz! Dass gerade du es sein musst, die mich ins Unglück stürzt! Ich habe Jahwe mein Wort gegeben, und ich kann nicht zurück!“ Doch sie sagte zu ihm: „Mein Vater, wenn du Jahwe etwas versprochen hast, dann mach mit mir, was du gelobt hast! Jahwe hat dir ja auch den Sieg über deine Feinde, die Ammoniter, geschenkt.“ Dann fügte sie hinzu: „Nur eine Bitte habe ich: Gib mir noch zwei Monate Zeit. Ich möchte mit meinen Freundinnen in die Berge gehen und meine Jungfrauschaft betrauern.“„Geh nur“, sagte ihr Vater und gab ihr zwei Monate Zeit. So ging sie mit ihren Freundinnen in die Berge und weinte darüber, nie verheiratet gewesen zu sein. Als die zwei Monate um waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück, und er erfüllte sein Gelübde an ihr. Sie hatte nie mit einem Mann geschlafen. Daraus entstand in Israel der Brauch, dass die jungen Frauen jedes Jahr vier Tage lang zusammen weggehen und die Tochter Jiftachs von Gilead besingen.
…
Sechs Jahre lang war Jiftach Israels Richter. Als er starb, wurde er in einer der Städte Gileads begraben.
Richter 11,30-31, 34-40; 12,7 NEÜ
Nun ja, damit lässt uns der Bericht der Bibel alleine. Wie bitte? Keine Erklärung? Keine Wertung? Nichts darüber, wie wir das einordnen sollen?
Wird denn nicht im mosaischen Gesetz das Opfern von Menschen ausdrücklich verboten? Selbstverständlich!
Keinen von deinen Nachkommen darfst du dem Moloch als Opfer verbrennen. Du sollst den Namen Jahwes, deines Gottes, nicht entweihen. Ich bin Jahwe!
3. Mose 18,21 NEÜ
Aber vielleicht war es ja gar kein Menschenopfer? Nun, der Text ist da ziemlich eindeutig.

Du kannst die 289 Verwendungen dieses Wortes עוֹלָֽה׃ (‘ō·w·lāh) selbst nachprüfen. Es geht um Brandopfer. Und so hat man das im Mittelalter auch dargestellt:

Doch wer die Bibel weiter liest, findet im Neuen Testament in Hebräer eine anscheinend lobende Erwähnung dieses Richters:
Wie viele andere wären noch zu nennen! Doch die Zeit würde mir fehlen, wenn ich von Gideon und Barak erzählen wollte, von Simson, Jiftach und David, von Samuel und den Propheten.
Hebräer 11,32 NEÜ
Da steht der Jiftach prominent neben David und Samuel und den Propheten! Und schließlich steht im Bericht direkt vor diesem verhängnisvollen Versprechen Jiftachs dies:
Da kam der Geist Jahwes über Jiftach.
Richter 11,29 NEÜ
Hatte ich schon gesagt, dass dies ein ‚unbequemer‘ Text ist? Also ganz ehrlich: Wie soll das Ganze zusammenpassen?
Die Irritation, die von diesem offenkundigen Menschenopfer ausgeht, hat die Auslegungsgeschichte jahrhundertelang geprägt. Viele Versuche wurden unternommen, das Anstößige der Geschichte abzumildern.
Wikipedia Jiftach
Widerspricht sich hier die Bibel? Das wäre schon eine interessante Frage, aber diese Geschichte ist aus einem ganz anderen Grund für viele noch viel wichtiger.
Indoktrination
Würdest du meinen, dass so eine Geschichte voller Krieg, Gewalt und Menschenopfern in ein Kinderbuch gehört? „Komm, hör auf.“ magst du denken. „Das macht doch keiner!“ Doch, Jehovas Zeugen, bzw. deren Leitende Körperschaft:


Aber warum? Jephtha und seine Tocher werden als Vorbilder schon für kleine Kinder dargestellt, die ihre Versprechen immer halten! Alle und Immer! Der Artikel für Kinder beginnt damit: „IST es dir schon mal schwer gefallen, ein Versprechen zu halten?“ Später picken sie aus ihrer eigenen Bibelübersetzung einen Satz heraus: »Wenn du Jehova etwas versprochen hast, musst du es auch halten.«
Warum ist das so wichtig? Zum Beispiel, weil Jehovas Zeugen seit Jahrzehnten die christliche Taufe als ein Gelübde gegen über Jehova darstellen. Die Tauffragen wurden aber in den letzten Jahren immer mehr verändert und nun ist dieses Gelübde mit der Organisation der Zeugen Jehovas verknüpft!
Die Indoktrination besteht also darin, schon ganz früh den Gedanken im Sinn der Kinder zu verankern, dass sie ihr Gelübde oder Versprechen, die Organisation der Zeugen Jehovas bedingungslos zu unterstützen und der Leitenden Körperschaft zu folgen, nie brechen.
Daher wird Richter 11,36 in der Wachtturm-Literatur auch regelmäßig in diesem Sinne verwendet.
Und weil man nun den lieben ‚Verkündigern’ – und schon gar nicht Kindern – im gleichen Atemzug wohl kaum erklären kann, dass das Halten eines Versprechens auch mal bedeuten kann, das eigene erwachsene Kind als Opfer zu verbrennen, ist die offizielle Lehre der Zeugen Jehovas, dass sie einfach nur nicht geheiratet hat.
Nun gut. Und warum schreibe ich darüber? Habe ich nicht in einem Artikel vor einiger Zeit davon gesprochen, dass man sich nicht immer weiter mit den Zeugen Jehovas beschäftigen sollte? Absolut richtig. Und danke dir, dass du jenen Artikel gelesen oder das Video gesehen hast.
Ich erwähne es deswegen, weil diese starke Indoktrination uns dazu bringen könnte, hartnäckig an dieser Interpretation festzuhalten, ohne die Annahmen und Widersprüche zu hinterfragen.
Wie gehen wir mit unterschiedlichen Interpretationen um?
Für viele Ex-Zeugen Jehovas ist es wichtig, den Text der Bibel für sich selbst sprechen zu lassen, nachdem sie erkannt haben, dass sie durch die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas durch das Herauspicken von Texten belogen und betrogen wurden.
So kam es, dass ein Teilnehmer der Online-Treffen der Beorean Pickets diesen Text aus Richter 11 ernst nahm und darzulegen versuchte, dass Jiftach seine Tochter wie geschrieben geopfert hat. Das steht schließlich genau so im Text. Im Laufe der Diskussion meinte Eric Wilson dann, dass so etwas für ihn mit einem liebevollen Gott nicht zu vereinen sei. Und wenn die Gruppe so denkt, dann würde er die Gruppe verlassen. Also die Gruppe, die er selbst gegründet hatte.
In einem früheren Video hatte ich schon angesprochen, dass damit ein Konflikt entsteht: Glaube ich das, was mein Verständnis des Textes ist und muss ich dann die Gruppe verlassen (oder werde ‚verlassen‘, also eigentlich ausgeschlossen)? Oder übernehme ich den Glauben einer anderen Person oder der Gruppe und kann dann darin bleiben? Das würde aber verhindern, einen reifen Glauben zu entwickeln.
Im Nachhinein frage ich mich, warum man als Gruppe das nicht zum Anlass genommen hat, um die Hintergründe und Annahmen kritisch zu hinterfragen. Wo doch unbewusste Auswirkungen der Indoktrination immer zu erwarten sind. Nun ja, vielleicht, weil die Meinung des Gründers der Bewegung schon zu wichtig geworden war …
Aber wir können das jetzt tun. Wir können die Dingen hinterfragen. Zumindest es ansatzweise einmal versuchen.
Und zwar in Teil 2. Du kannst dir ja schon mal selbst über deine stillschweigenden Annahmen zu diesem Thema deine Gedanken machen.


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