Glaube und Grammatik: Was sagt Genesis 1,1 aus?

Von Christian


Kann es sein, dass die Grammatik der hebräischen Sprache und deren Übersetzung entscheidend beeinflusst, was du glaubst?

Ja, und zwar schon im ersten Vers der Bibel. Wie kann das sein? Praktisch jede Übersetzung gibt den Vers doch so wieder:

 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

1. Mose 1,1 Züricher

Und aufgrund dessen glauben viele Menschen, dass Gott die Erde, das Sonnensystem, die Sterne und so weiter aus dem Nichts erschaffen hat.

Das nennt man Creatio ex nihilo (lateinisch, Schöpfung aus dem Nichts) und wurde in der frühchristlichen Theologie in Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie entwickelt.

Aber sagen die ersten Verse der Genesis im Hebräischen das wirklich aus? Ist das die einzig mögliche Übersetzung?

Zuerst einmal müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass das Hebräisch, in dem das Alte Testament geschrieben wurde, spätestens seit dem Exil stark durch das Aramäische beeinflußt wurde und im 3. Jahrhundert n. Chr. aufhörte, Alltags- und Muttersprache zu sein. Das moderne Hebräisch wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, um das seit 1700 Jahren kaum noch gesprochene Hebräisch wieder zu beleben. [Mehr Details finden sich in der Endnote 1 dieses Artikels.]

Aus dem vorhandenen Text des Alten Testaments und anderen Quellen kann man jedoch die Grammatik des alten Hebräisch erforschen. Und schon im ersten Vers wird es interessant.

Dr. Michael Heiser hat das einmal ziemlich gut in Seminaren erklärt. Wer Englisch gut versteht, sollte sich die Videos, die ich gleich noch anführen werde, selbst anschauen.

Und hier die Kurzfassung für Ungeduldige:

„Traditionell wurde Genesis 1:1 bis 3 so verstanden. Vers zwei ist das Ergebnis von Vers eins. Das ist die traditionelle Interpretation. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das wird als der erste Schöpfungsakt angesehen.“

So weit, so gut. Aber „wenn du dir die Übersetzung der Jewish Publication Society von Genesis 1:1 ansiehst, dann findest du genau dies: „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Die ersten Verse lauten dann etwa so:

„Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen – nun war die Erde wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern – da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.”

1. Mose 1, 1-3 Alternative Übersetzung gemäß der hebräischen Grammatik

„Es hat wirklich eine andere Wirkung. Es klingt, als seien die Verse 1 und 2 nur Vorbereitung. Sie finden nicht wirklich statt. Der Verfasser beschreibt darin die Bedingungen, die bereits bestehen, bevor Gott tatsächlich etwas erschafft. Bevor Gott tatsächlich etwas ins Leben ruft. Mit anderen Worten: Die Verse 1 und 2 führen zu Vers 3. Sie bereiten ihn vor. Der erste Schöpfungsakt, das erste, was Gott in Genesis 1:1 bis 3 in dieser Sichtweise tut, ist nicht Vers 1. Es ist Vers 3. Das ist das allererste, was Gott ins Dasein bringt.“

Das ist jetzt keine willkürliche Übersetzung mit einer gewissen Absicht dahinter. Sondern ergibt sich aus der hebräischen Grammatik.

Damit lösen sich eine Menge der logischen Probleme mit der Reihenfolge der Schöpfungsereignisse auf, welche sich aus der traditionellen Übersetzung ergeben und zu Recht von Kritikern vorgebracht werden, um zu zeigen, dass dieser Schöpfungsbericht keinen Sinn macht.

Gott kann immer noch Alles aus dem Nichts erschaffen haben. Aber wir sollten die ersten Verse der Bibel nicht dazu verwenden, dies zu behaupten. Wir würden dann in den Text etwas hineinlegen, was unserer Vorstellung entspricht, also Eisegese betreiben.

Vielmehr zeigt es, dass der Schöpfungsbericht in Genesis nicht in einer extremem Wort-für-Wort Bedeutung interpretiert werden sollte, sondern viel mehr enthält: Eine weitreichende, symbolische Bedeutung. Siehe auch die Serie Gottes Bild sein – Warum die Schöpfung immer noch wichtig ist.

Das ist ein Video eines seiner Vorträge zum Thema. Die Übersetzung findet sich in der Endnote 2 dieses Beitrags.

Have we Translated Genesis 1 Wrong All this Time?!

In diesem Video hat Dr. Heiser ausgeführt, was es bedeutet, dass Genesis 1 anders übersetzt werden kann:


What If Genesis 1 Could Be Translated Differently? — Part 1 | Michael Heiser

Und in diesem Video geht er auf die Frage ein, ob Genesis 1 bedeutet, dass die Schöpfung „aus dem Nichts“ erfolgt sein muss. Er zeigt, dass die früher weitgehend geteilte Meinung, dass bara‘ immer Schöpfung aus dem Nichts bedeutet, einfach nicht wahr ist. Damit fällt auch dieses Argument weg.

Does Genesis 1 mean Creation „Out of Nothing“?

Ein anderer Wissenschaftler ist Dr. James Tabor, der es in diesem Video folgendes erklärt:

Der allererste Vers der Bibel – Genesis 1:1 –, den Millionen auswendig zitieren können, ist in fast allen großen Übersetzungen und Sprachen falsch übersetzt – mit ganz wenigen Ausnahmen. Die Gründe dafür sind einfach: Marketing und Kommerz. Wer würde schon eine Bibelübersetzung kaufen, die nicht mit „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ anfängt? In dieser kurzen Erklärung zeige ich, wie das hebräische Original eine ganz andere Bedeutung hat. Es ist keine philosophische oder wissenschaftliche Aussage, sondern eher eine Beschreibung der Ordnung des chaotischen, leeren, von Wasser bedeckten, vom Wind umwehten Ödlands, das der Planet Erde war, ALS die „Kraft aller Kräfte“ (Elohim) begann, Ordnung in das zufällige Chaos zu bringen.

James Tabor Lost in Translation: Genesis 1 is NOT About the Creation of the World!

Und dann ist da noch der Wissenschaftler Dan McClellan. Er bringt es in gut einer Minute auf den Punkt:

Hey Leute. Habt ihr schon mal gehört, dass jemand gesagt hat, das allererste Wort der Bibel bedeute eigentlich „am Anfang“? Das ist technisch gesehen richtig, aber irreführend, weil es nur deshalb so ist, weil es in einem Zusammenhang mit dem Rest des Verses steht, der besagt, dass Gott Himmel und Erde geschaffen hat. Das allererste Wort kann also nicht isoliert betrachtet werden und sollte auch nicht isoliert übersetzt werden, weil es die Bestimmtheit dessen übernimmt, was folgt, in diesem Fall die Beschreibung eines Ereignisses, das eine Bestimmtheit hat. Eine wörtlichere Übersetzung wäre also: „Am Anfang davon schuf Gott Himmel und Erde“ oder, etwas idiomatischer, „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, …“. Genesis 1:1 ist also ein zeitlicher Satzteil, und Genesis 2 beschreibt dann die Umstände, die herrschten, als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, und das ist grammatikalisch parallel zu dem, was wir in der zweiten Hälfte von Genesis 2:4 und in Genesis 5:1 sehen, nur dass dort anstatt „bereshit” steht: „Darüber hinaus, als Gott die Erde und den Himmel erschuf und die Menschen schuf.“ Nun kann man in Genesis 1 nicht „Darüber hinaus” verwenden, weil man einen mehrtägigen Schöpfungsprozess beschreibt. Ich würde also sagen, dass Genesis 1 später aus diesen drei Einleitungen zusammengesetzt wurde, die alle zeitliche Nebensätze sein sollen, aber Genesis 1:1 konnte nicht „am Tag von” sagen und musste daher ein anderes Wort wählen und entschied sich für „am Anfang von”.

Is Genesis 1:1 mistranslated in your Bible?

Kürzlich hat er noch dieses Video veröffentlicht:

This famous passage isn’t about creation out of nothing

In diesem Video geht er auf eine ähnliche Formulierung in Makaber 7:23 ein. Diese findet sich auch in anderen antiken Texten. Unter anderem bei Xenophon und Aristoteles. Im Wesentlichen geht es um die antike Vorstellung dahinter: Es gibt die unstrukturierten, formlosen Dinge, ohne Funktion. Das ist Nichtexistenz. Daraus hat Gott Dinge ‚ins Dasein gebracht‘, ihnen eines Existenz gegeben, indem er die ungeordnete, chaotische Masse ohne Funktion in Form brachte und eine Funktion gab. Und das wird in einigen dieser Texte auch in Bezug auf Eltern verwendet: So ‚erschaffen‘ sie Kinder. Aus Ungeordnetem ohne Funktion – zumindest ohne die Funktion, die es später hat – erzeugen sie Kinder. Die Vorstellung ist vergleichbar mit der Schöpfung eines Kuchens: Die Zutaten sind ungeordnet und ohne Funktion. Dann werden sie geordnet und in Funktion gebracht und es entsteht ein Kuchen. Und das war die antike Vorstellung der Erschaffung von Himmel und Erde und auch der Menschheit. Nicht eine Erschaffung ‚aus dem Nichts‘ (ex nihilo). Diese Gedanken haben Christen im zweiten Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit griechischen und römischen Philosophen entwickelt. Und seitdem haben wird das.

Wer das genauer untersuchen möchte: Im Text zum Video sind die Quellen angeführt. Eine wissenschaftliche Arbeit wurde auch ursprünglich in Deutsch veröffentlicht.

Bevor wir also denken, dass wir genau wüßten, was ein Bibelvers exakt aussagt, wäre es besser, demütig auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Insbesondere, wenn es um so einen zentralen Bestandteil unseres Glaubens geht. Es wäre doch schade, wenn unser Glaube nur auf vielen solcher möglichen, aber nicht eindeutigen Interpretationen und Annahmen beruht. Das Alte und das Neue Testament entwerfen ein größeres, komplexeres, aber in Details halt unscharfes Bild, das es zu verstehen gilt.


(1) Zur Sprache Hebräisch (Wikipedia Hebräische Sprache):

Die Basis aller späteren Entwicklungsformen des Hebräischen ist die Sprache der heiligen Schrift der Juden, der hebräischen Bibel, deren Quellschriften im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden und kontinuierlich redigiert und erweitert und schließlich um die Zeitenwende kodifiziert wurden. (Alt-)Hebräisch wird daher oft mit dem Begriff „Biblisch-Hebräisch“ gleichgesetzt, selbst wenn dies weniger sprachhistorisch als literaturhistorisch begründet ist: Althebräisch als die Sprache des größten Teiles des Alten Testamentes. …
Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Nebukadnezar II. im Jahre 586 v. Chr. und dem darauf folgenden Babylonischen Exil kam die dortige Amtssprache Aramäisch unter den Juden in Umlauf, sodass das Hebräische fortan in Konkurrenz zum Aramäischen stand und viele Einflüsse von ihm aufnahm.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels zu Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. verlagerte sich das Zentrum jüdischen Lebens von Judäa nach Galiläa und ins Exil. Etwa im 3. Jahrhundert n. Chr. hörte Hebräisch auf, Alltags- und Muttersprache zu sein. Es blieb indessen eine Sakralsprache, wurde jedoch nie ausschließlich zu liturgischen Zwecken benutzt, sondern auch zur Abfassung von philosophischen, medizinischen, juristischen und poetischen Texten, so dass sich das Vokabular des Mittelhebräischen im Laufe der Jahrhunderte erweitern konnte, während die Grammatik weitgehend unverändert blieb. Es ist ebenfalls bezeugt, dass sich die verstreuten jüdischen Gemeinden zur Verständigung untereinander des Hebräischen bedienten.

Die Erneuerung des Hebräischen mit dem Ziel seiner Etablierung als jüdische Nationalsprache in Palästina begann im späten 19. Jahrhundert auf Initiative von Eliezer Ben-Jehuda. 1889 gründete er in Jerusalem den „Rat der hebräischen Sprache“, den Vorläufer der heutigen Akademie für die hebräische Sprache, mit dem Ziel, die seit etwa 1700 Jahren kaum noch gesprochene Sprache der Bibel wiederzubeleben. In der Folgezeit entstand das moderne Hebräisch, dessen Unterschiede zum biblischen Hebräisch im Schriftbild und der Morphologie äußerst gering, in der Syntax und dem Vokabular zum Teil erheblich sind.

(2) Dr. Michael Heiser „Have we Translated Genesis 1 Wrong All this Time?!“

Die Satzstruktur ist der Schlüssel zum Verständnis, warum Genesis 1:1-3 auf verschiedene Weise interpretiert werden kann. Das ist der Schlüssel, und das ist das, worauf niemand achtet, es sei denn, man ist ein Grammatikfreak, okay? Es sei denn, man ist jemand, der sich mit hebräischen Dingen beschäftigt, mit hebräischen Texten arbeitet. Dann wird man sofort damit konfrontiert. Aber in englischen Bibeln hängt es einfach von der Übersetzung ab. Ein Satzteil ist, so wie wir ihn uns vorstellen, ein Satz, eine Gruppe zusammenhängender Wörter, die ein Subjekt und ein Verb enthalten. Er kann einen vollständigen Gedanken ausdrücken oder auch nicht. Ein Verb kann vorhanden sein oder auch nur impliziert werden. Sie kennen sich mit impliziten Subjekten und impliziten Verben aus, also Dingen, die im Text nicht vorkommen, die Sie aber aufgrund Ihrer Englischkenntnisse als dazugehörig erkennen. Das Gleiche gilt für das Hebräische. Es gibt unabhängige Nebensätze, die ein Subjekt und ein Verb enthalten und einen vollständigen Gedanken ausdrücken. Sie stehen für sich allein. Sie benötigen nichts anderes, um den vollständigen Gedanken auszudrücken. Beispiel: „Jim lernte in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung.“ Das ist ein vollständiger Gedanke. Man hat nicht den Eindruck, dass Informationen fehlen, um ihn vollständig zu verstehen. Es gibt jedoch abhängige Sätze, die nicht für sich allein stehen. „Als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte …“ Was? Man hat das Gefühl, dass noch etwas kommen muss, um den Gedanken zu vervollständigen. Allein durch das Hinzufügen dieses einen Wortes entsteht ein Gefühl der Unvollständigkeit. Es entsteht das Gefühl, dass etwas fehlt. „Als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte, konnte er sich konzentrieren.“ Jetzt haben wir das vollständige Bild. Wir haben den vollständigen Gedanken. Und tatsächlich könnte der zugrunde liegende Teil „er konnte sich konzentrieren“ für sich allein stehen. Man könnte auch etwas davor setzen. „Sein Bruder blieb weg, als Jim in seinem Zimmer für seine Chemieprüfung lernte.“ Das ergibt ein vollständiges Bild und vermittelt ein Gefühl der Vollständigkeit. Man sucht nicht nach etwas anderem, was die Grundidee ist. In einer abhängigen Situation, einem abhängigen Satzteil, hat man das Gefühl, dass man noch etwas anderes braucht, um die Idee vollständig zu verstehen. Die gleiche Situation findet sich in den ersten drei Versen der Genesis. Es gibt eine Reihe von Sätzen, und die Frage ist, welche davon für sich allein stehen können und welche in ihrer Bedeutung von den anderen abhängen. Die Frage ist also, ob sie unabhängig oder abhängig sind. Und sobald wir das wissen, wissen wir, was die Hauptidee, die vollständige Idee, der vollständige Satz oder die vollständigen Sätze sind. Wir wissen, was die Hauptidee ist oder nicht ist. Hier ist eine Möglichkeit, die ersten drei Verse zu betrachten. Ich habe den zweiten Vers aus einem bestimmten Grund blau markiert. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Welche Rolle spielt Vers zwei? Folgt er aus Vers eins oder hat er eine andere Funktion? Haben wir eine Abfolge, eine Chronologie, oder haben wir … Okay, zuerst geschieht Vers eins, Gott schafft Himmel und Erde. Dann war die Erde wüst und leer, als wäre das das Ergebnis von Vers eins. Und dann folgt Vers drei. Es ist eine lineare Abfolge. Zwei ist das Ergebnis von eins, drei folgt auf zwei. Kein Scherz, Mike. Es ist eins, zwei, drei. In Ordnung. Ist das die Art und Weise, wie wir es betrachten sollten? Traditionell wurde Genesis 1:1 bis 3 so verstanden. Zwei ist das Ergebnis von Vers eins. Das ist die traditionelle Interpretation. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das wird als der erste Schöpfungsakt angesehen. Gott tut etwas in Vers eins. Das Ergebnis davon sind die Bedingungen, die wir in Vers zwei sehen. Der Verfasser lässt uns wissen, was das Ergebnis von Gottes Schöpfung in Vers 1 war. Und dann fährt er fort mit Gottes Werk in Vers 3. Gott schuf also Himmel und Erde. Und übrigens, als er das tat, war die Erde formlos und leer, wissen Sie, und all diese Bedingungen. Und dann sprach Gott: Es werde Licht, und wir kommen zur Sache. Okay, das ist die traditionelle Sichtweise. Wir haben also unabhängige Satzteile in den Versen eins und drei und einen abhängigen in Vers zwei, und der abhängige Satzteil ist das Ergebnis. Das ist die Beziehung. Hier haben wir also, ich habe es grau hinterlegt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist die Übersetzung, die wir gewohnt sind. Aber jetzt wollen wir ein wenig damit spielen. Was wäre, wenn ich es so übersetzen würde? „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Sie sagen: „Das ist Betrug. Das kann man nicht machen!“ Doch, das kann ich. Ich habe einen Doktortitel in Hebräisch. Ich kann machen, was ich will. Nein, im Ernst, wenn Sie sich die Übersetzung der Jewish Publication Society von Genesis 1:1 ansehen, dann ist es genau das. „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen.“ Ist das nun ein vollständiger oder ein unvollständiger Gedanke? Dieser ist sicherlich unvollständig, weil er auf etwas vorbereitet, das noch folgt. Als Leser werden Sie darauf vorbereitet. Wenn Sie also das Wort „als“ davor setzen, wissen Sie, dass es nur zu etwas führt. Es ist kein unabhängiger Gedanke oder eine unabhängige Handlung. Es führt zu etwas, zu dem Sie noch nicht gekommen sind. Lassen Sie uns nun beide Verse nebeneinanderstellen … Ich werde irgendwann dorthin kommen. Wir haben „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Auch das ist die traditionelle Übersetzung, an die die meisten von uns gewöhnt sind. Hebräisch wurde natürlich ohne Vokale geschrieben. Ich habe hier einen Vokal in Rot hinzugefügt. Wenn ich ein hebräischer Schreiber wäre, der das um das 8. Jahrhundert n. Chr. erfundene Vokalsystem verwendet, wären das die einzigen Vokale, die wir hätten. Sie wissen schon, diese kleinen Punkte und Schnörkel, die man in hebräischen Texten sieht, das Vokalsystem. Wenn ich sichergehen wollte, dass mein Leser mich versteht, dass ich von DEM Anfang spreche, würde ich „Am Anfang“ sagen und dieses kleine Zeichen verwenden, das wie ein großes T aussieht, und es würde Bareshit ausgesprochen werden. Das nennt man im Hebräischen den bestimmten Artikel, genau wie im Englischen, das Wort für „der“. Wenn ich mich nun für „als Gott begann“ entscheiden würde, würde es so aussehen. Es wären zwei Punkte darunter. Und das bedeutet, dass es keinen bestimmten Artikel gibt. Es ist ein Vokalzeichen, das uns sagt, dass wir hier keinen bestimmten Artikel haben. Das wäre Bereshit. Was glauben Sie, steht in Ihrer hebräischen Bibel? Die hebräische Bibel, die heute jeder benutzt und die uns seit Jahrhunderten überliefert ist. Die Schriftrollen vom Toten Meer haben keine Vokale. Vokale kamen erst im Mittelalter auf. Was glauben Sie, was in hebräischen Texten mit Vokalen steht? Es ist Bereshit. Die Übersetzung „als Gott zu schaffen begann“ ist eine völlig legitime Übersetzung. Kehren wir also zurück. Wir haben zwei mögliche Übersetzungen. Wenn wir uns für die Übersetzung mit „als“ entscheiden. Sehen Sie, ich habe die Farben geändert. Jetzt haben wir abhängige Nebensätze. Wir haben keine Reihe unabhängiger Ideen. Wir haben zwei vollständige Verse mit Nebensätzen, die auf etwas hinauslaufen. Und dieses Etwas ist Vers 3. Und das ist die Hauptidee. Das ist der unabhängige Gedanke. Denken Sie also hier einmal darüber nach. Lesen Sie mit mir oder in Gedanken mit. Und denken Sie darüber nach, wie es klingt. „Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen – nun war die Erde wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern – da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.” Es hat wirklich eine andere Wirkung. Es klingt, als seien die Verse 1 und 2 nur Vorbereitung. Sie finden nicht wirklich statt. Der Verfasser beschreibt darin die Bedingungen, die bereits bestehen, bevor Gott tatsächlich etwas erschafft. Bevor Gott tatsächlich etwas ins Leben ruft. Mit anderen Worten: Die Verse 1 und 2 führen zu Vers 3. Sie bereiten ihn vor. Der erste Schöpfungsakt, das erste, was Gott in Genesis 1:1 bis 3 in dieser Sichtweise tut, ist nicht Vers 1. Es ist Vers 3. Das ist das allererste, was Gott ins Dasein spricht. Da mir kein besserer Begriff einfiel, ich konnte mir nichts Witziges oder Literarisches einfallen lassen, habe ich „Hebräische Syntax-Sichtweise” gewählt, weil es sich um strenge hebräische Syntax handelt. Syntax ist Satzstruktur, Satzbeziehungen. Wenn man sich streng an das hält, was im Hebräischen steht, wie ein Eiferer, und sich streng an die Regeln der hebräischen Grammatik hält, kommt man zu diesem Ergebnis.

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