Von Christian
„Wissen ist Macht“ ist ein geflügeltes Wort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon zurückgeht. Während er es auf die Wissenschaft bezog, gab es eine ähnliche, allgemeinere Aussage schon in Sprüche 24:5 „Die Weisen sind mächtiger als die Starken, und die mit Wissen werden immer stärker.“ (NLV) Viele kennen vielleicht auch eine persifilierte Form davon: „Wissen ist Macht, ich weiß nichts, macht nichts.“ Leider ist diese Aussage noch genauso falsch wie zu dem Zeitpunkt als diese Parole gebräuchlich wurde. Und sie ist auch falsch in Bezug auf unser Wissen über das Neue Testament. Denn in Bezug auf das Neue Testament sollen wir „durch Wissen unsere Kraft lenken“.
Für manchen waren die Erkenntnisse, die wir im Laufe dieser Serie gewonnen haben, zuerst einmal vielleicht nicht so leicht zu verdauen. Das erging mir nicht anders. Vielleicht wirkte es sogar wie ein Angriff auf den Glauben an das Neue Testament – wobei wir ja eigentlich an Jesus und Gott glauben sollten „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Johannes 14:1 Züricher). Aber das nur am Rande. Zumindest konnte es bedrohlich für das Vertrauen in das Neue Testament wirken. In einem Kommentar wurde das so ähnlich zum Ausdruck gebracht und gefragt, ob ich nicht auch eine Serie machen könnte, welche die Gründe darlegt, warum wir dem Neuen Testament vertrauen können.
Das verkennt aber die wahre Ursache dieses scheinbaren Konflikts: Nicht das Neue Testament an sich oder die uns nun bekannten Fakten sind das Problem, sondern falsche Erwartungen an und Behauptungen über das Neue Testament.
In diesem Teil geht es darum, zu zeigen, dass alle Fakten, welche wir betrachtet haben, unseren Glauben nicht schwächen, sondern im Gegenteil zu einem stabileren Glauben führen. Ein Glaube, der nicht so leicht von jemandem nur durch ein paar historische oder andere Tatsachen als Wunschtraum oder Irrtum abgetan werden kann.
Gehen wir dazu noch einmal die bisherigen Teile der Serie durch.
Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?
Aus dem ersten Teil wollen wir uns nochmal das Diagramm in den Sinn rufen, das verdeutlicht, wieviele Ebenen es zwischen Gottes Gedanken und dem biblischen Text, den wir lesen, gibt. Und was wir daher prüfen sollten.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was alles beteiligt ist und dies auch zu prüfen. Doch nicht nur anhand des Neuen Testaments sondern auch vieler anderer Schriften der Antike kann gezeigt werden, dass dies durchaus möglich ist! Bei Schriften antiker Historiker oder Herrscher können wir den Inhalt durch die Archäologie usw. prüfen. Bei antiken Mathematikern oder Naturphilosophen lässt sich der Inhalt auf Konsistenz überprüfen. Im Neuen Testament haben wir beides: Stimmt der Inhalt mit historischen Erkenntnissen überein und sind die Argumente und die Theologie konsistent? Anscheinend wurde das alles doch ganz gut bestätigt, sonst wäre wohl kaum jemand überhaupt auf die Idee gekommen, das wir mit dem Neuen Testament einen perfekten Kanon hätten.
Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?
Aber wie kamen wir eigentlich überhaupt auf die Idee, dass die Schriften des Neuen Testaments jedem, zu allen Zeiten, vollständig und vollkommen zur Verfügung stehen und bewahrt würden?
Im Neuen Testament lesen wir:
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters [griech. Äon].
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Matthäus 28:20; 18:20 Züricher
Wir lesen das und denken vielleicht doch:
Die Heilige Schrift ist bei uns bis zur Vollendung des Zeitalters.
Die Erkenntnis, dass die Schriften des Neuen Testaments nirgends sagen, dass sie vollständig und unverfälscht erhalten bleiben würden, hilft uns doch, den richtigen Inhalt im Glauben zu haben. „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Johannes 14:1 Züricher). Wenn die Schriften der Jünger Jesu das widergeben, was wir für einen solchen Glauben brauchen, dann ist das gut. Und wenn wir feststellen, dass das nicht immer der Fall ist? Sind wir dann davon überzeugt, dass Gott uns trotzdem alles gibt, was notwendig ist, um an ihn zu glauben? Wenn wir das so sehen, dann nähern wir uns dem Glauben der ersten Nachfolger Jesu wieder an. Sie haben die Schriften sehr geschätzt – zuerst das Alte Testament, dann auch die Schriften anderer Jünger. Aber ihr Glaube und ihr Vertrauen richtete sich doch stets auf Gott und Jesus.
Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea
Auch dieser Punkt war für unseren Glauben doch befreiend: Es gab andere Schriften von den Verfassern der Schriften im Neuen Testament, welche nicht im Kanon enthalten sind. Fehlt uns dadurch etwas? Warum hat Gott so entschieden? Wobei das wieder eine Annahme von uns ist.
Wenn Paulus aber einen Brief an eine weitere Gemeinde geschrieben hat und man beide Briefe in der jeweils anderen Gemeinde auch vorlesen sollte, wir aber nur den einen haben, dann sind Punkte in den Briefen wohl nützlich, aber nicht unbedingt unverzichtbar.
Anstatt also den Gedanken zu haben, dass es Gottes Plan war, genau diese Schriften im Neuen Testament schreiben zu lassen – und zwar nicht mehr und nicht weniger und nicht anders – gab es noch mehr Schriften. Und viele gute Schriften sind bis heute erhalten geblieben. Das Neue Testament ist kein Lehrbuch, in dem ganz genau das steht, was unseren Glauben ausmacht – und darüber hinaus gibt es nichts mehr. Das engt uns ja nur unnötig ein: Nur was darin steht, ist wahr und was nicht darin steht gibt es nicht oder ist falsch. Und dann wird begründet, warum das so ist usw. Das kann aber doch gar nicht so sein, denn die ersten Nachfolger Jesu hatten nur einen Teil der mündlichen Überlieferung und jeweils nur einen Teil der Schriften zur Verfügung.
Der Kanon des Neuen Testaments enthält also nicht alle guten und nützlichen Briefe. Es gibt also jede Menge Dinge, die nicht angesprochen oder erklärt wurden. Die Bibel kann nicht die Antwort auf alle Fragen enthalten. Und daher müssen wir in unserem Glauben auch nicht auf alles eine Antowrt haben. Und wir können manchmal auch verschiedener Ansicht sein, wie etwas zu verstehen ist. Oder wie man handeln sollte. Dafür hat jeder ein Gewissen und eine eigene Verantwortung.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Punkt schon deutlich machen konnte. Vielleicht mit etwas aus eigener Erfahrung: Was machen Jehovas Zeugen, wenn eine ‚biblische‘ Frage aufkommt? Schnell in der Wachttower-Library suchen! Bestimmt steht etwas dazu im Wachtturm. Und wenn man eine Aussage gefunden hat, dann ist diese maßgeblich. Die persönliche Einschätzung gemäß der Bibel zählt nicht. So ersetzt der Wachtturm das Denken, das Gewissen und den Glauben des Einzelnen.
Manche neigen dazu, das Gleiche mit der Bibel zu machen: Die Bibel soll eine vollständige Sammlung von Beweistexten und Regeln zum Leben sein, in der man auf alles eine Antwort findet. Eigentlich schreibt man Gott vor, wie seine Bibel zu sein hat. Doch die Bibel ist nicht das Wichtige, sondern der, welcher sie schreiben lies. [vergleiche Matthäus 23:16-22]
Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann
Was gab es nicht schon für Diskussionen, welche aufgrund bestimmter Übersetzungen oder dem Setzen eines Komma durchgeführt wurden. Und manchmal versperren uns Zeichensetzung, Absätzte oder Kapiteleinteilung den Blick auf die wahre Bedeutung des Textes. Das macht ja den Text nicht weniger wert oder untergräbt unseren Glauben. Der Text wird durch diese Erkenntnis ausch nicht beliebiger. Im Gegenteil, die Sicht auf den Text war vorher manchmal versperrt.
Und diese Erkenntnis sollte uns dazu veranlassen, möglichst auch in den Ursprachen nachzuschauen. Welche Bedeutung sich daraus ergibt. Oder zumindest Übersetzungen zu vergleichen. Diese Vorgehensweise vertieft und stärkt unseren Glauben ganz gewiss.
Teil 5: Das Comma Johanneum
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mir die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst wurde: Dass sich ein gefälschter Text über eine zentrale Lehre wie dem Wesen Gottes (Trinität) über fast die gesamte Zeit des Christentums in den Bibeln fand. Wie konnte Gott so etwas zulassen? Dass selbst der aufrichtigste Leser der Bibel so irregeführt wurde? Es dauerte aber, bis mir auch meine Gefühle bewußt wurden. Ich fühlte Enttäuschung und Ärger. Und hat das meinen Glauben erschüttert? Aber wie! Nicht so sehr den Glauben an Gott, sondern meinem ‚Glauben‘ an die Bibel.
Nach und nach habe ich gemerkt, dass ich mich über den Falschen geärgert habe. Gott hatte das doch gar nicht zugesagt (siehe Teil 2). Menschen hatten mir diese Vorstellung vermittelt und ich hatte das als Teil meines Glaubens verinnerlicht.
Danach war meiner Glaube stabiler. Mich erschüttert es nicht mehr, wenn solche Fehler in den Manuskripten entdeckt werden. Und ich weiß, dass dank der Arbeit vieler Gelehrte der uns zur Verfügung stehende Text besser denn je ist. Denn selbst wer im 1. Jahrhundert aus einem der Autographen vorgelesen bekommen hat, hatte ja nur einen Bruchteil des Neuen Testaments zur Verfügung. Durch diese Analyse der Manuskripte wissen wir also recht gut, woran wir sind. Auch wenn es für die Anfangsjahre mangels Manuskripten eine gewisse Unsicherheit gibt.
Da Gott gemäß den Schriften, die wir haben, nicht mehr verlangt, als wir wissen können, brauchen wir uns da auch nicht mehr verrückt zu machen. Wir haben, was wir brauchen. Und wenn eine Sache in den Schriften nicht klar gesagt wird oder widersprüchlich erscheint, dann können wir das so stehen lassen.
Früher musste ich bei jedem Verdacht, dass etwas mit dem biblischen Text nicht stimmen könnte, Angst bekommen. Jetzt nicht mehr. Es erinnert etwas an die Worte des Paulus:
Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin.
1. Korinther 13:12 NEÜ
Mit den Schriften im Neuen Testament verhält es sich nicht anders.
Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten
In Teil 6 mussten wir zuerst einmal feststellen, dass wir uns von der großen Zahl von tausenden Manuskripten nicht täuschen lassen dürfen. Die ältesten Manuskripte sind 3 winzige Fragmente aus dem zweiten Jahrhundert. Das früheste vollständige Manuskript stammt aus dem vierten Jahrhundert. Und bis zu dieser Zeit haben wir nur etwa 50 Fragmente und Manuskripte.
Die große Zahl von etwa 5.800 griechischen, 10.000 lateinischen und 9.300 Manuskripten in anderen Sprachen beschert uns erst einmal bis zu 400.000 Abweichungen, die alle durchgearbeitet werden mussten. Und das bei weniger als 140.000 Worten im Neuen Testament. Die meisten dieser Abweichungen lassen sich klären. Oft, weil es einfache Fehler sind. Es bleiben aber auch eine Menge Stellen übrig, bei denen bis heute der ursprüngliche Wortlaut unklar ist.
Andererseits sind die vielen erhaltenen Manuskripte ein Segen, weil wir dadurch die ‚Qualität‘ der Überlieferung der Texte gut studieren können. Die ist ganz im Sinne von „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon, der den Menschen „in einen höheren Stand seines Daseins“ bringen wollte. Und die wissenschaftlichen Methoden zur Analyse der Manuskripte tragen dazu bei, dass wir einen besseren Wissensstand haben und nicht auf Vermutungen oder ‚blinden Glauben‘ angewiesen sind.
Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten
Natürlich ist es schlimm, dass Betrüger den Text verfälschen konnten. Und Gott hat auch das zugelassen. Aber sie wurden erwischt! Sogar schon in den ersten Jahrhunderten und noch mehr bis zur heutigen Zeit.
Denken wir zurück an den Zusatz in Offenbarung 20:5, der später hinzugefügt wurde. Einige eschatologische Lehren stüzen ihre Auffassung auf diesen Vers. Zum Beispiel beruht die Zukunftshoffnung der meisten Zeugen Jehovas auf einer Auslegung, die sich auf diesen Zusatz stützt. Und Menschen haben ihr ganzes Leben danach ausgerichtet. Da viele Grundlagen dieser Lehre sich als unhaltbar erweisen haben, ist es doch gut, wenn wir aus den Unterschieden in den Manuskripten erkennen können, dass auch Offenbarung 20:5 diese Lehre nicht stützt. Wissen ist Macht. Hätte ich nur schon früher dieses Wissen gehabt!
Manchmal kommt einem etwas komisch vor. Wenn du der Meinung bist, dass es keine Abweichungen in den Manuskripten gab, dann musst du dafür Erklärungen finden – und dabei kommen mitunter abenteuerliche Argumentationen dabei heraus.
So ist das auch bei dem Text aus Johannes 5:4 „Denn ein Engel (des Herrn) stieg von Zeit zu Zeit in den Teich hinab und wühlte das Wasser auf. Wer nun als Erster hineinstieg nach dem Aufwallen des Wassers, wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet war.“ Irgendwie klingt das schon fremdartig, weil so etwas sonst nicht im Neuen Testament vorkommt. Und es wirft viele Fragen auf. Ist das nicht sehr ungerecht, was Gott da macht? Nur der Erste, der hineinsteigt wird geheilt?
Wenn du argumentierst, dass der Text im Neuen Testament fehlerfrei und von Gott direkt inspiriert ist, dann musst du das erklären. Aber das wirst du nicht wirklich zufriedenstellend hinbekommen, ohne mit anderen Aussagen im Neuen Testament in Konflikt zu geraten. Also wird es dein Vertrauen (‚Glauben‘) in die Bibel oder Gott letztendlich schwächen.
Erkennst du aber, dass dieser Vers in den ältesten Manuskripten gar nicht enthalten war, sondern als Teil der mündlichen Überlieferung – also Volks- oder Aberglauben – eingefügt wurde, dann löst sich das Problem in Luft auf. Diese Erkenntnis stärkt also unseren Glauben.
Teil 8: Die Entstehung des Kanon
Waren es aufrichtige Gläubige, die nach bestem Wissen unter schwierigen Umständen und mit viel Mühe bemüht waren, die Schriften mit den Lehren Jesu und seiner Jünger zu bewahren? Oder haben wir nur die Schriften, welche diejenige der vielen Strömungen im Christentum, welche alle anderen verdrängt und ausgelöscht hat, bewahrt hat? Um dadurch die eigene Auffassung zu festigen?
Für viele ist – zumindest unbewusst – bald nach dem Tod Jesu das Neue Testament da. Von Gott für uns gegeben, fast schon wie die Steintafeln mit den 10 Geboten. Aber was zeigen die Fakten?
Die Anerkennung der kanonischen Stellung der verschiedenen Bücher des Neuen Testaments war das Ergebnis eines langen und schrittweisen Prozesses, in dessen Verlauf bestimmte Schriften, die als autoritativ betrachtet wurden, von einem weit umfassenderen Corpus christlicher Literatur geschieden wurden. Auch wenn dies eine der bedeutendsten Entwicklungen im Denken und in der Praxis der frühen Kirche war, so schweigt sich die Geschichte im wesentlichen darüber aus, wie, wann und durch wen sie in Gang gesetzt worden ist. In den Annalen der christlichen Kirche ist nichts erstaunlicher als die Abwesenheit detaillierter Berichte über einen so bedeutsamen Prozess.
Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 11 (kursiv nicht im Original)
Und ganz wichtig war es, uns bewusst zu machen, dass mit ‚lange‘ Jahrhunderte gemeint sind und der Abschluss mit wichtigen Konzilen und dem Zeitpunkt zusammenhängt, an dem das Christentum Staatsreligion wurde. Nur zur Erinnerung nocheinmal die Grafik aus Teil 8:

Teil 9: Inspiration
Immer wieder haben wir gesehen, dass die Annahme einer wörtlichen, fehlerlosen Inspiration von Gott die Fakten nicht erklären kann sondern durch diese in Frage gestellt und sogar widerlegt wird. Hier nur nochmal ein paar Beispiele:
- Wozu verschiedene Schreibstile und Wortschätze sogar innerhalb einer Schrift?
- Wurde der Text diktiert, musste auch der tatsächliche Schreiber inspiriert sein.
- Jedes Wort muss stimmen, es darf keine Fehler in den Manuskripten geben.
- Abweichungen und Widersprüche zwischen Schriften stellen ein großes Problem dar.
- Eine Übersetzung kann die Quelle nie genau wiedergeben. Oder müsste nicht auch der Übersetzer bei der Wortwahl inspiriert sein?
Kennt man diese Tatsachen nicht, scheint das mit der wörtlichen Inspiration so schön zu sein. Aber dann wird es schwierig, es wir kompliziert argumentiert und manchmal Fakten ausgeblendet.
Mit der Kenntnis der Fakten haben wir eine viel bessere, weil einfachere Erklärung, welche auch nicht ständig korrigiert werden muss:
- Gott ist die ultimative Quelle. Durch den heiligen Geist hat er Menschen Dinge geoffenbart. Das sagte Jesus gemäß Johannes seinen Jüngern (Johannes 14:16 ,17). Paulus schrieb den Korinthern dass Gott ‚uns durch den Geist die Tiefen Gottes offenbart‘ (1. Korinther 2:10). Und das geschah auch schon, als Jesu ein Kleinkind war: „Vom Heiligen Geist war ihm [Simeon] offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.“ (Lukas 2:27)
- Einige haben dann die gesammelten Erkenntnisse aufgeschrieben. Mit ihren eigenen Worten. Manchmal haben an einer Schrift auch mehr als eine Person geschrieben. Manchmal haben sie auch ihre persönliche Meinung geschrieben – so gut sie es halt wussten und verstanden hatten: 1. Korinther 7:12 „Den Übrigen aber sage ich [Paulus], nicht der Herr: …“ (Elberfelder). Es gab auch Themen, die nicht so gut verstanden wurden und bei denen das Verständnis voneinander abwich. Das wurde nicht vereinheitlicht, sondern für damalige und spätere Gläubige bewahrt, damit sie weiter darüber nachdenken konnten und den Stand von damals nachlesen konnten.
- Übersetzungen sind kein Problem, weil wir uns dem, was beim Schreiben gemeint war, sowieso nur bis zu einem gewissen Punkt nähern können aufgrund des unterschiedlichen Kontextes.
Das ist jetzt keine faule Ausrede, mit der wir uns um schwierige Passagen drücken wollen. Und wir sollten auch nicht zu schnell darauf schließen, dass in diesem oder jenem Text halt ein Mensch Fehler gemacht oder nur seine Meinung oder sein Verständnis aufgeschrieben hat. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, rein menschlicher oder rein göttlicher Ursprung. Die Frage ist immer, was göttliche Gedanken von Menschen formuliert sind und was persönliche Auffassung.
Teil 10: Ist die Bibel ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘?
Vielleicht gerade in Teil 10 wurde deutlich, dass es hier nicht darum geht, die Bibel oder das Neue Testament schlecht zu machen. Sondern es geht um eine Untersuchung, welche Wünsche und Vorstellungen wir in den Kanon hinein projizieren. Wer möchte, kann ja die Begriffe „Die Heilige Schrift“ oder „Das Wort Gottes“ verwenden. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass diese Begriffe im Neuen Testament nicht verwendet werden – schon gar nicht für das Neue Testament selbst. Und ob wir aufgrund dieser Begriffe Ansprüche bezüglich des Textes haben, die uns im Neuen Testament gar nicht zugesichert werden. Ursprünglich bedeute das griechische βιβλία biblía auch „Schriftrollen, Bücher“. Ein Sammlung von Schriften. Während wir bei ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ wohl auch im Sinn haben, dass Gott die Bibel genau so geplant und vielleicht sogar wörtlich inspiriert hat, legt das griechische Wort eher den Gedanken nahe, dass Menschen diese Schriften gesammelt haben, weil sie sie als wichtig für ihren Glauben befunden haben.
Teil 11: Gibt es nur ein Evangelium?
Gibt es nur ein Evangelium? Ja. Aber vier Evangelien – und zwar zum Glück möchte ich sagen. Denn wenn auch manche wie in den ersten Jahrhunderten versuchen, diese als die eine historische Beschreibung Jesu zu vereinheitlichen, so wird bei genauerer Betrachtung immer deutlicher, dass es sich um theologische Werke handelt, die bestimmte Aspekte hervorheben wollen. Und schon im Lukas-Evangelium kann man lesen, dass es viele solche Berichte über Jesus gab. Das herauszuarbeiten ist aber ein Thema für eine andere Serie.
Teil 12: Apokryphen
Beim Thema Apokryphen fasse ich mich kurz: Es ist wichtig zu wissen, dass es auch in christlicher Zeit solche gab. Apokryphe Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen. Und diese wurden auch nach Aposteln und anderen bekannten Jüngern benannt. Die Jünger konnten also nicht nach dem Titel beurteilen, ob ein Text zum Kanon gehörte oder nicht. Es kam auf den Inhalt an. Heute halten wir einen Text vielleicht schon deswegen für ‚heilig‘, weil er Teil der Bibel ist. Aber die Text sind nur deswegen im Kanon, weil Nachfolger Jesu sich die Mühe machte, diese Text zu beurteilen. Inwieweit Gott dies gelenkt hat, lässt sich leider kaum beweisen oder durch die historischen Fakten belegen. Warum manche Text aber nicht Teil des Kanons wurden, ist aufgrund des Inhalts schon einfacher.
Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen
Sich mit Marcion zu beschäftigen, ist aus mehreren Gründen wichtig für unser Verständnis des Neuen Testaments gewesen. Nicht nur, dass er in gewissem Sinne die Lehren Pauli konsequent bis zum Ende weiter entwickelt hat. Auch wenn er damit für die damaligen proto-orthodoxen Christen wie auch die meisten heute weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Doch manche der Ideen sind heute weiter verbreitet als man vermutet. Und eine ganze Menge ist in die christliche Hauptrichtung mit aufgenommen worden. Wichtiger für unser Thema ist sein Beitrag zur Entstehung des Kanon. Höchstwahrscheinlich hat er den ersten Kanon geschaffen. Was zumindest die Entwicklung des Kanons des Neuen Testamentes, wie wir es kennen, beschleunigt und beeinflusst hat.
Teil 14: Zwischenbilanz
In Teil 14 – Zwischenbilanz – sprachen wir darüber, dass die Fakten für alle gleich sind. Die Einschätzung der Unsicherheiten aber für jeden unterschiedlich ausfallen kann. Und dass wir das Neue Testament nicht als Ganzes beurteilen müssen und schon gar nicht in schwarz oder weiß. Jede Passage kann auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden und das sollten wir auch tun, bevor wir unseren Glauben auf bestimmte Aussagen stützen.
Probleme entstehen nicht durch den Kanon des Neuen Testaments an sich, sondern durch Behauptungen darüber. Um bei dem in Teil 14 angesprochenen Vergleich mit einem Kunstwerk, einem Gemälde zum Beispiel, zu bleiben. Behaupten wir, dass das Bild ein Original ist, ohne Schäden oder Reparaturen, dann lässt sich dies leicht schon durch eine kleine Beschädigung widerlegen. So ist es auch mit überzogenen Behauptungen über die Bibel. Was das Neue Testament betrifft, können wir mittlerweile sozusagen ein ausführliches Gutachten von Experten vorlegen, das Herkunft, Art und Umfang der Beschädigungen und Reparaturen usw beschriebt. Auch wenn wir bei Details aufgrund von Restaurierungen nicht sicher sein können, ergibt sich in vielen Punkten doch ein Gesamtbild.
Teil 15: Die Textzeugen und die Trinität
Wie wir in Teil 8 gesehen hatten, war diejenigen, welche bis zum vierten Jahrhundert an der Erstellung des Kanons des Neuen Testaments beteiligt waren zum Teil auch jene, welche schließlich die Trinität als verbindliche Doktrin festlegten. In Teil 5 (Comma Johanneum) und Teil 7 (Absichtliche Änderungen in den Manuskripten) hatten wir auch gesehen, dass absichtliche Änderungen durchgeführt wurden, um diese Lehre zu stützen. Dass wir heute diese Fälschungen nachweisen können, belegt aber umgekehrt auch, dass die Manuskripte nicht vollständig verdorben wurden. Ganz im Gegenteil: Gerade die Vielzahl der Manuskripte mit ihren Abweichungen vermittelt uns eine gute Grundlage. Denn es sind gerade die Übereinstimmungen der Manuskripte, welche unsere Analyse ermöglichten.
Die Analyse des Neuen Testaments in Teil 14 hatte ergeben, dass sich diese Lehre – so wie sie im vierten Jahrhundert auf Konzilen verabschiedet wurden – so nicht im Neuen Testament enthalten ist. Im Gegenteil eine Vielzahl von Texten und wiederholten Formulierungen bezeugen das Gegenteil. Das Neue Testament steht hier also nicht im Widerspruch zum Alten Testament.
Teil 16: Der Zeitpunkt der Entstehung der Schriften
Über den genauen Zeitpunkt der Niederschrift lässt sich nur in wenigen Fällen eine recht konkrete Aussage treffen, in der Regel bei Briefen des Paulus. Man kann aber von einem Zeitpunkt von rund 10 bis 20 Jahren nach Jesu Tod bis zum Ende des 1. Jahrhunderts ausgehen. Also zu einer Zeit, in der noch Zeitzeugen lebten und die mündliche Überlieferung reichhaltig war. Dadurch war eine Überprüfung möglich. Der genaue Zeitpunkt einer Niederschrift ist auch in der Regel nicht so wichtig. Mit Ausnahme der prophetischen Aussagen Jesu über die Zerstörung Jerusalems.
Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments
So ähnlich verhält es sich auch mit den Verfassern der Schriften im Kanon des Neuen Testaments. Bis auf 7 Briefe, bei denen wir ziemlich sicher sein können, dass sie von Paulus stammen, gibt es bei allen anderen Schriften des Neuen Testaments viele offene Fragen aber nicht so viele Gewissheiten, was die Verfasser betrifft. Die Überschriften wurden erst viel später hinzugefügt. Und wenn wir uns auf die Texte der patristischen Zeit und der Kirchenväter verlassen, dann sollten wir bedenken, dass auch diese sich schon auf Informationen anderer berufen haben. Und im Fall von Hebräer irrten sie. Oder sogar ihnen fielen schon überraschende Unterschiede im Stil und Wortschatz auf.
Warum sollten uns aber die Verfasser der Schriften so wichtig sein? Vielleicht, weil sie dann mehr Autorität für uns haben, wenn sie von einem Petrus oder Paulus kommen? Und weil Hebräer von einem unbekannten Jünger Jesu geschrieben wurde, ist es dann weniger Wert, hat es weniger Autorität? Für die ersten Christen und diejenigen, welche den Kanon zusammengestellt haben, war dies nicht die wichtigste Quelle der Autorität, sondern der Inhalt und die Qualität. Könnte Gott durch seinen Heiligen Geist nicht jeden befähigen? Lesen wir nicht im Neuen Testament, dass viele durch die Gabe des Heiligen Geistes prophezeit haben, was sich ja nicht auf die Voraussage der Zukunft beschränkt, sondern in der Regel auf Botschaften Gottes? Wer auch immer diese Gedanken dann aufgeschrieben hat, ist dann doch nicht mehr so wichtig.
Fazit
Sehr allgemeine und absolute Aussagen über den Kanon des Neuen Testaments lassen sich oft leicht widerlegen, weil es nur eines Gegenbeispiels bedarf. Deswegen mussten wir alles in der Aussage aus Teil 1 streichen, wenn wir diesen so gedacht haben:
Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott wörtlich inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.
Eine solche Vorstellung gibt unserem Glauben daher nur eine trügerische, scheinbare Stabilität. Eine gute Grundlage für unseren Glauben nutzt alle Fakten und braucht sie nicht zu fürchten. Unser Glaube wird dann sogar tiefer, denn die Basis ist breiter und tiefer und das Vertrauen auf Gott ist größer. Und wir können das Neue Testament das sein lassen, was es ist:
Ein Kanon von Schriften der Jünger Jesu aus dem 1. Jahrhundert, der uns hilft, die Schriften des Alten Testaments im Kontext Jesu als dem Messias neu zu lesen und als eine Fortsetzung dessen zu sehen. Gedanken und Erkenntnisse, die sie durch Jesus und den heiligen Geist erhalten hatten. Texte ihres Glaubens für unseren Glauben.


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