Diese Serie behandelt verschiedenste Fragestellungen in Bezug auf den Kanon des Neuen Testaments: Entstehung, Manuskripte, Unterschiede in den Manuskripten und absichtliche Änderungen, Inspiration und eine ausgewogene, auf Tatsachen basierende Einschätzung.
Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.
Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.
Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.
Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.
Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.
Nachdem ich im Jahr 2023 diese Serie über den Kanon des Neuen Testaments fertig gestellt hatte, und 2024 leider mit einem neuen YouTube Kanal ‚Beröer Suche‘ nochmals anfangen musste, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um der Serie ein kurzes Vorwort voranzustellen.
Wenn du dir die 18 Folgen der Serie anschaust, dann begibst du dich mit mir auf eine Entdeckungsreise. Es kann gut sein, dass du dich manchmal wie im Tal der Tränen fühlst, aber keine Sorge – es endet nicht hoffnungslos.
Wenn dir klar wird, dass dir vertraute, liebgewordene und scheinbar wichtige Eckpfeiler deines Glaubens verloren gehen, dann ist das eine schwierige Zeit. So ist es mir auch ergangen. Doch oft ist ein Eckpfeiler da – nur nicht so, wir wir das vielleicht uns vorgestellt haben.
Die Frage ist, ob du bei einem Glauben stehen bleiben möchtest, der sich gut anfühlt, aber oberflächlich ist und auf Wunschvorstellungen beruht. Das führt oft dazu, dass man sich von anderen Meinungen abkapselt, Angst vor ihnen hat oder mit Überheblichkeit reagiert.
Oder man sieht den Tatsachen ins Auge, und entwickelt einen reifen, ausgewogenen Glauben. Dazu muss man sich manchmal auch die ‚Gegenseite‘ anhören. Und lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.
Wenn wir von der Bibel – und insbesondere dem Neuen Testament, das wir hier behandeln – nichts erwarten, was uns nie zugesichert wurde, werden wir viel dankbarer für das sein, was wir haben. Texte des Glaubens für unseren Glauben.
„Wissen ist Macht“ ist ein geflügeltes Wort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon zurückgeht. Während er es auf die Wissenschaft bezog, gab es eine ähnliche, allgemeinere Aussage schon in Sprüche 24:5 „Die Weisen sind mächtiger als die Starken, und die mit Wissen werden immer stärker.“ (NLV) Viele kennen vielleicht auch eine persifilierte Form davon: „Wissen ist Macht, ich weiß nichts, macht nichts.“ Leider ist diese Aussage noch genauso falsch wie zu dem Zeitpunkt als diese Parole gebräuchlich wurde. Und sie ist auch falsch in Bezug auf unser Wissen über das Neue Testament. Denn in Bezug auf das Neue Testament sollen wir „durch Wissen unsere Kraft lenken“.
Für manchen waren die Erkenntnisse, die wir im Laufe dieser Serie gewonnen haben, zuerst einmal vielleicht nicht so leicht zu verdauen. Das erging mir nicht anders. Vielleicht wirkte es sogar wie ein Angriff auf den Glauben an das Neue Testament – wobei wir ja eigentlich an Jesus und Gott glauben sollten „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Johannes 14:1 Züricher). Aber das nur am Rande. Zumindest konnte es bedrohlich für das Vertrauen in das Neue Testament wirken. In einem Kommentar wurde das so ähnlich zum Ausdruck gebracht und gefragt, ob ich nicht auch eine Serie machen könnte, welche die Gründe darlegt, warum wir dem Neuen Testament vertrauen können.
Das verkennt aber die wahre Ursache dieses scheinbaren Konflikts: Nicht das Neue Testament an sich oder die uns nun bekannten Fakten sind das Problem, sondern falsche Erwartungen an und Behauptungen über das Neue Testament.
In diesem Teil geht es darum, zu zeigen, dass alle Fakten, welche wir betrachtet haben, unseren Glauben nicht schwächen, sondern im Gegenteil zu einem stabileren Glauben führen. Ein Glaube, der nicht so leicht von jemandem nur durch ein paar historische oder andere Tatsachen als Wunschtraum oder Irrtum abgetan werden kann.
Gehen wir dazu noch einmal die bisherigen Teile der Serie durch.
Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?
Aus dem ersten Teil wollen wir uns nochmal das Diagramm in den Sinn rufen, das verdeutlicht, wieviele Ebenen es zwischen Gottes Gedanken und dem biblischen Text, den wir lesen, gibt. Und was wir daher prüfen sollten.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was alles beteiligt ist und dies auch zu prüfen. Doch nicht nur anhand des Neuen Testaments sondern auch vieler anderer Schriften der Antike kann gezeigt werden, dass dies durchaus möglich ist! Bei Schriften antiker Historiker oder Herrscher können wir den Inhalt durch die Archäologie usw. prüfen. Bei antiken Mathematikern oder Naturphilosophen lässt sich der Inhalt auf Konsistenz überprüfen. Im Neuen Testament haben wir beides: Stimmt der Inhalt mit historischen Erkenntnissen überein und sind die Argumente und die Theologie konsistent? Anscheinend wurde das alles doch ganz gut bestätigt, sonst wäre wohl kaum jemand überhaupt auf die Idee gekommen, das wir mit dem Neuen Testament einen perfekten Kanon hätten.
Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?
Aber wie kamen wir eigentlich überhaupt auf die Idee, dass die Schriften des Neuen Testaments jedem, zu allen Zeiten, vollständig und vollkommen zur Verfügung stehen und bewahrt würden?
Im Neuen Testament lesen wir:
Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters [griech. Äon].
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Matthäus 28:20; 18:20 Züricher
Wir lesen das und denken vielleicht doch:
Die Heilige Schrift ist bei uns bis zur Vollendung des Zeitalters.
Die Erkenntnis, dass die Schriften des Neuen Testaments nirgends sagen, dass sie vollständig und unverfälscht erhalten bleiben würden, hilft uns doch, den richtigen Inhalt im Glauben zu haben. „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Johannes 14:1 Züricher). Wenn die Schriften der Jünger Jesu das widergeben, was wir für einen solchen Glauben brauchen, dann ist das gut. Und wenn wir feststellen, dass das nicht immer der Fall ist? Sind wir dann davon überzeugt, dass Gott uns trotzdem alles gibt, was notwendig ist, um an ihn zu glauben? Wenn wir das so sehen, dann nähern wir uns dem Glauben der ersten Nachfolger Jesu wieder an. Sie haben die Schriften sehr geschätzt – zuerst das Alte Testament, dann auch die Schriften anderer Jünger. Aber ihr Glaube und ihr Vertrauen richtete sich doch stets auf Gott und Jesus.
Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea
Auch dieser Punkt war für unseren Glauben doch befreiend: Es gab andere Schriften von den Verfassern der Schriften im Neuen Testament, welche nicht im Kanon enthalten sind. Fehlt uns dadurch etwas? Warum hat Gott so entschieden? Wobei das wieder eine Annahme von uns ist.
Wenn Paulus aber einen Brief an eine weitere Gemeinde geschrieben hat und man beide Briefe in der jeweils anderen Gemeinde auch vorlesen sollte, wir aber nur den einen haben, dann sind Punkte in den Briefen wohl nützlich, aber nicht unbedingt unverzichtbar.
Anstatt also den Gedanken zu haben, dass es Gottes Plan war, genau diese Schriften im Neuen Testament schreiben zu lassen – und zwar nicht mehr und nicht weniger und nicht anders – gab es noch mehr Schriften. Und viele gute Schriften sind bis heute erhalten geblieben. Das Neue Testament ist kein Lehrbuch, in dem ganz genau das steht, was unseren Glauben ausmacht – und darüber hinaus gibt es nichts mehr. Das engt uns ja nur unnötig ein: Nur was darin steht, ist wahr und was nicht darin steht gibt es nicht oder ist falsch. Und dann wird begründet, warum das so ist usw. Das kann aber doch gar nicht so sein, denn die ersten Nachfolger Jesu hatten nur einen Teil der mündlichen Überlieferung und jeweils nur einen Teil der Schriften zur Verfügung.
Der Kanon des Neuen Testaments enthält also nicht alle guten und nützlichen Briefe. Es gibt also jede Menge Dinge, die nicht angesprochen oder erklärt wurden. Die Bibel kann nicht die Antwort auf alle Fragen enthalten. Und daher müssen wir in unserem Glauben auch nicht auf alles eine Antowrt haben. Und wir können manchmal auch verschiedener Ansicht sein, wie etwas zu verstehen ist. Oder wie man handeln sollte. Dafür hat jeder ein Gewissen und eine eigene Verantwortung.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Punkt schon deutlich machen konnte. Vielleicht mit etwas aus eigener Erfahrung: Was machen Jehovas Zeugen, wenn eine ‚biblische‘ Frage aufkommt? Schnell in der Wachttower-Library suchen! Bestimmt steht etwas dazu im Wachtturm. Und wenn man eine Aussage gefunden hat, dann ist diese maßgeblich. Die persönliche Einschätzung gemäß der Bibel zählt nicht. So ersetzt der Wachtturm das Denken, das Gewissen und den Glauben des Einzelnen.
Manche neigen dazu, das Gleiche mit der Bibel zu machen: Die Bibel soll eine vollständige Sammlung von Beweistexten und Regeln zum Leben sein, in der man auf alles eine Antwort findet. Eigentlich schreibt man Gott vor, wie seine Bibel zu sein hat. Doch die Bibel ist nicht das Wichtige, sondern der, welcher sie schreiben lies. [vergleiche Matthäus 23:16-22]
Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann
Was gab es nicht schon für Diskussionen, welche aufgrund bestimmter Übersetzungen oder dem Setzen eines Komma durchgeführt wurden. Und manchmal versperren uns Zeichensetzung, Absätzte oder Kapiteleinteilung den Blick auf die wahre Bedeutung des Textes. Das macht ja den Text nicht weniger wert oder untergräbt unseren Glauben. Der Text wird durch diese Erkenntnis ausch nicht beliebiger. Im Gegenteil, die Sicht auf den Text war vorher manchmal versperrt.
Und diese Erkenntnis sollte uns dazu veranlassen, möglichst auch in den Ursprachen nachzuschauen. Welche Bedeutung sich daraus ergibt. Oder zumindest Übersetzungen zu vergleichen. Diese Vorgehensweise vertieft und stärkt unseren Glauben ganz gewiss.
Teil 5: Das Comma Johanneum
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mir die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst wurde: Dass sich ein gefälschter Text über eine zentrale Lehre wie dem Wesen Gottes (Trinität) über fast die gesamte Zeit des Christentums in den Bibeln fand. Wie konnte Gott so etwas zulassen? Dass selbst der aufrichtigste Leser der Bibel so irregeführt wurde? Es dauerte aber, bis mir auch meine Gefühle bewußt wurden. Ich fühlte Enttäuschung und Ärger. Und hat das meinen Glauben erschüttert? Aber wie! Nicht so sehr den Glauben an Gott, sondern meinem ‚Glauben‘ an die Bibel.
Nach und nach habe ich gemerkt, dass ich mich über den Falschen geärgert habe. Gott hatte das doch gar nicht zugesagt (siehe Teil 2). Menschen hatten mir diese Vorstellung vermittelt und ich hatte das als Teil meines Glaubens verinnerlicht.
Danach war meiner Glaube stabiler. Mich erschüttert es nicht mehr, wenn solche Fehler in den Manuskripten entdeckt werden. Und ich weiß, dass dank der Arbeit vieler Gelehrte der uns zur Verfügung stehende Text besser denn je ist. Denn selbst wer im 1. Jahrhundert aus einem der Autographen vorgelesen bekommen hat, hatte ja nur einen Bruchteil des Neuen Testaments zur Verfügung. Durch diese Analyse der Manuskripte wissen wir also recht gut, woran wir sind. Auch wenn es für die Anfangsjahre mangels Manuskripten eine gewisse Unsicherheit gibt.
Da Gott gemäß den Schriften, die wir haben, nicht mehr verlangt, als wir wissen können, brauchen wir uns da auch nicht mehr verrückt zu machen. Wir haben, was wir brauchen. Und wenn eine Sache in den Schriften nicht klar gesagt wird oder widersprüchlich erscheint, dann können wir das so stehen lassen.
Früher musste ich bei jedem Verdacht, dass etwas mit dem biblischen Text nicht stimmen könnte, Angst bekommen. Jetzt nicht mehr. Es erinnert etwas an die Worte des Paulus:
Jetzt sehen wir wie in einem blank polierten Stück Metall nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir alles direkt zu Gesicht bekommen. Jetzt erkenne ich nur Teile des Ganzen, dann aber werde ich so erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin.
1. Korinther 13:12 NEÜ
Mit den Schriften im Neuen Testament verhält es sich nicht anders.
Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten
In Teil 6 mussten wir zuerst einmal feststellen, dass wir uns von der großen Zahl von tausenden Manuskripten nicht täuschen lassen dürfen. Die ältesten Manuskripte sind 3 winzige Fragmente aus dem zweiten Jahrhundert. Das früheste vollständige Manuskript stammt aus dem vierten Jahrhundert. Und bis zu dieser Zeit haben wir nur etwa 50 Fragmente und Manuskripte.
Die große Zahl von etwa 5.800 griechischen, 10.000 lateinischen und 9.300 Manuskripten in anderen Sprachen beschert uns erst einmal bis zu 400.000 Abweichungen, die alle durchgearbeitet werden mussten. Und das bei weniger als 140.000 Worten im Neuen Testament. Die meisten dieser Abweichungen lassen sich klären. Oft, weil es einfache Fehler sind. Es bleiben aber auch eine Menge Stellen übrig, bei denen bis heute der ursprüngliche Wortlaut unklar ist.
Andererseits sind die vielen erhaltenen Manuskripte ein Segen, weil wir dadurch die ‚Qualität‘ der Überlieferung der Texte gut studieren können. Die ist ganz im Sinne von „Wissen ist Macht“ von Francis Bacon, der den Menschen „in einen höheren Stand seines Daseins“ bringen wollte. Und die wissenschaftlichen Methoden zur Analyse der Manuskripte tragen dazu bei, dass wir einen besseren Wissensstand haben und nicht auf Vermutungen oder ‚blinden Glauben‘ angewiesen sind.
Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten
Natürlich ist es schlimm, dass Betrüger den Text verfälschen konnten. Und Gott hat auch das zugelassen. Aber sie wurden erwischt! Sogar schon in den ersten Jahrhunderten und noch mehr bis zur heutigen Zeit.
Denken wir zurück an den Zusatz in Offenbarung 20:5, der später hinzugefügt wurde. Einige eschatologische Lehren stüzen ihre Auffassung auf diesen Vers. Zum Beispiel beruht die Zukunftshoffnung der meisten Zeugen Jehovas auf einer Auslegung, die sich auf diesen Zusatz stützt. Und Menschen haben ihr ganzes Leben danach ausgerichtet. Da viele Grundlagen dieser Lehre sich als unhaltbar erweisen haben, ist es doch gut, wenn wir aus den Unterschieden in den Manuskripten erkennen können, dass auch Offenbarung 20:5 diese Lehre nicht stützt. Wissen ist Macht. Hätte ich nur schon früher dieses Wissen gehabt!
Manchmal kommt einem etwas komisch vor. Wenn du der Meinung bist, dass es keine Abweichungen in den Manuskripten gab, dann musst du dafür Erklärungen finden – und dabei kommen mitunter abenteuerliche Argumentationen dabei heraus.
So ist das auch bei dem Text aus Johannes 5:4 „Denn ein Engel (des Herrn) stieg von Zeit zu Zeit in den Teich hinab und wühlte das Wasser auf. Wer nun als Erster hineinstieg nach dem Aufwallen des Wassers, wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet war.“ Irgendwie klingt das schon fremdartig, weil so etwas sonst nicht im Neuen Testament vorkommt. Und es wirft viele Fragen auf. Ist das nicht sehr ungerecht, was Gott da macht? Nur der Erste, der hineinsteigt wird geheilt?
Wenn du argumentierst, dass der Text im Neuen Testament fehlerfrei und von Gott direkt inspiriert ist, dann musst du das erklären. Aber das wirst du nicht wirklich zufriedenstellend hinbekommen, ohne mit anderen Aussagen im Neuen Testament in Konflikt zu geraten. Also wird es dein Vertrauen (‚Glauben‘) in die Bibel oder Gott letztendlich schwächen.
Erkennst du aber, dass dieser Vers in den ältesten Manuskripten gar nicht enthalten war, sondern als Teil der mündlichen Überlieferung – also Volks- oder Aberglauben – eingefügt wurde, dann löst sich das Problem in Luft auf. Diese Erkenntnis stärkt also unseren Glauben.
Teil 8: Die Entstehung des Kanon
Waren es aufrichtige Gläubige, die nach bestem Wissen unter schwierigen Umständen und mit viel Mühe bemüht waren, die Schriften mit den Lehren Jesu und seiner Jünger zu bewahren? Oder haben wir nur die Schriften, welche diejenige der vielen Strömungen im Christentum, welche alle anderen verdrängt und ausgelöscht hat, bewahrt hat? Um dadurch die eigene Auffassung zu festigen?
Für viele ist – zumindest unbewusst – bald nach dem Tod Jesu das Neue Testament da. Von Gott für uns gegeben, fast schon wie die Steintafeln mit den 10 Geboten. Aber was zeigen die Fakten?
Die Anerkennung der kanonischen Stellung der verschiedenen Bücher des Neuen Testaments war das Ergebnis eines langen und schrittweisen Prozesses, in dessen Verlauf bestimmte Schriften, die als autoritativ betrachtet wurden, von einem weit umfassenderen Corpus christlicher Literatur geschieden wurden. Auch wenn dies eine der bedeutendsten Entwicklungen im Denken und in der Praxis der frühen Kirche war, so schweigt sich die Geschichte im wesentlichen darüber aus, wie, wann und durch wen sie in Gang gesetzt worden ist. In den Annalen der christlichen Kirche ist nichts erstaunlicher als die Abwesenheit detaillierter Berichte über einen so bedeutsamen Prozess.
Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 11 (kursiv nicht im Original)
Und ganz wichtig war es, uns bewusst zu machen, dass mit ‚lange‘ Jahrhunderte gemeint sind und der Abschluss mit wichtigen Konzilen und dem Zeitpunkt zusammenhängt, an dem das Christentum Staatsreligion wurde. Nur zur Erinnerung nocheinmal die Grafik aus Teil 8:
Teil 9: Inspiration
Immer wieder haben wir gesehen, dass die Annahme einer wörtlichen, fehlerlosen Inspiration von Gott die Fakten nicht erklären kann sondern durch diese in Frage gestellt und sogar widerlegt wird. Hier nur nochmal ein paar Beispiele:
Wozu verschiedene Schreibstile und Wortschätze sogar innerhalb einer Schrift?
Wurde der Text diktiert, musste auch der tatsächliche Schreiber inspiriert sein.
Jedes Wort muss stimmen, es darf keine Fehler in den Manuskripten geben.
Abweichungen und Widersprüche zwischen Schriften stellen ein großes Problem dar.
Eine Übersetzung kann die Quelle nie genau wiedergeben. Oder müsste nicht auch der Übersetzer bei der Wortwahl inspiriert sein?
Kennt man diese Tatsachen nicht, scheint das mit der wörtlichen Inspiration so schön zu sein. Aber dann wird es schwierig, es wir kompliziert argumentiert und manchmal Fakten ausgeblendet.
Mit der Kenntnis der Fakten haben wir eine viel bessere, weil einfachere Erklärung, welche auch nicht ständig korrigiert werden muss:
Gott ist die ultimative Quelle. Durch den heiligen Geist hat er Menschen Dinge geoffenbart. Das sagte Jesus gemäß Johannes seinen Jüngern (Johannes 14:16 ,17). Paulus schrieb den Korinthern dass Gott ‚uns durch den Geist die Tiefen Gottes offenbart‘ (1. Korinther 2:10). Und das geschah auch schon, als Jesu ein Kleinkind war: „Vom Heiligen Geist war ihm [Simeon] offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.“ (Lukas 2:27)
Einige haben dann die gesammelten Erkenntnisse aufgeschrieben. Mit ihren eigenen Worten. Manchmal haben an einer Schrift auch mehr als eine Person geschrieben. Manchmal haben sie auch ihre persönliche Meinung geschrieben – so gut sie es halt wussten und verstanden hatten: 1. Korinther 7:12 „Den Übrigen aber sage ich [Paulus], nicht der Herr: …“ (Elberfelder). Es gab auch Themen, die nicht so gut verstanden wurden und bei denen das Verständnis voneinander abwich. Das wurde nicht vereinheitlicht, sondern für damalige und spätere Gläubige bewahrt, damit sie weiter darüber nachdenken konnten und den Stand von damals nachlesen konnten.
Übersetzungen sind kein Problem, weil wir uns dem, was beim Schreiben gemeint war, sowieso nur bis zu einem gewissen Punkt nähern können aufgrund des unterschiedlichen Kontextes.
Das ist jetzt keine faule Ausrede, mit der wir uns um schwierige Passagen drücken wollen. Und wir sollten auch nicht zu schnell darauf schließen, dass in diesem oder jenem Text halt ein Mensch Fehler gemacht oder nur seine Meinung oder sein Verständnis aufgeschrieben hat. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, rein menschlicher oder rein göttlicher Ursprung. Die Frage ist immer, was göttliche Gedanken von Menschen formuliert sind und was persönliche Auffassung.
Teil 10: Ist die Bibel ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘?
Vielleicht gerade in Teil 10 wurde deutlich, dass es hier nicht darum geht, die Bibel oder das Neue Testament schlecht zu machen. Sondern es geht um eine Untersuchung, welche Wünsche und Vorstellungen wir in den Kanon hinein projizieren. Wer möchte, kann ja die Begriffe „Die Heilige Schrift“ oder „Das Wort Gottes“ verwenden. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass diese Begriffe im Neuen Testament nicht verwendet werden – schon gar nicht für das Neue Testament selbst. Und ob wir aufgrund dieser Begriffe Ansprüche bezüglich des Textes haben, die uns im Neuen Testament gar nicht zugesichert werden. Ursprünglich bedeute das griechische βιβλία biblía auch „Schriftrollen, Bücher“. Ein Sammlung von Schriften. Während wir bei ‚die heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ wohl auch im Sinn haben, dass Gott die Bibel genau so geplant und vielleicht sogar wörtlich inspiriert hat, legt das griechische Wort eher den Gedanken nahe, dass Menschen diese Schriften gesammelt haben, weil sie sie als wichtig für ihren Glauben befunden haben.
Teil 11: Gibt es nur ein Evangelium?
Gibt es nur ein Evangelium? Ja. Aber vier Evangelien – und zwar zum Glück möchte ich sagen. Denn wenn auch manche wie in den ersten Jahrhunderten versuchen, diese als die eine historische Beschreibung Jesu zu vereinheitlichen, so wird bei genauerer Betrachtung immer deutlicher, dass es sich um theologische Werke handelt, die bestimmte Aspekte hervorheben wollen. Und schon im Lukas-Evangelium kann man lesen, dass es viele solche Berichte über Jesus gab. Das herauszuarbeiten ist aber ein Thema für eine andere Serie.
Teil 12: Apokryphen
Beim Thema Apokryphen fasse ich mich kurz: Es ist wichtig zu wissen, dass es auch in christlicher Zeit solche gab. Apokryphe Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen. Und diese wurden auch nach Aposteln und anderen bekannten Jüngern benannt. Die Jünger konnten also nicht nach dem Titel beurteilen, ob ein Text zum Kanon gehörte oder nicht. Es kam auf den Inhalt an. Heute halten wir einen Text vielleicht schon deswegen für ‚heilig‘, weil er Teil der Bibel ist. Aber die Text sind nur deswegen im Kanon, weil Nachfolger Jesu sich die Mühe machte, diese Text zu beurteilen. Inwieweit Gott dies gelenkt hat, lässt sich leider kaum beweisen oder durch die historischen Fakten belegen. Warum manche Text aber nicht Teil des Kanons wurden, ist aufgrund des Inhalts schon einfacher.
Teil 13: Marcion und andere verschwundene Christen
Sich mit Marcion zu beschäftigen, ist aus mehreren Gründen wichtig für unser Verständnis des Neuen Testaments gewesen. Nicht nur, dass er in gewissem Sinne die Lehren Pauli konsequent bis zum Ende weiter entwickelt hat. Auch wenn er damit für die damaligen proto-orthodoxen Christen wie auch die meisten heute weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Doch manche der Ideen sind heute weiter verbreitet als man vermutet. Und eine ganze Menge ist in die christliche Hauptrichtung mit aufgenommen worden. Wichtiger für unser Thema ist sein Beitrag zur Entstehung des Kanon. Höchstwahrscheinlich hat er den ersten Kanon geschaffen. Was zumindest die Entwicklung des Kanons des Neuen Testamentes, wie wir es kennen, beschleunigt und beeinflusst hat.
Teil 14: Zwischenbilanz
In Teil 14 – Zwischenbilanz – sprachen wir darüber, dass die Fakten für alle gleich sind. Die Einschätzung der Unsicherheiten aber für jeden unterschiedlich ausfallen kann. Und dass wir das Neue Testament nicht als Ganzes beurteilen müssen und schon gar nicht in schwarz oder weiß. Jede Passage kann auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden und das sollten wir auch tun, bevor wir unseren Glauben auf bestimmte Aussagen stützen.
Probleme entstehen nicht durch den Kanon des Neuen Testaments an sich, sondern durch Behauptungen darüber. Um bei dem in Teil 14 angesprochenen Vergleich mit einem Kunstwerk, einem Gemälde zum Beispiel, zu bleiben. Behaupten wir, dass das Bild ein Original ist, ohne Schäden oder Reparaturen, dann lässt sich dies leicht schon durch eine kleine Beschädigung widerlegen. So ist es auch mit überzogenen Behauptungen über die Bibel. Was das Neue Testament betrifft, können wir mittlerweile sozusagen ein ausführliches Gutachten von Experten vorlegen, das Herkunft, Art und Umfang der Beschädigungen und Reparaturen usw beschriebt. Auch wenn wir bei Details aufgrund von Restaurierungen nicht sicher sein können, ergibt sich in vielen Punkten doch ein Gesamtbild.
Teil 15: Die Textzeugen und die Trinität
Wie wir in Teil 8 gesehen hatten, war diejenigen, welche bis zum vierten Jahrhundert an der Erstellung des Kanons des Neuen Testaments beteiligt waren zum Teil auch jene, welche schließlich die Trinität als verbindliche Doktrin festlegten. In Teil 5 (Comma Johanneum) und Teil 7 (Absichtliche Änderungen in den Manuskripten) hatten wir auch gesehen, dass absichtliche Änderungen durchgeführt wurden, um diese Lehre zu stützen. Dass wir heute diese Fälschungen nachweisen können, belegt aber umgekehrt auch, dass die Manuskripte nicht vollständig verdorben wurden. Ganz im Gegenteil: Gerade die Vielzahl der Manuskripte mit ihren Abweichungen vermittelt uns eine gute Grundlage. Denn es sind gerade die Übereinstimmungen der Manuskripte, welche unsere Analyse ermöglichten.
Die Analyse des Neuen Testaments in Teil 14 hatte ergeben, dass sich diese Lehre – so wie sie im vierten Jahrhundert auf Konzilen verabschiedet wurden – so nicht im Neuen Testament enthalten ist. Im Gegenteil eine Vielzahl von Texten und wiederholten Formulierungen bezeugen das Gegenteil. Das Neue Testament steht hier also nicht im Widerspruch zum Alten Testament.
Teil 16: Der Zeitpunkt der Entstehung der Schriften
Über den genauen Zeitpunkt der Niederschrift lässt sich nur in wenigen Fällen eine recht konkrete Aussage treffen, in der Regel bei Briefen des Paulus. Man kann aber von einem Zeitpunkt von rund 10 bis 20 Jahren nach Jesu Tod bis zum Ende des 1. Jahrhunderts ausgehen. Also zu einer Zeit, in der noch Zeitzeugen lebten und die mündliche Überlieferung reichhaltig war. Dadurch war eine Überprüfung möglich. Der genaue Zeitpunkt einer Niederschrift ist auch in der Regel nicht so wichtig. Mit Ausnahme der prophetischen Aussagen Jesu über die Zerstörung Jerusalems.
Teil 17: Die Verfasser des Neuen Testaments
So ähnlich verhält es sich auch mit den Verfassern der Schriften im Kanon des Neuen Testaments. Bis auf 7 Briefe, bei denen wir ziemlich sicher sein können, dass sie von Paulus stammen, gibt es bei allen anderen Schriften des Neuen Testaments viele offene Fragen aber nicht so viele Gewissheiten, was die Verfasser betrifft. Die Überschriften wurden erst viel später hinzugefügt. Und wenn wir uns auf die Texte der patristischen Zeit und der Kirchenväter verlassen, dann sollten wir bedenken, dass auch diese sich schon auf Informationen anderer berufen haben. Und im Fall von Hebräer irrten sie. Oder sogar ihnen fielen schon überraschende Unterschiede im Stil und Wortschatz auf.
Warum sollten uns aber die Verfasser der Schriften so wichtig sein? Vielleicht, weil sie dann mehr Autorität für uns haben, wenn sie von einem Petrus oder Paulus kommen? Und weil Hebräer von einem unbekannten Jünger Jesu geschrieben wurde, ist es dann weniger Wert, hat es weniger Autorität? Für die ersten Christen und diejenigen, welche den Kanon zusammengestellt haben, war dies nicht die wichtigste Quelle der Autorität, sondern der Inhalt und die Qualität. Könnte Gott durch seinen Heiligen Geist nicht jeden befähigen? Lesen wir nicht im Neuen Testament, dass viele durch die Gabe des Heiligen Geistes prophezeit haben, was sich ja nicht auf die Voraussage der Zukunft beschränkt, sondern in der Regel auf Botschaften Gottes? Wer auch immer diese Gedanken dann aufgeschrieben hat, ist dann doch nicht mehr so wichtig.
Fazit
Sehr allgemeine und absolute Aussagen über den Kanon des Neuen Testaments lassen sich oft leicht widerlegen, weil es nur eines Gegenbeispiels bedarf. Deswegen mussten wir alles in der Aussage aus Teil 1 streichen, wenn wir diesen so gedacht haben:
Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott wörtlich inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.
Eine solche Vorstellung gibt unserem Glauben daher nur eine trügerische, scheinbare Stabilität. Eine gute Grundlage für unseren Glauben nutzt alle Fakten und braucht sie nicht zu fürchten. Unser Glaube wird dann sogar tiefer, denn die Basis ist breiter und tiefer und das Vertrauen auf Gott ist größer. Und wir können das Neue Testament das sein lassen, was es ist:
Ein Kanon von Schriften der Jünger Jesu aus dem 1. Jahrhundert, der uns hilft, die Schriften des Alten Testaments im Kontext Jesu als dem Messias neu zu lesen und als eine Fortsetzung dessen zu sehen. Gedanken und Erkenntnisse, die sie durch Jesus und den heiligen Geist erhalten hatten. Texte ihres Glaubens für unseren Glauben.
Fragt man einen gläubigen Christen nach dem Autor des Neuen Testaments, wird man vermutlich als Antwort ‚Gott‘ erhalten. Die allermeisten werden jedoch genauso zustimmen, dass es letztendlich Menschen waren, welche die Texte geschrieben haben. Diesen Aspekt der Inspiration hatten wir schon in Teil 9 dieser Serie betrachtet. Was wissen wir aber darüber, wer die Verfasser des Neuen Testaments waren, also wer die einzelnen Schriften darin aufgeschrieben hat? [Im Folgenden meine ich mit Verfasser also immer die Person, die physisch geschrieben hat, um dieses Thema vom Thema Inspiration zu trennen.]
Wie wir im vorherigen Teil 16 gesehen haben, hat die Antwort auf diese Frage einen zum Teil erheblichen Einfluß auf die zeitliche Einordnung der Niederschrift. Schon deswegen wäre es gut, die Fakten in Bezug auf die Verfasser gut zu kennen.
Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund: Aufgrund des Namens eines Evangeliums oder Briefes im Neuen Testament oder aus dessen Inhalt wird oft auf eine Person geschlossen, die den Text geschrieben hat. Dabei handelt es sich durchweg um Apostel oder andere ihnen sehr nahestende Personen. Und daraus schließen viele auf die Authentizität und Autorität dieser Schriften.
Doch taten das die Christen der patristischen Zeit und Kirchenväter genauso? Was wussten sie über die Verfasser des Neuen Testaments und wie bewerteten sie dies? Sicher war ihnen Sprüche 14:15 eine Warnung:
Der Unverständige glaubt jedem Wort, aber der Kluge gibt auf seine Schritte acht.
Sprücher 14:15 Schlachter 2000
Und schon im 1. Johannes Brief musste gewarnt werden:
Liebe Freunde, glaubt nicht jedem, der behauptet, seine Botschaft sei ihm von Gottes Geist eingegeben, sondern prüft, ob das, was er sagt, wirklich von Gott kommt. Denn in dieser Welt verbreiten jetzt zahlreiche Lügenpropheten ihre falschen Lehren.
1. Johannes 4:1 Neue Genfer Übersetzung
Was wissen wir heute über die Verfasser der Schriften des Neuen Testaments? Was meinst du: Bei welchen Teilen des Neuen Testaments bestand und besteht bis heute der größte Konsens, wer der Verfasser war?
Briefe des Paulus
Vielleicht wunderst du dich darüber, aber tatsächlich sind es einige der Briefe des Neuen Testaments, welche mit hoher Gewissheit und Übereinkunft dem Apostel Paulus zugerechnet werden.
Das sogenannte Corpus Paulinum – oder einfacher die Paulusbriefe – umfasst 13 Episteln des Neuen Testaments. Davon gelten mindestens 7 davon als authentisch (siehe z.B. Wikipedia Paulusbriefe):
1. Thessalonicher
1. Korinther
2. Korinther
Galater
Römer
Philipper
Philemon
Was ist mit den anderen 6? Es sind vor allem sprachliche und inhaltliche Unterschiede, die Gelehrte dazu veranlasst haben, als deren Verfasser eher Schüler des Paulus als ihn selbst anzunehmen. Gehen wir einmal näher darauf ein.
Epheser
Warum wird die Verfasserschaft des Paulus hier angezweifelt, wo der Brief doch so beginnt?
Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die an Christus Jesus glauben.
Epheser 1:1 Züricher
Wenn man das so liest, scheint alles doch ziemlich klar zu sein. Auch, dass der Brief an die Gläubigen in Ephesus gerichtet wurde – daher nennt man ihn ja auch Epheser-Brief. Nun, was sagen die Manuskripte aus?
Bei der Adresse des Epheserbriefes wird unterschieden zwischen der Überschrift (Inscriptio), die der Text erst bei Anlage der neutestamentlichen Briefsammlung erhielt, und der Adressatenangabe (Adscriptio) am Briefeingang (Präskript): Die Inscriptio Πρὸς Ἐφεσίους Pròs Ephesíous „An die Epheser“ kommt in allen Handschriften vor.
Die Adscriptio ἐν Ἐφέσῳ en Ephésō „in Ephesus“ (Eph 1,1 LUT) wird von den meisten Handschriften geboten, von den ältesten und besten Zeugen (unter anderen: P46, Vaticanus, Sinaiticus) aber nicht. Mehrere antike christliche Autoren lasen in ihrem Exemplar des Epheserbriefs die Worte ἐν Ἐφέσῳ im Präskript nicht. Statt des Mehrheitstextes („den Heiligen, die in Ephesus sind, und [den] Gläubigen in Christus Jesus“) lasen sie: „den Heiligen, die auch Gläubige in Christus Jesus sind“, vielleicht auch nur: „den Heiligen und Gläubigen in Christus Jesus“.[5]
Vielhauer schloss daraus: „Der Text 1,1 ohne Ortsangabe ist der bestbezeugte, erreichbar älteste und sicher auch der ursprüngliche; denn es gibt keinen vernünftigen Grund, warum eine Ortsangabe … gestrichen worden sein sollte, wogegen es verständlich ist, daß man dem als Mangel empfundenen Fehlen einer Ortsangabe abhalf.“[6]
Da das Präskript ohne Ortsangabe nicht sinnvoll und der von Vaticanus und Sinaiticus gebotene Text grammatisch unmöglich sei, vermutete z. B. Ulrich Luz, dass der Brief ein Rundschreiben war und an dieser Stelle eine Lücke hatte, in die der Name der jeweiligen Empfängergemeinde eingetragen werden konnte. Für ein Rundschreiben spricht, dass man aus dem Brief nichts über die Situation der Empfänger erfährt, bzw. der Verfasser sie nicht genauer zu kennen scheint.[7] Dagegen spricht, dass kein neutestamentliches Manuskript bekannt ist, in dem an dieser Stelle ein anderer Ortsname als Ephesus steht. Peter Stuhlmacher meint, Paulus habe einem Mitarbeiter, möglicherweise Tychikus (Eph 6,21) ein Rundschreiben zur Verlesung in den neugegründeten christlichen Gemeinden Kleinasiens mitgegeben; das Exemplar im „Gemeindearchiv von Ephesus“ sei erhalten geblieben, nach dem Tod des Apostels überarbeitet und als eine Art Programmschrift der Paulusschule ausgestaltet worden – dem uns vorliegenden Epheserbrief. [8]
Gegen das Gewicht von P46, Vaticanus und Sinaiticus vertreten Rainer Schwindt, Harold Hoehner und Clinton E. Arnold in neueren Arbeiten die These, dass ἐν Ἐφέσῳ „in Ephesus“ zum ursprünglichen Text des Präskripts gehörte; letzterer verbindet dies mit der Rundschreiben-These: der Brief habe in den paulinischen Gemeinden in der Gegend von Ephesus zirkuliert.[9] Auch Andreas Lindemann, der den Epheserbrief einem Paulusschüler zuschreibt, plädiert für die Ursprünglichkeit der Ortsangabe Ephesus; da die enge Beziehung des Paulus gerade zu dieser Gemeinde bekannt gewesen sei, habe der Verfasser sein Werk mit der fiktiven Adresse „Ephesus“ versehen.[10]
Wer hätte das gedacht. Schon der ‚harmlose‘ Bezug auf Ephesus findet sich in den ältesten und besten Textzeugen nicht. Und das sorgt für eine Menge Ungewissheit, was die Adressaten des Briefs betrifft.
Aber was ist mit dem Verfasser?
Luz stellte einen weitgehenden[12] und konfessionsübergreifenden Konsens der historisch-kritischen Exegese fest, wonach der Epheserbrief nicht von Paulus verfasst worden sei, sondern von einem Schüler des Apostels. Die Minderheitsmeinung, der Epheserbrief sei ein Altersbrief des Paulus, wurde von Heinrich Schlier vertreten, konnte sich aber in der deutschsprachigen neutestamentlichen Wissenschaft gegen die Argumente, die gegen paulinische Verfasserschaft sprechen, nicht durchsetzen:[13]
Stil: Der Verfasser liebt lange Sätze und Wortreichtum (Plerophorie), wobei die syntaktische Struktur oft unklar bleibt. An die Stelle von Argumentation tritt Assoziation. Das ist nach Ansicht der meisten Exegeten kein Altersstil des Paulus, hat aber Ähnlichkeit mit dem Kolosserbrief. „Wäre der Kolosserbrief von Paulus selbst geschrieben, so müßte die Frage auch beim Epheserbrief neu aufgerollt werden.“[14]
Theologie: Wenn man die Rechtfertigungslehre, wie sie im Römerbrief dargelegt wird, für das Zentrum paulinischer Theologie hält, erscheint der Epheserbrief als unpaulinisch. Luz warnt hierbei jedoch vor einem Zirkelschluss.[15]
Abhängigkeit des Epheser- vom Kolosserbrief. Für Hans Conzelmann und Andreas Lindemann können beide Texte unmöglich unabhängig voneinander entstanden sein. Dem Kolosserbrief müsse aber die Priorität zukommen, denn er beziehe sich konkret auf eine einzelne Gemeinde, deren Situation aus dem Schreiben erkennbar werde; der Epheserbrief stelle quasi die ins Grundsätzliche erhobene Überarbeitung und Weiterentwicklung des Kolosserbriefs dar.[16] Hans Hübner bezeichnet den Verfasser des Epheserbriefs wegen seiner Abhängigkeit vom „Deuteropaulus“ des Kolosserbriefs als „Tritopaulus“.[17]
Luz zufolge waren literarische Werke, die Schüler im Geiste und unter dem Namen ihrer Lehrer verfassten, in der Antike durchaus akzeptiert, im Gegensatz zu Fälschungen, in denen mit literarischen Mitteln versucht wurde, Echtheit vorzutäuschen. Er verweist darauf, dass der Verfasser des Epheserbriefs nichts dafür tue, um sich als Paulus auszugeben. So handle es sich um eine typische Schülerarbeit.[18]Bart D. Ehrman lehnt eine solche Differenzierung von Schülerarbeit und Pseudepigraphie ab: „Der Verfasser versucht mehrfach, glaubhaft zu machen, er wäre Paulus. Er war aber nicht Paulus. Er war ein Anhänger von Paulus, vertrat nicht-paulinische Auffassungen, schrieb später.“[19]
Da mehrere Gelehrte auf die Abhängigkeit des Epheser-Briefes vom Kolosser-Brief hinweisen, wollen wir uns auch den anschauen.
Kolosser
Auch bei diesem Brief könnte man meinen, dass hier doch Paulus klar als Verfasser zu finden ist:
Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Timotheus, unser Bruder, an die Heiligen in Kolossä, …
Kolosser 1:1,2 Züricher
Diesen Gruss habe ich, Paulus, eigenhändig geschrieben. Denkt an meine Fesseln! Die Gnade sei mit euch.
Kolosser 4:18 Züricher
Alles klar, oder? Na ja. Schon Vers 1 spricht zumindest von zwei Verfassern – Paulus und Timotheus. Und im weiteren Text wird Epaphras deutlich hervorgehoben, der die Situation in Kolossä kannte – im Gegensatz zu Paulus:
Ein anderer Sekretär als Timotheus wäre nach Meinung einiger Forscher aber wahrscheinlicher für Stilbesonderheiten des Briefes verantwortlich zu machen: Wahrscheinlicher sei, dass Paulus und Timotheus dem Sekretär Epaphras (Lähnemann, Reicke, Berger) dort das Wort überlassen, wo er als ortskundiger Theologe besser auf Probleme und Fragen in Kolossai und den Nachbargemeinden antworten konnte. Paulus jedenfalls kannte weder die Adressaten noch deren Situation (Kol 2,1), sein Informant Epaphras aber schon (Kol 1,5–8; 4,12–13). So kann Paulus durch den Briefschreiber Epaphras versucht haben, „den Kolossern wie ein Kolosser“ zu werden, um sie zu überzeugen (vgl. sein Prinzip 1 Kor 9,20–22).
Ich will nämlich, dass ihr wisst, welch schweren Kampf ich führen muss für euch und die in Laodizea und alle, die mich nicht mit eigenen Augen gesehen haben, …
Kolosser 2:1 Züricher
Wer das Ergebnis der Analyse des Textes des Kolosser Briefes besser verstehen möchte, dem empfehle ich als Ausgangspunkt den oben genannten Artikel der Wikipedia.
Eine interessante Zusammenfassung enthält die englische Wikipedia zum Brief an die Kolosser:
Der Theologe Stephen D. Morrison weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „die Bibelwissenschaftler über die Urheberschaft von Epheser und Kolosser geteilter Meinung sind“[18]. Er führt als Beispiel die Überlegungen des Theologen Karl Barth zu dieser Frage an. Obwohl Barth die Berechtigung vieler Fragen zur paulinischen Autorschaft anerkannte, war er geneigt, sie zu verteidigen. Dennoch kam er zu dem Schluss, dass es für ihn keine große Rolle spielt, ob die eine oder die andere Seite stimmt. Es sei wichtiger, sich auf „Quid scriptum est“ (Was geschrieben ist) zu konzentrieren als auf „Quis scripseris“ (Wer hat es geschrieben). „Es genügt zu wissen, dass jedenfalls jemand den Epheserbrief geschrieben hat (warum nicht Paulus?), und zwar 30 bis 60 Jahre nach Christi Tod (kaum später, da er von Ignatius, Polykarp und Justin bezeugt wird), jemand, der Paulus gut verstand und die Ideen des Apostels mit auffallender Treue sowie Originalität weiterentwickelte.“[18]
Ich denke, mit diesen beiden Briefen haben wir schon ganz gut die Problematik verstanden. Der Hinweis im Text auf einen Verfasser wiegt nicht sehr schwer, wenn dieser nicht von anderen bezeugt ist. Und damit sind wir bei der nächsten Problematik und dem Hebräer-Brief.
Zuvor möchte ich aber nochmals auf den Gedanken der verbalen Inspiration eingehen: Wenn Gott durch Inspiration jedes Wort vorgegeben hat, warum verwendet er dann einen anderen Wortschatz und Schreibstil im zweiten Teil des Briefes? War das dann der Stil von Paulus, von Timotheus oder doch von Epaphras? Und warum ändert Gott den Stil mitten im Brief?
Der Hebräer-Brief
Aber zurück zum Hebräer-Brief. Was ist mit dem Hebräer-Brief? Der ist doch auch von Paulus, oder? Im Gegensatz zum Kolosser oder Epheser Brief findet sich der Name Paulus nicht im Brief. Was wissen wir dann?
Obwohl über keine der literaturgeschichtlichen Fragen nach dem Verfasser, dem Empfängerkreis, der Datierung oder selbst der literarischen Gattung der mit Πρὸς Έβραίους betitelten Schrift auch nur annähernd ein wissenschaftlicher Konsens besteht, lassen sich doch historische Wahrscheinlichkeiten abwägen und Gründe für die verschiedenen Hypothesen anführen.
Origenes ging wegen des für Paulus unüblichen Stiles (so etwa ein Wortschatz von 1000 verschiedenen Wörtern bei 3000 Wörtern Umfang gegenüber dem eher beschränkten des Paulus) davon aus, dass der Inhalt des Briefes zwar paulinisch, der Verfasser aber unklar sei.[3] Während des Mittelalters und in der katholischen Kirche noch bis 1914[4] wurde angenommen, der Hebräerbrief sei die griechische Übersetzung eines im Original hebräischen Paulusbriefes. Wegen der anders gearteten Theologie und der verschiedenen geschichtlichen Situation (beispielsweise besteht Paulus in Gal 1,12 auf seiner eigenen direkten Offenbarungserfahrung, während der Autor ad Hebraios sich selbst in Hebr 2,3 als Hörer der Jünger Jesu bezeichnet) wird das heute weitgehend abgelehnt.
Als mögliche Verfasser wurden alternativ vorgeschlagen: Apollos,[5]Priszilla,[6]Lukas oder Clemens von Rom,[7]Barnabas,[8]Petrus, Philippus, Judas, Aristion, Timotheus. Weil aber weder von den Genannten (wenn von ihnen überhaupt Werke erhalten sind) noch sonst ein dem Hebräerbrief vergleichbares Schriftstück erhalten ist, er also völlig singulär in Form wie Inhalt dasteht und im Brief selbst über den Verfasser nichts ausgesagt wird, kann keine dieser Hypothesen verifiziert werden.
Aufgrund des ausgezeichneten griechischen Stils, des umfangreichen Wortschatzes und der eingehenden Kenntnis des Alten Testaments in der Form der Septuaginta ist als Verfasser ein griechisch gebildeter Judenchrist anzunehmen, der dem hellenistischen Flügel angehörte.
Es handelt sich bei dem Brief nicht um Pseudepigraphie, da kein vorgeblicher Verfasser angeführt wird, auch wenn die Nennung des Timotheus (Hebr 13,23) möglicherweise den Umkreis des Paulus als Absender nahelegen könnte.
In Teil 8 über die Entstehung des Kanons haben wir schon gesehen, dass der Hebräer Brief erst spät sich am Rande des Kanons fand. So schreibt Metzger:
Zum Beispiel irrte ein großer Teil der Kriche, als sie den anonymen Hebräerbrief dem Apostel Paulus zuschrieb.
Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 268
Andere Briefe
Von den anderen Briefen wollen wir stellvertretend nur den 1. Petrus Brief genauer anschauen, da er von keinem Geringerem als dem Apostel Petrus, einer Säule der Versammlung stammen soll.
Was sagen die Kirchenväter?
Die Verfasserschaft von Petrus wird in der altkirchlichen Tradition bestätigt, und zwar im 2. Jahrhundert von Polykarp, Papias, Clemens von Alexandria und Irenäus, im 3. Jahrhundert von Tertullian, Origenes und Cyprian. Bei allen diesen Autoren wird der erste Petrusbrief zu den allgemein anerkannten Schriften gezählt und seine Aufnahme in den Kanon nie in Frage gestellt.[1]
Das war allerdings schon viele Jahrzehnte oder sogar weit über einhundert Jahre nachdem Petrus tot war. Das Problem ist auch hier: Glauben wir einem Text, nur weil ein Verfasser genannt ist? Oder Prüfen wir den Inhalt, wie wir im Neuen Testament immer wieder aufgefordert werden? Betrachten wir einmal Argumente gegen und für Petrus als Verfasser:
Die historisch-kritische Forschung bezweifelt überwiegend, dass Petrus der Verfasser war, und zwar aus folgenden Gründen:
Pseudepigraphie war in der Antike weit verbreitet und weitgehend akzeptiert.[2] Für die Pastoralbriefe ist eine pseudepigraphische Verfasserschaft nahezu unbestritten.
Der Stil des 1 Petr ist Koine-Griechisch; und zwar nicht nur mündliche, sondern literarische Koine, was Griechisch als Muttersprache des Autors vermuten lässt. Die Muttersprache des Fischers Petrus aus Galiläa (der in Apg 4,13 EU als ungebildet bezeichnet wird) war aber höchstwahrscheinlich Aramäisch. Auch wenn Petrus mit der damaligen „Weltsprache“ Griechisch vertraut war, ist doch bei ihm kaum eine solche schriftliche Beherrschung des Griechischen anzunehmen.[3]
Der Autor des 1 Petr zitiert das Alte Testament zumeist nach der griechischen Übersetzung. Nur 1 Petr 4,8 EU greift offenbar direkt auf den hebräischen Text von Spr10,12 EU zurück.[4]
Der Brief klingt zu wenig persönlich; auf die Jesusüberlieferung wird lediglich in traditioneller urchristlicher Sprache hingewiesen (1 Petr 2,22–25 EU). Bei petrinischer Verfasserschaft wäre zu erwarten, dass der Brief exklusive Kenntnisse eines Augenzeugen vermitteln würde.[5]
Es bestehen inhaltliche Verbindungen zwischen dem 1 Petr und den Paulusbriefen.[6]
1 Petr 1,1 EU setzt voraus, dass das Christentum in Kleinasien bereits in verschiedenen Gegenden Fuß gefasst hat.[7]
Gegenargumente sind:
zur Pseudepigraphie: Diese ist je nach Textgattung mehr oder weniger wahrscheinlich. Bei einer Weisheitsschrift, die unter dem Namen Salomos geschrieben wurde, ist sie anders zu beurteilen als bei einem Brief, der auf die aktuelle Situation einer oder mehrerer Gemeinden Bezug nimmt.[8]
zum Koine-Griechisch: Petrus stammte aus Bethsaida, einer zweisprachigen griechisch-jüdischen Stadt (das wird noch dadurch unterstrichen, dass sein Bruder Andreas einen griechischen Namen hatte), und er wirkte vermutlich jahrzehntelang in der Griechisch sprechenden Diaspora.[9] Silvanus/Silas, den er als Mitverfasser erwähnt, ist römischer Bürger und sicher griechischsprechend.[10]
zur Theologie, die der paulinischen nahesteht: Zwischen Petrus und Paulus gab es gegenseitige Wertschätzung und wohl keine wesentlichen theologischen Differenzen. Ihre in Gal 2,11–21 EU erwähnte Auseinandersetzung betraf nicht Gegensätze in der Theologie, sondern deren praktische Umsetzung – Paulus warf Petrus vor, dass er nicht nach seiner Theologie handelte.[11] Die Alte Kirche wusste nichts von einem scharfen theologischen Gegensatz zwischen beiden;[12] erst im 19. Jahrhundert brachte die Theologie diesen Gedanken auf.
der Brief enthalte Traditionsgut (Paränese, Bekenntnisse, Lieder). Im Text des Briefes gibt es dafür jedoch keine klaren Anhaltspunkte. Zudem findet sich solches Traditionsgut auch in den als echt angesehenen Paulusbriefen.
die im Brief angesprochenen Christenverfolgungen: Man muss dabei nicht an die Zeit Trajans (um 100 n. Chr.) denken, denn der Brief spricht nicht von einer staatlichen systematischen Christenverfolgung. Punktuelle Christenverfolgungen durch die heidnische Umgebung gab es bereits in den ersten Jahrzehnten nach 30 n. Chr. in mehreren Gegenden des Reiches (zum Beispiel Paulus auf seinen Missionsreisen oder die Neronische Christenverfolgung 64 oder 65 n. Chr.).[13]
Mit anderen Worten: Es ist schwierig wenn nicht sogar fast unmöglich, hier eine sichere Aussage zu machen. Was den Inhalt betrifft, gibt es Argumente dafür und dagegen. Verlässt man sich auf die Aussagen der Kirchenväter, dann verlässt man sich damit auf die Personen, welche die Entwicklung der Großkirche und verschiedenster Dogmen gefördert haben. Aber es waren natürlich auch Personen, die unter persönlichen, zum Teil sehr großen Opfern bereit waren, die empfangene Lehre zu verbreiten und zu verteidigen.
Die 4 Evangelien
In Teil 11 haben wir die 4 Evangelien – von dem einen Evangelium – schon ausführlicher betrachtet. Und auch schon erwähnt, dass drei davon – die synoptischen Evanglien Matthäus, Markus und Lukas – sich ziemlich ähneln und das vierte – Johannes – anders ist. Auf die Ähnlichkeit des Textes der synoptischen Evangelien sollten wir hier noch eingehen.
Der Verfasser des Matthäus Evangeliums nennt seinem Namen im Text nicht. Der Titel wurde erst später hinzugefügt. Das gilt auch für das Markus, das Lukas und das Johannes Evangelium. Es sind also Autoren der patristischen Zeit und die Kirchenväter oder vielleicht auch jemand, der Kopien für anderen Versammlungen kopierte, welche Überschriften wie „Evangelium nach Markus“ hinzufügten.
Die sprachlichen Unterschiede werden in der Wikipedia so zusammengefasst:
Während das Markusevangelium in einem volkstümlichen Griechisch geschrieben ist, wählte der Verfasser des Matthäusevangeliums einen gehobeneren Stil. Er schrieb knapper, konzentrierter. Gerne wiederholte er Formeln und arbeitete mit Leitworten, Chiasmen und Inklusionen. Anders als das Evangelium nach Lukas, in dem Formulierungen der Septuaginta bewusst als Stilmittel eingesetzt werden, ist Matthäus zwar stark vom Bibelgriechischen geprägt, ohne aber absichtlich Septuaginta-Stil zu schreiben.[16]
Bei den Ähnlichkeiten geht es also nicht darum, dass von den gleichen Ereignissen berichtet wird. Die Analyse der auffälligen Übereinstimmungen wird als Synoptisches Problem beschrieben [wobei hier ‚Problem‘ hier als Fachbegriff im Sinne von Fragestellung verwendet wird]. Diese Grafik aus dem Wikipedia Artikel gibt einen Überblick:
Im Einzelnen sind folgende Sachverhalte zu erklären:
Übereinstimmungen im Wortlaut: Matthäus, Markus und Lukas stimmen bei parallelen Stellen in ca. 50 % der Wörter überein, während sie mit Parallelstellen bei Johannes in nur 10 % der Wörter übereinstimmen.
Auffallende Übereinstimmungen in der Reihenfolge, aber auch zahlreiche Abweichungen
Dreifache gemeinsame Überlieferung: fast das ganze Material von Markus ist in Matthäus enthalten, etwa zwei Drittel davon zudem in Lukas (sog. Lukanische Lücke)
Zweifache gemeinsame Überlieferung: etwa 200 Verse sind bei Matthäus und Lukas, aber nicht bei Markus enthalten.
Das Sondergut: Von einem einzigen Evangelium überlieferte Texte oder Einzelsprüche (Lukas: 35 %, Matthäus: 20 %, Markus: 3 %).
Die Frage um die minor agreements („geringfügige Übereinstimmungen“), also die übereinstimmenden Abweichungen des Matthäus und Lukas vom Markustext oder die Einwände gegen die Benutzung des Markus durch Matthäus und Lukas.
Um diese Zusammenhänge und Verhältnisse zu erklären, werden verschiedene Hypothesen diskutiert; keine der vorgeschlagenen Lösungen vermag sämtliche Phänomene befriedigend zu beantworten.
Bleibt noch das Johannes Evangelium. Dieses weicht in vielen Teilen stark von den synoptischen Evangelien ab. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Ergänzungen, sondern Abweichungen. Vielleicht am wichtigsten ist die Darstellung des Abendmahls in Johannes 13, die sich erhebllich in Bezug auf den Inhalt sowie den zeitlichen Ablauf unterscheidet. Nicht umsonst wird bei der Beschreibung des Abendmahls des Herrn nur auf Matthäus, Markus, Lukas und 1. Korinther 11 Bezug genommen. Wobei auch Lukas abweicht, weil ein zweiter Kelch vor dem Brot erwähnt wird, was aber ein Fehler in den Manuskripten sein könnte, wie wir schon in einem anderen Teil der Serie festgestellt haben. Solche Abweichungen, aber auch die ganz andere Darstellung dessen, was und wie Jesus lehrt, haben schon in der Antike (z.B. im 3. Jahrhundert Porphyrios Schrift Contra Christianos ) zu Diskussionen geführt.
Was sagt uns das über die Zuverlässigkeit des Textes?
Wir haben uns im letzten Teil der Serie mit dem Zeitpunkt der Niederschrift und in diesem Teil mit den Verfassern beschäftigt. Das sollte nicht nur dazu dienen, unser Wissen zu vertiefen. Dieses Wissen hilft uns auch, manche Aussagen über die Zuverlässigkeit des Textes besser einordnen zu können.
Zum Beispiel wird zuerst der Verfasser einer Schrift des Neuen Testaments als gewiss angenommen, vielleicht wegen der später hinzugefügten Überschrift oder der Aussage der Kirchenväter oder der späteren Anordnung im Kanon des Neuen Testaments. Damit wird dann der Zeitpunkt der Niederschrift abgeleitet. Und dann damit auf die Zuverlässigkeit des Inhaltes des Textes geschlossen. Zum Beispiel die Erfüllung der Prophezeiungen Jesu in den Evangelien.
Oder es läuft so ab: Die Zuverlässigkeit der Evangelien zeigt sich durch die Erfüllung der Prophezeiung Jesu über Jerusalem. Weil die Evangelien ja vor 70 v.Chr. geschrieben wurden. Und das wissen wir, weil die Evangelien von Matthäus, Markus und Johannes geschrieben wurden. Aber woher wissen wir das? Wegen dem Zeugnis der Überschriften, Kirchenväter oder der Anordnung im Kanon. Und in diesem Fall passt natürlich das Evanglium nach Johannes nicht, weil es diese Aussagen Jesu nicht enthält und vermutlich auch lange nach 70 n.Chr. geschrieben wurde.
Hier darf man also nicht den Fehler eines Zirkelschlusses machen: Aufgrund des angenommenen Verfassers wird auf den Zeitpunkt der Niederschrift und deswegen auf die Glaubwürdigkeit des Inhalts geschlossen und wegen der Glaubwürdigkeit des Inhalts auf den darin oder im Titel angegebenen Verfasser und damit auf den Zeitpunkt der Niederschrift usw.
Fazit
Bis auf 7 Briefe, bei denen wir ziemlich sicher sein können, dass sie von Paulus stammen, gibt es bei allen anderen Schriften des Neuen Testaments viele offene Fragen und aber nicht so viele Gewissheiten, was die Verfasser betrifft. Die Überschriften wurden erst viel später hinzugefügt. Und wenn wir uns auf die Texte der patristischen Zeit und der Kirchenväter verlassen, dann sollten wir bedenken, dass auch diese sich schon auf Informationen anderer berufen haben. Und im Fall von Hebräer irrten sie. Oder sogar ihnen fielen schon überraschende Unterschiede im Stil und Wortschatz auf.
Ist das für dich wichtig? Denkst du, dass diese Informationen deinen Glauben schwächen? Wenn du einer Religion angehörst, welche über absolutes Wissen verfügt und immer eine einfache Antwort gibt, wobei unbequeme Tatsachen ausgeblendet werden, dann ja.
Mir scheint, dass der Glaube derer, die trotz dem Wissen um all diese Fakten weiter glauben und sich damit auseinandersetzen und den Inhalt prüfen, tiefer geht.
Sage ich das jetzt nur, um mir und anderen etwas einzureden und uns zu beruhigen? Nein. Ich versuche es mal mit einem anderen Beispiel und zwar diesem Manuskript:
Euklid, Elemente 10, Appendix in der 888 geschriebenen Handschrift Oxford, Bodleian Library, MS. D’Orville 301, fol. 268r
Das ist ein im Jahre 888 geschriebenes Manuskript des epochalen Werkes Elemente des berühmten griechischen Mathematikers Euklid, der wahrscheinlich im 3. Jahrhundert v. Chr. lebte. Was kannst du über den Verfasser und Author des Originals nachlesen? „Über das Leben Euklids ist fast nichts bekannt.“ (Wikipedia Euklid). Was wir über ihn und seine Werke wissen, stammt aus der Feder anderer. Ist das Werk damit für uns wertlos? „Die Elemente waren vielerorts bis ins 20. Jahrhundert hinein Grundlage des Geometrieunterrichts, vor allem im angelsächsischen Raum.“ Der Inhalt des Werkes sprach also für sich. Niemand hat es bis in 20. Jahrhundert verwendt, weil es ja vom berühmten Euklid stammte. Oder weil man den Zeitpunkt der Niederschrift kannte.
Genauso ist es auch mit dem Neuen Testament. Hauptargument für dessen Bedeutung ist sein Inhalt, die Argumentation zu Lehren usw. Ob ein Petrus oder Pauls etwas geschrieben hat, spielt bei der Bewertung, ob es Gedanken Gottes sind eine untergeordnete Rolle. Denn beide waren unvollkommene Denker und Gott konnte genauso auch anderen, weniger prominenten Nachfolgern Jesu durch seinen Geist helfen, das aufzuschreiben, was für uns wichtig ist. Auch die Angaben aus patristischer Zeit und bei den Kirchenvätern sind hilfreich, doch auch diese konnten irren und waren nicht allwissend. Man kann aber wohl mit Gewissheit sagen, dass sie sich sehr gewissenhaft und under persönlichen opfern bemühten, ihre Sache gut zu machen.
Zum Schluß muss ich bei all den Fragen und Unsicherheiten, die wir in den nun schon 17 Teilen dieser Serie betrachtet haben, eines betonen: Die Fakten und Beweise haben nie gezeigt, dass wir es hier mit großem Betrug und völligem Unfug zu tun haben.
Die Probleme entstehen erst, wenn man falsche, überzogene und absolute Aussagen über das Neue Testament macht. Und diese sind immer einfacher zu widerlegen als die komplexeren Aussagen zu belegen. Zum Beispiel ist eine Aussage, dass sich in die Abschriften der Manuskripte des Neuen Testaments nie auch nurein Fehler eingeschlichen hat, leicht zu widerlegen. Die Aussage zu beweisen, dass der Text in großem Maße rekonstruiert werden konnte, erfordert viel Arbeit – die aber geleistet wurde.
Ist es ein Problem, dass wir vier unterschiedliche Evangelien haben? Nein, denn aus den Abweichungen – es sind ja mehr theologische Werke mit bestimmten Aussagen als geschichtliche Protokolle – und dem Vergleich mit anderen Schriften können wir erkennen, was von den meisten auf die gleiche Weise verstanden wurde, und wo die Auffassungen auseinandergingen. Keiner hatte doch den Auftrag, das allein maßgebliche Lehrbuch zur christlichen Theologie zu schreiben. Selbst Jesus tat das nicht. So entstand erst mit der Zeit ein Katechismus.
Vergleichen wir einmal den Prozess der Überlieferung der Schriften des Neuen Testaments mit dem des Koran:
Vor dem Tod des Propheten Mohammed waren bereits verschiedene Teile des Korans niedergeschrieben worden, und nach Abstimmung mit allen, die den Koran sowohl mündlich (Hāfiz) als auch schriftlich bewahrt hatten, entstand nach Mohammeds Tod im Jahre 11 n. H. (632 n. Chr.) zu Zeiten des ersten KalifenAbū Bakr der erste Koran-Kodex (مصحف muṣḥaf), um ihn vor dem Verlorengehen oder Verwechseln mit anderen Aussagen des Propheten Mohammed zu bewahren.
Der dritte Kalif, Uthman ibn Affan (644–656), ließ diese ersten Koran-Kodizes, die auch z. T. in anderen Dialekten als dem quraischitischen Dialekt – dem Dialekt des Propheten Mohammed – abgefasst waren, einsammeln und verbrennen, um dann einen offiziell gültigen Koran herzustellen. Dabei mussten mindestens zwei Männer bei jedem Vers bezeugen, dass sie diesen direkt aus dem Munde des Propheten gehört hatten. Sechs Verse im Koran sind aber nur von einem Zeugen, nämlich Zaid ibn Thābit, dem ehemaligen Diener des Propheten, auf diese Weise bezeugt worden. Dass diese Verse heute doch im Koran stehen, hängt damit zusammen, dass der Kalif ausnahmsweise das alleinige Zeugnis von Zaid akzeptierte.
Hier wurde also eine Bereinigung und Vereinheitlichung lange nach dem Tod Mohammeds durchgeführt, die sich heute überhaupt nicht mehr überprüfen lässt. Und ob das so geschehen ist, wissen wir natürlich auch nur aus der Überlieferung.
Mit den Schriften des Neuen Testaments wurde so nicht vorgegangen. Wir wir gesehen haben, hat Marcion zum Beispiel Lukas Evangelium als einzig wahres herausgenommen. Andere haben alle 4 zusammengefasst. Aber wir haben zumindest vier Stück mit all ihren Unterschieden und nicht nur eine vereinheitlichte Version. So können wir uns also mitten unter die Nachfolger Christi der ersten Jahrhunderte begeben und mit ihnen versuchen, zu verstehen, was Gott uns nach dem Alten Testament wohl noch mitteilen wollte. Und das ist ziemlich spannend, denn das Neue Testament ist kein Katechismus mit Glaubenssätzen zum Auswendiglernen sondern oft Argumentation. Eine Aufforderung mit- und nachzudenken.
Wann sind deines Wissens nach die Schriften im Kanon des Neuen Testaments entstanden? Oder etwas konkreter: Welcher Teil des Kanons des Neuen Testaments wurde zuerst geschrieben und welches war es? Das ist jetzt nicht nur eine akademische Frage oder eine Quiz-Frage. Die Antwort auf diese Frage hat eine größere Bedeutung als man vielleicht denkt. Sie ist wichtig für die richtige Einordnung in den historischen Kontext. Und auch in die zeitliche Entwicklung des Glaubens und Lebens der ersten Nachfolger Jesu, der verschiedenen Strömungen die dann kamen und wichtige historische Entwicklungen. Denken wir zum Beispiel an die Zerstörung Jerusalems, die Bekehrung der Heiden oder den Tod der Apostel und der Generation, die Jesus noch selbst kennengelernt hatten – und auch, dass sich die Hoffnung auf eine Wiederkehr Christi noch zu ihren Lebzeiten nicht erfüllt hatte.
Die Schriften sind in der Regel so im Kanon des Neuen Testaments angeordnet:
Aufgrund der Anordnung im Kanon haben wir vielleicht diese zeitliche Abfolge im Sinn:
Möglicherweise bist du aber auch der Meinung, dass der Apostel Johannes das Evangelium zusammen mit den Briefen und der Offenbarung am Ende des ersten Jahrhundert geschrieben hast.
Diese Darstellung würde aber immer noch einen Fehler enthalten, denn die Apostelgeschichte – also Geschichte der Taten der Apostel – kann ja erst geschrieben worden sein, nachdem die Apostel diese Taten vollbracht hatten. Also vielleicht dann doch eher so?
Aber warum herumrätseln! Nehmen wir doch einfach die Daten der Niederschrift und schon ist alles klar. Und da haben wir das Problem: Wir kennen die Daten nicht! „Doch! Natürlich kennen wir sie!“ höre ich da schon die Gegenstimmen. Also gehen wir einmal daran – wie bisher auch – die Fakten zu prüfen.
Betrachten wir zuerst einmal die im Neuen Testament enthaltenen vier Evangelien. Deren Entstehungszeit können wir zumindest eingrenzen:
Die Entstehungszeit der neutestamentlichen Evangelien liegt zwischen 30 oder 33 n. Chr. (dem Jahr der Kreuzigung Jesu) und ungefähr 120 n. Chr. (Belege des frühen 2. Jahrhunderts: Der Papyrus 52 (52, ein Fragment des Johannesevangeliums aus der Zeit Kaiser Hadrians und Kirchenväter-Zitate).
Nebenbei bemerkt, verwende ich hier öfters die Wikipedia, weil diese für jeden leicht und kostenlos zugänglich ist und ein guter Ausgangspunkt für das eigene Studium ist.
Damit ergibt sich dieses Bild.
Geht das nicht etwas genauer? Leider nur etwas besser, denn es gibt schlicht und ergreifend keine verlässlichen, präzisen Angaben. Damals gab es keine Veröffentlichung mit ISBN Nummer, Jahreszahl, Autor und Eintrag in nationale Register oder große Bibliotheken. Warum sollten die ersten Nachfolger Jesu das auch tun. Sie hatten keinen Auftrag, etwas aufzuschreiben und es gab ja auch noch genügend Augenzeugen, die am Leben waren.
Trotzdem finden sich in Bibeln auch Zeitangaben, die mit dieser Einschätzung übereinstimmen und ziemlich präzise sind. Zum Beispiel diese aus der Schlachter Bibel (2000):
Diese Liste sieht ja sehr aufgeräumt und präzise aus. Das wird noch deutlicher, wenn man es grafisch darstellt. Aber zuerst noch einmal die Quiz-Frage: Welcher Text des Kanons des Neuen Testaments wurde zuerst geschrieben? Und wann? Vielleicht denkst du jetzt an die Evangelien? Klar doch, zuerst wurde aufgeschrieben, was Jesus so getan hat, oder? Und welcher Teil wurde wann als letztes geschrieben? Klar, das muss ja die Offenbarung sein. Nun, schauen wir einmal:
Vielleicht warst du ja überrascht, in dieser Liste den Jakobus-Brief zuerst zu finden. Und dann den Brief von Paulus an die Galater. Und dann erst die Evangelien Matthäus und Markus – aber zur gleichen Zeit? Warum denn das? Hätte ein Bericht nicht gereicht? Und dann kommen erst einmal die anderen Briefe des Paulus. Alles geschrieben, bis 70 n.Chr. Jerusalem zerstört wurde. Aber immerhin: Schließlich schreibt gegen Ende des Jahrhunderts der Apostel Johannes seine Briefe, das Evangelium und die Offenbarung.
Aber die Frage bleibt, woher diese unglaublich präzisen Zeitangaben stammen, da sich das aus dem Text selbst nicht ermitteln lässt.
Betrachten wir zum Beispiel die Evangelien. Zu welchem Schluß kamen denn die Gelehrten, welche versucht haben, aufgrund der Fakten die Entstehungszeit der Evanglien zu bestimmen? Die folgende Darstellung beruht auf dem Artikel Evangelium (Literaturgattung) in der Wikipedia:
Keine dieser Einschätzungen entspricht der in der Schlachter Bibel! Beruhen denn die völlig verschiedenen zeitlichen Einordnungen auf der Kenntnis verschiedener historischer Fakten? Im Wesentlichen nicht. Was eine große Rolle spielt, ist zum Beispiel die Frage, ob die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 prophetisch vorhergesagt wurde, oder nachträglich es so im Text dargestellt wurde. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ähnlichkeit der synoptischen Evangelien nicht nur in den Berichten sondern auch im Text ganzer Sätze und Passagen. Dazu gibt es verschiedene Theorien. Zum Beispiel, dass das Markus-Evangelium die Grundlage für Matthäus und Lukas bildete, oder welche Rolle eine noch frühere Vorlage diente, die leider nicht erhalten wurde. Darüber sprechen wir im nächsten Teil der Serie.
Das passt schon besser. Und tatsächlich kann man für die Briefe, die mit großer Wahrscheinlichkeit wirklich von Paulus sind, die Zeit der Niederschrift aufgrund der Fakten besser eingrenzen. Zumindest besser als bei allen anderen Teilen des Kanons des neuen Testaments. Aber selbst bei diesen Briefen muss Folgendes gesagt werden:
Die Paulusbriefe nennen die Orte ihrer Abfassung nicht und geben auch kaum Hinweise auf die Zeit ihrer Abfassung.
Wie man sieht, gibt es, insbesondere bei den Briefen, bei denen Paulus als Verfasser in Frage gestellt werden muss, zum Teil erheblich unterschiedliche Angaben. In diesen Fällen habe ich die verschiedenen Angaben alle eingetragen.
Falls du zum Beispiel überrascht bist, dass der Hebräer-Brief nicht von Paulus sein soll: Er wurde in den ältesten Handschriften wie Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus den Paulusbriefen zugeordnet. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass diese Codices erst aus dem 4. Jahrhundert stamment. Dem christlichen Gelehrten Origines, der schon Anfang des 3. Jahrhunderts lehrte, fiel allerdings schon ein erheblicher Unterschied auf:
Origines ging wegen des für Paulus unüblichen Stiles (so etwa ein Wortschatz von 1000 verschiedenen Wörtern bei 3000 Wörtern Umfang gegenüber dem eher beschränkten des Paulus) davon aus, dass der Inhalt des Briefes zwar paulinisch, der Verfasser aber unklar sei.
Außerdem passt die Aussage in Hebräer 2:3 nicht so recht zu Aussage des Paulus, dass er das Evangelium direkt von Jesus erhalten hätte.
Würden wir aber trotzdem annehmen wollen, dass der Hebräer Brief von Paulus ist, müssen wir also diesen Widerspruch irgendwie erklären. Und die Beobachtung des Origines und späterer Gelehrter erklären. Und erklären, warum Paulus in verschiedenen Briefen einen unterschiedlichen Wortschatz und Ausdrucksweise verwendet – und das ist auch getan worden. Zum Beispiel wird das darauf zurückgeführt, dass der Brief diktiert wurde und der Schreiber einen anderen Wortschatz hatte. Das passt nun aber gar nicht zu dem Gedanken der Verbal-Inspiration. Denn dann hätte Gott entweder in Briefen ‚des Paulus‘ seine Gedanken mit verschiedenen Wortschätzen und Ausdrucksweisen wörtlich inspiriert. Oder er hätte außer Paulus auch noch den Schreiber mit einem anderen Wortschatz inspiriert. Oder … das ist irgendwie merkwürdig kompliziert, denkst du nicht auch?
„Die historisch-kritische Bibelforschung nimmt in ihrer großen Mehrheit die Jahre um 90 n. Chr. als Zeit der Entstehung der Apostelgeschichte an. … Evangelikale Ausleger verteidigen dagegen in der Regel eine Frühdatierung der Apostelgeschichte in die Jahre 62–65 n. Chr.“ (Wikipedia)
Bei 1. und 2. Petrus wird diskutiert, ob dieser Brief tatsächlich von Petrus geschrieben worden sein kann. Damit muss die Niederschrift entweder vor dem Tod des Petrus im Jahr 64 angenommen werden oder sehr viel später. Ich würde sagen, dass man hier in Bezug auf den Zeitpunkt ziemlich im Dunkeln tappt.
Beim Jakobus-Brief kann man auch keine klar Aussage treffen: „Weil der Text selbst nur sehr wenige verwertbare Angaben enthält, sind Verfasserschaft und Entstehungszeit innerhalb der Bibelwissenschaft umstritten. Vor allem zwei Auffassungen werden vertreten“ (Wikipedia) Und so habe ich die ganz frühe Datierung vor dem sogenannten Konzil in Jerusalem sowie einen Zeitpunkt vor dem mutmaßlichen Tod des Jakobus oder eine sehr später Datierung eingetragen.
Noch deutlicher wird das beim kurzen Judas Brief: „Weder die Entstehungszeit noch die Empfänger des Judasbriefes sind sicher feststellbar.“ (Wikipedia)
Und so ähnlich ist dies auch bei den drei Johannes-Briefen: „Die Meinungen über die Abfassungszeit der drei Johannesbriefe erstrecken sich über einen Zeitraum von ungefähr 50 bis 110 n. Chr.; manche Theologen verzichten ganz auf einen Datierungsversuch“ (Wikipedia)
Für die Offenbarung des Johannes wurde als Entstehungszeit lange das Jahr 68 oder 69 als plausibel vermutet, heute eher um das Jahr 95 n.Chr. (Wikipedia)
Die Antwort auf die Frage „Wann sind die Schriften im Kanon des Neuen Testaments entstanden?“ kann also nicht so einfach und sicher beantwortet werden, wie wir uns das wohl gewünscht hätten. Macht sie das nun per se unglaubwürdig? Für die ersten Nachfolger Jesu und die ersten Christen spielte das eher keine Rolle. War es die Frage, ob der Verfasser ein Apostel war? Wir haben das Thema hier nur gestreift. Aber beim Teil der Serie über den Kanon ist klar geworden, dass dies auch nicht unbedingt ausschlaggebend war. Eine Schrift eines Apostels, eines anderen Augenzeugen oder von jemandem, der diese noch kannte, wurde natürlich höher eingeschätzt. Aber später war es meistens gar nicht so einfach, festzustellen, wer denn wirklich der Verfasser einer Schrift war. Entscheidend war daher mehr die Qualität des Inhalts.
Was die zeitliche Einordnung betrifft, müssen daher oft geschichtliche Ereignisse in Betracht gezogen werden. Ist man aufgrund anderer Überlegungen oder den Aussagen den Kirchenväter zum Schluß geommen, dass ein Brief zum Beispiel von Paulus ist, dann muss er vor seinem Tod geschrieben worden sein. Und aufgrund der Beschreibung der Reisen des Paulus in der Apostelgeschichte ergibt sich daher für seine Briefe ein recht klares Bild.
Eine Frage stellt sich noch: Warum wurde das epochale Ereignis der Zerstörung Jerusalem und das Ende der Anbetung im Tempel gemäß dem mosaischen Gesetz mit keiner Silbe in den Schriften es Neuen Testaments als erfüllte Prophezeiung erwähnt? Oder vielleicht doch, aber nur indirekt? Als sich Jesu Prophezeiung in Bezug auf Jerusalem, die wir in den Evangelien finden, erfüllt hat, dann ist es doch für die Christen ein Triumpf und eine Bekräftigung ihres Glaubens gewesen, dass sich diese Prophezeiung erfüllt hat. Warum findet sich das überhaupt nicht in den Schriften? Das ist schon merkwürdig. Daher argumentieren manche ja, dass Jesus Prophezeiung in Wirklichkeit erst danach aufgeschrieben wurde. Und datieren die Texte nach 70 n.Chr. Aber ist das ein starkes Argument? Nun, die Christen, die flohen und überlebten, konnten das jedem berichten und hatten andere Sorgen, als dies aufzuschrieben. Wir hätten das zwar gerne von Augenzeugen aufgezeichent, aber das ist halt nur unsere heutige Sicht und unser Wunsch.
Nun könnte man argumentieren, dass dies ein gutes Argument sei, dass das Neue Testament vor 70 n. Chr. geschrieben wurde. Warum gibt es aber dann keine Schriften im Kanon des Neuen Testaments, welche nach 70 n. Chr. geschrieben wurden und die Erfüllung der Prophezeiung und die Konsequenzen für den christlichen Glauben hervorheben (Beschneidung, Speisegebote …)? Nun, zumindest das Evanglium nach Johannes, die drei Briefe und die Apokalypse werden von vielen an das Ende des ersten Jahrhunderts datiert. Aber darin wird das Ereignis nicht erwähnt. Nicht einmal die Prophezeiung Jesu, die sich nur in den synoptischen Evangelien findet (Mat 24, Mar 13, Luk 21). Diskutiert wurde in den Jahrhunderten danach über die Bedeutung des Ereignisses, zumahl die Mehrheit der Juden sich trotzdem nicht den Christen anschlossen. Aber das ist ein anderes Thema.
Da der Zeitpunkt der Niederschrift vieler Schriften im Kanon des Neuen Testaments sich kaum bestimmen lässt, kann man auch nur sehr grob den historischen Kontext definieren.
Wichtiger ist für dich aber vielleicht, wer die Verfasser der Schriften waren. Was wissen wir darüber? Das behandeln wir im nächsten Teil der Serie.
Ist das Neue Testament ein Lehrbuch? Also in dem Sinn, wie wir es aus der Schule, Ausbildung oder Studium her kennen? Du möchtest in einem Bereich etwas Bestimmtes erlernen oder wissen? Dann erwartest du doch eine didaktisch klare und gut aufbereitete Darstellung, nicht wahr? Ist das Neue Testament so aufgebaut? Betrachten wir das mal am Beispiel einer Lehre, nämlich der Trinität oder Dreieinigkeit.
Eines möchte ich gleich vorweg sagen: Das soll kein Versuch werden, mal eben schnell alle Fragen zur Lehre der Trinität zu klären. Sondern ein Beitrag zu Diskussion. Wenn es denn überhaupt zu einer Diskussion kommt, weil diese doch öfters vom Tisch gewischt wird, weil die Lehre doch offensichtlich wäre, oder die kirchlichen Gelehrten seit zweitausend Jahren davon überrzeugt sind. Oder die Diskussion besteht aus einem abwechselnden Zitieren von vermeintlichen ‚Beweistexten‘.
Davon gab es schon genug. Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus sind diese Diskussionen geführt und andere schließlich wegen abweichender Interpretationen als Häretiker oder Abtrünnige geächtet worden. Warum gab es aber schon in den ersten Jahrhunderten Diskussionen zum Wesen Gottes, Jesu und des heiligen Geistens? War das denn nicht durch die mündliche Überlieferung und den entstehenden Kanon des Neuen Testaments alles klar?
Und noch eines möchte ich voraus schicken: Es geht hier auch nicht darum, ob irgendeine Form der Trinitätslehre ‚richtig‘ oder ‚wahr‘ ist. Oder die Ablehnung davon. Das ist nämlich eine ganz andere Frage. Schließlich gibt es eine Menge Dinge, die wir alle als ‚wahr‘ oder ‚richtig‘ akzeptieren, die aber in der Bibel gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden.
Was mir in Diskussionen zu diesem Thema oft fehlt, ist eine solide Übersicht über die Grundlagen, die Textzeugen, den Kanons des Neuen Testaments. Welche Ausdrücke wie kombiniert und vor allem wie häufig diese verwendet werden, gibt uns doch einen fundamentalen Hinweis. Denn was immer wieder wiederholt geschrieben wird, ist Teil der Lehre und des Denkens im ersten Jahrhundert. Was wir in den Manuskripten des Neuen Testaments nicht klar finden, war dann wohl zur Zeit deren Entstehung auch nicht.
Verschaffen wir uns also einen Überblick über die Verwendung der Trinität im Text des Kanons des Neuen Testaments. Dabei gruppieren wir die Übersicht: Wo werden alle drei Teile der Trinität gemeinsam genannt und wo nur eine Kombination von beiden.
Vater, Wort und der Heilige Geist sind eins
Wie oft findet sich diese Aussage über der Trinität im Kanon des Neuen Testaments? Das haben wir schon in Teil 5 dieser Serie betrachtet. Genau einmal. Es steht in 1. Johannes 5:7-8. Genauer gesagt, es wurde dort hinzugefügt. Das Comma Johanneum.
Wenn es sonst nirgends im Kanon zu finden ist, welcher im 4. Jahrhundert auf den Konzilen im Wesentlichen festgelegt wurde, sondern zu dieser Zeit in einer Glosse der lateinischen Bibel auftaucht, zu einer Zeit, in der auch die Trinität als Doktrin auf den Konzilen verpflichtend festgelegt wurde, dann spricht das schon für sich. Ist eine Lehre in einem Text vorhanden, dann braucht man keine Glosse hinzuzufügen oder gar nachträglich den ‚heiligen Text‘ verändern.
Das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist eins sind, wird nirgends im Kanon des Neuen Testaments gesagt.
Gott, Jesus/Christus und der Heilige Geist
In diesen Versen kommt Gott, Jesus (bzw. Christus) und Geist bzw. der Heilige Geist vor:
Nachdem Jesus getauft worden war, stieg er sogleich aus dem Wasser. Und siehe da: Der Himmel tat sich auf, und er sah den GeistGottes wie eine Taube niedersteigen und auf ihn herabkommen.
Matthäus 3:16 Züricher
Dann wurde Jesus vom GeistGottes ins Bergland der Wüste hinaufgeführt, weil er dort vom Teufel versucht werden sollte.
Matthäus 4:1 NEÜ
Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Johannes 3:5 Einheitsübersetzung
Er aber, erfüllt von heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.
Apostelgeschichte 7:55 Züricher
Ihr kennt Jesus von Nazaret und wisst, wie Gott ihn mit heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat; er zog umher und tat Gutes und heilte alle, die vom Teufel unterdrückt wurden, weil Gott mit ihm war.
Apostelgeschichte 10:38 Züricher
und erwiesen ist als SohnGottes in Kraft nach dem Geist der Heiligkeit durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseren Herrn,
Römer 1:4 Schlachter 2000
Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der GeistGottes in euch wohnt. Wer aber den GeistChristi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.
Römer 8:9 Züricher
Wenn nun der Geistvon dem [Kontext: Gottes] in euch wohnt, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, dann wird er durch den Geist, der in euch wohnt, auch euren sterblichen Körper lebendig machen, eben weil er Christus aus den Toten auferweckt hat.
Römer 8:11 NEÜ
der Gnade nämlich, ein Kultdiener zu sein des ChristusJesus für die Völker und als solcher das Evangelium Gottes als heilige Handlung zu vollziehen; so soll die Darbringung der Völker, geheiligt durch den heiligenGeist, Gottes Wohlgefallen finden.
Römer 15:16 Züricher
Ich bitte euch dringend, Brüder, helft mir zu kämpfen und betet für mich zu Gott! Denn durch unseren Herrn JesusChristus und durch die Liebe, die der Geist wirkt, sind wir doch miteinander verbunden.
Römer 15:30 NEÜ
Und das taten manche von euch. Dies alles aber ist von euch abgewaschen, ihr seid geheiligt worden, ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn JesusChristus und durch den Geist unseres Gottes.
1. Korinther 6:11 Züricher
Darum tue ich euch kund: Keiner, der im GeistGottes spricht, sagt: Verflucht sei Jesus!, und keiner vermag zu sagen: Herr ist Jesus!, es sei denn im heiligenGeist.
1. Korinther 12:3 Züricher
Ihr zeigt ja selbst, dass ihr ein Brief von Christus seid, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, eingeprägt nicht in Steintafeln, sondern in menschliche Herzen.
2. Korinther 3:3 NEÜ
Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.
2. Korinther 13:13
Der Gott unseres Herrn JesusChristus, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.
Epheser 1:17 Züricher
Wenn es bei euch irgendeine Ermutigung durch Christus gibt, einen liebevollen Trost, Gemeinschaft, die der GeistGottes bewirkt, Barmherzigkeit und Mitgefühl,
Philipper 2:1 NEÜ
Denn die Beschnittenen, das sind wir, die wir im GeistGottes dienen und unseren Stolz auf ChristusJesus gründen und unser Vertrauen nicht auf das Fleisch setzen –
Philipper 3:3 Züricher
wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist ⟨als Opfer⟩ ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!
Hebräer 9:14 Elberfelder
nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung durch den Geist, die zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut JesuChristi führt: Gnade sei mit euch und Friede in Fülle.
1. Petrus 1:2 Züricher
Wenn ihr beschimpft werdet, weil ihr zu Christus gehört, seid ihr glücklich zu nennen, denn dann ruht der Geist der Herrlichkeit Gottes auf euch.
1. Petrus 4:14 NEÜ
Daran erkennt ihr den GeistGottes: Jeder Geist, der sich zu JesusChristus bekennt, der im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott; und jeder Geist, der sich nicht zu Jesus bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommt. Der ist jetzt schon in der Welt.
1. Johannes 4:2,3 Züricher
Das sind alle Text im Kanon des Neuen Testaments, welches ich mit der Suche „Gott* Jesu* Geist*“ sowie „Gott* Christus* -Jesus Geist“ auf dem ERF Bibleserver gefunden habe, und bei der sich Geist nicht auf den Geist eines Menschen bezog.
Gott, Sohn und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Gott* Sohn* Geist“
„Der HeiligeGeist wird über dich kommen“, erwiderte der Engel, „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Kind, das du zur Welt bringst, heilig sein und SohnGottes genannt werden.
Lukas 1:35 NEÜ
Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in die euch der HeiligeGeist als Leiter eingesetzt hat, damit ihr treue Hirten der Gemeinde Gottes seid. Gott hat sie ja durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben.
Apostelgeschichte 20:28 NEÜ
Wie viel härter, meint ihr, wird die Strafe sein für einen, der den SohnGottes mit Füssen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für unrein gehalten und den Geist der Gnade verachtet hat?
Hebräer 10:29 Züricher
Vater, Jesus und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Jesus* Geist*“
In dieser Stunde rief Jesus, vom HeiligenGeist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
Lukas 10:21 Einheitsübersetzung 2016
Und ich bete, dass der Gott unseres Herrn JesusChristus, der Vater der Herrlichkeit, euch durch seinen Geist Weisheit gibt und euch zeigt, wie er selbst ist, dass ihr ihn erkennen könnt.
Epheser 1:17 NEÜ
Vater, Sohn und der Heilige Geist
Das sind die zusätzlichen Ergebnisse der Suche nach „Vater* Sohn* Geist*“
Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern. Dabei sollt ihr sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen.
Matthäus 28:19 NEÜ
Hier wird nur auf diese drei Bezug genommen, aber nicht davon gesprochen, dass sie eins seien. Doch es gibt gute Gründe, warum auch dieser Text möglicherweise verfälscht ist. In diesem Artikel im Forum habe ich das detaillierter beschrieben. Hier nur ein paar Argumente aus der 2001 Translation:
„Diese Worte fehlen in den parallelen Berichten in Lukas 24:47 und Apostelgeschichte 1:6. Alle anderen Taufanweisungen in der Bibel lassen diese Worte weg (Apostelgeschichte 2:38, Apostelgeschichte 8:15-16, Apostelgeschichte 10:48, Apostelgeschichte 19:5, Römer 6:3, Galater 3:27). Der antike christliche Schriftsteller Eusebius zitierte diesen Vers 18 Mal in einem Zeitraum von 36 Jahren. Die gefälschten Worte tauchten nicht in seinen Zitaten vor dem Konzil von Nicäa auf, sondern erst danach. Ironischerweise könnte dieser Mann derjenige sein, der diese falschen Worte eingefügt hat.“
2001 Translation
Was vermitteln diese Texte?
Welchen Eindruck vermitteln dir die Texte, wenn du sie unvoreingenommen liest? Wir finden Gott, den Vater. Wir lesen von Jesus, dem Sohn. Und vom Geist oder heiligen Geist oder Gottes Geist. Aber wie oft lesen wir etwas darüber, wie diese zueinander in Beziehung stehen?
Gott bzw. der Vater, Jesu bzw. der Sohn und der Heilige Geist werden in vielen Texten im Kanon des Neuen Testaments gemeinsam genannt, aber nie alle drei als gleich oder ebenbürtig dargestellt.
Eine Erklärung wie in einem Lehrbuch sieht anders aus.
Aber vielleicht ergibt sich die Gleichheit V == S == G transitiv: V == S und S == G damit auch V == G wie in der Mathematik. Also wenn Vater und Sohn gleich sind, und Sohn und Heiliger Geist, dann sind auch Vater und Heiliger Geist gleich.
Paarweise Nennung von Gott/Vater, Jesus/Christus/Sohn, Heiliger Geist
So viele Texte findet man durch diese Suchen:
Verwendete Teile der Trinität
Suche
Anzahl gefunde Texte in der NEÜ
Vater Sohn
Vater* Sohn* -Geist*
43
Gott Sohn
Gott* Sohn* -Geist*
83
Gott Jesus
Gott* Jesus* -Geist*
254
Vater Jesus
Vater* Jesus* -Geist*
77
Vater Christus
Vater* Christ* -Geist*
37
Gott Christus
Gott* Christ* -Geist*
168
Geist Christus
Geist* Christ* -Gott*
15
Geist Jesus
Geist* Jesu* -Gott*
41
Geist Sohn
Geist* Sohn* -Gott*
6
Geist Vater
Geist* Vater* -Jesus* -Christ* -Sohn*
12
Geist Gott
Geist* Gott* -Jesus* -Christ* -Sohn*
93
Gott und Vater und Jesus und Herr
Gott* Vater Jesus Herr* -Geist
26
In anderen Übersetzungen variiert die Zahl zum Teil deutlich, weil manchmal zum Beispiel ‚Gott‘ zur Erklärung eingeführt wird. Daher hatte ich in der Übersicht der Texte, in der alle drei genannt werden, jeweils den griechischen Text berücksichtigt.
Das sind natürlich viel zu viele, um sie in einem Video zu betrachten. Aber mit diesen Angaben kann das jeder selbst tun. Liest man das Neue Testament einmal komplett selbst durch, kann man auch sicher sein, dass einem keine Stelle entgeht. Man sollte aber mehrere Übersetzungen vergleichen und zum Beispiel mit einer Interlinear-Bibel den griechischen Text verglichen, um zu sehen, ob es dort auch so steht. Wie gesagt, manchmal wird von Übersetzung Gott hinzugefügt (z.B. Gottes Geist), und bei Geist wird nicht konsequent ‚heilig‘ oder ‚Heiligkeit‘ mit übersetzt oder manchmal weg gelassen.
Eine große Zahl von Texten unterscheidet klar zwischen Gott, der Vater genant wird und Jesus Christus als Herrn.
Jesus Christus wird nie als der Gott bezeichnet.
Der Heilige Geist wird nie Gott genannt.
Interessant fand ich, wie oft eine Formulierung „Gott, unser Vater und Jesus Christus, dem Herrn“ verwendet wird: 30 mal habe ich gezählt. Das war mir beim Lesen des Neuen Testaments auch schon oft aufgefallen. Hier ein Beispiel:
An alle in Rom, die von Gott geliebt und zu Heiligen berufen sind. Ich wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, dem Herrn.
Römer 1:7 NEÜ
Man findet diese Formulierung noch nicht in den Evangelien und der Apostelgeschichte, aber danach in Römer, 1. Korinther, 2. Korinther, Galater, Epheser, Philipper, Kolosser, 1. Thessalonicher, 2. Thessalonicher, 1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus, Philemon, 1. Petrus, 2. Johannes .
Die Formulierung Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“ wird mindestens 30 mal und in mindestens 14 Briefen verwendet.
Sie unterscheidet klar zwischen „Gott, dem Vater“ und „Jesus Christus, dem Herrn“, und nicht „Jesus Christus, dem Sohn“. Und der Heilige Geist wird nie erwähnt. Und nur vom Vater, wird gesagt, dass er Gott ist, bzw. von Gott, dass er unser Vater ist. Jesus wird nicht als Gott sondern Herr angesprochen.
Ging es den Autoren damals vielleicht viel mehr um die Rollen als um so ein Konzept wie die Trinität? Gott ist unser Vater, wie es in Jesu Mustergebet steht. Aber Jesus ist jetzt unser Herr. Und spätestens seit Pfingsten hatten sie auch so ihre Erfahrungen mit dem heiligen Geist gemacht – und keiner ist auf die Idee gekommen, dass jetzt der Vater oder Herr irgendwie in ihnen ist, so wie sie Vater und Herr beschrieben.
Kommen wir auf die Frage vom Anfang zurück: Ist das Neue Testament ein Lehrbuch, wie wir es heute kennen? Nein. Oder um es einmal mit viel Ironie zu sagen: Was für eine Schlamperei von Paulus, Petrus und Johannes! Warum verwirren sie uns mit dieser Formulierung? Oder wenn du die Verbalinspiration für richtig hältst: Warum macht Gott uns hier so durcheinander, indem er so oft die verschiedenen Formulierungen gebraucht, anstatt die Sache klar darzustellen?
Hat es wie bei anderen Themen Zeit gebraucht, bis sie verstanden wurden? Vielleicht ist das Thema damals gar nicht so wichtig gewesen? Waren die zentralen Botschaften des Evangeliums nicht ganz andere? Vielleicht wäre es gut, in Anbetracht dessen sich zu überlegen, ob die Lehre der Trinität tatsächlich das zentrale Dogma ist – oder nicht doch das Evangelium?
Zusammenfassung
Der Kanon des Neuen Testaments enthält viele Texte mit Interpretationsspielraum. Aber enthält auch keine Definition der Trinität wie in vielen Glaubensbekenntnissen. Fasst man das Neue Testament als Lehrbuch auf, dann wird keine Form der Trinität – oder gegenteiligen Auffassungen – sonderlich gut darin erklärt. Du möchtest dem widersprechen? Dann schaue dir einmal irgendein Lehrbuch zu dem Thema an. Wenn da nicht eine klare Definition und deren Erläuterung und Begründung enthalten sind, würdest du so ein Lehrbuch kaufen?
Das Neue Testament ist bei keinem Thema wie ein heutiges Lehrbuch aufgebaut. Und sollte es auch nicht sein.
War das Thema Trinität zu kompliziert für das erste Jahrhundert? Oder war es einfach bestenfalls zweitrangig im Vergleich zur Kernbotschaft des Evangeliums?
Die Geschichte zeigt, dass es ein paar Jahrhunderte dauerte, um die heute verbreitete Fassung der Trinität festzulegen. Über die Entwicklung der Lehre der Trinität gibt es sehr viel Literatur. Wenn du die Fakten aus der Sicht eines kritischen Historikers lesen willst und English kannst, ist dieses Buch aufschlußreich: Wie Jesus Gott wurde: Die Erhöhung eines jüdischen Predigers aus Galiläa. Das ist übrigens von Bart D. Ehrman, der mit Bruce Metzger viele über den Kanon und die Manuskripte des Neuen Testaments gearbeitet hat.
Warum erwähne ich das? Weil es sehr aufschlußreich ist, zu lesen, wie die selben historischen Fakten, Manuskripte usw. auch anders interpretiert werden können. Wenn man die Fakten von beiden Seiten beleuchtet sieht, kann man sie besser einordnen und sich selbst eine Meinung bilden.
In den letzten 13 Teilen dieser Serie über den Kanon des Neuen Testaments haben wir eine ganze Menge an Fakten kennengelernt. Historische Fakten über die Entwicklung des Kanons und des Christentums und solche über den Text und die Manuskripte selbst.
Vielleicht hast du dir schon im Laufe dieser Serie diese Fragen gestellt. Wenn nicht, tue ich es jetzt:
Und was soll ich damit anfangen?
Kann ich überhaupt noch daran glauben, dass ich in der Bibel Gottes Gedanken finde?
Warum kommen manche zu unterschiedlichen Schlüssen? Es sind doch für alle die selben Fakten. Gibt es keine objektive Antwort?
Damit sind wir wieder bei dem Gedanken, dass eine persönliche Bewertung hier entscheidend ist. Dabei geht es nicht um persönliche Vorlieben, wie die Lieblingsfarbe. Sondern eher um dasselbe wie bei der Frage: Ist dieses Bild schön? Man sagt ja nicht zu Unrecht: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Die Frage, welche zunserem Thema passt, ist schwieriger: Ist dieses Bild gut?
Vincent van Gogh „Porträt des Dr. Gachet“
Kann die Frage „Ist diese Bild von van Gogh gut?“ einfach beantwortet werden? Mit ja oder nein? Schon an diesem Beispiel sehen wir, dass eine solche Frage nicht viel Sinn macht. Sollten denn alle Bilder der Welt in die zwei Gruppen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ eingeteilt werden?
Genauso wenig macht die Frage Sinn, ob die Bibel wahr oder falsch ist.
Was die Frage betrifft, „Ist dieses Bild von van Gogh gut?“, magst du denken, dass es dafür doch objektive Kriterien gibt:
Ausführung (Farben, Details, Technik)
Ausdruck
Echtheit
Alter des Bildes
Künstler
Erhaltungszustand
usw.
Moment mal, warum ist das Alter eines Bildes ein objektives Kriterium ob es gut ist? Vergleichen wir einmal Jahrtausende alte Zeichnungen in einer Höhle mit einer ähnlich aussehenden Kreidezeichnung von Kindern auf der Straße. Da besteht doch ein gewaltiger Unterschied, oder nicht? Es geht dabei allerdings um eine leicht andere Frage: Was ist dieses Bild wert?
Und das ist auch die Frage, die uns in Bezug auf die Bibel wirklich interessiert: Welchen Wert hat die Bibel für uns?
Damit kommen aber auch allgemeine und persönliche Bewertungsfaktoren ins Spiel. Beim Bild zum Beispiel:
Für wie bedeutend hält man bzw. hältst du den Künstler?
Wie wichtig ist (für dich) der Erhaltungszustand? Kleine Beschädigungen, Alterung der Farben, usw.
Gefällt dir das Bild immer noch, auch wenn es nicht das Original sondern eine fast perfekte Kopie ist?
Du kannst dich aber natürlich auch auf den Standpunkt stellen, dass dieses Bild wertvoll sein muss, weil es 1990 für 82,5 Millionen US$ verkauft wurde … Das entspricht in etwa dem Gedanken, dass die Bibel für einen wertvoll ist, weil erstens Experten und zweitens Millionen anderer sie schätzen. Da es nun aber auch Experten und viele Millionen anderer es gibt, welche die Bibel überhaupt nicht schätzen, hilft uns das auch nicht unbedingt weiter.
Mit dem Kanon des Neuen Testaments sollten wir also besser selbst die objektiven Kriterien gut kennen. Das haben wir in dieser Serie gemacht. Und uns dann bewusst werden, wie wir diese subjektiv, persönlich bewerten. Das ist nämlich der Schlüssel zu der Beobachtung, dass bei gleicher Faktenlage Menschen zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nehmen wir nur einmal zwei Personen, denen wir im Laufe dieser Serie begegnet sind: Die beiden Gelehrten Bruce M. Metzger und Bart. D. Ehrmann. Beide haben zum Kanon des Neuen Testaments gearbeitet, Ehrmann hat bei Metzger seine Doktorarbeit geschrieben. Während man in Metzgers Buch lesen kann, wie menschlicher und göttlicher Einfluß bei der Entstehung des Kanons zusammengewirkt haben, sieht sich Ehrmann heute nicht einmal mehr als Christ. Je mehr er die Unterschiede und Änderungen in den Manuskripten studiert hat, desto weniger war er von ihnen überzeugt.
Aber warum kann man bei gleicher Faktenlage zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen?
Fakten und ihre Bewertung
Da hilft uns ein Beispiel aus einem anderen Bereich des Lebens. Du möchtest ein Haus kaufen. Der Notar sagt dir: Ich habe den Vertrag schon fertig gestellt, einfach hier unten unterschreiben. Würdest du das tun? Zumindest würdest du ihn in Ruhe durchlesen wollen. Dabei stellst du ein paar Dinge fest, die du nicht verstehst und mit dem Text scheint auch manchmal etwas nicht zu stimmen. Auf Nachfrage erfährst du: Der Verkäufer hat seinen Text in mehreren Teilen an seinen Rechtsanwalt geschickt. Genauer gesagt lagen sogar verschiedene Versionen vor. Bei der Übertragung zum Notar und der Abschrift dort sind dann leider noch ein paar Fehler aufgetreten. Aber der Notar hat das nach bestem Wissen korrigiert und auch sonst ein paar Dinge geändert, die so nicht richtig gewesen sein konnten. Nichts Wesentliches, nur ein paar Kleinigkeiten. Würdest du jetzt unterschreiben?
Bei einem Vertrag wird das wohl kaum einer tun. Aber wenn es um den eigenen Glauben, dein Leben und deine Zukunftshoffnung geht, machen viele das mit der Bibel: Pauschal unterschreiben. Und neigen sogar dazu, vor den Fakten, die wir bisher betrachtet haben, Angst zu haben, sie zu ignorieren oder sogar ganz zu leugnen. Warum eigentlich? Hier scheinen viele andere Faktoren eine größere Rolle zu spielen als eine rationale Bewertung der Fakten.
Um bei dem Vergleich zu bleiben: Wenn du den Notar schon lange persönlich, als kompetent und absolut vertrauenswürdig kennst und seine Kanzlei sehr zuverlässig arbeitet, dann wirst du doch keine Probleme damit haben, die erhaltenen Dokumente und deren Überarbeitungen zu überprüfen. Und dann hinkt dieser Vergleich: Einen Vetrag musst du ganz oder gar nicht unterschreiben. Und vielleicht ist das in Bezug auf die Bibel auch eine unbewusste Annahme von uns gewesen.
Es sind also oft die Annahmen, die wir zu einem Thema bewusst oder unbewusst haben, welche eine sehr wichtige Rolle bei der persönlichen Reaktion auf Fakten spielen. Fassen wir diese zunächst einmal zusammen.
Die Fakten
Was die Bibel, das Alte und Neue Testament betrifft, wollen wir also wissen, wie zuverlässig unsere Quellen für diesen oder jenen Text sind. Und da hat die Forschung, die historische und die Bibelkritik, wie wir gesehen haben, anstatt zu verunsichern, Gewissheiten gebracht:
Die Autographen sind zwar verloren, aber diese und die Kopien wurden ständig verlesen und gebraucht. Zusammen mit der mündlichen Überlieferung konnten die Christen zur Zeit der ersten Kopien diese noch vergleichen. Natürlich bleibt eine bestimmte Ungewissheit, weil wir den Zustand der ersten Kopien nicht anhand von Mansukripten überprüfen können.
Es gibt etwa 5.800 griechiche Manuskripte und viele weitere Tausende in Latein und anderen Sprachen. Aus den ersten vier Jahrhunderte sind aber nur sehr wenige Manuskripte und davon nur sehr wenige vollständige erhalten geblieben. Es gibt schon früh Übersetzungen.
Es gibt wohl über 400.000 Abweichungen zwischen den Manuskripten des Neuen Testamants, das selbst nur 140.000 Wörter hat. Aber die meisten sind Schreibfehler und können so eleminiert werden.
Es gibt absichtliche Veränderungen: Aus guter Absicht, weil man Randnotizen für original hielt zum Beispiel. Aber es gab auch solche mit der Absicht, eine bestimmte Lehre zu verteidigen oder verhindern. Viele davon kennen wir mittlerweile. Andere werden noch im Text bisher unerkannt schlummern. Wir wissen also, dass es noch Überraschungen geben kann. Die Tatsache, dass ein Textvergleich überhaupt möglich ist, zeigt aber, dass es auch sehr große Übereinstimmungen gibt.
Der Kanon des Neuen Testaments festigte sich erst nach rund 300 Jahren nach einer Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Nichts spricht dagegen, dass Gott diesen Prozess beeinflußt hat, auch wenn die menschliche Hand nur zu gut zu sehen ist. Geblieben aber sind Schriften, die vor allem wegen der Qualität ihres Inhalts überzeugen, besondern im Vergleich zu denen, die nicht im Kanon sind.
Wenn Gott den Text inspiriert hat, dann so, indem er die ultimative Quelle ist. Das läßt oft Raum für Formulierungen durch den menschlichen Autor. Und entsprechend kann er auch die Arbeit derjenigen überwacht haben, welche die Texte überarbeitet, zusammengestellt und kopiert haben. Das geschah nicht fehlerfrei – was auch nie zugesagt wurde –, aber gut genug, um den Zweck zu erfüllen.
Betrachtet man die Evangelien, die Schriften des Paulus, die anderen Schriften im Kanon des Neuen Testaments, Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, die Schriften der Kirchenväter und Konzile in zeitlicher Reihenfolge, kann man erkennen, wie Lehren des Christentums über die Jahrhunderte erst entstanden oder entwickelt wurden.
Mit dem letzten Punkt haben wir uns in dieser Serie bisher noch nicht beschäftigt. Aber dies ist ja auch erst eine ‚Zwischenbilanz‘.
Betrachten wir zuerst einmal einige individuelle Bewertungen der aufgeführten Fakten.
Individuelle Bewertungen
Lass uns einmal ein paar individuelle Bewertungen betrachten und uns dabei fragen, inwieweit sie das Ergebniss von Fakten, Annahmen und persönlichen Bewertungen sind.
Bewertung 1
„Das stimmt alles nicht. Das wurde nur erfunden, um die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift in Misskredit zu bringen. Für mich ist und bleibt das alles Gottes Wort.”
Gut. Kann man so machen. Das Leugnen von Fakten ist aber auch sonst im Leben keine besonders gute Strategie. Könnte es sein, dass es hier mehr darum geht, dass bestimmte Annahmen und Behauptungen zur Inspiration und Unfehlbarkeit der Bibel ausschlaggebend sind? Oder weil sonst gewisse Glaubenslehren ins Wanken kommen könnten?
Bewertung 2
In Titus 1:2 steht: „Gott, der nicht lügen kann”. Wenn Gott nicht lügen kann, kann in der Bibel auch nichts Falsches stehen.
Diese Überlegung beinhaltet einige inkorrekte Schlussfolgerungen, führt aber vielleicht dazu, dieses Thema in Zukunft zu ignorieren. Das führt uns auch nicht zu einem stabilen Fundament des Glaubens.
Bewertung 3
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann, die Wahrheit spricht“.
Wenn jemand so denkt und dann erfährt, dass Texte in der Bibel gefälscht wurden, kann das dazu führen, dass die Bibel als Ganzes abgelehnt wird. Setzt aber voraus, dass man davon ausgehen darf, dass die Bibel fehlerfrei erhalten sein muss.
Bewertung 4
Eine ‚heilige Schrift‘ darf keine Fehler oder menschlichen Einfluß enthalten.
Das kann man so glauben und als Grundannahme haben. Es ist aber kein Naturgesetz, sondern ein Glaubensdogma. Es ist aber leider zu unscharf formuliert und führt zu Schwierigkeiten, wenn man darüber nachdenkt.
Nehmen wir die Tafeln mit den 10 Geboten (eigentlich Wörtern … anderes Thema). Nehmen wir an, du bekommst sie von Gott in die Hand gedrückt. Wenn dort steht „du sollst nicht morden“ und später „du sollst morden“, dann könnte man schon an der Göttlichkeit dieses Textes zweifeln. Wäre aber an der Tafel eine Ecke abgebrochen und ein Teil der Wörter schlecht lesbar, würdest du es Gott zurückgeben, weil du das so nicht als göttlich akzeptieren kannst? Wenn du jedoch einhundert Jahre später die Tafeln bekommst, die aber leider zerbrochen sind. Und manche Wörter sind beschädigt und zwei Sätze sind nur halb erhalten und an einer Stelle ist etwas repariert worden … dann bist du in der Situation über die wir in dieser Serie gesprochen haben. Und dann erfährst du noch, dass das gar nicht das Orinigal ist! Sondern Mose musste nochmal .. weil er das Original zertrümmert hat …
Übrigens enthält die Bibel oft genug Passagen, in denen ausgedrückt wird, wie derjenige fühlte und dachte, der es schrieb. Ist das nicht schon ein menschlicher Einfluß? Gott hat dem Psalmisten ja nicht seine Niedergeschlagenheit so inspiriert, dass er es für die heilige Schrift passend als göttliche Gedanken aufschreiben konnte.
Enthält die Bibel logische Widersprüche oder widersprüchliche Aussagen? Darüber haben wir überhaupt noch nicht gesprochen. Und auch die Bewertung des Inhalts kann auch zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen.
Bewertung 5
„Es wäre ja schön gewesen, wenn wir perfekte Kopien hätten oder sogar die Autographen mit Echtheitsgarantie. Aber so ist es nun einmal nicht. Sehen wir, was wir am Besten daraus machen können. Beim Text der Bibel berücksichtige ich, wie gesichert der Text aufgrund der Manuskripte ist.“
Ein Gedanke oder eine Lehre, die auf vielen Texten beruht, ist zuverlässiger als etwas, was nur in einem Text vorkommt. Falls in diesem Fall sich die Manuskripte auch noch unterscheiden oder es Unterschiede zum Kontext und den anderen Texten gibt, ist die Zuverlässigkeit eher gering. Mit diesem Umstand kann man leben und ihn berücksichtigen.
Ungewissheiten und Risiken
Die persönliche Gewichtung von Fakten führt also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Bei gleicher Faktenlage.
Es geht aber nicht nur um die Bewertung von Fakten, die wir kennen, sondern auch um Ungewissheiten und damit Risiken. Es gibt eine Lücke zwischen den frühesten uns erhaltenen Kopien und den Autographen. Auch hier kann man unterschiedlich bewerten.
„Da ich über diese Zeit nichts weiß, gehe ich davon aus, dass dort alles Mögliche passiert sein kann und das Neue Testament völlig zerstört wurde. Ich traue der Sache gar nicht.“
„Ich kann zwar nicht direkt überprüfen, was in der Zeit zwischen den Autographen und den frühesten uns erhaltenen Kopien passiert ist. Aber indirekt kann man gewisse Aussagen machen. Von einigen Autographen haben wir erfahren, dass sie noch viele Jahrzehnte zum Vorlesen verwendet wurden. Grobe Fehler in einer Kopie wären also aufgefallen. Die Textkritik hat die Unterschiede aufgezeigt. Aber damit auch die Gleichteile. Viele Veränderungen sind korrigiert. Bei anderen unklaren Unterschieden bewerte ich die Passage als nicht sehr zuverlässig. Es gibt ein Restrisiko, dass weitere verfälschte Texte gefunden werden. Aber dass ein neu gefundenes Manuskript alles auf den Kopf stellt, halte ich für unwahrscheinlich. All das berücksichtige ich, wenn ich in der Bibel lese.“
Vielleicht wartest du immer noch darauf – oder hoffst darauf – dass ich hier eine abschließende, allgemeingültige Aussagbe treffe, was du von dem Kanon des Neuen Testaments halten sollst. Nun, ich hoffe, es ist klar geworden, dass es die nicht geben kann. Damit würde ich dir eigentlich auch die Verantwortung, die jeder selbst hat, abnehmen. Und so beende ich diese ‚Zwischenbilanz‘ in der Hoffnung, dass du nun genügend Material hast, um deine persönliche Bewertung und Position finden zu können.
Rom, Ende Juli 144 n. Chr. „Der Klerus der christlichen Gemeinde zu Rom hält eine Anhörung ab. Ein sehr angesehenes Gemeindemitglied namens Marcion steht vor den Presbyterien, um ihnen seine Lehre des Evangeliums zu darzulegen, mit dem Ziel, die Ältesten zu überzeugen.
Aber das, was er jetzt den Presbytern vortrug, was so ungeheuerlich, daß es seinen Zuhörern die Sprache verschlug. Die Veranstaltung endet mit einer schroffen Ablehnung der Ansichten Marcions. Er wurde förmlich exkommuniziert.“ (Bruce M. Metzger, Der Kanon des Neuen Testaments, S. 96)
Jehovas Zeugen denken dabei vielleicht an ihre Rechtskomittees, den Gemeinschaftsentzug und das Meiden und Ausgrenzen so eines Abtrünnigen. Es gibt da aber viele Unterschiede. Vor allem einer: „Er war schon einige Jahre Mitglied einer der römischen Kirchen und hatte seine Rechtgläubigkeit durch umfangreiche finanzielle Zuwendungen unter Beweis gestellt. Zweifellos war er ein angesehenes Gemeindemitglied. … Doch dann wurde er förmlichexkommuniziert undseine Geldzuwendungen wurden ihm zurück erstattet.“ (Metzger, S. 96) Das hat wohl noch niemand bei den Zeugen Jehovas erlebt. Wir hätten uns gewiss bei unserem amtlichen Austritt aus der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas über eine Rückerstattung unserer Spenden gefreut. Aber das ist ein anders Thema …
Die Lehre des Marcion
Welche Lehre hat denn Marcion vorgetragen, die eine solche Reaktion auslöste? Marcion schrieb nur ein einziges Werk, die Antithesen. Es ist uns nicht erhalten geblieben, was bei einem für die Kirche so gefährlichen Buch nur zu verständlich ist. Wir wissen aber, dass diese Gedanken lange Zeit eine der stärksten Strömungen im Christentum waren und auf heftigste bekämpft wurden. Tertullian schrieb »Fünf Bücher gegen Marcion«. Und das war schon sein zweites, ausführlicheres Werk! Irgendetwas scheint also doch an der Lehre Marcions dran gewesen zu sein, wenn so ein Aufwand notwendig war, um zu beweisen, dass sie häretisch war – oder sollten wir vielleicht besser sagen: Nicht orthodox.
Wenn also schon die Entgegnungen so umfangreich sind, kann man die Lehre auch nicht in wenigen Sätzen angemessen erklären. Wer mehr wissen möchte, der sei auf das monumentale Werk (640 Seiten) des Gelehrten Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott
Nachdruck von Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, Adolf von Harnack, 1921
Oder aus neuerer Zeit Barbara Aland Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009. Da wir hier aber primär nicht sein Lehre selbst analysieren wollen, sondern welche Auswirkungen er auf den Kanon des Neuen Testaments hatte, fangen wir mit ein paar Aussagen von Paulus an.
Es schreibt Paulus, ein Apostel, der nicht von Menschen gesandt oder durch einen Menschen zum Apostel gemacht wurde, sondern durch Jesus Christus selbst und durch Gott, den Vater, der Jesus aus den Toten auferweckt hat.
Aber Gott hatte mich schon im Mutterleib ausgewählt und in seiner Gnade berufen.
Es muss euch klar sein, meine Brüder: Das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, ist kein Menschenwort. Ich habe es nicht von Menschen empfangen oder gelernt, sondern ich erhielt es durch Offenbarung von Jesus Christus.
… habe ich nicht erst Menschen um Rat gefragt. Ich reiste nicht einmal zu denen nach Jerusalem, die schon vor mir Apostel waren, sondern ging nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.
Von Seiten der Angesehenen aber, von denen, die etwas zu sein scheinen – was sie einst waren, spielt für mich keine Rolle, bei Gott gibt es kein Ansehen der Person … Mir jedenfalls haben die Angesehenennichts auferlegt [wörtlich mir nichts Neues gegeben], im Gegenteil: Als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist so wie dem Petrus dasjenige für die Beschnittenen – der nämlich, der an Petrus gewirkt hat, um ihn zum Apostel der Beschnittenen zu machen, hat auch an mir gewirkt, um mich zu den Heiden zu senden -, und als sie die Gnade erkannten, die mir geschenkt war, da gaben Jakobus und Kefas und Johannes, die Angesehenen, die als ‚Säulen‘ gelten, mir und Barnabas die rechte Hand zum Zeichen ihres Einverständnisses: Wir sollten zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen
Als dann aber Kephas nach Antiochia kam, musste ich ihn öffentlich zur Rede stellen, weil er durch sein Verhalten im Unrecht war.
Aber was für einen Sinn hat dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt, um die Gesetzesübertretungen sichtbar zu machen, und zwar so lange, bis der Nachkomme käme, dem das Versprechen galt.
Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren.
So wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, so bringt eine einzige Tat, die Gottes Rechtsforderung erfüllte, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben.
Welche Überzeugung vermittelt hier Paulus von sich und dem Evangelium?
Paulus wurde direkt von Jesus Christus selbst und Gott, dem Vater zum Apostel. Die anderen Apostel wurde von Jesus ausgewählt.
Er wurde sogar schon im Mutterleib von Gott ausgewählt. Das kann kein einziger der anderen Apostel von sich sagen und sagte es auch nie.
Er erhielt das Evangelium durch Offenbarung von Jesus Christus. Als Quelle erwähnt er keine Evangelien oder Berichte der anderen Apostel.
Im Gegenteil: Es hielt es nicht für nötig, die vor ihm ernannten Apostel in Jerusalem zu Rate zu ziehen, als wäre es nur Rat von Menschen.
Die Angesehenen, deren Ansehen er für unwichtig hält, die Apostel und Ältesten, die ‚Säulen‘ der Gemeinde in Jerusalem, hatten für ihn nichts Neues.
Ihm wurde das Evangelium für die Heiden anvertraut. Damit waren sie einverstanden.
Paulus musste sogar Petrus öffentlich zur Rede stellen.
Das Gesetz ist dazu da, die Sünde und Übertretung sichtbar zu machen. Der Gegensatz dazu ist die Gnade durch Christus. Zumindest kann man das so interpretieren.
Leben kommt nur durch den Opfertod Jesu.
Vergleichen wir das einmal mit wesentlichen Elementen der Gedanken und Lehren Marcions, soweit sie sich aus den Schriften seiner Gegner rekonstruieren lassen (ich vereinfache hier, aber sonst wird es ein sehr langer Text bzw. Video):
Paulus ist der einzig wahre Apostel, denn nur er hat das Evanglium wirklich verstanden.
Die anderen Apostel sind in das alten jüdische Denken zurückgefallen oder haben das wahre Evangelium nie ganz verstanden.
Das Alte Testament mit dem Gesetz und seinem gerechten, strafenden Gott steht ihm Gegensatz zu dem liebevollen Gott und Jesus Christus und deren Erlösung durch Gnade.
Das Alte Testemant ist für die Gläubigen daher nicht mehr wichtig, sondern nur das Evanglium.
Die Bedeutung des Paulus als Apostel und des Evangeliums, wie er es predigte, wird nicht nur hervorgehoben sondern konsequent weiterentwickelt – zum Teil sogar radikal weiter entwickelt. Interessant ist doch aber, dass viele Christen heute ziemlich genau so denken, nicht wahr? „Du musst nur an Jesus glauben, und dann bist du gerettet.“, „Jesus liebt dich.“, „Die Liebe ist das Wichtigste.“ „Das Alte Testament ist für uns heute nicht so wichtig.“ Obwohl die Kirche Marcion und seine Bewegung erbittert bekämpft hat, scheinen mir heute wieder ziemlich viele so eine Art Marcionisten zu sein.
Einen zentralen Punkt in Marcions Theologie habe ich aber noch nicht erwähnt. Hier entwickelt er die Paulinischen Gedanken bis zur letzten Konsequenz weiter. Wenn so ein Unterschied zwischen mosaischem Gesetz und der Liebe des Christus besteht, wenn der Gott des Alten Testaments gerecht aber auch grausam ist, im Evangelium aber als Gott der Liebe beschrieben wird, der ganz Liebe ist, dann kann JHWH aus der jüdischen Bibel und der Gott es Evangeliums nicht der Selbe sein! Es muss ein uns bisher unbekannter Gott sein! Den Gott des Alten Testaments, der jüdischen Bibel, den Schöpfergott dieser sündigen, ungerechten Welt nannte er den Demiurg, von altgriechisch δημιουργεῖν ‚schaffen‘. Er, der in der jüdischen Bibel sich selbst als JHWH bezeichnet, ist der niedrigere Gott des Gesetzes, der strafende. Ein Gesetz, das nur dazu da war, die Fehlerhaftigkeit und Sünde der Menschen und der Schöpfung aufzuzeigen. Den höchsten Gott kannten wir daher bisher gar nicht. Er ist ein Gott voller Liebe und Güte und er hat Jesus als seinen Gesandten geschickt. Er ist der Erlösergott, der weit über dem bösen Schöpfergott des Gesetzes steht. Der Schöpfergott verurteilt uns zum Tod, der Erlösergott schenkt uns das Leben.
Die Trennung in zwei Gottheiten mag uns vielleicht nicht behagen. Aber unterscheiden nicht viele Menschen so den Gott des AT und des NT? Selbst heute sehen also viele hier einen Gegensatz und lösen diesen auf erstaunlich ähnliche Art und Weise. Und tatsächlich ist damals so manches theologische Konzept Marcion doch in die Lehren der Kirche später aufgenommen worden. Vergesssen wir auch nicht, dass nach seiner Exkommunikation sich viele Gemeinden seiner Lehre anschlossen und zu einer der wichtigsten Strömungen der Christenheit wurde.
Bedenkt man, dass die Streitigkeiten zum Thema GESETZ schon zur Zeit des Paulus aktuell waren und das Verhältnis der Jünger Jesu zum Judentum sich stetig weiter entwickelte, wäre er vielleicht damit noch ein Zeit lang mit durchgekommen (ich spekuliere jetzt). Aber eine Sache war für ihn logische Konsequenz, die sicher mit ausschlaggebend war: Der Gesandte des Erlösergottes, war durch und durch gut und voller Liebe und konnte deswegen nur göttlich sein. Er konnte nichts menschliches an sich haben, denn die Menschen sind Teil der Schöpfung und damit das unvollkommene Werk des Demiurgen. Menschen können sich nicht von selbst aus dem Bösen und dem Gesetz befreien. Daher erschien es nur so, als ob der Gottessohn ein Mensch geworden wäre. Er war auch nicht der im AT vorhergesagte Messias. Das war natürlich die schreckliche Häresie des Doketismus, die von der Kirche ebenso vehement bekämpft wurde. Das wurde ja schon zwischen erstem und zweiten Jahrhundert festgehalten:
Ich schreibe euch das, weil viele Verführer in der Welt unterwegs sind. Sie behaupten, dass Jesus Christus nicht als Mensch von Fleisch und Blut zu uns gekommen ist. Dahinter steckt der eigentliche Verführer und Antichrist.
2. Johannes 1:7 Neue Evangelistische Übersetzung
Das Problem mit der Natur Jesu Christi hat, wie wir schon gesehen haben, viele beschäftigt und nur eine von mehreren Strömungen hat überlebt. Marcions Wirken hatte aber einen weiteren interessanten Einfluß.
Wie hat Marcion die Entwicklung des Kanon beeinflußt?
Marcion war der Überzeugung, dass nur Paulus das wirkliche Evangelium direkt von Gott und Christus empfangen hätte und die anderen Apostel es nicht verstanden und sogar mit Gedanken aus der jüdischen Bibel vermischt hätten. Wenn man Paulus so im Galater und anderen Briefen hört, klingt das gar nicht so anders. Tatsächlich waren die Briefe des Paulus und seine Theologie in Teilen der Kirche aber gar nicht mehr so bestimmend wie noch Mitte des ersten Jahrhunderts. Marcion wollte daher das wahre Evangelium wiederherstellen. Auch zu seiner Zeit gab es schon verschiedene Evangelien, mit unterschiedlichen Darstellungen, und verschiedene Kopien und Überlieferungen – ganz zu schweigen von den Apokryphen. Er wählte daher das Lukas Evanglium als das einzig wahre aus und bereinigte es von ‚Fehlern‘. Wir hatten in dieser Serie auch viele Beispiele gesehen, in denen Abschreiber mit voller Absicht den Text änderten, um eine bestimmte Lehre zu untermauern oder verhindern. Marcion hatte den Eindruck, dass selbst Schriften des Paulus auf diese Weise ‚verdorben‘ waren und stellte eine Sammlung von korrigierten Schriften auf. Daher sind wichtige Gelehrte der Meinung, dass Marcion damit der erste war, der einen Kanon der christlichen Schriften erstellte! Ausgerechnet dieser Häretiker! Tatsächlich hat seine Arbeit aber auf jeden Fall dazu beigetragen, die Entwicklung des Kanons des Neuen Testaments, so wie wir es kennen, zu beschleunigen.
Zusammenfassend möchte ich daher aus Adolf von Harnacks Werk zitieren (S. 262ff, Deutsch von 1921). Hinweis: Soteriologie ist die Lehre der Erlösung des Menschen im christlichen Kontext.
Nicht nur durch die Tatsache, dass alle diese Stücke bei Marcion früher auftauchen als in der großen Kirche, wird die causierende Priorität dieses einzigen Mannes bewiesen, sondern noch sicherer durch die Beobachtungen (s. Beilage III und IV), wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat. Vor allem spricht hier das mächtige Eindringen der Marcionitischen Prologe zu den Paulusbriefen in die lateinische Bibel der Kirche die beredteste Sprache. Wie oft muss anfangs die Marcionitische Briefsammlung in die Hände der Katholiken gekommen und zunächst unerkannt geblieben sein! Es fehlten eben Jahrzehnte lang in den katholischen Kirchen Exemplare der Paulusbriefe. Aber auch die offenbare Tatsache, dass Irenäus, der Begründer der soteriologischen Kirchenlehre, sowie Tertullian und Origenes ihre biblischen Lehren über Güte und Gerechtigkeit, über Evangelium und Gesetz, über den Schöpfergott und den Erlösergott usw. im Kampf gegen Marcion entwickelt und dabei vom ihm gelernt haben, ist von höchstem Belang. Endlich – durch Marcion ist auch für die große Kirche Paulus wiedererweckt worden, den z.B. ein Lehrer wie Justin bereits ganz zur Seite geschoben und der römische Christ Hermas völlig ignoriert hatte. Vor allem aber die Stellung der großen Christenheit zum AT ist infolge der Auseinandersetzung mit Marcion eine wesentlich andere geworden als früher. Vorher war die Gefahr brennend, dass man das AT als die christliche Urkunde, teils wörtlich, teils allegorisch erklärt, anerkannte und sich mit ihr begnügte; jetzt wurde zwar diese Gefahr noch immer nicht endgültig beseitigt und eine befriedigende Klarheit nicht hergestellt, aber die Beurteilung, dass im AT „das Erz noch in den Gruben liegt“ und dass es die legisdatio in servitutem sei gegenüber der neutestamentlichen legisdatio in libertatem, schaffte sich doch Raum und Ansehen. Ja wir hören jetzt von hervorragenden Kirchenlehrern Äußerungen über das AT, die noch über Paulus hinausgehen. Das verdankt die Kirche Marcion.
Nimmt man hinzu, dass erst nach Marcion in der großen Christenheit die zielstrebige Arbeit begonnen hat, die heilige Kirche, die Braut Christi, die geistige Eva, den jenseitigen Äon vom Himmel herbeizuführen und auf Erden die Gemeinden zu einer tatsächlichen Gemeinschaft und Einheit auf dem Grunde einer festen, im NT wurzelnden Lehre zusammenzuschließen, wie er es getan hat, so ist erwiesen, dass Marcion durch seine organisatorischen und theologischen Conceptionen und durch sein Wirken den entscheidenden Anstoß zur Schöpfung der altkatholischen Kirche gegeben und das Vorbild geliefert hat. Ihm gebührt ferner das Verdienst, die Idee einer kanonischen Sammlung christlicher Schriften, des Neuen Testaments, zuerst erfasst und zuerst verwirklicht zu haben. Endlich hat er als erster in der Kirche nach Paulus die Soteriologie zum Mittelpunkt der Lehre gemacht, während die kirchlichen Apologeten neben ihm die christliche Lehre auf die Kosmologie gründeten.
Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245ff
Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 245Adolf von Harnack: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 246Adolf von Harnack verwiesen: Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, S. 247
Welche Strömungen gab es unter Christi Jüngern?
Nachdem wir erkannt haben, dass sogar eine christliche Strömung, die nicht überlebt hat, einen Einfluß auf die Schriften und den Kanon hatte, stellt sich die Frage, ob es noch andere solche gab.
Zuerst einmal lebten Jesus und die Jünger im Judentum in der Zeit des zweiten Tempels. Damals gab es die Strömungen der Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten und anderer. Die Jünger kamen aus oder standen diesen Gruppen nahe, vermutlich bis auf die Sadduzäer, der priesterlich-aristokratischen Oberschicht. Paulus war ein Pharisäer gewesen, und Simon der Eiferer war vielleicht ein Zelot gewesen. Aber auch der Einfluß der Essener, welche den Messias erwarteten, sollte nicht ignoriert werden. Interessant ist, dass von diesen nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. im wesentlichen nur die Phärisäer überlebten.
Dann kamen auch die ‚Heiden‘, also Menschen, die keine Juden waren, dazu. Das waren zum Teil auch ‚Gottesfürchtige‘, also Heiden die schon mit dem Judentum sympathisierten. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. war natürlich ein einschneidendes Ereignis. Im wesentlichen kann man die Strömungen bei den Christen in drei Richtungen einteilen:
Judenchristen
Nazarener (Wikipedia, Nazarener) Sie hielten das Halten des Gesetzes weiter für wichtig und sahen in Jesus einen Propheten. Anders als die Ebioniten akzeptierten sie aber die Jungfrauengeburt. In der patronistischen Zeit und den Kirchenvätern waren sie bekannt und ihr Standpunkt wurde diskutiert
Ebioniten (Wikipedia, Ebioniten) Ob sie sich selbst diese Bezeichnung, ‚die Armen‘, gaben, ist unbekannt. Aber sie versuchten wie Jesu erste Jünger, alles aufzugeben. Für sie musste man, um ein Jünger Jesus zu sein, auf jeden Fall ein Jude sein. Für sie lebte Christus nicht, bevor er auf der Erde lebte. Er war nur ein Mensch, den Gott wegen seiner Gerechtigkeit adoptierte und eine besondere Stellung gab. Sie lehnten auch die Theologie des Paulus ab. Daher waren sie für die vor-orthodoxen Christen Häretiker, die es zu bekämpfen galt. Deswegen wurde insbesondere die Position bekämpft, dass Jesus nur ein Mensch war. Und wie wir gesehen haben, hat man deswegen auch den Text der Schriften manchmal geändert.
Paulinische Christen Christen, deren Theolgie auf den Schriften und Lehren des Paulus aufbauten.
Gnostische Christen Das war keine einheitliche Gruppe, sondern es gab viele unterschiedliche Richtigungen. Für sie war die materielle Welt von Grund auf schlecht und alles, was zählte, war eine geistige Welt. Nun, von dieser Vorstellung scheint ja einiges übrig geblieben zu sein. Die gnostischen Gruppen dachten, dass sie die ‚Gnosis‘, ‚Erkenntnis‘, diese geheime Kenntnis der spirituellen Welt besitzen und dies der Schlüssel für die Erlösung ist.
Zwischen 180 und 313 n. Chr. setzte sich die ‚große Kirche‘ durch, welche die Theologie des Paulus weiter entwickelte und allen anderen in ihren Schriften widersprach. Dadurch gingen deren Standpunkte – bzw. gegenteiligen Argumente – in die Texte und Lehren der Kirche ein. In gewisser Weise formte sich ein Glaubensbekenntnis, welche sich gegen all diese anderen Vorstellungen verteidigte.
313 n. Chr. ist ein wichtiges Datum, weil dort im Edikt von Mailand den Christen im ganzen römischen Reich ein gesetzlicher Status zuerkannt wurde. 325 u.Z. konvertierte dann Kaiser Konstantin und das erste Konzil von Nicäa fand statt. Dort sollte ein einheitliches Glaubensbekenntnis erstellt werden, was dann schließlich das Bekenntnis von Nicäa war.
Die dort behauptete Wesensgleichheit von Gott-Vater und Gott-Sohn wurde aber von vielen abgelehnt. Arius und seine Anhänger wurde Arianer genannt (Wikipedia). Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe prägte nicht nur das Glaubensbekenntnis, sondern auch die Auswahl von Schriften für den Kanon sowie manchmal den Text selbst: Denken wir nur an das Comma Johanneum zurück oder die anderen geänderten Texte. Als die führende Strömung, welche hinter dem Bekenntnis von Nicäa stand, dann 380 n. Chr. durch Kaiser Theodosius Staatsreligion wurde, setzte diese sich endgültig durch.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Auswahl der Schriften, die Entwicklung des Kanon und die Schriften selbst nicht geradlinig gemäß einem Plan schrittweise umgesetzt wurde, sondern über Jahrhunderte entstand. Und dass der Einfluß der anderen Strömungen im Christentum, welche verschwunden sind, nicht übersehen werden sollte.
Nachdem wir im letzten Teil dieser Serie einen Blick auf die apokryphen Evangelien geworfen haben, wollen wir uns nun einen Überblick über die Apokryphen im Allgemeinen verschaffen. Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche Schriften, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:
Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.
Bei Apokryphen denkt man vielleicht zuerst einmal an Schriften, welche nicht in allen Bibeln im Alten Testament zu finden sind, wie diese Übersicht zeigt:
Interessant ist, das sowohl bei Luther 1543 wie auch der englischen King James Version von 1611 diese Apokryphen am Ende zusammen gefasst sind. In der Vulgata und katholischen Bibeln hingegen finden sie sich zwischen den anderen Büchern. Sogar in der frühen griechischen Übersetzung, der Septuaginta, finden sie sich dazwischen. Vielen moderne Bibeln halten sich aber an die jüdische Bibel, welche seit dem 1. Jahrhundert diese nicht enthalten. Die Antwort, ob ein Buch also Teil des Kanons sind, kann unterschiedlich ausfallen.
Was das Neue Testament betrifft, gibt es solche Unterschiede nicht mehr. Aber im den ersten Jahrhunderten gab es neben den apokryphen Evangelien, über die wir im letzten Teil gesprochen haben, auch durchaus noch weitere Gattungen von apokryphen Schriften.
Apokryphe Apostelgeschichten
Die kanonische Apostelgeschichte (auch Akten genannt) schildert die missionarische Tätigkeit nur weniger Apostel genauer. Daher erschienen im zweiten und dritten Jahrhundert weitere Apostelgeschichten oder Akten:
Andreasakten
Thomasakten
Philippusakten
Akten des Andreas und Matthias
Bartholomäusakten
Barnabasakten
…
Paulusakten
Johannesakten
Petrusakten
Gemeinsam ist ihnen, dass sie kaum auf Tatsachen beruhen sondern mehr vom griechisch-römischen Roman der Epoche beeinflußt sind. Ein Beispiel aus den Johannesakten:
Der Autor berichtet, daß Jesus ständig seine Gestalt änderte. Mal sah er aus wie ein kleiner Junge, mal wie ein hübscher Junger Mann, mal zeigte er sich mit kahlem Haupt und langem Bart, dann wieder wie ein Jugendlicher mit seinem ersten Flaum auf der Wange.
Vor seinem Tod versammelt Jesus seine Jünger im Kreise um sich und singt einen Hymnus an den Vater, während seine Apostel sich and den Händen halten und im Kreis um ihn herumtanzen. Die Terminologie des Hymnus lehnt sich stark an das Johannesevangelium und seinen Prolog an. Gleichzeit gibt der Verfasser dem Ganzen ein doketisches Flair.
Sie sind übrigens die älteste Quelle der Eucharistiefeier für die Toten.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 174
Apokryphe Briefe
Im Neuen Testament gehören die meisten Schriften zur Gattung der Briefe. In den Apokryphen findet man hingegen nur wenige Briefe, vermutlich, weil es recht schwierig war, echt klingende Briefe zu produzieren.
Die Epistola Apostolorum aus dem 2. Jahrhundert beschreibt Metzger so: „Kurz, die Schrift stellt den heftigen Angriff eines katholischen Christen auf die Gnosis da.“
Es gab auch einen 3. Korinther Brief, den die armenische Kirche hoch achtete. Und einen Laodicäerbrief. Dazu hatte der Kolosserbrief in Kolosser 4:16 natürlich die Steilvorlage geliefert, wie wir am Anfang der Serie schon gesehen haben. Vermutlich wurde dieser aber gegen Ende des 3. Jahrhunderts erst geschrieben. Hieronymus berichtet, dass »einige den Brief an die Laodicäer lesen, aber er wird von jedermann verworfen.«
Apokryphe Apokalypsen
Die wichtigste apokryphe Apokalypse ist die Petrusapokalypse aus der Zeit zwischen 125 bis 150 n. Chr. Im Canon Muratori wird sie hinter der Offenbarung des Johannes aufgeführt. Im Codex Claromontanes wird die Liste der kanonischen Bücher mit der Petrusapokalypse abgeschlossen. Die Meinungen darüber gingen unter den Kirchenvätern und auch in den Gemeinden auseinander. „Der unbekannte Verfasser, der als erster heidnische Vorstellungen von Himmel und Hölle in die christliche Literatur einbrachte, bezog seine Vorstellung vom zukünftigen Leben aus einer Reihe vorchristlicher Traditionen.“ (Metzger S. 181)
Unter dem Titel Paulusapokalypse gab es in der frühen Kirche sogar mehr als ein Buch. Die Worte des Paulus in 2. Korinther 12:4, nach denen er ins Paradies entrückt wurde und unausprechliche Worte hörte, waren vielleicht der Bezug für eine der Paulusapokalypsen. „Augustinus lacht über die Narrheit der, die eine Paulusapokalypse gefälscht haben, die voller Märchen ist und die vorgibt, die unaussprechlichen Worte zu enthalten, die der Apostel nach 2 Kor 12,4 gehört hat.“ (Metzger S. 182)
Schon in den ersten Jahrhunderten gab es also eine Flut von Schriften, die in den Gemeinden zirkulierten. Einige davon wurden auch in den Zusammenkünften verlesen und geschätzt und von den Kirchenvätern zitiert. Man konnte sich auch nicht auf den Titel oder den vermeintlichen Autor als Autorität verlassen. Die Jünger Jesu mussten den Inhalt prüfen und bewerten:
Unterdrückt nicht das Wirken des Heiligen Geistes! Verachtet prophetische Aussagen nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute!
1. Thessalonicher 5:19-21 Neue Evangelistische Übersetzung
Gibt es nur ein Evangelium? Wenn man das griechische Wort betrachtet, von dem das deutsche abgeleitet ist, dann schon:
Das Evangelium ist die gute Botschaft davon, dass Gott in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist. Das Wort „Evangelium“ heißt „Gute Nachricht“ und kommt vom griechischen Wort euangelion. Die Botschaft von Jesus war: Gottes Reich ist angebrochen, er wird sein Werk zu Ende bringen und die Welt heil machen.
Ich persönlich finde die Beschreibung des BibleProject (Deutsch) recht gut. Und auch das Video dazu:
Das Evangelium als gute Nachricht von Gottes Königreich
In der christlichen Tradition ist das Wort Evangelium im Allgemeinen eine Kurzbezeichnung für die Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Die genaue Bedeutung des Begriffs Evangelium variiert jedoch; je nach Tradition oder Konfession. Wenn wir also nach Klarheit suchen, ist es am besten, wenn wir zur ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte zurückgehen.
Das biblische Wort für Evangelium bezeichnet eine gute Nachricht. Aber es ist nicht nur irgendeine Nachricht. Das Wort wird am häufigsten verwendet, wenn es um wichtige Ereignisse geht, die Herrscher und ihre Reiche betreffen. Als König Salomo zum König von Israel ernannt wird, wird eine „gute Nachricht“ im ganzen Land verkündet. Mit anderen Worten: Evangelium ist ein königlicher Begriff, der gute Nachrichten über den amtierenden Herrscher verkündet.
Jesus verkündete die Ankunft Gottes als König Israels und aller Völker. Aber die Art und Weise, wie er seine Herrschaft durchsetzte, überraschte die Menschen. Das Kreuz ist die königliche Ankündigung, dass Gott seine Welt rettet, indem er für sie starb und indem er zuließ, dass unsere Sünden ihn bis zum Tod überwältigten.
Gut, über den letzten Absatz könnten wir jetzt diskutieren, inwiefern das aus der „ursprünglichen Quelle dieses Wortes in der biblischen Geschichte“ so direkt hervorgeht. Zum Beispiel, wenn wir nur die Evangelien verwenden dürften. Und damit sind wir schon beim Thema. Eben sagte ich „die Evangelien“, aber davor ging es doch um „das Evangelium“.
Wenn es also ein Evanglium, eine gute Nachricht gibt, warum gibt es dann im Neuen Testament mehr als ein Evanglium, nämlich 4 Evangelien? Und warum genau 4? Drei davon, die synoptischen Evanglien Matthäus, Markus und Lukas und dazu noch Johannes. Sie werden synoptische Evangelien genannt, weil sie das Leben Jesu aus einer ähnliche Perspektive sehen und ziemlich ähnlich sind. Das Johannes Evangelium unterscheidet sich von diesen viel mehr als die drei untereinander. Gab es denn nur diese drei und später ein weiteres Evangelium als Schriften? Neben der mündlichen Tradition natürlich.
Da es nun schon vieleunternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben …
Lukas 1:1 Elberfelder
Da es zum Zeitpunkt der Niederschrift des Lukas-Evangeliums noch kein Johannes-Evangelium gab, kämen nur noch Matthäus und Markus in Frage. Da wäre die Aussage, dass es schon ‚viele‘ unternommen hätten, vielleicht doch etwas übertrieben. Also lernen wir schon aus dem uns überlieferten Evangelium Lukas: Es gab viele ‚Evangelien‘, aber nur vier sind uns erhalten.
Und auch der Schluss des Johannes Evangeliums macht verständlich, warum es noch mehr mündliche und auch schriftliche Berichte gegen haben mag:
Es gibt aber auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; wenn diese alle einzeln niedergeschrieben würden, so würde, scheint mir, selbst die Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen.
Johannes 21:25 Einheitsübersetzung 2016
Von welchen wissen wir denn noch?
Apokryphe Evangelien
Mit apokryphen Evangelien bezeichnen wir im Folgenden solche, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Der Begriff leitet sich vom Altgriechischen ἀπόκρυφος apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘ ab. Es gibt noch mehr apokryphe Bücher:
Religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus inhaltlichen oder religionspolitischen Gründen, oder weil sie erst nach Abschluss des Kanons entstanden sind oder zur Zeit seiner Entstehung nicht allgemein bekannt waren.
Diese uns nicht erhaltenen Evangelien bilden zwei Gruppen: Solche, welche die vier Evangelien ergänzen sollten und solche, die sie ersetzten sollten. (Dies und die folgenden Beispiele stammen aus Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164ff).
Nun waren die frühen Christen an zwei Punkten in Jesu Leben und Amt besonder interessiert, die aber von den Evanglien ganz ausgespart wurden: Die Kindheit Jesu, von der nur Lukas einmal berichtet (Lukas 2:41-51), und die Taten, die der Heiland in den drei Tagen zwischen Kreuz und Auferstehung in der unsichtbaren Welt getan hat.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 164
Es gibt zahlreiche solche Berichte seit etwa dem zweiten Jahrhundert, von deren Existenz wir zumindest wissen:
Protoevangelium des Jakobus
Kindheitsgeschichte nach Thomas
Arabische Kindheitsevangelium
Armenische Kindheitsevangelium
Geschichte Josephs des Zimmermanns
Evangelium von der Geburt Mariä
Evangelium des Nikodemus (auch als Pilatusakten bekannt)
Evangelium des Bartholomäus
… (es gibt noch mehr)
Ich habe sie auch deswegen aufgeführt, weil sie schon damals unter einer Bezeichnung bekannt waren, die bekannte Namen enthielten. Das hat aber bei der Beurteilung, ob diese Teil des Kanons sein sollen, keine Rolle gespielt. Auch wir sollten uns also von dem Gedanken trennen, dass das Matthäus Evangelium hinein gehört, weil der Titel schon sagt, dass der Apostel Matthäus es geschrieben hätte. Oder der 2. Petrus Brief auch von Petrus sein muss. Selbst wenn es im Text erwähnt wird, muss man vorsichtig sein, denn das wurde auch in anderen Texten gemacht.
Auf vier davon gehen wir einmal etwas näher ein, weil wir daraus einiges lernen können, wie sich der Vorstellung entwickelt hat, was in den Kanon gehört und was nicht.
Fragmente eines unbekannten Evangeliums (Papyrus Egerton 2)
Manchmal tauchen selbst in der Neuzeit noch bisher unbekannte Manuskripte von Evangelien auf. Vielleicht erinneren wir uns noch an Nachrichten, dass nun vielleicht die Geschichte Jesu und der ganze christliche Glaube umgeschrieben werden müsse. Nun, das ist ausgeblieben. Und nicht, weil alle Wissenschaftler sich verschworen hätten, etwas zu vertuschen. Es gibt genügend Wissenschaftler, die ganz im Gegenteil ein Interesse daran haben, so eine Sensation wissenschaftlich zu erforschen und veröffentlichen. Die Texte sind aber veröffentlicht und jeder kann selbst einschätzen, was er davon hält.
Ein Beispiel sind die 1935 vom Britischen Museum veröffentlichen Fragmente eines unbekannten Evangeliums. Es ist wohl um 110-130 n. Chr. geschrieben worden. Einige Erzählungen finden sich bei den Synoptikern und Johannes. Es enthält aber auch ein apokryphes Wunder, das Jesus am Ufer des Jordan gewirkt hat. Ein Textbeispiel:
Und er wandte sich an die Führer des Volkes und er [Jesus] sprach so: „Suchet in den Schriften, in denen ihr Leben zu haben meint – sie geben von mir Zeugnis (siehe Joh 5:39). Denkt nicht, ich sei gekommen, euch vor meinem Vater anzuklagen; Mose wird euch anklagen, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.“ (siehe Joh 5:45) Als sie dann sprachen, „wir wissen, daß Gott mit Mose sprach, aber wir wissen nicht, wo du herkommst“ (siehe Joh 4:29), antwortete ihnen Jesus: „Jetzt klagt euch euer Unglaube an …“
Unbekanntes Evangelium Papyrus Egerton 2, Fragment I, Zeilen 5-9
Das Interessante an diesem Evangelium ist: Es hat wohl keine schriftliche Vorlage, sondern schriftliche und mündliche Überlieferung überschneiden sich hier noch. Das wurde auch schon von Papias von Hierapolis beschrieben, der um 100 n. Chr. lebte.
Man muß auch darauf hinweisen, daß die Produktion von Evangelien und anderen apokryphen Schriften durch die Entwicklung des neutestamentlichen Kanons nicht aufhörte oder sonderlich behindert wurde. Die Volksfrömmigkeit erbaute sich an dem stetigen Strom romantischer und einfallsreicher Schriften, deren historischer Wert bestenfalls am Rande interessierte.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166
Das Hebräerevangelium
Wie standen denn die Kirchenväter zu den apokryphen Evangelien?
In den Schriften der einzelnen Kirchenväter begegnen uns Stellen und Zitate aus verschiedenen frühen Evangelien aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. Wir können daran ermessen, welchen Gebrauch sie von den apokryphen Büchern machten und welche Autorität sie ihnen zuschrieben.
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 166
Hieronymus intressierte sich sehr dafür und berichtet stolz, dass er eine Übersetzung ins Griechische und Lateinische angefertigt habe. Und er zitiert aus dem Hebräerevangelium. Auch Origenes tut es und Clemens von Alexandrien verwendet es. In der koptischen Fassung einer Predigt auf Maria, der Gottesgebärerin, die Cyrill von Jerusalem zugeschrieben wird, legt der Verfasser einem Vertreter der »ebionitischen Häresie« ein Zitat aus dem Hebräer-Evangelium in den Mund:
So steht es im [Hebräer] Evangelium geschrieben: Als Jesus Christus auf die Erde zu den Menschen kommen wollte, wählte der Gute Vater im Himmel eine mächtige Kraft aus, die Michael hieß und befahl Christus seinem Schutz. Und die Kraft kam in die Welt und wurde Maria genannt, und [Christus] war sieben Monate in ihrem Schoß.
Koptische Fassung einer Predigt auf Maria
Jetzt verstehen wir vielleicht den Unterschied zu den Evangelien im Neuen Testament besser. Und warum die Großkirche solche Evangelien aus ihrem Kanon letztlich ausgeschlossen hat. Letztlich – denn anfangs wurde noch daraus zitiert.
Das Ägypterevangelium
Das sogenannte Ägypterevangelium wurde kurz nach 150 in griechischer Sprache geschrieben und in Ägypten sogar als kanonisch anerkannt. In einer Streitschrift gegen den Gnostiker Julius Passianus zitiert Clemens Teile davon, zum Beispiel eine Stelle aus einem Dialog zwischen Salome und dem Herrn:
»Als Salome nachfragte, wie lange der Tod herrschen würde, antwortete der Herr (der nicht der Ansicht war, das Leben sei schlecht und die Schöpfung böse): ‚Solange ihr Frauen Kinder gebärt.‘« Auf Salomes Nachfrage, ob sie gut daran getan habe, keine Kinder zu haben, erhält sie die Antwort: »Iß von jeder Pflanze, nur nicht von der bitteren.« und »Wenn du das Gewand der Scham unter die Füße getreten hast und die zwei eins werden und das männliche mit dem weiblichen weder männlich noch weiblich [ist].«
Bruce M. Metzger Der Kanon des Neuen Testaments, S. 168
Diese Worte fodern ganz klar sexuelle Enthaltsamkeit. Hier wir das Gedankengut einiger Gnostiker und der Enkratiten deutchlich, welche zum Beispiel die Ehe ablehnten.
Das Petrusevangelium
„Der Text berichtet von Passion, Tod und Begräbnis Jesu und schmückt den Bericht von seiner Auferstehung mit Einzelheiten bei den darauf folgenden Wundern aus. Die Verwantwortung für den Tod Jesu wird ausschließlich den Juden zur Last gelegt, Pilatus wird aller Schuld ledig gesprochen. Hin und wieder finden sich Spuren der doketischen Häresie.“ (Metzger, S. 169).
Vergleicht man diese und noch weiter abweichenden Evangelien mit denen im Neuen Testament erkennt man deutliche Qualitätsunterschiede in theologischer wie auch historischer Hinsicht. Man war damals überzeugt, dass die Evangelien im Kanon am besten dem Glauben und Lehren der Apostel entsprachen und im wesentlichen zutreffen und vernünftig waren.
Warum genau 4 Evangelien?
Aufgrund des bisher Besprochenen hätten wir vermutlich kein Problem damit, wenn es nun 3 oder auch 5 Evangelien im Neuen Testament gäbe. Das wären halt die damals besten, verfügbaren gewesen. Was aber schon damals die Kirchenväter beschäftigt hat, war die Frage, warum es nicht nur genau eine Schrift über das Leben Jesus gab, sondern mehrere mit gewissen Abweichungen. Dafür gab es verschiedene ‚Lösungen‘:
Es muss eine Begründung geben, warum es genau vier sind.
Die vier werden in einem zusammengefaßt.
Nur eines kann das richtige Evangelium sein. Das wird ausgewählt, alle anderen verworfen.
In Teil 8 hatten wir schon gesehen, wie Irenäus von Lyon argumentiert hat:
»Es kann gar nicht sein, daß die Zahl der Evangelien größer oder kleiner ist, als sie ist, denn in der Welt, in der wir leben, gibt es auch nur vier Himmelsrichtungen und vier Winde … Die vier lebenden Tiere (Apk 4,9) symbolisieren die vier Evangelien … und es gibt vier Hauptbundesschlüsse mit der Menschheit: Noah, Abraham, Mose und Christus.«
Irenäus von Lyon, Adv. Haer. III 9,8
Insbesondere der Bezug auf die vier Tiere in Hesekiel und der Offenbarung des Johannes sind interessant, weil dies in der späteren christlichen Kunst ab etwa dem vierten Jahrhundert schon großen Einfluß gewinnen sollte (siehe Wikipedia). Hier ein Beispiel aus einem Codex aus dem 7. Jahrhundert, bei dem man schön die Verbindung von Evangelisten mit den Tieren zu sehen ist:
Die Evangelisten mit ihren Attributen, Codex Amiatinus (7. Jh.)
Aber man muss keine Bibliothek aufsuchen, um diese Symbolik zu finden. Die Tiere finden sich zum Beispiel über dem westlichen Eingangs des Doms zu Speyer um ein riesiges rundes Fenster in den vier Ecken des umfassenden Quadrates die vier Tiere wieder. Die wenigsten Besucher dürften wissen, dass damit die vier Evangelien gemeint sind:
Westliches Portal des Doms in Speyer. Die Symoble sind Adler, Mensch, Löwe und Stier als Symbole für die Evangelien
Mittelportal der Westfassade der Kathedrale in Chartres
Aber zurück zu den Evangelien. Einen anderen Weg ging Tatian. Er verfasste das Diatessaron, das die vier Evangelien zu einem zusammenfasst, indem er die Synoptiker in das Johannes Evangelium einarbeitete. Als er 172 n. Chr. wieder in den Osten ging, übertrug es das griechische Diatessaron ins Syrische. Dies wurde für lange Zeit anstelle der vier Evangelien in allen Kirchen der Hauptstadt und später der gesamten Region verlesen.
Den genau umgekehrten Weg ging Marcion, über den wir noch im 13 Teil der Serie sprechen werden. Er anerkannte nur das Lukas Evangelium und verwarf alle anderen.
Zusammenfassung
Zusammenfassend könnten wir sagen, dass es nur ein Evangelium aber viele Evangelien im Sinne von Schriften gibt. Warum diese unterschiedlich sind, ist eine Frage, die wir hier nicht weiter ausführen können. Sind es aber genau vier Evangelien im Neuen Testament, weil das von Anfang Gottes Plan war? Nun, das hört sich ein bisschen wie die Begründung von Irenäus von Lyon an. Und es ignoriert das, was wir in Teil 10 über Inspiration festgestellt haben. Eine natürlichere Erklärung ist, dass Gott durch seinen heiligen Geist mehreren Menschen geholfen hat, die Berichte in Schriften zusammenzufassen. Und bei anderen Evanglien scheint die Beteiligung Gottes eher fraglich zu sein. Interessanterweise scheinen die Christen und Kirchenväter eines nicht gemacht zu haben: Die Text in inspiriert und nicht-inspiriert unterteilt zu haben. Sondern mehr oder weniger nutzbringend. Und wie in anderen Schriften im Neuen Testament gesagt wird, hat Gott den Jüngern Jesu durch den heiligen Geist geholfen, diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, denn anfangs konnte man ja noch Augenzeugen befragen. In späteren Jahrhunderten kann er dann durchaus auch wieder Menschen so unterstützt haben, dass sie einige dieser Schriften für Wert hielten, in den Kanon aufgenommen zu werden. Eine Zeit lang wurde noch aus anderen Evangelien zitiert, aber schließlich hörte das auf. Was davon Gottes Wille und Einfluß oder Kirchenpolitik war, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir werden darauf in Teil 13 noch eingehen.
Im letzten Teil dieser Serie hatte ich gesagt, dass mit Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ unbewusst einige Annahmen und Vorstellungen verknüpft sind. Zumindest sollten wir uns genau darüber im klaren sein, was wir mit dem Begriff ‚Gottes Wort‘ und ‚die heilige Schrift‘ meinen, wenn wir diese verwenden. Und vor allem: Werden diese Begriffe in der Bibel selbst überhaupt verwendet? Das wollen wir uns anschauen, ganz ähnlich, wie ich das im dem Artikel und Video gemacht habe: Sollten wir uns Christen oder Gesalbte nennen (lassen)? oder Sollten wir uns Brüder Christi nennen (lassen)?
‚Die Heilige Schrift‘
Beginnen wir einmal damit, dass die Bibel oft ‚die Heilige Schrift‘ im Deutschen genannt wird. Sucht man in einigen deutschen Bibelübersetzungen nach ‚heilige Schrift‘ z.B. im ERF Bibleserver, findet man – nichts! Das stimmt nicht ganz. Eine Stelle habe ich in einer Übersetzung gefunden, die auch gleich den Grund zeigt, warum wir das im Text der Bibel nicht finden:
Die Juden in Beröa waren nicht so voreingenommen wie die in Thessalonich. Mit großer Bereitwilligkeit gingen sie auf das Evangelium von Jesus Christus ein, und sie studierten täglich die Heilige Schrift, um zu prüfen, ob das, was Paulus lehrte, mit den Aussagen der Schrift übereinstimmte.
Apostelgeschichte 17:11 Neue Genfer Übersetzung.
Die Juden in Beröa aber waren aufgeschlossener als die in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft bereitwillig auf und studierten täglich die heiligen Schriften, um zu sehen, ob das, was Paulus lehrte, wirklich zutraf.
Apostelgeschichte 17:11 Neue Evangelistische Übersetzung
Apostelgeschichte 17:11 Interlinear
Im griechischen steht hier nämlich γραφὰς (graphas) Hauptwort, Akkusativ, Femininum, Plural (Strong’s). Genau genommen steht im griechischen Text sogar nur ‚die Schriften‘ – schon das Wort ‚heilig‘ ist hinzugefügt. Ich habe auch die wenigen anderen Stellen untersucht, in denen mit ‚heilige Schriften‘ übersetzt wird. Tatsächlich steht es nur zweimal im griechischen Text:
Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, das er durch seine Propheten in heiligen Schriften (γραφαῖς ἁγίαις, graphais hagiais) vorher verheißen hat.
Römer 1:1,2 Elberfelder
und weil du von Kind auf die heiligen Schriften (ἱερὰ γράμματα, hiera grammata) kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift (γραφὴ, graphē) ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit …
2. Timotheus 3:15, 16 Elberfelder
Und sofort fällt etwas auf, was ich in Teil 2 und 8 schon im Detail analysiert hatte: Mit ‚heilige Schriften‘ ist hier ganz klar das alte Testament, der Tanach gemeint.
Das in 2. Timotheus 3:15 verwendete Wort γράμμα gramma wird übrigens nur 15 mal im Neuen Testament verwendet und beschreibt immer etwas Schriftliches, meistens einen Brief. Strong’s gibt an: „Von grapho; eine Schrift, d.h. ein Brief, eine Notiz, eine Epistel, ein Buch.“ Hier steht es im Plural: Schriften. Wohingegen in Vers 16 das Wort γραφή graphé (ohne Zusatz ‚heilig‘) verwendet wird, das 51 mal verwendet wird. Strong’s gibt an: „(a) eine Schrift, (b) ein Abschnitt der Schrift; plural: die Schriften. Ein Dokument, d.h. Heilige Schriften.“ Zum Schluss der Erklärung sehen wir schon, wie von der Erklärung der Sprache zur Interpretation übergegangen wird. Ruft man übrigens auf biblehub.com Strong‘s Greek 1124 direkt auf, fehlt der Teil „Ein Dokument, d.h. heilige Schrift“.
Anstatt einer Erklärung kann man auch noch mehr Interpretation finden. Zum Beispiel in HELPS Word-studies:
Der Zusatz „, d.h. die inspirierten, unfehlbaren Schriften der Bibel (66 Bücher der Schrift, 39 in Hebräisch, 27 in Griechisch)“ hat nichts mit dem griechischen Wort im Vers zu tun. Und im letzten Teil 9 dieser Serie haben wir ja ausführlich über Inspiration und auch den Anspruch der Unfehlbarkeit des Textes gesprochen. Und in teil 8 haben wir über die Entstehung des Kanon des Neuen Testaments gesprochen und wieviele Bücher die Bibeln verschiedener Zweige der Christen haben. Warum der wichtige zweite Teil nur in Klammern steht, wird nicht erklärt. Wo doch der Hinweis wichtig ist, dass im Neuen Testament γραφή graphé immer für das Alte Testament verwendet wird.
Vergleichen wir das einmal mit der NAS Exhaustive Concordance. Und berücksichtigen wir, dass ‚exhaustive‘ übersetzt ‚ausführlich‘ bedeutet:
Die ganze ‚ausührliche‘ Erklärung ist: ‚eine Schrift‘. Ausführlichere Erklärungen findet man oft in Thayer’s Greek Lexicon:
Hier findet man die Hauptbedeutungen gruppiert und auch gleich mit der Verwendung im Text. Es werden diese Erklärungen angegeben: „(a) Schreiben, Geschriebenes (von Sophokles an), jede Schrift des Alten Testaments, (b) ἡ γραφή, die Schrift κατ‘ ἐξοχήν, die heilige Schrift (des A. T.) – und wird verwendet, um entweder das Buch selbst oder seinen Inhalt zu bezeichnen (manche würden den Singular γραφή immer auf einen bestimmten Abschnitt beschränken; siehe Lightfoot zu Galater 3:22), (c) einen bestimmten Teil oder Abschnitt der heiligen Schrift.“ Interessant fand ich hier, wie von „jede Schrift des Alten Testaments“ zu „die Schrift“ und dann zu „die heilige Schrift (des A.T.)“ ohne weitere Begründung übergegangen wird. Aber immerhin wird korrekt vom Alten Testament gesprochen.
Gut, wieder etwas bezüglich der Verwendung von Bibel-Lexika dazugelernt.
Aber schauen wir uns die Verwendung einmal selbst an. Die Verwendung dieses Wortes γραφή graphé ist vielfältig. Und manchmal überraschend.
Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise und damit mein Name verkündigt wird auf der ganzen Erde.
Römer 9:17 Elberfelder
Das steht so wirklich im griechischen Text. Wie konnte denn ‚die Schrift‘ zu Pharao sprechen? Das lösen manche Übersetzungen kreativ-interpretativ: „Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt:“ (Einheitsübersetzung), „Aus diesem Grund steht in der Schrift auch folgendes Wort, das Gott dem Pharao sagt“ (Neue Genfer Übersetzung) und „Denn die Schrift lässt Gott zum Pharao sagen“ (Züricher).
Wir halten fest:
In der Bibel steht nirgends ‚die heilige Schrift‘, sondern im Neuen Testament nur zweimal ‚die heiligen Schriften‘ und das bezieht sich eindeutig auf das Alte Testament.
Ansonsten wird im Neuen Testament nur von den ‚Schriften‘ oder der ‚Schrift‘ gesprochen und das Alte Testament gemeint.
Ist das jetzt Haarspalterei? Ich will ja kein Dogma daraus machen, doch unter der Oberfläche liegt eine wichtige Frage: Ist die Bibel eine autoritative Sammlung von Schriften, oder eine Sammlung von autoritativen Schriften? Was ist damit gemeint? Salopp formuliert: Hat man entweder Schriften als heilig identifiziert und wurden sie dann gesammelt? So war das ursprünglich beim Alten Testament. Oder gibt es eine heilige Sammlung – den Kanon – wodurch auch die darin aufgenommenen Schriften dadurch heilig werden? Wenn wir uns jetzt in den Sinn rufen, was wir in einem vorherigen Teil über den Kanon des Neuen Testaments gelernt haben, dann verstehen wir vielleicht besser, warum das wichtig ist. Ist der Kanon, welcher von der Kirche erst im vierten Jahrhundert erstellt wurde, autoritativ, dann hat diese Entscheidung der Kirche einen ganz anderen Stellenwert. Das sieht die katholische Kirche ganz genau so:
„Die apostolische Sukzession ist der Beweis dafür, dass die Autorität der katholischen Kirche allein zugehörig ist. Sie alleine ist Verwalterin und Hüterin über die Auslegung der Heiligen Schrift. Wer mit Ihr bricht, der bricht mit dem Heiligen Geist.“
„Die römisch-katholische Kirche ist die eine wahre Kirche Christi, so erklärt Pius XI., sie ist die von Gott bestellte Hüterin der geoffenbarten Wahrheit, die nicht auf den Boden der Diskussionen herabgezogen werden darf.“
Das neue Testament macht diese Aussage allerdings nicht! Und Protestanten werden ihr auch vehement widersprechen. So wie es im ersten Zitat eigentlich darum geht, dass die katholische Seite dem ’sola scriptura’ (nur die Schrift) entschieden widerspricht.
Muss man die Schriften, die uns überliefert und erhalten sind, tatsächlich mit so vielen absoluten Ansprüchen belasten, die historisch und anhand der Fakten nicht zu halten sind? Muss man auf der Verbalinspiration beharren, obwohl das keinen Sinn macht (siehe Teil 9 dieser Serie)? Oder dass die katholische Kirche allein die Hüterin ist? Sind die Schriften vielleicht nur ein Geschenk Gottes, dass uns hilft Weisheit zu erlangen und so zu leben, wie er will? Das muss jeder selbst für sich bewerten. Vielleicht sollte ich aber so etwas nicht hier einfach so sagen. Wenn man so einen Gedanken als Professor veröffentlicht, kann einen das schon einmal den Job an einem Theologischen Seminar kosten, welches die eigene Tradition über den Gegenstand der Tradition – die Schriften – stellt (siehe z.B. den Artikel über Peter Enns).
Ist die Bibel für uns ‚die [unfehlbare] Heilige Schrift‘, dann werden wir uns natürlich damit schwer tun, zu akzeptieren, dass sie nachweislich menschliche Aspekte enthält, überarbeitet wurde und manches beim Kopieren oder Übersetzen verändert wurde oder verloren gegangen ist.
Das meinte ich eingangs damit, dass wir mit einem Begriff wie ‚die Heilige Schrift‘ möglicherweise ziemlich weitreichende, unausgesprochene Annahmen verbinden. Und wir diese mit der Verwendung des Begriffes automatisch im Sinn mit aktivieren, wenn wir in der Bibel lesen oder darüber nachdenken.
Gottes Wort / Wort Gottes
Du ahnst es schon. Mit dem Begriff ‚das Wort Gottes‘ wird es nicht anders ausgehen. Ist das eine gute Beschreibung für ‚die Schriften‘? Wenn alles für uns ‚das Wort Gottes‘ ist, erwarten wir doch auch eine gewisse Vollkommenheit des Textes, oder etwa nicht? Wird in den Schriften dieser Begriff denn überhaupt so gebraucht, als Bezeichnung für ‚die Bibel‘?
Das Wort Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem vermehrte sich stark. Selbst eine große Zahl von Priestern gehorchte jetzt dem Glauben.
Apostelgeschichte 6:7 Neue Evangelistische Übersetzung
Gut. Damit ist wohl kaum ‚die Bibel‘ gemeint. Weder breitet sie sich aus noch gab es auch nur einen Buchstaben des Neuen Testament zu diesem Zeitpunkt.
Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam …
Hebräer 4:12 Neue Evangelistische Übersetzung
Das hört sich auch nicht nach ‚der Bibel‘ an. Aber gibt uns eine viel bessere, umfassendere Bedeutung.
Da kamen so viele Menschen bei ihm zusammen, dass sie keinen Platz mehr hatten, nicht einmal draußen vor der Tür. Während er ihnen das Wort Gottes weitergab, …
Markus 2:2 Neue Evangelistische Übersetzung
Hat Jesus ihnen damals vielleicht eine Bibel gereicht?
Lasst uns daher alles ablegen, was uns schmutzig macht, was strotzt vor Bosheit, und in Sanftmut das Wortannehmen, das in euch eingepflanzt ist – es vermag eure Seelen zu retten.
Jakobus 1:21 Züricher
Setzt auch den Helm ‹der Gewissheit› eures Heils auf und nehmt das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, in die Hand!
Epheser 6:17 Neue Evangelistische Übersetzung
In die Hand genommen wird hier im Satz das Schwert, nicht die Bibel. Tatsächlich fühlten sich eine Menge Zeugen Jehovas, wie ich mich erinnere, aufgrund dieses Textes berufen, mit aus der Bibel entnommenen Texten wie mit einem Schwert um sich herumzuschlagen. Und ich kann mich auch erinneren, wie mancher Redner bei diesem Text mit seiner gedruckten Bibel herumfuchtelte. Aber zurück zum Text.
Denn denen, die dies behaupten, ist verborgen, dass von jeher Himmel waren und eine Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte⟨, und zwar⟩ durch das Wort Gottes, durch welche die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging.
2. Petrus 3:5,6 Elberfelder
Auch hier ist offensichtlich nicht von ‚der Bibel‘ als Wort Gottes die Rede. Aber wovon dann? Vielleicht ist der Text so zu verstehen, wie es diese Übersetzung wiedergibt: „Dennoch wurde die Welt damals ‹bei der großen Flut auf Gottes Wort hin› durch Wasser überschwemmt und vernichtet.“ (NEÜ)
Und wird nicht sogar Jesus manchmal als ‚das Wort Gottes‘ bezeichnet? Aufgrund dieses Textes zum Beispiel:
Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos. … Und das Wort, der Logos, wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1:1, 14 Züricher
Ich fasse das mal so zusammen:
Die Bibel istnicht Gottes Wort, sondern die Bibel enthält Gottes Worte.
Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Damit bleibt die Bibel wertvoll, selbst wenn sie nicht so perfekt ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Als ich das aufschrieb, dachte ich, dass ich da eine schöne prägnante Formulierung gefunden hätte. In einer E-Mail zu dieser Serie schrieb mir aber jemand: „In den 1980er Jahren sagte mir mal ein Bruder: Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sie enthält Gottes Wort!“ Da wahr ich wohl kaum der Erste. Doch wenn mehrere auf den gleichen Gedanken kommen, ist er Wert, genauer untersucht zu werden.
Das sind wirklich Worte Gottes:
Jahwe sagte zu Mose: „Steig nun zu mir auf den Berg herauf und bleib dort, damit ich dir die Steintafeln geben kann, auf die ich das Gesetz und die Gebote für die Unterweisung Israels geschrieben habe.“
2. Mose 24:11 NEÜ
Und das?
Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …
1. Korinther 7:12 Elberfelder
Wenn Paulus etwas sagt, sind das dann genau Gottes Worte? Na ja, wenn er es in einem Brief schreibt, der dann im Neuen Testament ist … Das hatten wir im letzten Teil über Inspiration schon angesprochen. Und würdest du sagen, dass jedes Wort des Herrn – hier ist eindeutig Jesus gemeint – direkt von Gott inspiriert wurden. Alles was er sagte und dann in den Evangelien aufgeschrieben wurde? Also den Evangelien, die wir kennen und im Neuen Testament sind?
Zurück zu den Worten Gottes: Was ist damit?
Darauf nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln über dir befehlen, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.«
Matthäus 4:5,6 Elberfelder
Was der Teufel sagt, stammt doch nicht von Gott, nicht war? Also der erste Teil des Verses sind nicht Gottes Worte. Dann wird es kompliziert. Der Teufel zitiert was … ‚Gottes Wort‘? Ja genau. Sogar der Teufel kann ‚Gottes Wort‘ zitieren. Aber seine Worte sind doch nicht Gottes Worte, oder?
Ok. Ich will hier bestimmt auch kein Dogma oder eine Regel aufstellen. Es geht wieder um ein tieferes Problem mit dem Begriff ‚Wort Gottes‘: Es impliziert ziemlich stark die Verbalinspiration: Kein Wort in der Bibel ist von Menschen geformt oder geprägt. Aber das ist nicht korrekt, wie wir im Teil ‚Inspiration‘ dieser Serie gesehen haben. Schon die Autographen selbst – geschweige denn eine Übersetzung – ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Die heilige Schrift‘ zu nennen, geht dann schon ziemlich weit.
Vielleicht sind wir auch manchmal zu sehr auf ein ‚Heiliges Buch‘ fixiert. Wir erhoffen uns eine schriftliche, perfekte Anleitung für das Leben und den Glauben. Aber wer hatte das schon? Abraham genügte dieses ‚Wort Gottes‘:
Nachdem Lot weggezogen war, sagte Jahwe zu Abram: „Blick auf und schau dich nach allen Seiten gründlich um! Das ganze Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben.“
1. Mose 13:14 Neue Evangelistische Übersetzung
Heute spricht Gott nicht mehr direkt mit uns – mit mir zumindest nicht. Daher bin ich dankbar für das, was ich habe.
Und damit streiche ich für mich das, was nicht den Tatsachen entspricht aber auch das, was eine falsche Erwartung hervorruft:
„„Die Bibel ist das Wort Gottes, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) undenthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“
Es bleibt: Die Bibel ist. Oder besser, wie ich finde: Die Schriften sind. Und gerade weil ich versuche, keine unrealistischen Erwartungen an die Schriften zu haben, finde ich darin Worte Gottes und Weisheit und es trägt zu einem stabilen Fundament meines Glaubens bei:
Die Schriften, deren utlimative Quelle Gott ist, enthalten das, was wir brauchen. Es ist genug bis heute erhalten geblieben, um Gott kennenzulernen, ihn anzubeten und in Weisheit zu leben.
Und was brauchen wir, was erwartet Gott von uns?
Man hat dir gesagt, Mensch, was gut ist / und was Jahwe von dir erwartet: / Du musst dich nur an sein Recht halten, / es lieben, gütig zu sein, / und einsichtig gehen mit deinem Gott.
Micha 6:8 Neue Evangelistische Übersetzung
Und damit sind wir … noch lange nicht am Ende dieser Serie! 😀
Ich habe zum Beispiel schon unglaublich oft von ‚der Bibel‘ gesprochen. Gerade eben noch. Dabei haben wir noch gar nicht untersucht, welche Bedeutung dieser Begriff hat. Das deutsche Wort Bibel kommt vom altgriechischen βιβλία biblia mit der Bedeutung: ‚Bücher‘. Die Erklärung in der Wikipedia ist recht aufschlußreich:
Das Wort „Bibel“ (mittelhochdeutsch bibel, älter biblie) entstand aus kirchenlateinisch biblia, einem Lehnwort aus dem Koine-Griechischen. Das Neutrum βιβλίον biblíon „Buch“ ist eine Verkleinerungsform von βίβλος bíblos „Buch“, benannt nach der phönizischen Hafenstadt Byblos. Diese Hafenstadt war in der Antike ein Hauptumschlagplatz für Bast, aus dem die Papyrusrollen hergestellt wurden. Der Plural von βιβλίον biblíon lautet βιβλία biblía „Schriftrollen, Bücher“. In der Septuaginta war βιβλία biblía vor allem eine ehrfürchtige Bezeichnung für die Tora; Johannes Chrysostomos bezeichnete als erster mit diesem Plural die Gesamtheit der christlichen heiligen Schriften (Altes und Neues Testament). Im Kirchenlatein wurde die Bezeichnung biblia zunächst als Neutrum Plural biblia, -orum, seit etwa 1000 n. Chr. aber als Femininum Singular biblia, -ae aufgefasst. Die nationalen Sprachen übernahmen das Wort im Singular; im Deutschen wurde es zu Bibel. „Der Name deutet an: Was uns heute als ein einziger Band in Händen liegt und was wir mit Selbstverständlichkeit als eine Einheit verstehen: die Bibel, ist tatsächlich eine Vielheit.“ Die Bezeichnung als „Buch der Bücher“ bringt einerseits die religiöse Bedeutung der Bibel zum Ausdruck, andererseits die innere Pluralität.
So ist ‚die Bibel‘ vielleicht der beste Begriff, den wir verwenden können.
In Teil 11 werden wir uns dann mit diesem Thema auseinandersetzen: Ein Evangelium – aber viele Evangelien?
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