Laut Konkordanz wird ein Wort 157 mal in den Evangelien, den Briefen und der Offenbarung des Johannes verwendet, welches die Neue-Welt-Übersetzung oft wie folgt wiedergibt:
„Denn er hat uns durch Jesus Christus zur Annahme an Sohnes Statt für sich vorherbestimmt nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lobpreis der Herrlichkeit seiner unverdienten Güte, die er uns durch [seinen] Geliebten gütigerweise erwiesen hat. Durch ihn haben wir die Befreiung durch Lösegeld mittels des Blutes dieses einen, ja die Vergebung [unserer] Verfehlungen, gemäß dem Reichtum seiner unverdienten Güte.“ (Epheser 1:5-7 NWÜ)
„Denn er hat uns nach seinem Wunsch und Willen im Voraus dazu bestimmt, durch Jesus Christus als seine Söhne angenommen zu werden, damit die herrliche unverdiente Güte gepriesen wird, die er uns durch seinen geliebten Sohn gütigerweise erwiesen hat. Durch ihn, durch sein Blut, haben wir die Befreiung durch Lösegeld, ja die Vergebung unserer Verfehlungen. So groß ist seine unverdiente Güte.“ (Epheser 1:5-7 NWÜ 2018)
Auch hier ist wieder ein Blick in The Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures interessant:
‚undeserved kindness‘ oder ‚unverdiente Güte‘ wird hier genau einem Wort zugeordnet. ‚unverdient‘ ist hier also kein Adjektiv, kein Zusatz im Urtext. Auch wenn in der alten NWÜ noch von ‚Reichtum‘ gesprochen wird, war das nicht der Grund ‚unverdient‘ hinzuzufügen, da in der NWÜ 2018 es anders übersetzt wird.
Das Problem an dieser Übersetzung wird einem klar, wenn man diesen Satz in Gedanken auspricht: „Das hast du nicht verdient!“
Und auch wenn ‚unverdiente Güte‘ bedeuten könnte, dass man diese nun mal einfach nicht durch Werke sich erarbeiten kann, läuft in Sinn – sicher im Sinn eines langjährigen Zeugen Jehovas – der Gedanke unbewußt ab: „Streng dich an! Dann musst du nicht mehr denken, dass du es nicht verdient hast.“ Warum das so ist, wird weiter unten an Beispielen gezeigt.
Wie übersetzen es andere? In praktisch allen wird dieses Wort verwendet:
„In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade,“ (Epheser 1:7 Elberfelder)
In deutschsprachigen Bibeln wird das griechische χάριτος (charitos) durchweg mit ‚Gnade‘ wiedergegeben. Dieses Wort ist nun natürlich mit Jahrhunderten an theologischen Erklärungen behaftet.
Was für einen Gedanken vermittelt denn χάριτος (charitos) ?
„Durch ihn und sein Blut ist unser Lösegeld bezahlt worden, und durch die Fülle seiner liebevollen Fürsorge konnten unsere Sünden vergeben werden.“ (Epheser 1:7 2001 Translation, ins Deutsche übersetzt)
Strong’s erklärt: (a) Gnade, als Geschenk oder Segen, der den Menschen durch Jesus Christus zuteil wurde, (b) Gunst, (c) Dankbarkeit, Dankbarkeit, (d) eine Gunst, Freundlichkeit.
Die 2001 Translation enthält als Erklärung diesen Hinweis:
Es ist sehr schwierig, die griechischen und aramäischen Wörter zu übersetzen, die in den meisten Bibeln als „Gnade“ bezeichnet werden.
Das griechische Wort ist caris – von ihm leiten sich die englischen Wörter care und caring ab. Strong’s definiert es (neben der Gnade natürlich) als die Bedeutung, jemandem eine Gunst zu erweisen. Es hat auch eine doppelte Bedeutung von Dank oder Dankbarkeit.
Das aramäische Wort ist tayb’uwt’ah – und ähnelt dem griechischen Pendant. Es kann Hingabe, Freundlichkeit, Wohltätigkeit (wohltätiges Verhalten) bedeuten und hat auch die doppelte Bedeutung von Dankbarkeit.
Die meisten englischen Bibeln übersetzen diese Worte mit Gnade. Was ist das Problem dabei?
Nun, die gängigste Bedeutung von Grace (Gnade) bedeutet heute eine sanfte und fließende Bewegung, wie beim Gehen oder Tanzen. Die christliche Definition von Gnade wird nur von Christen verwendet! Nichtchristen, die versuchen, das Wort zu lernen, können es nicht verstehen, und für Nicht-Muttersprachler/innen ist es schwierig, eine weitere Definition zu lernen.
Es kann sogar sein, dass jemand das Wort völlig missversteht und denkt, dass die Bibel sagt, dass Gott sich gnädig bewegt, gnädig redet oder nur sanft und geschmeidig handelt. Das ist nicht das, was Gottes Gnade ausmacht!
Deshalb verwenden wir das Wort Gnade nicht. Außerdem verbietet uns unsere Übersetzungscharta, traditionelle Begriffe zu verwenden, die missverstanden werden könnten.
Was verwenden wir also stattdessen?
Nun, einige Bibelwörterbücher definieren das griechische Wort als unverdiente Freundlichkeit. Das mag zwar technisch korrekt sein, aber im modernen Englisch klingt es furchtbar – als ob die Güte widerwillig gegeben wird, was ganz sicher nicht zum Kontext oder Ton der Bibelstellen passt. Außerdem ist es sehr wortreich, was von der Leichtigkeit des Lesens ablenkt.
Deshalb verwenden wir stattdessen Fürsorge, liebevolle Fürsorge, Fürsorge oder Freundlichkeit, je nach Kontext. Wir verwenden nicht den Begriff Gunst, denn das ist etwas, das man sich verdienen kann, während Fürsorge etwas ist, das wir uns normalerweise nicht verdienen. In der Regel kümmern wir uns aus Liebe um Menschen – so wie wir uns um Kinder kümmern – und es gibt keinen Hinweis darauf, dass unsere Kinder es verdient haben oder dass wir diese Fürsorge nur widerwillig leisten.
Noch ein paar Gedanken dazu, wie Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas das Denken geschickt manipulieren.
In den Worterklärungen zur Bibel steht:
„Unverdiente Güte.
Das entsprechende griechische Wort enthält den Grundgedanken, dass etwas Freude bereitet und gewinnend ist. Oft beschreibt es ein liebes Geschenk oder dass man jemandem aus Güte heraus etwas gibt. Bezieht es sich auf die unverdiente Güte Gottes, ist damit gemeint, dass Gott etwas großzügig schenkt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es drückt aus, wie freigiebig Gott ist und wie großzügig er den Menschen seine Liebe und Güte schenkt. Das griechische Wort wird auch mit „Anerkennung“ und „Liebesgabe“ übersetzt. Der Geber schenkt es aus purer Großzügigkeit und nicht, weil der Empfänger es verdient hätte (2Ko 6:1; Eph 1:7).“
Ist dir aufgefallen, wie unvermittelt – aber nur im Zusammenhang mit Gott – das Adjektiv unverdient auftaucht. Obwohl keine der Erläuterungen diesen Gedanken enthält.
Im Buch Einsichten über die Heilige Schrift, Band 2 gibt es das Stichwort ‚unverdiente Güte‘, das aber nur einen Verweis enthält: Siehe Freundlichkeit, Güte. Das hebräische Wort chéßedh wird dort unter dem Untertitel ‚Gottes liebende Güte‘ erklärt. Das entsprechende griechische cháris jedoch unter dem Untertitel ‚Unverdiente Güte‘. Die Erklärung kommt zuerst ohne den Zusatz aus. Dann werden aber Zitate aus alten Kommentaren bemüht, um ‚unverdient‘ einzuführen und dann wird ohne weiteren Bezug auf den historischen Kontext so argumentiert:
„Ein Arbeiter ist berechtigt, das zu erhalten, wofür er gearbeitet hat: seinen Lohn. Er hat das Recht, diesen zu erwarten. Der Lohn ist etwas, was man dem Arbeiter schuldet, und ist kein Geschenk. Man lässt ihm damit nicht etwas Besonderes zukommen und erweist ihm dadurch nicht unverdiente Güte (Rö 4:4).“
Das zeigt schon in etwa, warum eifrige Zeugen Jehovas sich so anstrengen, das zu erlangen, was sie sich nicht verdienen können. Hier noch ein Beispiel aus einem neuern Wachtturm, das zeigt, wie das Muster abläuft:
„18. Welche Verantwortung bringt die unverdiente Güte Jehovas mit sich?
18 Aus Wertschätzung für Gottes Güte sehen wir unsere Verantwortung, unsere Gaben zur Ehre Jehovas und zum Nutzen anderer zu gebrauchen. Auf welche Weise? Paulus sagt: „Da wir nun Gaben haben, die gemäß der uns verliehenen unverdienten Güte verschieden sind, es sei . . . ein Dienstamt, so widmen wir uns diesem Dienstamt; oder wer lehrt, der widme sich seinem Lehren; oder wer ermahnt, der widme sich seinem Ermahnen; . . . wer Barmherzigkeit erweist, der tue es mit Fröhlichkeit“ (Röm. 12:6-8). Die unverdiente Güte, die Jehova uns erweist, nimmt uns in die Pflicht, uns eifrig im Dienst Jehovas einzusetzen, andere mit der Bibel vertraut zu machen, Glaubensbrüdern Mut zuzusprechen und jedem zu vergeben, der uns vielleicht gekränkt hat.“ (w16 Juli S. 25 Dankbar für Gottes unverdiente Güte)
Aus Wertschätzung für Gottes Güte (hier noch ohne ‚unverdient‘) wird Verantwortung. Obwohl Paulus das so nicht sagt, kommt dann ‚unverdiente Güte, …, nimmt uns in die Pflicht, uns eifrig im Dienst Jehovas einzusetzen.‘ Und die Frage zielt genau auf diesen Punkt ab. Nicht die Wertschätzung, sondern die Verantwortung.
In den Studienanmerkungen der NWÜ zu Johannes 1 steht: „Wenn sich cháris auf die unverdiente Güte bezieht, die Gott Menschen erweist, dann beschreibt es ein Geschenk, das Gott großzügig gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.“ Der Wachtturm anscheinend schon.

