Von Christian / Brian Doak
Jetzt stellen wir uns einmal die Frage, die du dir vielleicht schon selbst gestellt hast: Wer hat die Bibel nun richtig verstanden – die Leser der Antike, des Mittelalters oder der Moderne?
Darauf geht Professor Brian Doak in diesem Video ein:
Einige Leser der Antike und des Mittelalters dachten, dass die Bibel zwei Interpretationen hat: Die wörtliche und die geistige, symbolische, allegorische. Andere wie Origenes von Alexandria dachten, dass es drei Bedeutungen hat: Die wörtliche, die allegorische und die moralische oder tropologische [„Tropologisch“ bezieht sich auf die Interpretation von Texten oder Bildern, die sich auf eine moralische oder ethische Botschaft konzentriert.]. Andere gingen von vier Bedeutungsebenen aus, wie wir im Video Bibel lesen und interpretieren: War die mittelalterliche Bibelauslegung schlecht oder nur mittelmäßig? gesehen haben: Die wörtliche, die allegorische, die moralische oder tropologische und die anagogische. Im Mittelalter dachten einige, dass es noch mehr Bedeutungsebenen geben müsste, sieben zum Beispiel. Und noch andere scheinen gedacht zu haben, dass es sogar eine unendliche Zahl an Bedeutungsebenen gibt!
Aber ist das für uns überhaupt wichtig? Zum einen ist es gut, die verschiedensten Auffassungen zu kennen, damit man besser sieht, wo man selbst steht. Und ob man vielleicht etwas Wesentliches noch nie selbst gesehen hat. Und einen Punkt übersehen wir vielleicht immer noch.
Brian Doak zitiert hier Gregor den Großen aus dem 6. Jahrhundert (zumindest meint er, dass dieses Zitat von ihm ist):
Der Text wächst mit dem Leser.
Vermutlich von Gregor dem Großen (6. Jahrhundert)
Und was soll das bedeuten? Der Text wächst mit dem Leser und der Leser wächst mit dem Text. In dem Sinne, dass die Zahl der Bedeutungsebenen und der Horizont mit uns wächst, mit unserem intellektuellem und spirituellem Wachstum.
Und so sind alle, von denen wir bisher gesprochen haben, davon ausgegangen, dass es auf jeden Fall mehr als nur eine Bedeutungsebene für den biblischen Text gibt. Alle, über die wir bisher gesprochen haben. Das änderte sich mit der Moderne. Zum Beispiel schrieb Benjamin Jowett (Professor in Oxford im 19. Jahrhundert):
Die Heilige Schrift hat eine Bedeutung, nämlich die, die sie im Kopf des Propheten oder Evangelisten hatte, der sie zuerst gesagt oder geschrieben hat, für die Zuhörer oder Leser, die sie zuerst gehört oder gelesen haben.
Der eigentliche Sinn von Interpretationen ist es, Interpretationen loszuwerden und uns allein mit dem Autor zu lassen.
Benjamin Jowett, On the interpretation of scripture
Und das ist auch das, was viele meinen, wenn sie sagen, dass wir ‚die Bibel im Kontext lesen müssen‘.
Jetzt gibt es aber ein Problem mit dieser Theorie: Sie ist nicht offenkundig einleuchtend. Warum kann man das sagen? Wenn es nur diese eine Bedeutungsebene des Textes gibt, die es im Kopf der Person gab, die etwas gesagt oder geschrieben hat, im historischen Kontext, was machen wir dann damit? Wenn wir auch das Gelesene auch nur irgendwie mit uns in Verbindung bringen wollen, müssen wir es in unseren Kontext übersetzen oder anwenden. Wir müssen den Text aus der Vergangenheit in unser Leben bringen. Die Frage ist doch: Und was bedeutet das heute?
Warum wurde und wird dann so ein Standpunkt überhaupt vertreten? Seit der Zeit der Reformation wurde diese Argumentation auch wie folgt verwendet: Zu sagen, dass es nur genau diese eine wörtliche Bedeutung im biblischen Text gibt, könnte verwendet werden, um sich gegen eine anderen Religion zu wenden, die sich, wie zum Beispiel die katholische Kirche, auf eine lange Tradition oder Überlieferung und die Kirchenväter stützt. Der theologische Grundsatz der Reformation sola scriptura (allein durch die Schrift) wurde so verwendet, auch wenn es schon seit Luther dabei nicht direkt um die Bedeutungsebenen des Textes ging.
Diese Vorstellung, dass es nur diese eine Bedeutungsebene des biblischen Textes gibt, hat auch etwas mit der Kritik an der Exegese der Antike und des Mittelalters zu tun: Übermäßig spirituell, willkürlich, eigenwillig oder sogar komplett verrückt. Und er zitiert hier einen anderen Gelehrten des 19. Jahrhunderts.
Wir werden schnell mal viele Jahrhunderte der Auslegung durchgehen und müssen feststellen, dass es im Großen und Ganzen, also in der Antike, Jahrhunderte waren, in denen die Auslegung der Heiligen Schrift von unbewiesenen Theorien dominiert und mit unhaltbaren Ergebnissen überladen war.
Frederic Farrar, Oxford Bampton lecture 1885
Aber auch die gegensätzliche Vorstellung von nur der einen Bedeutung des Textes kann kritisiert werden:
Hat Geschichte eine Bedeutung und Verständlichkeit, die einfach in sich selbst steckt?
Und Brian Doag fügt hinzu: „Die Antwort wäre wohl nein. Das tut es nicht. Es ist etwas, das wir ihm durch Interpretation beim Erzeugen des Narrativs geben. Richtig? Mit anderen Worten: Dieser historische Kontext, der eigentlich ein leuchtendes, objektives Objekt sein soll, das auf dem Grund liegt und sozusagen Bedeutung ausstrahlt, liegt in Wirklichkeit nicht einfach objektiv auf dem Grund und strahlt Bedeutung aus. Es ist eine Bedeutung, die wir dem Text tatsächlich geben. Hier gibt es also ein Problem für den modernen Wunsch, die moderne Fantasie, könnte man sagen, dass dieser historische Kontext einfach alle Probleme klärt.“
Dann fasst Brian Doak ein bekanntes Essay von 1980 zusammen:
Jede Art von christlicher Predigt muss diesen alten Text nehmen und ihn in einen zeitgemäßen Kontext setzen, damit wir ihn überhaupt anwenden oder uns dafür interessieren können.
Wenn du nicht zu den wenigen Leuten gehörst, die sich in einer total abstrakten philosophischen Welt nur an der Vergangenheit als Vergangenheit erfreuen, wirst du eine Art zeitgenössische Anwendung wollen.
Wie Steinmetz sagt, sind alle Schriften dazu da, die Kirche zu stärken und die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zu fördern.
Wir müssen uns von der Vergangenheit lösen, sonst müssten wir zugeben, dass viele Teile der Bibel einfach nichts bedeuten. Du weißt schon, die Trunkenheit von Noah, der Mord an Abel, der Ochsenstecken von Schamgar, Sohn des Anath. Wenn es auf der Ebene der Erzählung nicht zu finden ist, schreibt Steinmetz, dann muss es auf der Ebene der Allegorie, Metapher, Typologie und so weiter zu finden sein.
Er sagt dann, dass er echt dazu neigt, CS Lewis‘ berühmtem Zitat aus „Till We Have Faces“ zuzustimmen. Ein Autor versteht die Bedeutung seiner eigenen Geschichte nicht unbedingt besser als andere. „Der Akt des Schaffens“, schreibt Steinmetz, „gibt Autoren keine besonderen Privilegien, wenn es um die ganz andere, wenn auch weniger wichtige Aufgabe der Interpretation geht.“ Steinmetz sagt, er stimmt Jowett zu, dass die Bibel wie jedes andere Buch gelesen werden sollte. Die Frage ist, wie liest man andere Bücher? Okay. Wie liest man andere Bücher? Am Ende schlägt Simon dann diese Hypothese vor. Er sagt, dass die Tatsache, dass die historisch-kritische Methode nach 200 Jahren immer noch um mehr als einen prekären Halt in derselben Religionsgemeinschaft kämpft, im Allgemeinen der Ignoranz und dem Konservatismus der christlichen Lehre sowie der Trägheit oder moralischen Feigheit ihrer Pastoren angelastet wird. Mit anderen Worten: Warum hat die historisch-kritische Methode immer noch so große Schwierigkeiten, sich in den Köpfen vieler Menschen durchzusetzen? „Liegt es einfach daran, dass die Menschen in der Kirche dumm sind? Liegt es daran, dass Pastoren Weicheier und Babys sind, die Angst haben, ihrer Gemeinde die wahre Geschichte zu erzählen? Nein.“ Er sagt: „Ich möchte eine alternative Hypothese vorschlagen. Die mittelalterliche Theorie der Bedeutungsebenen im biblischen Text mit all ihren unbestreitbaren Mängeln hat sich durchgesetzt, weil sie wahr ist. Die moderne Theorie einer einzigen Bedeutung mit all ihren nachweisbaren Vorzügen ist dagegen falsch. Solange die historisch-kritische Methode ihre eigenen theoretischen Grundlagen nicht kritisch hinterfragt und eine hermeneutische Theorie entwickelt, die der Natur des Textes, den sie interpretiert, angemessen ist, wird sie zu Recht auf die Zunft und die Akademie beschränkt bleiben, wo die Frage nach der Wahrheit endlos aufgeschoben werden kann.“ In Glaubensgemeinschaften und theologischen Gemeinschaften hingegen kann die Frage nach der Wahrheit nicht endlos aufgeschoben werden oder einfach in der Vergangenheit bleiben.
Über Superiority of Pre-Critical Exegesis (Die Vorzüge der vorkritischen Exegese), Professor David Curtis Steinmetz, Duke Divinity School
„Also, wenn du sagen willst, dass die antike und mittelalterliche, also die Auslegung der Bibel vor der Zeit der modernen Textkritik einfach besser ist als die Art und Weise, wie man das heute in der modernen säkularen Wissenschaft macht. Aus diesem Grund haben die antiken und mittelalterlichen Ausleger den Text als etwas viel Reichhaltigeres gesehen als nur den ursprünglichen Kontext der Urheberschaft. Und sie erkannten als grundlegende Lesetheorie, eine Lesetheorie, die wir heute vielleicht wieder erkennen, dass ein Text mit uns als Lesern wächst und viele Bedeutungen annehmen kann. … Wie du den Text mit 18, mit 30, mit 45, mit 70 und später in deinem Leben lesen könntest. Und der Text hat immer wieder eine andere Bedeutung. Er ist nicht nur in der Situation seiner Entstehung gefangen, noch ist er in deinem Kopf als 18-Jähriger gefangen, sondern er ist etwas, das weiter wächst. Es scheint, dass Autoren der Antike und des Mittelalters dies besser verstanden haben, und das könnte ein Vorteil ihrer Interpretationsweise sein, unabhängig davon, welche anderen Nachteile wir darin sehen mögen.“











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