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  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 9: Inspiration

    Von Christian


    „Die Bibel ist von Gott inspiriert.“ Was ist damit eigentlich genau gemeint? Bezieht es sich zum Beispiel auf 2. Timotheus 3:16? Wobei, dann wäre der zitierte Text schon entschieden verändert worden, denn dort wird nicht von ‚der Bibel‘ gesprochen. In Teil 2 hatten wir über Texte wie 2. Timotheus 3:16 schon gesprochen: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“. Und sowohl in Teil 2 wie auch Teil 8 sprachen wir über die Fakten, die zeigen, dass die Autoren der Autographen des Neuen Testaments mit ‚Schrift‘ das sogenannte Alte Testament meinten. Im Laufe der Zeit wurden die Schriften des Neuen Testaments von Christen aber immer höher geschätzt und heute denken viele auch über das Neue Testament genauso. Und so kommt es, dass viele beim Thema Inspiration keinen Unterschied zwischen altem und neuem Testament machen.

    Konservative evangelikale Theologen haben zum Beispiel in der sogenannten Chicago-Erklärung (Wikipedia) ihre Überzeugung so formuliert:

    „Eine kurze Erklärung: 4. Da die Heilige Schrift vollständig und wortwörtlich von Gott gegeben ist, ist sie in all ihren Lehren ohne Irrtum oder Fehler, nicht weniger in dem, was sie über Gottes Taten in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihren eigenen literarischen Ursprung unter Gott aussagt, als in ihrem Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben des Einzelnen.“

    „Artikel VI: Wir bekennen, dass die gesamte Heilige Schrift und alle ihre Teile, bis hin zu den Worten des Originals, durch göttliche Eingebung gegeben wurden.“

    Chicago-Erklärung, 1978

    Das Problem mit solchen Behauptungen ist, dass sie immer noch zu generell sind und viele Annahmen implizit enthalten.

    Ein Problem mit der ersten Satz dieser Erklärung ist zum Beispiel, was mit ‚die Heilige Schrift‘ gemeint ist. Ist damit der Text gemeint, den du in einer deiner deutschen Übersetzungen liest? Oder die Autographen (dort Original genannt), was wir dem zweiten Satz entnehmen können? Aber welche Aussagekraft bleibt denn dann übrig, wenn wir uns noch einmal das Diagramm aus dem ersten Teil anschauen?

    Was müsste denn noch zutreffen, damit diese Vorstellung von Inspiration für uns nützlich ist?

    Ob der Text in den Autographen bis in die einzelnen Wörter von Gott inspiriert und fehlerfrei ist, können wie nicht überprüfen, weil (a) kein Autograph erhalten ist und (b) wir dazu dessen Text mit Gottes Gedanken vergleichen müssten.

    Dazu müsste Gott auch jeden verfälschenden menschlichen Einfluß des Schreibers bzw. des Diktierenden verhindert haben.

    Aber das nützt uns noch gar nichts, weil wir nur eine Übersetzung eines Textes in eine völlig andere Sprache und Kultur haben, der aus sehr vielen, ziemlich unterschiedlichen Manuskripten wiedergestellt wurde, welche die Kirche in den Kanon aufgenommen hatte und der immer wieder kopiert wurde.

    Damit diese absolute Aussage über eine wörtliche Inspiration für uns von Wert ist, müsste Gott also ganz genauso alle anderen Schritte kontrolliert haben.

    Aber es gab viele unabsichtliche sowie absichtliche Änderungen am Text in den Manuskripten. Und verschiedene Übersetzungen verwenden jeweils verschiedene Wörter – sind diese dann auch alle von Gott wörtlich so gewählt worden?

    Hat Jesus zum Beispiel dies genau so in der Bergpredigt gesagt?

    Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!

    Matthäus 5:3 Schlachter 2000

    Also diese deutschen Worte natürlich nicht. Übrigens verwendet diese Übersetzung ganz andere Worte:

    Wie glücklich sind die, die begreifen, wie arm sie vor Gott sind! / Sie gehören dem Himmelreich an!

    Matthäus 5:3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Da er weder diese noch die anderen Worte in Deutsch gesagt hat, wäre das höchstens eine inspirierte Übersetzung. Aber diese Wörter vielleicht:

    Μακάριοι οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι, Ὅτι αὐτῶν ἐστιν ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν.

    Matthäus 5:3 Berean Greek New Testament 2016

    Aber möglicherweise sind nicht einmal das inspirierte Worte, weil das Evangelium Matthäus gemäß einigen Kirchenvätern und auch Gelehrten in einem hebräischen Dialekt, genauer wohl Aramäisch geschrieben worden ist.

    Und was ist mit dieser Passage?

    Der [Gesetzeslehrer] sagte: Derjenige, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso.

    Lukas 10:37 Züricher

    Wenn wir eine wörtliche Inspiration vorliegen haben, hat der Gesetzeslehrer oder Jesus das genau so gesagt? In Griechisch! Ob der jüdische Gesetzeslehrer mit Jesus wohl Griechisch oder Aramäisch gesprochen hat? Ok, die wörtliche Inspiration bezieht sich also wohl nicht auf die in Wirklichkeit gesprochenen Worte, sondern höchstens auf die Form des Zitates. Wollte Gott damit sicherstellen, dass wenigstens die Darstellung ganz genau so ist, wie er das wollte, auch wenn es nicht genau das ist, was gesprochen worden war?

    Vergleichen wir aber auch einmal diese parallelen Texte in den synoptischen Evangelien:

    Da sagte Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation!
    Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη

    Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation!
    Ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτοῖς λέγει “Ὦ γενεὰ ἄπιστος,

    Da antwortete Jesus: O du ungläubige und verkehrte Generation!
    Ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν “Ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη,

    Matthäus 17:17, Markus 9:19, Lukas 9:41 Einheitsübersetzung 2016, Berean Greek New Testament 2016

    Was hat Jesus denn nun wirklich damals gesagt? Nur ungläubige Generation? Oder hat er sie auch als verkehrt bezeichnet? Die wörtliche Inspiration kann also nicht wörtlich den tatsächlichen Wortlaut wiedergegeben haben. Aber dass die wörtliche Inspiration von Gott verwendet wurde, um genau das aufzuschreiben, was anstelle des gesprochenene Wortes geschrieben werden sollte, kann ja auch nicht der Fall sein. Es gibt ja zwei verschiedene Versionen! Und das ist nur ein Beispiel, welches ein synoptischer Vergleich zu Tage fördert.

    Bin ich jetzt einfach nur kleinlich und suche das sprichwörtliche Haar in der Suppe? Nein, denn die ziemlich weitgehende Aussage war ja, dass Gott „vollständig und wörtlich“ den Text inspiriert hat. Und wenn man die Latte so hoch legt, dann muss der Text auch an diesen Ansprüchen gemessen werden. Gibt es nun ein Problem im Text des Neuen Testaments oder nicht vielmehr mit dem Anspruch an den Text?

    Nächstes Problem. Eine Analyse des Textes zeigt, dass verschiedene Wortschätze und Schreibstiele verwendet wurden. Aber wenn Gott die Wörter genau inspiriert hat, warum verwendet Gott dann verschiedene Schreibstiele und Wortschätze in den Texten und erzeugt den Eindruck verschiedener menschlicher Autoren? Das würde ja fast schon an Täuschung grenzen. Irreführend wäre es auf jeden Fall.

    Und da wir schon bei den Evanglien sind: Ist das ein wörtlich inspirierter Bericht über das Leben und die Lehren Jesu. Nein! Es gibt ja vier im Kanon – die voneinander abweichen, insbesondere Johannes. Aber ist jeder einzelne davon wörtlich von Gott inspiriert? Das hat die Christen schon seit dem ersten Jahrhundert beschäftigt. Dazu wird es ein separates Video geben.

    Und noch etwas. Wenn Gott den Text und den Kanon so genau geplant und wörtlich inspiriert hat, warum dann auf eine Weise, die eher das Gegenteil nahelegt? Ich kann mich noch gut erinnern, dass jedes ‚Bibelstudienhilfsmittel‘ der Zeugen Jehovas genau eines nicht tat: Das neue Testament von Anfang bis Ende Vers für Vers zu betrachten. Jedes solcher Lehrbücher – nicht nur die der Zeugen Jehovas – macht etwas ganz anderes: Es ordnet die Dinge thematisch an. Warum ist der vermeintlich wörtlich inspirierte Text des Neuen Testaments nicht so geschrieben? Im alten Testament sieht man doch, dass das geht: Wenn Gott sagen will, wie die Menschen gemäß seinem Bund leben sollen, was macht er? Er beginnt mit dem Wichtigsten: Er selbst. Siehe 2. Mose 34:6,7 (Exodus). Dann 10 Gebote (2. Mose 34:28), dann die Gesetze (3. Mose, Levitikus). Wer ordnet die Welt? 1. Mose (Genesis). Warum sieht sie anders aus? 1. Mose (Genesis). Warum ein Bündnis mit uns, den Israeliten? Historischer Bericht in 1. Mose (Genesis).

    Mit Christus hat doch eine neue Ära begonnen. Gibt es etwas Vergleichbares? Eigentlich nicht. Oder es ist sehr, sehr kurz: Matthäus 22:37-40 „Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten wollen.“. Und was ist mit dem Rest? Leben Jesu, Geschichte der ersten Jünger Jesu, Briefe aus aktuellem Anlaß an bestimte Versammlungen. Allgemeine Darlegung des Glaubens. Und eine Offenbarung. Dass das kein thematisch geordnetes Gesetz oder Lehrbuch ist, zeigt sich schon darin, dass bei der Diskussion praktisch jeder Lehre Verse aus den verschiedensten Teilen des Neuen Testaments zusammengeführt werden müssen.

    Und es gibt noch eine Schwierigkeit mit der Aussage, dass das Neue Testament von Gott wörtlich inspiriert ist mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes. Bei Johannes hört sich das nämlich so an:

    Ich [Jesus] hätte euch noch so viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. Wenn dann jedoch der Geist der Wahrheit gekommen ist, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn er wird nicht seine eigenen Anschauungen vertreten, sondern euch nur sagen, was er ‹von mir› hören wird, und euch verkünden, was dann geschieht. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen, denn was er euch verkündigt, nimmt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört ja auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was er euch verkündigen wird, hat er von mir.

    Johannes 16:12-15 NEÜ

    Also kommt das in Wirklichkeit von Jesus, was der Geist der Wahrheit den Jüngern später klar macht? Gar nicht von Gott? So klingt das zumindest auch in der Offenbarung, die Johannes zugeschrieben wird:

    In diesem Buch enthüllt Jesus Christus, was Gott ihm für seine Diener anvertraut hat. Sie sollten wissen, was bald geschehen muss. Deshalb ließ er es durch seinen Engel seinem Diener Johannes zukommen.

    Offenbarung 1:1 NEÜ

    Allerdings wird hier der Geist der Wahrheit nicht erwähnt, sondern die Botschaft wird durch einen Engel überbracht. Und wie wir schon in Teil 2 – Nachtrag gesehen hatten, steht dort sogar, dass Johannes die Worte aufschreiben soll. Hat dann erst beim Aufschreiben Gottes Geist – der Geist der Wahrheit – für die wörtliche Inspiration gesorgt?

    Allerdings übersetzen viele andere Johannes 16:14 wörtlicher:

    Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.

    Johannes 16:14 Einheitsübersetzung 2016

    Das klingt jetzt schon nicht mehr so, als ob Jesus dem heiligen Geist die Worte gibt. Womit wir wieder beim Thema wörtliche Inpiration und Übersetzung wären.

    Nun, damit erkennen wir das wahre Ausmaß des Problems der wörtlichen Inspiration: Konfrontiert man diese Vorstellung mit den Fakten, muss sie immer mehr zurückgenommen werden. Dadurch ergibt sich der Eindruck, dass es nur noch weiterer Fakten bedarf, um diese Behauptung ganz zu widerlegen und damit ist das Thema Bibel für viele dann erledigt. In diesem Fall geht es vielleicht mit der Aussage los, dass die Bibel bis zu den Wörtern inspiriert und ohne Fehler ist. Wenn damit die Bibel gemeint ist, wie wir oder andere sie in der Vergangeheit hatten, dann müssten diese Texte ja auch genau kopiert worden sein. Dann kommt der Verweis auf die vielen Abweichungen in den Manuskripten. Und schon muss dieser Satz irgendwie aufgeweicht werden. Und so geht das weiter.

    Wir wollen umgekehrt vorgehen, und eine Aussage erarbeiten, die von Fakten getragen und nicht so schnell geändert werden muss (die Argumente stammen zum Teil aus Michael S. Heiser The Naked Bible’s Thoughts on Inspiration, Part 1 und Folgende):

    Das mit inspiriert übersetze Wort θεόπνευστος (theopneustos) kommt im Neuen Testament genau einmal in 2. Timotheus 3:16 vor. In 2. Petrus 1:21 wird übrigens ein ganz anderes Wort φερόμενοι (pheromenoi) verwendet. Was könnte inspiriert θεόπνευστος (theopneustos) bedeuten?

    • θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die unmittelbare Quelle war.
      Damit muss er jedes Wort diktiert oder in die Gedanken des Schreibers implementiert haben. Kein Wort darf dem Sinn des Autors entsprungen sein.
      Das entspricht in etwa dem, was viele Evangelikale, wie eingangs zitiert, denken.
    • θεόπνευστος (theopneustos) sagt aus, dass Gott die ultimative Quelle war.
      Menschen waren hingegen die unmittelbare Quelle.
      Gott wählt die Menschen aus. Selten sagt er ihnen auch tatsächlich genau, was sie weitergeben sollen. Aber die Norm ist, dass die Menschen die Worte wählen – welche Rolle Gott und der heilige Geist spielen, gilt es noch zu klären.

    In der Literatur werden diese drei Begriffe verwendet (siehe z.B. ERF Die Bibel als Gottes Wort):

    1. Die Verbalinspiration: Nicht nur die inhaltlichen Zusammenhänge und die Autoren der Bibel sind von Gott inspiriert, sondern auch die Worte selbst. Die ganze Bibel wird als vollkommenes, fehlerfreies und verbindliches Wort Gottes verstanden.
    2. Die Personalinspiration: Hier ist der Autor eines biblischen Buches von Gottes Geist erfüllt. Gott machte ihn dazu fähig, etwas über Gott oder den Glauben zu sagen, ohne dass alles, was er schreibt, vollkommen sein muss. Der Mensch ist inspiriert und nicht zwangsläufig der gesamte Inhalt seiner Botschaft.
    3. Die Realinspiration: Bei diesem Modell sind es die großen thematischen Zusammenhänge eines biblischen Buches, die inspiriert sind und nicht der Autor oder der Wortlaut. Was für den Glauben nicht zentral ist, ist auch nicht notwendigerweise von Gottes Geist inspiriert.

    Das Problem mit der Verbalinspiration ist, dass wir sie zum einen gar nicht überprüfen können, weil wir die Autographen nicht kennen und auch nicht wissen, was Gott schreiben wollte. Zum anderen nützt sie uns auch gar nichts, wenn wir nicht den Text in den Sprachen der Autographen mit dem kulturellen Hintergrund der damaligen Zeit lesen und verstehen können. Sobald eine Übersetzung vorliegt, müsste ja auch die Wortwahl der Übersetzer einer Verbalinspiration unterliegen. Und was, wenn zwei Übersetzungen verschiedene Wörter gewählt haben? Sind dann beide wörtlich inspiriert? Wir sehen, dass man schon beim Übersetzen die Idee einer Verbalinspiration erweitern muss.

    Die Verbalinspiration entspricht dem Gedanken einer unmittelbaren Quelle. Wohingegen Personal- und Realinspiration dem Gedanken einer ultimativen Quelle entsprechen. Gott ist die ultimative Quelle, weil er zum Beispiel:

    1. Die Menschen erschaffen hat.
    2. Es seine Idee war, uns etwas zu offenbaren.
    3. Personen sorgfältig ausgewählt und die Umstände genutzt oder geschaffen hat, um die Schriften zu schaffen.

    Gott als ultimative Quelle erklärt auch viel besser, warum die Texte der Bibel selbst in etwa der gleichen Zeit verschiedene Vokabulare, Schreibstiele und Komplexität aufwiesen. Wenn Gott jedes Wort diktiert oder in den Geist der Autoren gelegt hätte, warum hätte er sich dann diese Umstände gemacht? Es irgendwie menschlich erscheinen lassen, wenn es doch nur seine Worte enthalten sollte?

    Denken wir auch an 1. Korinther 7:12 „Den Übrigen aber sage ich, nicht der Herr: …“ (Elberfelder). Kommen die Worte danach nun von Gott oder Paulus? Und wenn es die Worte des Herrn gewesen wären, wären es dann Gottes Worte eingepflanzt in den Geist des Herrn gewesen? Das war doch gar nicht nötig, denn oft genug hat Jesus betont, wie ähnlich er seinem Vater ist. Wenn Jesus sprach, war das in völliger Harmonie mit Gottes Gedanken. Und sollte das mit Hilfe des heiligen Geistes nicht auch bei einem Paulus möglich gewesen sein, ohne ihm jedes Wort in den Sinn und die Feder zu legen. Bei seinen Vorträgen war dies doch schließlich auch nicht der Fall. Oder hat Paulus da etwas ‚Falsches‘ gesagt?

    Der Gott, der so die ultimative Quelle des Textes ist, ist sehr viel größer und ‚allmächtiger‘ als einer, der als unmittelbare Quelle jedes einzelne Wort diktiert. Wort-für-Wort Diktieren kann sogar jeder von uns. Wer der Überzeugung ist, dass Gott die Entwicklung des Kanons geleitet hat, sollte kein Problem damit haben, dass er als ultimative Quelle auch die Enwicklung des Textes so geleitet hat.

    Im Prinzip hat er es mit dem Prophezeien und Schreiben wohl so gemacht, wie bei der handwerklichen Arbeit mit diesen beiden:

    Nun sagte Mose zu den Israeliten: „Seht, Jahwe hat Bezalel Ben-Uri, den Enkel von Hur aus dem Stamm Juda, berufen. Er hat ihn mit dem Geist Gottes erfüllt, mit Weisheit und Verstand und kunsthandwerklichem Geschick.  Er kann Pläne entwerfen und danach Gegenstände aus Gold, Silber und Bronze anfertigen. Er kann Edelsteine schneiden und einfassen, er versteht sich auf Holzschnitzerei und ist in jeder künstlerischen Technik erfahren. Dazu hat Jahwe ihm und Oholiab Ben-Ahisamach aus dem Stamm Dan die Gabe geschenkt, andere zu unterweisen. Beiden hat er die Fähigkeit gegeben, jeden Entwurf eines Kunsthandwerkers, Kunststickers oder Buntwirkers ausführen zu können, ob es um blauen und roten Purpur, Karmesinstoff oder Leinen geht, um Weberei oder Stickerei. Sie können alle möglichen Entwürfe machen und sie ausführen.

    2. Mose 35:30-35 Neue Evangelistische Übersetzung

    Klingt das so, als ob Gott ihnen Strich für Strich und jede Handbewegung und jedes Wort in den Geist diktiert hat? Klingt eher nach einem Intelligenz- und Talentverstärker, was der Geist Gottes hier bewirkt.

    Kommen wir noch einmal auf 2. Petrus 1:20,21 zurück:

    Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.

    2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung

    Wie müssen wir uns das vorstellen, dass Propheten „vom Heiligen Geist gedrängt φερόμενοι (pheromenoi)“ wurden. Dieses Wort enthält den Gedanken von etwas tragen, hervorbringen, voranbringen. Wenn es in Verbindung mit intelligenten Menschen verwendet wird wie in Markus 1:32; 7:32, wird dabei nie der Sinn der Person ausgeschaltet oder manipuliert, sondern einfach jemand wohin gebracht. 2. Petrus 1:21 vermittelt den Gedanken, dass Gott die Propheten zum sprechen und schreiben veranlasst hat – als ultimative Quelle – unter Verwendung ihrer eigenen Worte. Nicht dass er ihren Sinn und ihre schreiben Hände bei jedem Wort kontrolliert hat.

    Denkst du immer noch, dass Gott die Schriften Wort für Wort diktiert hat? Dann musst du auch annehmen, dass er genauso diejenigen wie Roboter ferngesteuert hat, welche die Schriften überarbeitet haben. Die heiligen Schriften überarbeitet? Das kann doch nicht wahr sein! Wenn das deine Ansicht über die ‚Inspiration‘ ist, dann ist es auch ein Teil, der durch die Fakten widerlegt wird. Sogar durch den Text selbst! Hier ein paar Beispiele aus dem Alten Testament, also das, was für die Schreiber des Neuen Testaments ‚die Schriften‘ waren.

    1. 5. Mose 34:1-12 „So starb Mose, der Diener Jahwes, im Land Moab, wie Jahwe es gesagt hatte, und er begrub ihn dort im Tal gegenüber von Bet-Peor. Bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. Mose war 120 Jahre alt geworden. Sein Sehvermögen hatte nicht nachgelassen und seine Kraft war nicht geschwunden.“
      Wie sollte Moses das geschrieben haben? Oder hat Gott ihn dazu gebraucht, das zu seinen Lebzeiten zu schreiben?
    2. 1. Mose 14:14 „Als nun Abram hörte, dass sein Bruder gefangen sei, bewaffnete er seine 318 erprobten Knechte, die in seinem Haus geboren waren, und jagte jenen nach bis Dan.“
      Zur Zeit Abrahams gab es weder den Stamm noch die Stadt Dan. Aber Moses schrieb das doch und kannte es! Nur sagt uns Richter 18:29, dass Moses die Stadt noch gar nicht unter diesem Namen kennen konnte: „Und sie gaben der Stadt den Namen Dan nach dem Namen ihres Vaters Dan, der dem Israel geboren worden war; früher dagegen war Lajisch der Name der Stadt.
    3. „Bis auf diesen Tag“ ist oft ein Hinweis, auf eine spätere Überarbeitung des Textes. Zum Beispiel in 5. Mose 10:8 „ In jener Zeit sonderte der HERR den Stamm Levi dazu aus, die Lade des Bundes des HERRN zu tragen, vor dem HERRN zu stehen, um seinen Dienst zu verrichten und in seinem Namen zu segnen, bis auf diesen Tag.“
    4. Hesekiel 1:1-3 „Und es geschah im dreißigsten Jahr, im vierten ⟨Monat⟩, am Fünften des Monats; als ich mitten unter den Weggeführten am Fluss Kebar war, da öffnete sich der Himmel, und ich sah Gotteserscheinungen. Am Fünften des Monats – das ist das fünfte Jahr ⟨nach⟩ der Wegführung des Königs Jojachin – geschah das Wort des HERRN ausdrücklich zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Land der Chaldäer am Fluss Kebar; dort kam die Hand des HERRN über ihn.“
      Ist uns der Wechsel von der ersten Person ‚ich‘ in Vers 1 zur dritten Person ‚Hesekiel‘ ‚ihn‘ aufgefallen? Das gibt es oft im Alten Testament.
    5. Psalm 72:20 „Es sind zu Ende die Gebete Davids, des Sohnes Isais.” Wirklich? Nein, später kommen noch welche. Warum steht es dann da? Weil es das Ende von ‚Buch 2‘ der Psalmen war. Danach wurde weitere gefunden. In einigen Bibelübersetzungen findet man auch den Hinweis, dass mit Psalm 73 ‚Buch 3‘ anfängt.

    Es gibt noch weitere Beispiele aus Jesaja oder verschiedene Versionen des Buches Josua (Siehe Michael S. Heisers Blog) oder Jeremia (siehe Blog).

    Und was bedeutet das jetzt? Ist die Bibel jetzt von Gott Wort für Wort inspiriert? Ja oder Nein? Die Antwort ist: Diese Frage führt nicht sehr weit. Wir haben ja schon einige Bewiese gesehen, dass man mit Nein antworten muss. In dieser extremen Form müssen den Satz aus dem ersten Teil noch weiter kürzen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert (Wort für Wort diktiert) und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Und wenn wir schon dabei sind, dann ist es eigentlich auch nicht die heilige Schrift, sondern Heilige Schriften. Und Gottes Wort ist es ja auch nicht so richtig, weil da zum Beispiel in den Evangelien auch die Worte des Teufels in den Versuchungen aufgeschrieben sind. Aber darüber werden wir im nächsten Video, dem Teil 10 sprechen.

    Ok. Kann es sein, dass dich diese Erklärungen etwas – na sagen wir einmal – ‚nervös‘ gemacht haben? Dir Angst machen? Oder vielleicht reagierst du eher in die Richtung ‚aggressiv‘: „Das kann so alles nicht stimmen. Hier wird nur mein Glaube untergraben!“ Eine weitere typische Reaktion ist Flucht: Das ist alles nicht so wichtig. Hauptsache wir lieben uns alle. Aber dann würde Matthäus 22:37-40 völlig ausreichen, also Jesu Zusammenfassung. Warum dann 140.000 weitere Worte im Kanon des Neuen Testament? So einfach kann man den Text und seine Herausforderungen wohl doch nicht beiseite schieben. Wir müssen uns wohl oder übel noch weiter mit diesem Thema beschäftigen. Zumindest, wenn wir unseren Glauben und Vorstellungen auf den Tatsachen aufbauen wollen – und nicht auf unseren Wünschen oder überlieferten Vorstellungen.

    Und deswegen müssen wir uns im nächsten Teil mit solch geläufigen Begriffen wie ‚die Heilige Schrift‘ oder ‚das Wort Gottes‘ auseinandersetzen, weil mit ihnen unbewusst eine ganze Reihe von Annahmen und Vorstellungen verbunden sind.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 8: Die Entstehung des Kanon

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 8: Die Entstehung des Kanon

    Von Christian


    Für viele ist es vermutlich wie selbstverständlich, dass in ihrer Bibel 27 Schriften enthalten sind, beginnend mit den Evangelien bis zu Offenbarung. Vor Christi Geburt gab es hingegen sicher noch keine Schriften, die wir als ‚christliche Schriften‘ bezeichnen würden. Was ist dazwischen geschehen? Das ist tatsächlich eine spannende – und für das Fundament unseres Glaubens wichtige Angelegenheit. In diesem Teil der Serie können wir nur einen Überblick geben, der auf dem Standardwerk zu diesem Thema von Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“ beruht, das ich nur wärmstens empfehlen kann:

    Bruce M. Metzger "Der Kanon des Neuen Testaments"
    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“

    In der Einführung schreibt er:

    Die Anerkennung der kanonischen Stellung der verschiedenen Bücher des Neuen Testaments war das Ergebnis eines langen und schrittweisen Prozesses, in dessen Verlauf bestimmte Schriften, die als autoritativ betrachtet wurden, von einem weit umfassenderen Corpus christlicher Literatur geschieden wurden. Auch wenn dies eine der bedeutendsten Entwicklungen im Denken und in der Praxis der frühen Kirche war, so schweigt sich die Geschichte im wesentlichen darüber aus, wie, wann und durch wen sie in Gang gesetzt worden ist. In den Annalen der christlichen Kirche ist nichts erstaunlicher als die Abwesenheit detaillierter Berichte über einen so bedeutsamen Prozess.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 11 (kursiv nicht im Original)

    Wir wissen also nicht, wer diesen Prozess wann in Gang gesetzt hat. Jesus war es nicht. Nirgends lesen wir davon, dass er seine Jünger beauftragt hat, ein ‚heiliges Buch‘ zu schreiben. Die Geschichte und Manuskripte liefern uns aber eine Menge Hinweise, wie der Prozess über gut drei Jahrhunderte ablief. Wir können erkennen, dass es keinen Masterplan gab, keine Auftrag, genau diese 27 Schriften anzufertigen und daraus einen Kanon zu bilden. Den Begriff Kanon verwende ich hier übrigens in dem Sinne als Liste der von Christen anerkannten Bücher. Das Wort selbst kommt aus dem Griechischen und hatte viele verschiedene Bedeutungen und wurde auch in den ersten Jahrhunderten von Christen verschieden gebraucht.

    Um die Entstehung des Kanons besser zu verstehen, habe ich einmal wichtige Ereignisse in den ersten vier Jahrhunderten dargestellt:

    Die Entsehung des Kanons des Neuen Testaments im Kontext der ersten vier Jahrhunderte

    Was vermutlich sofort auffällt, ist der große zeitliche Abstand zwischen der Zeit Jesu, der Apostel und der Entstehung der Schriften und den Nachweisen verschiedener Fassungen des Kanons des Neuen Testaments. Die endgültige Festlegung des Kanons, den wir kennen, geschah erst im vierten Jahrhundert zu der Zeit, als Kaiser Konstantin das Christentum förderte und die Konzile stattfanden, in denen die Lehre der Trinität als Doktrin festgelegt wurde.

    Welche Autoritäten wurden von den Jüngern Jesu anerkannt und welchen Einfluß übten sie aus?

    1. Vom ersten Tag ihrer Existenz an besaß die christliche Kirche einen Kanon heililger Schriften – die jüdischen Schriften. … Die genauen Abgrenzungen des jüdischen Kanons mögen noch nicht endgültig festgelegt gewesen sein, doch waren seine Bücher schon so ausreichend definiert, daß man sich auf sie kollektiv als »Schrift« (he grafe) oder »die Schriften« (hai grafai) beziehen und Zitate aus ihnen mit der Formel »es steht geschrieben« (gegraptai) einführen konnte.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 12

    Zum einen ist interessant, das noch um das Jahr 90 n. Chr. der Kanon der jüdischen Schriften diskutiert wurde, obwohl die Übersetzung ins Griechische (Septuaginta) schon über 300 Jahre früher begonnen hatte. Disuktiert wurde nicht, was noch aufgenommen werden sollte, es gab ja eine ganze Reihe von Büchern aus der zweiten Tempelperiode, sondern ob manche im Kanon bleiben sollten (Prediger, Esther, Hohelied).

    Zum anderen ist es wichtig, nochmal wie in Teil 2 dieser Serie festzuhalten, was die christlichen Autoren meinten, wenn sie z.B. in 2. Timotheus 3:16, 2. Petrus 1:20 oder Römer 15:4 von ‚der Schrift‘ oder ‚den heiligen Schriften‘ sprachen: Es waren die Schriften des jüdischen Kanons! Nicht ihre eigenen! Wie wir noch sehen werden, haben die Christen erst später begonnen, auch die Schriften eines Paulus oder Petrus so zu betrachten.

    2. In den ältesten christlichen Gemeinden gab es noch eine andere Autorität, die ihren Platz Seite an Seite mit der Jüdischen Bibel gefunden hatte, nämliche die Worte Jesu, wie sie mündlich überliefert worden waren. …

    Es ist deshalb nicht überraschend, daß in der frühen Kirche die Worte Jesu, deren man sich erinnerte, hochgeschäzt und zitiert wurden und sie dadurch ihren Platz neben dem Gesetz und den Propheten einnahmen und im Hinblick auf ihre Autorität ihnen gleich oder überlegen angesehen wurden.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 12, 13

    Da wir heute nicht mehr über dieselbe mündliche Überlieferung verfügen, sondern sehr auf die Bibel als Buch fixiert sind, ist es uns vielleicht gar nicht so bewusst, welche immense Bedeutung die mündliche Überlieferung bis weit in das zweite Jahrhundert hatte. Vielleicht prägt sich der Unterschied anhand dieses Schaubilds ein:

    Mündliche Überlieferung, Lehren und Glaube, Schriften

    Im ersten Jahrhundert und anfangs des zweiten Jahrhunderts war die mündliche Überlieferung durch die Jünger noch so stark, dass neue Lehren und Schriften daran gemessen wurden. Später – und erst recht heute – wurden die Schriften immer maßgeblicher, weil die Kette der vertrauenswürdigen Übermittler der mündlichen Tradition zu lange und unzuverlässig wurde.

    3. Parallel zur mündlichen Verbreitung von Jesu Lehren entstanden apostolische Interpretationen zur Bedeutung seiner Person und seines Werkes für das Leben der Gläubigen. …

    Wenn auch die Schreiber dieser apostolischen Briefe überzeugt sind, mit Autorität zu sprechen, zeigt sich bei ihnen noch nicht das Bewusstsein, daß ihre Worte einmal als dauernde Norm von Lehre und Leben in der christlichen Kirche angesehen werden könnten. Sie schrieben für einen unmittelbaren Zweck und genauso wie sie geredet hätte, wäre es ihnen möglich gewesen, bei ihren Adressaten anwesend zu sein.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 13, 14

    In der Fußnote findet sich ein Hinweis, dass bei den patristischen Autoren Hinweise auf Autographen zu finden sind. Tertullian (De Preasc. Haer. 36) erwähnt Thessalonich unter den Städten, an die apostolische Briefe geschrieben und noch im Original verlesen wurden. Das wäre etwa in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts gewesen.

    4. Im Laufe der Zeit gewann die christliche Literatur an Umfang und wurde in verschiedenen Gemeinden verbreitet.

    Zur gleichen Zeit setzen Anspielungen auf den höheren Rang der apostolischen Schriftsteller, die doch so nahe der Zeit des irdischen Auftretens Jesu gelebt hatten, die früheren Urkunden von den zeitgenössischen Schreiben ab und verhalfen jenen zur Verfestigung als gesondertes literarisches Coprus.

    Es überrascht daher nicht, daß die Leser unterscheiden konnten und es auch taten, zwischen dem »Klang« bestimmter Urkunden, die später als kanonisch identifiziert wurden, und dem immer mehr anwachsenden Corpus der patristischen Literatur.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 15

    Nach dem jüdischen Kanon (Altes Testemant) und den Worten Jesu erhalten nun also auch langsam die Schriften der Apostel und anderen im ersten Jahrhundert einen besonderen, höheren Stellenwert.

    5. In dem Zeitalter, das dem der Apostel folgte, vertrat der Ausdruck »der Herr und die Apostel« die Norm, auf die man sich in allen Angelegenheiten des Glaubens und der Lebenspraxis berief. …

    Genau auf diese Art öffentlicher Verlesung der christlichen Urkunden bezieht sich Justinus Martyr um 150 n. Chr. Er sagt uns, daß es üblich war, sonntags bei den Gottesdiensten »die Erinnerung der Apostel« (d.h. die Evangelien) oder die Schriften der Propheten zu verlesen. So kam es dazu, daß die christlichen Gemeinden sich daran gewöhnten, die apostolischen Schriften in gewisser Weise als den älteren jüdischen Schriften gleichwertig zu betrachten, und diese liturgische Gewohnheit, auch wenn sie ohne Zweifel in den verschiedenen Gemeinden variierte, drückte bestimmten Evanglien und Briefen den Stempel auf, sie verdienten besondere Hochachtung und Gehorsam.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 15

    Hier sehen wir die spätere Entwicklung: Dadurch dass sowohl „die Schriften“ des jüdischen Kanon als auch die Schriften der christlichen Autoren nebeneinander im Gottesdienst gelesen wurden, wurden sie ihnen im Laufe der Zeit für Christen als gleichwertig empfunden.

    6. Im zweiten und dritten Jahrhundert wurden Übersetzungen der apostolischen Schriften ins Lateinische und ins Syrische angefertigt, möglicherweise auch in die koptischen Dialekte Ägyptens.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, Einführung, S. 16

    Insbesondere die Übersetzungen in die Sprache der Menschen in Westeuropa – Latein – führte dazu, dass schon ab etwas dem vierten Jahrhundert diese als ‚die Schriften‘ angesehen wurden und nicht mehr die griechischen (oder aramäischen) Autographen. Wie wir schon festgestellt haben, musste schon Eusebius im 4. Jahrhundert beginnen, die abweichenden Manuskripte zu bewerten und die daraus entstandene Vulgata sollte für viele Jahrhunderte ‚die Bibel‘ der Christen werden.

    Doch noch haben wir gar keinen Kanon, keine verbindliche Liste der Schriften, die Teil des Neuen Testaments werden sollen. Selbst der Begriff existiert noch gar nicht. Noch viele, viele Jahrzehnte der Diskussion werden folgen.

    Soweit die Einführung in Bruce Metzgers Buch. In den restlichen fast 300 Seiten findet man eine Vielzahl historischer Fakten.

    In der patristischen Zeit zeichnen sich die Schriften der apostolischen Väter dadurch aus, dass sie aus den Schriften, die später in den Kanon aufgenommen wurden, zitieren. Aber es sind immer nur ein Teil davon und unterschiedliche. Alle scheinen nur einen Teil dieser Schriften zu kennen.

    Für frühe Judenchristen bestand die Bibel aus dem Alten Testament und einigem an jüdischer apokrypher Literatur. Zusammen mit dieser schriftlichen Autorität liefen hauptsächlich mündliche Überlieferungen von Sprüchen um, die man Jesus zuschrieb. Andererseits beziehen sich Autoren, die zum hellenistischen Flügel der Kirche gehörten, häufiger auf Schriften, die später Teile des Neuen Testaments werden sollten. Zur gleichen Zeit jedoch betrachteten sie solche Urkunden als »Schrift«.

    Darüber hinaus gab es noch keine Verpflichtung, exakt aus Büchern zu zitieren, die noch nicht im vollen Sinn kanonische waren. … Kurz: Wir finden sowohl in den jüdischen als auch hellenistischen Gruppen eine Kenntnis der Existenz bestimmter Bücher, die später das Neue Testament ausmachen, und mehr als einmal drücken sie ihre Gedanken durch Sätze aus, die aus diesen Schriften genommen sind. Diese Anklänge zielen darauf zu zeigen, daß eine implizite Autorität solcher Schriften gespürt wurde, bevor eine Theorie ihrer Autorität entwickelt worden war. Dieses Autorität hatte zudem in keiner Weise ausschließenden Charakter.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 79

    Typisch für diese Zeit ein Brief um das Jahr 95/96 n. Chr., der nach der Tradition Clemens von Rom zu geschrieben wird.

    Die alttestamentlichen Zitate werden häufig eingeführt durch solche wohlbekannte Formeln wie »die Schrift sagt« (he grafe legei), »es ist geschrieben« (gegraptai), »das, was geschrieben ist« (to gegrammenon), und sind meist mit großer Genauigkeit dem griechischen Text der Septuaginta entnommen. Anders verhält es sich bei den wenigen neutestamentalischen Zitaten. Anstatt Evangelienmaterial mit Zitationsformeln, die eine schriftliche Aufzeichnung implizieren, einzuführen, drängt Clemens zweimal seine Leser, »eingedenk zu sein der Worte des Herrn Jesus«. In 1 Clem 12,2 stellt Clemens eine Anzahl von Sätzen zusammen, von denen einige bei Matthäus und Lukas zu finden sind, andere aber keine genauen Parallelen in den vier Evangelien haben.

    Er kennt verschiedene Paulusbriefe und schätzt sie ob ihres Inhaltes hoch; das gleiche kann vom Hebräerbrief gesagt werden, mit dem er wohl vertaut ist. Auch wenn diese Schriften für Clemens offensichtlich beachtenswerte Bedeutung besitzen, bezieht er sich niemals als autoritative Schrift auf sie.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 50, 52

    Über die Entwicklung des Kanons im Osten schreibt Metzger:

    Nach der Zeit der Apostolischen Väter treten wir in einen neuen Abschnitt der Geschichte der Bücher des Neuen Testaments ein. Die Bücher der kanonischen Evangelien bilden eine geschlossene Sammlung und werden von der gesamten Kirche in dieser Form rezipiert. Auch die Paulusbriefe werden als inspirierte Schrift angesehen, und hier und da gilt das auch für die Apostelgeschichte und die Offenbarung des Johannes. Einige wenige andere Bücher bewegen sich noch am Rande des Kanons: der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, die Petrusbriefe, die Johannesbriefe und der Judasbrief.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 116

    In Bezug auf die Entwicklung des Kanons im Westen möchte ich nur einen Aspekt in Verbindung mit Irenäus von Lyon hervorheben:

    Gegenüber der Vielzahl der neuen Evangelien der Gnostiker erkennt die Gesamtkirche zur Zeit des Irenäus nur die vier Evanglien bzw. – wie er sich ausdrückt – das eine Evangelium in vierfacher Gestalt (to euaggelion tetramofron) an. Deren Vielzahl wird als gegeben und endgültig angesehen.

    »Es kann gar nicht sein, daß die Zahl der Evangelien größer oder kleiner ist, als sie ist, denn in der Welt, in der wir leben, gibt es auch nur vier Himmelsrichtungen und vier Winde … Die vier lebenden Tiere (Apk 4,9) symbolisieren die vier Evangelien … und es gibt vier Hauptbundesschlüsse mit der Menschheit: Noah, Abraham, Mose und Christus.« (Adv. Haer. III 9,8).

    Das bedeutet, daß für Irenäus der Kanon der Evanglien geschlossen ist; seine Texte sind heilig. Der apostolische Kanon ist dagegen noch nicht geschlossen und es fällt ihm nicht ein, wie bei den Evangelien über ihre Zahl zu theoretisieren, wenn er von den zwölf Paulusbriefen, ihren Adressaten oder ihre Zuschreibung zu Paulus spricht.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 152

    Für uns mag es ganz selbstverständlich sein, von vier Evangelien zu sprechen. Aber in den ersten Jahrhunderten war dies nicht so. Sonst hätte Irenäus sich nicht in solche Zahlenmystik versteigen müssen. „Zur damaligen Zeit, wo es noch keinen fertigen Kanon gab, wurde es keineswegs überall als natürlich angesehen, daß verschiedene, in gewissem Umfang sogar voneinander abweichende Jesusbiographien gleiche Autorität besitzen sollten.“ (S. 248). Das geschah erst mit der Entwicklung und dem Abschluß des Kanons. „Es gibt Grund zu glauben, daß in einigen Kirchen nur ein Evangelium im Gebrauch war, und zwar lange bevor die Kanonfrage abgeschlossen war. Anscheinend war nur das Matthäusevanglium überall in Palästina in Gebrauch. Demgegenüber gab es Kirchen in Kleinasien, die von Anfang an nur das Johannesevangelium besaßen und ebenso wurden auch Lukas und Markus nur in bestimmten Kirchen gelesen.“ (S. 249)

    Was die Anzahl der Berichte über Jesus betrifft, ist ja schon die Einleitung des Lukas Evangelium interessant:

    Schon viele haben sich darangesetzt, einen Bericht über die Ereignisse zu schreiben, die bei uns geschehen sind und die wir von denen erfahren haben, die von Anfang an als Augenzeugen dabei waren und dann den Auftrag erhielten, die Botschaft weiterzusagen. Nun habe auch ich mich dazu entschlossen, allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es für dich, verehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Dinge überzeugen, in denen du unterwiesen worden bist.

    Lukas 1:1-4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Viele haben also schon Evangelien im Sinne von Berichte über Jesus geschrieben. Aber nicht alle sind im Kanon. Darüber werden wir in einem späteren Teil dieser Serie noch sprechen. Und es gab die Augenzeugen und mündliche Tradition.

    Tatsächlich gab es aber auch Dutzende andere Bücher, die zeitweilig in bestimmten Einzelkirchen als kanonisch angesehen wurden (S. 163). Dazu gehörten apokryphe Evanglien, wie das Hebräerevangelium, das Ägypterevangelium oder das Petrusevangelium. Auch apokryphe Apostelgeschichten gab es sowie apokryphe Briefe. Und schließlich noch apokryphe Apokalypsen, wie die Apokalypse des Petrus oder die des Paulus. So ist zum Beispiel die Apokalypse des Petrus in der Liste der kanonischen Bücher im Codex Claromontanus enthalten (S. 181).

    Im Canon Muratori (vermutlich spätes 2. Jahrhundert), das mehr eine Liste von Titeln als ein Kanon ist, finden sich (S. 188ff): a) Die Evangelien. Das Johannesevangelium wird so dargestellt, dass es die gemeinsame Lehre der Zwölf repräsentiert, wogegen die anderen je eine besondere Einzeltradition überliefern. b) Die Apostelgeschichte. c) Die Paulusbriefe, dreizehn an der Zahl. d) Andere Briefe. Judasbrief und zwei Briefe des Johannes. Dann kommt ein »Buch der Weisheit, das von Salomos Freunden zu seinen Ehren geschrieben wurde.« Wie das hineinkommt, versteht bis heute niemand. e) Apokalypsen. Johannes- und Petrusapokalypse. Von letzterem heißt es: »obwohl einige von uns nicht wollen, daß letztere in der Kirche verlesen werden sollte.« Was aber natürlich bedeutet, dass es durchaus verlesen wurde. f) Ausgeschlossene Bücher

    Bei Eusebius findet sich schließlich eine doppelte Kategorisierung (S. 197):

    Zuerst klassifiziert Eusebius die Schriften nach dem Kriterium der Kanonizität und stellt »kanonisch« gegen »nicht kanonisch«. Dann unterscheidet er nach ihrem Charakter und stellt »orthodox« gegen »häretisch«. … Diese Einteilung kann uns aber erklären, wieso Eusebius die Johannesoffenbarung zwei Klasen zuordnen konnte. Der Historiker erkennt, daß die Schrift weitgehendst anerkannt ist, aber als Kirchenmann weiß er um den außerordentlichen Gebrauch, den die Montanisten und Millenaristen von dem Buch machen. Und so ist er froh, an einer anderen Stelle seiner Kirchengeschichte berichten zu können, daß andere sie nicht für echt halten.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 198

    Klingt vielleicht trocken und langweilig, aber zeigt eine interessante Fragestelltung auf: Sollte eine Schrift allein schon dadurch als ‚heilige Schrift‘ angesehen werden, weil sie Teil eines Kanons ist? Was machen denn die meisten Christen heute, wenn man ihnen eine Schrift vorlegt und fragt, ob das von Gott inspiriert ist? Genau, finden sie die Schrift in ihrer Bibel, dann ist sie ok. Aber die Liste der Bücher in unserer Bibel ist genau der Kanon des Neuen Testaments, der in den ersten vier Jahrhunderten erarbeitet worden ist. Im ersten Jahrhundert wurde der Inhalt mit den mündlich überlieferten Lehren überprüft. Und zur Zeit des Eusebius war man jetzt irgendwie dazwischen. Wenn eine Schrift sonntags immer wieder in der Gemeinde vorgelesen wurde, dann war sie doch Teil eines ‚Kanons‘ und damit zu akzeptieren, oder? Das ist in etwa die erste Einteilung von Eusebius. Aber er hat auch immer noch die zweite: Ist die Schrift vom Inhalt her »orthodox«, stimmt also mit den Lehren der Kirche überein? Viele der Kirchenväter fanden auch andere Schriften als nutzbringend und zum Vorlesen geeignet, zählten sie aber nicht unbedingt zum engeren Kreis der von den meisten anerkannten Schriften. Der Hirte von Hermas war zum Beispiel so eine Schrift.

    Noch um 325 n. Chr. berichtet Eusebius, das in der Kirche im Osten die Autorität der meisten katholischen Briefe (also allgemeinen, nicht an eine spezielle Gemeinde gerichteten) und der Johannesoffenbarung noch zweifelhaft ist. (S. 201)

    Selbst noch im Jahr 691/692 kommt dies in einer erstaunlichen konziliaren Entscheidung durch die Trullanische Synode zum Ausdruck: „Indirekt sanktionierte das Konzil mit Blick auf einen biblischen Kanon kaum zusammengehende und sich geradezu widersprechende Meinungen. So haben wir zum Beispiel gesehen, daß die Synode von Karthago und Athanasius die kleinen katholischen Briefe und die Offenbarung als kanonisch anerkannten, wohingegen die Synode von Laodicäa und der fünfundachzigste apostolische Kanon sie verwarfen. Der zuletzt genannte Kanon betrachtet die zwei Clemensbriefe als kanonisch, die anderen verwerfen sie.“ (S. 208) Zusammenfassend schreibt Metzger: „Die offiziellen Lektionare der griechischen Kirche enthalten weder in byzantinischer noch in moderner Zeit die Johannesoffenbarung. Dadurch wird die geringere Stellung dieses Buches im Osten deutlich. Und es ist bezeichnend, daß – stellt man die Zahl aller noch vorhandenen Exemplare in Rechnung – nur sehr wenige Christen je ein gesamtes Neues Testament gesehen oder besessen haben dürften.“ (S. 209)

    Insbesondere der letzte Satz wirft ein wichtige Frage auf: Wie passt die Idee, dass Gott und Jesus geplant hätten, dass ein Kanon mit diesen 27 Büchern genau das ist, was jeder Nachfolger Jesu braucht, mit der historischen Tatsache zusammen, dass in den ersten Jahrhunderten praktisch kein Christ den kompletten Kanon des Neuen Testaments je in seinem Leben gesehen oder gehört hat?

    Die Entwicklung im Westen fasst Metzger so zusammen: „Siebenundzwanzig Bücher, nicht mehr, nicht weniger – so lautet seitdem die Losung in der ganzen lateinischen Kirche. Es wäre falsch, es so darzustellen, als wäre die Kanonfrage zu Beginn des fünften Jahrhunderts für alle christlichen Kirchen damit erledigt gewesen. Die Handschriften der Paulusbriefe (und ganzer Bibeln) wurden nicht sofort erweitert oder durch vollständige Exemplare ersetzt und so dem Hebräerbrief der ihm nun auch offiziell zuerkannte Platz eingeräumt. So fehlt der Hebräerbrief in einer lateinischen und griechischen Handschrift (MS G) aus dem neunten Jahrhundert. Andererseits tauchen Handschriften mit dem Brief an die Laodicäer auf. So treffen wir, trotz des Einflusses des Hieronymus, des Augustinus und der Beschlüsse der drei Provinzsyndoden, in den folgenden Jahrhunderten mehr als einmal auf Zeugnisse, die vom Kanon abweichen: Entweder werden Schriften hinzugefügt, oder es fehlen einige.“ (S. 227)

    Was den Kanon des Neuen Testamentes betrifft, ist dieser bis heute tatsächlich so geblieben. Allerdings hat sich Luther gegen einige Bücher ausgesprochen und in Frage gestellt, ob sie Teils des Neuen Testaments sein sollten und deswegen die Reihenfolge geändert. Und in der äthiopischen Kirche gibt es einen erweiterten Kanon. Der englische Artikel in der Wikipedia enthält einen schöne Übersichtstabelle dazu. Im gleichen Artikel findet man auch eine Tabelle zum Kanon des Alten Testaments. Dort erkennt man allderings erhebliche Unterschiede zwischen dem Judaismus, protestantischen Kirchen, katholischen Kirchen sowie den verschiedenen orthodoxen Kirchen. In katholischen Bibeln findet man zum Beispiel Apokryphen, die man in protestantischen Bibeln nicht findet.

    Da wir nun schon so viel über die Geschichte des Kanon in wenigen Minuten erkannt haben, können wir das einmal mit dem vergleichen, was die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas im Buch Einsichten über die Heilige Schrift – Band 1 unter dem Stichwort ‚Inspiration‘ zum Kanon sagt:

    Doch wenn Gott gewissen Christen durch seinen Geist oder seine wirksame Kraft die Fähigkeit zur „Unterscheidung inspirierter Äußerungen“ verlieh, so konnte er auch die leitende Körperschaft der Christenversammlung so leiten, dass sie zu unterscheiden vermochte, welche inspirierten Schriften in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen werden sollten und welche nicht (1Ko 12:10; siehe KANON).

    Einsichten über die Heilige Schrift – Band 1, S. 1229 (kursiv von mir)

    Wenn wie sonst auch in der Literatur der Zeugen Jehovas mit ‚leitende Körperschaft‘ die Versammlung der Apostel und Ältesten in Jerusalm gemäß Apostelgeschichte 15 gemeint ist, dann hat diese keinen Kanon zusammengestellt. Wie hätte sie auch, wenn doch die meisten Teile davon noch gar nicht existierten. Ansonsten müssten aber ja die Päpste und Bischöfe bis ins 5. Jahrhundert als ‚leitende Körperschaft‘ angesehen werden, was wohl kaum gewollt war. Es ist also einfach nur falsch und irreführend und soll einfach von der schriftgemäßen Aussage ablenken, dass Christen – und auch nicht nur ‚gewisse Christen – durch den heiligen Geist unterscheiden konnten. Ok, zurück zum Thema.

    Heute sieht der Kanon des Neuen Testaments so stabil aus, als ob der direkt von Gott so entworfen worden wäre, mit genau 27 Büchern. Aber das war das Ergebnis der Entwicklung des Kanon im Westen der Kirche in einem Zeitraum von mindestens 400 Jahren. Ist der Kanon also nur Menschenwerk? Dazu muss sich jeder selbst eine Meinung bilden, wobei folgender Text von Metzger hilfreich ist:

    Ohne hier die Diskussion auf das Paradox von der doppelten Veranlassung, d.h. menschlicher und göttlicher, ausdehen zu wollen, wonach Ereignisse sowohl von Gott als auch vom Menschen veranlaßt sein können, so ist doch zu fragen, ob Marxsen berechtigt ist, zu erklären, daß »vom geschichtlichen Standpunkt aus der Kanon ein Zufallsprodukt ist«. Marxsens Urteil ist keine notwendige Folge historischen Wissenschaft, sondern ein rein philosophisches Urteil. Es gibt keine historischen Daten, die davon abhalten, sich der Ansicht der Gesamtkirche anzuschließen, wonach, trotz aller menschlichen Bedingungen (confusio hominum) in der Herstellung, Erhaltung und Sammlung der Bücher des Neuen Testaments, der ganze Vorgang mit Recht auch als ein Ergebnis der göttlichen Vorsehung (providentia dei) angesehen werden kann. Das wird nirgends deutlicher als in den Fällen, in denen ein Buch mit offensichtlich falschen Begründungen als kanonisch anerkannt worden ist. Zum Beispiel irrte ein großer Teil der Kriche, als sie den anonymen Hebräerbrief dem Apostel Paulus zuschrieb. Jeder wird aber zustimmen, daß sie intuitiv richtig lag und im Lauf der Zeit den inneren Wert des Briefs erkannte.

    Bruce M. Metzger „Der Kanon des Neuen Testaments“, S. 268

    ”Es gibt keine historischen Daten, die davon abhalten …” bedeutet aber auch, das die historischen Daten den Schluß nicht gerade aufdrängen, dass hier Gottes Hand die Führende war.

    Wir sollten auch nicht die zeitliche Dimension vergessen, die wir im Diagramm zu beginn gesehen haben. Und dass es die gleichen kirchlichen Würdenträger waren, welche den Kanon also auch Lehren wie die Trinität festlegten und für die Verfolgung aller anderen Meinungen die Verantwortung mit tragen.

    Wir neigen auch dazu, nur das Ergebniss dieser Prozesses zu sehen: Schließlich ist das Neue Testament wiederhergestellt. Und damit ist alles gut. Wir haben gesehen, dass dieser Prozess eigentlich gar nicht abgeschlossen ist und viele Schriften des ersten Jahrhunderts – geschweige denn die mündliche Tradition – uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Und vor allem: Während dieses Jahrhunderte dauernden Prozesses hatten Christen keinen Kanon unverfälschter und vertrauenswürdiger Schriften.

    Was unsere Behauptung aus dem ersten Teil der Serie betrifft, interpretiere ich den Teil „enthält damit exakt das, was Gott wollte“ so, dass es jeden menschlichen Einfluß ausschließt. Versteht man es so, dann muss man diesen aufgrund der uns nun bekannten Fakten auch streichen.

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Ich weiß, manche oder mancher wird sich jetzt verzweifelt diesen Satz ansehen und sich fragen, ob denn überhaupt noch etwas übrig bleibt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Satz eine sehr, sehr weitreichende Behauptung darstellt – die sich so nicht halten lässt. Aber direkt unter der Oberfläche dieses perfekten Wunschbilds finden wir stabileren Grund. Oder um es einmal etwas salopp zu sagen: Du kannst wie die sprichwörtliche Prinzessin warten, bis der ideale, perfekte Wunschprinz kommt. Oder zusammen mit dem realen Prinzen glückliche werden, der dem Ideal so nahe wie möglich kommt.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 7: Absichtliche Änderungen in den Manuskripten

    Von Christian


    Im vorigen Teil dieser Serie haben wir über die Manuskripte, die Textzeugen, gesprochen und welche Änderungen unabsichtlich erfolgt sind.

    Davor hatten wir in „Der Kanon – Teil 5: Das Comma Johanneum“ mit 1. Johannes 5:7,8 allerdings schon ein sehr berühmtes Beispiel für eine absichtliche Änderung ausführlich betrachtet. War das eine seltene Ausnahme? Schon im 2. Jahrhundert argumentierte ein heidnischer Kritiker der Christen namens Celsus, dass die Christen ihre Texte ganz nach ihrem Gutdünken ändern. Interessant ist, das Origines in seiner Entgegnung dies nicht abstritt, sondern von einer großen Zahl von Unterschieden in den Manuskripten der Evangelien spricht. Gut ein Jahrhundert später war Papst Damasus so sehr über die Unterschiede in den lateinischen Manuskripten beunruhigt, dass er Hieronymus beauftragte, einen standardisierten Text zu erstellen, der dann Bestandteil der Vulgata wurde. Und schon er musste verschiedene, voneinander abweichende Manuskripte in Latein und Griechisch vergleichen.

    Im Falle von absichtlichen Änderungen, ist es natürlich sehr viel schwieriger, diese zu finden und zu bewerten. Im Folgenden betrachten wir einmal einige, um auch etwas über die möglichen Beweggründe zu erfahren.

    Absichtliche Irrtümer

    Manche Änderungen wurden beim Kopieren eines Manuskripts eingefügt, weil man glaubte, dass eine Randnotiz (Glosse) oder Einschub zwischen den Zeilen kein zusätzlicher Kommentar war, sondern eigentlich in den Text gehörte. Und einige davon sind immer noch in aktuellen Übersetzungen zu finden und nicht immer durch eine Fußnote gekennzeichnet. So zum Beispiel in Offenbarung 20:5.

    Die übrigen Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre vollendet waren. Das ist die erste Auferstehung.

    Offenbarung 20:5 Einheitsübersetzung 2016

    Der erste Satz fehlt im Codex Sinaticus, im Codex Vaticanus und den aramäischen Texten (siehe dieser Artikel). Die Übersetzer der 2001 Translation merken an:

    Diese bekannte Beschreibung der Auferstehung wird seit Jahren zitiert und als Grundlage für viele religiöse Lehren verwendet. Die oben fett gedruckten Worte finden sich jedoch nicht in der ältesten griechischen Handschrift der Bibel, dem Codex Sinaiticus. Auch in der ältesten aramäischen Handschrift, dem Khabouris Codex, sind sie nicht zu finden.
    Daher scheinen sie eine spätere, unechte Ergänzung der Bibel zu sein, und deshalb haben wir sie gestrichen. Wahrscheinlich handelt es sich um persönliche Notizen eines alten Predigers, die er zwischen die Zeilen geschrieben hat; sie wurden wahrscheinlich von späteren Kopisten in den Haupttext eingefügt, die nicht erkennen konnten, ob sie Teil des ursprünglichen Textes waren oder nicht.

    Kommentar 2001 Translation zu Offenbarung 20:5

    Man kann den Leser aber auch noch etwas mehr in die Irre führen:

    (Die übrigen der Toten kamen nicht zum Leben, bis die tausend Jahre zu Ende waren.)* Das ist die erste Auferstehung*.

    Wenn ihr daher das abscheuliche Ding, das Verwüstung verursacht, von dem Daniel, der Prophet, geredet hat, an heiliger Stätte stehen seht (der Leser wende Unterscheidungsvermögen an), …

    Offenbarung 20:5; Matthäus 24:15 Neue-Welt-Übersetzung 1986

    Wer einmal den gedanklichen Einschub in Klammern in Matthäus 24:15 gelesen hat, wird in Offenbarung 20:5 in der gleichen Übersetzung doch vermuten, dass dies genauso ein gedanklicher Einschub ist. Immerhin konnte man in der alten NWÜ noch in der Fußnote lesen: „„Die übrigen der Toten . . . zu Ende waren“, AVg; fehlt in אSyp.“ In der aktuellen Ausgabe fehlt diese Fußnote. Dafür wird jetzt in Matthäus 24:15 ein Gedankenstrich anstelle der Klammer verwendet. Offenbarung 20:5 ist halt sehr wichtig für die Lehren der Zeugen Jehovas. Allerdings kann man den ersten Teil, der in den ältesten Manuskripten nicht enthalten ist und später an verschiedenen Stellen als Randnotiz in einigen Manuskripten zu finden ist, nicht als gesichert betrachten. Und daher ist es ein gutes Beispiel dafür, dass man vorsichtig sein sollte, wenn eine gewisse Lehre auf nur einem einzigen Text beruht.

    Absichtliche Änderungen

    [Beispiele aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kapitel 3]

    In Markus 1:2,3 lesen wir:

     ‹Es begann›, wie es beim Propheten Jesaja geschrieben steht: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her. Er wird dein Wegbereiter sein. Hört, in der Wüste ruft eine Stimme: ‚Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Pfade!‘

    Markus 1:2,3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das Problem ist, dass hier nicht nur aus Jesaja zitiert wird, sondern auch aus Maleachi und 2. Mose. Deswegen haben einige Schreiber das so geändert: „wie es bei den Propheten geschrieben steht“.

    Ein weiteres Beispiel ist Matthäus 24:36:

    Doch Tag und Stunde von diesen Ereignissen weiß niemand, nicht einmal die Engel im Himmel; [Wenige Handschriften fügen nach Markus 13,32 hinzu: oder der Sohn selbst.] nur der Vater weiß es.

    Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel in den Himmeln, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein.

    Matthäus 24:36 Neue Evangelistische Übersetzung, Elberfelder

    Einige Schreiber haben sich wohl gefragt, wie das sein kann: Der Sohn Gottes weiß das nicht? Ist er nicht auch allwissend? Der Text wurde wohl auch als Argument gegen die Trinität verwendet. Das wollte man verhindern. Und so wurde der Teil „auch nicht der Sohn“ weggelassen.

    In Matthäus 17:12-13 wollten einige Abschreiber dem Missverständnis vorbeugen, dass Johannes der Täufer der Sohn des Menschen wäre. Und so fügten sie die Erklärung ein: „seiner Jünger erkannten, dass er zu ihnen über Johannes den Täufer sprach.“.

    Einge ganze Reihe von weiteren Änderungen wurden durchgeführt, damit der Text nicht von ‚Häretikern‘ verwendet werden konnte.

    Zum Beispiel in Lukas 5:38-39

    Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet werden, und die Schläuche werden verderben; sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche. Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, neuen, denn er spricht: Der alte ist milde.

    Lukas 5:38-39 Elberfelder

    Als im zweiten Jahrhundert es eine Strömung unter den Christen gab, die überzeugt war, dass die alte Religion der Juden vollständig durch die neue Relgion der Christen überholt war, war ihnen der Schluß dieses Textes suspekt: Wie konnte Jesus sagen, dass der alte Wein besser ist als der neue? Und so haben Abschreiber den letzten Teil einfach weggelassen.

    Für einige Abschreiber genügte es auch nicht, dass Jesus in Matthäus 1:16 nicht der Sohn Josephs genannt wird. Anstatt dass Joseph der Ehemann Marias war, änderten sie den Text so, dass er nur der Verlobte war. Jesus durfte auf keinen Fall einen menschlichen Vater haben.

    Als eine asketische Lebensweise für einige Christen an Bedeutung gewann, fügte man in Markus 9:29 ‚ und Fasten‘ hinzu:

    „Solche Geister können nur durch Gebet [Spätere Handschriften haben hier eingefügt: „und Fasten“.] ausgetrieben werden“, erwiderte Jesus.

    Markus 9:29 Neue Evangelistische Übersetzung

    Eine der bekanntesten liturgischen Änderungen ist die des Gebets des Herrn in Lukas. Das Gebet in Lukas scheint hoffnungslos verkürzt zu sein im Vergleich zu den bekannten Worten in Matthäus 6:9-13. Daher haben Abschreiber den Text in Lukas ‚harmonisiert‘ unbd einfach Teile aus Matthäus in Lukas eingefügt.

    In manchen Übersetzungen kann man auch heute noch einen Bericht lesen, der einen mehr an die Apokryphen erinnert:

    In diesen lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen und Abgezehrten, welche auf die Bewegung des Wassers warteten.  Denn ein Engel stieg zu gewissen Zeiten in den Teich hinab und bewegte das Wasser. Wer nun nach der Bewegung des Wassers zuerst hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch geplagt war.

    Johannes 5:3,4 Schlachter 2000

    In den ältesten und besten Manuskripten findet man keine Bewegung des Wasser und die Begründung dafür. Aufgrund der mündlichen Überlieferung wurde dieser Teil von Abschreibern später hinzugefügt. Gemäß den ältesten und besten Manuskripten lesen wir nur:

    In diesen Hallen lagen Scharen von kranken Menschen, Blinde, Gelähmte, Verkrüppelte.

    Johannes 5:3,4 Neue Evangelistische Übersetzung; gemäß den ältesten und besten Manuskripten

    Es gibt aber noch weitere absichtliche Änderungen des Textes, welche sich stärker auf die zentrale Botschaft und Lehren des Textes auswirken.

    Jesus Christus war voller Liebe und Mitgefühl, nicht wahr? So steht zum Beispiel in Markus 1:41

     Jesus hatte Mitleid mit ihm, berührte ihn mit seiner Hand und sagte: „Ich will es, sei rein!“

    Markus 1:41 Neue Evangelistische Übersetzung

    Viele werden den Text kennen und er berührt vermutlich uns alle. In einer anderen Übersetzung können wir aber lesen:

    Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus [AL(1) 41 – „Jesus wurde zornig, streckte“.] die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!

    Markus 1:41 Neue Genfer Übersetzung

    In einem der ältesten Textzeugen jedoch, dem Codex Bezae, und drei lateinischen Manuskripten finden wir also anstatt dem griechischen Wort splangnistheis (Mitgefühl haben) das wort orgistheis (zornig sein). Aufgrund dieser Textzeugen kann man davon ausgehen, dass diese Textvariante auf das zweite Jahrhundert zurückgeht. Kann das aber sein, dass Jesus zornig oder ärgerlich ist? In Lukas und Matthäus wird er nie so dargestellt. Und viele Gelehrte gehen davon aus, dass Markus eine Quelle für beide war. Doch selbst wenn sie den Text aus Markus ziemlich genau widergeben, wird ausgespart, dass Jesus zornig war. Doch auch in Markus 3:5 können wir lesen, dass er ‚voll Zorn‘ über die Menschen war. Und gemäß Markus 10:14 war er sogar über seine Jünger ärgerlich oder unwillig. Sowohl Matthäus als auch Lukas berichten das Selbe, aber ohne Jesu Gefühle zu erwähnen. Und schließlich hat er den Kranken gemäß Markus 1:43 auch ‚angefahren‘, ‚bedroht‘, ‚streng zurechtgewiesen‘.

    Könnte es sein, dass unser Bild von Jesus zu sehr vom Matthäus-, Lukas- und besonders Johannes-Evangelium geprägt ist. Und wir das Wesen Jesu gemäß dem Markus-Evangelium ignorieren? Da wären wir nicht die ersten. Einige Abschreiber in der frühesten Geschichte der Christen haben deswegen den Text der Manuskripte geändert.

    So wird Jesus im Lukas-Evangelium als durch nichts zu erschüttern dargestellt. Bis auf sein Gebet auf dem Ölberg gemäß Lukas 22:39-46.

    Vater, wenn du willst, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er geriet in Todesangst und betete inständiger, und sein Schweiss tropfte wie Blut zur Erde. Und er erhob sich vom Gebet, ging zu den Jüngern und sah, dass sie vor lauter Kummer eingeschlafen waren.

    Lukas 22:43-45 Züricher

    In einigen der ältesten und besten Manuskripten (in ‚alexandrinischen‘ Texten) finden sich die durchgestrichenen Worte nicht. Aber in einigen anderen alten Textzeugen. Daher diskutieren die Gelehrten immer noch, ob diese Worte von Lukas sind oder nicht. Und auch wenn dieser Text vielleicht kein zentrales Dogma betrifft, so verändert es das Bild von Jesus doch erheblich. Und es gab schon sehr, sehr früh verschiedene Fassungen diese Evangeliums.

    Und auch in Hebräer 2:8-9 ist eine Lehre über Jesus Tod betroffen:

    Wir sehen aber den, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, Jesus, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte.

    Hebräer 2:9 Elberfelder

    Die meisten Textzeugen enthalten den Gedanken, das Jesus „durch Gottes Gnade“ den Tod erlitten hat. Aber was bedeutet das? In einigen anderen Textzeugen steht aber, dass Jesus „von Gott getrennt“ gestorben ist. Und Origines schreibt im frühen 3. Jahrhundert, dass dies in den meisten Manuskripten seiner Zeit zu finden war. Was war wohl im Autographen gestanden? Wir wissen es nicht. Und nicht einmal Origines im frühen 3. Jahrhundert konnte es noch herausfinden. Beide Varianten haben interessante theologische Konsequenzen. Im Rahmen dieser Serie wollen wir festhalten: Es ist ein Beispiel für einen Text, bei dem wir seit dem 3. Jahrhundert bis heute nicht wissen, was ‚richtig‘ ist. Der Text wurde uns von Gott nicht eindeutig und sicher überliefert.

    Absichtliche, theologisch motivierte Änderungen des Textes

    Führen wir nur noch einige wenige Beispiele für absichtliche Änderungen des Textes an, bei denen man erkennen kann, gegen welche Ansicht unter den Christen diese gerichtet war. Auf diese verschiedenen Ströungen und ihre Bedeutung für die Entwicklung das Kanons der christlichen Schriften werden wir in einem späteren Teil dieser Serie noch eingehen.

    Gegen den dynamischen Monarchianismus oder Adoptianismus

    Im 2. und 3. Jahrhundert gab es eine Reihe von christlichen Gruppen, welchen den dynamischen Monarchianismus oder Adoptianismus vertraten (siehe Wikipedia oder Bart D. Ehrmann, Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kap. 6). Die bekanntest Gruppe war die der jüdisch-christliche Sekte der Ebioniter. Zum einen bestanden sie darauf, dass alle Nachfolger Jesu auch Juden werden mussten. Sie waren auch strenge Monotheisten in dem Sinne, dass für sie nur Gott, der Vater, eine göttliche Natur haben kann. Jesus existierte nicht vor seiner Geburt als Mensch. Er wurde von Gott wegen seiner besonderen Rechtschaffenheit von Gott bei seiner Taufe als Sohn ‚adoptiert‘. Aufgrund seiner Treue bis zum Tod am Kreuz wurde er von Gott belohnt, indem er ihn auferweckte und in den Himmel erhob.

    Diese Ansicht widersprach allerdings der sich entwickelnden Lehre der Trinität, welche die proto-orthodoxe Kirche vertrat. Daher änderte jemand den Text in 1. Timotheus 3:16 auf eine Weise, welche man sogar noch heute in Bibeln findet:

    Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottesfurcht: Gott ist geoffenbart worden im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, verkündigt unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

    1. Timotheus 3:16 Schlachter 2000

    In den frühesten Manuskripten wie dem Codex Alexandrinus allerdings findet man dies:

    Wahrhaftig, groß ist das Geheimnis unserer Frömmigkeit: Er wurde offenbart im Fleisch, / gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, / verkündet unter den Völkern, geglaubt in der Welt, / aufgenommen in die Herrlichkeit.

    1. Timotheus 3:16 Einheitsübersetzung 2016

    Aus ‚er‘, was sich klar auf Jesus bezog, wurde ‚Gott‘. Im griechischen ein kleiner Unterschied von ΟΣ nach ΘΣ (als Abkürzung für ΘΕΟΣ, Gott). So kam es, dass viele Christen über fast 2.000 Jahre in diesem Text den Gedanken fanden, dass Gott im Fleisch geoffenbart worden ist. Da es hier um eine zentrale Lehre der christlichen Kirchen geht, ist dies keine nebensächliche Änderung gewesen.

    Aus einem ähnlichen Grund findet man auch heute noch dies:

    Und Joseph und seine Mutter verwunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde.

    Lukas 2:33 Schlachter

    Wohingegen man in vielen anderen Übersetzung lesen kann:

    Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn geredet wurde.

    Lukas 2:33 Elberfelder

    Eine große Anzahl von Abschreibern ersetze Vater durch Joseph, weil sie verhindern wollten, dass der Eindruck entsteht, Jesus hätte einen menschlichen Vater gehabt, was den Adoptionisten in ihrer Argumentation geholfen hätte.

    Wie gesagt ging es in der Auseindandersetzung auch darum, wann Jesus Gottes Sohn wurde. Diese Texte sind in diesem Zusammenhang von Interesse:

    Und eine Stimme kam aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

    Markus 1:11; Lukas 3:22 Züricher

    In einem frühen griechischen Manuskript und verschiedenen lateinischen findet man allerdings dies:

    Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.

    Frühes griechisches Manuskript, lateinische Manuskripte und Zitate der Kirchenväter

    Tatsächlich zitierten diesen Text im 2. und 3. Jahrhundert viele Kirchenväter sehr oft, also zu einer Zeit bevor die meisten der erhaltenen Textzeugen entstanden. Und welche Aussage haben sie fast immer zitiert? „Heute habe ich dich gezeugt“.

    Gegen den Doketismus

    Eine andere Gruppe von Christen hatte die genau gegensätzliche Ansicht gegenüber dem Adoptianismus, welche Doketismus genannt wird (Wikipedia). Der Name kommt vom griechischen Wort DOKEO, was soviel wie ‚als etwas erscheinen‘ bedeutet. Demgemäß war Jesus vollständig und ausschließlich göttlich. Er ‚erschien‘ nur ein Mensch zu sein, denn als Gott konnte er ja nicht auch Mensch sein.

    Einige Abschreiber wollten aber sicherstellen, dass Jesus auf der Erde sehr wohl ein echter Mensch war. Daher fügten sie den Teil über Jesus Schweiß wie Blut in Lukas 22:43-45 hinzu, den wie schon besprochen haben.

    Einen weiteren Zusatz finden wir bei der Beschreibung des Abendmahls:

    Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch. 18 Denn ich sage euch: Von jetzt an werde ich von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken, bis das Reich Gottes kommt. 19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Dies tut zu meinem Gedächtnis. 20 Und ebenso nahm er den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird für euch. Doch seht, die Hand dessen, der mich ausliefert, ist bei mir auf dem Tisch.

    Lukas 22:17-21 Züricher.

    Der durchgestrichene Teil fehlt in einem der ältesten griechischen Manuskripte und einigen lateinischen Textzeugen. Typisch für eine Änderung ist die Angleichung an den Bericht in 1. Korinther 11:23-25. Und den sich daraus ergebenen Umstand, dass dadurch unerwartet von zwei Kelchen die Rede ist: Vor und nach dem Brot. Warum der Text hinzugefügt wurde, zeigt sich zum Beispiel in der Schrift des Tertullian Gegen Marcion: Es sollte betont werden, dass Jesus einen echten Körper aus Fleisch hatte, der auch geopfert wurde. Doch das wollen wir hier jetzt nicht vertiefen.

    Gegen die ‚Separationisten‘

    Im 2. und 3. Jahrhundert gab es noch eine weitere Strömung, die wir ‚Separationsisten‘ nennen könnten, auch wenn dies keine gebräuchliche Bezeichnung ist. Für sie gab es Jesus, der nur Mensch war (wie bei den Adoptionisten) als auch den Christus, nur göttlich war (wie im Doketismus). Diese Vorstellung findet man häufig auch bei den damaligen Gnostikern.

    Einen Text, der geändert wurde, um gegen diese Ideen anzugehen, haben wir schon betrachtet: Hebräer 2:9. Der Gedanke, dass Jesus „getrennt von Gott“ starb und nicht „durch Gottes Gnade“ hätte zu dieser Vorstellung nur zu gut gepasst.

    Gemäß Irenäus war das Markus Evangelium die erste Wahl derer, die „Jesus von Christus trennen.“ Daher wurde Markus 15:34 geändert:

    und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloí, Eloí, lemá sabachtháni?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    Markus 15:34 Elberfelder

    Es gibt solide Beweise – z.B. im Philippusevangelium, dass einige gnostische Gruppen diesen Text sehr wörtlich auslegten und als denn Moment ansahen, an dem der göttliche Christus sich vom menschlichen Jesus trennte. Daher gibt es ein griechisches und mehrere lateinische Manuskripte, in denen die Abschreiber den Text durch dies ersetzten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verspottet?“ Kreativ war das schon, denn in dem Bericht über Jesu Hinrichtung in Markus haben ihn fast alle verspottet. Aber es ist nicht in unseren frühesten und besten Textzeugen und passt auch nicht zum aramäischen Text.

    Wie werden Unterschiede beurteilt?

    Nachdem wir nun eine ganze Reihe von absichtlichen Veränderungen am Text betrachtet haben, stellt sich die Frage, wie man solche Änderungen und Unterschiede bewerten kann. Mehrere Kriterien sollten in Betracht gezogen werden, um zu beurteilen, wie zuverlässig ein Wort, ein Text oder eine Passage ist. (Siehe Artikel im Forum).

    Eine Übersicht und Erklärung zu verfälschten Texten ist in den Artikeln im Forum zu finden (je Text ein eigener Artikel).

    Die Übersetzer der 2001Translation führen diese drei Kriterien bezüglich der Manuskripte an:

    A. Die Worte fehlen in den ältesten und zuverlässigsten Handschriften (z. B. Matthäus 6:13). Das ist ein direkter Beweis dafür, dass sie später hinzugefügt wurden.

    B. Der Wortlaut hat in verschiedenen Handschriften unterschiedliche grundlegende Bedeutungen (z. B. Apostelgeschichte 7:16). Das deutet darauf hin, dass es kein Original gab, an dem man sich orientieren konnte, und dass es sich wahrscheinlich um allgemeine Notizen handelt, die von vielen Menschen hinzugefügt wurden, bevor sie in den Text übertragen wurden.

    C. Die Wörter springen in verschiedenen Handschriften an unterschiedlichen Stellen herum (z. B. 1. Korinther 14:33). Das deutet darauf hin, dass frühere Kopisten wussten, dass sie nicht im Original waren, und sie deshalb an verschiedenen Stellen als Randbemerkung abgeschrieben haben, bis sie schließlich von verschiedenen Kopisten in den Text übernommen wurden, wo immer sie sie fanden.

    2001Translation, siehe Artikel im Forum

    Es gibt auch Kriterien, die den Kontext berücksichtigen:

    D. Die Worte sind aus dem Kontext gerissen und unterbrechen die Erzählung (z. B. Matthäus 27:52-53). Bei den ursprünglichen Worten wäre das nicht der Fall, aber bei späteren Hinzufügungen schon. Das allein wäre noch kein ausreichender Beweis, um eine Passage als unecht zu erklären.

    E. Sie sagen Dinge, die sachlich falsch sind (z. B. 1. Korinther 14:34). Den ursprünglichen inspirierten Schreibern konnten keine dummen Fehler unterlaufen, aber spätere Personen, die falsche Worte einfügten, konnten dies leicht tun.

    F. Die Worte spiegeln spätere Dogmen wider, an die damals niemand glaubte (z. B. 1. Johannes 5:7-8). Ein ursprünglicher Autor würde nicht etwas sagen, wofür man eine Zeitmaschine braucht.

    G. Wenn du die Wörter weglässt, wird der Text flüssiger oder macht mehr Sinn. Wenn eine Passage verfälscht ist, würde das Entfernen entweder keinen Unterschied machen oder den Text sogar verbessern. Das Entfernen von Originalwörtern könnte den Text zerstören oder verschlechtern (normalerweise, aber nicht immer).

    2001Translation, siehe Artikel im Forum

    Zusammenfassung

    Wir wir an einigen Beispielen nun schon festgestellt haben, wurde der Text der Manuskripte leider auch absichtlich verändert. Zum einen, weil man dachte, dass ein Text am Rand oder zwischen den Zeilen nur vergessen worden war und in Wirklichkeit doch in den ursprünglichen Text gehörte. In einer ganzen Reihe von Fällen wurde der Text aber auch mit Absicht verändert, um eine bestimmte Glaubenslehre zu fördern oder anderen Interpretationen zu verhindern. Und das geschah nachgewiesenermaßen schon ab dem zweiten Jahrhundert. Davor wissen wir einfach nichts. Oft war der Grund, Christen mit anderen Interpretationen des Textes als Herätiker auszugrenzen.

    Daher müssen wir in der Aussage aus dem ersten Teil der Serie tatsächlich den ganzen zweiten Teil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Selbst wenn wir also – wie ein Übersetzer der 2001 Translation anmerkte – 99,9% des Textes sicher hätten, würde das immer noch bedeuten, dass rund 150 Fehler im Text schlummern. Tatsächlich dürfte es aber schwierig sein, hier eine Schätzung abzugeben. Und was für unsere Fragestellung noch wichtiger ist: In den letzten 2.000 Jahren hatten alle Christen einen viel, viel schlechteren Text mit viel mehr Fehlern. Gott hat den ‚Urtext‘, also die Autographen nicht perfekt bewahrt.

    Auf der anderen Seite dürfen wir die Fakten und auch was ich gerade gesagt habe, nicht unverhältnismäßig interpretieren. Die Fakten beweisen, dass die extreme Form der Aussage, nicht gehalten werden kann. Die Fakten zeigen aber auch nicht, dass der Text der christlichen Schriften völlig unzuverlässig ist. Und es geht hier auch gar nicht um eine binäre Aussage: Glaubst du, dass der Text in der Bibel richtig ist oder nicht? Kann man seinen Glauben darauf aufbauen oder sollte man das ganz sein lassen?

    Die Fakten liefern uns ein besseres Fundament: Wir können darüber Aussagen machen, wie zuverlässig der Text des Kanons der christlichen Schriften ist. Wir treffen keine pauschale Aussage für den gesamten Kanon, sondern können je nach Text aufgrund der vielen Textzeugen feststellen, ob es Abweichungen gab oder gibt oder ob keine bekannt sind. Machen wir uns Gedanken über einen Bibeltext, sollten wir als allererstes prüfen, wie zuverlässig er überliefert wurde.

    Natürlich bleibt eine Lücke von vielen Jahrzehnten oder sogar mehr zwischen den Autographen und frühesten Manuskripten. Welche Änderungen es vielleicht in dieser Zeit gab, können wir nicht direkt überprüfen. Weder ob es kaum welche oder viele gab. Uns bleibt nur übrig, ein paar Überlegungen abzuwägen und das Vertrauen in die Gläubigen der patristischen Zeit und die frühen Kirchenväter, welche die Texte untereinander und mit der mündlichen Überlieferung verglichen. Und den Kanon der christlichen Schriften erstellten, wie wir in der nächste Folge sehen werden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 6: Abweichungen in den Manuskripten

    Von Christian


    Alter und Anzahl der Manuskripte

    Wenn wir hier von Manuskripten sprechen, dann geht es uns um die Dokumente, welche den Text der christlichen Schriften, die wir heute in unseren Bibel finden, enthalten. Der Umfang kann von wenigen Wörtern bis zum vollständigen Text reichen. Ein ganz besonderes ‚Manuskript‘ wäre das, welche der Autor selbst geschrieben hat. In der Fachliteratur wird das Autograph genannt. Damit kommen wir schon zur ersten Tatsache, dir wir festhalten wollen:

    Heute verfügen wir über keinen Autograph irgendeines Teils der christlichen Schriften in der Bibel.

    Alles, was wir haben, sind Kopien. Und zwar Kopien von Kopien von Kopien … Die Anzahl der Manuskripte erscheint zuerst einmal beeindruckenend hoch: Etwa 5.800 griechische Manuskripte, etwa 10.000 lateinische und 9.300 in anderen Sprachen (Syrisch, Slawisch, Äthiopisch, … siehe Wikipedia) Eine Übersicht über die griechischen Manuskripte der christlichen Schriften findet man zum Beispiel in der englischen Wikipedia unter „Categories of New Testament manuscripts“.

    Anzahl der Manuskripte je Jahrhundert und Kategorie
    Übersicht der Manuskripte nach Jahrhundert und Kategorie

    Um eine Vorstellung davon zu haben, was ein Manuskript in diesem Sinne sein kann, hier ein Bild des ältesten Manuskripts 𝔓52, ein Teil des Johannes Evangeliums:

    𝔓52 ist das älteste bekannte Manuskriptfragment des Neuen Testaments, das einen Teil des Johannes Evangeliums enthält

    Das ist wirklich alles. Vom ganzen Johannes Evangelium. Halten wir fest:

    Selbst das älteste Manuskript ist Jahrzehnte nach dem Autograph (Johannes Evangelium) entstanden, etwa in der Mitte des 2. Jahrhunderts

    Die drei ältesten Manuskripte sind kleine Fragmente mit nur wenigen Wörtern.

    Die folgende Grafik verdeutlicht, wann die allermeisten der 5.800 Manuskripte entstanden sind:

    Anzahl der Manuskripte nach Jahrhundert und Typ (gemäß Aland) (Quelle)

    Aus der Zeit bis etwas 450 n. Chr. haben wir also nur etwa 125 Manuskripte, das sind nur etwa 2% aller Manuskripte. Bis zum Jahr 300 n. Chr. weniger als 1%. Bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts – also 100 Jahre nachdem z.B. die Briefe des Paulus geschrieben wurden – haben wir 3 winzige Bruchstücke wie das oben abgebildete 𝔓52, das sind nur 0,5‰ aller Manuskripte. Die Masse der Manuskripte ist erst um das 13. Jahrhundert herum entstanden. Die ersten vollständigen Abschriften einzelner Bücher des Neuen Testaments erschienen um 200 n. Chr., und die früheste vollständige Abschrift des Neuen Testaments, der Codex Sinaiticus, stammt aus dem 4. Jahrhundert (siehe Ehrman, Bart D. (2004). The New Testament: A Historical Introduction to the Early Christian Writings. New York: Oxford. pp. 480f.). Halten wir fest:

    Die frühesten vollständigen Abschriften einzelner Bücher haben wir erst aus der Zeit um 200 n. Chr. – also weit über 100 Jahre nach den Autographen.

    Die früheste vollständige Abschrift des Neuen Testaments (Codex Sinaiticus) stammt aus dem 4. Jahrhundert – also etwa 300 Jahre nach den Autographen.

    Was mit dem Text des Neuen Testaments in den ersten 100 bis 300 Jahren passiert ist, können wir nicht direkt überprüfen.

    Wie gesagt: Wir sollten jetzt nicht den Eindruck gewinnen, dass man dem Text der christlichen Schriften überhaupt nicht trauen kann. Dass sagen diese Zahlen alleine ja gar nicht aus. Es geht darum, aufgrund der Fakten eine gesicherte Grundlage zu haben. Wir haben also zum Beispiel eine Menge Beweise, dass die christlichen Schriften nicht im Mittelalter erfunden wurden. Und wir können Manuskripte aus vielen Jahrhunderten miteinander vergleichen, was gut ist, um die Qualität der Kopien und der Übertragung zu beurteilen. Wenn aber jemand argumentiert, dass der Text der christlichen Schriften absolut sicher ist, weil es ja allein 5.800 griechische Manuskripte gibt, dann ist dies irreführend. Denn die allermeisten davon sind erst um das 13. Jahrhundert entstanden.

    Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass es für die klassischen griechischen oder lateinischen Schriften ja noch viel weniger und nur jüngere Abschriften gibt. Das stimmt. Aber wen von uns würde es stören, wenn sogar ganze Abschnitte aus Homers Illias anders wären und die Geschichte um Odysseus anders verliefe? Oder Caesars De bello Gallico eine ziemlich gefärbte Sicht auf seinen gallischen Krieg gibt – wovon wir heute ausgehen. Wohl kaum einer baut ja seinen Glauben auf diese Schriften.

    Interessanter ist es da schon, sich den Tanach (die hebräische Bibel, ‚altes Testament‘) oder den Koran anzuschauen. Darauf baut auch der Glaube vieler auf. Und bei beiden haben wir den gleichen Sachverhalt: In beiden Fällen haben wir auch keine Autographen – beim Koran gibt es so einen ja auch überhaupt nicht gemäß der Überlieferung. Und in beiden Fällen kennen wir nur spätere Kopien. Es ist schon interessant, dass in allen diesen drei sogenannten ‚Buch-Religionen‘, ihre heiligen Bücher trotz ihrer immensen Bedeutung nur auf diese Weise erhalten sind.

    Vielleicht hat sich jemand auch gefragt, warum hier immer von den griechischen Manuskripten die Rede ist. Warum sind diese denn so wichtig? Die Antwort ist einfach: Weil man lange Zeit davon ausgegangen ist, dass die Autographen in antikem Griechisch geschrieben wurden und die griechischen Manuskripte direkte Kopien davon sind. Mit Sicherheit wurden sie nicht in Latein geschrieben. Allerdings war Latein in der Kirche im Westen Europas – mit Zentrum in Rom – nicht nur die Sprache der Menschen sondern auch der christlichen Literatur, schon vor der Entstehung der lateinischen Übersetzung durch Hieronymus der sogenannten Vulgata gab es lateinische Übersetzungen. Und bis ins 15. Jahrhundert hinein war Latein dann die Sprache der Bibel und Theologie in der Kirche im Westen Europas. Wir wir im letzten Teil der Serie gesehen haben, kam erst ab dem 15. Jahrhundert das Interesse wieder auf, die christlichen Schriften aus der angenommenen Ursprache Griechisch direkt zu übersetzen, bzw. den griechischen Text verfügbar zu machen. Warum geschah dies nicht schon früher? Weil sich die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass man mit dem Text der Vulgata ja schon den von Gott gewollten Text der christlichen Schriften habe, der mit der Überlieferung der Kirche völlig übereinstimmt!

    Es sei hier der Vollständigkeit halber nur kurz erwähnt, dass es durchaus möglich ist, dass einige Bücher der christlichen Schriften ursprünglich nicht in Griechisch sondern Aramäisch geschrieben wurde – der Sprache, die im ersten Jahrhundert in Palästina gesprochen wurde. Irenäus spricht zum Beispiel davon, dass das Matthäus Evangelium in einem Dialekt des Hebräischen geschrieben wurde. Und das war dort Aramäisch. Es wird dich vielleicht überraschen, aber Hebräisch wurde erst in der Neuzeit wieder rekonstruiert, weil es seit Jahrhunderten kaum mehr gesprochen wurde! (Wikipedia Hebräische Sprache) Es gibt noch weitere Argumente, zum Beispiel was Wortwahl und Grammatik betrifft, oder dass aramäische Wörter im Text vorkommen und in griechisch erklärt werden, aber nicht umgekehrt. Damit wären frühe aramäische Texte vielleicht gar keine Übersetzungen sondern Kopien der Autographen. Aber bleiben wir erst einmal bei den Manuskripten in Griechisch.

    Abweichungen zwischen den Manuskripten

    Wie wir im vorigen Teil dieser Serie gesehen haben, gab Erasmus von Rotterdam 1516 die erste Ausgabe seines griechischen Neuen Testaments heraus. Im wesentlichen konnte er dabei nur auf eine handvoll mittelalterliche Manuskripte zurückgreifen. [Diese und die folgenden Angaben sind aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why] Die späteren Ausgaben dieses Textes wurden dann von den Übersetzern der King James Bibel verwendet. Wenn also jemand heute die unveränderte King James Bibel liest, wird er indirekt den Stand des damaligen griechischen Textes lesen. Im Jahre 1551 gab Stephanus (Robert Estienne) seine vierte Ausgabe von 1551 des griechischen Neuen Testaments heraus, welches die erste war, welche im griechischen Neuen Testament Verseinteilungen enthielt. Noch wesentlicher für uns war schon seine dritte Ausgabe von 1550, weil es die erste war, welche in Anmerkungen die Abweichungen in den Manuskripten dokumentierte.

    Im 16. und 17. Jahrhundert glichen sich die verschiedenen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments so sehr, so dass 1633 Abraham und Bonaventure Elzevir in einer Ausgabe das berühmte Zitat druckten: „Wir haben jetzt den Text, der von allen angenommen wird, in dem wir nichts verändert oder verfälscht vorliegen haben.“ Aus dem ersten Teil entstand der Begriff Textus Receptus (T.R.) der von Textkritikern verwendet wird, um den Text zu bezeichnen, der ursprünglich von Erasmus veröffentlicht wurde, der aber nicht auf den ältesten und besten Manuskripten beruht.

    Die Arbeit am griechischen Text schien also abgeschlossen zu sein. Das änderte sich erst mit einer bahnbrechenden Arbeit von John Mill vom Queens College in Oxford im Jahre 1707, welche er nach 30 Jahren Arbeit erst veröffentlich hat. John Mill hatte Zugang zu einigen hundert griechischen Manuskripten des Neuen Testaments. In dieser Arbeit dokumentierte er die Abweichungen in den Textzeugen, welche über die Jahrhunderte erhalten geblieben waren. Abweichungen zwischen den verschiedenen griechischen Manuskripten und auch Zitaten des Textes bei den ‚Kirchenvätern‘ aus der patristischen Zeit. Was meinst du, wie viele Abweichungen er gefunden hat? Wenn man die Aussage aus dem ersten Teil dieser Serie sehr weit auslegt, dürfte es ja dank des heiligen Geistes und dem Willen Gottes überhaupt keine Abweichungen geben. Aber schon beim Erstellen der Ausgaben im 16. Jahrhundert hatte sich gezeigt, dass es Abweichungen gab. Und wie wir im zweiten Teil gesehen haben, sagt die Bibel selbst ja auch nicht, dass beim Kopieren des Textes niemandem jemals auch nur ein kleiner Schreibfehler unterlaufen würde. Der Text des griechischen Neuen Testaments hat etwa 138.607 griechische Wörter. Wie viele Abweichungen würdest du erwarten? Einige zehn oder hundert? Lass dir Zeit, denke mal ein bischen darüber nach. Ab welcher Anzahl würdest du nervös werden?

    John Mill dokumentierte über 30.000 Abweichungen! Und das waren nicht einmal alle, die er gefunden hatte! Diese große Zahl mag dich erstaunen oder gar erschüttern. Und das zurecht. Diese Arbeit schlug damals wie eine Bombe ein! Die Gelehrten waren schockiert. Wie konnte es so viele Unterschiede geben, wo man doch überzeugt gewesen war, dass man einen unveränderten und unverfälschten Text schon hätte? Würde diese immense Anzahl von Abweichungen nicht den Glauben in die Bibel erschüttern? Könnte man je einen unveränderten und unverfälschten Text der Bibel ermitteln?

    Als Reaktion darauf gab es später übrigens immer wieder den Vorschlag, dieses Unterfangen einfach sein zu lassen. Da man den unveränderten und unverfälschten Text der Autographen eh nie ermitteln könnte, wäre es besser, den am meisten anerkannten Text zu nehmen, der ja mit der Tradition und Überlieferung der Kirche übereinstimmt, also den der Vulgata. Wie sehen schon, aus welcher Ecke dieser Vorschlag kam.

    Wo stehen wir denn heute, da wir viel mehr Textzeugen haben und mit Computern genauer analysieren können. Wie schon erwähnt, haben wir heute etwas 5.800 griechische Textzeugen. Was vermutest du? Wenn man heute 10mal mehr Textzeugen hat? Und ältere? Die Zählung ist nicht ganz einfach und die Angaben der Gelehrten weichen voneinander ab. Die Schätzungen liegen bei 200.000 bis 400.000 und mehr Abweichungen! Das ist der Hintergrund der berühmt-berüchtigten Aussagen von Bart D. Ehrmann, dass es weit mehr Abweichungen zwischen den Textzeugen des griechischen Neuen Testaments als Wörter darin gibt.

    Den meisten geht es so, dass man von dieser unglaublichen Menge an Abweichungen erst einmal geschockt ist. Dann fragt man sich vielleicht, von welcher Art denn diese Abweichungen überhaupt sind. So schlimm kann es doch nicht sein, sonst müsste es ja vielleicht ein ganz neues Evangelium oder völlig anders lautende Paulus-Briefe geben. Schauen wir uns die größte Klasse von Abweichungen einmal an.

    Beispiele für Abweichungen in den Textzeugen

    Viele Unterschiede in den Textzeugen sind auf kleine Fehler beim Abschreiben des Textes zurückzuführen. Aber auch kleine Fehler können im griechischen erhelbliche Unterschiede machen. [Beispiele aus Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why, Kapitel 3; mehr Beispiele findet man in Metzger und Ehrmann, Text of the New Testament, Kapitel 7]

    Darum lasst uns das Fest feiern, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit!

    1. Korinther 5:8 Elberfelder

    Das mit Bosheit übersetzte Wort ist πονηρίας ponērias. In einigen Manuskripten findet sich aber porneias, was ganz ähnlich aussieht. In diesen wird daher gesag: „auch nicht mit Sauerteig der sexuellen Unmoral und Schlechtigkeit“. Ein kleiner Schreibfehler resultiert hier in einer deutlich anderen Aussage.

    Eine andere Quelle von Abweichungen ist der Gebrauch von Abkürzungen durch einige Abschreiber. Nomina sacra (Heilige Namen) wie Gott, Christus, Herr, Jesus und Geist wurden abgekürzt, typischerweise mit den Konsontanten und einem Strich darüber. Das konnte aber bei späteren Abschreibern zu Verwirrung führen, wenn sie ein anderes Wort anstatt der Abkürzung lasen. Zum Beispiel sagt Paulus in Römer 12:11

    Im Eifer lasst nicht nach, seid brennend im Geist, dient dem Herrn!

    Römer 12:11 Schlachter 2000

    Im griechischen wird für Herr hier kuriw (gesprochen: kyrio) geschrieben, abgekürzt kw (mit einer Linie darüber). Einige früher Abschreiber haben diese Abkürzung fälschlicherweise als kairw (gesprochen: kairo) gelesen und damit den Sinn auf „dient der Zeit“ geändert.

    Etwas Ähnliches ist in 1. Korinther 12:13 passiert:

    Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.

    1. Korinther 12:13 Elberfelder

    Das Wort für Geist pneuma wird als pma abgekürzt, was einige Abschreiber als poma Getränk falsch gelesen haben: „und sind alle mit einem Trunk getränkt worden.“

    Eine andere Art von Fehler führt dazu, dass eine ganze Zeile von Text verloren ging, wenn der Abschreiber beim Blick zurück auf die Vorlage die selben Worte in der nächsten Zeile widerfand. Ein Beispiel:

    Λέγω δὲ ὑμῖν
    πᾶς ὃς ἂν ὁμολογήσῃ ἐν ἐμοὶ ἔμπροσθεν τῶν ἀνθρώπων
    καὶ ὁ Υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ὁμολογήσει ἐν αὐτῷ ἔμπροσθεν τῶν ἀγγέλων τοῦ Θεοῦ
    ὁ δὲ ἀρνησάμενός με ἐνώπιον τῶν ἀνθρώπων
    ἀπαρνηθήσεται ἐνώπιον τῶν ἀγγέλων τοῦ Θεοῦ

    Lukas 12:8-9

    Da das Ende von Vers 9 (unterstrichen) genauso aussieht wie das Ende von Vers 8, fehlt im frühesten Papyrus Manuskript dieser Passage der komplette Vers 9. Der Abschreiber ist beim Zurückblicken einfach um zwei Zeilen verrutscht und hat nach Vers 9 weiter geschrieben. Damit ging der Gedanke „wer mich aber vor den Menschen verleugnet haben wird, der wird vor den Engeln Gottes verleugnet werden“ verloren.

    In Johannes 17:5 hatte diese Art Fehler eine schlimmere Folge:

    Οὐκ ἐρωτῶ ἵνα ἄρῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ
    κόσμου ἀλλ ἵνα τηρήσῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ
    πονηροῦ

    Johannes 17:5

    Damit wurde aus:

    Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

    Johannes 17:15

    in einem der besten Manuskripte:

    Ich bitte nicht, dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

    Johannes 17:15 Codex Vatikanus, 4. Jahrhundert, eines der besten Manuskripte

    Damit ist durch diese Änderung im Text die Bedeutung in einem Gebet Jesu eine völlig andere – und leider eine für uns ungünstige.

    Die bisher beschriebenen Abweichung beruhten auf der Ähnlichkeit des Aussehens des Textes. Beim Diktieren konnte aber auch eine ähnliche Aussprache ein Problem sein. Das scheint in Offenbarung 1:5 der Fall zu sein.

    Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst [andere Hanschrift: gewaschen] hat durch sein Blut.
    Ihm, der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut,

    Offenbarung 1:5 Elberfelder und Schlachter 2000

    Das Wort für erlöst lusanti klingt genau so wie das Wort für gewaschen lousanti.

    Ein weiteres Beispiel findet sich in Römer 5:1

    Sind wir nun aus Glauben gerecht gesprochen, so haben [Andere Textüberlieferung: „…, so wollen wir Frieden halten mit Gott …“ ] wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus

    Römer 5:1 Züricher

    Das griechische Wort für „haben wir Frieden“ klingt genauso wie das Wort für „lasst uns Frieden haben“. Und in diesem Fall haben die Gelehrten so ihre Schwierigkeiten, festzustellen, welche Variante die richtige ist.

    Es gibt allerdings auch Abweichungen, bei denen die Fehler Unsinn produziert haben. Zumindest erkennt man diese Fehler dann besser, auch wenn man vielleicht nicht so einfach auf den richtigen Text zurückschließen kann.

    In einem Fall war das Ergebniss des Abschreibefehlers ziemlich bizarr. In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert wurde wohl aus einer zweispaltigen Liste der Abstammung Jesu in Lukas 3 falsch gelesen: Anstelle die Spalten nacheinander abzuschreiben wurde abwechselnd kopiert. Das führte dazu, dass fast alle Vater-Sohn-Verhältnisse falsch sind und Gott schließlich der Sohn des Aram ist.

    Zusammenfassung

    Zusammenfassend halten wir fest:

    Das griechische Neue Testament enthält etwa 138.607 griechische Wörter. Die Textzeugen enthalten über 400.000 Abweichungen. Durch unabsichtliche Kopierfehler fehlen Wörter und Sätze oder Wörter sind geändert.

    Damit müssen wir in der Aussage aus dem ersten Teil dieser Serie einen weiteren Teil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Mit den unabsichtlichen Fehlern beim Kopieren haben wir aber noch nicht alle Abweichungen betrachtet. Wie wir schon im vorigen Teil durch das Beispiel des Comma Johanneum erkennen mussten, wurden auch absichtlich Veränderungen am Text durchgeführt. Damit werden wir uns im nächsten Teil dieser Serie beschäftigen.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 5: Das Comma Johanneum

    Von Christian


    Vergleicht man die Wiedergabe von 1. Johannes 5:7-8 in verschiedenen Bibelübersetzungen, fällt einem ein Unterschied auf:

    „Denn es sind drei, die ⟨es⟩ bezeugen: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei sind einstimmig“

    „Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins; und drei sind es, die Zeugnis ablegen auf der Erde: der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei stimmen überein.“

    „For there are three that testify: the Spirit and the water and the blood; and the three are in agreement.“

    „For there are three that bear record in heaven, the Father, the Word, and the Holy Ghost: and these three are one. And there are three that bear witness in earth, the spirit, and the water, and the blood: and these three agree in one.“

    (1. Johannes 5:7,8 Elberfelder, Schlachter 2000, New American Standard Bibel, King James Version)

    Gewisse Übersetzungen enthalten einen Teil, der eindeutig die Lehre der Trinität stützt. Andere, meist modernere Übersetzungen, enhalten den Text nicht. Warum? Kurz gesagt, handelt es sich hier um einen gefälschten Text (mehr dazu in den Foren-Artikeln). Vermutlich den bekanntesten verfälschten Text.

    Dieser Zusatz ist sogar so bekannt, dass er einen eigenen Namen hat: Comma Johanneum, was bedeutet ‚johanneischer Satzabschnitt‘ (siehe z.B. Wikipedia Comma Johanneum)

    Der Wikipedia Artikel fasst zusammen: „Dieser Abschnitt fehlt in allen griechischen Handschriften mit Ausnahme weniger später Minuskeln. Viele Kirchenväter verraten überhaupt keine Bekanntschaft mit dem Satz, so z. B. Hieronymus. Andere, wie Augustinus, kannten ihn zwar, betrachteten ihn aber anscheinend als nicht zum Bibeltext gehörig. Die Vulgata in der Version des Hieronymus enthielt das Comma Johanneum nicht.“

    Diese Passage scheint ihren Ursprung in einer Glosse in einem lateinischen Manuskript am Ende des 4. Jahrhunderts zu haben. Im 5. Jahrhundert wurde es dann in den Text der alten lateinischen Bibel eingefügt, jedoch nicht in den frühesten Versionen der Vulgata. Doch auch in den Versionen der Vulgata findet es sich dann ab dem 8. Jahrhundert. (Siehe Houghton, H. A. G. (2016). The Latin New Testament: a guide to its early history, texts, and manuscripts. Oxford: Oxford University Press. pp. 178–179; Metzger, Bruce M.; Ehrman, Bart D. (2005). The text of the New Testament: its transmission, corruption, and restoration (4 ed.). New York: Oxford University Press. pp. 146–148, Wikipedia)

    Hier ein Beispiel aus dem 9. Jahrhundert:

    Codex Sangallensis 63 (9. Jahrhundert), johanneisches Komma am Ende: tre[s] sunt pat[er] & uerbu[m] & sps [=spiritus] scs [=sanctus] & tres unum sunt. Übersetzung: „Drei sind der Vater und das Wort und der Heilige Geist und die drei sind eins“. Der ursprüngliche Codex enthielt das Comma Johanneum (in 1 Johannes 5,7) nicht, sondern wurde von einer späteren Hand am Rand hinzugefügt.[12]

    Damit ist der Weg in die katholischen Bibel klar. Aber wie kam er in protestantische Bibeln? „Vom 16. bis zum späten 19. Jahrhundert fand sich das Comma Johanneum in den meisten wichtigen Bibelausgaben; im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand es zunehmend. Erasmus von Rotterdam hatte das Comma 1516 zunächst nicht in seine Ausgabe des griechischen Neuen Testaments. Erst 1522 fügte er es in die dritte Auflage ein, auch gestützt auf die Minuskel 61 aus dem frühen 16. Jahrhundert.“ (Wikipedia) Warum wurde dieser Teill dann wieder entfernt? „Eine andere zentrale Erkenntnis war, dass die Minuskel 61 eigens gefälscht worden war, um Erasmus zu täuschen.“ (Wikipedia) Heute kennen wir also sogar die Geschichte und Gründe für diese Fälschung.

    Erasmus bemerkte zu seinen ersten beiden Auflagen, dass er in den ihm zur Vergügung stehenen griechischen Manuskripten diesen Teil der Verse einfach nicht finden konnte. Und das stimmt. Hier ein Beispiel:

    Auszug aus dem Codex Sinaiticus mit 1 Johannes 5,7-9. Es fehlt das johanneische Komma. Der rot gefärbte Text sagt: „Es gibt drei Zeugen, den Geist und das Wasser und das Blut“.

    Das hat ihm mächtig viel Ärger und Widerstand von seiten der Kirche und Theologen eingebracht. [Siehe Bart D. Ehrman Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bibel and Why] Deswegen wurde er von Theologen seiner Zeit angegriffen, er würde versuchen, den heiligen Text zu manipulieren, um die Lehre der Trinität zu eliminieren! Schließlich akzeptierte er unter Druck, dass er den Text aufnehmen würden, wenn man ihm ein griechisches Manuskript zeigen würde, der das Comman Johanneium enthält. Und das lieferte man ihm. Und er nahm es in der dritten Auflage mit auf. Nur, dass dieses Manuskript eine Fälschung war, die extra zu diesem Zweck hergestellt worden war.

    Damit möchten wir dieses Thema vielleicht schon als erledigt betrachten. Das wäre aber verfrüht, denn im Zusammenhang mit dem Kanon der christlichen Schriften können wir uns zwar glücklich schätzen, dass diese Fälschung wieder eleminiert wurde.

    Was war aber mit aufrichtigen Christen in den über 1000 Jahren, in denen dieser Text in ‚ihrer Bibel‘ stand? Darunter befanden sich ja gerade bewundernswerte Christen, welche für die Übersetzung der Bibel persönliche Schwierigkeiten bis zur Ermordung auf sich nahmen.

    Es ist eine – wenn auch vielleicht schmerzliche – Tatsache, dass Gott und Jesus als Haupt der Versammlung es zuließen, dass über Jahrhunderte selbst der aufrichtigste Jünger Jesu in 1. Johannes 5:7-8 nur einen verfälschten Text der Bibel zur Verfügung hatte.

    Und bedenken wir, dass es hier nicht um eine Nebensächlichkeit geht, sondern die zentrale Lehre über den Vater, Sohn und heiligen Geist. Über diese Fragen wurde in den ersten Jahrhunderten der Christi lange und heftige Diskussionen geführt und ganze Glaubensgemeinschaften exkommuniziert, verfolgt und getötet. Und viele Christen definieren Christentum sogar darüber, dass man die Lehre der Trinität akzeptiert.

    Die Behauptung, dass der komplette Text der Bibel von Gott und Jesus so bewahrt wurde, dass alles so wie ursprünglich überliefert wurde, hat sich schon mit diesem einen Beispiel als haltlos erwiesen. Behauptet jemand, dass die Bibel selbst diese Aussage macht, schadet er der Bibel, obwohl es eine menschliche Aussage ist. Der Wunsch ist der Vater des Gedanken.

    Selbst wenn diese Behauptung, dass Gott und Jesus dafür gesorgt haben, dass der Text der Bibel uns heute vollständig korrekt zur Verfügung steht, richtig wäre, bliebe weiterhin die Tatsache, dass sie das über viele Jahrhunderte nicht für nötig hielten. Wäre das nicht lieblos gegenüber den Christen in dieser Zeit? Wie man sieht, fällt so eine überzogene Behauptung nicht auf die Person zurück, die sie äußert, sondern wird Gott und Jesus zur Last gelegt. Mehr noch: Es wäre doch von beiden ziemlich gemein, zuzulassen, dass ausgerechnet jemand wie Erasmus von Rotterdam, der aufrichtig versuchte, den überlieferten Text von Fehlern zu bereinigen, damit er in die Muttersprachen auch der einfachen Leute übersetzt werden kann, mit einer gefälschten Minuskel betrogen wurde, um dann erst Jahrhunderte später nach seinem Tod diesen Betrug wieder rückgängig zu machen.

    Durch die Funde und Verfügbarkeit immer weiterer alter Manuskripte in Griechisch, Aramäisch, Latein und anderen Sprachen sind noch viele weitere verfälschte Schrifttexte und Passagen zu Tage getreten (siehe diese Foren-Artikel). Dabei zeigt sich, dass die Situation nicht einfach ist. Es ist keine simple ‚wahr oder falsch‘–Entscheidung. Vielmehr geht es darum, wie sehr wir manchen Texten vertrauen können – oder eben auch nicht. Insgesamt ein spannendes Thema, das weitere Teile dieser Serie verdient. Andererseits sind solche Abweichungen ja nicht für die Mehrheit der Texte nachgewiesen. Auf die Unterschiede zwischen den Manuskripten kommen wir aber bald noch zu sprechen.

    Dass also Gott und Jesus nicht dafür gesorgt hat, dass der biblische Text ohne Fehler oder Fälschungen erhalten wurde, müssen wir bei unserer Sichtweise des Kanons berücksichtigen. Nicht nur, wenn es um die Verlässlichkeit eines einzelnen Verses geht. Sondern auch, wenn es um unsere Sichtweise bezüglich des Kanons geht – der Bibel, wie wir sie heute haben. Stülpen wir der Bibel keine überzogenen Behauptungen über, welche sie selbst so gar nicht aufstellt.

    Mit den richtigen Annahmen hingegen müssen wir auch vor neuen Fakten keine Angst haben. Fakten gefährden dann unser Glaubensgebäude nicht, sondern stärken das Fundament. Schon an diesem einen, wenn auch außerordentlich wichtigen Beispiel können wir nun beweisen, dass auch die Behauptung, dass jeder ‚Satz‘ genau so erhalten wurde, durch die Fakten wiederlegt wird.

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Wir werden in den nächsten beiden Folgen noch weitere Beispiele betrachten. Und warum tun wir uns das an? Wenn wir das Ausmaß der Veränderungen und Unterschiede kennen, dann kennen wir auch das, was gut erhalten ist. Wir erreichen eine fundierte und differenzierte Sicht über die Zuverlässigkeit des Textes.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 4: Punkt, Komma, Strich – Welchen Unterschied schon ein Absatz machen kann

    Von Christian


    In den letzten beiden Folgen haben wir schon zwei Teile aus der Behauptung aus dem ersten Teil der Serie gestrichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Weder sichert uns Gott durch das Neue Testament zu, dass die Briefe und anderen Texte unverfälscht erhalten bleiben würden, noch sind alle Briefe im Kanon enthalten. Bedeutet das, dass das Neue Testament in unserer Bibel nutzlos ist? Nein. Das wäre eine falsche, voreilige Schlußfolgerung. Es geht darum, zu erkennen, was Gott uns zugesagt hat und nicht, was wir gerne hätten. Hat Gott nicht sogar vielen Menschen geholfen, die überhaupt keine Schriften hatten? Wie war es denn bei Hennoch, Noah, Melchizedek und Abraham? Wir können dieses Thema also ganz entspannt angehen.

    Allerdings beharren einige darauf, dass sogar die Wörter, Sätze, Punkt und Komma genau so sind, wie Gott das möchte. Einige gehen sogar soweit, dass der Text der alten King James Übersetzung inspiriert ist. Nun, das ist noch ein anderes Thema, auf das wir später eingehen werden.

    Aber wie ist das mit den Wörtern und Sätzen, Punkt und Komma. Hat Gott diese geformt und in den Geist der Schreiber gegeben? Oder in einer Vision diktiert? Haben diese sich hingesetzt und gedacht: Jetzt schreibe ich ein Bibelbuch? Wie sehen denn die ältesten Kopien der Autographen aus? Schauen wir uns einmal Bilder der ältesten Manuskripte, genauer gesagt Fragmente, an:

    𝔓52 ist das älteste bekannte Manuskriptfragment des Neuen Testaments, das einen Teil des Johannes Evangeliums enthält
    𝔓1 ist ein Fragment des Matthäus-Evangeliums aus dem frühen dritten Jahrhundert.
    𝔓46 ist das früheste (fast) vollständige Manuskript der Paulusbriefe des Neuen Testaments.
    𝔓45 ist ein Manuskript der Evangelien und der Apostelgeschichte. Es enthält den frühesten bekannten Text von Markus. Gelehrte finden es wegen seines fragmentarischen Zustands schwer zu lesen.
    Der Codex Sinaiticus (ca. 350) enthält die älteste vollständige Abschrift des Neuen Testaments sowie den größten Teil des griechischen Alten Testaments, bekannt als Septuaginta
    Der Codex Vaticanus Graecus 1209 ist eine der besten verfügbaren griechischen Handschriften fast der gesamten Bibel.

    Einmal abgesehen davon, dass die Buchstaben des griechischen Alphabets verwendet werden. Was fällt sofort auf? Kein Komma, kein Punkt, überhaupt keine Satzzeichen. Schlimmer noch. Nicht einmal Absätze zwischen den Sätzen. Sogar nicht einmal zwischen Wörtern! Schauen wir uns noch einmal 𝔓46 oder die anderen Manuskripte an. Eine Kette von Buchstaben! Wo sind Wörter und Sätze? Die Antwort ist: Die Wörter und Sätze – sowie Aussprache und zum Teil auch Vokale – musste der Leser richtig einsetzen!

    Das erinnert mich an ein kurzes Beispiel in Latein, das ich – ich bilde es mir zumindest ein – im Unterricht kennen gelernt habe. Soweit ich mich erinnere, soll angeblich Cäsar diese Nachricht geschickt haben:

    Begnadigung Keine Hinrichtung

    Drei Wörter. Was bedeuten diese? Es fehlt das Satzzeichen im Deutschen! Aber in Latein gab es das auch nicht. Wie auch im Griechischen. Also was bedeutet es? „Begnadigung keine, Hinrichtung“ oder „Begnadigung, keine Hinrichtung“? Einfach schrecklich, wenn das Leben von einem Komma abhängt. Übertreibe ich jetzt? Nun, betrachten wir einmal zwei verschiedene Übersetzungen der Bibel:

    Und er sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein.“

    Lukas 23:43 Neue-Welt-Übersetzung

    Und er sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

    Lukas 23:43 Elberfelder

    Das Satzzeichen ‚:‘ gab es im Griechischen nicht. Die Übersetzer haben es eingefügt. In der älteren Ausgabe der Neue-Welt-Übersetzung gab es zumindest noch diese Fußnote: „Wenn auch WH, Nestle-Aland u. UBS im gr. Text ein Komma vor das Wort „heute“ setzen, wurden doch in gr. Unzialhss. keine Kommas verwendet.“ Der Sinn scheint jedoch völlig anders zu sein. Ganz wie im Beispiel, das ich angeführt hatte, und angeblich von Cäsar stammt. Tatsächlich muss man sich bei diesem Text viel mehr Gedanken machen und den Kontext und die Sprache damals anschauen, um den Text besser zu verstehen. Eric Wilson hatte dazu in einem Video auch einmal eine interessante Erklärung.

    Tatsache ist: Punkt, Komma, Strich – können wir in der Bibel alles vergessen, weil es das in den Sprachen, in denen die Autographen und Kopien existieren, nicht gab.

    Und sogar Absätze und Kapitel- sowie Vers-Einteilungen gab es nicht, wie wir in den Abbildungen gesehen haben. Ist das auch ein Problem? Unsere Kapitel und Verse wurden frühestens mit im 13. Jahrhundert eingeführt (Wikipedia). Zweck war es, den Text in etwa gleich lange Verse und Kapitel einzuteilen. Aber im Deutschen dienen Absätze dazu, einen Gedanken zu trennen. Ein Absatz, oder ein neuer Vers oder gar Kapitel suggerieren uns daher einen neuen Gedanken. Überlege einmal: Wie oft hast du, wenn ein Text zitiert wurde, den Text davor oder gar im Kapitel davor gelesen? Ein Beispiel:

    Jesus blickte auf und sah, wie reiche Leute Geld in den Opferkasten warfen. Er sah auch, wie eine arme Witwe ‹zwei kleine Kupfermünzen›, zwei Lepta, hineinsteckte. Da sagte er: „Ich versichere euch, diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle anderen. Denn die anderen haben nur etwas von ihrem Überfluss abgegeben. Sie aber hat alles hergegeben, was sie selbst dringend zum Lebensunterhalt gebraucht hätte.“

    Lukas 21:1-3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Ist das nicht ein schöner Text, der die Opferbeireitschaft der Witwe beschreibt? Aber das ist der Anfang des Kapitels. Wer würde wohl das Kapitel vorher lesen, wenn der Text zitiert wird? Wir tun das jetzt:

    Vor dem ganzen versammelten Volk warnte Jesus seine Jünger: „Hütet euch vor den Gesetzeslehrern! Sie zeigen sich gern in ihren langen Gewändern und erwarten, dass man sie auf den Märkten ehrerbietig grüßt. In der Synagoge sitzen sie in der ersten Reihe, und bei Festessen beanspruchen sie die Ehrenplätze. Gleichzeitig aber verschlingen sie den Besitz schutzloser Witwen und sprechen scheinheilig lange Gebete. Darum erwartet sie ein sehr hartes Urteil.“

    Lukas 20:45-47 Neue Evangelistische Übersetzung

    Das ist der Text direkt davor. In den Manuskripten gibt es keine Kapitel-Einteilung. Wie denkst du jetzt über den Bericht über die arme Witwe in Lukas 21:1-3? Macht ein Absatz oder neues Kapitel hier einen Unterschied? Es gibt noch andere Beispiele, aber die kann jeder auch selbst finden, wenn er ab jetzt aufmerksam ist, und bei jedem Absatzwechsel oder neuem Kapitel auch den Kontext liest.

    Fassen wir zusammen, was uns die Fakten gelehrt haben. Es gab in den Sprachen der Autographen und Kopien keine Satzzeichen, Absätze und Verseinteilungen. Damit streichen wir einen weiteren Teil der Behauptung:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Sollte also jemand mit uns wegen eines Satzzeichens oder Absatzes über die Interpretation des Textes diskutieren wollen, dann sollten wir daran denken, dass diese von den Übersetzern eingefügt wurden. Und uns den Sprachen zuwenden, in denen die überlieferten Manuskripte geschrieben wurden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 3: Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    Von Christian


    Im letzten Video haben wir gesehen, dass ‚die Bibel‘ selbst, insbesondere die Bücher des Neuen Testaments, keine Aussage beinhalten, dass sie völlig unversehrt und korrekt über die Jahrtausende bewahrt werden würde. Im Gegenteil: Im ersten Jahrhundert – und noch lange danach, wie wir sehen werden – gab es keinen fertigen, allgemeingültigen Kanon der Schriften. Vielmehr wurden die Gläubigen aufgefordert, mit Hilfe des heiligen Geistes Gottes alle Lehren und Schriften und Briefe zu prüfen, ob sie von Gott stammen. Und immer wieder kommt die Frage auf, wer wann und wie entschieden hat, welche Briefe und Schriften im Kanon der christlichen Schriften enthalten sein sollen.

    Ich möchte auch betonen, dass wir bisher nur die Bibel – exegetisch, sola scriptura – verwendet haben und zu diesem Schluß gekommen sind. Und das wird sich in diesem Teil der Serie bestätigen.

    Der Ort Laodizea wird vielen Bibellesern als Ort einer frühen Gemeinde bekannt sein. Wird man nach einem Brief an die Gemeinde in Laodizea gefragt, denn denkt man vielleicht sofort an diesen Text:

    Der Brief an die Gemeinde in Laodizea

    „Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht, der das Amen ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke und weiss, dass du weder kalt noch warm bist. Wärst du doch kalt oder warm!“

    (Offenbarun 3:14,15 Züricher)

    Den Inhalt dieses ‚Briefes‘ kennen wir insofern, als er als ein Teil des Bibelbuchs Offenbarung heute in Bibel abgedruckt ist, ob er nun an die Gemeinde im buchstäblichen Laodizea gerichtet war, oder ob das symbolisch zu verstehen ist.

    Tatsächlich ist dies aber nicht der einzige Brief an die Gläubigen in Laodizea, von dem wir wissen:

    „Und wenn der Brief bei euch vorgelesen worden ist, sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea vorgelesen wird und dass ihr auch den aus Laodizea lest! [Fn. den aus Laodikia: Dieser Brief ist nicht erhalten.]“

    (Kolosser 4:16 Einheitsübersetzung 2016)

    Der Brief an die Kolosser ist in der Bibel enthalten, der Brief an die Gemeinde in Laodizea hingegen nicht. Gemäß den ersten Versen in Kolosser schrieb ‚Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes‘ den Brief an die Kolosser und damit auch den genannten an die Gemeinde in Laodizea.

    Damit ergeben sich einige interessante Fragen:

    • Warum ist der Brief an die Gemeinde in Kolossä in der Bibel, die wir heute haben, enthalten und warum der an die Gemeinde in Laodizea nicht?
      Vielleicht denkt jemand: „Nun ja, da stand wohl in etwa das gleiche drin. Daher musste nur einer überliefert werden.“
      Aber das kann nicht stimmen, sonst hätte Paulus ja nicht geschrieben, dass beide Briefe in beiden Gemeinden vorgelesen werden sollen. Da müsste man sich ja in solche Argumente versteigen, dass dies zur Bestätigung oder Wiederholung der Gedanken gedient hätte.
    • Was stand also in dem Brief an die Gemeinde in Laodizea, was nicht in dem an die Kolosser stand, weswegen Paulus wollte, dass beide vorgelesen werden?
    • Warum kennen wir heute und auch alle anderen aus den letzten etwa 2000 Jahren nur den einen Brief?
    • War der eine wichtiger als der andere?
    • Hatte Gott oder Jesus für die Bibel nur einen geplant?
    • Welche Rolle spielte der heilige Geist und Inspiration bei diesen Briefen?
    • Wie kam es überhaupt zur der Zusammenstellung der Briefe, die heute in der Bibel enthalten sind? Also des Kanons des ‚Neuen Testaments‘?
    • Gab es noch mehr Briefe?

    Zur letzten Frage gibt es schon in den uns erhaltenen Textzeugen Hinweise:

    „Lasst euch durch die Behauptung, der Tag des Herrn wäre schon da, nicht so schnell aus der Fassung bringen oder gar in Schrecken versetzen. Glaubt es nicht, auch wenn sich jemand auf eine Geistesoffenbarung, eine angebliche Aussage oder einen Brief von uns beruft.“

    (2. Thessalonicher 2:2 NEÜ)

    Diesen Text hatten wir schon im letzten Teil behandelt. Schon damals waren also Briefe im Umlauf, die angeblich Aussagen der Apostel enthielten. Warum sonst hätte Paulus dies geschrieben:

    „Den Gruß schreibe ich, Paulus, mit eigener Hand. So sieht meine Handschrift aus, das Kennzeichen in jedem meiner Briefe.“ „Seht, mit welch grossen Buchstaben ich euch schreibe, mit eigener Hand!

    (2. Thessalonicher 3:17 NEÜ; Galater 6:11 Züricher)

    Briefe spielten eine wichtige Rolle, wie diese Texte zeigen:

    „So steht denn nun fest, ihr Brüder, und haltet fest an den Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch ein Wort oder durch einen Brief von uns.“

    (2. Thessalonicher 2:15 Schlachter 2000)

    Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung der Versammlung in Jerusalem zum Thema Beschneidung:

    „Allerdings sollten wir sie in einem Brief dazu auffordern, folgende Dinge zu unterlassen … Der Brief, den sie ihnen mitgaben, lautete folgendermaßen … Paulus und Barnabas sowie die Delegierten wurden offiziell verabschiedet und machten sich auf den Weg nach Antiochia. Dort angekommen, beriefen sie eine Versammlung der ganzen Gemeinde ein und übergaben den Brief.“

    (Apostelgeschichte 15:20,23,30 Neue Genfer Übersetzung)

    Paulus und Barnabas kamen also nicht nur mit einer mündlichen Erklärung zurück, sondern hatten einen Brief dabei! Den hätte ich auch gerne gelesen. Aber er ist nicht Teil des Kanons geworden, obwohl er doch so wichtig war! Es gab also eine Menge Briefe, aber nur wenige sind Teil des Kanons. Neben dem Brief an die Gemeinde in Laodizea fehlt uns zum Beispiel auch dieser:

    „In meinem früheren Brief [Fn. Dieser Brief ist uns nicht erhalten.] habe ich euch vor dem Umgang mit Menschen gewarnt, die ein unmoralisches Leben führen. .. Darum schreibe ich euch jetzt noch einmal unmissverständlich:“

    (1. Korinther 5:9, 11 Neue Genfer Übersetzung)

    Da dieser Brief in der Bibel als erster Korinther Brief bezeichnet wird, fehlt uns der vorangegangene. Also ist der 1. Korinther Brief eigentlich schon der 2. Korinther Brief, und der 2. der 3. Brief. Mindestens.

    Doch nicht nur die Apostel oder die Gemeinde in Jerusalem schrieben Briefe:

    „Nun zu der Ansicht, die ihr in eurem Brief vertretet, dass es für einen Mann gut sei, keine Frau zu berühren.“

    (1. Korinther 7:1 Züricher)

    Die Gemeinden schrieben also auch welche. Und welchen Stellenwert sollten die Briefe für die Gemeinden haben?

    Ich beschwöre euch beim Herrn, diesen Brief allen in der Gemeinde vorzulesen.“
    „Wenn aber einer dem nicht nachkommt, was in diesem Brief steht, so merkt ihn euch und meidet den Umgang mit ihm, damit er beschämt werde.“

    (1. Thessalonicher 5:27; 2. Thessalonicher 3:14 Züricher)

    Ziel war oft, die Geschwister zu erbauen oder auch ermahnen:

    „Das ist bereits mein zweiter Brief an euch, liebe Geschwister. Durch beide wollte ich euch ‹an längst Bekanntes› erinnern, dass eure gute Gesinnung erwacht.“

    (2. Petrus 3:1 NEÜ)

    „Liebe Geschwister, ich hatte schon lange vor, euch über unsere gemeinsame Rettung zu schreiben, sah mich aber jetzt genötigt, euch mit diesem Brief zu ermahnen. Kämpft für den Glauben, der allen, die Gott gehören, ein für alle Mal übergeben worden ist!“

    (Judas 3 NEÜ)

    Es gab also viele Briefe für die Gemeinden im ersten Jahrhundert, welche auch als sehr wichtig betrachtet wurden. Warum sind nicht alle erhalten geblieben?

    An dieser Stelle müssen wir den historischen Kontext berücksichtigen. Zuerst gab es ja jeweils nur ein Original eines Briefes, den sogenannten Autographen. Dieser sollte vorgelesen werden. Schon daraus lässt sich schließen, dass nur wenige in der Gemeinde Lesen und Schreiben konnten. Das Original des Briefes konnte in der selben Gemeinde immer wieder vorgelesen werden. Aber was war mit den anderen? Ab wann wurden Kopien angefertigt und weitergegeben? Wer tat das und zu welchem Zweck?

    Wie sich zeigt, war die mündliche Überlieferung zuerst noch wichtiger als eine schriftliche. Das ist auch nur zu verständlich. Wenn ich einen Apostel direkt fragen kann ist mir das wichtiger, als ein Papyrus, der angeblich von Apostel Soundso stammt. Es ging um Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit. Und Kopien wurden auch nicht mit der Absicht erstellt, eine Bibel zusammenzustellen. Auf beides wird in folgenden Artikeln noch eingegangen werden.

    Halten wir aber fest: Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, warum wir keinen Laodizenerbrief kennen (siehe Wikipedia Laodizenerbrief). Über den Brief des Paulus an die Korinther vor seinem Brief, den wir heute ersten nennen, wissen wir allderings überhaupt nichts. Wenn Gott und Jesus als Haupt der Versammlung die Überlieferung der Briefe ganz konkret geplant und alles genau geleitet haben, dann würde das ja Folgendes bedeuten:

    • Jesus wollte, das Paulus mindestens zwei Briefe schrieb, von denen wir aus anderen Briefen wissen, dass sie existierten. Aber diese sollten nicht erhalten bleiben.
    • Haben also Gott und Jesus diese anderen Briefe also nicht weiter beachtet oder bewusst deren Überlieferung verhindert?
    • Aber wie hätte Jesus das erreicht? Die Briefe verschwanden ja nicht über Nacht.
    • Wie hätte er Menschen beeinflußt, dass gewisse Briefe weiter kopiert wurden und andere nicht?
    • Kann man beweisen, dass wir alle notwendigen Briefe heute kennen, die Bibel aber keinen Brief enthält, vor dem damals gewarnt wurde?

    Ist es nicht interessant, dass schon alleine durch diese wenigen Hinweise aus dem überlieferten Text sich durch etwas Nachdenken interessante Frage ergeben, die unsere Auffassung von dem, was ‚die Bibel‘ ist, berühren?

    Was wir aber rein aus dem Text der heutigen ‚Bibel‘ festhalten können, ist dies:

    • Es gab Briefe, die erwähnt werden und so wichtig waren, dass die in anderen Versammlungen vorgelesen werden sollten.
    • Es gab Briefe, die an Versammlungen geschickt wurden, auch vorgelesen werden sollten, von denen wir aber überhaupt nichts wissen.
    • Und diese Briefe sind trotzdem nicht Teil unserer ‚Bibel‘, also des Kanon des Neuen Testaments, geworden.

    Wenn jemand nun sagt, dass Gott, unser Vater, und Jesus, unser Herr, die Entstehung der Bibel genauestens überwacht haben, dann bedeutet das, dass sie diese damals wichtigen Briefe bewußt aussortiert haben.

    Betrachten wir auch am Ende dieses Teils die Behauptung aus dem ersten Teil dieser Serie. Halten alle Teile dieses Satzes den Fakten stand?

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Ich bin jetzt etwas streng gewesen, und habe den Teil ‚jedes Buch‘ auch gestrichen. Warum? Wenn jemand meint, dass jeder Brief eines Apostels auch in der Bibel zu finden ist, dann stimmt das nicht. Und dazu braucht man nur die überlieferten Briefe selbst zu lesen. Das Neue Testament enthält nicht alle Briefe, deren Existenz uns bekannt ist, und die Frage bleibt offen, warum das so ist. Sie könnten ja auch einst im Kanon enthalten gewesen und später dann wieder aus dem Kanon herausgenommen worden sein. Wir werden sehen.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 2: Was sagt ‚die Bibel‘ über sich selbst?

    Von Christian


    Im ersten Teil dieser Serie ist es uns schon bewußt geworden, dass es einige wichtige und interessante Fragen zur ‚Bibel‘ gibt. Bevor wir aber historische Fakten oder anderes betrachten, lassen wir zuerst einmal den Text ‚der Bibel‘ selbst sprechen. Was erfahren aus dem Text selbst darüber, was die Bibel ausmacht, wie sie entstand und was in den Jahrhunderten nach ihrer Entstehung geschehen sollte? Beginnen wir mit einem Hinweis im zweiten Brief an die Thessalonicher:

    Wir bitten euch aber, ihr Brüder, wegen der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm: Lasst euch nicht so schnell in eurem Verständnis erschüttern oder gar in Schrecken jagen, weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief, als wäre der Tag des Christus schon da.

    2. Thessalonicher 2:1,2 Schlachter 2000

    Gemäß der traditionellen Sicht wurde dieser Brief von Paulus etwa um das Jahr 50 n. Chr. geschrieben. Die Formulierung „noch durch einen angeblich von uns stammenden Brief“ wirft eine Frage auf: Konnten die Gläubigen in Thessalonich nicht einfach in ‚ihre Bibel‘ schauen und prüfen, ob der Text als Brief enthalten war? Offensichtlich nicht. Das, was wir heute als Bibel bezeichnen, war zwei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu gerade erst in der Entstehung. Es gab noch keinen Kanon der christlichen Schriften. Zu dieser Zeit konnte also jemand zu der Versammlung mit einem Brief kommen und behaupten, dass er zum Beispiel von Paulus sei. Wie konnte man nun überprüfen, ob das nun ein Teil ‚der Bibel‘ sein sollte oder nicht? Diese Frage stellte sich überhaupt nicht. Nun gut, war die Frage dann, ob er ‚echt‘ war? Auch nicht unbedingt. Der entscheidende Punkt war dieser:

    Wer Gottes Gebote befolgt, bleibt in Gemeinschaft mit Gott, und Gott lebt in ihm. Dass er wirklich in uns bleibt, erkennen wir durch den Heiligen Geist, den er uns gegeben hat. Ihr Lieben, glaubt nicht jedem, der behauptet, er sei mit Gottes Geist erfüllt, sondern prüft, ob er wirklich von Gott kommt. Denn überall sind falsche Propheten unterwegs. Den Geist Gottes erkennt ihr daran, dass er deutlich macht: Jesus Christus kam als wirklicher Mensch in unsere Welt.

    1. Johannes 3:24 – 4:2 Neue Evangelistische Übersetzung

    Tatsache ist: Es gab schon im ersten Jahrhundert viele mündlich überlieferte Berichte, viele Briefe und weitere Texte, wie schon dieser Vers zeigt. Es bestand die Notwendigkeit, zu prüfen, was da so im Umlauf war. Die entscheidene Frage war: Kommt das von Gott? Und das ist die Frage, die wir uns heute auch stellen müssen: Kommt das, was wir heute in ‚der Bibel‘ lesen so von Gott? Denn wie wir schon in der letzten Folge gesehen haben, liegen viele Schritte zwischen der Entstehung der Text und dem, was wir in unserer Sprache heute lesen können.

    Schon dieser Vers zeigt uns aber auch, dass es noch am Ende des ersten Jahrhunderts keinen abgeschlossenen Kanon der christlichen Schriften gegeben haben kann, in dem Sinne, dass ausschließlich diese Texte als von Gott kommend akzeptiert wurden. Und alles andere als Texte von Irrlehrern und ‚Abtrünnigen‘ gemieden werden sollte. Im Gegenteil! Die Texte sollten geprüft werden, was das Lesen bzw. Vorlesen und einen Vergleich mit den anderen Schriften notwendig machte. Dabei half sogar der heilige Geist:

    Der Geist ermächtigt den Einen, Wunder zu wirken; einen Anderen lässt er Weisungen Gottes verkündigen. Ein Dritter erhält die Fähigkeit zu unterscheiden, was vom Geist Gottes kommt und was nicht. Einer wird befähigt, in nicht gelernten fremden Sprachen zu reden, und ein Anderer, sie zu übersetzen.

    1. Korinther 12:10 Neue Evangelistische Übersetzung

    Vergleichen wir das mit der Aussage: Gott hat die Niederschrift der Bibel genau überwacht und dafür gesorgt, dass sie uns ganz genau erhalten geblieben ist. Was bedeutet das ganz konkret im ersten Jahrhundert? Versetzen wir uns in die Lage eines Gläubigen, zum Beispiel in Thessalonich, der gerade hört, wie ein Brief in der Gemeinde vorgelesen wird. Könntest du dir als dieser Gläubige einfach sagen: Das ist Gottes Wort, denn er überwacht die Aufzeichnung der Bibel genau? Nein, sonst wäre die Aufforderung zu prüfen nicht nötig gewesen. Wenn es also so eine Gewissheit überhaupt gibt, müsste sie erst später entstanden sein. Aber wie und durch wen?

    Gibt es irgendeinen Bibeltext, der den Gedanken unterstützt, dass Gott die Aufzeichnung der Bibel so überwachen würde, dass wir nicht mehr prüfen müssten? Vielleicht kommt dir dieser Bibeltext in den Sinn.

    Alle Schrift ist von Gott eingegeben [w. »gottgehaucht« (gr. theopneustos), d. h. von Gott durch den Geist eingegeben, von Gott inspiriert.] und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

    2. Timotheus 3:16,17 Schlachter 2000

    In Übereinstimmung mit dem griechischen Text wurde hier der Singular verwendet: Alle Schrift ist … Dieser Text könnte dir insbesondere dann eingefallen sein, wenn du diese – etwas suggestive – Übersetzung gelesen hast:

    Die ganze heilige Schrift ist von Gott eingegeben [Fn. o. inspiriert] …

    2. Timotheus 3:16 Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung 2018

    Wird man als Leser – in diesem Fall also meist Zeugen Jehovas – nicht automatisch denken, dass hier ‚die Bibel‘ gemeint ist? Interessanterweise ist der Titel der aktuellen Übersetzung der Zeugen Jehovas, in der 2. Timotheus 3:16 so übersetzt ist: Die Bibel. Neue-Welt-Übersetzung. Die Ausgaben davor hatten allerdings den Titel Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift. 2. Timotheus 3:16 wurde darin allerdings so wiedergegeben: „Die ganze Schrift ist von Gott inspiriert ….“ Also ohne den Zusatz heilig und im Singular. Der Titel der englischen Ausgabe lautet immer noch New World Translation of the Holy Scriptures, also Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schriften (Plural), und gibt den Text wie in der King James Version wieder: „All Scripture is inspired of God …“ Während der Titel der Bibel den Plural enthält, steht im Text der Singular: Alle Schrift ist von Gott inspiriert. Das soll noch einer verstehen …

    Doch ist das nicht schon ein gutes Beispiel, dass wir eben nicht genau wissen, ob das, was wir in ‚unserer Bibel‘ lesen, „von Gott kommt“ (1. Joh. 4:2)? Wenn doch verschiedene Übersetzungen hier unterschiedliche Gedanken wiedergeben. Prüfen wir also wie die Christen im ersten Jahrhundert.

    Zuerst einmal müssen wir uns fragen, was hier mit ‚alle Schrift ist von Gott eingegeben‘ πᾶσα γραφὴ θεόπνευστος gemeint ist. Bezog sich der Autor des zweiten Timotheus Briefs auf die Schriften der jüdischen Bibel, die Jahrhunderte vorher vollendet worden war? Und was ist mit den Schriften, die später noch kommen sollten, von denen also noch niemand wusste? Wenn ja, dann bringt uns das zur Frage des Kanons: Was gehört als ‚inspirierte Schrift‘ in den Kanon der christlichen Schriften und was nicht? Wer entschied das? Nach welchen Kriterien? Hatte Gott schon lange einen Plan, quasi die Bücherliste der Bibel, die noch zu schreiben wären? Was ist also mit ‚alle Schrift‘ oder ‚die ganze Schrift‘ gemeint? Wer legt das fest, was zu Alles gehört? Und woher könnten wir das wissen? Diese Fragen werden eben nicht durch den Kanon beantwortet, sondern sind einer der Gründe für die Erstellung des Kanons – was Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauerte und – du wirst überrascht sein – bis heute nicht unbedingt abgeschlossen sein muss.

    Was die Autoren im ersten Jahrhundert mit ‚Schrift‘ meinten, wird in Texten wie diesem klar:

    Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften;

    1. Korinther 15:3-4 Elberfelder.

    Wenn Paulus davon spricht, dass er etwas überliefert hat, was er auch empfangen hat, dann meint er mit ‚Schriften‘ wohl kaum seine eigenen oder die anderer im Neuen Testament – die zu diesem Zeitpunkt ja oft noch gar nicht geschrieben waren. Er argumentiert, dass seine Botschaft ja schon im Alten Testament stand.

    Vielleicht ist dir auch dieser Text eingefallen.

    Vor allem aber müsst ihr wissen, dass keine prophetische Aussage der Schrift aus einer eigenen Deutung stammt. [Entweder ist gemeint: aus einer eigenen Deutung (Erfindung) des Propheten, oder: eine eigene (eigenwillige) Deutung zulässt.] Denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil der betreffende Mensch das wollte. Diese Menschen wurden vielmehr vom Heiligen Geist gedrängt, das zu sagen, was Gott ihnen aufgetragen hatte.

    2. Petrus 1:20,21 Neue Evangelistische Übersetzung

    Was ist hier mit ‚der Schrift‘ γραφῆς gemeint? Und übersehen wir auch nicht den konkreten Bezug auf ‚prophetische Aussagen‘. Wenn wir davon ausgehen, dass Petrus den zweiten Petrus Brief geschrieben hat, können wir diesen es selbst erklären lassen:

    An einem dieser Tage erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa 120 waren zusammengekommen – und sagte: „Ihr Männer, meine Brüder! Was in der Schrift steht, musste sich erfüllen; es musste so kommen, wie es der Heilige Geist schon durch David über Judas vorausgesagt hat. Er wurde ein Führer für die, die Jesus festnahmen, …

    Apostelgeschichte 1:15,16 Neue Evangelistische Übersetzung

    Dieses Aussage des Petrus hat auch Paulus im Brief an die Römer bestätigt:

    Denn aus allem, was früher aufgeschrieben wurde, sollen wir lernen. Die heiligen Schriften geben uns Trost und ermutigen zum Durchhalten, bis sich unsere Hoffnung erfüllt.

    Römer 15:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Für Petrus und Paulus waren ‚die heiligen Schriften‘ also der Text der jüdischen Bibel. Aber sagte nicht sogar Jesus, dass wenigstens diese nicht vergehen würden?

    Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.

    Matthäus 5:18 Elberfelder

    Auch diesen Text muss man genau lesen. Weder geht es hier um die ganze jüdische Bibel noch den Text an sich. Es geht um DAS GESETZ (nomou νόμου) und nicht die Schriften, und um die Erfüllung dessen, was darin gesagt wird.

    Übrigens ist auch 1. Petrus 1:24, 25, wo Petrus Jesaja 40:8 zitiert, keine Zusage, dass der Text der Bibel bestehen bleibt:

    Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen;  aber das Wort des Herrn bleibt in EwigkeitDies aber ist das Wort, das euch als Evangelium verkündigt worden ist.

    Das Gras ist verdorrt, die Blume ist verwelkt. Aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit.

    1. Petrus 1:24, 25; Jesaja 40:8 Elberfelder Bibel

    Hier erklärt also Petrus selbst wieder, was gemeint ist. Auch wenn dieser Text als einziger im Wachtturm (2017 September S. 18-22) zitiert wird, um zu beweisen, dass „Gott uns zugesichert hat, dass es bewahrt wird“, wie es am Ende des ganzen Artikels ohne weitere Begründung heisst. Zumindest wird am Anfang bei Verwendung von 1. Petrus 1:24, 25 zugegeben: „Wenn sich dieser Vers auch nicht ausdrücklich auf die Bibel bezieht, treffen die inspirierten Worte doch auf ihre Botschaft zu.“ Trotzdem wird gerade dieser Vers als einziger immer wieder in der Literatur der Wachtturm-Organisation zu diesem Thema zitiert. Auf die selbe Weise: Aus dem Kontext gerissen und im Zitat mit dem Buch der Bibel verknüpft.

    Der Text in 2. Petrus 1:21, den wir schon betrachtet haben, geht übrigens noch weiter. Das Kapitel endet zwar hier – aber die Kapiteleinteilung kam erst über eintausend Jahre später. Auch darüber werden wir in dieser Serie noch zu sprechen haben. Also lesen wir einfach einmal weiter:

    Doch es gab in Israel auch falsche Propheten, so wie es unter euch falsche Lehrer geben wird. Die schleusen dann schädliche Sonderlehren heimlich ein. Damit verleugnen sie den Herrn, der sie doch freigekauft hat, und ziehen sich selbst ein schnelles Verderben zu.

    2. Petrus 2:1 Neue Evangelistische Übersetzung

    Und diese Lehrer brachten auch ihre Schriften hervor. Das war also die Situation, in welcher der Text ‚der Bibel‘ entstand und bewahrt werden musste. Bestand denn die Gefahr, dass auch Texte nicht nur anders interpretiert sondern auch verändert wurden? Anscheinend schon:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Mancher bezeichnet die Bibel auch als ‚das Wort Gottes‘ oder ‚Gottes Wort‘. Wird nicht wenigstens davon gesagt, dass es bleibt?

    Und wir danken Gott weiterhin, denn als ihr das Wort Gottes, das ihr von uns gehört habt, angenommen habt, habt ihr es nicht als Menschenwort angenommen, sondern so, wie es wahrhaftig ist… Das Wort Gottes – das in euch Gläubigen wirkt!

    1. Thessalonicher 2:13 2001 Translation (ins Deutsche übersetzt)

    Zuerst einmal ist interessant, dass gesagt wird, dass sie das ‚Wort Gottes‘ gehört haben – nicht gelesen. Und dann angenommen. Und dann wirkte es in den Gläubigen. In diesem Text ist also auch kein Buch gemeint.

    Gibt es also irgend einen Bibeltext, der die Behauptung unterstützt, dass Gott und Jesus die Entstehung und Überlieferung ‚der Bibel‘ so geleitet hat, dass sie uns ganz genau und unverfälscht zur Verfügung stehen sollte? Hast du irgendwo in den Evangelien gelesen, dass Jesus seine Jünger beauftragt hat, seine Worte aufzuschreiben? Wenn es keine solchen Texte gibt, sollten wir das aber auch nicht über die Bibel oder Gott oder Jesus behaupten und sie dazu verpflichten. Sonst könnten sie eines Tages uns vielleicht fragen: Warum sagst du so etwas? Warum beklagst du dich, dass es nicht so gewesen ist? Wo habe ich dir das denn jemals zugesagt?

    Tatsächlich wird in einem Buch des Neuen Testaments etwas gesagt, was in diese Richtung geht: Die Apokalypse nach Johannes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 21:5 Züricher

    Klingt das danach, dass das Neue Testament in Buchform veröffentlich werden sollte? Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die erst um das Jahr 100 n. Chr. geschrieben wurde. Da gab es die anderen Schriften schon zum Teil viele Jahrzehnte. Ähnliche Formulierungen gibt es im Alten Testament.

    Dann sagte Jahwe zu Mose: „Schreib alles auf, was ich dir gesagt habe. Denn auf dieser Grundlage schließe ich mit dir und mit Israel einen Bund.“

    2. Mose 34:27 Neue Evangelistische Übersetzung

    Wehe den trotzigen Söhnen!“, spricht Jahwe. … Geh jetzt und schreibe es auf eine Tafel, / verzeichne es auch in ein Buch, / dass es bezeugt ist für alle Zeit!

    Jesaja 30:1,8 Neue Evanglistische Übersetzung

    So spricht Jahwe, der Gott Israels: „Alles, was ich dir gesagt habe, schreibe in eine Schriftrolle!

    Jeremia 30:2 Neue Evanglistische Übersetzung

    In meinem 30. Lebensjahr, am 5. Juli, befand ich mich unter den Verbannten am Fluss Kebar. Da öffnete sich der Himmel und ich sah Erscheinungen Gottes. An diesem Tag – es war das fünfte Jahr, nachdem König Jojachin in die Verbannung geführt worden war – kam das Wort Jahwes zu mir, dem Priester Hesekiël Ben-Busi im Land der Chaldäer am Fluss Kebar. Dort legte Jahwe seine Hand auf mich.

    Hesekiel 1:1-3 Neue Evangelistische Übersetzung

    Aber du, Daniel, bewahre die Worte zuverlässig auf und versiegle das Buch [Offenbar sollte er wie Jeremia 32,10ff ein Original aufbewahren, aber gleichzeitig offene Abschriften davon zugänglich machen.] bis zur Zeit des Endes.

    Daniel 12:4 Neue Evanglistische Übersetzung

    Wenden wir uns also der Offenbarung zu. Dort finden wir den Gedanken sogar mehrfach:

    Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.

    Schreib nun auf, was du gesehen hast, was jetzt geschieht und was danach geschehen wird.

    Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe

    Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: …

    Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: …

    Und ich hörte eine Stimme vom Himmel rufen: Schreib: Selig die Toten, die im Herrn sterben von jetzt an! Ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen, denn ihre Werke begleiten sie.

    Und er sagt zu mir: Schreib! Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind! Und er sagt zu mir: Diese Worte sind die wahrhaftigen Worte Gottes.

    Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.

    Offenbarung 1:10,11,19;2:1;2:8,12,18;3:1,7,14;14:13;19:9;21:5 Züricher

    Aber auch das Gegenteil:

    Als es wieder still war, wollte ich die Worte der sieben Donner aufschreiben. Aber da hörte ich eine Stimme aus dem Himmel rufen: „Nein, was die sieben Donner gerufen haben, muss verborgen bleiben. Schreibe es nicht auf!

    Offenbarung 10:4 Neue Evangelistische Übersetzung

    Abschließend heißt es in der Offenbarung noch:

    Ich bezeuge es jedem, der die Worte der Weissagung, die in diesem Buch aufgeschrieben sind, hört: Wer ihnen etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch aufgeschrieben sind. Und wer etwas wegnimmt von den Worten dieses Buches der Weissagung, dessen Anteil wird Gott wegnehmen vom Baum des Lebens und von der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist.

    Offenbarung 22:18, 19 Züricher

    Wir haben also eine anscheinend etwas überraschende Faktenlage:

    • In den ersten 26 Büchern des Kanons des Neuen Testaments wird 0 mal dazu aufgefordert, etwas aufzuschreiben.
    • Im letzten Buch des Kanons des Neuen Testaments wird 12 mal dazu aufgefordert, aufzuschreiben und 1 mal, es nicht zu tun.

    Dieser Unterschied ist aber eigentlich recht natürlich.

    Die ersten 4 Bücher des Neuen Testaments sind die Evangelien. Diese sprechen nicht davon, dass Jesus den Auftrag gegeben hätte, diese aufzuschreiben. In Lukas finden wir in der Einleitung den Grund dafür, dass dieses Evangelium geschrieben wurde:

    Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.

    Lukas 1:1-4 Züricher

    Der Entschluß kam hier also nach eigener Aussage nicht von Gott, sondern vom Schreiber selbst.

    Danach kommt die Apostelgeschichte:

    In meinem ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich berichtet über alles, was Jesus zu tun und zu lehren begonnen hat …

    Apostelgeschichte 1:1 Züricher

    Für die Apostelgeschichte gilt also das Gleiche. Danach kommen 21 Briefe – solche an bestimmte Versammlungen und allgemeine Briefe. Es liegt in der Natur eines Briefes, dass es ein Schriftstück ist. Voice-Mail gab es damals noch nicht. In keinem der Briefe wird jedoch gesagt, dass Gott den Auftrag dafür gab.

    Schließlich kommt die Apokalypse des Johannes. Das griechische Wort von dem Apokalypse – und auch Offenbarung – stammt, bedeutet wörtlich „enthüllen, aufdecken“. Hier betont der Schreiber vom ersten Vers an, dass der Inhalt nicht von ihm sei:

    Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, zu zeigen seinen Knechten, was in Kürze geschehen muss, und die er durch seinen Engel kundtun liess seinem Knecht Johannes, der das Wort Gottes bezeugt hat und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er geschaut hat.

    Offenbarung 1:1,2 Züricher

    Tatsächlich findet man in der Apokalypse des Johannes keine direkten Zitate aus dem Alten Testament. Es wird aber ausgiebig darauf Bezug genommen, sprachlich wie inhaltlich. Und zwar nicht zu knapp, wie man bei Michael S. Heiser auf 300 Seiten nachlesen kann (John’s Use of the Old Testament in the Book of Revelation):

    Die Offenbarung ist also der einzige Teil des Neuen Testaments, in dem der Auftrag gegeben wurde, den Text oder die Vision aufzuschreiben und sie so anderen mitzuteilen. Das ist ganz in der Tradition der Propheten Jesaja, Jeremiah, Hesekiel und Daniel und typtisch für den apokalyptischen Texttyp, den man schon in Jesaja, Sacharja, Daniel findet. Schon die Einleitung der Offenbarung mit ihrer Zeitangabe ähnelt Passagen in Hesekiel oder Daniel.

    In Offenbarung 1:11 wird Johannes sogar direkt angewiesen, das, was er gesehen hat, in ein Buch aufzuschreiben und an die 7 Gemeinden zu senden. Waren damit die buchstäblichen Gemeinden gemeint? Die 7-fache Aufforderung, an den Engel in … zu schreiben, ist da schon merkwürdig. Wie schreibst du ein Buch an den Engel? Oder ist das dann doch symbolisch gemeint? Schon sind wir mitten in der schwierigen Exegese der Offenbarung.

    Die eigentliche Frage in diesem Teil Serie zum Kanon des Neuen Testaments ist ja aber, ob dieses eien Aussage enthält, dass das Neue Testament sicher und unverfälscht überliefert werden würde.

    Das widerlegt schon Offenbarung 22:18, 19 selbst:

    Ich erkläre jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: „Wenn jemand etwas zu dem hinzufügt, was hier geschrieben steht, dem wird Gott die Plagen zufügen, die in diesem Buch beschrieben sind. Und wenn jemand irgendetwas von den prophetischen Worten dieses Buches unterschlägt, dem wird Gott das wegnehmen, was ihm in diesem Buch als Anteil zugesprochen ist, das Recht, in der heiligen Stadt zu wohnen und vom Baum des Lebens zu essen.“

    Offenbarung 22:18, 19 Neue Evangelistische Übersetzung

    Warum müsste sonst jedem mit Strafe gedroht werden, der etwas davon weglassen oder hinzufügen würde? Wenn eine unverfälschte Überlieferung von Gott und Jesus garantiert worden wären, könnte das ja gar nicht geschehen! Da es aber geschehen könnte, dann sollten wir prüfen, ob das auch geschehen ist. Und wenn ja, in welchem Umfang.

    Die Gläubigen im ersten Jahrhundert wurden wiederholt darauf hingewiesen wurden, dass sie alles prüfen sollten, ob es von Gott stammt. Sie konnten nicht einfach ‚ihre Bibel‘ holen und hätten damit einen perfekten, zuverlässigen Text gehabt, der nur ganz genau das enthielt, was Gott für sie hatte aufschreiben lassen.

    Andererseits haben wir gesehen, dass Petrus und Paulus unter ‚Schriften‘ den Text der jüdischen Bibel verstanden. Und dieser Text noch gut genug überliefert war, so dass daraus zitiert wurde um damit das Evangelium zu verkünden.

    Kommen wir nochmals auf die Aussage zur Bibel zurück, über die wir im ersten Teil dieser Serie gesprochen haben. Dort müssen wir einen ersten Satzteil streichen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Jetzt keine Panik deswegen bekommen. Wir werden im Laufe der Serie noch andere Aussagen betrachten, die nur einen trügerischen Halt bieten. Und diese durch solide Aussagen ersetzen. Die Schriften enthalten nämlich durchaus ein paar interessante Aussagen über sich selbst, wie wir im nächsten Teil sehen werden.

  • Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Der Kanon des Neuen Testaments – Teil 1: Was liest du, wenn du in ‚der Bibel‘ liest?

    Von Christian


    Ein Kind schaut dir beim Lesen zu und fragt dich: „Was liest du da?“ „Die Bibel“ „Und was ist die Bibel?“ „Na dieses Buch hier.“

     Einer der drei Bände der „Maximiner Riesenbibel“ aus der ehemaligen Trierer Reichsabtei St. Maximin.

    Nun gut, vermutlich ist dein Exemplar nicht so alt wie dieses. Was würde ein Kind dich vielleicht noch fragen?

    • Was steht da drin?
    • Wer hat es geschrieben?
    • Wie alt ist es?

    Bei der ersten Fragen antworten wir vielleicht mit einigen kindgerechten Begebenheiten oder Gleichnissen.

    Bei der zweiten Frage merken wir vielleicht schon, dass es schwieriger als bei anderen Büchern wird, bei denen der Autor auf dem Umschlag steht. Sagen wir „Die Bibel wurde von Gott geschrieben“, wird das Kind – und ich gebe zu, es ist ein ziemlich aufgewecktes Kind – vielleicht fragen: „Kann Gott denn auf Papier schreiben?“ “Ja, das hat er so ähnlich einmal gemacht. Aber das meiste haben Menschen geschrieben.“ “Ich dachte, Gott hat es geschrieben.“ „Ja, aber er hat Menschen das dann aufschreiben lassen.“ „Und wie geht das.“ Jetzt bist du dran, Inspiration zu erklären. “Er hat ihnen das eingegeben.“ “Wie geht dass denn?“ Wir merken schon, dass ist gar nicht so einfach, wie wir uns gedacht haben. “Und hat das nur einer geschrieben? Oder waren das mehr?“ Es gibt wohl noch eine ganze Menge zu erklären.

    „Und hat es dann nur ein Buch gegeben? Ist es das hier?“ „Anfangs ja, nein, das ist kompliziert. Eigentlich gab es anfangs gar kein Buch. Und genau genommen, ist es gar kein Buch, sondern eine Sammlung von Schriften.“ „Aber du hast doch gesagt, dass es ein Buch ist.“ „Ja, so nennen wir das. Aber das Schreiben hat ja weit über eintausend Jahre gedauert.“ „Also einer hat angefangen, und die anderen haben immer weitere Seiten geschrieben?“ Wir könnten uns diese Geschichte noch viel weiter ausmalen. Irgendwann wird auch mal das Thema Sprache und Übersetzungen kommen. Und wer diese Sachen dann zusammengestellt hat – und damit sind wir beim Kanon der christlichen Schriften.

    Und vielleicht fragen wir uns dann selbst irgenwann, woher wir wissen, dass der Text, den wir vor uns haben, von Gott stammt und wir ihn genau so vorliegen haben, wie er das möchte. Nicht mehr und nicht weniger, oder? Zumindest sollten wir uns das fragen, wenn wir unseren Glauben und unser Leben auf dieser Grundlage aufbauen.

    Ich weiß, dass mancher jetzt am liebsten vielleicht nicht mehr weiter machen möchte. Langweilig wird es nicht, kann ich dir versprechen. Aber vielleicht spüren wir ein Unbehagen, eine unterschwellige Angst, dass an einem Fundament unseres Glaubens gerüttelt wird. Und das kann Angst machen. Und es kann gut sein, dass dir manche Fakten, über die wir sprechen werden, anfangs unangenhem sind. Mir ging es nicht anders. Aber es ist wie beim Zahnarzt, wenn er mit etwas Kaltem den Zahn prüft. Hier ist Schmerz mal etwas Gutes: Du weißt, der Nerv im Zahn lebt noch. Und wenn es im Laufe dieser Serie anfangs mal etwas weh tut, ist das so ähnlich: Was deinen Glauben betrifft, ist noch Leben drin.

    Warum eine solche Überprüfung der Grundlage unseres Glaubens so wichtig ist, wird aus einem Gleichnis Jesu deutlich:

    “Darum gleicht jeder, der auf diese meine Worte hört und sie befolgt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, stürzt es nicht ein, denn es ist auf Felsen gegründet. Doch wer meine Worte hört und sich nicht danach richtet, gleicht einem unvernünftigen Mann, der sein Haus einfach auf den Sand setzt. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und das Hochwasser steigt, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, bricht es zusammen und wird völlig zerstört.

    (Matthäus 7:24-27 NEÜ)

    Jesus wollte damit zwar erklären, warum entsprechendes Handeln notwendig ist. Es trifft aber ebenso auf die Grundlagen unseres Glaubens zu: Wenn das Fundament nicht solide ist, kann das ganze Glaubensgebäude einstürzen. Und wer selbst schon einmal erlebt hat, wie das eigene Glaubensgebäude zusammenbrechen kann, weil vieles aus Lehren von Menschen bestand, könnte bei einem schlechten Fundament vielleicht sogar seinen Glauben ganz verlieren.

    Die Bibel ist doch das Fundament unseres Glaubens, oder nicht? Und was ist mit der Überlieferung über die Jahrhunderte durch die Kirche? Schon haben wir eine weitere interessante Frage. Und so wie der eine das spontan ablehenen würde, kann ein anderer es für selbstverständlich halten – und viele haben sich darüber wohl kaum Gedanken gemacht haben. Aber all das ist unbewusst unser Kontext, mit dem wir in der Bibel lesen. Fassen wir einmal einige dieser – zum Teil unbewussten – Überzeugungen in einem Satz zusammen:

    „Die Bibel ist Gottes Wort, die heilige Schrift, vollständig von Gott inspiriert und enthält damit exakt das, was Gott wollte. Sie ist uns genau so bis heute erhalten geblieben, wie die Bibel das selbst sagt, jedes Buch, Absatz, Satz, Wort, Komma und Punkt.“

    Diese Aussagen wollen in dieser Serie einmal anhand des Textes der Bibel und der historischen Fakten überprüfen. Dabei werden wir nicht einfach nur Dinge in Frage stellen oder Zweifel säen, sondern nach einem stabilen, robusten, auf Fakten beruhenden Fundament suchen. Es wird immer um konkrete Fragen gehen, die wir ganz konkret untersuchen, um konkrete Antworten zu finden, auch wenn diese manchmal nicht so simpel sind, wie wir das vielleicht lieber hätten.

    Das ist auch deswegen so wichtig, weil manche Behauptungen über die Bibel und Gott den Tatsachen nicht standhalten und das dann der Bibel oder Gott zur Last gelegt wird – obwohl die Behauptung gar nicht von Gott stammt und in der Bibel zu finden ist. Damit bringt man die Bibel oder Gott nur unnötig in Misskredit.

    Fangen wir zuerst einmal mit einer grundsätzlichen Beobachtung an: Wenn du in deiner Bibel liest, liest du dann genau das, was Gott gesagt hat oder hat aufschreiben lassen? Wieviele Annahmen stecken schon in dieser Überlegung? Ist dir bewusst, was alles zwischen Gott und dem Text steht, den du liest?

    Einige der Punkte, die beim Lesen der Bibel zu berücksichtigen sind

    Das Diagramm hier soll verdeutlichen, was alles zwischen Gottes Gedanken oder Absichten und dem Text, den du in deiner Bibel liest, liegt:

    • Zum Teil mündliche Überlieferung wie bei Teilen das ‚alten Testaments‘ oder den Evangelien
    • Der Schreiber, also ein Mensch, der Worte und Sätze erhielt oder bildete und niederschrieb – die Autographen.
    • Diejenigen, welche die Autographen abschrieben und Kopien der Kopien herstellten.
    • Diejenigen, welche im Laufe vieler Jahrzehnte den Kanon der Bibel festlegten, also welche Schriften in ‚der Bibel‘ enthalten sind.
    • Verschiedene Manuskripte, die Unterschiede aufweisen.
    • Die Texte wurden in verschiedenen Kulturen und Sprachen geschrieben, die Jahrtausende alt sind.
    • Die Texte aus den verschiedenen, unterschiedlichen Manuskripte wurden aus einer anderen Sprache und Kultur in deine Sprache übersetzt. Verschiedene Übersetzungen enthalten einen unterschiedlichen Wortlaut.
    • Du hast deinen eigenen kulturellen Hintergrund und Verständnis der Sprache, in der du die Bibel liest.

    All das und noch mehr muss berücksichtigt und beachtet werden, wenn wir die Bibel in unserer Sprache heute lesen.

    „Aber Gott hat das doch so geleitet, dass die Bibel uns genau überliefert worden ist.“ Ist das nicht ein Teil der Aussage, die ich vorhin vorgestellt habe? Vielleicht hast du aber auch die Befürchtung, die in einem Kommentar zu meinem Video Die letzte Generation zum Ausdruck kam. Im Video hatte ich gesagt, dass der Teil in Matthäus 24:3, welcher nicht in Markus und Lukas genannt wird, aus guten Gründen vermutlich nicht im Autograph vorhanden war. Ein Kommentar war dann:

    „Zu behaupten, dieser sogenannte Zusatz, „…was ist das Zeichen deiner Ankunft und das Ende der Weltzeit“, dass dieser nicht echt sein soll, ist nicht nur gewagt, sondern auch sehr gefährlich. …
    4. Weil dieses Gedankenspiel, einen Geist der Unsicherheit einflößt, der den Glauben an die Echtheit der Heiligen Schrift zu zerstören droht. Was muss man da noch anzweifeln in der Bibel, was echt ist usw.?! Wenn wir uns nicht mehr sicher sind, dass uns das Wort Gottes treu überliefert wurde, dann ist das ein sehr gefährlicher Weg, den wir da einschlagen. Wir zweifeln dann an der Echtheit des Wortes Gottes und auch daran, dass Gott nicht fähig wäre, Sein geschriebenes Wort bis heute zu bewahren.“

    Teil eines Kommentars zum YouTube Video Die letzte Generation

    Diese Befürchtung verstehe ich voll und ganz, weil ich sie auch hatte. Und viele andere in den letzten Jahrhunderten auch. Deswegen wollen wir jetzt auch kein ‚Gedankenspiel, das einen Geist der Unsicherheit einflößt‘ durchführen. Sondern die Fakten prüfen, um ein gesichertes Fundament auf Stein zu finden. Und genau das werden wir auch finden. Es kann sein, dass dir dieser Gedanke im Moment zu viel Angst einflößt. Aber Ignorieren und Leugnen hilft ja auch nicht. Vielleicht findest du später die Stabilität, dieses Thema anzugehen.

    Im nächsten Teil der Serie lassen wir zuerst einmal den Text der Bibel selbst sprechen.

  • Der Kanon des Neuen Testaments

    Der Kanon des Neuen Testaments

    Die Briefe und Schriften des ‚Neuen Testaments‘ entstanden über einen Zeitraum von etwa einem halben Jahrhundert. Wann und wie wurde daraus der Kanon, also festgelegt, welche Briefe und Schriften dazugehören und welche nicht? Gibt es Briefe, zum Beispiel des Paulus, die wir nicht kennen? In Kolosser 4:16 lesen wir: „Und wenn ihr diesen Brief bei euch vorgelesen habt, sorgt dafür, dass er auch in der Gemeinde von Laodizea gelesen wird! Und lest auch den Brief, den ich an sie geschrieben habe!“ Wo ist der Brief an die Laodizener? Er wurde kein Teil des Kanons. Der an die Kolosser hingegen schon. Warum? Und wer hat bestimmt, was hineingehört? Mit welchen Argumenten und Begründungen? Und warum wurde es überhaupt notwendig, dies festzulegen? Welche Rolle spielte dabei ein Christ mit Namen Markion (oder Marcion), dessen Namen und Lehre die meisten nicht einmal kennen?

    Das >Neue Testament< enthält 27 in griechischer Sprache verfasste Schriften. Etwa seit dem vierten Jahrhundert werden sie von fast allen Christen als gültiger Teil der Bibel anerkannt. Sie bild den sogenannten >Kanon des Neuen Testaments<.

    Bruce M. Metzgers Einführung in den Kanon des Neuen Testaments, die Darstellung seiner Entstehung, Entwicklung und Bedeutung ist ein bis heute unübertroffenes Standardwerk für Lehrende und Studierende der Theologie.