Forum

Der Gebrauch des Al…
 
Benachrichtigungen
Alles löschen

Der Gebrauch des Alten Testaments durch Paulus: Römer 1-3

1 Beiträge
1 Benutzer
0 Reactions
256 Ansichten
φιλαλήθης
(@philalithis)
Mitglied Admin
Beigetreten: Vor 4 Jahren
Beiträge: 106
Themenstarter  

(Dieser Beitrag beruht auf dem Gespräch zwischen Dr. Michael S. Heiser und Dr. Matt Halsted aus ‚The Naked Bibel Podcast‘)

Im Römerbrief erklärt Paulus zwei wichtige Konzepte anhand des Alten Testaments:

  1. Glaube, oder Glaubenssprache. Tatsächlich ist hier auch der Gedanke der Treue beinhaltet, denn das griechische Wort pistis kann im Wesentlichen beides bedeuten: Glaube und Treue.  
  2. Die Thora (das GESETZ) bzw. das Halten des Gesetzes.

Paulus rekonfiguriert beide Begriffe im Vergleich zum Alten Testament.

Glaube und Treue

Betrachten wir Römer 1:4,5:

„und als Sohn Gottes vorgestellt ist in Macht, bestätigt durch den Heiligen Geist und die Auferstehung aus dem Tod: die Botschaft von Jesus Christus, unserem Herrn. Er hat uns in seiner Gnade zu Aposteln gemacht und uns beauftragt, Menschen aus allen Völkern zum Gehorsam des Glaubens zu führen, damit sein Name dadurch geehrt wird.“  (Römer 1:4,5 NEÜ)

Der Begriff „Gehorsam des Glaubens“ ist im Urtext mehrdeutig. Vermutlich wollte Paulus beide Interpretationen zum Ausdruck bringen: (a) Gehorsam, der aus dem Glauben kommt, (b) Gehorsam, der Glauben ist. Paulus diskutiert also nicht Glauben im Gegensatz zu Werken, sondern Verdienst oder Gehorsam. Für gläubige Juden war Glaube und Gehorsam eng verknüpft. Das Schema Jisrael in 5. Mose 6:4-9 beginnt mit den Worten: „Höre Israel: Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein!“ (NEÜ) In der griechischen Übersetzung (Septuaginta) wird für „Höre“ ein Wort verwendet, dass sehr ähnlich zu dem Wort ist, das Paulus für „Gehorsam“ verwendet. Was Paulus im Römer-Brief tut, ist dieses ‚Glaubensbekenntnis‘ aus 5. Mose 6 zu rekonfigurieren: Der Glaube ist nun vor allem auch der Glaube an Jesus Christus. Und was er wirklich sagen will, ist, dass ein Bund mit Jahwe darin besteht, Jesus treu zu sein. Und dass auch die Heiden dazu gehören. Aber das ist eigentlich kein neuer Gedanke, sondern schon in Maleachi zu finden (das wurde in einem vorangegangenen Podcast erläutert).

Dieser Gedanke wird in Römer 1:14-16 fortgeführt, einem Text der fundamental für das Verständnis dieses Briefes ist:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; eine Kraft Gottes ist es zur Rettung für jeden, der glaubt, für die Juden zuerst und auch für die Griechen. Gottes Gerechtigkeit nämlich wird in ihm offenbart, aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte aber wird leben. …: Der Gerechte aber wird aus Glauben leben. (Römer 1:14-16 Züricher)

Paulus zitiert hier Habakuk 2:4. Auch hier wird das griechische Wort πίστις—pistis verwendet, das sowohl Glauben als auch Treue oder Loyalität bedeutet. Man könnte es also auch so übersetzen:

„Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes aus Treue für die Treue offenbart, wie geschrieben steht: ‚Die Gerechten werden durch Treue leben.‘“

Natürlich kann man auch bei „Glauben“ bleiben, wenn man sich bewußt ist, dass Glaube hier auch immer Treue, Loyalität und Jüngerschaft Jesu bedeutet. 

Ein weiterer Grund, warum diese Übersetzung passend ist, kommt aus dem zitierten Text in Habakuk 2:4 gemäß der Septuaginta:

„Aber die Gerechten werden durch meine Treue leben.“

o. durch seine Treue; o. in seiner Wahrheit. – LXX: aus meiner Treue, o. aus Glauben zu mir“ (Fußtnote Elberfelder Bibel)

Im hebräischen Text steht hingegen:

„Aber der Gerechte wird durch seine Treue leben.“ 

Im hebräischen Text kann sich Treue auf die des Gläubigen beziehen, oder ’seine’ könnte sich auch noch auf Gott beziehen. In der Septuaginta haben sich die Übersetzer für diese Variante entschieden. Und was macht Paulus. Er sagt weder ‚sein‘ noch ‚mein‘ sonder spricht einfach nur vom Glauben – im Sinne von Treue. Verstand Paulus diese Treue also als Treue gegenüber dem GESETZ (Thora)? Interessanterweise gibt es in den Schriftrollen vom Toten Meer (Qumran) einen Kommentar zu Habakuk 2:4

„Damit sind alle Juden gemeint, die das GESETZ halten, die Gott aufgrund ihres Leidens und ihrer Treue zum Lehrer der Gerechtigkeit aus dem Kreis derer retten wird, die dem Gericht verfallen sind.“

Wenn Paulus beim Glauben im Sinne von Treue auch immer die Treue zu Christus versteht, hat er sich von dem Denken der Juden in Wirklichkeit gar nicht so weit entfernt. Das wird auch in Römer 3:21,22 deutlich:

„Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes erschienen – bezeugt durch das Gesetz und die Propheten -,die Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist, die glauben. Denn da ist kein Unterschied:“ (Römer 3:21,22 Züricher)

Hier sagt Paulus gewissermaßen: „Etwas Neues ist geschehen. Und doch ist etwas geblieben… Das Neue, das geschehen ist, entspricht immer noch dem, was die Tora immer versprochen hat.“ Paulus interpretiert hier also Habakuk 2:4 im Lichte des Messias. Aber die Propheten wie Maleachi haben vorausgesagt, dass eine solche messianische Umgestaltung sowieso stattfinden würde. Das fasst zusammen, was Paulus hier in Römer 3 sagt: Sein Evangelium (das Evangelium von Jesus) ist neu im Vergleich zu dem, was wir im Alten Testament gesehen haben, aber das Alte Testament hat prophezeit, dass so etwas Neues sowieso passieren würde. Er agiert also immer noch in der gleichen Art und Weise. Das ist also wichtig.
Die Übersetzung vom Römer 3:22 ist allerdings in vielen Ausgaben verwirrend. „durch den Glauben … für alle …, die glauben“. Warum dieser doppelte Bezug auf Glauben? Grammatikalisch könnte man den griechischen Text auch so übersetzen: „Die Gerechtigkeit Gottes ist offenbart worden durch den Glauben (im Sinne von Treue) von Jesus Christus.“ Und das passt auch besser zu Habakuk 2:4
Das ist das ‚messianische Thema‘ des Alten Testaments, das Paulus klar machen will: Gottes Gerechtigkeit sollte offenbart werden, durch die Treue eines Menschen. Und das ist der Christus.
Das Halten des GESETZES (Thora)

Das ist das zweite große Thema von Paulus im Römer-Brief.

„Alle, die ohne Kenntnis des Gesetzes gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz zugrunde gehen, und alle, die in Kenntnis des Gesetzes gesündigt haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden. Denn nicht die, die das Gesetz hören, sind bei Gott gerecht, sondern diejenigen, die tun, was das Gesetz sagt, werden gerecht gesprochen werden. Wenn nämlich die Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus tun, was das Gesetz gebietet, dann sind sie – obwohl sie das Gesetz nicht haben – sich selbst das Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen das Gesetz mit allem, was es will und wirkt, ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt davon Zeugnis ab, und ihre Gedanken verklagen oder verteidigen sich gegenseitig …“ (Römer 2:12-15 Züricher)

Die Heiden haben die Thora aufgrund des Ortes ihrer Geburt und Herkunft nicht gehört. Aber irgendwie ist es doch in ihren Herzen schon enthalten:

„Die Beschneidung nützt dir nämlich nur dann, wenn du das Gesetz befolgst; übertrittst du aber das Gesetz, so ist aus deiner Beschneidung Unbeschnittensein geworden. Wenn nun ein Unbeschnittener (also Heide) sich an die Forderungen des Gesetzes hält, wird ihm sein Unbeschnittensein dann nicht als Beschneidung angerechnet? So wird, wer von Natur aus unbeschnitten ist, das Gesetz aber erfüllt, richten über dich, der du trotz Buchstabe und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist. Denn nicht der ist ein Jude, der es nach aussen hin ist, und nicht das ist Beschneidung, was äusserlich am Fleisch geschieht, nein, ein Jude ist, wer es im Verborgenen ist, und die Beschneidung ist eine Beschneidung des Herzens, nach dem Geist, nicht nach dem Buchstaben; eines solchen Lob kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.“ (Römer 2:25-29 Züricher)

Auch hier erfindet Paulus nichts Neues, sondern bezieht sich auf 5. Mose und Jeremia. Das wirklich Erstaunliche ist aber, das Paulus hier sagt, die Heiden können das GESETZ halten, ohne eines der wichtigsten Gebote des Gesetzes – die Beschneidung – zu halten! Aber im Kontext bezieht sich Paulus auf die Christen – die Gläubigen an den Messias. Sie sind diejenigen, deren Herzen beschnitten wurden. Und wenn ihre Herzen beschnitten sind, dann sind sie auch beschnitten und halten das Gesetz – sie halten die Tora.

„So beschneidet eure Herzen, und seid fortan nicht mehr widerspenstig.“ (5. Mose 10:16 Züricher)
„Jahwe, dein Gott, wird dein und deiner Nachkommen Herz beschneiden, damit du Jahwe, deinen Gott, mit Herz und Seele liebst und am Leben bleibst.“ (5. Mose 30:6 NEÜ)
„Beschneidet euch so, wie es Jahwe gefällt, / und entfernt die Vorhaut eures Herzens, / ihr Leute von Juda und Jerusalem. / Sonst bricht mein Zorn wie Feuer los / über euer boshaftes Tun; / er brennt, / und niemand kann ihn löschen.“ (Jeremiah 4:4 NEÜ)

Auch hier schöpft Paulus also aus dem tiefen Brunnen seines Judentums. Er sagt nichts Seltsames oder Ungereimtes. Er treibt hier die Geschichte Gottes voran, weil er nicht mehr glaubt, dass man körperlich beschnitten sein muss, wie es die Thora und das Judentum seiner Zeit vorschrieben. Es gibt also eine Diskontinuität zwischen seinem Messianismus und dem Judentum, in dem er lebt. Er definiert, was die Beschneidung des Herzens bedeutet, und das ist der Glaube und die Treue zu Jesus.

Was will Paulus damit sagen? Nun, sein Standpunkt ist ziemlich einfach. Er sagt im Wesentlichen, dass Jesus der Messias ist und er deshalb derjenige ist, der die gesamte Berufung Israels um sich herum neu gestaltet hat… Weil Paulus das glaubt, erkennt er, dass sich die Treue nicht mehr auf die Thora an sich konzentrieren sollte, sondern auf den Messias, der die Tora selbst erfüllt hat. Und das ist sehr wichtig, denn er ist der Meinung, dass man die Tora erfüllt, wenn man an Jesus, den Messias, glaubt, denn durch ihn wurde die Tora erfüllt. Das sagt Paulus auch später, ganz am Ende von Römer 3.

„Machen wir jetzt durch den Glauben das Gesetz ungültig? Ganz im Gegenteil: Wir bestätigen das Gesetz!“ (Römer 3:31 NEÜ)

Und daher sagt er später dies:

„Denn mit Christus hat der Weg des Gesetzes sein Ziel erreicht. Jetzt wird jeder, der glaubt, für gerecht erklärt.“ (Römer 10:4 NEÜ)

Ein Grund, warum Paulus sagt, dass man die Thora (Beschneidung, Speisegesetze und so weiter) nicht einhalten muss, ist: „In Christus sind sie erfüllt.“  Okay. Kinderleicht. Ergibt Sinn. Aber die anderen Gründe, die Paulus in Römer 2 dafür nennt, dass man die Thora nicht halten muss, sind, dass die Thora die Berufung Israels sowieso nicht wirklich erleichtern konnte. Oder? Die Thora hat nur darauf hingewiesen, wie schlecht sie die ganze Zeit waren. Ja, die Thora hebt nur das Versagen hervor. Wenn die Thora also das Versagen Israels, Gottes Auserwählte zu sein, hervorhebt, wie können wir uns dann auf die Thora verlassen, um uns zu versichern, dass wir Gottes Auserwählte sind? Die Gewissheit, dass wir die Auserwählten sind, können wir nur haben, wenn wir im Messias Jesus sind. Und das zeigt er mit einem Zitat aus Jesaja auf:

„Wenn du dich aber einen Juden nennst und dich auf das Gesetz stützt und deinen Ruhm auf Gott gründest, wenn du seinen Willen kennst und, da du gesetzeskundig bist, beurteilen kannst, worauf es ankommt, wenn du dir also zutraust, ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht für die in der Finsternis, ein Erzieher der Unwissenden, ein Lehrer der Unmündigen, der im Gesetz die Verkörperung der Erkenntnis und Wahrheit hat – du also belehrst den anderen und dich selbst belehrst du nicht? Du verkündest, man dürfe nicht stehlen, und stiehlst? Du sagst, man dürfe die Ehe nicht brechen, und brichst sie? Du verabscheust die fremden Götter und begehst Tempelraub? Du rühmst dich des Gesetzes und raubst Gott die Ehre durch die Übertretung des Gesetzes! Denn, wie geschrieben steht: Der Name Gottes wird um euretwillen in Verruf gebracht unter den Völkern.“ (Römer 2:17-24 Züricher)

Er zitiert aus Jesaja 52:5. Und wenn er das Alte Testament verwendet, dann stellt Paulus all diese Dinge um den Messias herum neu zusammen. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, wie Paulus in Römer 1-3 Schlüsselkonzepte wie das Halten der Thora und die Sprache des Glaubens umgestaltet und neu kontextualisiert, und das auch mit der Sprache der Gerechtigkeit so macht.



   
Zitat
Teilen: