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  • Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel?

    Von Christian


    Ist die Erde flach und was sagt die Bibel? Ich weiß, das Thema ist sozusagen ein ‚heißes Eisen‘, das man besser nicht anfassen sollte. Und es ist ein Thema, das man in einem einzelnen Video auch nicht umfassend behandeln kann. Außerdem gibt es schon mehr als genug Videos und Lesestoff dazu. Also warum noch ein weiteres Video? Weil es hier nicht darum geht, dir eine Antwort zu geben – das versuchen schon genügend Leute. Sondern wir betrachten ein paar Möglichkeiten, wie du für dich selbst Antworten finden und Erkenntnisse erlangen kannst.

    Vielleicht hast du schon einmal diesen Holzstich gesehen, der auch „Wanderer am Weltenrand“ genannt wird.

    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour
    Flammarions Holzstich – erstmals erschienen in L’atmosphère, Paris 1888, als Illustration zu La forme du ciel im Kapitel Le jour

    Wenn du jetzt denkst, dass dies eine mittelalterliche Darstellung ist und die Menschen und die Gelehrten damals dachten, dass die Erde flach ist, …, dann solltest du für dich herausfinden, ob das richtig ist. Falls du keine größere Bibliothek mit historischen Ausgaben in der Nähe hast, schau zum Beispiel bei Wikipedia vorbei. Das Bild stammt von 1888! Aber wegen seines Stils hielten es im 20. Jahrhundert viele für eine mittelalterliche Darstellung dessen, was die Menschen glaubten. Es ist also gut, nicht vorschnell Schlüsse zu ziehen.

    Also nochmal die Frage: Ist die Erde flach und sagt das die Bibel überhaupt? Das sind eigentlich schon zwei Fragen. Und für die Ungelduldigen gebe ich schon einmal die Antworten: Ja und Nein und Ja und Nein. Wie bitte? 🤷‍♂️ Nein, das ist kein Unsinn sondern ein Hinweis darauf, dass die Frage alleine nicht anders zu beantworten ist. Es fehlt der Kontext der Frage. Und der ist entscheidend für die Antwort, wie wir sehen werden. Das sehen wir schon beim ersten Teil der Frage.

    Ist die Erde flach? Ja und Nein, irgendwie doch und aber auch wieder nicht

    Vielleicht lebst du in einer Gegend mit Hügeln und Bergen oder einer Ebene. Schauen wir uns einmal die Rhein-Neckar-Region in Deutschland an, denn da gibt es beides: Das etwa 40km breite Rheintal, welches auf beiden Seiten von Hügelketten eingerahmt ist. Und an einem Rand liegt Heidelberg mit seinem berühmte Schloss am Übergang von der Ebene zu den Hügeln:

    castle in heidelberg
    Photo by Masood Aslami on Pexels.com

    Wer mit dem Fahhrad in der Rheinebene fährt, findet es gar nicht so anstrengend, denn es ist ja eine flache Strecke. Eine flache Strecke! Wer die Rheinebene hoch- und runterschaut, für den ist die Erde flach. Flach so weit das Auge reicht! Wer aber den Philosophenweg hochläuft, dann wieder runter, über den Neckar und dann zum Heidelberger Schloß hoch, wird das nicht so empfinden. Aber das steht halt auf einem Hügel auf der ansonsten flachen Erde. Ich bin mir sogar sicher, dass jeder im täglichen Leben ständig davon ausgeht, dass die Erde flach ist. Warum? Weil man bei allem, was man so macht, aus Erfahrung davon ausgeht – und es funktioniert!

    Nehmen wir einmal die Zimmer deiner Wohnung als Beispiel. Wenn du vier gerade Wände hast, wirst du erwarten, dass die Wände in den vier Ecken jeweils in einem sogenannten rechten Winkel stehen:

    Wenn du ein Gerät wie dieses in einer Ecke an die Wände anlegst und dann in die anderen Ecken hältst, sollte sich das immer gleich anfühlen:

    Aber selbst wenn nicht alles so gerade ist, wirst du festellen können, dass die Summe der Winkel immer 360° ist. Die Mathematiker befassen sich lieber mit der Fläche mit den wenigsten Ecken. Also spannen wir ein Seil quer durch den Raum und messen nach:

    Dann ergibt sich für die Summe der Winkel in den Ecken 180°. Und zwar immer. Auch wenn dein Raum krumm ist, solange die Wände halbwegs gerade sind und es nur gerade Wände und Ecken gibt. Das hat man schon in der Antike gewusst und Euklid hat es in seinem Lehrbuch aufgeschrieben und man nennt das heute Euklidische Geometrie:

    Die Summe der Winkel eines Dreiecks ist immer 180°. Immer. Egal was du machst, solange die Seiten gerade sind.

    Euklidische Geometrie

    Das funktioniert aber nicht nur in deiner Wohnung, sondern auch zwischen Gebäuden und sogar zwischen Ortschaften. Damit haben wir nachgewiesen:

    Ist die Erde flach? Ja! Die Erde ist flach! [Kontext: Soweit dein Auge reicht …]
    Und das sagen alle Leute auf der Erde! [Kontext: Soweit ihr Auge reicht …]
    Und auch wenn du weit reist, ist deine Umgebung flach. [Kontext: Soweit dein Auge dort reicht …]

    Wenn wir jetzt uns sagen, dass wir uns nur auf unsere Sinneswahrnehmungen verlassen müssen, die doch zeigen, dass um uns herum die Erde flach ist, dann ist auch die ganze Erde flach. So ähnlich hat sich das der Herr Melchior Dönni aus Luzern überlegt und 1902 sein «Weltall-Erd-Relief» beim Amt für Geistiges Eigentum in Bern angemeldet. Wäre unsere Sehkraft besser, so glaubt er, könnten wir vom Pilatus bis nach New York schauen. Er hat mit viel Mühe und Ton sein Relief gebaut:

    Der Nordpol ist im Zentrum der Scheibe, darum die damals bekannten Kontinente und am Rand der Südpol. Etwas mutig war vielleicht die Schweizer Fahne am Nordpol, aber das ist eine andere Geschichte. Was den Südpol betrifft, hatte er ihn bestimmt nicht mit eigenen Augen gesehen. Tatsächlich hatte noch niemand den Südpol erforscht! Daher sagte Dönni 1902 voraus: Sobald die Naturforscher bis zum Südpol vorgestossen seien, werde man auf die unüberwindlichen Eismassen stossen, welche den Rand der Welt bildeten. 1911 erreichte Roald Amundsen den Südpol. Der Ring von unüberwindlichen Eismassen war nicht gefunden worden. Dönni hat das nicht mehr miterlebt – er war Jahre zuvor gestorben.

    Doch schon in der Antike konnten manche Menschen weiter als bis zur übernächsten Ortschaft reisen. Und mit der Zeit wurde die Messinstrumente auch immer genauer. Und wenn man ganze Länder oder Kontinente so vermisst … ergibt sich ein Problem. Die Messergenisse der Winkel sind immer zu groß. Egal, wie man es anstellt. Und je weiter die Abstände sind, desto schlimmer wird es! Wie kann das sein?

    Jetzt heißt es kreativ zu sein. Und es gibt eine Menge kreative Ideen. Wenn du eine gewissen Vorstellung hast, nimm sie, und überprüfe sie unter allen möglichen Umständen. Das solltest du auch von jedem erwarten, der eine andere Idee vertritt.

    Ich möchte dir einmal eine Idee vorstellen, auf die schon ein schlauer Grieche in der Antike und seitdem noch andere gekommen sind. Du kannst die Idee selbst überprüfen, wenn du zum Beispiel einen Ball zu Hause hast. Male die Linien so auf den Ball und miss den Winkel an den Ecken:

    Von einem Punkt aus bis zur ‚Mitte‘ und weiter bis zum Anfang, wie in diesem Bild. Das ergibt nicht 180° sondern 270°. Aber wenn der Ball groß und das Dreieck klein ist, dann kommst du immer näher an die 180° heran. Egal wie du das zeichnest! Schlaue Leute haben den Ball jetzt Globus genannt, ihre ganzen Messungen eingetragen und festgestellt, dass das ziemlich gut funktioniert!

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist eine Kugel [Kontext: Soweit die Füße tragen und du ziemlich weit laufen kannst.]

    Die schlauen Leute haben übrigens immer besser gemessen und gemerkt, dass die Erklärung mit einer perfekten Kugel nicht so perfekt ist. Aber wenn man den Globus ein bischen verformt, passt es wieder ganz gut. Und dann fragen dich Leute von der Küste, warum denn das Meer bei ihnen regelmäßig steigt und fällt. Und zwar nicht einmal am 24 Stunden Tag sondern zweimal! Zweimal Ebbe, zweimal Flut … Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Falls dir das Beispiel zu abstrakt war. Hier ist ein anderes aus der Praxis, das ich schon selbst erlebt habe. Bekanntlich verbraucht ein Flugzeug Treibstoff. Je länger es fliegt, desto mehr verbraucht es. Solange, bis die Tanks leer sind. Das will man natürlich vermeiden, wenn man zum Beispiel Leute von Frankfurt am Main nach San Francisco bringen will. Wenn das Wetter mitspielt, versucht der Pilot auf direktem Weg von Frankfurt nach San Francisco zu fliegen, um so wenig Treibstoff wie möglich zu verbrauchen. Also hätte ich Frankreich, den Nordatlantik und die USA von der Ost bis zur Westküste sehen müssen:

    Was der Pilot angekündigt hat und ich gesehen habe, war aber eher diese Route:

    Ich sah England, Schottland, Island, Grönland, Kanada und den Westen der USA. Die Strecke erscheint viel länger, was eine längere Flugdauer und höheren Treibstoffverbrauch bedeutet. Lag das an einem Unwetter oder wollte der Pilot uns einfach diese schönen Gegenden zeigen? Auch hier gibt es neben diesen Erklärungen auch noch eine Menge andere Möglichkeiten. Wie wäre es mit dieser? Zeichnen wie einmal die Flugstrecke auf dem Globus ein, den sich Kartographen ausgedacht haben. Leider habe ich so einen kugelrunden Ball nicht bei mir zu Hause, aber am Computer kann man es so darstellen lassen, als würde man auf den Globus schauen. Du kannst das gerne an einem Globus selbst ausprobieren:

    Faszinierend, nicht wahr? Wenn ich meine Vorstellung – wir Physiker würden das Modell oder Theorie nennen – so erweitere, dass die Erde für mich flach erscheint, wenn ich zu Fuß unterwegs bin, aber auf Entfernungen, die ich mit dem Flugzeug zurücklegen kann, auf eine Kugel (Globus) zeichne, dann flog der Pilot wirklich den kürzesten Weg. Möglichst schnell und mit möglichst wenig Treibstoff, denn der kostet ja bekanntlich Geld.

    Ist die Erde flach? Nein! Sie ist insgesamt eher rund wie eine Kugel. [Kontext: Wenn du ganz viel mit dem Flugzeug kreuz und quer über alle Kontinente und Meere fliegst.]

    Wie gesagt. Es hätte auch anderen Gründe geben können. Und du kannst dir ein anderes Modell wählen, um den Flug zu erklären. Dein Modell – deine Vorstellung – sollte dann aber möglichst auch alle Flüge auf der Erde erklären können. Und dann vergleiche diese Erklärung mit der recht einfachen eines Globus. Das heißt noch nicht, dass die Erklärung mit dem Globus ‚die Richtige‘ oder ‚Wahre‘ ist, nur weil sie einfacher ist oder mehr erklären kann. Aber damit kommen wir schon in den Bereich, den man Erkenntnistheorie nennt.

    Woher können wir denn wissen, ob die Vorstellung, die wir haben, ‚real‘ ist? Manche akzeptieren nur, was sie mit ihren eigenen Sinnen erfassen können. Der Ansatz ist zwar etwas radikal, aber das kann man so für sich entscheiden. Manche starten auch mit diesem Ansatz, um zu zeigen, dass die Erde ingesammt flach ist. Jetzt sollte aber dein Verstand mit deinem kritischen Denken einsetzen und den Widerspruch erkennen: Wenn jemand nur akzeptiert, was man selbst wahrnehmen kann, dann erstreckt sich das Wissen nur soweit man sehen kann. Dann sollte man aber keine Behauptung über die ganze Erde aufstellen, wenn man nur einen Bruchteil sehen kann oder selbst gesehen hat.

    Wenn man es macht, dann sollte man diese auch mit unserer Umgebung vergleichen? Aus den Erfahrungen bildet man eine Vorstellung – ein Modell oder Hypothese – und nimmt an, dass es immer und überall gilt. Und jetzt kommt der entscheidende Teil: Wohlwissend, dass die Hypthoses vermutlich nicht mehr funktioniert, wenn man in viel größeren oder viel kleineren Bereichen misst. Und die Vorstellung sollte so konkret und überprüfbar sein, dass andere diese mit Freuden kaputt machen können, wenn sie die Vorstellung auf Bereiche ausdehnen, die über den ursprünglichen hinausgehen. Genau das passiert, wenn wir nicht mehr zu Fuß sondern mit dem Flugzeug unterwegs sind.

    Eine ganze Reihe von Argumenten für oder gegen eine flache Erde gehen auch genau in diese Richtung: Wie kann ich ermitteln, wie die Welt um uns herum ist?

    Ein gutes Modell oder Vorstellung muss möglichst einfach auch viel erklären können. Wenn wir uns eine flache Erde vorstellen, müssen auch irgendwo Sonne, Mond und Sterne sein. Wie kommt es dann zu Tag und Nacht in den verschiedenen Teilen der Welt? Und dem unterschiedlichen Sonnenstand während der Jahreszeiten? Und was ist mit den Mondphasen? Oder Sonnenfinsternissen? Lass es dir erklären oder bastle dir aus Pappe eine flache Erde und Sonne und Mond dazu und probier es aus. Wenn du einen Mechanismus gefunden hast, füge die Planeten und ihre beobachtbaren Bahnen hinzu. Zumindest einige kann man ja auch mit bloßem Auge beobachten – das haben schon die Babylonier getan und sehr präzise Aufzeichnungen darüber geführt, die bis heute erhalten sind.

    Ich habe bewußt von beobachtbaren Bahnen der Planeten gesprochen. Auch Sonnenauf- und Untergang sowie Position am Himmel kann man direkt beobachten. Die gleichen Beobachtungen sind auch beim Mond direkt möglich. Und dann hatten wir noch Ebbe und Flut angesprochen. Das ist also alles im Bereich des zu Erklärenden auch für diejenigen, die nur akzeptieren, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Im Prinzip ist das ja eine empirische Vorgehensweise: Mit den eigenen Sinnen Dinge wahrnehmen und die eigene Vorstellung mit den Ergebnissen der Beobachtung überprüfen. Klingt erst einmal vernünftig. Oft wird dann angeführt, dass gemäß der Beobachtungen eines jeden die Erde in der Umgebung flach ist. Das haben wir schon als richtig erkannt. Zumindest im Rahmen der Genauigkeit unserer Sinne. Und dann werden noch andere Dinge angeführt. Aber was nicht angeführt wird – und hier sollte unser kritisches Denken wieder einsetzen – sind die Beobachtungen an Sonne, Mond und Planeten und Sternen und Ebbe und Flut usw. Das kann immer noch jeder selbst mit den eigenen Sinnen beobachten. Kann das aber auch mit einer flachen Erde erklärt werden? Versuche es … Und dann versuche es mit einem Globus.

    Der Gedanke, nur zu akzeptieren, was jeder mit den eigenen Sinnen wahrnehmen kann, hat aber seine Grenzen. Hat jemand schon einmal die Erde als Ganzes auf einmal gesehen? Wenn das nicht der Fall ist, wie kann man auf dieser Basis dann behaupten, dass die ganze Erde flach ist? Da wird doch dann von einem kleinen Teil auf die ganze Erde geschlossen – im Widerspruch zu der Vorstellung, dass man nur akzeptiert, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden kann.

    Ist es denn ein Widerspruch, der jeder auf der Erde seine Umgebung als flach wahrnimmt, die ganze Erde dann aber nicht flach sein soll? Du kannst praktischen jeden auf der Erde fragen: In meiner Umgebung sprechen alle meine Sprache (ich weiß, es gibt Ausnahmen). Sprechen daher auf der ganzen Erde alle die selbe Sprache? Du musst nur weit genug von deinem Ort weggehen, und irgendwann spricht man nicht mehr deine Sprache. Und wenn du jemanden fragst (vorausgesetzt, du kannst dich mit der Person verständigen), wird sie dir sagen, dass alle dort diese Sprache sprechen. Aber noch einfacher ist es, wenn du einen großen Ball nimmst und ein flaches Stück Pappe darauf legst und genau hinschaust.

    Lebt denn irgend jemand streng nach dem Prinzip, nur zu akzeptieren, was jemand selbst mit Sinnen wahrnehmen kann? Existiert die Sonne auch nachts, wenn du sie nicht siehst? Streng genommen darf man das nicht behaupten. Wenn du mit jemandem sprichst, und die Person dann weggeht, existiert sie noch? Telefonieren gilt nicht, denn da ist ja ganz schön viel Technik mit im Spiel. Und wenn jemand noch nie persönlich in den USA war, dann ist deren Existenz und die von über 300 Millionen Menschen sowie die der Herren Trump und Biden nicht zu akzeptieren.

    Letztendlich geht es in der Diskussion doch oft darum, ob du und ich den Beweisen, die andere mit oder ohne Technik erarbeitet haben, vertrauen kannst. Und auch darin steckt ein Körnchen Wahrheit. Denn auch in der heutigen Wissenschaft akzeptiert man keine Erklärung (Theorie) oder Beobachtung (Experiment), wenn nur eine Person oder Gruppe das vorlegt. Andere müssen das nachvollziehen können. Das ist zumindest das Ideal.

    Über diese Aspekte könnten wir noch lange sprechen. Kommen wir aber zum eigentlichen Thema zurück. Warum wird überhaupt die Frage so heftig diskutiert, ob die Erde eine flache Scheibe ist oder nicht? Im täglichen Leben kann dir das doch völlig gleich sein. Es muss also um etwas anderes gehen. Könnte es sein, dass der zweite Teil der Frage für dich der Grund ist: Sagt die Bibel denn nicht, dass die Erde flach ist? Und wenn die Bibel Gottes inspiriertes Buch ist, dann muss es doch stimmen. Also geht es darum, ob man Gott und der Bibel oder der weltlichen Wissenschaft glaubt? Wir werden sehen. Und wieder die Bedeutung des Kontexts erkennen.

    Was steht im Text der Bibel?

    Um diese Frage zu beantworten, müssten wir das antike Hebräisch, Aramäisch und Griechisch der verschiedenen Epochen und Regionen verstehen. Und auch den kulturellen Kontext der Menschen, von denen und für die der Text primär geschrieben wurde. Wer kann das schon. Selbst die Experten müssen diese Informationen erst wieder so gut es geht rekonstruieren. Die Übersetzung in unsere Sprache bringt also den Text aus dem antiken Kontext in unseren Kontext und das kann die Aussage erheblich beeinflussen. Daher wollen wir erst einmal versuchen, den Text selbst besser zu verstehen. Hier ein paar Beispiele:

    Sie ziehen hin und her, wie er sie lenkt, / um alles, was er ihnen gebietet, / zu wirken auf dem Kreis der Erde.

    … über der Fläche des Erdkreises.

    … auf dem ganzen Erdenrund.

    Hiob 37:12 Einheitsübersetzung 2016, Elberfelder, NEÜ

    Und was steht nun im hebräischen Text?

    Dort steht also so etwas wie ‚das Angesicht der ganzen Erde‘. Das verwendete Wort für Erde ist אֶרֶץ erets (Strong’s 776), das gemäß diesem Lexikon 2503 mal verwendet wird und schon ab 1. Mose 1:1 mit ‚Erde‘ übersetzt wird. Im Lexikon Brown-Driver-Briggs werden die verwandten Wörter in anderen semitischen Sprachen gezeigt. Analyisiert man die vielen anderen Texte mit diesem Wort, ergibt sich diese Bedeutung:

    Erde, ganze Erde (in Gegensatz zu einem Teil)
    Erde, in Gegensatz zum Himmel, Himmel im Sinne von Firmament
    Erde, Bewohner der Erde
    Land, Region, Territorium
    usw.

    Was schließt du aus der Verwendung des Wortes in all diesen Verwendungen – ich hoffe, du hast alle 2503 Stellen gelesen – über seine Bedeutung? Du musst kein Sprachwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass mit diesem Wort keine geometrische Form beschrieben werden sollte. Es geht um die Bezeichnung unseres Lebensraumes in Abgrenzung zu anderem.

    Schauen wir uns weitere Verwendungen an. Also am besten eine Stelle, die gerne im Rahmen dieses Themas zitiert wird:

    Er thront über dem Kreis der Erde, …

    Jesaja 40:22 Züricher

    Und im Hebräischen?

    Was liest du? Zum einen das selbe Wort für Erde. Und dann denn Zusatz ח֣וּג ḥūḡ, der mit Kreis übersetzt wird. Was bedeutet das? Auch hier musst du kein Sprachwissenschaftler sein. Wenn es in diesem Text nötig war, das Wort für ‚Kreis‘ hinzuzufügen, dann bedeutet es ja umgekehrt, dass das Wort für Erde אֶרֶץ erets gerade nichts über die Form sagt. Sonst wäre der Zusatz unnötig. Und was hat es nun mit dem Wort für Kreis auf sich? Wie oft wird es wohl in der Bibel verwendet? Was meinst du? Genau drei mal – inklusive Jesaja 40:22. Es wird daher nicht so leicht sein, die genaue Bedeutung aus der Verwendung abzuleiten. Also schauen wir uns besser die beiden anderen Texte an:

    Du aber sagst: Was weiss denn Gott? Kann er richten hinter den dunklen Wolken?  Wolken umhüllen ihn, dass er nichts sieht, und auf dem Kreis des Himmels geht er einher.

    Hiob 22:14 Züricher

    als er noch nicht gemacht die Erde und die Fluren, noch die Gesamtheit der Erdschollen des Festlandes. Als er den Himmel feststellte, war ich dabei. Als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe, …

    Sprücher 8:26,27 Elberfelder

    Steht in der Bibel, dass die Erde flach ist? Jaein! Zumindest lesen wir von einem Kreis der Erde [Kontext: Buch Hiob] Aber auch vom Kreis des Himmels und Kreis der Fläche der Tiefe [Kontext: Buch Sprüche].

    Ist für dich die Sache damit klar? Wenn du bei diesen Texten sagst, dass damit eine Aussage über die Geometrie der Erde (flach oder Kugel) gemacht wird, dann musst du es auch bei diesem Text machen:

    Er gab der Erde ein festes Fundament, / dass sie durch nichts mehr zu erschüttern ist.

    Psalm 104:5 NEÜ

    Wieder das selbe Wort für Erde אֶרֶץ erets (Strong’s 776). Und wenn die Erde ein festes Fundament hat, dann kann es ja keine Kugel im Nichts sein, oder? Wie steht es dann mit dem Kontext dieses Verses?

    Auf, meine Seele, preise Jahwe! / Jahwe, mein Gott, du bist sehr groß, / bekleidet mit Hoheit und Pracht. Das Licht umgibt dich wie ein Gewand, / den Himmel spannst du wie ein Zeltdach aus. und baust deine Kammern über dem Wasser dort auf. / Du machst die Wolken zu deinem Wagen / und schwebst auf den Schwingen des Sturms.

    Psalm 104:1-3 NEÜ

    Der Himmel hat also die Gestalt eines Zeltdaches. Also in etwa so wie bei der Stiftshütte?

    Wikipedia

    Du kannst nicht beides haben. Vers 5 wörtlich als eine Aussage über die Form der Erde nehmen und den Vers 2 im Kontext dann nicht. Die Himmel passen dann aber eher nicht zu einer runden, kreisförmigen Erde, oder? Aber es geht in Vers 3 noch weiter, hier in der Interlinear Übersetzung:

    „der im Wasser seine Gemächer baut, der Wolken zu seinem Wagen macht, auf Flügeln des Sturms dahinfährt, …“ (Psalm 104:3 Züricher) Jahwe macht die Wolken zu seinem Streitwagen! Denkst du wirklich, dass hier gesagt wird, dass Jahwe am Himmel mit einem Wagen fährt? „Aber das ist doch eine Vision!“, denkst du vielleicht. Nein, ist es nicht. Der Psalm ist keine Vision sondern eine Beschreibung. Und alles steht im selben Kontext. Macht dann der Text überhaupt einen Sinn? Ja, aber dazu muss man verstehen, was der Kontext ist. Der Kontext ist nicht unser Wunsch, dass hier eine Aussage über die Geometrie der Erde oder Jahwes Fuhrpark enthalten ist. Der Kontext waren die Anbeter Jahwes damals. Und wenn du die Bibelgelehrten dazu befragst, dann kannst du lernen, dass es hier um eine theologische Aussage geht. Andere Nationen waren der Meinung, dass ihr Gott Baal mit seinem Wagen am Himmel fährt. Im Text der Bibel wurde den Israeliten damals versichert, dass nicht Baal für die Natur, den Regen und die Fruchtbarkeit des Landes zuständig ist. Wenn überhaupt jemand am Himmel in einem Wagen fährt, dann war es Jahwe. Ende der Metapher.

    Jetzt könnten wir noch viele andere Texte so analysieren. Aber dieses Video soll ja wie gesagt nicht für die die Schlüsse ziehen, sondern helfen, dass du das selbst tun kannst. Wichtig ist dabei, sich nicht einzelne Text, die zur eigenen Vorstellung passen, herauszupicken und die anderen zu ignorieren. Oder willkürlich Texte als ‚wörtlich‘ oder ‚symbolisch‘ oder ‚allegorisch‘ aufzufassen, schon gar nicht innerhalb eines Satzes oder einer Passage.

    Was wir uns nun anschauen wollen, ist der Kontext, in dem die Texte aufgeschrieben wurden. Was ist also der Kontext bei den Texten, in denen es um die Erde geht?

    Wie ist der Text der Bibel im historischen Kontext zu verstehen?

    Was wissen wir über den historischen und kulturellen Kontext der Menschen, welche den Text aufgeschrieben und damals gehört haben? Unterscheidet der sich denn wirklich so sehr von unserem heutigen?

    Ein Beispiel wird dich vielleicht davon überzeugen, dass hier ‚Welten‘ dazwischen liegen können. Merke dir bitte einmal, welche Gedanken dir in den ersten Sekunden in den Sinn kommen, nachdem du gleich ein Wort gelesen oder gehört hast. Welche Bilder sind danach in deinen Gedanken erschienen? Und nun das Wort: Weihnachten!

    Wenn du aus Europa oder Nordamerika kommst, hast du vielleicht sofort an dies gedacht: Bilder einer Winterlandschaft mit Schnee, ein geschmückter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, der Duft und Geschmack von Weihnachtsgebäck. Falls du aus Australien, Südafrika oder Südamerika kommst, hast du höchstwahrscheinlich keine Schneelandschaft vor Augen gehabt. Und statt besinnlichen Weihnachtsliedern vielleicht sogar eher einen Festumzug mit Motivwagen, wie ich sie vom Karneval kenne inklusive rhythmischer Tanzmusik (habe ich so auf Fuerteventura erlebt).

    Nun schreibst du diesen Satz in einen Roman: „Es war ein schöner Tag, es fühlte sich an wie Weihnachten.“ Und wir schicken den Roman 200 Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Menschen können den Satz lesen, aber haben keine Ahnung, was du dir vorgestellt hast. Nicht einmal, was du gemeint hast. Nun ist die Bibel uns umgekehrt aus der Vergangenheit überliefert worden. Kann die Bedeutung von Worten sich nicht auch geändert haben oder verloren gegangen sein? Nehmen wir zum Beispiel das englische Wort ‚gift‘. Das wurde vor langen Zeiten auch im Deutschen verwendet. Schließlich sprechen wir heute noch von einer Mitgift. Die Bedeutung des Wortes Gift, die es bei Goethe als „Gabe, Geschenk, Schenkung“ noch hatte, hat sich aber dramatisch verändert. Und doch denken wir bei Mitgift nicht daran, dass jemand umgebracht werden soll.

    Und welche Vorstellung von der Welt hatten denn nun die Israeliten der Antike? Aufgrund der Vorstellungen der Völker um sie herum und gemäß dem Bericht in 1. Mose und vielen weiteren Texten des Alten Testaments in etwa diese:

    Being God’s Image, Carmen Y. Imes
    Ancient Israelite Cosmolgy = Antike Kosmologie der Israeliten
    Ream of God = Bereich Gottes
    Raquia firmament = Firmament
    Waters above = Wasser oberhalb
    stars = Sterne
    windows of heaven = Fenster/Öffnung des Himmels
    Circle of the earth = Kreis der Erde
    Foundations of the earth = Grundlage der Erde
    Foundations of heaven = Grundlege des Himmels
    The great deep = Die große Tiefe
    The waters of chaos symbolized as a dragon = Die Wasser des Chaos symbolisiert durch einen Drachen

    Wie gesagt, sollten wir nicht vorschnell diese Vorstellung als ‚unwissenschaftlich‘, primitiv, naiv und falsch abtun, denn den Menschen ging es um ganz andere Fragen. Ein heutiges wissenschaftliches Weltbild beantwortet einen Teil des Wie und das Warum nur im begrenzten Rahmen der Naturgesetze. Und selbst im physikalischen Standardmodell gibt es Gesetzmäßigkeiten und Konstanten, für die es keine weitere Begründung gibt. Das antike Weltbild der Israeliten enthält dagegen alles, was ihnen bekannt war und den Grund, warum es so war: Das Warum und Woher und den Grund warum alles so geordnet ist und nicht anders. Alles war so beschrieben, dass auch der letzte Israelit verstehen konnte, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

    Warum ist der Schöpfungsbericht noch auf diese Weise formuliert? Weil Gott den Israeliten nicht klarmachen wollte, wie das alles ‚wissenschaftlich korrekt‘ gewesen ist im Gegensatz zu den Mythen, welche unter den Völkern schon lange weitergegeben wurden. Wir würden uns über eine solche Erklärung vielleicht freuen, aber es war das Letzte, was die Israeliten nach der Befreiung aus Ägypten in der Wüste brauchten. Gott hat die die ihnen bekannte Vorstellung nur aufgegriffen und die wichtigen Punkte korrigiert: Kein Pantheon von Göttern hat für die Ordnung der Welt gesorgt – nur er alleine. Es gab auch keine Kämpfe zwischen Göttern vor der Schöpfung. Und er hat auch nicht den Körper eines getöteten Gottes oder Göttin als Substanz für die Erde verwendet. So findet man es zum Beispiel im Schöpfungsmythos Enuma Elish der Babylonier. Nur er alleine ist der Schöpfer, der Gott, der sich allen Göttern Ägyptens überlegen gezeigt hat, der sie aus Ägypten befreit hat und mit ihnen einen Bund schließt, damit sie sein Volk sind – seinen Namen tragen (siehe dazu die zukünftige Video Serie Gottes Namen tragen).

    Weitere Argumente, die für dieses Verstädnis der Genesis sprechen, finden sich bei vielen verschiedenen Gelehrten, darunter John H. Walton The Lost World of Genesis One. Jascha Schmitz hat darüber eine Video Serie veröffentlicht: Genesis – Schöpfungsbericht der Bibel kritisch hinterfragt

    Bevor wir also Bibeltexte untersuchen, ob sie nun von einer flachen Erde sprechen oder nicht, sollten wir in Betracht ziehen, was der ursprüngliche Kontext der Texte ist:

    Ist das Ziel der Bibel, eine Aussage über die Geometrie der Erde zu verkünden? Nein! [Kontext: Der einfache Israelit in der Wüste].
    Der textuelle und historische Kontext zeigen, dass es um die Ordnung der Dinge und ihren Zweck geht. Jedes Wesen und Ding hat seinen Platz und Zweck.

    Es wäre auch gut, sich darüber Gedanken zu machen, was eine ‚wörtliche‘ Bibelauslegen wirklich ausmacht. Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum:

    Die Bibel ‚wörtlich‘ auszulegen, bedeutet nicht, die Bibel Wort-für-Wort zu lesen und sie Wort-für-Wort mit unserem Kontext und unseren Vorstellungen von heute auszulegen.

    Auch dieser Punkt könnte unsere Auffasung davon, was die Bibel über die Erde sagt, unbewusst beeinflussen. „Wenn ich den Text der Bibel nicht wörtlich nehme, verrate ich dann nicht das inspirierte Wort Gottes?“ Nein, das würden wir doch wohl eher, wenn wir die Texte in einer Weise gebrauchen, wie Gott es gar nicht wollte. Das gilt es also, herauszufinden. Mehr darüber hatte ich in der Serie Der Kanon des Neuen Testaments gezeigt.

    Wenn du bis hierhin meinen Ausführungen gefolgt bist, dann bin ich recht zuversichtlich, dass du auch in dieser Frage bereit bist, deine Auffassungen zu überdenken, kritisch zu hinterfragen und dir selbst die Frage zu stellen: Warum glaube ich das eigentlich? Warum denke ich so? Und ich hoffe, dir hier ein paar Denkanstöße mit auf den Weg gegeben zu haben.